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Nr. 136 Erster Blatt

176. Jahrgang

Montag, 14. Juni 1926

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vnltk und Verlag: vrühl'sche Univerfitäls-Vllch- und Zteindruckerei R. Lange in Giehen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstraße 7.

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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Polittk Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An« zeigenteil Hans Füstel, jämtlich in Gießen.

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Frankfurt am Main liess.

Gin Aufruf gegen den Volksentscheid.

Berlin, 11. Juni. (TU.) Uns wird folgender Aufruf übermittelt:

An das deutsche Volk'.

Ernste Sorge um Deutschlands Zukunft treibt uns, dem deutschen Volke in letzter Stunde zu sagen, daß dieser frivole Volksentscheid eine schwere Krise heraufbeschwören muß, wenn der sozialistisch-kom­munistische Anschlag gegen das Privateigentum zum Ziele führen sollte. Die gewissenlose Agitation der Linksradlkalen hat sich an ein falsch verstandenes soziales Empfinden und an die Begehrlichkeit ge­wandt und damit das eigentliche politische Ziel dieses revolutionären Kampfes zu verschleiern ge­sucht. In Wahrheit geht es nicht um die Vermögen her Fürsten, sondern um den Grundsatz des Privat­eigentums und damit um die Grundlagen unserer tausendjährigen Kultur. Werden sie erschüttert, dann steht Deutschland in einem politischen Kampf, in dem die Gegensätze mit aller Wucht aufeinander, prallen müssen, in dem unsere schwer ringende Wirtschaft aufs neue gefährdet und das deutsche Volk in innerer Zerrissenheit ohnmächtiger wird denn je. In unserem Daseinskampf tut Einheit not. Wer heute die Massenleidenschaftcn gegen die Grund­lagen des staatlichen Zusammenlebens aufhetzt, der begeht ein Verbrechen an der deutschen Zukunft. Das deutsche Volk darf nicht zulassen, daß ein Ausnahme­gesetz die verfassungsmäßigen Rechte deutscher Staatsbürger beseitigt. Es ist vaterländische Pflicht, alle diejenigen zur Besinnung zu mahnen, denen eine ruhige Fortentwicklung Deutschlands am Herzen liegt. Je geringer die Beteiligung am Volksentscheid, je geschlossener die Abwehrsront gegen die kommu­nistischen Enteignungsversuche ist, desto eher wird das deutsche Volk aus seiner inneren Krills wieder zu ruhiger Entwicklung und zum wirtschaftlichen Wiederaufbau kommen.

Deshalb bleibe jeder am 20. Juni der Abstimmung fern!

Bachmann, Landwirt, M. d. R.; Chefredakteur Baecker, Berlin; Prof. Hermann Bauer, München; Hans Beckly, Verbandsvorsteher; Dr. Becker- Hessen, Reichsminister a. D., M. d. R.; Dr. h. c. Marg. Bebm, M. d. R.; Behrens, Vorsitzender des Zentraloerbandes der Landarbeiter, M. d. R.; von Berenberg-Goßler, Hamburg; Beythien, Verbands- direktor, M. d. R.; Prof. Dr. August Bier; Geheim­rat Dr. Wilhelm v. Bode; Dr. Voelitz, Staats- Minister a. D., M. d. L.; Budjuhn, Handwerks­kammersyndikus, M. d. R.; Drewitz, Bäckermeister, M. d. R.; Geh. Justizrat Dr. Otto Fischer, ord. Pro- fesior der Rechte an der Universität Breslau; Graf Franz von Galen, Burg Dinklage in Oldenburg; Pros. Dr. Gerland, Jena; Graf v.o. Goltz, Vorsitzen­der der V. V. V.; Grosse, Geh. und Oberregierungs- rat; Oberpräsidialrat a. D. v. Hassell, Königsberg; Hovemann, Malermeister, M. d. R.; Heineken, Dr.- Ing. h. c., Präsident des Norddeutschen Lloyd; Heintze, Reichsjustizminister a. D., M. d. R.; Hepp, Präsident des Reichslandbundes, M. d. R.; Prof. W. His, Geh. Medizinalrat; Paul Oskar Höcker; Stadt­rat Humor, München, 1. Vars, des Zentralverbandes deutscher Haus- und Grundbesitzeroereine; v. Hutier, 1. Vors. des D. O. B.; Oberbürgermeister Jarres, Duisburg; Dr. Jörissen, Köln, M.d. R.; Graf Kalck- reuth, Präsident des Reichslandbundes; Keinath, Zentraloerband des Großhandels, M. d. R. ; Kemp» kes, Staatssekretär z. D., M. d. R.; Prof. K. Klinisch; Freiherr v. Korckerinck Borg; Dr. h. c. Koch, Düssel­dorf, M. d. R.; Lic. Graf Korff, Esten; Ladendorff, 1. Dors, des preußischen Landesverbandes der Haus- u. Grundbesitzeroereine, M. d. L.; Lambach, M. d. R.; Frechere von Landsberg; von Lettow-Dorbeck, Gene­ralmajor a. D.; Dr. Adolf Lobe, Senatspräsident, Leipzig; Freiherr Clemens v. Loe, Burg Bergers­hausen; Loenartz, M. d. L.; Freiherr von Lüninck, Bors, der Rheinischen Landwirtschaftskammer Bonn; v. Mackensen, Generalfeldmarschall; Mahraun, Hoch- meister des Jungdeutschen Ordens; Dr. Elsa Matz, M d. R.; Graf Merveldt, M. d. R.; Fabrikbesitzer Otto Moras, Zittau; Paula Müller-Otfried, Vor­sitzende des deutsch-vangelischen Frauenbundes Han­nover; Dr. Paul Oestreich, Chefredakteur; v. Popen, M. d. L.; Geheimrat Dr. Pomtecki, z. Zt. Rektor der Universität Berlin; Rudolf Presber: Beda Prilipp, Vorsitzender des Ringes nationaler Frauen; v. Ra­min, M. d. R.; Geh. Justizrat Prof. Dr. Riester, M. d. R.; Heinrich Rippler, Chefredakteur; Geheim­rat Prof. Dr. R. Seeberg; Seiffert, Landes- erziehungsrat a. D., M. d. R.; Seitz, Gouverneur o. D.; Seldte, Bundesführer des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten Magdeburgs; Dr. Karl Friedrich v. Siemens; Dr. Fritz Skowronek; Pros. Dr. jur. Smend; Direktor Dr.-Jng. Sorge; Prof. Martin Spahn, M. d. R.; Oswald Spengler, München; Hermann Sudermann; Admiral Scheer; Dr. Max v. Schinkel, Hamburg; Schmidt, Stettin, Eisenbahn» oberinspektor, d. M.R.; Wich. Schmidt, Vorsitzender des ReichsbuiDes vaterländischer Arbeitervereine; Gouverneur a. D. Schnee, M. d. R.; v. Schoch, Gene­ralleutnant, Münckvrn; Scholz, Reichsminister a. D., M. d. R.; Admiral v. Schröder; v. Stauß, Bank- direktor; Prof. Dr. Stier-Somlo, Rektor der Uni­versität Köln; Geheimrat Dr. Paul Vogel, Dresden; Wallraf, Staatsminister a. D., M. d. R.; Paul Warncke; Dr. Weilböck, M. d. Rc: Graf Westarp, M. d. R.; Dr. Winckler, M. d. L.; Winnefeld, Berg­mann, M.d. R.; Johannes Wolf, Vorsitzender des Reichslandarbeiterbundes; Pfarrer Wolff-Markowitz, M d. R.; Universitätsprof. Dr. Zischs, Breslau.

Gegen die Zürstenenteignung. Kundgebung der katholischen Edelleute Tüdweftdeutschlands.

Die ordentliche Versammlung des Vereins katholischer Edelleute Südwestbeutfchlands hat einstimmig folgende Entschließung gefaßt:

Vor dem Beginn der Marokko-Konferenz.

Die diplomatischen Verhandlungen über Ma­rokko beginnen allmählich eine konkretere Form anzunehmen. Ihre Hauptschwierigkeit besteht darin, daß sich in di« Auseinandersetzungen zwischen Frankeich und Spanien über di« Liquidierung des Maroklokrieges auch Italien einzuschalten versucht oder schon eingeschaltet hat, indem die italienische Regierung nicht allein in Paris und in Madrid Schritte unternommen hat, sondern darüber hinaus durch ihre Presse den Gedanken einer internationalen Marokko-Konferenz propa­gieren läßt. Frankreich ist natürlich gegen eine solche Konferenz, wie schon aus den Auslassungen der französischen Presse hervorging. In der Kammeraussprache über Marokko hat Driand auch offiziell mitgeteilt, daß eine solche inter­nationale Konferenz überflüssig sei, die Aus­einandersetzungen über die beiderseitigen Aktions­gebiete fänden mit Spanien statt, während mit Italien Verhandlungen über gewisse Punkte schwebten, über die sich der Ministerpräsident aber nicht näher äußerte. Er wies nur darauf hin, daß sie in freundschaftlichem Geiste geführt werden. Wie weit sich die Auseinandersetzungen in dieser Weise fortführen lassen, läßt sich kaum jetzt schon übersehen, da ja die juristische Seite des ganzen Marokko-Problems derart verwickelt ist, daß die Auseinandersetzungen kaum nur auf diese drei Staaten beschränkt bleiben werden. Vor allen Dingen wird ja die Langerfrage eine be­sondere Rolle spielen. Im Tangerstatut von 1923 wurde ein internationales Regime für Tanger eingerichtet. Spanien, das damals, von England im Stich gelassen, nachgeben muhte, hat niemals auf den Besitz der für das Land so wichttgen Stadt verzichtet. Es sucht auch jetzt dadurch, daß es einen Zollkordon um die Stadt errichtet, einen gewissen Druck auf die Mächte auszuübrn. Don besonderer Bedeutung in dieser Beziehung ist die Sondierung Italiens in Madrid, da es das Tangerstatut nicht unterzeichnet und Wohl auf diese Weise versucht hat, sich in die Ausein­andersetzungen zu schalten. Unb darüber werden Wohl auch die Verhandlungen mit Italien ge­pflogen, auf die Briand in der Kammer ange­spielt hat. Das Vorspiel ist also noch nicht ab­geschlossen.

Der Erfolg dieser Unterhandlungen wird erst in Erscheinung treten, wenn in der nächsten Woche in Paris die französisch-spanischen Verhandlungen beginnen- Denn gerade die Tangerfrage wird ein Prüfstein für die französisch-spanisch« Freundschaft werden, das geht schon aus den Lleuherungen' der spanischen Presse hervor, aus denen ein ge­wisses Mißtrauen gegenüber Paris herausklingt, weil man befurchtet, die spanischen Ansprüche könnten nicht voll befriedigt werden Denn man ist sich darüber klar, daß nur die schwere gemein­same Kriegsgefahr die Freundschaft bisher zwi- schenfallos aufrecht echalten hat. Wenn auch die Abgrenzung der Jnteressenzonen nicht erhebliche Schwierigkeiten bieten wird, so bleibt eben die Tangerfrage der Punkt, der ein Konfliktsherd bleiben wird. Dabei wird später auch noch die Frage staick ins Gewicht fallen, ob die Spanier nach Zurückziehung der ftanzösischen Truppen allein imstande sein werden, die Rrche der Rord- grenze des französischen Gebietes zu garantieren, wie sie Frankreich braucht. Die bisherigen Er­fahrungen haben eigentlich das ©egcnteil erwie­sen. So können auch auf diese Weise neue Kcur- f litte heraufbeschworen werden, die auf die Dauer eine ftanzösisch-spanische Freundschaft nicht zu garantieren scheinen. Es ist also anzunehmen, daß sich die Franzosen bei den kommenden Ver­handlungen Garantien zu verschaffen versuchen werden, und das um so mehr, als die längere Unterhaltung französischer Truppen in der Rähe der Küste von England ein unerträglicher Zu- stand sein würde.

Die französisch-spanischen Verhandlungen.

Paris. 12. Juni. (TU.) Die Vorbereitun­gen für die französisch-spanische Ma­rokko-Konferenz, die am Montag in Paris

zusammentritt, haben begonnen. Briand hatte gestern Besprechungen mit General Simon und Marschall L i a u t h e h. Der spanische Bot­schafter Quinones de Leon und General 3 o r- dana werden heute abend in Paris erwartet. General Iordana erklärte vor seiner Abreise in Madrid, daß Spanien und Frankreich in gleicher Weise gewillt seien, die Pariser Kon­ferenz einen günstigen Verlauf nehmen zu lassen. Es werde über nichts verhandelt, was außerhalb des direkten französisch-spanischen Interessen­gebietes liege und nicht durch die Algeciras- Akte sestgelegt sei.

Das3 o u r n a l" glaubt, die Einigung werde leicht hcrzustellen sein. Die Spanier schei­nen entschlossen zu fein, von ihrer Zone effek- ttven Besitz zu ergreifen. Die Berichtigung der Grenze von 1 9 2 5 mache keine Schwierig­keiten. Lieber das Schicksal Abd ei Krims sei noch keine Entscheidung getroffen. Wegen derGrausamkeiten" aber, die er begangen habe, werde seine Behandlung weniger günstig sein, als man zuerst angenommen habe.

spanische Mtterftimmen.

Madrid, 12. 3uni. (WTD.) Die Blätter erklärten übereinstimmend, die übermorgen in Paris zusammentretende französisch-spanische Marokkokonferenz werde sich nicht mit dem internationalen Marokko st atut befassen, das von beiden Rationen vollkommen aufrechterhalten werde. Es handele sich nur dar­um, zu einer Verständigung über einige Punktezu gelangen, die mit der politischen und militärischen Aktion inMarokko zusammen- hängen. Keine anderen Mächte außer Frankreich und Spanien interessieren diese Punkte.

Racion" führt aus: Die in Paris zu treffen­den Liebereinkommen sollen der Befestigung des Friedens und dem Aufbau des Verwaltungsapparates dienen, damit nicht nur die Erfüllung der Aufgaben durch die beiden Armeen in jeder Hinsicht Früchte trägt, sondern auch die Befriedung dergestalt durchgeführt wird, daß jeder neue Oluf - standsversuch unmög lich gemacht wird. Diese Konferenz ist das natürliche Ergebnis der französisch-spanisch en Zusammenarbeit bis zur Llnterwerfung der Stämme. Die Zeitungen unter­streichen und billigen die in London abgegebenen offiziösen Erklärungen, wonach keine inter­nationale Marokkokonferenz einbe­rufen wird.

Um Abd ei Krims Zukunft.

Paris, 14.Juni. (WTB. Funkspruch.)Petit Parisien" will wissen, die heute in Paris beginnende französisch.spanische Marokko konfe» r e n z wrde beschließen, daß Abd e l Krim, seine Verwandten und seine nähere Umgebung, im ganzen etwa 40 Personen, nach einer französischen Kolonie, wahrscheninlich nach Madagaskar depor« t i e r t werden soll. Spanischerseits würde man zwar gern sehen, wenn Abd el Krim den spanischen Behörden als Kriegsverbrecher aus­geliefert werden würde, aber da er sich den Franzosen freiwillig ergeben habe, könnten diese ihn nicht ausliefern. Die in der Gefangenschaft u m - gekommenen spanischen Offiziere, deren Tod die Spanier Abd el Krim zum Vorwurf machen, seien übrigens an Typhus gestorben.

Feindseligkeiten unter den Nif- stämmen.

Paris, 12. Juni. (WB.) Nach Zeitungsnach­richten aus Tetuan hat der Stamm der Achmed als Repressalien für die bei dem Rückzug der spanischen Truppen aus Scheschauen von den Rif- leuten begangenen Massakers sämtliche von Abd el Krim ernannten Kaids ent« hauptet und die Köpfe aus den Märkten herum- tragen lassen. Die Führer dieses Stammes hätten Befehl gegeben, mitleidlos alle nicht den Djebala und den Achmed angehörenden Gomarastämme zu töten. Dieser Befehl sei bereits an einem von Abd el Krim ernannten Vertrauensmann vollzogen worden.

Die Mitgliederversammlung des Vereins katholischer Edelleute Südwestdeutschlands erkennt sowohl in dem Gesetzentwurf des Volksbegehrens wie in wesentlichen Bestimmungen des sog. Kom- vromihentwurfes einen schweren Verstoß gegen das 7. und 10. Gebot Gottes, gegen die Grund­lagen staatlicher Rechtsordnung und gegen die Eigenstaatlichkeit der Einzelläiwer.

Getreu der Heberlieferung des katholischen Adels, ohne Rücksicht auf Gunst von oben oder Stimmung vyn unten, das Recht zu schützen und das Unrecht zu bekämpfen, erheben die Unter­zeichneten mit allem Aach druck Einspruch ge­gen die geplante Vergewaltigung desRechtes.

Der Vorstand des Vereins katholischer et- leute Südwestdeutschlands:

gez.: Anton-Emst Graf und Herr von Aeipperg, 1. Vorsitzender. Hugo Freiherr von L i n d e n, Ehrenvorsitzender. Dr. Albrecht Freiherr von Stohingen, 1. Stellvertreter. Gustav Freiherr von Gemmingen-Horn- b e r g, 2. Stellvertreter. Otijmar Graf von und zu B o d m a n, Schatzmeister. Viola Gräfin von Degenfeld-Schomburg, Schrift­führerin. Elisabeth Gräfin von Bissingen- A r e t i n. Dr. Friedrich Graf von Ober n- dorff.

Schachts Austritt aus der Demokratischen Partei.

Hamburg, 12. Juni. (TU.) DasHamburger Fremdenblatt" meldet in feiner heutigen Abendaus­gabe, daß der Reichsbankpräsident Dr. Schacht aus der Demokratischen Partei ausgetreten ist Man wird wohl in der Annahme nicht fehl gehen, so schreibt das Blatt, daß der Reichsbank­präsident durch die letzten politischen Entscheidungen der Demokratischen Partei zu diesem Schritt veran­laßt worden war. Die Richtigkeit dieser Mel­dung wird auf telephonischen Anruf vom Reichs­bankpräsidenten Dr. Schacht bestätigt.

Hierzu wird aus Berlin gemeldet: Reichs­bankpräsident Dr. Schacht hat in einem Schreiben an den Hauptvorstand der deutsch- demokratischen Partei seinen Austritt er­klärt mit der Begründung, ec habe in Sachen des Volksentscheides zwecks entschädi­gungsloser Enteignung der Fürsten eine positiv ablehnende Stellungnahme der Partei erwartet. Dr. Schacht, der sich in keiner anderen Frage in einem Konflikt mit der Partei befunden hat oder besindet, teilt gleichzeittg mit, daß seine grundsätzliche politische Anschauung unoerändert bliebe.

Die Zrage der Friedensrüstung.

Ein französisch-englisches.Komprotnih.

Genf, 14. 3uni. (TU.) Die militärische Unterkommission der vorbereitenden Ab- rüstungskonferenz hat geftcm nach bei­nahe dreiwöchiger Arbeit die Beratung über den ersten Punkt des Fragebogens abgeschlossen. Bekanntlich betrifft dieser Punkt die theoretische Definition dessen, was man unter Friedens rüst ungen zu verstehen bat. Es ist nunmehr «in Kompromiß zwischen der englischen und französischen Auf­fassung zustande gekommen. Von französischer Seite war aus tmktischen Gründen in den Ver­handlungen der le/jlen 14 Tage versucht worden, den Begriff der Friedenörüstungen möglichst streng zu gestalten und hierbei keine Tren­nung zwischen Der Behandlung der Luft-, See- und Landstreitkräfte zuzulassen, während nach der englische niundamerika- nifchen Auffassung die Seewaffe be­sonders behandelt werden sollte. Der englisch-amerikanische Standpunkt hat sich im großen nicht durchsetzen können. Es ist beschlossen worden, unter allgemeiner Friedensrüstung fol­gendes zu verstehen:

1. die in Friedsnszelten im Dien ff stehen - den Kräfte und Mittel (d. h. die ständig organisierten bewaffneten Mititär. Mächte, das Kriegsmaterial und Betriebe, deren sich die Militärmächte bedienen);

2. die für den Krieg arbeitenden Kräfte und Mittel (Reserven an ausgebildetem Per­sonal, das in Magazinen befindliche Material und alle Reserven jeder Art, die für den Krieg von Bedeutung sind);

3- Kräfte und Mittel, die für den Krieg ver­wendbar sind und während der Feindselig­keiten organisiert werden aus Grund der Hilfskräfte, über die das Land verfügt.

Diese militärischen Kräfte gehören an sich aber nicht zu den eigentllchen Rüstungen. 3n hiesigen politischen Kreisen herrscht allgemein die Ansicht, daß in den Beratungen der nächsten Punkte des Fragebogens sich weitere schwer überbrückbare Gegensätze zwischen der englischen und französischen Auffas­sung ergeben werden. Man erwartet besonders Schwierigkeiten bei der Beratung über Punkt 5, der die Eingliederung der strate­gischen Bahnen in den Rüstungsbegr ff be­trifft. 3m allgemeinen ist man im französischen Lager mit dem Gang der Verhandlungen in der Abrüstungsfrage wenig zufrieden. Die schroff ablehnende Haltung Chamberlains während seines hiesigen Aufenthalts bei der Debatte über den Kompromißvorschlag Lord Robert Cecils und Paul Boncours im Rat hat bei den Franzosen sehr versttmmt. E n g- land weigert sich nach wie vor grundsätzlich, irgend welche konkreten militärischenVer- pflichtungen für den Fall eines Angriffs auf 'einen anderen Staat abzugeben. Paul Bon« cour hat auf diese intransigente englische Hal­tung während der Verhandlungen deutlich hinge« wiesen und nur auf hie sehr eindeutige Haltung Englands hin der Vertagung des Cecil-Boncourschen Vorschlags zugestimmt.

Amerika und der Genfer Schritt Brasiliens.

Paris, 14.3uni. (SU.) Wie der Ver­treter der Drittsh United Preß aus Rio de Ja­neiro meldet, hat der amerikanische Botschafter den brasilianischen Außenminister aufgesucht und der brasilianischen Regierung den Glückwunsch Washingtons zu der Hal­tung Brasiliens in Genf abgestattet. Die Nachricht ist zwar vom amerikanischen Bot­schafter nicht bestätigt worden, indessen lassen hen, daß sie zutrisft. Auch die Vertreter der verschiedene offiziöse Aeußerungen darauf schlie- südamerikanischen Republiken haben dem brasilianischen Präsidenten ihren Glück­wunsch ausdrücken lassen.

Spaniens Verzicht.

Berlin, 12.Juni. (TU.) DieB.Z." meldet aus Madrid: Das spanische Außenmini st e» rium erklärte, daß Spanien im September die Kandidatur für einen nicht st ändigen Natssitz keinesfalls präsentieren wird, da für einen wählbaren Ra tssitz kein In­teresse mehr vorhanden sei, und der Augenblick kommt, daß der Völkerbund Spaniens Anspruch auf einen permanenten Sitz annehmen müsse oder nicht.

Die englisch-russische Verstimmung.

London, 12. Juni. (TU.) Dem biplomati» scheu Korrespondenten desDaily Telegraph" zufolge handelt es sich bei der gestern an S o - wjetrußland gerichteten Note lediglich um eine Präliminarnote, in der deutlich zum Ausdruck gebracht fei, daß, falls diese War­nung nicht genüge, ein Bruch der diploma­tischen Beziehungen erwartet werden könne.

Die Londoner Handelskammer nahm gestern eine Entschließung an, in der darauf ' hingewiesen wird, daß die Londoner Handelskam- mer ständig auf die Notwendigkeit der Anerken- nung der russischen Schulden an England aufmerk- [am gemacht habe, falls befriedigende Han« delsbeziehungen zwischen England