Stresemann über Locarno.
Ein Empfang
der englischen Journalisten.
Gens, 14. Sept. (WTB.) Reichsminister Dr. Stresemann empfing heute aus Anlaß des Aus- tauscyes und der Niederlegung der Ratifikationsurkunden über den Vertrag von Locarno die in Genf anwesenden Vertreter der englischen Presse. Dr. Stresemann wies auf die Vorgeschichte und die politische Bedeutung des Locarnovertrages hin. Der Zusammenhang zwischen dem Werk von Locarno und dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sei nicht nur normaler Natur: Beide Tatsachen bedeuteten die bewußte und entschlossene Abkehr von einer Politik der gegenseitigen Bekämpfung und den Uebergang zu dem System der europäischen Verständigung und der darauf aufgebauten Zusammenarbeit. Vor- aussegung solcher Verständigung sei ein Geist des Vertrauens, der zunächst bei den Führern vorhanden sein und von da aus in den Völkern sich ausbreiten müsse. In den am Locarnowerk beteiligten Ländern sei die damalige deutsche Anregung zu einem Sicherheitspakt zunächst auf starkes Mißtrauen gestoßen, und cs sei erst im Laufe der Zeit gelungen, dieses Mißtrauen in den einzelnen Ländern zu zerstreuen. Auch sonst hätten sich im Laufe der Verhandlungen viele Schwierigkeiten ergeben, die mehrfach, wie in London und bei den früheren Jahrcsverhandlungen in Genf, zu ernsten Krisen geführt hätten. Ihre Ueberwindung sei neben dem Willen aller zu vertrauensvoller Zusammenarbeit nicht zum mindesten der wertvollen Mittlertätigkeit der englischen Politik zu danken.
Minister Stresemann wies anschließend darauf hin, daß die deutsch-französische Verständigung keine Beeinträchtigung der englischen Interessen bedeute. Dies gelte auch von den Verhandlungen über einen E i s e n p a k t, an denen die englische Industrie auf Grund eigener Entschließung sich nicht beteilige.
Die internationale geistige Zusammenarbeit.
Die Schaffung eines nationalen Komitees in Deutschland.
Genf. 14. Sept. (WTB.) 2m zweiten Versammlungsansschuß (technische Organisationen) stand die bedeutsame Zukunftsaufgabe einer internationalen geistigen Zusammenarbeit und ihrer Organisation zur Erörterung. Dabei begrüßte der Direktor des Institutes für geistige Zusammenarbeit in Paris. Luchaire, mit besonders warmen Worten die durch den Eintritt Deutschlands gewonnene unentbehrliche deutsche Mitarbeit an diesen Bestrebungen. Das deutsche Mitglied. Freiherr von Rheinbaben, erwiderte, daß Deutschland auch ohne Mitglied des Völkerbundes zu sein, gerade auf dem Gebiete von Kunst und Wissenschaft die Mitarbeit bei den internationalen Veranstaltungen niemals versagte. Gerade das Pariser Institut, dessen Mitglieder ja Professor Einstein und andere deutsche Gelehrte und Künstler sind, sei davon der Beweis. Rheinbaben legte dann dar, daß die Schaffung eines nationalen Komitees für diesen Aufgabenbereich nach dem Beispiel anderer Länder in Deutschland gewissen Schwierigkeiten begegnen dürfte, weil das geistige Leben in Deutschland nicht zentralisiert sei, sondern feine Pflege, wie z. B. im Fall de« Universitäten Aufgabe der Länder sei, und weil außerdem die zahlreichen kulturellen Zentren Deutschlands zum Teil bereits seit langer Zeit außerhalb des Völkerbundes fruchtbare internationale Beziehungen pflegten. Deshalb sei es vom deutschen Standpunkt aus schwierig, zu der Anregung heute endgültig Stellung zu nehmen, die auf die Schaffung bestimmter nationaler Organisationen hinaus- lause, um die Arberr des Institutes für geistige Zusammenarbeit seitens der einzelnen Rationen zu fördern.
Die Schuldner des Völkerbundes
London. 14. Sept. (TU.) Am 1. Sept, betrugen die rückständigen Beitragsgelder von Mitgliederstaaten des Völkerbundes rund 266 000 Pfund Sterling, wovon allein auf China 187 000 Pfund Sterling entfallen. China ist seit dem Jahre 1922 im Verzug, obwohl für dieses Land die zu zahlenden Annuitäten herabgesetzt und auch die Rückstände zu Gunsten Chinas reduziert worden sind. Peru befindet sich seit '1920 mit 47 500 Pfund Sterling im Rückstand. Weiter folgen Bolidia, Honduras, Ricaragua, Guatemala, Panama, San Salvador, Paraguay und Liberia, die Beträge zwischen 600 und 30 500 Pfund Sterling schulden.
Das Attentat aus Mussolini.
Die Person des Attentäters.
Rom, 14. Sept. (Wolff.) Der „Messaggero" veröffentlicht zu dem Attentat auf Mussolini noch folgende Einzelheiten: Lucetti wuchs in einer anarchistischen Umgebung heran. Sein Vater war ein bekannter Anarchist. Eines Tages floh Lucetti aus Italien, weil er einen Soldaten der fasziftifchen Nationalmiliz im Streit angeschossen hatte, und zwar bediente er sich eines kleinen Segelbootes, das Marmor nach Frankreich brachte. Vor etwa 14 Tagen ist Lucetti ohne Paß auf unaufgeklärte Weise aus Frankreich zurückgekehrt und nach kurzem Besuch in seinem Heimatsort, wo er seit längerer Zeit in einer ver st eckten Grotte die beiden Bomben liegen hatte, ist er am 2. Sept, in Rom eingetroffen mit der Absicht, einen passenden Ort zu dem Attentat auf Mussolini zu suchen. Er hatte zuerst die Absicht, das Attentat in einer engeren Straße vorzunehmen, hat sich aber bann entschlossen, die Tat an der Porta Pia auszuführen. Der Attentäter wohnte in einem Hotel einfachsten Ranges und hatte dort ein gemeinsames Zimmer mit einem Kellner des Hotels. Bisher wurden, wie der „Messaggero" berichtet, etwa 300 Verhaftungen oorgenommen, darunter die ganze Familie des Attentäters.
Begnadigung der spanischen Verschwörer.
Madrid, 14. Sept. (TU.) Das in mitternächtlicher Sitzung gefällte Todesurteil gegen den Kommandanten der Artillerieakademie in Segovia wurde telegraphisch vom König in lebenslängliches Zuchthaus abgeändert. Die Standgerichte in Coruna und
Valencia haben mit ihrer Arbeit begonnen. Der Kriegsminister, Herzog von Tetuan. erhält im voraus zahlreiche Gnadengesuche von Damen der Gesellschaft und von der Geistlichkeit.
Der Streit der Mächte in China.
Moskau, 14. Sept. (Telegraphenagentur der Sowjetunion.) In chinesischen amtlichen Kreisen behauptet man, in Tokio würden geheime Verhandlungen zwischen den Vertretern Englands und Japans über eine gemeinsame Intervention in China geführt. Die japanische Regierung solle als Vorbedingung für die Mitwirkung u. a. die Einschränkung der militärischen Pläne für die Basis von S i n g a p o r e bis auf ein bestimmtes Mindestmaß und die Anerkennung besonderer Interessen Japans in Zentralchina sowie Unterstützung der japanischen Politik in der Mandschurei, in Nordchina und der äußeren Mongolei durch England gefordert haben. Wie verlautet, soll auch T s ch a n g t s o l i n zu diesen Verhandlungen herangezogen werden. Die politischen Kreise in Moskau betrachten mit großer Besorgnis die Entwicklung des Konfliktes betr. die o st ch i n e s i f ch e Bahn. Man steht in dem Vorgehen Tschangtsolins eine systematische Herausforderung, die an Rußland gerichtet ist. Man ist überzeugt, daß hinter Tschangtsolin fremde Mächte stehen, die den lokalen Wirtschaftsstreit zu einem Konflikt in der mandschurischen Machtfrage erweitern wollen. Bei allem Friedensbedürfnis werde die Sowjetunion gewaltsame Eingriffe in ihre vertraglichen Rechte sowie die Gefährdung der russischen Interessen in der Mandschurei nicht dulden.
gu den Wahlen in Canada.
London, 15. Sept. (WTB. Funkspruch.) Reuter meldet aus Ottawa, die Parlamentswahlen hätten nach den Ergebnissen, die bis Mitternacht eingingen, eine Niederlage der konservativen Regierungspartei und ein bedeutendes Anwachsen der Liberalen gebracht, die unter Umständen sogar eine unbedingte Mehrheit erlangen könnten. Bisher gewannen die Konservativen 3, die Liberalen 18 und die Progressisten einen Sitz.
Polens Verträge mit der Kleinen Entente.
P r a g, 14. Sept. (Tschechoslow. Presseburcaw) Aus den von den Vertretern der Presse der Kleinen Entente gemeinsam mit Vertretern der polnischen Presse veranstalteten Diner gedachte der polnische Minister des Auswärtigen Zale - s k i in einer Ansprache des Bündnisses zwischen Polen und Rumänien sowie des Freundschafts- und Abitragevertrages mit der Tschechoslowakei. In den kommenden Tagen, so fügte Zaleski hinzu, würden diese Freundschaften noch durch einen Freundschafts- und Abitragever- trag zwischen Polen und Jugoslawien gestärkt.
Rudolf Sucbenf.
Jena, 15. Sept. (WTB. Funkspruch.) Der Senior der deutschen Philosophen, Geh. hofrat Professor Dr. Rudolf Lücken, der seit 1874 der Universität 3ena angehört, ist in der vergangenen Rächt an einer Lungenentzündung im 81. Lebensjahre gestorben.
Rudolf Eucken, den unsere Leser auch durch eine Reihe bedeutsamer im „Gießener Anzeiger" veröffentlichter Aufsätze über Fragen des sittlichen Wiederaufbaus kennengelernt haben, war ein Sohn Ostfrieslands. 1846 ist er in Aurich geboren. Rach Absolvierung des Gymnasiums studierte er 1863 bis 1867 in Berlin und Göttingen, promovierte zum Dr. Phil, und widmete sich als Gymnasiallehrer in Berlin praktischen Schuldiensten. 1871 wurde er als ordentlicher Professor der Philosophie nach Basel berufen und ging 1874 von hier an die Universität Jena, wo er bis zu seinem Tode wirkte. Bon besonderer Bedeutung sind die philosophischen Schriften E. geworden. In ihnen will er den Menschen das gute Gewissen zu einem Glauben an eine höhere Art der Menschheit geben. Seine wichtigsten Schriften nach dieser Richtung sind: „Der Kamps um einen geistigen Lebensinhalt" (5. Auflage 1924); „Der Wahrheitsgehalt der Religion" (4. Auslage 1920); „Grundlinien einer neuen Lebensanschauung" (2. Auslage 1913); „Der Sinn unb Wert des Lebens" (9. Auflage 1922); „Können wir noch Christen fein?" (1911); „Erkennen und Leben" (2. Auflage 1922); „Zur Sammlung der Geister". Guckens Religionsphilosophie (mehrere seiner Werke sind ins Englische und Französische übersetzt) hat ihren Haupteinsluß in Frankreich, England und Amerika gehabt, da dort die Reigung einer im Religiösen gipfelnden Philosophie viel stärker ist als in Deutschland. Doch gewann sie auch bei uns immer mehr Anklang, seitdem sich die Forderung nach neuem, religiösem Leben auszubreiten begann. 1908 wurde dem Gelehrten der Robelpreis für Literatur verliehen. 1912 erhielt er einen Ruf als Aus- t au f ch p r o f e s s o r an der Harward- Universität, der angesehendsten nordamerikanischen Hochschule in Cambridge (Mass.), dem er Folge leistete. Don Amerika zurückgekehrt, unternahm er eine Reise nach England (im Sommer 1914), wo er als Gast der „Modern ßanguage Association" einen Vortrag über das Thema „The Science of ßanguage" hielt. Im Frühjahr 1920 trat er von seinem Jenenser Lehramt zurück, um sich ganz seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen.
Kunst und Wissenschaft.
Lin Hygienemuseum in Dresden.
Für den Dau eines Hhgienemuseums in Dresden hat das Reichsfinanzministerium die Einstellung von zwei Millionen Mart als Beitrag beschlossen. Somit kann vorbehaltlich der Zustimmung des Reichstags der Bau des Museums als a e f i ch e r t gelten, nachdem auch der Sächsische Landtag kürzlich 500 000 Mark als ersten Teilbetrag von 2 Millionen Mark bewilligte, während die Stadt 1 Million Mark und den Bauplatz zur Verfügung gestellt hat.
Line technische Fakultät in Münster.
Der von den maßgbenden Kreisen der Provinz Westfalen und der rheinisch-westfälischen Industrie unterbreitete Plan der Errichtung einer technischen Fakultät an der Universität Münster befindet sich noch im Stadium erster Erwägungen und Vorarbeiten. Er bezieht sich
nur auf die Schaffung einer maschinentechnischen Ausbildungsmöglichkeit und auf die Erweiterung der in Münster vorhandenen chemischen Ausbildung nach der m e t a l l k u n d l i ch e n Seite.
Seines Amtes enthoben.
Dem Dozenten an der Mannheimer Han- delshochfchule, Professor Dr. Mayr, wurde wegen beschimpfender Angriffe auf die Banken und das Reichsfinanzministerium, die er als Gutachter in einem Prozeß ausgesprochen hatte, vom Kuratorium der Hochschule der Lehrstuhl entzogen.
Aus «Her Welt.
Die Typhusepideune in Hannover.
Berlin, 14. Sept. (WB.) Dem Amtlichen Preußischen Pressedienst wird aus Hannover von einem dorthin entsandten Kommissar des preußischen Wohlfahrtsministeriums gemeldet: Die Zahl der Typhusfälle betrug am Dienstagabend rund 1000, die Zahl der Todesfälle 30. Leider muß nach menschlichem Ermessen mit einem weiteren Ansteigen der Erkrankungen und mit weiteren Todesfällen gerechnet werden. Außer den genannten 1000 Erkrankten, die bereits in Krankenhäusern und Schulen isoliert sind, dürften mehrere hundert Erkrankte in ihren Wohnungen untergebracht sein. Lieber die Ursache der Erkrankungen haben die am Dienstag getroffenen Feststellungen die Annahme bestätigt, daß bei der Mitte August beobachteten Verunreinigung des Ricklinger Wasserwerks auch Typhus- keime in die Leitung gelangt .sind. Die verunreinigten Brunnen sind ausgeschaltet und das gesamte Wasser wird gechlort und behördlich kontrolliert. Die Schutzimpfungen haben am Dienstag begonnen und werden unter starkem Andrang der Bevölkerung durchgeführt. Die Typhusepidemie dehnt sich über das Weichbild der Stadl aus. Aus Barsinghausen, Empolde, Egestorf, Letter und Seelze im Landkreis Minden werden Typhusfälle gemeldet. Es werden immer mehr Räume zur Unterbringung von Kranken erforderlich, so daß hieraus gewisse Schwierigkeiten entstanden sind. Ebenso reichen bei dem zunehmenden Bedarf die vorhandenen Betten nicht aus. 300 Betten sind feit gestern abend und heute nacht von Berlin mit Lastkraftwagen unterwegs. Weitere 900 Betten gehen heute und morgen als Eilfracht von Berlin und Münster in Westfalen nach Hannover ab.
30. Generalversammlung des Evangelischen Bundes.
Der Evangelische Bund ist zu seiner 30. Generalversammlung zusammengetreten. Rachdem Hof- und Domprediger D. Döhring die Versammlung begrüßt hatte, berichtete Pfarrer Dö nj e s über die Auswandererfürsorge. Studiendirektor Fahrenhorst (Spandau) erstattete hierauf den Jahresbericht. Der Bericht legt für das Jahr 1925 ein erfreuliches Bild von Fortschritt und Aufschwung in der Bundesarbeit und im Bundesleben ab. Ein äußerer Beweis dafür ist die Zunahme der Mitglieder und die tm ganzen befriedigende Entwicklung der Finanzen. Rach der Berichterstattung hielt Bundespräsident Hof- und Domprediger D. Dühring (Berlin) eine Rede über „Die nationalen und internationalen Aufgaben des Protestantismus". Die reformatorische Frömmigkeit, so erklärte er, habe in Rückkehr zum Urchristentum die unmittelbarste Verbindung mit dem lebendigen Gott und mit dem täglichen Leben wieder ausgenommen. So verlaufe nach einer innerlich gebundenen Marschroute der Weg des evangelischen Christen durchsichtig und gradlinig als eine nationale Aufgabe. Ueberall habe er sich nur als Christ zu geben. Es seien Mächte am Werk, die dem Volke seine Vergangenheit verekeln und seine Geschichte revidieren wollen. Deutsch 'und evangelisch sei von Haus aus nicht dasselbe, aber, worauf es ankomme, fei, den Geist und die Kraft des Evangeliums Gemeingut des ganzen Volkes werden zu lassen. Man könne der deutschen Ration keinen größeren Dienst tun, als es im besten Sinne des Wortes zu evangelisieren. Kein konfessionelles Gezänk — Schwäche gebe es überall —, sondern ehrlicher Kampf um die Seele unseres Volkes und die Seele der Menschheit. — Prof. Dr. Gütige (Heidelberg) hielt zum Schluß einen Vortrag über evangelisches Christentum und deutsche Bildung, der in der Forderung gipfelte, daß das evangelische Christentum und die deutsch? Bildung sich zu einer lebendigen Einheit verschmelzen mögen. Den Schlußvortrag hielt Geheimer Konsistorialrat Prof. Dr. M i r b t (Göttingen). Sein Thema war das Ideal einer religiösen Internationale. Auch dieser Redner sand mit seinen tiefgründigen Ausführungen reichen Beifall bei der Versammlung, die nach dem alten Truhlied „Ein feste Burg ist unser Gott" auseinanderging. Der Festsonntag führt die große Menge in die Festgottesdienste und zu den Volksversammlungen. Unvergeßlich schön das Erlebnis, als um 12 Ähr mittags unter Glockenklängen an 10 000 Kinder von allen Seiten auf den Reumarkt vor dem Lutherdenkmal zusammen- strömen, um dem Mann mit dem Kinderherzen ihre Huldigung darzubringen. Das Lutherdenkmal gleicht einem einzigen Dlumenmeer. Eine gemeinsame Domfahrt nach Meißen beschließt die Tagung.
Der Wohnunqs- ttud Städtebaukongresr üt Wien.
In Anwesenheit der Minister S ch u e r f f und Reech, der deutschen Minister Dr. Külz und H i r t s i e s e r, des Bürgermeisters von Wien und zahlreicher diplomatischer Vertreter sand die Eröffnungssitzung des Internationalen Wohnungs- und Städtebaukongresses statt, in der nach einer Ansprache des Vorsitzenden des Kongresses Stadtrat Weber als Vizepräsident des Internationalen Verbandes für Städtebau Dundesminister Schuerff den Kongreß namens der Bundesregierung begrüßte und ihm besten Erfolg wünschte. Rachdem noch eine Reihe ausländischer Vertreter und Delegierter gesprochen hatten, wurde in die fachliche Beratung eingetreten.
Fleischvergiftung in Duisburg.
■3n Duisburg sind infolge Genusses von verdorbenem Fleisch 37 Personen erkrankt. Die Rtetzgerei, aus der die verdorbenen Fleisch- Waren stammen, wurde heute vormittag von der Polizei geschlossen. Stündlich werden neue Erkrankte in das Marlenhofpitat in Duisburg- Hochfeld eingeliefert, so daß die Zahl der im Krankenhaus befindlichen Erkrankten bereits 17 beträgt. Der Zustand einiger Erkrankter ist bedenk l i a> Bei sämtlichen Eingelieferten wurde ernwandfrei Paratyphus festgesteklt, der
durch den Genuß von vergifteter Leberwurst verursacht wurde.
3n den Flammen umgekommen.
Im Osten 'Berlins hatte ein 14 Jahre altes Mädchen, um Ungeziefer zu vertilgen, die Tapeten eines Zimmers mit Petroleum übergossen und dann angezünde 1. In wenigen Augenblicken stand der ganze Wohnraum in Flammen. Während sich die sechsjährige Schwester des Mädchens noch mit knapper Rot aus dem Zimmer retten konnte, wurde das Mädchen von dem Feuer ergriffen. Als die Wehr, die mit mehreren Zügen eingetroffen war, den Brand gelöscht hatte, sand man das Mädchen vollständig verkohlt auf.
Beim Freibaden ertrunken.
In dem Ostseebad M i s d r o y ertrank die Gattin des Berliner Univerfitätsprofessors und ehemaligen Chefredakteurs der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", Paul Lensch, Frau Marta Lensch, beim Freibaden in der Rähe der Seebrücke.
600 Schafe verbrannt.
Am Sonntagabend brach infolge von Blitzschlag in einem zum Vorwerk Amalienruhe bei Ratzeburg gehörenden Schafstall'"F«ter aus, wobei etwa 600 Schafe in den Flammen umkamen.
Lin- Ochsengeschlchte.
In Bendorf trug sich eine eigenartige Ochsen- geschichte zu. Ein junger kräftiger Ochs riß auf dem Wege nach der Schlachtbank aus, rannte in tollen Sätzen, hinterher die halbe Metzgerinnung, d i e Treppe einer Konditoreihinauf und verschwand in dem Cafs, alles im Wege Stehende zertrümmernd. Auf einmal klirrten die Fensterscheiben und der Widerspenstige genoß vom ersten Stock aus die Aussicht. Nur mit allergrößter Mühe konnte das Tier an den Schlachtort gebracht werden.
Weltgeschichtliche Stühle.
Auch Stühle haben tfjre Geschichte, und manche von ihnen eine sehr erlauchte. Der berühmteste Stuhl der Weltgeschichte, zugleich das älteste Möbelstück dieser Art, ist nach einer Zusammenstellung in einer englischen Zeitschrift der St. Peter-Stuhl in Rom, von dem der Papst noch beute Bei feierlichen An- läfsen seinen Segen austeilt. Eip anderer hoch berühmter Stuhl der Geschichte ist der Krönungsstuhl in der Londoner Westminster - Abtei, der ein kost- bares Juwel, den sog. „Stein des Schicksals", enthält. Andere historische Stühle der englischen Geschichte sind der Stuhl, auf dem der unglückliche König Karl 1. bei seiner Verurteilung sah, und der „Stuhl Cromwells". Ein für die Kunstgeschichte wichtiger Stuhl wird in der Diplom-Galerie des Burlington-Hauses in London gezeigt; es ist der Sessel, auf dem der große Maler Reynolds seine Mo- delle Platz nehmen ließ. Ein Schaustück ersten Ran- ges ist der eiserne Armsessel, der von der Augs- Burger Bürgerschaft Kaiser Rudolf 2. üBerreicht wurde. Sie Herstellung soll 30 Jahre gedauert haben; er ist üBer und üBer mit Reliefdarstellungen Bedeckt, die einen hohen künstlerischen Wert haben. Siner der schönsten Stühle der Welt ist der Sessel des fränkischen Königs Dagobert, der im Jahre 638 starb; er besteht aus Bronze und zeigt wundervoll ziselierte Ornamente.
Wettervoraussage.
Westliche Winde, wieder zunehmende Bewölkung, etwas kühler, höchstens vereinzelt Niederschläge.
Gestrige Tagestemperaturen: Maximum: 18,8 Grad Celsius; Minimum: 11,9 Grad Celsius. Niederschläge: 0,1 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 14 Grad Celsius.
Aus der provinzialhaupistadt.
Gießen, den 15. September 1926.
Der geruhsame Mensch.
Von Reinhold Braun.
Man saß im Kreise beisammen. Ue&er dem Garten spannte sich die hohe, sternenvolle Rächt. Es war anfangs fo harmonisch gewesen. Das Gespräch floß wie ein edler Strom dahin, die Sterne widerspiegelnd. Dann plötzlich war's, als ob einer einen großen Stein ins Wasser warf, die Unruhe war da, und die Bewegung gegeneinander wurde immer heftiger. Meinung stand gegen Meinung auf. Man mußte staunen, daß solch liebe Menschen so außer Fassung geraten konnten wegen der Verschiedenheit der Meinungen! Rur einer sah da und tat nicht mit. Man nannte ihn im Freundeskreise spöttisch den Geruhsamen. Was Spöttelei fein sollte, ward zum Adelstitel. Ja, er war ein Mann der Ruhe, jener vornehmen, klaren Ruhe, die mit innerer Trägheit nichts zu tun hat. Vielmehr wußte man von ihm, daß er in jüngeren Jahren em heftiger Mensch gewesen war. Aber durch eiserne Energie war es ihm gelungen, sich nach und nach in die vornehme Ruhe emporzubauen, Unablässig hatte er „den ruhigen Strom kultiviert". Run saß er unter den Freunden mit seiner köstlichen Ruhe wie in einer Brandung. Immer wieder schaute er zu den Sternen auf.
Endlich fragte ihn einer der Streitenden, was er denn für eine Meinung habe. Da sagte er, und seine Stimme klang wohltuend ruhig und fest in den aufgeregten Kreis hinein: „Ich habe nur eine Meinung: Daß ihr mir, die ihr doch sonst so vernünftige Menschen seid, im Augenblick fast kindisch vorkommt, daß ihr wegen eines solchen lächerlichen Meinungsunterschiedes so in die Wolle geraten konntet! Es ist zwar das schon oft Gesagte, was ich euch zu eurer Meinung zu sagen habe. Da oben die Sterne!" Wie schlicht und wundervoll das klang: „Da oben die Sterne!" wie ein Akkord aus dem Liede der Geruhsamkeit. Den meisten war's, als striche eine liebe, kühle Hand über ihre erhitzten Stirnen. Man wandte sich ab von dem Gegenstände, unwillkürlich befand man sich bald wieder auf einer höheren Ebene miteinander, und es dauerte nicht lange, bis einer den „Geruhsamen" Bat, ein Lied zu fingen. Man holte ihm die Laute aus dem Hause, und er fang ein feierliches, altes Lied zur Rächt. — Der „Geruhsame"! Seltsam! Mir ist manchmal, als ob er neben mir schritte oder säße. .Und wenn mich irgendetwas überschatten will in meinem Gemüt, dann ist es mir, als blicke er mich an mit seinen großen, klaren Augen, und mir ist, als ob das Lächeln seiner wunderbaren Ruhe in mich strömte. So können Menschen Helfer werden, ohne daß sie es wissen.
Ist es nicht so, daß wir nicht zur Meisterung des Lebens kommen, weil wir innerlich mitjagen in der Atemlosigkeit der Zeit! Lassen wir uns nicht von der Atemlosigkeit der andern anstecken! Man zügelt ein wildes Roh nur damit, daß es die überlegene Ruhe des Reiters fühlt.
Kultivierung des ruhigen Stromes!" Quirlt und wirbelt es nicht täglich durch uns hindurch


