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Nr. 65 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Dienstag, (6. März (926

DieAbrüstung" der Anderen.

Das französische Kriegsbudget.

(Von unserem Pariser W. Z.-Korrespondenten.)

Die Abrüstungsfrage rückt immer mehr in den Mittelpunkt aller "internationalen Fragen. Die bevor­stehende Genfer Abrüstungskonferenz, die trotz der Verschleppungstaktik Frankreichs und seiner Verbündeten doch noch zustande kommen wird, kann daher auch besonders von Deutschland von großer Bedeutung werden, vorausgesetzt, daß die dorthin zu entsendenden Vertreter auf dieser Konferenz un­sere von vornherein durchaus günstige Position ge­schickt auszunutzen verstehen.

Wie überaus günstig diese unsere Position dort sein wird, dürfte aber selbst in Deutschland kaum genügend erkannt sein. Wir haben uns daher die Mühe gemacht, an Hand des neuesten und amtlichen Materials einmal Vergleiche anzustellen über die Heeresausgaben der nachfolgenden 10 Staaten jetzt und vor dem Kriege und sind dabei zu folgenden geradezu verblüffenden Ergebnissen gekommen.

4-172%

Land

Millionen

Mehr nach nominell. Wert in Mill.

Untersch. il Gold- dollar» basis

England

86,028 £ 122,000

+35,972

-1-42°;,

o/ /o +32

Indien

318,990 Rup. 630,016

+311,026 +97.5%

+99

Amerika

257,354 Doll. 617,761

+360,407 + 140%

+ 140

Japan

190,985 Ben 453,369

+262,483 + 137%

+89

Italien

927,085 Lir. 3789,251

+2861,266 + 308%

-10,6

Belgien

87,891 frs 593,075

+505,184 +575%

+74

Spanien

390,440Peset. 775,160

+384,720 +98.5%

+43,4

Schweiz

55,474 frs 81,100

+25,626 +46%

+42

Holland

50,335 Guld. 101,996

+51,661

+102,6%

+92,5

Frankreich2326,506 frs 6340,000

+4013,493

-40

Diese Ziffern sprechen eine wirklich klare Sprache. Der Objektivität halber haben wir in der letzten Spalte auch den Unterschied nach Goldwert auf Dol- larbasis errechnet. Diese Vergleiche sind jedoch recht anfechtbar, da weder die unterschiedliche Kaufkraft des Geldes in den einzelnen Ländern, noch vor allen Dingen die ungleich höhere Kaufkraft des Franken im Jnlande dem Auslande gegenüber klar erkenntlich ist. In Wirklichkeit sind daher, wie wir späterhin sehen werden, die Rüstungsausgaben Frankreichs im laufenden Etatsjahr im Ver­gleich zur Vorkriegszeit nicht eingeschränkt worden, wie man es in Frankreich so gerne haben möchte, sondern erhöht worden.

Zunächst aber noch ein paar Einzelheiten zu obiger Tabelle, beispielsweise aus den ungeheuren Luftrüstungen einzelner Staaten:

Italien hat fein gesamtes Heereswesen be­kanntlich völlig reorganisiert, so daß es bereits jetzt ein Heer von 5 Millionen gut ausgerüsteter Truppen auf die Beine bringen kann. Das Luftfchiffahrts- bubget Italiens ist bedeutend größer als das der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Die italie­nische Kriegsmarine umfaßt augenblicklich 271000 Tonnen, weitere 50 000 Tonnen Unterseeboote und Kreuzer befinden sich im Bau. Die Kriegshäsen Spezia und Tarent sollen zu ganz modernen Flotten­stützpunkten schleunigst ausgebaut werden. Die italie-

ni ge ge ge Oe

che Luftflotte umfaßt bereits augenblicklich 17 Jagd- chwader zu je 12 Flugzeugen, 8 Tag-Bomben- chwader zu je 8 Flugzeugen, 7 Nacht-Bomben- chwader zu je 8 Flugzeugen, 21 Aufklärungs­chwader zu je 9 bis 12 Flugzeugen, 19 Wasser­

flugzeuggeschwader zu je 9 Flugzeugen, d. f. insgesamt 72 Geschwader. Hinzu kommen 2 Geschwader in Tri­polis und 4 Geschwader in der Cyrenaica. Die Re-

gum hundertsten Geburtstag Wilhelm Baurs.

Don Prof. Dr. jur. et phil Karl Esselborn, Darmstadt.

Am 16. März 1926 sind es hundert Jahre her, daß Wilhelm Baur, der seine Laufbahn als Generalsuperinlendent der Rheinprovinz be­schloß, das Licht der Welt erblickte. Er gehört zu den bedeutendsten Theologen, die das Hessen­land hervorgebracht hat, und es ist eine Ehren­pflicht seines hessischen Vaterlandes, sein an diesem Tage zu gedenken. Reben der Provinz Starkenburg, wo sein Geburtsort Lindenfels und die übrigen Stätten seiner Kinder- und Schul­zeit, Dornberg und Darmstadt sowie die Orte seiner erste« amtlichen Wirksamkeit liegen, hat die Provinz Oberhessen die engsten Beziehungen zu ihm: Richt nur liegt dort Kirtorf, der seit der Reformationszelt nachweisbare Sih seiner Familie, aus der seit dem achtzehnten Jahr­hundert eine große Airzahl Geistliche und Be­amte hervorgegangen sind, sondern er hat auch dort, in Dreßen und Friedberg, seine Berufs­ausbildung erhalten und in Ettingshausen und Ruppertsburg als Pfarrer gewirkt.

Seine Kinderzeit bis zum zwölften Jahre verlebte Baur in Lindenfels, wo sein Vater Oberförster war. Rach dessen int Jahre 1838 erfolgter Versetzung nach Dornberg besuchte er. der neben dem Volksschulunterricht den das katho­lischen Pfarrers im Lateinischeli und Französi­schen genossen hatte, in dein benachbarten Groß- Gerau dasInstitut", eine Art höherer Bürger­schule, und trat im Sommer 1840 zu vierjähri­gem Besuche in das von dem vortrefflichen Karl Dilthey geleitete Gymnasium zu Darmstadt ein.

Im Frühjahr 1844 bezog er die Tlniversität Gießen, um Theologie zu studieren. Die Pro- - fessoren der Fakultät, Knobel, Fritzsche und Credner. bei denen jedermannetwas Tüchtiges lernen konnte", waren Vertreter der historisch- kritischen Schule,sämtlich Rationalisten und von erschreckender Rüchternheit in der Auffassung der Heilswahrheit", und konnten nur einen geringen Einfluß auf ihn gewinnen, im Gegensatz zu seinem Bruder, dem Theologen Gustav Baur, und dem Philosophen Moritz Carriere, die beide damals als Privatdozenten in Gießen wirkten. Rach bestandenem Fakultätsexamen bezog Baur im Frühjahr 1847 das Predigerseminar in Fried­berg. Dort beschäftigte er sich eifrig mit. dem Studium des Kirchenliedes und mit Augustin und den Mystikern. Vor allem gewann das damals erschienene BuchDer deutsche Protestant

ferne soll grundsätzlich 50 Prozent des Linienmate­rials umfassen. Schon jetzt verfügt Italien über 1650 völlig kriegsverwendungsbereite Flugzeuge. In kürzester Frist sott darüber hinaus weiter ge­rüstet werden, so daß zur alsbaldigen Verfügung stehen für das Heer 57 Geschwader, für die Marine 35 Geschwader und für die Kolonien 12 Geschwader. In spätestens drei Jahren soll die gesamte Flieger­truppe Italiens umfassen: 2310 Offiziere, 3860 Un­teroffiziere, 24 126 Mann. Die Zahl' der Reserve- Flugzeugführer soll so rasch wie möglich auf 700 erhöht werden.

England verfügt über ein eigenes, gut orga­nisiertes Luftschiffahrts-Ministerium, dem die ak­tiven, Reserve- und Hilfsgeschwader unterfteben. Insgesamt verfugt England gegenwärtig über 54 Geschwader, die sich folgendermaßen verteilen:

Heimat 18

Marine 10 3

Heer 4

Allgemeine Reserve 3

Ägypten und Aden 3%

Palästina 1 %

Irak 8

Indien 6

6 weitere Geschwader für die Heimatflotte sind in Pildung begriffen.

Jedes Geschwader besteht aus 12 Flugzeugen. Augenblicklich stehen 703 Flugzeuge verwendungs­bereit, und zwar 117 Jagd-, 241 Bomben-, 219 Beobachtungs- und 126 Wasserflugzeuge. Das neue Programm für den Ausbau der englischen Luft­flotte sieht u. a. vor: Ablage ausreichender Stütz­punkte, Schaffung 6 neuer Geschwader im Etat­jahr 1925/26 und Verstärkung der Luftflotte in England auf 52 Geschwader bis zum Jahre 1929. Der gesamte Personalbestand der englischen Luft­flotte beträgt 3321 Offiziere, 109 Offiziersschüler und 29 561 Mann.

Das amerikanische Landheer umfaßt augenblicklich 55 Geschwader, und zwar 19 Beob­achtungsgeschwader, 14 Jagd-, 14 Bomben-, 8 An­griffs- und mehrere Ausbildungsgefchwader mit insgesamt 803 Heeresflugzeugen, 349 Kolonialflug- zeugen, 793 Lehrflugzeugen und 683 Marineflug­zeugen. Im Dienste der amerikanischen Luftflotte stehen in Friedenszeiten 958 Offiziere und 9288 Mann; sehr beträchtlich ist die Zahl der Reserve- Flugzeugführer.

Und nun zu Frankreich und zu seinem Heeresetat für 1 926. Hier werden insge­samt eingesetzt 6 340 000 000 Franken (gegenüber 2 326 000 000 Franken im Etat 1924). Die Heeresaus- gaben umfassen also allein slder gesamten fran­zösischen Staatsansgaben! Die Ausgaben verteilen sich folgendermaßen:

1926 1925 1914

Kriegsministerium in Mia in Mill. in Mill und Rheinarmee 4.544,603 4.057,986 1.720,466 Kolonialministerium 226,406 207,553 513,542 Marineministerium 1.496,537 1.251,973 92,497

Das Mehr des diesjährigen Etats im Ver­gleich zum Vorjahre (wobei von keinerlei Entwer­tung des Franken gesprochen werden kann) beträgt also bei dem

Kriegsministerium: + 486.617.000 frs gegenüb. 1925

Kolonial + 18.852.904 ,

Marine + 244.533.935

das sind insgesamt rund dreiviertel Milliarden Mehrausgaben, und das im Zeichen derallge­meinen Abrüstung"!

Der französische Heeresetat sieht für 19 2 6 folgende Gesamtbeftände vor: 31 622 Offi­ziere, 652 417 Mannschaften und 159 174 Tiere (Pferde, Maulesel usw.). Diese 652 417 Mann sehen sich folgendermaßen zusammen:

Franzosen 449 785

Ausländer (Fremdenlegion) 14 891

Eingeborene aus den Kolonien 142 439

Hilfstruppen Gendarmerie

16 226

29 076

652 417

Das bedeutet ein Mehr von 13 348 Mann gegen­über 1925.

Im Laufe dieses Jahres sind besonders große Reserv stenübungen angesetzt. Dazu sollen eingezogen werden etwa 95 000 Reservisten, davon

5000 für die Rheinarmee, und 4300 Reserveoffiziere, davon 250 für die Rheinarmee. Vorgesehen sind 2 660 000 Uebungstagc für Reservisten und 122 416 für Reserveoffiziere.

Von den Mehranforderungen für das Etatsjahr 1926 entfallen u. a. 35 Millionen auf Besoldung, 114 Millionen auf die Luftschiffahrt, 131 auf Verpflegung, 36 auf Kleidung, 88 auf Neubaute auf Verpflegung, 36 auf Kleidung, 88 auf Neu­bauten, 68 auf Artillerie-'Neuanschaffungen usw.

Die Friedens st ärke der fron zöfischen Luftflotte umfaßt 132 Geschwader: 106 in Frankreich, 8 in Algerien und Tunis, 10 in Ma­rokko, 8 in der Levante, 3 in verschiedenen Kolo­nien. Die 106 Geschwader in Frankreich setzen sich folgendermaßen zusammen: 32 Jagd-, 42 Beobach­tungs-, 20 Tagbomben-, 12 Nachtbomben-Geschwa­der mit insgesamt 2278 Flugzeugen (1169 in Frank­reich, 296 in Algerien, Marokko und der Levante, 840 Schulfahrzeuge).

Im Zeitalter der A b r ü ft u n g beträgt also die Friedens st ärke der Luftflotten in

Amerika 2628 Flugapparate

Frankreich 2278 Italien 1650

England 703

Auf deutschem Boden unterhält Frankreich nach dem Etat:

1925 1926

Offiz. Mann Pscrde Offiz Mann Pferde Rheinland: 3.185 85.174 23.287 3.208 84.116 21.865 Saargebiet: 153 4.686 1.078 130 3.877 994

Außerdem stellt Frankreich für die Militär- kontrollkommission in Berlin 255 Sol­daten, darunter 3 Generäle, 7 Oberste, je 14 Oberst­leutnants, Majore und Hauptleute usw., für deren Unterhalt in den Etat 9 929 400 Fr. eingesetzt wur­den. Das französische Kommando für die Luftschiff- fahrts-Ueberwachungs-Kommission in Deutschland besteht aus 1 Oberstleutnant, 1 Hauptmann, 1 Leut­nant, 1 Sergeanten und 2 Schreibern.

Der Bericht des Deputierten Bouilloux-Lafont über das Heeresbudget 1926, ein dicker Band von 378 Seiten, ist, wie aus obigen knappen Angaben deutlich hervorgeht, ein außerordentlich interessantes Buch, daß manchem Deutschen zum eingehenden Studium angelegentlich zu empfehlen ist.

Zum Sparabbau an der Volksschule.

Herr A. Kneipp, Vorsitzender des Gießener Lehrervereins, bittet uns um Aufnahme folgender Zeilen:

In der Presse liest man seit Wochen von der Not­wendigkeit des Abbaues in der Volksschule. 200 oder 300, nach anderen Anträgen in der Hessischen Volks­kammer gar 400 oder 800 Junglehrer sollen ent« lassen werden. Der letzte Antrag war wohl nur ein parlamentarischer Formfehler"; denn 800 Iung- lehrerstellen hat ganz Hessen nicht. Wie kam man zu diesem Abbauanträgen überhaupt?

Der Abg. Dr. Leuchtgens stellte fest, daß z. Z. in Hessen 962 Volksschulklassen vorhanden sind, deren Schülerzahl unter 30 beträgt (d. h. bis Ostern 1926 unter 30 beträgt; das Zahlenverhältnis dürfte sich nach diesem Zeitpunkt nicht unwesentlich ändern in­folge der Neuanmeldungen von ABC-Schützen). Von diesen 962 Stellen setzte Dr. Leuchtgens 162 Stellen an Sonderklassen (Hilfsschulen usw.) als nicht ab­baufähig ab; so blieb em Rest von 800 Klassen mit je unter 30 Schülern. Von diesen sollen nun 200 oder 300 oder (s. o.) eingespart werden durch Zu­sammenlegung von Klassen. Rein mathematisch ge­nommen, ein einfaches Rechenexempel, bas in jedem Fall immer noch Klassen unter der gesetzlich zulässigen Höchstzahl von 60 Kindern ergeben würde. In Wirk­lichkeit aber wird sich die parlamentarische Kompro­mißformel, unter der allein eine Einigung über den Abbau zustande kommen kann, wenn man ihn nicht ganz ablehnt, in der Verwaltungspraxis zu einem großen Unrecht auswachsen.

tismus" von Hundeshagen, worauf ihn Carriere hingewiesen hatte, die größte Bedeutung für seine theologische EntwiÄung. Zu Ostern 1848 verließ er das Seminar und trat nach kurzem Aufenthalt im Elternhaus Anfang Mai eine schon auf dem Seminar angenommene Haus­lehrerstelle aus Schloß Ramholz in der Pähe von Schlüchtern bei dem Grafen Adolf von Degen­feld-Schonburg an. 3m Januar 1849 bestand er die Def initorialprüfung und vertauschte Ostern des nächsten Jahres seine SteUe in Ramholz mit einer Erzieherstelle bei dem Freiherrn von Rordeck zur Rabenau in Darmstadt. Dort blieb er abermals zwei Jahre, bis er am 25. Juni zum Vikar in Arheilgen bestellt wurde. Bald darauf veröffentlichte er" seine erste größere, die Gefang- buchsnot im Groß herzogt um Hessen beleuchtende SchriftDas Kirchenlied in feiner Geschichte und Bedeutung". Im Juli 1853 wurde er nach Bischofsheim versetzt, wo in den letzten elf Mo­naten infolge der feindseligen Stellung der Ge­meinde gegenüber dem im Jahre 1848 an diese Stelle berufenen Pfarrer Philipp Heber eine Art kirchlichen Interdiktes bestanden hatte, und bald gelang es ihm, daselbst wieder geordnete kirchliche Zustande herbeizuführen.

Auf die Präsentation des Fürsten Ludwig zu Colms-Hohensolms-Lich wurde er am 2. 2H-ril 1855 zum Pfarrer von Ettingshausen ernannt. Run konnte er seine Braut, Meta von Detaz (18281909), heimführen, die ihm eine hingebende und verständnisvolle Gefährtin und Gehilfin ward und ihm gab, woraus er die Kraft seiner vielseitigen und aufreibenden Wirksamkeit schöpfte: das deutsche evangelische Pfarrhaus, dessen be­geisterter Schilderer er geworden ist. Durch seine Versetzung nach Ettingshausen war er in die Rühe von Arnsburg gekommen, und das dortige Rettungshaus bot ihm neben seiner reichen Wirk­samkeit in der Ettingshäuser Gemeinde und ihrem Filial Hatterod reichen Stofs für seine außer­ordentliche Wirksamkeit. Sieben Jahre wirkte er auf dieser Pfarrstelle, dann erhielt er auf die Präsentation des Grafen Otto zu Solms-Laubach die benachbarte Pfarrei Ruppertsburg.

Die wahrhaft fesselnde und hinreißende Be° redtsamkeit Baurs erheischte einen größeren Wir­kungskreis als eine Landpfarrei, und es dauerte nicht lange, bis ein solcher gefunden war: Auf dem Kirchentag zu Altenburg im September 1864 war er Johann Hinrich Wichern persönlich näher­getreten, dessen Buch übetdie innere Mission der deutschen evangelischen Kirche" 11849) ihm bald nach seinem Erscheinen zum Erlebnis ge­worden war. Wichern veranlaßte nun die Be­rufung Baurs nach Hamburg als Prediger an

die St. Anscharkapelle. Seine inzwischen erfolgte Ernennung zum zweiten Stadtpfarrer in Worms muhte rückgängig gemacht werden. Am 22. Ian. 1865, dem Tage seiner Wahlpredigt in Hamburg, einstimmig zum Pastor gewählt, begann Baur seine neue Wirksamkeit Anfang April. Das war der Beginn einer außergewöhnlichen Laufbahn: im Sommer 1872 wurde er völlig überraschend als Hof- uni! Domprediger nach Berlin berufen, zu seinem fünfundzwanzigjährigen Amtsjubiläum im Jahre 1877 ernannte ihn die Berliner Theo­logenfakultät 5um Ehrendoktor, zwei Jahre dar­auf wurde er Oberkonsistorialrat und Mitglied des evangelischen Oberlirchenrats, und im Herbst 1893 zog er als Generalsuperintendent der Rhein­provinz nach Koblenz.

Baurs Wirksamkeit ging stets über die Gren­zen seines jeweiligen Amtes hinaus. Bahn­brechend wirkte er auf dem Gebiete der inneren Mission durch die Förderung, die er der Magda- lenensache angedeihen lieh. In Hamburg rief er basweibliche Asyl", das in dem Magdalenen- heim zu Hamm sorlbesteht, ins Leben, im Jahre 1877 arbeitete er gemeinsam mit seiner Frau an dem Zustandekommen der Union internationale des amies de la jeune kille und machte sich dann um die Gründung desBerliner Lokalvereins der Freundinnen junger Mädchen" ganz beson­ders verdient. Seine besondere Pflege lieh er dem Kirchenlied angedeihen. Schon im Jahre 1855 gehörte er als ganz junger Pfarrer der Kommission zur Herstellung eines neuen Ge­sangbuchs für die hessische Landeskirche an, und in feinem letzten Amte war ihm die Mitwirkung bei der Zusammenstellung des 1863 eingeführten Gesangbuches für Rheinland und Westfalen be­lieben. Seit 1906 gehört er auch zu den Lie­derdichtern des hessischen Gesangbuches, in des­sen damals herausgekommenen Anhang das von ihm gedichtete LiedBleibe bei uns, o Herr Jesu!" auf genommen wurde, das jetzt das Lied 530 desGesangbuchs für die evangelische Landes­kirche in Hessen" bildet.

Eine weitere Seite seines Wirkens bildet seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit, der eine große Anzahl erbaulicher und geschichtlicher Schriften ihre Entstehung verdankt. Von ihnen seien nur genanntDas Leben des Freiherrn vom Stein" (1860, 5. Ausl. 1901),Ernst Moritz Arndts Leben, Taten und Meinungen" (1861, 7. Aufl. 1903),Geschichts- und Lebensbilder aus der Erneuerung des religiösen Lebens in den deutschen Befreiungskriegen" H864. 5. 2luf(. 1893), Lebensbilder aus der Geschichte der Kirche und des Vaterlandes" <1887), das klassische Buch Das deutsche evangelische Pfarrhaus" (1877,

Junglehrer sollen abgebaut und kleine Klassen zusammengelegt werden. Solche kleinen Klassen fin­den sich aver fast nur an kleinen Orten und dort amtieren nur ganz wenige Junglehrer. Es müssen also Versetzungen von definitiv angestellten Lehrern vorgenommen werden.

1. Wer regelt da in der Zeit der Wohnungsnot die Wohnungsfrage?

2. Wie hoch belaufen sich die Kosten (Umzugs­kosten)?

Nur diese zwei Fragen feien hier einmal auf­geworfen. Von all dem, was bei solchen Versetzun­gen mancher Gemeinde und manchem Lehrer an­getan würde, wollen wir gar nicht reden.

Es gibt allerdings noch einen anderen Abbau­weg. Man baut da ab, wo die meisten Junglehrer sind, d. i. in den Städten und größeren Industrie- orten. Dort läßt sich die Maßnahme leichter durch­führen. Es scheint dies aber nur so: denn dort sind außer den Sonderklassen,- die Dr. Leuchtgens nicht abgebaut haben will, keine abbaufähigen Klassen. Wir haben beispielsweise für unsere Normalklassen in Gießen heute schon eine Durchschnittsbesetzung von etwa 40 Schälern, aber nur bis Ostern 1926. Der Zugang an Ostern 1926 übersteigt den Abgang so stark, daß sich dann eine Durchschnittsstärke von 43 Schülern ergibt. Bei einem Abbau von nur vier Klassen aber würde sich diese Durchschnittsbesetzung erhöhen auf etwa 47 Schüler. Ist das in der heu- tigen Zeit tragbar?

Sehen wir einmal von den pädagogischen Be­denken ab, erwähnen wir von diesen nur, daß es auch für den tüchtigsten Lehrer in der Zahl der Schüler einer Klasse eine Grenze gibt, über die hinaus er nicht mehr unterrichten und erziehen, sondern nur nochhüten" kann. Etwas anderes steht auf dem Spiel, es ist die Gesundheit unserer Jugend; die Ge­sundheit der Jugend, die die Volksschule (Grund­schule) besucht. Die meisten Besucher der heutigen Volksschule wurden geboren und aufgezogen unter allen Nöten und Sorgen, unter den Zeichen des Hungers der Kriegs- und Nachkriegszeit. Sie find Kriegsopfer, die nur bei besonderer Pflege zu ge­funden, lebensfrohen, lebenbejahenden Menschen auf­wachsen können. Und an ihnen will man die ersten Sparabbauversuche machen? Gerade in der heutigen Zeit des Wohnungselends sollten kleine Schulklassen mit möglichst guter Belichtung und Durchlüftungs- Möglichkeit der Säle den vielen armen Kindern und Familien, die in ein oder zwei Stübchen zu fünft, sechst und mehr hausen müssen, einen Ausgleich bieten gegenüber den Gefahren ungenügenden Wohnraums. Wir Lehrer haben volles Verständnis für die finanziellen Nöte des Staates, aber daß ge­rade die rein zahlenmäßig scheinbar günstig ge­lagerten Verhältnisse der Volksschulklassenstärken den Entschluß aufkommen ließen, hier die Sparmaß­nahmen zu beginnen, das bedauern wir, weil uns dies Verfahren als gegen die Interessen der Volks­gesundheit gerichtet erscheint.

Die Zahl der Empfänger warmen Frühstücks ist in Gießen beispielsweise gegenüber der Vorkriegs­zeit bedeutend gestiegen, ebenso die Zahl der Volks­schüler, die auf Grund ärztlicher Bescheinigungen für Wochen und Monate in Bäder und Erholungs- beime gesandt werden müssen. Diese Zahlen sind gestiegen trotz der 1914 verrin­gerten Klassenziffern. Sie müssen aber weiter steigen, wenn die Durchschnittsklassenzisfer um 5 ober 8 oder gar um 10 erhöht werden muß, d. h. wenn der Abbau käme. Dann muß man viel­leicht zur Besserung der Gesundheit der Kinder mehr ausgeben, als die Ersparnis durch Einsparung von 200 oder 300 Klassen beträgt. So würde sich der Abbau, auch volkswirtschaftlich gesehen, durch nichts rechtfertigen lassen.

Wir weisen noch einmal auf die Folgen, speziell für Gießen, hin. Wer kann solche Abbaumaßnahmen in der Zeit der größten Kindernot gutheißen? Was sagen die Aerzte, vor allem die, die z. Z. Kinder zur Schule schicken und daher wohl die Schulnot der Kinder am besten kennen, zu den Absichten des Land­tags? Vergesse man doch nicht, daß unsere Kinder noch unser wertvollstes Gut sind und Ersparnisse an bm owKunnMnaHBi 5. Aufl. 1902) sowie seine nur die Iugend- jahre umfassendenLebenserinnerungen", die 1911 aus feinem Nachlaß als Band 10 11 derHessi­schen Volksbücher" veröffentlicht wurden. In diesem sonnigen Buche entwirft er ein anschau­liches Bild seiner Entwicklung: mußte er sich auch in vielem bescheiden nach der Decke strecken, so nahm das doch nicht seiner Jugend den Froh­sinn, und seine zufriedene, für alles Gute und Schöne dankbar empfängliche Gemütsart lieh ihn manche Freude genießen, die ihm bei ver­schlossenem Sinne auch die glänzendsten Verhält­nisse nicht hatten gewähren können. Wie viele fröhliche Wanderungen hat er mit ein paar Kreuzern in der Tasche unternommen, welch reiches Innenleben hat ihm der Verkehr mit gleichgesinnten Freunden beschert, mit denen er größtenteils von der Schulbank bis zum Tode verbunden war! Reben rein persönlichen Er­innerungen fehlen auch solche nicht, die zeitge­schichtlich bemerkenswert sind, wie z. B. die Schilderung des Auszugs der Gießener Studenten auf den Staufenberg und die Märztage des Jah­res 1848 in Friedberg.

Bis zu seinem 70. Lebensjahre durfte sich Baur einer ungeschwächten Gesundheit erfreuen und in voller Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag begehen, der ihm von nah und fern ungezäHlte Beweise der Liebe und Verehrung brachte. Ein Jahr später aber zwangen ihn die Fortschritte, die ein in seinen ersten Anfängen im Februar 1896 bemerkbares Herzleiden machte, zum 1. Juli 1897 um seine Versetzung in den Ruhestand nach­zusuchen. Sein Plan war. nach Lindenfels über­zusiedeln und dort seine Tage in dem von ihm im Jahre 1874 erworbenen ehemaligen Pfarr­hause neben der Kirche, wo er alljährlich in feinen Ferien geweilt hatte, zu beschließen. Allein dieser Herzenswunsch blieb ihm versagt. Am Abend des 18. April 1897. des ersten Ostertages, setzte ein Schlaganfall seinem Leben ein rasches und schmerzloses Ziel. So konnte er nur als Toter in seinem Geburtsorte wieder einziehen, der ihn zwanzig Jahre zuvor zum Ehrenbürger gemacht hatte. Aber nicht nur seine Grabstätte hält daselbst das Andenken an ihn wach, sondern vor allem seine Gründungen: eine Kleinkinderschule, das Armenhaus Salem und das Krankenhaus Bethesda. Doch auch das große deutsche Vaterland hat seinen Ramen nicht vergessen: wo von deutschen evangelischen Kanzel- rebnem, wo von Förderern der inneren Mission, wo von deutschen Patrioten und wo von bc« kenntnistreuen deutschen evangelischen Christel, d s Rede ist, da wird auch er mit Ehren genannt werden.