Nr. 215 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 14. September (926
Soziale Probleme in Frankreich.
Don unserem Berichterstatter.
l Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Das Frankreich der Vorkriegszeit gehörte ohne Zweifel zu jenen Staaten, in denen eine starke soziale Stabilität herrschte. Die dritte Republik brachte, was die Entwicklung der Gesellschaft betrifft, einen solchen Konservatismus zutage, wie er selbst in den Monarchien selten anzutreffen war. Der Krieg aber, und noch viel mehr die 'Nachkriegszeit räumte mit dieser Ruhe — oder Stagnation — gründlich auf. Die Klagen über die Amerikanisierung der Lebensformen hört man nun schon seit langem und auch das Entvölkerungsproblem datiert nicht erst von heute.
Paris vergrößerte sich stark und ändert seinen Charakter. Frankreich ist ein Einwanderungsland geworden. Die Industriealisierung wird fieberhaft durchgeführt — auch abgesehen von den Jn- flotionserscheinungen. Mit ihr parallel geht eine Krise d e r Landwirtschaft infolge des Mangels an Arbeitskräften. Die Flucht vom Lande, dieses gemeinsame liebel der westeuropäischen Staaten, hat besonders große Dimensionen angenommen. Der Franzose ist von Natur aus seßhaft'.und liebt seinen Acker, aber während des Krieges lernte er die Städte und vor allem P a - ris kennen. In der Großstadt boten sich tausend Möglichkeiten für leichtere Arbeit, angnehmeres Leben und größeren Gewinn. Die Flüchtlinge, die oft mehr Entschädigung erhielten, als ihr Haus oder Gut wert war, kehrten nach dem Wiederaufbau nicht in ihre alte Heimat zurück. Sie suchten sich in Paris Arbeit, die sie bei der guten Konjunktur auch leicht fanden. Auch aus den anderen Teilen des Landes strömten und strömen die Massen nach Paris. Junge Leute verlassen scharenweise ihre Heimatstätten, um in Paris ihr Glück zu versuchen. Nur die Alten blieben zu Hause. Auf solche Weise entstehen ganze „G r e i s e n d ö r f e r". Die kleinen Güter erweisen sich als nicht rentabel, besonders wo der Boden nicht erstklassig ist. Dabei haben ein oder mehrere Mitglieder fast in jeder Familie eine kleine Rente, als Kriegsbeschädigte oder Kriegswitwen. Man verkauft Haus und Gut und zieht in die Stadt, und wenn man tüchtig ist, eröffnet man ein kleines Geschäft und prosperiert.
Es gibt immer mehr unbebaute Aecker, oder es entstehen mittlere und größere Güter. Letztere kämpfen aber auch mit Schwierigkeiten, denn sie können keine, oder nur ungenügende und teure Arbeitskräfte finden. Es ist üblich geworden, Arbeiter aus Spanien, Belgien, Italien und vor allem aus Polen zu holen. Die Spanier find noch die einzigen, die wirklich auf dem Lande bleiben. Von ihnen kommen jedoch nur verhältnismäßig wenige nach Frankreich und auch diese nur für eine Saison, so daß man mit ihnen in jedem Jahre einen neuen Kontrakt schließen muß. Der größte Teil der Einwanderer bleibt nur einige Wochen, oder oft nur einige Tage auf dem Lande und zieht dann in die nächste Stadt. Nun will man den Einwanderern gesetzlich verbieten, daß sie andere Arbeit suchen, als die in ihrem Einreise-Ausweis vermerkte. Ob es aber mit dieser Methode möglich sein, wird, die Einwanderer auf dem Lande zu halten, " ist doch recht fraglich.
Auch in der I n d u st r i e spielen die fremden Arbeiter eine große Rolle. In der industriellen Arbeiterschaft sind nicht nur alle möglichen Nationen Europas vertreten, es gibt auch farbige, Gelbe und Schwarze, sowohl aus den französischen Kolonien — die Algerier sind die schlimmsten — also auch Chinesen und andere Leute aus fremden und exotischen Ländern. Einige Gewerbe sind schon völlig überfremdet, so zum Beispiel haben die Russen das Chauffeurgewerbe ganz für sich mit Beschlag belegt
Der Verwaltung und der Polizei erwuchsen dadurch riesige Sorgen. Viele Einwanderer können nicht schnell genug Arbeit finden, ballen sich dann in den Vorstädten zusammen, bieten der kommunistischen Propaganda ein ideales Betätigungsfeld und verkommen oft völlig. Es ist auch zu beachten, daß es unter den Einwanderern sehr viele minderwertige und zweifelhafte Elemente gibt. Besonders die Polen weisen eine erschreckende Kriminalität auf, und gefährden auch die hygienischen Verhältnisse. Eine Zeitlang wollte man eine besondere Kontrolle über sie einführen, aber davon ist es schon wieder still geworden.
Eine noch größere Sorge für die jeweilige Regierung bilden die Italiener. Ihre Zahl wurde schon 1922 auf 900 000 geschätzt, heute sollen nach der offiziellen Schätzung 1 168 000 in Frankreich angefiedelt fein, wobei zu beachten ist, daß die Statistik aus verschiedenen Gründen nur einen Bruchteil der Einwanderer zu fassen vermag. Die südlichen Departements sind mit Italienern geradezu überschwemmt, sie bilden dichte Kolonien, und wenn es auch übertrieben ist zu behaupten, daß sie sich von der einheimischen Bevölkerung absondern, werden sie jedenfalls äußer st schwer assimiliert. Kleine Städte bekommen so überraschend schnell ein italienisches Gesicht, in den Departements Lot, Lot et Garonne, Tarn, Chantal usw. gibt es bereits Dörfer und Städtchen, in denen das italienische Element vollkommen überwiegt.
Die Politik der Regierung geht nun darauf aus, die Einwanderer derart anzusiedeln, daß sich keine dichten und abgeschlossenen Kolonien bilden, sondern daß das fremde Element sich zwischen den Franzosen gleichmäßig verteilt. Diese Siedlungspolitik erhielt einen besonderen Antrieb bjird) die mit großem Aplomb ins Werk gesetzte italie- nische I r r e b'e n t a - P o l i t i k. Der ehemalige Kultusminister im letzten Kabinett Caillaux, Nogaro, hat sogar einen besonderen Siedlungsplan ausgearbeitet, um der Entfremdung Einhalt zu tun. der sich auch ziemlich gut bewahren soll. Immerhin sind die Italiener, wie dies das Beispiel Amerikas zeigt, überhaupt schwer zu assimilieren.
Der Süden tröstet sich über all diese liebel, mangels anderer Möglichkeiten mit der Politik. In jedem Dorfe gibt es einen politischen Klub, ober gar mehrere. Der größte Teil der führenden Parlamentarier stammt aus dem Süden. „Sie produzieren wenig, reden aber viel zu viel" sagt man in Nordfrankreich. Und, um Abhilfe zu schaffen, hat sich eine „Liga des Nordens" gebildet, welche bewirken soll, daß auch die Nordfranzosen mehr zum Reden und Politisieren kommen---.
Um die Präsidentschaft in der Tschechoslowakei.
Von unserem K.--Korrespondenten.
Prag, 10. September 1926.
Wenn auch der laute Lärm in der Oesfenl-- lichkeit, den zuerst die dunkle Gajda-Affäre und darnach der heftige Feldzug der Faszisten gegen beit Außenminister Dr. Denesch verursacht haben, augenblicklich etwas abgeebbt ist, so geht darum der zähe Kampf zwischen rechts und links unverkennbar, wenn auch mehr unter der Oberfläche weiter. Der konservative tschechischdeutsche D ü r g e r b l o ck, der sich im Mai gebildet hat, als es galt, zugunsten der Agrarier hohe ZoUsätze gegen den sozialistischen Widerstand durchzudrücken, scheint sich auf eine längere Herrschaftsperiode einrichten zu wollen. Es gibt noch allerhand wirtschaftliche Fragen, insbesondere die bedeutungsvolle Steuerreform, die ungelöst bleiben mußten, solange in der früheren all- tschechischen Koalition auf die Sozialisten Rücksicht zu nehmen war. Der Bürgerblock kann diese Angelegenheiten nun in seinem Sinn lösen, und
seit cd feststeht, daß die deutschen Parteien, die den Bürgerblock bilden helfen, bereit sind, bei der Einhaltung des konservativen Kurses mitzutun, ohne nationalpolitische Forderungen aufzustellen, sind die tschechischen bürgerlichen Parteien entschlossen, die Vorteile dieser Situation auszu- nützen.
Dabei ergibt sich freilich ein merkwürdiger Gegensatz zwischen Parlament und Regierung. Die Mehrheitsgruppe des Parlaments ist konservativ und rechts gerichtet, die Regierung aber führt ein Beamtenläbinett, in dem Dr. Denesch als Vertrauensmann des Präsidenten M a s a r y k tonangebend ist, und das daher mehr nach links tendiert oder doch wenigstens die konservativen Bestrebungen des Dürger- blocks hemmt. Den führenden Persönlichkeiten des Bürgerblocks ist diese Konstellation natürlich nichts weniger als genehm, und manch eine von ihnen mag bei dem Faszistenrunlmel der letzten Wochen gegen Dr. Benesch gehofft haben, daß der unbequeme Außenminister über die ihm hingeworfenen Knüppel stolpern würde. Dann wäre der Wunsch der konservativen Mehrheit erfüllt gewesen, den Einfluß der Linken im Kabinett auszuschalten. Auf andere Weise dürfte es nicht so leicht werden, ein Kabinett nach dem Geschmack der konservativen Mehrheit zu schaffen. Ratürlich könnte der Bürgerblock das gegenwärtige Beamtenkabinett zur Demission zwingen. Aber es käme nicht viel besseres nttch. Demi zur Aufstellung einer eigenen parlamentarischen Regierung ist der Bürgerblock noch nicht genügend gefestigt. Er mühte wohl oder übel auch seinen deutschen Bundesgenossen das eine ober andere Portefeuille einräumen, und diese Belastungsprobe verträgt der junge Block noch nicht. Mit der Ernennung einer neuen Deamtenregie-- rung wäre aber dem Dürgerblock kaum gedient. Denn die Ernennung vollzieht der Präsident, und Deamtenministern gegenüber genießt Masa- rhk immer noch Autorität genug, um einen ausgesprochen konservativen Kurs der Regierung zu verhindern. Eine wiederholte oder länger andauernde Regierungskrise könnte allenfalls auch zur Parlamentsauflösung und zu Reuwahlen führen. Auch das ist eine Eventualität, die dem Dürgerblock nicht erwünscht ist. Die schwere Wirtschaftskrise, von der die Tschechoslowakei erfaßt ist, stärkt natürlich die Anziehungskraft der Sozialisten und Kommunisten, und die neuen Zölle, die die Lebenshaltung verteuert haben, sind nicht geeignet gewesen, die Sympathien der städtischen Bevölkerung für den Bürgerblock zu vergrößern. Deshalb dürfte es die gegenwärtige Mehrheit kaum auf vorzeitige Reuwahlen ankommen lassen.
Aber die Bestrebungen, dem sozialistischen Einfluß auf die Regierung ein Ende zu machen, nehmen fraglos ihren Fortgang. Hat Minister Denesch, der dem Dürgerblock am unangenehmsten ist, auch die ersten Angriffe siegreich abgeschlagen, so werden ihm zweifellos während der kommenden Parlamentssession neue Schwierigkeiten bereitet werden. Lind nicht nur gegen Benesch richten sich heute die Intrigen und Verschwörungen, vielmehr sind zweifellos Kreise vorhanden, die die Axt höher anlegen, die den Präsidenten Masarhk treffen wollen, an dem die Parteien der Linken ihre starke Stühe haben. In neun Monaten, im Mai nächsten Jahres geht die Funktionsperiode des Präsidenten zu Ende. Lange Zeit schien es, als würde Masarhk bei einer Reuwahl ohne Ge - genkandidaten wiedergewählt werden. Der Rimbus, der seine Person umgibt, die fraglos großen Verdienste um die Staatsgründung, die er sich während seiner Auslandtätigkeit im Weltkrieg erworben hat, die Verehrung, die er im Volk genießt, ließen es lange als selbstverständlich erscheinen, daß ihm niemand die
Präsidentschaft streitig machen würde. Ader die nun eingetretene Verschiebung der Kräfteverteilung rückt selbst der sentimental scheinenden Pietät zu Leibe. Die Führer des Dürgerblocks erblicken in Masarhk das Hemmnis, dem Staate ihre konservative Rote unverfälscht aufzudrücken, und immer bemerkbarer wird die Tendenz, bei Gelegenheit der Rcuwahl der Hemmnis zu beseitigen. Auch der Rame des Gegenkandidaten wird schon gemunkelt: Svehla, der langjährige Fluge Führer der tschechischen Agrarier. Die Kreise, die ihm die Präsldenten- würde zuschanzen wollen, denken übrigens zwei Fliegen mit einem Schlag zu treffen. Svehla genießt nämlich nicht mehr die alte Autorität in seiner Partei. Sein Ideal war seit jeher die alltschechische Koalition und bis heute scheint er sich mit dem neuen Gebilde des Dürgerblocks, in dem Tschechen mit Deutschen beifammen- sihen, nicht abgefunden zu haben. Die Anhänger des Dürgerblockgedankens möchten begreiflicherweise den ihnen hinderlichen klugen Politiker gern aus dem aktiven Parteigetriebe entfernen. Seine Wahl zum Präsidenten wäre also gleichzeitig eine Kaltstellung.
Die Situation in der Tschechoslowakei ähnelt heute der Lage in Frankreich nach dem Sieg des Linksblocks im Mai 1924. Damals ist der konservative Präsident Millerand kurzerhand zum Rücktritt gezwungen worden. So brutal kann der Bürgerblock der Tschechoslowakei mit Rücksicht auf die Stimmung der Bevölkerung nicht vorgehen. Aber wenn es den Verehrern Masarhks nicht gelingt, bis zum Mai einen Keil in den Bürgerblock zu schlagen, dann ist eine Kamps- Wahl unvermeidlich.
hessischer Zanitätskolonneniag.
* Der 8. Hessische Kolonnentag des Verbandes der hessischen freiwNli- gen Sanitätstolonnen vom Roten Kreuz wurde am 11. und 12. September in Bensheim abgehalten. Der Tagung ging eine Sitzung des Landesvorstandes sowie ein Begrüßungsabend, veranstaltet von der Freiw. Sanitats- kolonne Bensheim-Auerbach voraus, außerdem wirkte mit der Musikverein Bensheim, der Turn- verein und die Oefangsabteilungen der Sanitäts» kolonnen von Mainz und Worms.
Der Sonntag wurde eingeleitet durch eine G e - bächtnisfeier zu Ehren der gefallenen Kameraden auf dem Ehrenfriedhof.
Die Verhandlungen eröffnete und leitete der Vorsitzende des Landesverbandes Hauptmann a. D. Lotheißer (Darmstadt), nachdem Kreisdirektor Reinhard und Bürgermeister Dr. A n g e r m e i e r (Bensheim) die von 52 Delegierten und über 1500 Mitgliedern besuchte Versammlung begrüßt und den Verhandlungen guten Verlaus gewünscht hatten.
Zu Ehren des im Laufe des Jahres verstorbenem langjährigen Vorstandsmitgliedes, Kolonnenarztes und Inspektors Dr. Metternich (Mainz) erhob sich die Versammlung von den Sitzen.
Geheimrat Dr. v. Hahn, der Vorsitzende des Landesvereins vom Roten Kreuz, bezeichnete als selbstverständliche Pflicht des Landesvereins die Forderung der Kolonnen. Am Schluffe feiner Ansprache gab er die Auszeichnungen bekannt, die an eine Anzahl von Mitgliedern für 40- und 25jährige Dienstzeit verliehen wurden.— Bei der Ausbildung weiblicher Personen für den Samariter^ dienst soll als Regel gelten, daß ihre Zahl ein Drittel derjenigen der männlichen Mitglieder nicht übersteigt. Besondere Bestimmungen über die Kleidung der Samariterinnen sollen noch erlassen werden. Gegenüber dem Verhalten linksstehender Kolonnen empfahl der Vorsitzende als beste Gegen- Wirkung Aufklärung der Mitglieder über die wah-
Sturm in SchmaleLeck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b.H., Berlin.
21. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Immer dachte man doch nur an das Verloben. Ober andere nicht? Aber Ilse glaubte, daß. sie es täten; sie hatte, wo sie eine junge Liebe gesehen, immer so empfunden — ja, und an die Ehe dachte man so wenig. Die Mütter sagten: Das findet sich alles schon, wenn ihr erst verheiratet seid, und sorgten für Seinen und Kleider und Möbel — ob die zwei sich nachher wirklich ineinander fanden, darum 1 orgten sie wenig.
Mit einem Male hatte das Leben, das immer so hell und heiter gewesen, einen ganz dunklen Schatten. Pfui, jag' ihn fort. Will er nicht weichen? Du wirst doch Herr werden über einen Schatten? Ach, Schatten sind viel schwerer zu fassen als wirkliche Dinge. Ilse schlief ein und vergaß im gesunden Ju- gendschlaf Schatten und Zukunftssorgen, wußte nur am Morgen, daß sie etwas geträumt hatte von Olaf, der so unbändig lachte, während sie meinen mußte, und von Thomas Raben, der wilde Augen dazu machte. Einen Zufammenhang konnte sie nicht mehr finden.
Herbststürme jagten über das Land. Den ganzen Tag.schob der Norbwest die dicken, grauschwarzen Wolkenballen heran über die See, hinüber über öen Deich, hinein in das Land. Die letzte Heuernte war kaum geborgen, die großen Ochsenherden nach Ham- bürg südwärts getrieben worden, da brach er heran über das Meer. Kam aus den unendlichen Wogengründen des Atlantik, hatte sich droben an den schottischen Inseln vollgesogen mit Nebel und eisiger Kälte, war ganz erfüllt von Menschenhaß und Vernichtungswillen und faßte mit seinen harten, falten Händen hinein in die Städte, riß an den Dächern, stieß gegen die Mauern, brüllte Wutgesänge an allen Türen und Fenstern. Man kannte den groben Gesellen an der Küste.
Alle Fenster waren mit Wattestreifen versichert, dem Zugwind zu wehren. Alle Dächer waren über Sommer geflickt, und die frischen, roten Ziegelecken leuchteten lustig zwischen den bemoosten Flächen auf.
Alle Fischerboote lagen in den Prielen, schaukelten gemächlich, ließen sich aber auf gar ferne Fluchtpläne der reißenden Wasser ein. Pfähle und Ketten waren von guter Arbeit.
Die Menschen redeten vom Dreschen, vom Obstdörren, vom Schweineschlachten. Man brachte die erste Stoppelgans auf den Tisch, und Frau Pastor Rottmann buk den ersten Apfelkuchen. Kann man irgendwo solchen Apfelkuchen backen wie in den Herzogtümern? Immer eine Schicht leicht mit Butter angeschmorter Aepfel und eine Schicht gestoßenen Zwieback, und jedesmal auf die Zwiebackschichten viel Zucker und lauter Butterflöckchen und viel, recht viel herrliches, dunkelrotes Johannisbeergelee. Und zu oberst noch einmal Zucker gestreut und Butter gelegt, und dann gebacken, daß alles zu einem herrlichen Etwas zufammenfchmort. Kalt oder warm gegessen, er schmeckt immer wunderbar. Aber billig ist er nicht, besonders dann nicht, wenn man die guten Gravensteiner hineinbäckt, statt sie nach Hamburg zu verkaufen. Rottmanns hatten ein Dutzend der echten Gravensteiner Bäume, die nirgend so gut gedeihen wie nahe der Küste; denn sie wollen Seeluft, um ihre Art zu haben; aber mochten die Kronen zentnerweise ihre Last tragen, verkauft wurde nicht ein Apfel.
„Wenn man es so gar nicht nötig hat", sagte Helene Jessen, die nur einen kleinen Bort voll von solchen guten Dingen behielt und alles andere dem Händler auslieferte. „Ehe sie mir verfaulen, nehme ich lieber bares Geld. Aber Siggelkow bezahlt jedes Jahr schlechter." Immerhin, als sie die Herbsteinnahme zählte, reichte es zu zwei Dutzend Handtüchern für Riekchens Aussteuer. „Sie wird ja nie heiraten. Sie ist ja so merkwürdig Männern gegenüber — aber immerhin, eine Mutter muß Vorsorgen."
Bei Rottmanns liefen die Gören alle Tage mit Taschen voll Aepfeln. Man wußte nicht, wie Hans es machte, daß er nicht platzte; den er kaute den ganzen Tag. Sie trugen aber auch in alle bekannten Häuser, und eines Nachmittags erschienen sie mit ihrem kleinen Handwagen und luden drüben bei Madam Eggers ab.
"Nicht, daß — und laß mir was schenken", sagte Madam Eggers zu ihrem Hauswirt. „Nein, verdien' ich alles ab. Mit Frau Pastorin ihren Hauben. Und näh' nu noch Taschentücher für die Kinder. Schenken
laß ich mir nichts. Das kann ich nie vergessen, daß Eggers immer sagte: .Vornehm aussehen kann nicht jedwerein, Angeline. Aber vornehm denken kann jeden/ Ob das 'ne alte Hose ist ober en Wagen Aepfel — mein Fiete und ich, wir bezahlen alles." Mit selbstzufriedenem Gesicht barg sie einen Korb nach dem andern in ihrem Keller.
„So, nun fahrt auch ordentlich zurück und werft Hans nicht wieder um, wie ihr das immer macht. I gilt, Gitta, wie sieht dein Taschentuch all wieder aus! Wischt dir woll die Schuh mit ab, nicht? Näh' ich sie dazu? Alle mit en Hohlsaum? Euer Mutter sollt sie euch annähen in’n Taschen. Ihr verliert sie doch man überall."
„Ich brauch gar feins", sagte Hans. „Ich fann's mit den Fingern."
„Na aber, daß du — und schämst dich gar nicht, großen Jung! So was hat mein Fiete nie getan. Der hat all als kleinen Jung immer gewußt, was ein zu tun hat. Nu geht man. Und ich komm' noch rüber und bedank' mich und bring’ Großmutter die neue Haube. Und Aenne ihre Schulmütze bring' ich auch."
„Ist die wieder so groß und dick?" fragte Aenne mißtrauisch. „Letzten Winter haben sie alle über mich gelacht."
„Da laß die dummen Gören man lachen. Das war ’ne schöne Mütze, die ich gemacht hab. Könnt' sich ’ne Prinzessin in sehen lassen."
„Hast all mal ’ne Prinzessin gesehen, Mam Eggers?" frug Gitta.
__ „Dumme Deern." Sie warf die Haustür zu, die Kinder fetzten Hans in den Wagen, die Schwestern ergriffen die Deichsel. Thomas Raben, der seit zwei Tagen wieder in der Post wohnte, rief sie aus dem Fenster an. „Wollt ihr einen Dreiling verdienen?"
Wann wollten sie feinen Dreiling haben.
„Hier ist ein Brief, nehmt ihn mit." Der Brief war an den alten Herrn und enthielt nur die Mitteilung, daß Herr Rabe zu feinem großen Bedauern eilg zum Sechsjahrskvog hinaus müßte, da sei eine Landverhandlung. Daß er also erst abends gegen neun kommen und am Whist teilnehmen könnte.
„Süh," sagte Mutter Eggers drinnen zu Fiete, „was der nu schon — und gibt den Kindern fein Briefchen mit. Aber die schöne Ilse hat es nu mal mit dem Banste. Auf der Ressource hat er drei Tänze mit ihr getanzt. Nehmen tut er sie doch *
nicht, mein Fiete, denn hält' er längst ernst gemacht. Und Georg Grützmann, der kommt auch man selten jetzt — na, die kann noch lange warten. Muß am Ende noch warten, bis einer kommt, an dn sie jetzt noch lang nicht denkt." Seit einiger Zeil konnte sie ihre geheimen Hoffnungen nicht mehr ganz in der Stille herumtraqen.
Fiete kniff den Mund zusammen. Sie sollte ihn mit strichen Reden in Ruhe lassen. Sie schmeichelten und regten auf, und er wußte doch, daß es nicht mehr lange währen würde mit ihren Hoffnungen. In keiner Weise. — Wie nahe aber der Sturm war, der ihren ganzen Herbstsegen sortfegte, bas ahnte auch er nicht.
Mabam Eggers nahm den dicken grauen Umhang von Lisette Rosen, der war bei dem Wind und dem ewigen Regen dieser Wochen wirklich eine Wohltat, nahm ihr Paketchen mit den fertigen Sachen und ging ebenfalls hinüber zu Rottmanns.
Es war wieder mal ein guter Küchenduft im Haufe. Der Apfelkuchen! — Sie roch ihn sofort. Und ging zu Mile in die Küche und sagte: „Leg' mir man en ordentliches Stück zurück. Ihr habt doch die ganze Form genommen, was? Fiete ißt ihn man einmal gern. — Ja, denn will ich man das Silber noch mal überreiben, daß du drinnen decken kannst. Kommt denn der Danske auch heute abend?"
„Weiß ich nicht. Laß bas Silber man, ber alte Herr hat gesagt, ich soll dich erst mal zu ihm schicken, wenn du kommst. Er wollt’ ein ernstes Wort mit dir sprechen."
„So, als mit mir? Herr Gott, was wird denn nu wieder?"
Sie erfuhr es schnell genug.
„Sehen Sie mal, Madam Eggers, es hat doch feinen Zweck mehr, daß wir uns blauen Dunst vormachen. Fiete hat nun mal nicht bas Zeug zum Studieren. Ich hab' mich redlich mit ihm geplagt, das kann ich wohl sagen. Und man hat mir früher nachgesagt, baß ich ganz gut verstäube, ben jungen Leuten die alten Sprachen munbgeredjt zu machen. Es will nicht in ihn hinein. Ich muß es ihm lassen, er gibt sich Mühe. Aber was er ben einen Tag in feinen Kopf hineingequält hat — am nächsten Morgen ist es wie fortgeblasen. So können wir noch zehn Jahre fortmachen — und bas Examen besteht er nie."
(Fortsetzung folgt.)
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