Nr. W Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 14. August 1926
Wandern und Reifen • Bäder und Sommerfrischen
Von Wernigerode
Fernruf Nr. 54
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stoßend. Wäre es Rächt, tauchte vielleicht Gedanke an die „gespenstige Spinnerin" die „den Raspel dreht im Geröhre!"
Roch aber liegt der Sonnenschein auf wildromantischen Gegend und verklärt Feld
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Wie stiller, süßer Märchenzauber liegt es über dem schweigenden Wald: bis dieser Zauber plötzlich von einem eigenartigen Raunen und Rauschen unterbrochen wird, das allmählich lauter und lauter an das Ohr des Wanderers schlägt. Gewaltige Granitblöcke stellen sich hier der von den Felsen seitwärts eingeengten Holz-
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Flur, Berg und Tal. Wie leuchtende Pfeile schießen die goldenen Strahlen über die Fernblicke, diese oder jene Schönheit besonders hervorhebend. Dienen umsummen uralte Wachholder- büsche. Die Luft wird schärfer. Immer freier wird der Ausblick. Die Kuppe ist erreicht. Der Wind fegt über das baumlose Plateau. Gespensterhaft ragt die Teufelskanzel empor. Rach kurzer Rast im „Drockenhäuschen" (einem stattlichen Gasthaus) zieht es den Wanderer nach dem „Hexenbrunnen" und dem „Waschbecken", der „Hexenkanzel" und bem „Hexentanzplatz", auf dem in der Walpurgisnacht die Hexen sich versammeln.
Ein eigenartig tiefer Sinn ruht doch in dieser alten Dolkssage. 3a, auf dieses romantische Fleckchen Erde mit seinem öden Felsgestein und spärlichem Graswuchs müssen sich die „Unholdinnen", das Sinnbild des rauhen Winters, flüchten, wenn der Lenz mit Dlumen und Kränzen seinen Einzug dort unten im Tale hält!
Wie eine ausgedehnte Landkarte breitet sich die Gegend vor dem Beschauer: weit, weit, — bis dorthin, wo Erde und Himmel sich vermählen. Eingebettet zwischen Wiesen und Wälder, wie die Miniaturgebilde aus einer Spielzeugschachtel, liegen im Umkreise 89 Städte und Flecken, sowie mehr als 650 Dörfer, am Horizont begrenzt vom Rhöngebirge und der Porta Westphalika, dem Hagelsberg bei Brandenburg und dem Kulm bei Oschatz, äleberwältigt von dem majestätischen Rundblick verfällt man unwillkürlich in die Feier- stille wortlosen Hochgenusses.
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nach dem Brocken.
- Don Anna Marie Witte.
„Das Wandern ist des Müllers Lust!" singt ter Dichter, nicht ganz richtig, denn es sind keineswegs die Müller allein, die frohen Mutes unser deutsches Daterland durchstreifen, das so reich an wechselnden Raturschönheilen ist. So zählt auch eine Bcockentour zu den beliebtesten Wanderungen, die man besonders gern in Wernigerode beginnt, da man von hier aus den ganzen Harz so bequem nach allen Seiten hin durchstreifen kann.
Der Ort ist älter als die Durganlage, die im Oahre 1213 zuerst als „Wohnsitz des Grasen Stolberg" erwähnt wird. Dies betätigen die maffb fron Tore mit ihren trutzigen Türmen, z. B. der „ Dullenturm", in dem .während des Dreißig- jährigen Krieges, der damalige Bürgermeister s»wie einzelne Ratsherren gefangen gehalten wurden: und der alte „Westerntorturm", der noch vollkommen ungebeugt in eine neue Zeit hinein- ragt Ferner Vergangenheit entstammt auch das altberühmte 'Rathaus. Dieses Ratlxrus, das als besonderes charakteristisches Merkzeichen zwei sehr i^ih auslaufende Erkertürme und eine schöne Denaissancetreppe zeigt, trägt die Inschrift: — Tiner acht's. Der andere verlacht's, Der dritte bttracht's, Was macht's? —
Auf gewundenen Pfaden bergan schreitend, geht man dem Schlosse zu, dessen ülrsprung sich ebenso wie der Ursprung des hier wohnenden Geschlechtes im grauen Dämmerschein der Sage verliert. Durch das Schloßtor tretend, führt einen b<r Weg an Wällen und Mauern vorüber, deren Brustwehr und Schießscharten die Erinne- mng an die ferne Zeit des Mittelalters mit ihren ewigen Fehden wachrufen, bis zu einer lwstionähnlichen Terrasse, auf der sich zwei, im (7ehre 1864 ausgegrabene „Karthaunen" befinden, zwei Geschütze, die — der Inschrift nach — aus den Jahren 1521 und 1530 stammen.
Sind die Fernblicke, die sich in stetem Wechsel während der Wanderung dem Auge darbieten, and) von hervorragender Schönheit, so kommt doch keiner dem gleich, den man von der Terrasse au8 genießt lieber die weite Grafschaft, die Stadt Wernigerode und den sich unmittelbar anschlie- henden Ort Hasservde, schweift der Dlick bis zu den Höhenzügen des Renneckenberges und fern sagenumwobenen Gipfel des Harzes, dem Brocken! Dort unten brandet die Well mit ihrem nie rastenden Wogen und Treiben, hier um« ivinnt uns die Romantik mit unvergleichlichem Zauber. Sie umschlingt uns mit tausend Ranken, ■ wenn wir in den inneren Schlohhof treten, und bei dem Anblick der Burg die Gegenwart gänzlich zu versinken scheint 1869 bis 1884 vollständig um« [gebaut, wird durch die absichtlich-unregelmäßige : Anlage der Anschein eines allmählichen histori- lichm Entstehens erweckt, und dadurch in jeder Weise der Typus einer mittelalterlichen Feste gewahrt Dieser Typus ist auch im Innern streng durchyeführt. Gewundene Treppen, deren Wände Geweihe und Waffen ferner Zeiten zieren: tiefe Korridore, in denen alte Rüstungen, wie stumme, Dachehaltende Knappen stehen; eichengetäfelte Ge- inächer mit stark nachgedunkelten Ahnenbildern, mächtigen Kaminen und tiefen Fensternischen, deren teilweise moderne Einrichtung dem ganzen Iktile doch so harmonisch eingefügt sind, daß sie uitgemein traulich und gemütlich wirken. Be- IvnderS stattlich erscheint der Bankettsaal, der jbrei große Wandgemälde — Szenen aus der ^Schichte von Wernigerode — aufweist, und Itirie Decke von Eichentäfelung, deren Dalken Holz- llonsolen stützen, die mit geschnitzten Figuren gebiert sind.
Wundervoll ist die Lage des Schlosses auf tv«!dumrausch1er Höhe. Herrliche Parkanlagen Ziehen sich weit um das Gebäude, in den groben Tiergarten übergehend, einen Hochwald von ■eben abwechslungsreichem Baumbestand. Stun- »bcrUing könnte man die Waldwege durchschrei- btit die zwischendurch stets von neuem herrliche iFe-rnblicke dem Auge erschließen, stets als Hintergrund der Brocken, die höchste Kuppe am »»rizont. 11m dorthin zu gelangen, wandert Ino durch die beliebte Sommerfrische Hasserode, ■cc „steinernen Renne' zu. Ringsum friedliche fcrille. Rur leise rauscht es in den Tannen, als ■In Here der Wind das urewige Lied von Men- ■Henglück und Menschenleid, als klänge aus Liren die Mahnung:
fcal) die Sorgen draußen in der lauten Welt, wühl' den tiefen Frieden hier im Waldeszelt. Bi nu der Tannen Rauschen und des Waldes Ruh MLftern leis' dir Glauben, Lieb und Hossnung zu.
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Luftkurorte im Allgäu.
Von Willy Norbert.
Das bayeriscke Allgäu ist der südlichste deutsche Gau, eine Landschaft voll lieblicher Romantik, gekrönt von der cheroik ewigen Schnees. Als Nachbar der Schweizer Berge ähnelt das Allgäu dem alten Hochland der Bergfahrer. Dberftöorf hat sich bereits seit langem einen weithin klingenden Namen gemacht. Daneben gibt es im Allgäu eine ganze Reihe unbekannter und nicht weniger schön gelegener Orte, die alle Eigenschaften haben, die man von idealen Luftkurorten erwartet. Sie haben Höhenlagen von 700 bis 1300 Metern, also eine Skala, die für jeden Erholungsjuchenden das Er- wünschte verfügbar hält. Einige, wie das noch wenig bekannte D y (zwischen Kempten und Reutte) und das Bad A u (auf der Strecke 3m- menthal—Oberstdorf) haben sogar Jod- und Schwefelquellen. Aber das Hauplheilmiltcl aller dieser hochgelegenen Gebirgsorte ist doch, neben der reichlichen Sonne, das starke Ozon, das die uner« metzlich weiten, hochstämmigen Tannenwälder in die reine Höhenluft aushauchen.
Wer kannte die reizenden Orte Fifchen, Schöl« lang, Reichenbach, Langenwana, Obermaiselstein, Altstätten? Nun soll das aber anders werden! Man beginnt sich in den kleinen Orten zu rühren, schafft Kureinrichtungen und sorgt aller Orten für freundliche und preiswerte Aufnahme ....
Da ist Fifchen im Allgäu, zwei Stationen vor Oberstdorf. 3m 3Uertal, zu Füßen der mächtigen Pyramide des Rubihorns und des Nebelhorns liegt es. umgeben von einem unberührten Hochwald, durch den Gebirgsbäche lärmen, die voller Fo« rollen sind. 3hnen verdankt das uralte Dorf seinen Namen. Seine Häuser sind in altem, malerischem Heimatstil erbaut: breite, geräumige Holzhäuser mit mächtigen, teraffenartigen Baikonen, die zu Son« neu- und Luftbädern geradezu herausfordern. 3n der Mitte des Ortes steht eine jener alten bayerischen Dorfkirchen, die fast wie kleine Kathedralen sind, und die man so häufig im Allgäu selbst in den winzigsten Dörfern findet, wo ihr überreicher kostbarer Schmuck in sonderlichem Gegensatz zu der Kleinheit und Schlichtheit der Dörfchen steht. 3n Fischen ist diese kleine Dorfkathedrale sogar mit wertvollen alten Gemälden geschmückt.
Fischen hat eine Zukunft. Noch ist es unbekannt, noch gibt es da keine Prunkhotels oder Sanatorien. Man wohnt in den einfachen, aber guten Gasthöfen oder in den sauberen Prioathäusern, die alle aern fremde Gäste aufnehmen. Noch ist Fischen unbespült vom Strom der Zeit. Aber das letzte Stündlein seines Dornröschenschlafes hat geschlagen — es hat einen Verkehrsverein geschaffen, und in diesem Sommer zusammen mit Oberstdorf direkte Wagenverbindung mit Berlir Köln und München erhalten.
Noch intimer als Fischen ist das kleine Langenwang, im Kessel der südlichsten deutschen Gebirgstäler gelegen. Auch hier stehen ganz neue Logierhäuser buntfarbig auf den Felsenklippen, beschattet vom dunklen Hochwald, durch dessen Zweige das imposante Bergmassio der Mädelergabel, des Hochvogels und der Sonnenköpfe leuchtet. Unweit Fischen und Langenwang ist die berühmte Sturmannshöhle, wohl die tieffte der Alpen, die 130 Meter tief in das Herz der Bergriesen führt, wo ein keiner See liegt, den nie ein Sonnenstrahl traf. Elektrisches Licht beleuchtet jetzt dies geheimnisvolle Reich der Bergtrolle.
Eine halbe Stunde von Fischen liegt Bad A u mit einer Schwefelquelle. Es ist unbegreiflich, daß bis heute hierher kaum ein Kurgast drang. Woran mag das liegen?
Hindelang (850 Meter) ist schon bekannter geworden, aber bisher meist nur in den Kreisen der schwäbischen und bayerischen Hochtouristen. Norddeutsche Reisende kennen es kaum. Es ist von Sonthofen mit dem Postauto zu erreichen. Sein Name wurde zuerst bekannt als Standort des eifrigen Gemsjägers, des früheren Prinzregenten Luit- pold, der in Hindelangs Wäldem und auf feinen Höhen auf die Pirsch ging.
Auch Schöllang, mit einer überraschend schönen und großen „Dorfkachedrale" im süddeutschen Barock, gehört zu den „noch zu entdeckenden" Luftkurorten des Allgäus. Es liegt 860 Meter hoch — also noch 100 Meter höher als Fischen. Bad Au, Langenwang und Altstätten. Hoch über den (teilen Felsen des breiten 3Uertales liegt hier eine alte Burg, die aus dem 11. 3ahrhundert stammt. Von dort aus übersieht man das ganze DberaUgäu in unendlich weitreichender Sicht — vom „Grünten", seinem „Hüter" am Beginn.seiner Bergwelt in der
(fbene, bis hinaus in die mächtige Dergeswelt von Einödsbach, dem letzten deutschen Dorf, cingc- schloffen vom Schweizer Vorarlberg und den Lech- taler 'Alpen Tirols. Es ist eine der erhabenen Landschaften der deutschen Alpen, die hier von der --chöllanger Burg aus sich breitet. Diele der genannten „unbekannten" Orte sind von hier zu sehen, in Wälder^ oder auf Abhänge gesetzt wie reizende kleine Spielzeugdörfchen in der mächtigen üßcilc der schneebedeckten Höhen und dunklen Täler.
Wirklich — cs ist eine Fülle von reizenden „Höhenlust-Kurorten", die hier im südlichsten Deutschland daraus harren, „entdeckt" zu werden. Gerade die Unberührtheit, die ländliche Ursprüng- lichkeft aller der genannten Orte hat einen beson- deren, intimen Reiz. Man ist hier nodj völlig fern von des Lebens verworrenen Kreisen, fern von Betrieb, von Lärm und Unrast unserer lauten Zeit. Und die friedlichen Menschen dieser Täler sind gastlich: sie ehren den Fremden. 3hre Forderungen für die wohnliche Unterkunft und nahrhafte Kost, die sie bereiten, sind mäßig. 3n all den hier aufqe^ führten Orten gibt es Pensionen mit Wohnung für 1 bis 5 Mk. pro Tag. Tageszimmer 1 bis 1,50 Mi. pro Belt. Nirgends wird mehr gefordert, wie ich überall feststellte. Selten wird Kurtaxe erhoben: wo sie eingeführt ist, um für ihren Ertrag allerhand Bequemlichkeiten für die fremden Gäste zu schaffen, beträgt sie im höchsten Falle 15 Pf. pro Tag.
Alle diese Orte sind leicht von Kempten oder Oberstdorf, dem Herz des Allgäus, zu erreichen. Ein günstiger Zug geht Gießen ab 8 Uhr vormittags, Frankfurt an 9.10 Uhr, ab 9.30 Uhr i'ber Heidelberg, Bruchsal, Stuttgart, Ulm an 3.35 Uhr, ab 4.11 Uhr (Pers.-Zug), Kempten an 7.16 Uhr abends, Oberstdorf an 10.30 Uhr abends.
Wanderfahrten.
Auerbach (Dergstrahe)—L'ndenselS—Michelstadt. (Zweitägig.)
Eine ber schönsten Wanderungen ist eine solche von der Bergstraße über die höchsten Erhebungen des hessischen Odenwaldes nach dem Mümling- tal, und zwar nach Michelstadt. Dom Bahnhof Auerbach aus folge ich dem gelben Biereck (Wegbezeichnung des Odenwaldklubs), das mich bis zur Reunkircher Höhe begleitet. Rach ^stündigem Marsch stehe ich am Eingang des Auerbacher Schlosses, die größte und schönste Ruine der Bergstraße. Run gehts rechts über eine steinerite Brücke an einem Forstschuhhaus vorbei durch prächtige Buchenwälder, zuletzt steil aufwärts nach dem Malchen (Melibokus), 517 Meter, mit steinernem Turm. Hier schweigt der tiefer schauende Wanderer, denn es bietet srch ihm von dieser Höhe aus eine ausgedehnte und abwechslungsreiche Fernsicht. Rach Westen breitet sich die weite Ebene aus, durch die der Rhein in zahlreichen Windungen seine silbernen Fluten wälzt. Die Vogesen, die Hardt, der Donnersberg. Hunsrück. Riederwald, Taunus, der Dom zu Speyer sowie derjenige von Worms sind mit bloßem Auge leicht zu erkennen. 3a, vom höchsten Punkt des Dogeisberges, vom Hoherodskopf, grüßt mich an uaren Tagen dieser eigenartige Berg vom Odenwald. Weithin beherrscht er die Lande, und bei allen Wanderungen im Odenwald bis zu den östlich gelegenen Höhenzügen am Main grüßt er uns immer wieder. Mein Weg^ führt mich jetzt steil abwärts, kurz steil aufwärts, dann auf bequemem Weg nach dem Felsberg (P/4 Stunde) mit dem steinernen „Ohly- turm“. Herrlich ist die Rundsicht von diesem Punkt aus, doch stärker wirkt auf die Se-'Ie, was Ratur und Menschenhand drunten an den Berghängen geschaffen. 3ch steh« staunend am Felsenmeer. Wie eine schlummernde Herde vorweltlicher Ungetüme liegen die ungefügten, großen und kleinen Shenitfelsenblöcke da. Man kommt unwillkürlich auf den Gedanken, eine furchtbare Flut müsse sie gepackt uni) wie Schollen beim Ausgange getürmt und durcheinander geworfen haben. Diele Blöcke tragen Spuren einer Deor- b«itung._ Man erkennt sie an der f»genannten Riesensäule und dem nicht minderwei::igen Altarstein. Beide zeigen, was römische Stein- Hauer sich zumuteten und zutrau.en. 3ch könnte noch viel davon etzählen, doch ich muh weiter ins Lautertal über Reichenbach. ÜInter-Reidelbach und Gadernheim nach der Reunkircher Höhe (605 Meter) mit dem steinernen Aussichtsturm, dem „Kaisertürm" (2% Stunden,. Auch hicr herrliche Aussicht über den nördlrche'-. und nordwestlichen Odenwald, Rhein- und Matnebene, Taunus, Spessart usw. 3ch verlasse nun das gelbe Diereck und folge dem roten Diereck nach Süden, um über Winterkasten, an der Bismarckwarte vorbei nach Lindenfels zu gelangen (l1/, Stunde). Ach bin nun am Ziel einer anstrengenden, doch
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emme entgegen und zwingen die Bergwafser, fie in zahllosen Kaskaden schäumend zu überspringen. Das ist ein Schäumen und Branden, ein ununterbrochenes Dahinrollen der in weißlichem Gischt aufsprühenden Dassermassen! Wie Myriaden von Brillanten funkeln die durchsichtigen Tropfen im Sonnenlichte. Ülnd ob Tausende von Wellen durch den Lauf der Zeiten schon zu Tale fluteten, tagein. tagaus ergießen sich in immer gleicher Pracht und Fülle zahllose neue Wogen, im tiefen Wasserbette zu verebben, und immer wieder sprühen sie aus dem nassen Grabe empor und bäumen sich in Gischt und Schaum. Dem herab- stürzender. Gewässer entgegenwandernd, höher und höher steigend, überschreitet man hier und dort eine einfache Raturbrücke und klimmt endlich eine Felsentreppe hinan, um — die Kaskaden hinter sich lassend — ein Wiesenplateau zu erreichen, hinter dem wieder ein dunkler Fichtenwald den Wanderer umfängt.
Allmählich wird es lichter zwischen den düsteren Stämmen. Die Bäume selbst werden kleiner und kümmerlicher, je weiter man steigt. Große Granitblöcke liegen am Wege: vielleicht Opser- steine aus jenen längst vergangenen Tagen, da die heidnischen Sachsen hier in sternenhellen Rächten ihren Göttern geopfert. — Himbeer- und Brombeergestrüpp schlingt sich jetzt um diese mit Flechten und Moosen überlleiiteten Zeugen einer versunkenen Zeitepoche. Ab uitb zu steht auch wohl eine verkümmerte Fichte auf solchem Steine, ihn mühsam mit ihren Wurzeln umklammernd. Zwischen zwerghastem Knieholz zeigen sich alpine Kräuter. Dann folgen Moorflächen: trügerische Moosdecken, auf denen nachts die Irrlichter funkeln, den verirrten Wanderer hineinzulocken in das feuchte Reich der „Moosweiblein", jener mit „Gänsefüßen" behafteten und nur mit Moos bekleideten formlosen Geschöpfchen des Dolksglau- bens, die so unritterlich von dem „wilden Mann" verfolgt werden sollen: jener bekannten mythisch- symbolischen Gestalt des nur mit Tannengrün bekleideten und einer Tanne bewaffneten Mannes, der, seinem Tlrsprunge nach, natürlich der alte Götterkönig Wotan ist und bis heute in den Sagen der verschiedenen deutschen Stämme fortlebt. Mit fast lautlosem Flügelschlage zieht eine Schleiereule vorüber, seltsame Klagetöne aus-
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