Nr. 189 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, U. August 1926
Außenpolitische Umschau.
Dorr Prof. Dr. Otto Hoetzsch. M. d.R.
TS ist notwendig, auf das Völkerbund s- vrogramm im September abermals hinzu- weisen, auf unsere Aussichten, unsere Interessen und unsere Ziele in dieser Sache. Denn sie wird, nachdem sie anscheinend in Ordnung gekommen war, allmählich wieder reichlich unklar und be- schästigt rn diesen Tagen lebhaft die nach Berlin zurückgekehrten Minister.
Das Kabinett wird dabei dem Eindruck sich ebensowenig verschließen können, wie wir: bei genauer Betrachtung der Lage ergibt sich, daß ?nan auf allen Seiten die Vorbereitungen für Gens etwas sehr hat schleifen lassen. Die fron« zö ' ischc Politik war durch die bekannten Ereignisse auf das stärkste im Innern beschäftigt. QBarum aber die englische Politik, deren Aktivität in anderen Beziehungen im letzten halben Iahre doch recht bemerkbar wurde, eben in dieser Völkerbundsangelegenheit seit dem Be- schluh der Studienkommission rein gar nichts getan hat, sich nicht gerührt hat, das ist eine firage, die nicht leicht zu beantworten ist. Und jedermann kann sich über die Motive der englischen Seite dabei seine Gedanken machen. Ie nun, weder Frankreich noch England Haber, heute eine klare Lösung der spanisch-polnischen Qln- spruche und der ganzen VöllerbundSsrage zustande gebracht, so daß heute bereits mit Sicherheit aus einen reibungslosen Eintritt Deutschlands in( den Völkerbund zu rechnen wäre.
Auf das Wort reibungslos legen wir zunächst den Hauptnachdruck, obwohl es keineswegs unsere Forderungen alle umfaßt. So schwierig es für Deutschland war, das nicht im Völkerbund ist, eine Initiative in dieser Beziehung au ergreifen, der Eindruck, das; man die Zügel hat schleifen lassen, gilt doch auch für untere Seite, für unsere außenpolitische Führung.
Der spanische Antrag, die zweite Sitzung der Studienkommission, die man an sich als nicht notwendig hatte ausfallen lassen wollen, doch zu berufen, hat natürlich auch uns überrascht. Was will Spanien damit? Daß es Wert auf diese Sitzung legt, beweist, daß es sich nicht ausschalten will. Sein König, sein Diktator und kein Außenminister haben über diese Fragen geredet, aber keiner weiß heute bestimmt: beansprucht nun Spanien den ständigen Ratssih oder nicht? Man kann annehmen, daß es aber mit dieser schillernden Haltung bezweckt, seine Position für die nichtständigen Ratssitze in feinem Sinne zu verbessern. Doch klarer ist das bei Polen. Sein Außenminister hat auch nicht sonders deutlich den Anspruch Polens auf den ständigen Ratssitz nach wie vor aufrecht- erhalten. Zugleich aber wir) von polnischen Wünschen oder gar Anträgen gemeldet, daß es selbstverständlich jetzt schon zum nichtständigen Ratsmitglicd gewählt werde, daß weiter ihm die Wiederwählbarkeit lwas erst 1927 überhaupt zu entscheiden wäre) jetzt zugesagt werde, und daß es schließlich verlange, diese Wahl zum quafi- ftänöigcn Mitglied (aHo auf 6 Iahre), statt der geschästsordnnngsinäßigen Zweidrittelmehrheit mit einfacher Mehrheit vollzogen zu sehen. Anscheinend ist Berechnung und Llbsicht sowohl bei Spanien wie bei Polen, daß sich beide durch Zusagen in Verhandlungen hinter den Kulissen diele Sicherheit bereits jetzt verschaffen.
Bewahrheitet sich das, was über die polnischen Anträge oder Wünsche in der Preise steht, so wird damit die ganze bisherige Arbeit der Studienkonmiilsion, das mühselige Kompromißwerk Lord Robert Cecils in Frage gestellt. Das rollt ja das ganze Problem erneut auf! Wie will man dessen Herr werden, wenn man etwa am 28. damit beginnt und am 6 September die Völkerbundsversammlung anfängt? Bisher ist nicht zu sehen, wie man fertig werden will. Das legt den Schluß nahe: entweder haben Frankreich und England die Führung nicht in der Hand und lassen die Dinge gleiten — in heute ganz unübersehbare Schwierigkeiten , oder sie beabsichtigen, Spanien und namentlich Polen durch private Zusagen dieser Art so zu beruhigen, daß die Sache vom 6. September an programmmäßig gehen könnte
So steht mithin Deutschland, fein Kabinett und feine Führung, vor einer recht schwierigen Situation, die die Gefahr in sich trägt, wieder so peinlich zu werden, wie im Frühjahr. Es ist in der Gefahr, zwar in Versammlung und Rat programmähig ausgenommen zu werden, aber dann vor der vollendeten Tatsache der Zusagen der anderen Mächte in bezug airf Spanien und Polen zu stehen. ___________
Nordenskiöld.
Von F. A Fahlen.
Der Raine des Freiherrn Adolf Erik von Dordcnskiöld. dessen Todestag sich soeben zum fünfundzwanzigsten Male jährt, ist unauslöschlich verbunden mit einer Großtat auf geographischem Gebiete, mit der Entdeckung der nordöstlichen Durchfahrt, d. h. mit der Umsegelung Rordasiens von Europa aus bis ins Beringsmeer zwischen Asien unö Amerika. Die nordivestliche Durch- fahrt, der Seewea vom Atlantischen zum «Stillen Ozean um Amerika herum, hat zwei Iahrhunderte lang hie Entdeckerwelt, besonders die Engländer, die aiich praktische Ziele dabei im Auge hatten, in Atem gehalten, seitdem das englische Parlament 1743 einen Preis von 20 000 Pfund auf die Auffindung der Rordwestpassage gesetzt hatte. Eine lange Kette von Versuchen, die mit Davis im sechzehnten Iahrhundert beginnen und nut der tragischen Franklinexpedition endeten, wurde durch Max Clure. dem die Lösung gelang, geschlossen. Die nordöstliche Durchfahrt konnte sich dieses romantischen Itrteresfes nicht rühmen. Nachdem Cook in seinem Todesjahr nur wenig über die Behringstraße hinaus vorgedrungen war, und auch Kotzebue, bei dem sich bekanntlich Chamisso befand, nicht glücklicher war. hielt man den Seeweg an Rordasien entlang für unmöglich. Rordenstiöld löste jedoch das Problem, aber nicht in jähem Angriff, sondern vorsichtig. nach langen Vorstudien auf Grund sorgfältigster Cöeobaqj- hingen: darin ist er ein vorbildlicher Forichcr. Am 18. November 1832 in Helsingfors geboren, widmete er sich der Geologie, und als er mit Torrell, dem bekannten Gletscherforscher, uiw später allein feine vier Forschungsreisen nach Spitzbergen machte, waren es vor allem geologische und geographisch-geologische Fragen, die er Msen wollte. Wie er auch später, nach seiner berühmten Degafahrt, im Iahre 1883, vorher schon
Dabei liegt eins ohne weiteres auf der Hand: mit jeder Regelung, die Spanien zufrieden stellt, kann sich Deutschland abfinden. Es begrüßt es geradezu, wenn sich ein Weg findet. Spanien über seine Mißstimmung Hinwegzubringen, die sich auch gegen Deutschland richtet. Aber dah Polen mit Deutschland gleichzeitig, sei es auch nur in einen solchen quasi ständigen Sitz berufen wird, das ist unter allen Gesichtspunkten für Deutschland durchaus unerwünscht.
Umso nötiger ist, daß es feinen Standpunkt s e st wahmimmt! An der Etudienkomrnission wird es teilnehmen, wie im Frühjahr, ohne Bindung in bezug auf daS Ergebnis, mit aller Freiheit. Rach Gens selbst darf die deutsche Delegation unter keinen Umständen eher gehen, ehe nicht sichergestellt ist, dah die Ausnahme in Versammlung und Rat, so wie beabsichtigt, glatt und reibungslos stattfindet. In der Beziehung sind die Gesahren ja auch gar nicht so groß. Schwieriger liegt cs mit den nichtständigen Ratsfitzcn. Hier muß Deutschland verlangen, dah keine Regelung hinter fernem Rücken vorgenommen wird oder gar schon festliegt, und dah es als gleichberechtigtes Mitglied des Bundes von vornherein dicke Fragen mit zu unterscheiden hat, gemäß Bestimmungen der Völkerbundsaktc und der Geschäftsordnung. Cs ist sehr gut möglich, dah dann mit der Frage der nichtständigen Sitze, in erster Linie des polnischen Sitzes, Komplikationen eintreten, die heute noch nicht zu übersehen sind, sür die infolgedessen heute fein Kabinettsbeschluß und keine Instruktion festzulegen ist. Dann soll die deutsche Vertretung die Nerven behalten, in Gens die Verhandlungen unterbrechen lassen, die Fühlung mit Berlin aufnehmen und Deutschland in Ruhe und mit Berücksichtigung aller Gesichtspunkte seinen E ntschluh fassen lassen. Wir Haden keine Eile, dieses ganze Geschäft znm Abschluh zu bringen! Unter keinen Umständen aber darf die deutsche Vertretung, wie im März antichambrieren, eine Wiederholung dieser peinlichen und entwürdigenden Situation vertragen wir heute nicht!
Run ist ja mit dem Wort: reibungsloser Eintritt in Gens gar nicht unser Programm erschöpft. Kann die deutsche Außenpolitik in den eigentlichen Völkerbundssragen verhältnismäßig wenig von sich aus Hären und tun, so muh sie in der kurzen Zeit bis Genf in der Kontrollfrage und in der De sa tzun gs f r a g e mit aller Energie Vorwärtsgehen. In der Kontrollfrage kommen wir ja mit der interalliierten Kommission nicht weiter. Diese will gar nicht, sie wird stets, wenn in mühseliger Arbeit eine Sache bereinigt ist, wieder eine andere haben, schon damit sie selbst ihr Dasein verlängert. Diese Kontrollfrage gehört heute überhaupt nicht mehr in das Gebiet des Technischen. Technisch hat Deutschland ja nach dem Urteil aller Unbefangenen längst abgerüstet, so daß die wenigen noch bleibenden Fragen ganz gleichgültig sind, wenn sic nicht von der Kommission zu politischen Zwecken herangezogen werden. Darum eben sagen wir, dah die Frage nicht technisch, sondern politisch ist. hochpolitisch, von Macht zu Macht zu entscheiden, und von unserem Standpunkt aus nur in der Weise, dah ein Strich gemacht wird unter die ganze Militärkontrvlle uni> die Kommission, für die keine Berechtigung mehr vorliegt.
Zur Besatz ungsfrage: Die Zusagen der Botschafterkonferenz vom 14. Rovember, die auch Chamberlain anerkennt, sind nicht erfüllt. Cs stehen mehr Truppen in der zweiten und dritten Zone, als „normale Ziffern" sind. Und es geschieht auch in der Besahungsfrage noch sehr vieles, was mit dem „Geist von Locarno" nicht zusammenpaht.
Das aber ist ja die Hauptsache und in diesen Wochen vor Gens der anderen Seite nachdrücklich vor Augen zu führen. Wir haben uns nicht in den Völkerbund gedrängt. Englands Wunsch und Politik ist es in erster Linie, dah das jetzt so zu Ende kommen soll. Deutschland hat den Locarnopakt angenommen, der eine Tatsache der internationalen Politik ist, aber noch kein Stück des internationalen Rechtes, weil er ja nur unter der Voraussetzung des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund in Kraft treten sollte. Die allgemeine die geistige Voraussetzung, für die ganze Aktion mit ihrem Ende in Gens aber war, ist und bleibt die Forderung der absoluten Gleichberechtigung Deutschlands mit den anderen Mächten.
Diese Forderung ist nicht zur Genüge erfüllt. Die Militärkontrollkommission und die Besatzungspolitik stehen in unüberbrückbarem Widerspruch dazu. Wird das nicht bereinigt so wird
einmal 1870, durch einen kühnen Vorstoß ins Innere von Grönland die Frage des Inlandeises zu lösen versuchte. Damals gelang es ihm, von einem Fjord bei Christianshab etwa 140 Kilometer weit ins Innere vorzudringen, wo er nicht das erwartete eisfreie Land, sondern tiefe Vergletscherung fand, was dann später Ranscn bei feiner berühmten ersten Durchquerung Grönlands bestätigte.
Zweimal drang er dann in den Iähren 1875 und 76 vom Nordkap her durch das als undurchdringlich vereist geltende Karische Meer bis zum Minderungsgebiet des Ienissei vor. und erst, nachdem er hierbei alle erforderlichen Beobachtungen gemacht hatte, legte er den Plan einer Umsegelung Rordasiens vor. Er fand reichliche Unterstützung, gewann in dem Walfischfänger „Vega" unter Kapitän Pallander ein ausgezeichnetes Schiff, das er mit siebzehn Matrosen, aus der schwedischen Staatsmarinc ausgesucht, und einem gewählten Kreise von wissenschaftlichen Mitarbeitern bemannte. Die „Vega" war mit einer Hilfsmaschine ausgerüstet und war anfangs von einigen Kohlenschisfen begleitet
Es war am 4. Iuli 1878. als die Vega Gotenburg verließ. Es zeigte sich jetzt, wie vorzügliche Vorarbeit der Forscher geleistet hatte Rach einer überaus glücklichen und schnellen Fahrt befand sich ö;' Schiff schon am 19. August hinter Kap Tschcljustin. Rordenskjöld hatte seinen Plan auf folgende Berechnung gebaut. Er wußte, daß die sibirischen Diesenslüsfe während des Sommers der Küste ungeheure Massen wannen Wassers zuführen, das aus südlicheren Gegenden kommt und oben auf dem salzigen Mee'.wasscr schwinunt. weil es süß ist. Längs der sibirischen Küste bildet es nun eine Oberflächenströmung, die das Fahrwasser während des Sommers offen und eisfrei hält. In der eisfreien Küstenrinne hoffte Rordenskiöld die ganze Reise zurücklegen und noch, ehe Sommer und Herbst zu Ende waren, in den Stillen Ozean einlaufen zu können,
nicmanb auf der anderen Seite sich trninbern können, dah man in Deutschland dann, wenn der vulgäre Ausdruck erlaubt ist, auch dieses Werk von Locanw mit seinem Geist als „faulen Zauber' ansehen wird. Ober anders gewendet: Man kann über diese deutschen Befchtverden hinweg- sehen, man kann schließlich jetzt mit Ach und Krach einen Abschluh sinden. mit dem Deutschland hereingeht. Aber man entwertet und entkräftet von vornherein das ganze Werk und die Zusammenarbeit. Das sollte dem Frieden Europas dienen. Cs kann dem Frieden Europas nicht dienen, wenn Deutschland mit den anderen Mach len, angeblich gleichberechtigt, so zusammenarbei- ten soll und nach wie vor ihm Kontrolloffiziere mit Abrüstungsschikanen das Demütigende des sogenannten Friedensvertrages sühlen lassen und wenn Massen von Soldaten der anderen Mächte als Besatzung auf dem Boden stehen bleiben, die man eben darum mit Recht als „feindliche Br- sahung" ganz von selber bezeichnet.
So ist der Widerspruch wohl am ein- sachsten herausgearbeitet. So sind die Linien klar, auf denen sich jetzt in den paar Wochen bis Genf eine angespannt arbeitende, zielbewußte und entschlossene deutsche Außenpolitik bewegen muß. Sie ist im Herbst dem deutschen Volke dafür verantwortlich, daß sich der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund vollzieht unter Berücksichtigung und Erfüllung der nationalen Forderungen, die Deutschland stellen muß und deren Erfüllung ihm ja von der anderen Seite, als es sich darum handelte, das Geschäft zustande zu bringen, zu- gefagt worden war.
0111111. d. Red.: Unser auhenpol in scher Mitarbeiter, Herr Professor Dr. Hoetzsch. begibt sich in diesen Tagen auf eine längere Auslandrcisc, während der an Stelle der regelmäßigen „Außenpolitischen Umschau" sachverständige Aufsätze aus anderer Feder treten werden.
Oberhessen.
Landkreis Gictzcn
7 (Brünberg, 13. 'August. Die Zeit der Ob st- ernte steht vor der Tür. Leider gibt cs hier kaum 'jlcpfel; Birnen schon etwas reichlicher, ebenso Zwet- schen und Mirabellen. — Trotz höherer Lage ist auch hier der Hafer schnittreif. Gerste und Roggen sind zum größten Teil geschnitten, und wenn das Wetter gut wird, jo wird in ungefähr vierzehn Tagen die Erntearbeit so ziemlich geleistet fein; dies tut not, da der Schnitt des Grummetgrases drängt. — Die von einzelnen Bürgern im vorigen Jahre beschaffte Dresch maschine mit Binde und Spreublajevorrichtung arbeitet gegenwärtig auf dem Warthofe und wird anschließend hieran auf der Lchmkaute Aufstellung nehmen, um den Leuten mit kleineren Fruchtbeständen zu dreschen und dann die eigentliche Drescharbeit der hiesigen Landwirte in der Stadt zu beginnen. — Der Besuch bet Ober- realschule hat in den letzten Jahren so bedeutend zugenommen, daß die Räume in dem vor ungefähr 15 Jahren erbauten Schulgebäude nicht aus- reichen. Gegenwärtig wird die Schule von nahezu 300 Schülern aus ungefähr 56 Orten besucht. Um dem empfindlichen Raummangel abzuhelfen, hat die Stadtverwaltung beschlossen, einen Anbau her stellen zu lassen und 50 000 Mark hierzu bewilligt. Die Pläne sind bereits vom Kreisamt ausgearbeitet; die Bauausführung soll noch in diesem Herbst begonnen werden.
t Gründer g, 13. Aug. Die Vorbereitungen zum 6. ©aufrauentoetturnen am 28. unö 29. August sind in vollem Gange. Der Turnplatz neben der Turnhalle ist hergerichtet worden. So ist genügend Platz geschaffen worden, wo mehr als 300 Turnerinnen die allgemeinen Freiübungen vorführen können. Hinter dem Freiübungsplah wird ein erhöhtes Podium aufgeschlagen, auf dem die Sondervvrführungen gezeigt werden.
: L i ch. 13. Aug. Ein heftiges Gewitter entlud sich gestern mittag über unserer Gegend. Es war streckenweise mit Hagelschlag verbunden. Die Erntearbeiten, an sich schon verspätet, erlitten durch die starken Regensälle weitere Verzögerung.
Äreis Krie-berg
!?! Friedberg, 12. Aug. Sehr ungünstige Wachstumsbedingungen haben in diesem Iahre die Gurken und Tomaten. Gleich nach dem Aufgehen hatten die Gurken durch die Schnecken sehr zu leiden. Die jungen Triebe wurden abgefressen; es muhte nachgelegt werden. Die frühgcvflanzten fielen dem Maifrost zum Ob,er. Dasselbe Schicksal hatten die To-
Seine Berechnungen stellten sich auch als richtig heraus. Aber im Osten der Lena ergießen sich nur kleine Flüsse ins Meer, und der Forscher mußte daher den letzten Teil der Reife besonders fürchten. Schon bei den Reusibirischen Inseln wurde die Fahrt schwierig, schwimmender Eis- schlamm hinderte den Fortgang sehr. Aber unter allerhand Fährnissen, mehrmaligem Festfrieren, suchte sich die Vega vorsichtig ihren Weg hart an der Küste entlang, so daß oft nur wenige Fuß Wasser unter dem Kiel waren. So kam man bis zur Kolputschinbucht,' wo die Vega am 27. Dezember Anker warf. In der Rächt fror das Schiff ein, um zweihundertvieruirdneunzig Tage festzuliegen. Dabei wären-24 Stunden früheren Eintreffens genügend gewesen, um die geringe Strecke von 200 Kilometer bis zur offenen Behringstraße zurückzulegen. In diesem Winter entfaltete der wissenschaftliche Stab der Vega eine überaus rege Tätigkeit, und es gelang auch in ethnologischer Beziehung, in den Ansiedlungen der Tschuktschen eine reiche Ausbeute zu machen Am 20. Iuli des Iahres 1879 kam das Schiff los, und am 24. April 1880 traf die Vega in der Heimat ein.
„Rie werde ich," schildert Sven Hedin den Eindruck, „den Abend vergessen, lieber dem Stockholmer Hafen lag ein feuchter Regennebel, aber die ganze Stadt strahlte in hellem Lichterglanz. alle Häuser am Hafen unö das Schloß waren beleuchtet. Selbst so schwarz wie ein Gc° spensterschifs in der Rächt glitt die . Vega" langsam in den Hafen begrüßt von den vieltausendstimmigen Iubelrufen der Menschenmassen, die sich auf den Kais drängten. Eine große Tat war im Dienste dcr Forschung ausgeführt worden, und die Blicke der ganzen Welt hatten sich auf Schweden gerichtet."
Unö der große Forscher Sven Hedin gesteht, daß der Gedanke, ein Weltreisender zu werden, in ihm entstanden fei, als er diesen Triumph des von ihm so hochverehrten Meisters erlebte.
inaten. So findet man es erklärlich, daß reife Tomaten bisher kaum geerntet werden konnten. Die Sträucher haben zwar reichlich angesetzt, doch wollen die Früchte nicht rot werden. Die Gurken haben durch die übermäßige Feuchtigkeit und durch den häufigen Tcmperaturwechsel unter allerlei Krankheiten zu leiden, so daß die Ernte bis jetzt ebenfalls gering ist.
<£ Bad-Nauheim, 13. Aug. Hier fand zur Feier des V e r f a ,, u n g s t a g c s ein Festakt statt, dcr gut besucht war und unter Leitung von Bürgermeister Dr. Kayser stand. Die Festrede hielt Prof. Dr. G m e l i n (Gießen), dcr unter lebhaftem Bei fall von hoher wissenschaftlicher Warte gemeinverständlich über das Bersassungswerk sprach.
'?! Vilbel, 13. Aug. Die Ernte der ersten Frühäpfel hat begonnen. Sie liefert geringe Erträge. Die Apfelbäume zeigen durchweg einen schlechten Behang. Diele sind an den Rachwirkungen des kalten Winters vor zwei Iahren noch in diesem Frühjahr zugrunde gegangen. viele leiden an Spiyendürre. Dazu haben die Schädlinge noch ihr Mögliches zur Vernichtung der Blätter und Blüten getan. Besonders hat die Apfelbaumgespinnstmotte wieder die Bäume heimgesucht. Die Bekämpfung der Schädlinge. die am besten durch Verbrennen der Rester geschieht, wurde hier vielfach imrd)geführt. Die Birnbäume hatten weniger zu leiden. Sie haben meist einen guten Behang.
am. Staden, 13. Aug. Endlich wurde von dem Kulturbauamt Friedberg ein Techniker entsandt. welcher unsere für Staden unö Leidhecken gemeinsame Wasserleitung einer gründlichen Prüfung unterzog. Es stellte sich heraus, daß die Wasserleitung falsch angelegt wurde Ein Umbau würde jedoch viele Kosten verursachen. Hoffentlich bessert das Anbringen neuer Lustventile unsere Wassernot ein wenig.
• ?! Vilbel, 13. Aug. In seiner letzten Sitzung hat der Gemeinderat die Erbauung einer Turnhalle für die Volks- und Realschule beschlossen. Bisher mußten die Turnstunden auf den Schulhöfen, die klein und ungeeignet sind, abgehalten werden. Die Ausarbeitung der Plane soll sofort in Angriff genommen wer- Öen. Wenn möglich, soll noch in diesem Jahr mit den Arbeiten begonnen werden.
00 Aus der Wetterau, 12. Aug. Dcr Mäusesraß hat sehr nachgelassen. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, daß ein großer Feind der Mäuse, das kleine W i e s e l, in großen Mengen auftritt. Sein Erscheinen wird vom Landwirt begrüßt, wenn auch der 3äger und der Tierfreund es lieber nicht so häufig sehen würden. Mancher Iunghase, manches Gelege von Nutz- und Singvögeln fällt dem gefräßigen Räuber zum Opfer. Die klagenden Töne, die man öfters aus einem Getreidefeld hören kann, deuten darauf hin, daß das Wiesel im Kampf mit einem Hasen Sieger geblieben ist.
OO Bon der Nidda, 12. Aug. Der Fisch- bestand der Ridda nimmt immer mehr ab Wenn die Fischer neue Hoffnung daraus gesetzt hatten, daß das Hochwasser wieder einen Ausgleich bringen würde, so haben sie sich getäuscht, denn auch jetzt ist die Deute sehr gering, und oft bleibt sic ganz aus. Die Derunreinigung der Flüsse mag zum Teil die Schuld daran tragen wahrscheinlich aber werden die Bestände auch durch öen Fang von Seiten Anberechtigter sehr gelichtet.
Kreis Büdingen.
„r Nidda, 13. Aug. Die Basaltindustrie hat eben wieder ihre Krisen- nionate zu überstehen. Die Aufträge für das lausende Jahr sind ausgeführt, mit Bestellungen für das nächste Iahr ist immer erst später zu rechnen, eine Erscheinung, die sich auch in dcr Holzindustrie regelmäßig bemerkbar macht. Die Basaltsteinbrüche des Vogelsbergs, wie auch des Westerwaldes werden durch diese geschästs- lose Zeit mehr oder weniger stark in Mitleidenschaft gezogen. — Die schweren Regengüsse, die in den beiden Vortagen in Verbindung mit Gewittern nieder gingen, haben die Erntearbeiten auf Tage unterbrochen. Der hiesige V. H. C. unternahm dieser Tage eine zweitägige Rheinfahrt, an der sich etwa 40 Personen beteiligten. Der erste verregnete Tag schloß mit einem Begrüßungsabend in Mainz. Der zweite Tag führte die Teilnehmer nach Koblenz; die Rückfahrt erfolgte durch das Lahntal.
=.= Gelnhaar, 13. Aug. Der hiesige Ge- meinöerat beschloß den Bau einer Wasserleitung, da sich der Mangel einer solchen immer unangenehmer fühlbar macht. Ein Fr.int- furter Ingenieur stellte eine Wasserader fest.
Wiedererstandene Pfahlbauten im Bodensee.
Der Verein für Pfahlbau-Kunde hat bei dem kleinen Ort Hirter-llhlbingen am Bodensee, zwischen Meersburg unö ileberlingen, im Wasser nahe am Ufer zwei Pfahlbautenhäuser öer Steinzeit als getreue Abbilder der vorzeitlichen Wohnkultur errichtet, die im neuen Hest der Zeit- schrist „Der Polarforscher" von Paul John in Wort und Bild geschildert werden. Das eine ist ein Gemeinschaftshaus, das andere ein Familien- haus. Beide ruhen auf einem Psahlunterbau von je 130 gegabelten Hölzern und sind je 16 Meter lang. Es find rechteckige Häuser mit einer freien Plattform, einem schmalen Vorraum und einem größeren Wohnraum. Die Außenwände bestehen aus gespaltenen Baumstämmen, die Innenwände sind mit Lehm geglättet unö mit farbigen Bändern bemalt. Fenster haben die Räume nicht, sondern nur Giebelluken, die dem Rauchabzug dienen und etwas Licht einlassen. Das Dach ist mit Schilf bedeckt. Im Familen- haus läßt die Küche mit Backofen und Arbeitsgeräten einen Einblick in das Reich der Frauen jener Zeit tun, wie sie das Feld bestellten, das Brot buten unö die Kost besorgten. Im Wohn- unö Schlafraum findet man Steinbeile, auch einen Webstuhl und eine Vorrichtung zum Knüpfen von Dastgewebe. Moosgepolsterte Schlafbänke stehen nahe dem Feuer. Das Gemeinschaftshaus ist durch eine kleine Brücke mit dem Familiengebäude verbunden. Es ist das Reich des Mannes hat einen Raum mit Ruhelagern für Gäste und einen hallenartigen Hauptraum, i ' i primitive Fischerei- und Iagdgeräte sowie <üerfeile auf die Hauptbeschäftigung des Mannes Hinweisen. In der Mitte des Raumes liegt die Feuer- und Opferstelle; darüber lieht man auf einem Brett das Tagesgestirn als Zeichen des Sonnenkults.


