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Nr. 2(5 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Dienstag, (4. September (926

Gartenbau und Elektrizität.

Die Elektrizität in der Landwirtschaft.

Don Landwirtschaftsdirektor Dr. Lehr, Lich.

Die derzeitige Lage der Landwirtschaft, die Durch die auf ihr ruhenden Lasten und Abgaben und durch die teilweise unter den Selbstkosten liegenden Verkaufspreise für wichtige landwirt­schaftliche Erzeugnisse hervorgerufen worden ist, erheischt die Anspannung aller verfügbaren Kräfte, damit ihre Tätigkeit nicht gelähmt und die Ernährung des Volkes nicht bedroht wird.

Es durfte hinlänglich bekannt sein, das; die Tlnrentabilität der Landwirtschaft zu allermeist durch die Höhe der Produktionskosten verursacht wird. Von den Ausgaben eines Be­triebes nehmen die Löhne in Verbindung mit Gespannviehhaltung in der Regel einen sehr großen Posten ein. ihn also den schweren Existenzkampf bestehen zu können, muh der Land­wirt von heute alle Kräfte anspannen, er muh vor allen Dingen alle solche Ausgaben unter­lassen, "die nicht für die Erhaltung des Betriebes und seine Leistungsfähigkeit unerläßlich sind. Je mehr er solche Aufwendungen unterläßt, desto eher kann er die noch verfügbaren Mittel für solche Aufwendungen einsehen, die die Renta­bilität seines Betriebes auf eine sichere Grund­lage stellen.

Wie schon erwähnt, nehmen von den Ausgaben eines gut geleiteten Betriebes die Löhne in Verbindung mit der Gespannhaltung einen sehr großen Teil ein, etwa 35 bis 45 Prozent, wäh­rend für ilnterhaltung der Maschinen und Ge­räte etwa nur 5 bis 6 Prozent beansprucht wer­ben. Dieser hohe Prozentsatz für Arbeit dem für Maschinenunterhaltung gegenüber x gestellt, zeigt uns, daß eine ilmstellung der Betriebe nicht nur möglich, sondern in schwierigen Zeiten sogar unerläßlich sein kann. Weiter dürfte all­gemein bekannt sein, daß die Anwendung von Maschinen in weitgehendem ilmfange eine Ersparnis an den teuren menschlichen und tie­rischen Arbeitskräften, mithin an Löhnen und Futterkosten, bedingt. Cs ist deshalb um so er­freulicher, daß durch die Versorgung des Lan­des mit elektrischer Energie der Land­wirtschaft die Möglichkeit gegeben worden ist, Durch zweckmäßige Anwendung der Elektrizität immer mehr zur Verminderung der hohen Wirt­schaftsunkosten wesentlich beitragen zu können, mithin eine bessere Rentabilität herbeizuführen und somit auch die Landwirtschaft zu einem pe­kuniär erfreulicheren ilnternehmen zu gestalten. Durch seine eigenartige ilmstellung, durch die daraus sich ergebenden großen Erleichterungen und handgreiflichen Vorteile gewinnt der elek­trische landwirtschaftliche Betrieb etwas Ange­nehmes und Interessantes.

Von den Anwendungen der Elektrizität sind für die Landwirtschaft heute in erster Linie von Bedeutung Kraft und Licht. Dieses Bedürf­nis nach Kraft und Licht wächst um so mehr, je schwieriger sich die Arbeitsverhältnisse auf dem Lande gestalten. Welcher Landwirt möchte heute sein eleltrisches Licht missen? Wie un­glücklich fühlt sich der Landwirt, und wie stark können die Arbeitsdispositionen gefährdet werden, wenn mal durch irgend einen ilmstand der elektrische Strom versagt, Reben der großen Annehmlichkeit hat sich das elektrische Licht durch seine leichte Handhabung, durch seine Sauber­keit und durch seine Gefahrlosigkeit zu einer unentbehrlichen Detriebseinrichtung entwickelt. Richt nur das Wohnhaus vom Keller bis zum Dachboden kann durch einfachen Handgriff in strahlende Helle verseht werden, sondern auch Der Hvfraum, die Ställe, Scheunen und sonstigen Wirtschaftsräume können ebenfalls auf die ein­fachste Weise so beleuchtet werden, daß ange­fangene und sonstwie dringende Arbeiten bei reichlicher Beleuchtung beendet oder ausgeführt werden können. Ich möchte nur Hinweisen auf das Dreschen bei Rächt bei ungünstigen Wit­terungsverhältnissen während der Erntezeit, um so die wenigen guten Tage ausnühen zu können, auf das Füttern des Viehes bei später Heim­kehr vom Felde, auf das Entladen von Ernte­wagen, besonders in der Spätjahrzeit mit den kurzen Tagen, entweder früh morgens oder spät abends u. a. m. Es dürfte nach alledem fein Zweifel bestehen, daß die Anwendung der Elek­trizität als Licht für die Landwirtschaft in jeder Hinsicht nur betriebswirtschaftliche Vorteile hat. Die volle Ausnützung der Vorzüge der Elek­trizität als Lichtspenderin kann ein Landwirt nur Dann genießen, wenn er in allen Räumlichkeiten seines Betriebes die Lichtleitung sich antegen läßt.

Aehnlich wie beim elektrischen Licht verhält es sich auch mit der Elektrizität als Kraftspenderin. Wie bei allen Maschinen, so wächst auch bei der Anwendung der Elektri­zität als Kraftspenderin (Elektromotor) die Wirt­schaftlichkeit zugleich mit der Ausnutzung des Motors. Die volle Ausnutzung der elektrischen Kraft mit Hilfe des Elektromotors ist durch Dessen stete Betriebsbereitschaft, dem sparsamen Kraftverbrauch und durch die leichte Transport­fähigkeit bedingt. Wer also seine elektrische Kraft­anlage wirtschaftlich ausnuhen will, muh seine Elektromotore so viel Arbeit leisten laffen, als Dies nur möglich ist. Dazu ist nun nicht nötig, Daß jede einzelne Arbeitsmaschine einen beson­deren Motor braucht. Man hat nur bei der Lei­tungsanlage in den Wirtschaftsgebäuden darauf zu sehen, daß in der Rähe jeder Arbeitsmaschine, die mit elektrischer Kraft in Betrieb gesetzt wer­den soll, sogenannte Wairdanschlüsse angebracht toecben, an die mittels eines Kabels der Motor an das Leitungsnetz angeschlossen werden kann.

Bei der Verwendung eines Motors zum Inbetriebsetzen mehrerer Arbeitsmaschinen muß Die Leistung des Motors nach der Arbeits­maschine bemessen werden, die den größten Kraft­verbrauch beansprucht. Lieberhaupt wähle man die Motoren nicht zu schwach, da die Preisunter- fchtede nur gering sind, andererseits die Lebens­dauer eines größeren Motors länger ist. Weichen Die Kraftauswendungen für die einzelnen Ar­beitsmaschinen zu sehr von einander ab, wie z. D. einerseits für Dreschmaschinen, Sägewerk, Werkzeugmaschinen. große Schrotmühlen usw. andererseits Futterschneidemaschinen, Iauchepum- >en, Sortier- und Reinigungsmaschinen, Zentri­

fugen, Oelkuchenbrecher. Sackaufzug usw., dann wählt man zweckmäßig zwei verschieden starke Motoren, um die beiden Gruppen von Arbeits­maschinen in Betrieb zu sehen.

Wenn es irgend gebt, soll man von der Anlage einer Transmission, an welche die Ma­schinen angehängt werden. Abstand nehmen, denn eine Transmissionsanlage verteuert einmal die Anlage, dann bedeutet sie auch Kraftverlust. Man vermeidet daher zweckmäßig die Anlage von Transmissionen durch Anschaffung von be­weglichen Motoren, die bis zu 5 P. S. mittels Tragbahre. Schleife usw. bequem zu transportieren sind, während größere Motoren von 5 P. S. an aufwärts am zweckmäßigsten fahr­bar eingerichtet werden.

Bei der Wahl des Motors empfiehlt sich darauf zu achten, daß er möglichst einfach in Konstruktion und in der Bedienung ist. Für den Betrieb von Dreschmaschinen mit Einschluß einer Strohpresse benötigt man ungefähr soviel Pferde­stärke als die Durchschnittsdruschleistung der Ma­schine in Zentner Weizen je Stunde beträgt. Ohne Strohpresse kann der Motor etwa 3 bis 5 P. S. schwächer sein. Ein besonderer Vorteil der elek­trischen Kraftanwendung besteht noch darin, daß ein Elektromotor ob groß oder klein nur soviel Strom verbraucht, als er in Arbeit um» seht. Man kann deshalb unbedenklich einen grö­ßeren Motor für kleinere Arbeitsleistungen ver­wenden. So braucht z. D. ein Spferdiger Elektro­motor, den man zum Antrieb einer Häcksel­maschine benuht. für deren Betrieb aber ein einpferdiger Motor ausreichen würde, praktisch nicht viel mehr Strom, wie der einpferdigs Motor. Mit Hilfe des Clektrizitätszählers wird nun genau der wirklich verbrauchte Strom ge­messen, und jeder Landwirt, der feine verschie­denen Maschinen mit elektrischer Kraft treibt, ist absolut sicher, daß er nur so viel elektrischen Kraftstrom bezahlt, als er auch in Arbeit um» gesetzt hat. Diese einzigartige Eigenschaft, die ein Hauptvorzug des Elektromotors gegenüber allen anderen Antriebsmaschinen ist. ist von der größten Wichtigkeit für die Beurteilung der Be­triebskostenfrage in landwirtschaftlichen Betrie­ben. Weitere Vorteile des Elektromotors gegen­über anderen Kraftmaschinen, die ihn auch zu der vollkommensten Kraftmaschine für den land­wirtschaftlichen Betrieb machen, sind feine Ein­fachheit, stete Detriebsbereitschaft. Feuerficherheit (Drehstronnnotor) und Gleichmäßigkeit der Tou­renzahl.

Die leichte Beweglichkeit und Spar­samkeit im Stromverbrauch sind schon er­wähnt worden. Da die Wartung und Bedienung eines Elektromotors auf ein Minimum sich be­schränkt und nur in einem Rachsehen der Lager und im Rachfüllen von Oel besteht, und schließ­lich außer den Lagern der Drehstrommotor keine Teile besitzt, die einer Abnutzung unterworfen sind, so ergibt sich hieraus, daß bei sachgemäßer Behandlung Reparaturen so gut wie ausge­schlossen sind. Auch seine geringe Gröhe bildet für feine Ausstellung, auch in den kleinsten Räumen, kein Hindernis, ja er kann unter -Um­ständen an die Balken der Decke angebracht werden. Da die Drehstrommotore vollkommen feuersicher sind, so kann deren Aufstellung ohne polizeiliche Genehmigung auch in Räu­men erfolgen, in denen sich brennbare Stoffe befinden wie Scheunen, Tennen, Häckfelböden usw.

Don besonderer Wichtigkeit ist schließlich noch die stete Detriebsbereitschaft. Ohne besondere zeitraubende Vorbereitungen kann die Inbetriebsetzung des Elektromotors jederzeit erfolgen durch einen einfachen Handgriff, den auch der ungelernteste Arbeiter ausführen kann. Diese stete Betriebsbereitschaft in Ver­bindung mit dem Wegfällen jeglicher Bedienung macht es dem Landwirt möglich, die Arbeiten, zu denen er motorische Kraft benötigt, dann aus- sühren zu lassen, wenn für andere Arbeiten ent­weder das Wetter zu ungünstig ist, oder wenn in der drängenden Erntezeit tagsüber alle Leute auf dem Felde beschäftigt sind. So kann abends noch schnell Häcksel geschnitten oder Frucht ge­treten, Getreide gereinigt, Wasser gepumpt, Holz gefügt, Dünger gemahlen ober Oelkuchen gebrochen werden.

Als wichtiger Grundsatz, um die Vorzüge der Elektrizität sich voll zunutze zu machen, wurde schon angeführt, daß jeder angeschlossene Motor so stark wie möglich zur Arbeitsleistung herange­zogen werden muß. Es ist deshalb vom betriebs­wirtschaftlichen Standpunkte aus falsch, wenn ein Motor nur zum Betrieb einer Iauchepumpe an­gebracht und benutzt wird. Alle Arbeitsmaschinen, welche die teure menschliche und tierische Arbeits­kraft in Anspruch nehmen und durch motorische Kraft erseht werden können, müssen auch damit erseht werden. In dieser Hinsicht können noch sehr viele Verbesserungen bei unseren Landwirten vorgenommen werden.

Das elektrische Dreschen wird ver­hältnismäßig noch wenig angewandt, und doch bietet es so viele Vorteile. Reben der jeder» zeitigen Betriebsbereitschaft arbeitet auch die Dreschmaschine vorzüglich bei einem leichten, ruhigen und gleichmäßigen Gang. In viel stär­kerem Grade wird schon der Elektromotor zum Betrieb von Häckselmaschinen, Schrot­mühlen und Iauchepumpen benutzt. We­niger im Gebrauch sind Oelkuchenbrecher und Düngermahlmaschinen. Zur vollen Ausnutzung der teuren Oelkuchen und der künstlichen Dünger (besonders solcher, die in Klumpen zusammenbacken) dürsten diese Ma­schinen in größeren Betrieben nicht fehlen, wo sie dann sehr gut mit dem Elektromotor in Be­trieb gesetzt werden können. Häufiger wieder wird die elektrische Kraft zum Antrieb von Kreissägen benutzt, um auf schnelle und bequeme Weise das Brennholz zu zerkleinern. Auf dem Getreideboden muh der Elektromotor zum Antrieb von Getreidereinigungs­maschinen viel mehr in Anwendung kommen, wie überhaupt die Gewinnung eines einwand­freien, guten Saatgutes noch sehr im Argen liegt. Auch bei dem Entladen von Ernte­wagen, das in der drängenden Erntezeit, wo bei schlechter Witterung jede Minute kostbar ist, besonders viel Zeit in Anspruch nimmt, muß mehr mit Hilfe von elektrischen Entladevorrich­tungen eine Entlastung der teuren menschlichen

Arbeitskraft Platz greifen. Ebenso verhält es sich mit dem Abladen von Spreu und Kaff und den Fruchtsäcken. Mittels eines Saugrohres eines Exhaustors, der elektrisch angetrieben wird, kann in wenigen Minuten die Spreu und das Kaff an Ort und Steile gebracht werden. Die schwere und mühselige Arbeit des Säcketragens auf den Kornspeicher kann viel einfacher und leichter durch einen Elektromotor ausgeführt werden, der mittels eines Sackelevators Die Arbeit bewältigt. Richt unerwähnt soll schließlich das elek­trische Melken mit Melkmaschinen bleiben.

Auch in der Anwendung von H i 1 f 3 to e r f » zeugen hat uns die Elektrizität in vortrefflicher Weise unterstützt. So gibt es eine kleine hand­liche Maschine, die durch einen Elektromotor an­getrieben wird, mit der man die Messer und Fingerbalken von Gras- und Getreideerntema­schinen selbst schleifen, schärfen und ausscharten kann, wobei man die zu schleifenden Messer­schneiden oder die Fingerbalken genau beobachten kann, während beim Schleifen mit dem Schleifstein die zu schleifenden Stellen von dem Arbeiten­den abgekehrt sind. Mit diesem Apparat können auch kleine Bürsten zum Reinigen von Milch­kannen betrieben werden und mit der Verwen­dung einer Spezialscheranlage kann auch das elektrische Scheren von Tieren (Schafen, Pferden) vorgenommen werden, ohne die Wolle zu zer­schneiden oder Verwundungen zu erzeugen. Be­kannt dürfte weiterhin auch sein, daß die elek­trischen Staubsauger, die für die mit Arbeit überhäufte Hausfrau von unschätzbarem Werte sind, auch zur Reinigung der Haustiere mit bestem Erfolge Verwendung finden, ohne die Tiere irgendwie zu belästigen. Richt unbekannt dürfte schließlich sein, daß zur Konservierung von Grünfutter der elektrische Strom nach einem bestimmten Verfahren Anwendung findet, um mit Hilfe dieser Elektro-Futterkonservierung sich bei der Futtergewinnung von der Witterung vollständig unabhängig zu machen und damit die ganze Futtergrundlage auf eine sichere Basis zu stellen.

Auch in der Hauswirtschaft kann in stärkerem Maße als bisher mit Hilfe des elek­trischen Kraftstromes eine wesentliche Entlastung der häufig mit Arbeit überlasteten Hausfrau eintreten. Hier wäre zu allererst mal die elek­trisch betriebene Waschmaschine zu erwäh­nen. Llnzweifelhaft stellt die elektrische Wasch­maschine die vollkommenste Wascheinrichtung für jeden mittleren und größeren Betrieb dar. Leider denken die Landwirte nicht daran, wenn sie sich elektrische Kraft ins Haus legen lassen, die Elektrizität nun auch für die Zentrifuge zu benutzen, die doch täglich zwei- bis dreimal ge­braucht wird. In der Tat eignet sich keine Maschine so sehr für elektrischen Antrieb wie gerade die Zentrifuge. Der idealste Antrieb für die Zentrifuge ist der elektrische Einzelantrieb, wobei die Trommel der Zentrifuge in der Ge­schwindigkeit sich stets gleich bleibt, wodurch na­türlich das Entrahmungsresultat günstig beein­flußt wird, denn je gleichmäßiger die LImdrehun- gen, desto besser die Entrahmung. Wo die Ver­hältnisse es gestatten, sollte man unbedingt elek­trisch entrahmen und auch elektrisch buttem, und kneten.

Damit möchte ich die Anwendungsinöglich- feiten der Elektrizität im Landwirtschaftsbetrieb beenden, ohne damit nun eine erschöpfende Dar­stellung und Aufzählung über dieses Gebiet ge­geben zu haben. Aus dem Aufgeführten dürfte es doch für den Landwirt und auch die Land- wirtsfrau zur Genüge ersichtlich sein, wie ge­rade bei der Anwendung der Elektrizität in der Landwirtschaft das Rüyliche mit dem Ange­nehmen und einer guten Rentabilität Hand in Hand gehen. Die elektrischen Anlagen für Licht und Kraft bieten solche betriebswirtschaftlichen Vorteile, daß sie das Anlagekapital gut ver­zinsen, denn der Elektromotor, um dessen viel­seitige Verwendung es sich mit Hilfe der Elek­trizität handelt, bietet alle jene Vorteile, die eine Verminderung des Detriebsaufwandes zur Folge haben, und mithin eine bessere Rentabili­tät gestatten.

Die Gartenstadt.

Von Otto Corbach.

Eine Gartenstadt bedeutet nach der in der Satzung der Deutschen Gartenbaugesellschaft ent­haltenen Begriffsbestimmungeine planmäßig ge­staltete Siedlung aus wohlfeilem Gelände, das dauernd in einer Art Obereigentum der Ge­sellschaft erhalten wird, derart, daß jede Speku­lation mit dem Grund und Boden dauernd un­möglich ist", einen neuenStadttypus, der eine durchgreifende Wohnungsreform ermöglicht, für Industrie und Handwerk vorteilhafte Produk­tionsbedingungen gewährleistet und einen großen Teil seines Gebietes dauernd dem ©arten- und Ackerbau sichert." Das Endziel einer fortschrei­tenden Gartenstadtbewegung ist eine Innen- kolonisation, die durch planmäßiges Be­gründen von Gartenstädten eine Dezentralisation der Industrie und damit eine gleichmäßigere Ver­teilung des Gewerbelebens über das Land an­strebt. Solche Siedlungen sollen das städtische Leben gesünder und vielseitiger gestalten und der sich angliedernden Landwirtschaft die Kultur­werte und das technische Rüstzeug der Stadt sowie die Vorteile des direkten Absatzes vermit­teln. Die Gartenbaugesellschaft ist bemüht,der­artige Siedlungen durch besondere Gründungs- gesellschaften ins Leben zu rufen, öffentliche Körperschaften für die Entwicklung ihrer Ziele zu gewinnen, sowie alle Bestrebungen mit ver­wandten Zielen zu fördern."

Die Schwierigkeiten, die sich der praktischen Durchführung ihrer Bestrebungen entgcgenftcll- ten, zwang die deutsche Gartenstadtbewegung, sich zunächst dem Kampf gegen die Mietskaserne, der Schaffung einer Tradition des Kleinhauses und weiterhin der Stadterweiterung auf dem Wege der Anlage von Industriedörfern und Garten­vorstädten zu widmen. 3m Jahre 1907 wurde- die Gartenstadt Hellerau G. m. b. H. gegrün­det. Aehnliche Unternehmungen entstanden wäh­rend der nächsten Jahre in Nürnberg, Magde­burg, Straßburg, Hamburg, Mannheim, Leipzig und vielen anderen Städten, und im Jahre 1914 zählte man bereits 30 Gartenvorstädte und Gartensiedlungen, die rund 5600 Wohnungen.

und zwar mit verschwindenden Ausnahmen Ein­familienhäuser, gebaut hatten.

Die deutsche Gartenstadtbewegung war ur­sprünglich gewissermaßen eine Abzweigung der älteren englischen. In England gründete eine gemeinnützige Gesellschaft die erste Gartenstadt Letchworth im Jahre 1904 fünfzig Kilometer nordwärts von London, auf einem 1800 Hektar großen Gelände. Ein Drittel des Geländes wurde für die Unterbringung einer Stadt von 30 000 Einwohnern mit Industrieviertel, Ge- schäftsviertel und dergleichen bestimmt. Der Rest soll als Grüngürtel dauernd dem Garten- und Ackerbau erhalten bleiben. Die Erschließung des Geländes, feine Kanalisierung und feine Versor­gung mit Wasser, Gas und Elektrizität aus eigens gebauten Werken hat den Boden nur um 2 Mark für den Quadratmeter verteuert. Die Rentabilität des Unternehmens gilt seit 1913 als gesichert. 1914 waren 9000 Menschen und 50 Industriebetriebe angesiedelt. Der Krieg brachte einen längeren Stillstand, aber Ende 1925 war die Einwohnerzahl auf rund 15 000, die der Industriebetriebe auf rund 90 gestiegen. Die zweite englische Gartenstadt, W e l ix y n, ent­stand 1920, vierzig Kilometer von London: sie wurde von vornherein als Trabantenstadt mit eigenem Industrieviertel und landwirtschaftlichem Gürtel für eine Bevölkerung von 40 000 Men­schen geplant. Ihre rasche Entwicklung sie zählt heute bereits neben einigen Fabriken eine Einwohnerschaft von über 3000 macht es höchst wahrscheinlich, daß dieses Ziel in abseh­barer Zeit erreicht werden wird. Von der Grün'» dungsgesellschaft haben sich gemeinnützige Tochter­gesellschaften abgezweigt, die sich mit dem Be­triebe eines Warenhauses, des Straßenbaues, des Daus von Arbeiterhäusern und der Bewirt­schaftung des landwirtschaftlichen Gürtels be­fassen.

Auch in anderen Ländern, wie in Frank­reich und besonders in den Bereinigten Staaten hat es die Gartenstadtbewegung zu bemerkenswerten Ansätzen für die Realisierung ihrer Ideale gebracht. Ihr Endziel mußte frei­lich solange als utopisch erscheinen, wie das all­gemeine Wirtschaftsleben im großen und ganzen noch von jenen Tendenzen beherrscht war, die hauptsächlich die gewaltige Zusammenballung großer Menschenmassen in modernen Riesen­städten bewirkten. Diese Tendenzen hatten ihre hauptsächliche Quelle im Exportindustria­lismus, der dahin führte, daß von wenigen kapitalkräftigen Ländern aus die gesamte Kultur­menschheit mit den hauptsächlichen modernen Massenartikeln versorgt wurde, während die jungen überseeischen Länder mit ihren jung­fräulichen Böden, die billigster extensiver Be^ wirtschaftung erschlossen wurden, die übrige Welt vorzugsweise mit Rohstoffen und Nahrungs­mitteln überschwemmten. Im Zusammenhänge mit dieser Entwicklung stand dieLandflucht" in den alten Ländern, eine Binnenwanderung vom Lande in die Stadt und eine massenhafte Auswanderung nach den überseeischen Ländern. Ueberall wurde die Kaufkraft der städtischen Bevölkerung auf Kosten der ländlichen hochge­trieben, wodurch wiederum die Zentralisation des Handels in ungesunder Weise gefördert wurde. Die Bodenspekulation schuf durch künst­liche Derteuerung aufschlußreifer Gelände in der Peripherie der Städte einen unsichtbaren Wall, der die Bevölkerung in den Innenvierteln sich noch viel stärker anstauen ließ, als es der natür­liche Zudrang nach der Niederreißung mittel­alterlicher Schutzmauern erheischte. In den Ber­einigten Staaten, dem ersten überseeischen Lande, das der von England geführten industriellen Monopolwirtschaft Europas mit Erfolg Schach bot, konnten sich die zentralistischen Tendenzen der bisherigen Entwicklung des Industrialismus ohne all die Hemmungen entfalten, die sich in Europa immerhin aus dem der Zählebigkeit mit­telalterlich traditionalistischer Produktionsverhält­nisse ergaben. Daraus erklärt sich im amerikani­schen Städtewesen das System der Wolkenkratzer, das in Reuyork City während der Geschäftsstunden jedes Tages gegen drei Millionen Menschen auf einem Raume von nur 21,5 Quadratkilometer zusammenquirlen läßt.

Seit dem großen Kriege macht sich ein Um­schwung in allen modernen Wirtschaftsleben be­merkbar. der die Entwicklung immer stärker in die Richtung des Endzieles der Gartenstadtbe­wegung zu drängen verspricht. Richt als ob die alten zentralistischen Tendenzen des In­dustrialismus auf einmal aufgehört hätten zu wirken. Eine Lokornottve kommt nicht gleich zum Stehen, wenn gebremst worden ist. Die Millionen­städte fahren fort zu wachsen, und das Wolken- krahersystem macht auch in europäischen Ländern Schule. Worauf es aber ankommt, ist, daß sich neben den zentralistischen Tendenzen neue dezentralistische mit viel kräftigerem Rhythmus und rascherem Tempo entwickeln. Alle Länder, große wie Heine, auch solche, die bis vor kurzem von moderner Kultur kaum berührt waren, entfalten einen fieberhaften Eifer, sich durch Züchtung nationaler Industrien mit den Gegenständen ihres dringendsten Bedarfes selbst zu versorgen. Ein Keil treibt nunmehr den anderen. Die Exportindustrien der alten Indu­strieländer gehen mehr und mehr dazu über, junge Industrieländer mit moderner Maschinerie auszurüsten und dadurch den Untergang des ursprünglichen Exportindustrialismus erst recht zu beschleunigen. Die überseeischen Getreideaus­fuhrstaaten schaffen sich durch die Entwicklung eigener Industrien einen kaufkräftigen Binnen­markt für ihre Ernteüberschüffe, die allgemeine Hebung des Dolkswohlstandes seht die Farmer­schaft instand, sich zu Weizenpoolen zu vereinigen und die Abhängigkeit übermäßig industrialisierter Länder wie England von ihren Drotgetreideüber- schüssen auszubeuten. Darum gilt heute selbst in England, das 80 Prozent seines Rahrungs- mittelbedarfes durch Einfuhr deckt, das Streben nach dessen börtoiegender Deckung durch inlän­dische Erzeugung als Forderung des Tages. Ebenso läßt sich aber auch innerhalb der ein­zelnen Länder eine deutliche T<m^enz zu indu­strieller Dezentralisation wah. <. r.?n. So ist im Lause der letzten zehn bis zwanzig Jahre ein großer Teil der Baumwollindustrie der Reu- ©nglandftaaten in der nordamerilanischen Union nach den Südstaaten abgewandert, ein großer