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W. MV iv VvrNanb.

Samstag, 13. November 1926

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

yr. 267 Zweites Blatt

Das große Heimatblatt

Giehener Anzeiger

Das große Anzeigenblatt

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Bestellungen für die zweite UlonatshSlfte nehmen entgegen: in Gießen die GefchSstr- pelle in der Zchulprahe und die Trägerinnen, auswärts die örtlichen vertriebsstellen.

Wohnungsbau und Bevölkerungsbewegung. Don Dr. Ong. h. c. Georg Gothein, Reichsschahminister a. D.

Die Wohnungsnot hat zur Mietszwang s- irtfchaft geführt. Diese wiederum hat die

private Bautätigkeit lahmgelegt, wodurch die Wohnungsnot erneut eine Der- schärfung erfahren hat. Die öffentlichen Ver­waltungen haben helfend eingegriffen und aus der eine schwere Last darstellenden M i e t s - zins st euer Darlehen und Baukostenzuschüsse

Der Resonanzflug der Vögel.

Don Ä. Heller.

Diele Dogelarten treten "<£.£ Frühjahrs- und Herbftwanderungen in gröberer Anzahl gemein­sam an. Teils halten sie eine sofort erkennbare Anordnung inne, teils fliegen sie in Anordnung und Durcheinander. Daß der gemeinsame Flug einen gewissen Dorteil bieten müsse, hat man schon immer vermutet, konnte aber den Beweis dafür nicht erbringen.

Durch Dilderreihen. die der schwedische Orni­thologe Berg von auffliegenden, fliegenden und niedergehenden Dogelschwärmen herstellte, konnte festgestellt werden, daß die Hinteren Dögel die durch den Flügelschlag der vorderen erzeugten Schwingungen der Luft ausnuhen. Selbstverständ­lich können dies immer nur Dögel der gleichen Art sein, da nut diese die gleiche Abstimmung, dasselbe Flugtempv haben. Diesen Flug nennt man Resonanzflug. Dabei versteht man unter

Sorge. Die Aussichten auf eine Wiederwahl Coolidges, die dieser natürlich betreibt, sind durch diesen Ausfall freilich so gut wie vernichtet worden und heute ist aussichtsreichster Kandidat der in Reuhork gewählte Gouverneur Smith aus der demokratischen Partei. Wenn Eooiidge damit eine Niederlage, wenn auch keine entschei­dende erlitten hat, so ist er zu einem groben Teil selbst daran schuld. Ansichere Haltung in der inneren Politik kam hinzu, aber seine Auben- pvlitik, die nach unserer Auffassung sowohl Amerikas wie Europas Interessen durchaus ent­sprach, entbehrt der Tatkraft und des groben Schwunges. Sie vermochte für den Wahlkampf dem Publikum keine groben durchgreifenden Er­folge zu zeigen und hat damit die bekannte Ärittt aus dem demokratischen Lager und der unab­hängigen Republikaner nur verstärkt. Aber Coo- lidge ist ja doch durch einen Zufall aus dem Schatten der Vuepräsidentenftellung in das Licht der Präsidentschaft gerückt worden, und nicht jeder, dem das an dieser Stelle passiert, ist ein Roosevelt, der dann wirklich Führer feiner Ration wurde.

Bei dieser Lage ist der Ausfall der Wahlen am 2. Rovember für Europa doch unbefriedi­gend! Der Senat, als die Körperschaft, die für die Aubenpolitik in Frage kommt, kann, wie gesagt, jederzeit akttonsunfähig werden. Es werden also die groben außenpolitischen Fragen, wie das

werden mub. Aber jede Partei will vor dem eigenen Dolle den Ruhm für sich haben. Da es nicht gelungen ist, bei der jetzigen Wahl der einen und anderen Partei ein entscheidendes Aebergewichl zu sichern, bleibt die Frage ein Gegenstand des Parieistreites im Wahlkampf. In diesem Falle ist nicht der lachende, sondern der weinende Dritte Deutschland, dem beide Parteien gern das Eigentum zurückgeben wollen, weil sie beide vor ihrem Dolke bekräftigen möch­ten, dab Rordamerika in Sacken des Privat­eigentums fest und rein dastehen wolle. Aber beide geben es jetzt eben Deutschland nicht frei, weit keine der Parteien der anderen diesen Er­folg vor der eigenen öffentlichen Meinung gönnt. And wir haben gar kein Mittel, die Entscheidung dieser Frage, die der deutschen Dollswirtschaft sehr erhebliche Beiträge freigeben würde, zu be­schleunigen!

Zweite Frage: Das Schuldcnabkom- men mit Frankreich. Rordamerika wird nicht davon abgehen, die Ratifikation des Ab­kommens zu verlangen. Das bedeutet, dah Frankreich formell diese Schulden als seine Schulden anerkennen muh. Es bedeutet nicht, daß die Zahlung dieser Schulden erzwungen wer­den soll, und es bedeutet zugleich, dah nach der Rattsikation Frankreich jede finanzielle Anter- stützung von Rordamerika mit Sicherheit erwarten kann. Belgien hat soeben dieselbe Erfahrung ge­macht. Es liegt aber auf der Hand, damit wir diese Gedanken auch ohne Illusion zu Ende führen, dah dann eines das aridere aufhebt, dah, wenn Frankreich nach Rattsikation des Schulden- abkommens etwa im Ianuar eine Anleihe in Rordamerika erhält, für Frankreich die Rotwen­digkeit wegfällt, gegen die Bereitstellung des Betrages deutscher Eisenbahnobligationen polittsche Zugeständnisse an Deutschland zu ma­chen. Das ist ja im Kern der eigentümliche Gegensatz und Widerspruch, über den die beiden Außenminister in Thoiry doch wohl absichtlich hinweggesehcn haben, der aber nun einmal vor­handen und da ist.

Letzte Frage: Das deutsche Eigentum in Amerika. Sein Schicksal ist durch den Wahlausfall noch unsicherer geworden, als es bisher schon war. Beide Parteien find ja darin einig, dah dieses Eigentum freigcgeben

inor= und Granitwerke am Mittelrhein, 1884) betei­ligten sich aber nicht allein Gefangene der Burg an den Brucharbeiten, sondern auch freie Arbeiter, die sich allmählich zu kleinen Meistern heranbildeten, um Dann in eigener Arbeitsstätte Gegenstände für den Hausgebrauch und kleinere Grabsteine anzuferrigen. Die Werkstätte in Diez nahm im Laufe der Jahre einen immer größeren Umfang an. Denn neben, den Kunstwerken in der nächsten Umgebung sind die Marmordenkmäler des Rheingaus und der Maingegend in Diez zugeschnitten worden. Als Her­zog Adolf 1847 die Lahnkanäle anlegen ließ, nahm die Lahnmarmor-Industrie einen bedeutenden Auf­schwung. Denn nun konnte man die zentnerschweren Blöcke und fertigen Arbeiten leichter verfrachten und damit den Absatz vergrößern. Doch dauerte der Aufschwung nicht allzulange. Die Fortschritte, die der Lahnbau um die Mitte des 19. Jahrhunderts machte, führte zwar zu einer Verbindung mit den westlichen Ländern, doch bedeutete dieser Fortschritt in Wirklichkeit einen Rückschritt. Frankreich und Belgien überschwemmten Deutschland mit ihren Marmorartikeln, und sie konnten die deutschen Preise unterbieten, weil ihre Arbeit maschinell eingestellt war, während in der Sieger Werkstätte noch alles handgearbeitet wurde, was natürlich zur Folge hatte, daß die Arbeit langsamer und auch teurer war. Auch die Umstellung des Betriebes auf eine rationelle Arbeitsweise vermochte den Untergang nicht aufzuhalten. Diez wurde von der ausländi­schen Konkurrenz erdrückt, seine Werke wurden still- aelegt und die Brüche zerfielen. Das geschah im Jahre 1863. Erst Jahrzehnte später begann man wieder mit dem Abbau. Auf den Weltausstellungen in Brüssel und Chikago waren Marmorportale zu sehen, die höchste Bewunderung erregten. Die Por­tale waren in grauer bis tiefschwarzer Grundfarbe mit weißer, zartrosa und gelblicher Aederung. Dieser Marmor stammte aus unserer nassauischen Heimat und ebenso wie in den Schlößern von Homburg ober Hcchkönigsburg, den Kurhäusern von Ems und Wies­baden würden die Besucher ohne sichtbaren Hinweis nicht gemerkt haben, daß dieser von einer wunder­baren Schönheit ausgezeichnete Marmor deutscher Marmor Lahnmarmor ist. Auch manchen Schreibtisch in feurigrot, schwarz oder weiß, in rosa ober gelb, und der Besitzer weiß ebensowenig wie die

Resonanz die Aebertragung von Kräften und Bewegungen von einem Vogelkörper auf den andern durch eine lose Verbindung, die Luft.

Der fliegende Vogel verseht d^rch den Flügel­schlag die Luft in Schwingungen, denn durch den Flügelschlag entstehen Lustnerdü.mungen und -Verdichtungen. Diese Luftschwingungen breiten sich aus, ähnlich wie die Wellenbewegung des Wassers. Ein zweiter gleichgroßer Vogel mit gleichem Flügelschlag und gleichem Flugtempo kann in einem bestimmmten Abstand hinter dem ersten Vogel so fliegen, daß die von diesem er­zeugten Luftschwingungen seine Flugleistung ver­ringern. In diesem Falle fliegen beide Dögel in Resonanz.

Der Abstand des zwetten Vogels von dem, ersten und die Phasenverschiebung seiner Flügel­schläge lassen sich durch Berechnung genau fest­stellen, und diese Berechnungen stimmen mit den auf den Bildern zu sehenden Phasenverschiebun­gen und Abständen überein. Durch Filmaufnah­men ist zu sehen, wie sich ein Kranich langsam zu einem anderen gesellt und wie er sich allmählich in Resonanz einfühlt.

Warum fliegen nun die Dögel in Resonanz? Dadurch fliegen die rückwärtigen Dögel leichter «als die ersten, die meistens stärker und slug- tüchtiger sind. Hätten sie die gleiche Arbeit zu leisten, dann könnten sie auf dem weiten Zuge nicht folgen. Würde ein Vogelschwarm ohne Reso-- nana aufgeschlossen fliegen, dann müßten die hinteren und schwächeren Vögel mehr leisten als die ersten, derm neben der eignen Flugleistung wären auch noch die Luftschwingungen zu über­winden. die sehr oft dem Flügelschlag entgegen­gesetzt wären.

Auch der dicht aufgeschlossene Flug der Wild­gänse ist ein Resonanzflug. Der Winkel der Front der Dögel zur Flugrichtung entspricht der seitlichen Ausbreitung der Luftwellen. Der öftere Platzwechsel der Wildgänse zeigt auch, daß der Vogel an der Spitze wegen erhöhter Flugleistung abgelöst werden muh.

Die Zugvögel nutzen also bei ihrer Wanderung einen von der Ratur gegebenen Vorteil instinkt­mäßig aus.

Verhältnis Rordamerikas zum Haager Gerichts­hof, die Schuldenfrage und die Frage der Schul- denkonferenz, die Abrüstungsfrage, dieBeteili­gung an den Wirren des Fernen Ostens, die Ent­scheidung über das deutsche Eigentum in den Vereinigten Staaten, noch längs a m e r vor- ankommen als bisher, und das ist für Europa, dessen Fragen zu einem so großen Teil von den Entschlüssen Rordamerikas abhängen, recht u n erf reulich.

Die Zeit bis zur Präsidentschaftswahl lann ja vielleicht darin Aenderungen bringen. Es könnte auf republikanischer Seite eine zielbewuhte und energische Persönlichkeit auftreten, die die Probleme vorantriebe und damit die Blicke für die Präsidentschtttswahl aus sich zöye. Es könnten daneben die Anzeichen einer Wirtschafts­krise, die sich heute etwa im Sinken der Baum­wollpreise oder der Rot der Farmer bemerkbar macht, sich mehren, so wie 1920/21 und damals war damit ja eingeleitet jene große Rückwendung der Vereinigten Staaten, die schließlich zum Dawesplan führte.

An diesen großen Linien wird ja nichts ge­ändert. Es kamt damit infolge solcher innen­politischen Hemmnisse langsamer gehen, aber der Gang ist auch Rordamerika, sozusagen zwangs­läufig, vorgezeichnet. Für den Augenblick heißt das genauer gesagt: Rordamerika begrüßt auch offiziell die Thoirypolittk, wie überhaupt jedes Zeichen der Verständigung in Europa. Aber es unter st ühtsienicht durch liebet- nähme der deutschen Obligationen, weil es diese weltfinanziellen Fragen nach seinem Gedanken der Gesamtlösung entscheiden will.

Lahn-Marmor.

Don Carl Birkenholz.

Das Lahntal zwischen Weilburg und Diez ist weit über die Grenzen Nassaus wegen seiner lanb- schafllichen Schönheiten bekannt und wirb von Freunden ber Natur gern ausgesucht. Was aber bcn meisten Fremben nur wenig bekannt ist, ist bie Tat- fache, baß sich hier bas Lahnmarmorgebiet befinbct. Unb zwar wirb an ben Höhenzügen bes Wester- walbes ber größte Teil bes beutschen Marmors ge- förbert, ber sich ganz besonbers bnrch seine Farben­schönheit unb Farbenvielseitigkeit auszeichnet. Die Nassauer Marmore, bie eine Farbenüppigkeit ohnc- fleichen haben, werben bei Diez, Villmar unb be- onbers in ben Gemarkungen Schupbach, Wirbelau unb Gaubernbach, kleinen Dörfern bei Weilburg, gefunden. Sie erscheinen balb in feurigroten Farb- tönunaen, weiß unb gelb geflammt, balb silbergrau mit schwarzen unb weißen Tupfen, ober in einer Färbung, bie bem Anblick eines Laubwalbes im Herbstkleid ähnelt. Das Auslanb hat keinen farbigen Marmor aufzuweisen, ber sich mit bem Lahnmar- mor messen könnte. All bie Sorten, bie ber Mar­morbruchbesitzer vor bem Kriege nur unter hoch- tonenben fremblänbischen Bezeichnungen, wie Por- venir ober Rojizonazzo verkaufen konnte, haben währenb bes Krieges ihre guten beutschen Namen Brunhildenstetn" unbGrafenstein" wieder er= halten.

Die Geschichte ber Marmorindustrie im Lahntal entbehrt nicht des Reizes. Um die Wende des 17. Jahrhunderts gründeten die Fürsten von Nassau in ihrer Residenz Weilburg a. d. Lahn ein Arbeits­haus, in bem bie Gefangenen mit nutzbringenber Arbeit beschäftigt wurden. Die Sträflinge zogen in Abteilungen nach ben Marmorbrüchen von Villmar, Schupbach und Obersbach unb hier mußten sie bie Marmorblöcke aushauen. Anbere Kolonnen fertig­ten unter Leitung von Steinmetzen (Brabmäler, Altar- unb Kanzelstücke an. All bie herrlichen Mar­morarbeiten im Schloß unb in ber Schloßkirche zu Weilburg sinb batnals entstauben. Das Arbeitshaus wurde im Jahre 1784 von Weilburg in bie Burg »ach Diez a. d. Lahn verlegt. Nach Becker (Sie Mar-

Frau bes Hauses, bie feine geschliffene Marmor­schalen besitzt, baß ber Marmor einBrunhilden- ftein", einSchupbach" einGrafenstein" ober ein Auberg grau" ist. Auch bie nach bem Entwurf des Bilbhauers Schreiner ausgefllhrte Löwenfigur bes Hochhauses in Süffelborf ist aus LahnmarmorWir­belau" gehauen. Ser riesige Block hatte ein Gewicht von 26 000 Kilogramm. Ebenso wirb ber Lahn­marmor zu Sekorationszwecken bei ber Innenarchi­tektur gern verwanbt, benn feine Farbenüppigkeit entspricht einer fast unbegrenzten Derwenbungsmög- lichkeit. In Platten geschnitten, bienen sie zur Her­stellung von Wandverkleidungen, Möbelaufsätzen aller Art, Treppenstufen, zur Ausschmückung von Wohnungen unb vielen anberen Zwecken. Auch ber erst vor kurzem entftanbene Rathausneubau in Rvt- terbam zeigt in Gestalt von Säulen unb Wanbver- fleibungen die Farbenpracht des Brunhildensteiner Marmors.

Lahnmarmor! Wer kennt feine Schönheit, feine Farbenpracht unb Güte? Viel zu wenige wissen bavon, unb doch sinb viele Schlößer, Some, Theater unb Kirchen, öffentliche unb private Bauten mit farbenprächtigem Lahnmarmor geschmückt.

Außenpolittfche Umschau.

Don Professor Dr. Otto Hoehsch, W. d. R.

Die auhenpottttsche Auseinandersetzung der zwei letzten Wochen hat wenigstens über die beiden springenden Punkte zu einer Uebereinftun- mung der Ansichten geführt. Wir stellen auch gern fest, daß die offiziellen und offiziösen Ver­lautbarungen der Regierung dazu die betreffenden Forderungen und E^sichtspunkte der nationalen Opposition ausgenommen haben.

Der eine Punkt ist die Mllrtarkon- trolle. Das von der Opposition immer be­tont wurde, ist nun auch Standpuatt der Regie­rung: dah eine fruchtbare Arbeit Deutschlands im Völkerbund, wie sie jetzt am 6. Dezember aus der ersten Ratsversammlung in Genf praktisch eintet)en soll, schlechterdings unmöglich ist bei Fortbestehen dieser Einrichtung. Hinzu kommt, wie mit Recht gesagt wird, daß diese Ratsver­sammlung sich mit der I n v e st i g a t i o n s - frage beschäfttgen soll und dah eine Beratung darüber unter Weiterbestehen der militärischen Kontrolle geradezu lächerlich widerspruchs­voll ist. Die Voraussetzung jeder Erörte­rung über diese Jnvestigattonsfrage ist doch, dah zunächst einmal die Militärkontrolle auf den Dölkerbundübergegangen, und daß die interalliierte Militärkommission verschwun­den sein muh. Deshalb begrüben wir es, dah nunmehr die Regierung sich dieses Ziel gesteckt hat und zwar in einer gewissen absehbaren, nahen Entfernung, die ja durch den Termin der Völkerbundsratsversammlung gegeben ist.

Der zwette Punkt, über den Uebereinftim- mung besteht, ist, dah dir Mobilisierung der deutschen Eisenbahnobligat i o- n e n als Voraussetzung eines wesentlichen Be­standteiles, des wesetttlichsten Bestandteiles der Thoiry-Polittk, nämlich sranzösischer Zugeständ­nisse, daß dieses zwischen Deutschland und Frank­reich in Aussicht genommene Finanzgeschäft ohne Zustimmung und llnterstützung Rordamerikas nicht möglich ist. Der Kanzler hat selbst vor seiner Partei in Erfurt ausgesprochen, daß das so sei und dab Amerikas Zustimmung weiter an die Ratifikation des Schuldenabkommens durch Frank­reich geknüpft ist. Das ist nun genau das, was von seilen der nationalen Opposition von An­fang an, sobald die sogenannte Idee von Thoiry überhaupt ausgesprochen wurde, betont wurde. Lassen wir, nachdem nun diese Klärung und Äebereinstimmung erzielt worden ist, beiseite, was in den Wochen zwischen Thoiry und jetzt von feiten der deutschen Außenpolitik verfehlt worden lein mag. Denn uns scheint wichtiger, das) so eine llebereinstimmung das her­aushebt: Der Kampf gegen die Militärkontrolle als allernächstes Ziel und die Einsicht, dah, so wichtig und erfreulich eine sogenannte Teillösung von Thoiry namentlich für das Rheinland wäre, die ganz großen Interessen Deutschlands an einer .Gesamtlösung", wie sie den führenden Amerikanern vorschwebt, nicht verletzt und preis- gegeben werden dürfen. Wir nehmen an, daß die Ratssitzung, die am 6. Dezember in Genf beginnt, und auf der Deutschland zum ersten Mal mitai itend auf tritt, Gelegenheit gibt, den Faden von Tyoirh weiter zu spinnen, ohne daß wir recht zu sagen wüßten, auf welche konkrete Ziele diese deutsch-französischen Besprechungen jetzt unmittel­bar hinsteuern könnten.

Die Gesamtlösung, die den amerikanischen maßgebenden Männern vorschwebt wird sie durch den Ausfall der amerikanischen Wahlen zu Repräsentantenhaus und Senat am 2. Rovember berührt? Dieser Wahlkampf ist ziemlich unklar und mit großen lokalen Derschie- denheiten, fast nur unter innen politischen Ge­sichtspunkten ausgefochten worden, und diese: Korruption, Rot der Farmer, vor allem die Prohibition haben den Demokraten Erfolge zuge­führt. Diese Erfolge sind in keiner Weise ent­scheidend, aber sie genügen, mit der Zunahme der Demokraten und indem die sogenannten un­abhängigen Republikaner vor allem im Senat das Jünglein an der Wage bilden, den Kongreß arbeitsunfähig zu machen. Dergleichen ist in der amerikanischen Geschichte nicht selten. Ziemlich oft hat ein Präsident mit einer Kongreßmehrheit ber anderen Partei und solchen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt. Auch ist das nicht unsere

gegeben, ohne dem Hebel damit ausreichend steuern zu können. ReuerdingS wird in Preußen und anderen Staaten eine weitere gewaltige Gr- höhuna der Mietszinssteuer erwogen, um aus dem Ertrag mehr Wohnbauten finanzieren au i können. Daneben sollen weitere sehr erhebliche Mittel aus der produktiven Arbeitslosenuntcr- i stützung dem Wohnungsbau zugeführt werden.

Bereits 1919 habe ich schwere Zweifel an der Zweckmäßigkeit der WohnungSzwangs- wirtschaft geäußert; habe vorausgesagt, daß der private Wohnungsbau damit lahm gelegt werde und die öffentliche Hand dann Ausgaben übernehmen müsse, denen sie weder finan­ziell noch verwaltungsmäßig ge- gewachsen sein würde Set Wunsch, möglichst KleinhauSsiedlungen zu schaffen, hat zudem den Städten ganz ungewöhnliche Kosten für Straßen­bau mit Kanalisation, Wasserleitung, Gas- und Elektrizitätsversorgung auserlegt. Ie weitläufiger gebaut wird, desto größer werden sie auf den Kops der neu mit Wohnung Versorgten, desto mehr muß auch das Retz des öffentlichen Ver­kehrs ausgebaut werden.

Doch das nebenbei. Hier soll die Frage geprüft werden: Wie lange und In wel­chem Umfange wird die CB e d B Ifc- rungsbewegung in großem Maßstäbe die Schaffung neuer Wohnungen er­fordern?

Während des Krieges und auch im ersten Iahre nach ihm stockte der Wohnungsbau voll­ständig. Heber 5,5 Millionen Menschen waren in dieser Zeit aus dem Geburtenüberschuß der Vorkriegsjahre ins heiratsfähige Alter vorge­rückt. Ihnen standen 1 850 000 Todesverluste In­folge des Krieges gegenüber. D i e Zahl der Eheschließungen, die im Durchschnitt der Iahre 1901 bis 1910 nur 484 650 betragen hatte und während des Krieges bis auf 278 000 zurück- gegangen war, hob sich 1919 auf 844 360, im Iahre 1920 sogar auf 894 879, um dann langsam auf 731 157 in 1921, auf 681 891 in 1922. auf 581 277 in 1923 zu sinken: sie Hai in 1925 mit 482 518 die Dorkriegsziffer nahezu wieder erreicht.

Die zahlreichen Kriegswitwen, die sich nicht wieder verheirateten, behielten schon der Kinder wegen ihren eigenen Hausstand bei. Die Mädchen, die nach den ungeheuren Kriegs­verlusten an heiratsfähigen Männern keinen ' Mann finden, führen auch nach dem Tode der Eltern oder bet selbständigem Erwerb einen eigenen Hausstand. Auch der beträchtliche Rück­gang der Sterbeziffer von 19,7 im Durchschnitt der Iahre 1901 bis 1910 auf 12.6 v. T. in 1925 verzögert das Freiwerden von Wohnungen. Die Zahl der Haushalte nahm daher zu, wobei allerdings die durchschnittliche Kopfzahl der ein­zelnen Haushalte zurückging. Das tote die all­gemeine Verarmung verminderte die Rachfrage nach groben, vermehrte die nach kleinen Wphnungsn.

Die drängende Rachfrage nach Wohnungen wird aber nicht von Dauer sein. Infolge des Kriegs haben wir von 1915 bis 1919 einen Ge­burtenausfall von über 3,7 Millionen Menschen gehabt. 18 Iahre später, wo das heiratsfähige Alter beginnt, also von 1933 ab haben wir daher mit einem furchtbaren Rück­gang der Eheschliebungen zu rechnen. In den Iahren von 1938 bis 19^8 a>ird allein der daraus folgernde Ausfall an Eheschließungen . (ba 60 v. H. aller Frauen untcc 25 Iahren heiraten), zwischen 1 bis 1,1 Millionen betragen ( und also auch einen solchen von Haushaltsgrün­dungen nach sich ziehen.

Aber auch nach dieser Zett haben wir mit sehr viel weniger Eheschließungen als zur Zeit bzw. vor dem Kriege zu rechnen. Denn die Rachkriegsehen sind sehr viel weniger fruchtbar, als die der Vorkriegszeit, was durch die rück­gängige Sterbeziffer nicht entfernt ausgeglichen wird. Hatten wir von 1901 bis 1910 noch eilten durchschnittlichen jährlichen Geburtenü berschuß von 866 000, so 1925 nur noch von 511 000, also ein Weniger von 353 000; das macht von 1938 ab weiter ein jährliches Manko von über 100 000 Eheschließungen aus unb ba inzwischen auch der Ausfall der in höherem Alter als 25 Iahren heiratenden Frauen hinzukommen, haben wir gegen das Ende des nächsten Jahrzehnts mit einem Minder an Haushaltungen von 1,5 bis 2 Millionen zu rechnen. Mit ber Verminderung der Zahl der Ehen und deren geringerer Frucht-

tag, 14. 11., m. lOUbr mgeprobe erciaSiokal. .EricheMNw wünsch!

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