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Dienstag, 14- September 1926

176. Jahrgang

Kr. 215 Erstes Statt

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GietzenerAnzeiger

Generat-Anzeiger für Oberhessen

vntck und Verlag: vrühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei «.Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulftratze 7.

Am Vorabend der Feldmanöver der 5. Division.

Don unserem militärpolitischen K.-Sonderbericht erstatter.

Transport über Transport strebte am Sams­tag den 11. Sept., von (Horben, und Süden dem Manövergebiet zu. Sn den geschlossenen Wagen fröhlich singende oder von dem nächtlichen Marsch zur Dahn oder von der langen Fahrt m der Hitze ermüdete Soldaten, auf den offenen Rungen­wagen Geschütze. M.G.-Wagen, Minenwerfer und Gesechtsfahrzeuge. Beiderseits der Bahn stau­nende Äugen über diesen ungewohnten 2inblta, da und dort Winken, Hurra aus Kindermund. Aus Bahnhöfen, wo die Transportzuge ^halten zur Einnahme der Verpflegung und zum füttern und Tränken der Pferde, herrscht bald scohes Treiben: die Musik wird von Soldaten, Dahn- beamten und Reifenden umringt und laßt ihre frohen Weisen erklingen. Geht es weiter, freund­liches Winken, Grüßen und wie gerne wäre mancher mitgesahren, den militärisches Leben und Manoverfreuden noch locken. 5>ie Ausladungen auf den kleinen Endstationen verlangen Llmsrcht und Tatkraft von Bahnpersonal und gruppe. Rasch sind die beweglichen Rampen beigeschasst, Wagen für Wagen wird von kleinen Auslade­kommandos entladen, nachdem die Mannschaft selbst in größter Ordnung lautlos die Wagen verlassen und abseits der Straße un Schatten ihre Gewehre zusammengesetzt, das Gepäck mit dem Stahlhelm niedergelegt hat. Für ein altes Soldatenherz ist es dabei eine besondere Freude zu sehen, wie jedes Koppelschloß nach vorne zeigt und die Stirnseite des Stahlhelms in der Marsch­richtung und wie sauber ausgerichtet die Gewehr­pyramiden dastehen. Welcher Srrtum, diefePein- lichkeit im Kleinen als schikanöse Kleinlichkeit zu bezeichnen; sie ist in Wirklichkeit für den inneren Wert einer Truppe und ein vorzügliches Er­ziehungsmittel. Wer seinen Anzug und seine Ausrüstilng stets in Ordnung hält, wer immer auf gute äußere Formen sieht, der hat auch Ordnung in seinen Gedanken, der hat sich selbst im Zaum und versteht alle menschlichen Schwachen und Fehler, Müdigkeit, Trägheit und -Unlust bei sich selbst zu bändigen.

Die Masse der Mannschaften ist weggetreten und schläft unter Bäumen, schwer von lachenden Früch­ten; da und dort fingt eine Gruppe eines der alten "andsknechts- und Soldatenlieder, die ja nur durch das Heer unserem Volke noch erhalten werden. Die Musik spielt den Hohenfriedberger und versammelt die wenigen Einwohner um sich, die am Sarnstag- morgen oder -mittag nichts zu tun haben: grauen, Mädchen und die Jugend, für die heute ein Tag ist, der nicht so bald aus ihrem Gedächtnis schwindet. Jetzt treffen die vorausgesandten Quartiermacher, eine kleine Kolonne zu Rade, ein, erstatten dem Truppenführer ihre Meldung und rasch hat sich s hcrilmgesprochen, daß die Quartiere nicht schlecht sind. Die Manöverleitung hat ihre Absicht, vor Be­ginn der anstrengenden Hebungen jedem Mann und Pferd noch einmal eine gute Unterkunft zu ge­währen, dank dem Entgegenkommen der bürger­lichen Behörden und der Bevölkerung überall durch­führen können. Die Frauen und Mädchen putzen schon den ganzen Vormittag, richten das Essen für ihre Einquartierung und backen Kuchen, während die Männer den herrlichen Herbsttag noch nützen, um das Oemd hereinzubringen und die abgeernteten Felder umzupflügen. Man spürt's, hier gilt das Wort aus SchillersWallenstein" nicht von den Soldaten:Sie find gefürchtete Gäste"; wohin man kommt, hört man die Truppen loben, und man sieht mit wirklicher Freude, wie viele Soldaten ihren Quartiergebern Helsen, wo es gilt zuzufassen. Auch grüßt der junge Soldat willig und freundlich den älteren Bauer, die fleißige Hausfrau. Rings im Hohenloher Lande erklingt an diesem Nachmittage frohe Marschmusik der einrückenden Truppen, und wie der Abend sich herniedersenkt, haben in den meisten Städtchen und Dörfern Truppen und Be­völkerung sich schon recht angefreunbet.

Eine Kraftwagenfahrt in den strahlenden Herbst-Sonntagmorgen hinein ist eine rechte Sonn­tagsfreude. Wir beginnen am rechten Flügel der . roten Partei beim 2. Bataillon J.-R. 15. Den wort­gewandten Thüringen! gefällt es gar wohl bei den lebhaften Franken in H o l l e n b a ch und Rot. Dann sehen wir beim Wiirtt. J.-R. 13 in der Gegend um Barten stein reges militärisches Leben. Bei einer Kompagnie der Stuttgarter Grenadiere ist um 9 Uhr Appell, bei dem die Kriegslage für den 13. September noch einmal durchgesprochen wird, bei einer anderen Kompagnie, die weit auf die für diese Gegend typischen Einzelweiler auseinander^ gezogen ist, wird zugweise Gewehrappell abgehalten. In einem benachbarten Pfarrdorf beteiligt sich eine Kompagnie des Schützenbataillons aus Ludwigsburg geschlossen mit Musik am Gottesdienst. Anderswo sieht man fröhliche Gruppen von Soldaten und Zivilisten beieinander stehen. Im Städtchen B ar­te n ft c i n selbst mit seinen alten Toren und; rau­schenden Brunnen vermag der Platz vor dem male­rischen Schlosse die Menge der Hörer kaum zu fassen, die der Obermufitmeifter Müller mit einem auserlesenen Programm angclockt hat. Neben dem Kommandeur des 13. J.-R., Oberst von Greiff, be­merkt man in den Schloßfenstern den Komman­danten von Stuttgart, Oberstleutnant Fischer. Auch der junge Fürst von Hohenlohe-Bartenstein hört vom Schloßbalkon aus zu. Wundervoll halten die hohen Barockmauern die Töne zusammen und ver­stärken sie. Ungern scheiden wir und fahren durch das tiefeingeschnittene Ettetal mit seinen grünen Hängen dem Jagsttak zu. Bei einer unfreiwilligen

Rast werfen wir einen letzten Blick auf Schloß Bar­tenstein zurück, das mächtig und beherrschend auf einem gewaltigen Bergvorsprunge über dem Tal thront. Feierliche Orgeltöne klingen herab, ab und zu unterbrochen durch kurze Liederstrophen der in der Schloßkirche versammelten Gemeinde. Dazu rauschen die Linden in dem Sturm, der sich plötzlich erhob und schwarze Wolken daherjagt, bange Sorge in uns erweckend um das Manöverwetter. Bald haben wir Mulfingen an der Jagst erreicht, das mit einen beiden Kirchen und dem gegenliegenden Städt­chen Jag st berg etwas von den unwiderstehlichen Reizen der hohenlohischen Kleinstädte und Resi­denzen besitzt. Wir begegnen immer noch Teilen des 13. J.-R. In 150 Meter Höhe überragen beider- eits die Talwände den vielverschlungenen Fluß. Während auf den Hochflächen stattliche Bauern­häuser vorherrschen,ErdgeschoßundStallung ganz aus Sandstein, das Obergeschoß mit hübschem Balken­werk, überwiegen in den Tälern einfache, eng an­einander gebaute Häuser. Oben auf den lehmbedeck­ten Hochflächen fruchtbarer Ackerboden, in den Tälern magere Wiesen und steile Weinberge. Auf der Hochfläche wird die Landwirtschaft mit den modernsten Maschinen und nach rationellen Grund­ätzen betrieben, gefördert von dem unermüdlichen Fleiß, der den Franken auszeichnet. Am Samstag­abend wird hier noch bis in die späte Nacht ge­arbeitet. Wir begegneten gestern kurz vor Einbruch der Dämmerung noch vielen Leiterwagen, die Ohmd hereinholten, das in der Nacht abgeladen wurde.

Wir fahren noch kurz das Sagfttal hinauf, über Buchenbach mit seiner uralten Kirche nach dem durch Sttich-Chapells Zeichnung be­kannt gewordenen Llnter-Regenbach zu Füßen des Langenburger Schlosses. Unter der uralten Dorflinde ist heute wieder, wie einst bei feierlichen Gerichtssitzungen, das halbe Dorf ver­sammelt, um den badischen Kanonieren aus Ulm bei der Bekanntgabe der Parole zuzuhören.

Die ersten Regentropfen fallen, als wir dem behaglichen wohlgeschüht unter den hohen Tal- Wänden am Kocher liegenden Künzelsau, dem Mittelpunkt des militärischen Lebens der nächsten Tage zustreben. Dort ist der, Divisions­kommandeur, Generalleutnant Hasse, mit fei­nem Stabe abgestiegen; auch Oberst von Stülp nagel, der Snf.° Führer 5 aus Stutt­gart, hat aiä Führer der roten Partei am 13. 9. fein Stabsquartier dort aufgeschlagen. Immer wieder kommen Kraftwagen mit Offizieren angefahren, Kraftradfahrer sausen mit Meldun­gen und Befehlen hin und her. Man sieht stau­nend den gewaltigen Apparat an Melde- und Derbindungsmitteln, der heutzutage für ein Heer unentbehrlich ist. Dabei ist unserer Reichswehr das modernste Derbindungsmittel, das Flug­zeug, versagt, das den Generalstabsoffizier der Division im kurzen Fluge zur Gruppe oder zum A. Lp K. führt oder über das Gefechtsfeld zu rascher persönlicher Erkundung trägt.

Auch hier versammelt vor dem malerischen Rathaus mit feinem hübschen Treppenvorbau und Brunnen die Musik des Preuh. Snf.-Regts. Rr. 9 alt und jung um sich und es zeigt sich, wie gerne die alten, herrlichen Märsche überall gehört werden; der Zauber der Militärmusik ist eben unvergänglich. Der alte Wartturm schaut von seiner Höhe heute mit besonderem Stolz auf das Städtchen herunter. Wir fahren weiter durch Ingelfingen, das alle Reize hohenlohischer Baukultur in sich vereinigt; die Berliner und Potsdamer Grenadiere versichern uns, daß sie bei dem guten Kocherwein und den gastfreund­lichen Württembergern sich recht zu Hause fühlen. Wir verlassen nunmehr den Versammlungsraum der roten Partei, um nach kurzer Fahrt über die Hochfläche nach Krautheim an der Jagst zum Parteiführer Blau, dem General­major Frhr. v. Bvtzheim, zu kommen. Au der weiteren Fahrt durch den Llnterkunftsraum der blauen Partei, die wir des gewissenhaften: Regens halber beschleunigen, begegnen wir zu- zunächst Teilen des Reiter-Regts. 18, dann dem Dcck>ischen Inf.-Regt. 14. Auch bei ihm gilt der letzte Ruhetag vor dem Manöver der nochmaligen Ueberprüfung der Waffen und des Geräts und der Instruktion. Da sieht man in der Hand eines Offiziers den kleinen blauen Bogen mit der Kriegslage, dort wird der Beschlag der Pferde noch einmal nachgesehen; hier probiert em Rach­richtengerätewart die Blinkgeräte seines Batail­lons noch einmal durch, ob sie durch die Er­schütterung des weiten Bahntransportes nicht gelitten haben; überall steht die interessierte Jugend drum herum. Sind uns in einem Dor badische Kokarden und badische Laute begegnet, so sind's im nächsten die hessischen Kom­pagnien des Inf.-Regt s. 15. -Ueberalt dieselbe Ordnung, überall Straffheit im Gruß gegenüber den Vorgesetzten, zuvorkommendes, freundliches Betragen gegenüber den Einwohnern und klare, willige Antworten auf unsere mili­tärisch b^)eutungslosen Fragen.

Man nimmt es fast schon als selbstverständlich hin, daß hier auf so kleinem Raum Angehörige der verschiedensten deutschen Stämme, nach ganz einheitlichen Grundsätzen erzogen und ausgebildet in einem Geist zusammenarbeiten. Aber wo sonst ist im deutschen Vaterlande diese Einmütig­keit, diese selbstverständliche Zusammen­arbeit, dieser gemeinsame Marsch nach einem Ziel ohne Sonderwünsche und lands­mannschaftliche Gegensätze anzutreffen als beim

Heer? Die Reichswehr ist in der Tat die lebendige Verkörperung der deut- chen Einheit geworden, sie ist nach einem Worte des Reichswehrministers, die eiserne Klam­mer, die uns zusammenhält. Welch ungeheurer geschichtlicher Fortschritt in dieser Tatsache liegt, vermag nur zu ermessen, wer die früheren lang­wierigen, bis zu einem gewifsen Grade ergebnis­losen Kämpfe eines Bismarck um die Einheit­lichkeit des deutschen Heeres kennt. Man fühlt es wohl, daß in der Reichswehr eine Zeit auf« teigt, die in wunderbarer Harmonie die heiligen Güter der Vergangenheit mit den Erfordernissen der Gegenwart und Zukunft zu vereinen sucht.

Und wenn man hierzulande mit der Bevölke­rung spricht, so fühlt man weiter, daß diese jahrelang etwas entbehrt hat, wonach jedem rechten Deutschen das Verlangen im Blute sitzt: militärische Zucht und Ordnung, militärisches

Selbstbewuhtsein und militärische Tatensreude, alte Soldaten- und Volkstuge niden, wie sie in unserem heutigen Reichsheer offenbar vorhanden und trotz aller Rot und Krankheit des Zeitgeistes und aller militärischen Gebundenheit nicht aus­zurotten ist. Es scheint, als sei der Wahlspruch des Reichsheeres Goethes trotziges Wort:

Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Weibisches Zagen, Aengstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei, Allen Gewalten Zum Trotz sich erhalten, Rimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei!

Die Volksabstimmung in Spanien.

Der Diktator über die künftige politische Entwicklung.

Paris, 13. Sept. (TU.) Wie demMatin" von der spanischen Grenze gemeldet wird, ist die Volksabstimmung in Spanien bisher ohne ernste Zwischenfälle verlaufen. In Madrid wur­den am ersten Tag 22 000 Unterschriften ge­sammelt. Aus den Rachrichten aus der Provinz geht hervor, daß die Unterschriften auf- den Dörfern zahlreicher find als in den Städten. In Barcelona wurden Personen ver­haftet, die zur Stimmenthaltung aufforderten. Sie wurden zu einer Geldstrafe von 500 Peseten verurteilt. Der Klerus hat die Gläubigen auf­gefordert, das Manifest Primo de Riveras zu unterzeichnen. Das Resultat der Volks- abftinunung dürfte besonders mit Rücksicht auf die Lage in der spanischen Marokkozono interessieren. Die panische Politik in Marokko ist eines der Themen, das mit der jetzigen Volks­abstimmung gleichzeitig zur Stimmabgabe ge­stellt ist. Die Erklärung Primo de Riveras an das Völkerbundssekretarictt wird allgemein als ein Ultimatum an die Tlnterzeichnermächte von Algeciras erblickt. Spanien werde nicht zwei Jahre lang warten, um die Souveränität über Tanger zu erhalten. Primo de Rivera hat einem Vertreter des PariserJournal" erklärt, das von ihm geplante Parlament werde sich aus den Wirtschaftsständen zusammensetzen. Das Par­lament werde aus 300 Deputterten bestehen, die für drei Jahre durch die Gewerkschaften und durch die Gewerbeorganisationen gewählt wür­den. In diesem Parlament würde es auch einige Frauen geben. Alles werde vollkommen demo­kratisch sein. Der Besitz werde keine besondere Vertretung haben. In den Danken würden die Angestellten frei abstimmen können. Es werde sich nicht um eine einfache beratende Versamm­lung handeln, sondern um

eine wirkliche gesetzgebende Versammlung, deren Zustimmung für das Zustandekommen der Gesetze notwendig fei.

Die Versammlung werde an drei Tagen dev Woche zusammentreten. In den Sitzungen werde volle Redefreiheit herrschen. Die Zensur würde nur insofern einschreiten, als aus den Sitzungs­berichten Sähe gestrichen würden, die man für gefährlich halten könne, wenn sie im Lande oder im Auslande verbreitet würden. Aber die Depu­tierten würden volle Freiheit genießen. Das neue Parlament würde sich nach keiner der bestehenden Formen richten. Es entspringe voll­kommen seiner eigenen Erfindung. Man beschul­dige Spanien ost, daß es veraltet und rückschritt­lich sei. Man werde sehen, wie es sich auf einen vollk ommen modernen Weg be­gäbe. Primo de Rivera fügte hinzu, er glaube, daß das Experiment allgemein interessieren werde. Er hoffe leidenschaftlich, daß sich in den Debatten Männer von Wert zeigen würden, denen er allzu gerne die Regierung übergeben würde. Denn er sei nicht zu seinem Vergnügen Dik­tator.

Auch der Korrespondent desDeck. Tagebl." hatte in Madrid mit Primo de Rivera eine llntejrebung, in der der Diktator u. a. erklärte: Die Auflehnung bet Artilleristen ist im Aus­lände maßlos überschätzt worben.

Die Schuldigen wird die ganze Härte des Ge­setzes treffen. Wenn sie auch wohl der Trag­weite ihres Schrittes sich nicht voll bewußt ge­wesen sind, die Sicherheit des Staates erfordert, daß diesmal nicht Gnade vor Recht ergeht. Wie ich mir die weitere Gestaltung der Dinge in Spanien denke? Ich brauche nur auf die Kundgebung hinzuweisen, die ich bei meinem Regierungsantritt vor drei Jahren erließ. Drei Jahre sind keine lange Zeit. Cs war ein Aus- Znahrnezustand und es muß Ordnung ge­schaffen werden. Mein Werk ist nicht vollendet." Auf die Frage des Korrespondenten, ob Spanien nur zeitweilig am Völker­bund desinteressiert "ei, erklärte Primo de Rivera:Heute läßt sich das noch nicht sagen. Wir müssen die weitere Entwicklung abwarten. Aber ich möchte klar zum Ausdruck bringen, daß Spanien über Deutschlands Aufnahme in Genf lebhafte Genugtuung empfindet, und sie als einen wichtigen Schritt auf dem Wege der Be­festigung des europäischen Friedens ansieht. Unsere freundschaftlichen Beziehungen zum deut­schen Volk werden durch die Genfer Vor­gänge sicherlich nicht getrübt werden. Wir wünschen ganz besonders eine weitere Aus­

gestaltung des Handelsverkehrs zwi­schen den beiden Ländern.

Das Urteil des Kriegsgerichts

Paris, 14. Sept. (WTD. Funkspruch.) Rach einer Meldung desJournal" aus Madrid hat im Verlaufe des gestern in Segovia tagenden Schiedsgerichtes der Regierungskommissar gegen den Direktor der dortigen Artillerieschule die Todesstrafe und gegen die 45 Lehrer lebenslängliche Haft beantragt. Das Ur­teil wird erst bekanntgegeben, nachdem es dem Obersten Kriegs- und Marinerat zur Billigung unterbreitet worden ist.

Eine Niederlage der Spanier in Marokko.

Paris, 13.Sept. Aus guter Quelle wirb be­richtet, daß die Spanier mit den Rifleuten auf Dem größten Teil ihrer Front wieder irn Kampfe stehen. Der französische Luftdienst meldet, daß seit dem 11. September der spanische Major Capaz und der Kaid Abdelwaret von starken Rifabteilungen im Gebiete der Beni Khaled umzingelt worden seien. Zahlreiche Abteilungen des Stammes Ktama und verschiedener anderer Rifstämme schienen sich in diese Gegend zu begeben, um die Ktmes, die die Spanier bekämpften, zu unterstützen. In der Nach­richt heißt es weiter, Tschechauen sei bereits wieder vor dem Druck der Rifleute geräumt worden. Diese Lage zwinge das französische Kom­mando, an der Nordfront starke Vorsichtsmaßnah­men zu treffen.

Erklärungen Briands.

Berlin, 14. Sept. (Wolff.) Der französische Minister des Aeußern B r i a n d gab dem Bericht­erstatter einer Berliner sozialdemokratischen Korre­spondenz eine schriftliche Erklärung, in der es u. a. heißt:

Ich mache keinen hehl daraus, bah im Laufe ber Besprechungen, die ich mit Herrn Stresemann hier zu haben gedenke, wir Mittel und Wege prü­fen werben, bie am geeignetsten sinb, um eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Frankreich unb Deutschland im Geiste der Verträge von Locarno zu ermöglichen. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß wir die Fragen be­handeln werden, die bie Rheinlandbesehung unb die noch nicht beendete Durchführung der Enlwaffnungsklausel des Friedensver­trages betreffen, wir haben sicherlich alle den Wunsch, der Tätigkeit ber Kontrollkommission in Deutschland so rasch wie möglich ein Ende zu be­reiten. Aber das Datum ifjrer Abberufung hängt von dem Augenblicke ab, in dem die verschiedenen Punkte, die den Gegenstand ber Abmachungen vom 16. November 1925 bilben, burchgef ührt sein werben. Ich zweifle nicht baran, bah, wenn man aus beiben Seiten in loyaler weise guten willen zeigt, bas erwünschte Ergebnis nicht auf sich warten lassen wird." Zum Schluß erklärte Brianb:Die deutsch-französische Annäherung ist die unerläßliche Vorbedingung für Frieden in Europa und in der ganzen Welt."

Genfer Journalisten erklärte Brianb, er wurde mit Dr. Stresemann wenigstens noch einmal zusam­men kommen, um über die Mittel zur Durchfüh­rung ber Abkommen von Locarno sich zu oerffänbigen. Diese Abkommen seien auf Ver­träge basiert, bie Durchführung eines Vertrages aber fei schwierig für zwei Länber, die durch un­aufhörliche Polemik gegeneinander aufgebracht würden. Mühten nicht aber Lo­carno unb ber Eintritt Deutschlanbs in den Völker­bund die Lage vereinfachen und die Anwen­dung der Verträge erleichtern?

Die Neubesetzung der nicht­ständigen Ratssitze.

Gens. 13. Sept. (Schweizerische Depeschen­agentur.) Die Reuwahlen für die nichtständigen Ratssihe werden- voraussichtlich am Donnerstag stattfinden. Südamerika wird drei Sitze erhalten, und zwar die Staaten Chile. Co­lumbien und Uruguay. Fünf Sitze wird Europa erhalten, und zwar Holland den er­ledigten Sih Schwedens. Rumänien den der Tschechoslowakei. Außerdem werden Belgien und Polen je einen Sih erhalten. Heber den fünften Sih steht die Entscheidung noch aus. E'.n weiterer Sitz ist für China vorgesehen.