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und Sowjetrußland wieder hergestellt wer­den sollen. Die Handelskammer stellt weiter fest, daß die Sowjetregierung noch immer kein Angebot zur Schuldenregelung gemacht habe, obwohl das englisch-russische Handelsabkommen bereits fünf Jahre lang in Kraft ist. Die Handelskammer ist der Auffassung, daß die englische Regierung nunmehr auf sofortiger Regelung der Schulden- froge bestehen und das Handelsabkommen mit Rußland kündigen müßte, falls die Sowjetregierung dieAnerkennungderenglifchenFordc- r u n g e n an Rußland weiter nerzögern sollte. Um die russischen StreikgeZder.

London, 12. Juni. (Sil.) Einer Reuter- Meldung aus Moskau zufolge ist gestern ein fünfter Betrag in Höhe von 300 000 Rubel (ungefähr 30 000 Dollar) von dem Zentral­gewerkschaftsrat der Vereinigten Sowjetrepubliken für die Unterstützung der britischen Bergarbeiter nach London gesandt worden, womit die Gesamtsumme der bisher gesandten ilnterstützungsbeiträge auf 362 000 Pfund steigt.

Der russische Geschäftsträger in London gab vor der Presse folgende Erklärung ab: Der Innenminister beschuldigt im Unter- haus die Sowjetregierung Geld an Groß­britannien zur Unterstützung des/ Generalstreikes geschickt zu haben. Ich wiederhole mein früheres Dementi in dieser Angelegenheit und erkläre kategorisch, daß kein Geld zu irgend einem britischen Streitfall zu irgend einer Zeit von der Sowjetregierung ge­sandt worden ist.

Eine Rede Baldwins.

London, 14. Iuni. (SU.) In Chippecham hielt Baldwin am Samstag vor mehr als 25 000 Zuhörern eine i n n e r p o l i t i s ch e Rede, in der er u. a. sagte, wie in der Ver­gangenheit die Last der Rüstungen das soziale und wirtschaftliche Leben Europas beein­trächtigt habe, so hätten die industriellen Konflikte der letzten Jahre den Lebens­standard der Arbeiter mehr als alles andere her­abgemindert. In keinem Lande der ganzen Welt liehe sich ein Generalstreik vom politischen Gesichtspunkt betrachtet weniger rechtfertigen als in England. Rirgends anders sei weniger Grund vorhanden, sich einer Streikdiktatur zu beugen. Die britische Arbeiterbewegung müsse von allen unreinen Einflüssen befreit werden. Was ihn, Baldwin, bei einer so großen Bewegung, der er in mancher Beziehung sympathisch gegenüberstehe, beunruhige, wäre die Tatsache, daß sie den Kontignent nachzuahmen versuche.

DrohungLN

gegen Lie Negierung.

London, 14. Juni. (SU.) Ramsey Mac -- donald hielt am Samstag eine Rede, in der er erklärte, daß die Männer aller Parteien auf die gegenwärtige Lage mit größter Besorg­nis blickten, und daß die größte Verant­wortung auf der Regierung liege. Gr be­dauerte, daß die Regierung sowohl den Bergbau als die Landwirtschaft vernachlässigt habe. Alle Kohlengruben, ob rentabel oder unrentabel, müh­ten zu einer Masse vereinigt werden, um eine Rentabilität/ zu erreichen.

Der Sekretär der Bergarbeitergewerkschaft Took erllärte am Samstag in einer Rede in Hahle, daß, falls die Regierung legislative Maßnahmen ergreifen würde, um eine län­gere Arbeitszeit zu erzwingen, die Re- volutionnicht mehr zu vermeiden sein werde.

Die AutottgMebeftrebungeu in Elsaß-Lsthüngen.

P aris, 14. Juni. (WSD. Funkspruch.) Dem Journal" wird aus Straßburg gemeldet, der Justizminister habe für Dienstag den General- Kommissar für elsaß-lothringische Angelegen­heiten in Straßburg, die Bischöfe von Straßburg und Metz und den Vorsitzenden des evangelischen Konsiswriums zu einer Besprechung nach Paris berufen, um über Maßnahmen gegen die katholischen und evangelischen Geist­lichen zu beraten, die eine Kundgebung des Elsaß-Lothringischen Heimatbun­des unterzeichnet haben.

Die französische Presse gibt zu den Maß­nahmen gegen den Elsaß-Lothringi­schen Heimatbund fast ausschließlich die Stimmen derjenigen elsaß-lothringischen Blätter wieder, die in französischer Sprache erscheinen und die den MahnahmenderRegierung , im allgemeinen zustimmend gegenüberstehen. Es werden Telegramme von zwei Gruppen elsaß- lothringischer Kriegsteilnehmervereinigungen er­wähnt, in denen der Wunsch ausgedrückt wird, daß die Verfolgung des Heimatbun­des fortgesetzt werde. Sehr beachtet werden auch Aeußerungen der reichsdeutschen Presse, aus denen vielfach der Schluß gezogen wird, daß in Deutschland über die Lage in Elsaß- Lothringen große Freude herrsche, vor allem wegen der Schwierigkeiten, die Deutschland für Frankreich voraussehe. Die demokratische und die sozial-republikanische Partei Elsaß-Lothrin- aens hat einen Aufruf erlassen, in dem die Propaganda des Heimatbundes getadelt wird und in dem das Vertrauen ausgedruckt wird, daß Frankreich die elsaß-lothringische K r i t e lösen werde.

Hindenburg-Besuch in Neustrelitz.

N e u st r e l i tz, 12. Juni. (TU.) Reichspräsident v. Hindenburg traf pünkllich 10.02 Uhr mit dem fahrplanmäßigen V-Zug von Berlin in Neu­strelitz ein und wurde auf dem Bahnsteig von Staatsminister Dr. H u st a e d t in Gegenwart der Vertreter der Reichs- und Landesbehörden herzlich begrüßt. Die Tochter des Staatsministers Schwabe überreichte dem Reichspräsidenten einen Blumen­strauß. In mehreren Automobilen begaben sich dann der Reichspräsident und in seiner Begleitung Mi­nisterialrat Dr. D o e h l e , Staatsminister a. D. Boden, Major v. Hindenburg und Staats­minister Dr. H u st a e d t zunächst zum Rathaus, wo Bürgermeister Dr. H e i p e tz den Reichspräsidenten namens der Landeshauptstadt willkommen hieß. Die Fahrt ging dann zum Schloß. Aus dem Schloß- Hof hatten 135 Veteranen von 1866 und 1870/71 Aufstellung genommen. Der Reickspräsident be­grüßte jeden der alten Kriegsteilnehmer persönlich

durch Handschlag und richtete kurze Fragen an jeden. Im Anschluß daran nahm er die Meldung der in Mecklenburg-Strelitz ansässigen Generale der alten Armee entgegen. Im Garlenzimmer des Schlosses begrüßte dann Staatsminister Schwabe den Reichspräsidenten und stellte ihm die Spitzen der Behörden vor. In grünen Saale des Schlosses erfolgte dann weiter die Vorstellung der führenden Persönlichkeiten des wirtschaftlichen und geistigen Lebens des Landes.

Um 12 Uhr nahm das Frühstück zu Ehren Hindenburgs seinen Anfang, bei dem Staatsminister Dr. Hustaedt den Reichspräsidenten mit einer Ansprache begrüßte, in der er zum Schluß sagte: Als echte Deutsche erfüllt uns Ihre Gegenwart, Herr Reichspräsident, mit stolzer Freude. Ihre Ruh­mestaten in der Zeit des Weltkriegs werden stets unvergessen bleiben. Ganz besonders haben wir Ihnen aber dafür zu danken, daß Sie in den heu­tigen schweren Tagen dem Vaterland die gleiche alte Treue gehalten und die schwere Bürde Ihres jetzigen Amtes auf sich genommen haben." Dr. 51 u - taedt schloß mit einem Treuegelöbnis für den Reichspräsidenten und das Vater­land und brachte ein begeistert aufgenommenes Hoch auf Hindenburg aus.

Reichspräsident von Hindenburg führte in seiner Erwiderungsansprache il a. aus:Es ist mir eine Freude. Herr Staatsminister, heute meine Zusage vom vorigen Jahre einlösen und Ihnen und Ihrem schönen Lande mit seinen prächtigen Wäldern und herrlichen Seen meinen Besuch abstatten zu können. Mit Recht haben Sie, Herr Minister, darauf hingewiesen, daß die Mecklenburger unter harten Lebensbedingungen ich daran gewöhnt haben, in schweren Zeiten getrost auszuharren. Reben der Erinnerung an die unvergleichliche Königin Luise zeigen uns die klangvollen Ramen, die Sie ge­nannt haben, was Deutschland Ihrem, wenn auch kleinen Lande verdankt. Auch an Mecklenburg- Strelitz sind ja die Röte der letzten Jahre nicht purlos vorübergegangen und ich weiß wohl, daß besonders seine Landwirtschaft mit ernsten Schwierigkeiten kämpft. Sie dürfen versichert sein. Herr Staatsminister, daß die Reichsregierung wie bisher, auch weiter das in ihren Kräften stehende tun wird, um helfend einzugreifen und eine Erleichterung der Verhält­nisse für die Landwirtschaft herbeizuführen. Was ich selbst dazu beitragen kann, geschieht. Wir wollen im übrigen hoffen, daß die allgemeine Erholung der deutschen Wirtschaft auch den Landwirten bessere Zeiten bringt. Dazu gehört aber, daß wir, ein jeder an seinem Platze und in seinem Berufe, einträchtig zusammenarbeiten für das Wohl und die bessere Zukunft unseres Landes. Daß auch Sie und ihr Land mit seinen reichen Kraftquellen hierzu bereit find, entnehme ich mit großer Befriedigung Ihren Worten. Um so herz­licher sind meine Wünsche für das Blühen und Gedeihen von Mecklenburg-Strelitz, denen ich besonderen Ausdruck gebe, indem ich Sie alle, meine Herren, bitte, mit mir einzustimmen in den Ruf: Mecklenburg-Strelitz und unser deut­sches Vaterland Hurra!"

Die Anwesenden sttmmten nach der Rede des Reichspräsidenten, die mit jubelndem Beifall ausgenommen wurde, das Deutsch­landlied an.

Kunst und Wissenschaft.

Römisch - Germanisches Zentral - Museum in Mainz.

Dem Jahresbericht für die Zett vom 1. April 1925 bis 1. April 1926 ist u. a. folgendes zu entnehmen: Der Wi-ederaufbau der Anstalt, dte namentlich in der Rachkriegszeit schwere Schä­den erlitten hatte, konnte auch in diesem Jahre rüstig weitergeführt werden, wenn auch die Re- organisation der Werkstätten noch nicht vollendet ist. Allerdings sind noch viele Säle, namentlich der große Hallstattsaal, so vollgepfropft, daß sowohl die wissenschaftliche Uebersich-t wie der ästhetische Genuß darunter leidet. Ramentlich für die neue in gerichtete siedelungs- und kultur­geschichtliche Abteilung, die allgemeines Interesse findet, gebricht es an jeder weiteren Ausdeh­nungsmöglichkeit, so daß ihr umfassenderer Aus­bau eingestellt werden muhte. Auch die Ver­mehrung an Rachbildungen und Originalen hat sich wieder etwas gehoben. Reuerwerbungen: Aus der älteren Steinzeit einige Chalcedon- Werkzeuge von der Station Lämmerspiel bei Offenbach, aus der jüngeren Steinzett Tulpen- becher des Michelsberger Typus von Flörsheim a.M., ein schnurkeramischer Becher von Rüssels­heim a. M, zwei kleine reichverzierte Gefäße des Hinkelsteintypus aus Planig a. d. Rahe. Aus der Bronzezeit: Grabfunde der frühen Bronzezeit Bayerns, eine reich verzierte Goldscheibe aus der Gegend von Aurich. Aus der spätesten Bronzezeit (bzw. frühen Hallstattzett) eine Wohngrube vom Martinsberg bei Kreuz­nach mit Dronzefibeln, Radeln und Son- gefähe und eine Dronze-Guhform für ein Dronzebeil. Aus der Hallstattzett: Aus dem Salzbergwerk von Hallstatt eine kleine Wohn- hütte derselben Stufe, zwei Dronzearrnringe von Albsheim, eine Kanne mit Doppelhenkel von Beilngries in der Oberpfalz, Bronzefibel mit Fußzier von Dingen und eine Tasse von Finthen. Aus der Frühlatenezeit: Bronzen von dem Grä­berfeld bei Saalfeld, vom Grabfeld bei Biebeln­heim in Rheinhessen, ein Frauengrab und ein Männergrab, ein Hügelgrab bei Mambächel (Rest-Kreis St. Wendel), Scherben einer Urne mit typischem Früh-Latenemufter, Schüssel aus Großbothen (bei Grimma in Sachsen). Spät- latenezeit: Töpfchen von Hochstetten. Aus Rhein­hessen Gräber von Alzey und Rieder-Ingelheim und ein Eisenschwert in Bronzescheide von Wein­heim bei Alzey. Aus der Provinz Starkenburg: ein Kriegergrab von Wallerstädten und ein Grab mit reicher Keramik von Groß-Gerau

Thomas Mann über seine künftigen Werke.

Thomas Mann hat in einem Gespräch mit Oskar Maurus Fontana interessante Mitteilun­gen über die neuen Werke gemacht, an denen er gegenwärtig arbeitet. Außer einemPariser Tagebuch", in dem er einen Rechenschaftsbericht über seine Pariser Eindrücke geben will, be­schäftigt er sich mit einer Reihe historischer Rovellen.Die erste Rovelle," sagte er,be­gibt sich 1400 v. Ehr. in der kanaanitisch-ägyp- lischen Kultur und behandelt, was alsJoseph und seine Brüder" überliefert ist. Aber ich schreibe nicht die Legende wiederum, nicht noch­mals den Mythos, sondern ich möchte das so geben, wie es wirllich geschehen fein könnte, wenn man dabei das Wortwirllich" ge­brauchen darf. Joseph und seine Brüder sind ein ganz ungeheures Thema. Ich könnte darüber

einen Roman vom Umfang desZauberberg" schreiben. Aber ich beruhige Sie gleich. Ich denke nicht daran. Die beiden anderen Rovellen behandeln Philipp II. und Luther und Erasmus. Auch hier ist es das Religiöse, das im Mittel­punkt steht, sowie der Gegensatz verschiedener Kulturen und Weltanschauungen.In Luther und Erasmus eröffnet sich mir der Widerspalt, zwischen den Menschen, denen Offenbarungen zuteil werden und die diese vorwärts tragen, und jenen, die bei aller Wissenserkenntnis im Geformten bleiben, nicht darüber hinanskönnen." Schließlich will Thomas Mann noch seinen Hoch­stapler-Roman ..Thomas Krull" beenden, von dem ja bereits der Anfang erschienen ist: er plant darin eine Parodie auf die Selbstbiogra­phien des 18. Jahrhunderts und will ihn in drei oder vier weiteren Büchern zu Ende bringen.

21115 aller Welt.

Große lleberschwemmungen in Kanton.

Wie aus Kanton gemeldet wird, hat eine große Ueberschwemmung, die eine Folge mehr­wöchentlicher Regengüsse ist, mehrere Dörfer in der Provinz Kanton vollständig vernichtet, lieber 100 Todesopfer sind festgestellt. Der Sachschaden beträgt fünf Millionen Dollar.

Zyklon in der Schwel;.

Aus Bern wird gemeldet: In der Umgebung der Stadt Chaut de Fonds wütete ein furchtbarer Zyklon, durch den etwa 20 Häuser zerstört tourbem Rach den bisherigen Feststellungen wurden drei Personen getötet und zahlreiche verletzt. Die Telphonlettungen find zum größten Seil zerstört. Umfangreiche Waldbestände wurden vernichtet.

Zusammenstöße in Lille.

In der Gemeinde Lomme bei Lille fand gestern trotz behördlichen Verbotes eine Prozession statt. Gleichzeitig hielten die Freidenker der Gemeinde eine Versammlung ab. Nach deren Beendigung kam es zu einer Schlägerei zwischen ihnen und den Katholiken. Die Gendarmerie mußte eingreifen und von der Waffe Gebrauch machen. Etwa 12 Per­sonen wurden verletzt.

Auf der Schelde gesunken.

Ein japanischer Dampfer ist am Sonntagoor- mittng auf der Schelde gesunken. Das Schiff hatte gerade für Japan Ladung an Bord genom­men. Die Mannschaft konnte gerettet werden.

vom Propeller geköpft.

Aus Paris wird gemeldet: Auf dem Flug­platz von Rochefort ere-gnele sich am Samstag ein schwerer Ungluckssall. Ein 25jähriger Flie­gerleutnant sollte nach der Landung sein Flug­zeug bis zum Hangar bringen und warf den Propeller noch einmal um. Er glitt aber auf dem feuchten Boden aus und fiel in den rasen­den Propeller hinein. Der Unglückliche wurde buchstäblich enthauptet.

Anfall des Schnellzuges BerlinBafel.

Wie die Morgenblätter aus Rastatt melden, sind bei der Blockstelle Storchennest zwischen Rastatt und Baden-Oes am Sonntagvormtttag gegen 10,30 Uhr die beiden letzten Wagen des BerlinBaseler Schnellzugs entgleist. Per­sonen sind nicht zu Schaden gekommen, da die beiden letzten Wagen nicht beseht waren.

Unwetter übet Mitteldeutschland.

Das Gewitter, das am Sonntag über ganz Mitteldeutschland lagerte, entlud sich in den Rachmittagsstunden zwischen 3 und 4 Uhr in seiner ganzen Schwere über dem mittleren Saale­gebiet. Der damit verbundene Hagelschlag richtete besonders in den Dörfern bei Weißenfels großen Schaden an. Die vorher aussichtsreiche Ernte ist erheblich in Frage gestellt. In der Stadt Weißen­fels selbst konnte das Wasser nicht schnell genug Abfluß finden, so daß ein großer Teil der Stadt vollständig überschwemmt ist. In den tiefer ge­legenen Stadtteilen sind die Keller fast alle unter Wasser gesetzt. Die Feuerwehr konnte nur in beschränktem Maße Hilfe bringen. Der angerich- tete Schaden ist groß.

Ein IZjähriger Junge an Alkoholvergiftung gestorben.

Ein 13 Jahre alter Schüler hat in 23 u c r i. W. eine solche Ladung Schnaps getrunken, daß er kurz darauf an Alkoholvergiftung gestorben ist.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 14. Juni 1926.

Not-Kreuz-Tag in Metzen.

Nach wochenlangen, mühevollen Vorbereitungen fand am gestrigen Tage zum Besten der Wohlfahrts­einrichtungen des Roten Kreuzes ein Rot-Kreuz- Tag statt. Das ungünstige Wetter des Vormittags beeinträchtigte zwar den Erfolg der überall auf­tauchenden eifrigen Sammlerinnen, dies wurde aber hinreichend ausgeglichen durch den außerordentlich starken Besuch des Kinderfestes am Nachmittag in der Volkshalle.

Die von der Freiwilligen Sanitäts­kolonne aus Anlaß des Rot-Kreuz-Tages gestern vormittag veranstaltete Schauübung hatte in­folge des Regenwetters nicht die Zuschauermenge aufzuweisen, wie dies bei früheren derartigen Ge­legenheiten der Fall war. Die Uebung wickelte sich trotz der ungünstigen Witterung äußerst flott ab und zeigte, daß die seit Jahren erprobte Kolonne auch durch äußere Einflüsse nichts an ihrer Lei­stungsfähigkeit einbüßt. Der Hebung lag folgende Idee zugrunde: In dem Palast-Lichtspielhaus ent­steht während der Vorführung eines Filmes Kurz­schluß in der elektrischen Anlage. In der hierdurch entstehenden Verwirrung drängen die Zuschauer in der Dunkelheit nach dem Hauptausgang Kirchen­platz und dem Notausgang Wetzsteingasse. Bei dem Hinausdrängen kommen eine Anzahl Personen zu Fall und erleiden zum Teil erhebliche Verletzungen. Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz Gießen wird alarmiert. Die Kolonns ist zufällig wegen Teilnahme an einer auswärtigen Uebung zu­sammengerufen und kann mit einer größeren An­zahl Mitglieder sofort zur Unsallstelle eilen. Um 11.26 Uhr wurde die Kolonne alarmiert, 11.29 Uhr erschien bereits das Kolonnen-Sanitäts-Auto, 11.33 Uhr waren 52 Mann der Kolonne zur Ver­fügung, die unverzüglich in Tätigkeit traten. 11.42 Uhr hatte man die Äerlehten aus dem Hause geschaf t und zu den Marktlauben gebracht, wo sie verbunden wurden. 11.53 Uhr waren sämtliche Ver­bände angelegt. Der Abtransport der Verwundeten erfolgte durch zwei Autos, 3 Räderbahren und einer Fahrradbahre. Es war bewunderswert, mit wel­cher Ruhe und Besonnenheit die Anlegung der Ver­bände und der Abtransport der Verletzten erfolgte; jedes einzelne Mitglied der Kolonne wußte, wo es

zugreifen mußte. Nach Schluß der Uebung fand eine Nachprüfung der Verbände durch den Kolonnenarzt Dr. Gros und den Kolonnenführer Kratz statt, die zu Beanstandungen keinen Anlaß bot.

Erfreulicherweise war die Witterung am Rachmittag wesentlich günstiger. Infolgedessen war auch die Vvlkshalle gegen 3 Uhr nach­mittags dicht besetzt. Schon beim Betreten der Halle waren die Besucher überrascht von dem bunten Allerlei, das sich dem Auge durch di« zahlreichen Fahnen und Fähnchen, sowie durch die äußerst geschmackvoll aufgebauten Verkaufs­stände bot. Roch mehr Ueberraschung aber bracht» die Fülle der Gegenstände und Genußmittel, die hier in guter Qualität und außerordentlich preis­wert seilgeboten wurden. Reben Blumen, Luft­ballons, Lampions, Hampelmännern, Zigarren usw. standen Genußmittel, wie Kaffee, Kuchen, Torten. Eis, belegte Brote und warme Würstchen reichlich zur Verfügung. Selbst an Bier und Wein fehlle es nicht. WaS die reichhaltigen Darbietungen dev Deranstaltuna betrifft, so darf wohl für jung und alt der Kinderumzug als das Schönste des Rachmittags bezeichnet werden. Es war ent­zückend, die Kleinen und Kleinsten, meist in ori­ginellen Kostümen, mit strahlenden Augen durch den Saal marschieren, oder auf Rädern, Wagen, Holländern, Rollern fahren zu sehen. geschmückt mit Blumen und Bändern. Von den Zahlreichen Gruppen, die sämtlich zeigten, daß man mit ver­hältnismäßig wenig Mitteln etwas wirklich Schönes bieten kann, wirkten allerliebst der Hew- wagen mit dem kleinen Dauer, der Erntewagen mit der Gruppe der Schnitter und Schnitterinnen. Hänsel und Gretel mit der Hexe, der Margeriten­wagen, die Därengruppe, der Rikolaus mit dem Tintenfaß, die Schmetterlingsgruppe, sowie di« Rote-Kreuzgruppe.

Den musikalischen Teil hatte in freundlicher Weise das hiesige Studenten-Orchester übernommen, das gute Leistungen bot. Einen besonderen Genuß bereiteten die T a n z - V o r- führungen der Gymnastik schule Schu­man n-Grundmann mit deren Einstudierung sich Frau Erna Schumann ein besonderes Verdienst erworben hatte. Auch der vom Gieße­ner RadfahrvereinGermania" aufgeführt« Kunstreigen wurde sehr beifällig aufgenom­men. Im Äebrigen sorgten Ball- und Ringo- werfspiele, Schieß- und Angelsport, sowie ein auf der Empore befindliches Kasperle- Theater für die nötige -Unterhaltung der Kinder. Für die tanzlustige Jugend war eben­falls gesorgt. Die mustergültige Durchführung der Veranstaltung ipar nur dadurch möglich, daß sich weite Kreise unserer Bürgerschaft in uneigennütziger Weise in den Dienst der Sache gestellt hatten. Die zum Verkauf gebrachten Ge­genstände und Genuß mittel wurden zum größten Teil von hiesigen Geschäftsleuten und Privat­personen unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

Soweit sich seststellen ließ, dürfte das finan­zielle Ergebnis des Tages zufriedenstellend sein.

K.

Skagerrak-Feier.

Aus Anlaß der zehnjährigen Wiederkehr des für die deutsche Marine so bedeutungsvollen Tages der Seeschlacht vor dem Ska­gerrak finden in allen deutschen Städten Ge­denkfeiern statt. Auch der Gießener Marineverein veranstaltete am Samstag­abend auf der Liebigshöhe eine gut besuchte Skagerrak-Gedächtnisfeier.

Der musikalische Teil des Abends wurde von der Marinekapelle unter der bewährten Leitung des Herrn Schwarzlose in bester Weise aus­geführt. Schon Der EröffnungsmarschUnsere Marine" brachte die für derartige Veranstaltun­gen unentbehrliche vaterländische Stimmung, die sich noch wesentlich steigerte, als unter den Klän­gen des Präsenttermarsches der Marine die Fahnen der hiesigen Militärvereine eingebracht wurden und eine Flotteicharade stattfand.

In der hierauf folgenden Begrüßung durch den Vorsitzenden des Marinevereins, Post- sekretär Friedrich-Lollar (Steuermann a. D.) wies dieser auf die Bedeutung des Tages hm, bei dein es sich nicht nur um eine Siegesfeier handele, sondern auch um ein Gedenken der Toten, die bei der Skagerralschlacht ihr Leben lassen mußten. Ein Tag zur Ehrung der Toten, ein Tag, der zeigen solle, was deutsche Einheit und Kraft verinag. Er bat, mitzichelfen an dem Wiedererstarken der deutschen Flotte und der deutschen Wirtschaft zu Deutschlands Gröye.

Der hieraus von einem Mitkämpfer bei der Skagerrakschlacht, Kamerad Link, deklamierte Vorspruch hinterließ bei allen Festtecknehmern einen tiefen Eindruck. Besonders interessant war das mit effektvoller Beleuchtung gezeigte Bild: Schiff im Gefecht".

Der GesangvereinHarmonie-Gemüt­lichkeit". der sich für bic Feier in freundlicher Weise zur Verfügung gestellt hatte, bot unter Leitung seines Dirigenten H. Sonntag eine Reihe gutgewählter ©Dore, die außerordentlichen Beifall fanden, so daß sich die Sängerschar zu Zugaben entschließen mußte.

Den Mittelpunkt her Feier bildete der von Admiral a. D. Wilke gehaltene Vortrag über die Seeschlacht vor dem Skager­rak. Der Redner besprach zunächst die Frage, ob und inwieweit Deutschland ein Recht darauf habe, den Sag der Seeschlacht vor dem Skager­rak zu feiern. Er ist der Auffassung, daß däS deutsche Volk sich selbst entehre, wenn es diesen, für die deutsche Flotte so bedeutungsvollen Tag nicht feiern würde. Cs sei ein Siegestag dev Kraft, der Liebe zu Volk und Vaterland, sowie der deutschen Manneszucht. Richt ein deutscher Wafsenerfolg, sondern ein S i e g. Auch in stra­tegischer Hinsicht sei der Kampf vor dem Skagerrak ein Sieg Deutschlands. Die deutsche Flotte habe damals den Befähigungsnachweis erbracht, mit der englischen Flotte auf offener See kämpfen zu können. Der Glaube an die Unbesiegbarkeit der Engländer sei durch die Taten vor dem Skagerrak ins Wanken gebracht. Die Seeherrschaft Englands sei nicht, wie dieses behauptete, gottgewollt Redner erläuterte dann eingehend das Stärkeverhältnis der beiden Flotten und wies an Hand von Zahlen­material die damalige bedeutende Ueberlegenhit der englischen ©treitEräfte gegenüber den deut­schen bezgl. Zahl der Schiffe, Geschütze usw. nach. Die Tatsache, daß die Verluste der Engländer trotz der äleberlegenheit bezgl. der Zahl der Streit­kräfte doppelt so groß gewesen sei, wie die der Deutschen, lasse die Taten unferer Marine voll erkennen. Redner besprach bann eingehend di« Entstehung und den Verlauf der Schlacht. Letzter« zeigte nach den Ausführungen deS Redirers di« ileberlegenheit unserer Artillerie, besonders l unserer Panzersprenggranaten. Dasselbe gilt auch