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Nr. 61 Zweiter Blatt

Samstag, 13. Mär; 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

gur Reform des höheren Schulwesens in Hessen. Von Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Horn

in Gießen.

Seit Jahren ist in Hessen von einer Reform des höheren Schulwesens die Rede. Im Jahre 1925 hat das Landesamt für das Bildungswesen Pläne uorgclegt, die eine weitgehende Umbildung des hes­sischen Schulwesens bezweckten. Sie haben großes Aufsehen erregt und sind auch in der Oeffentlich- fcit lebhaft besprochen worden. Damals haben auch die hessischen Hochschulen, die Landes-Universität und die Technische Hochschllle sich in ausführlichen Gutachten geäußert. Nunmehr legt die Regierung einen gedruckten Entwurf der Lehrpläne für die höheren Schulen vor. Diese Lehrpläne sollen ohne weitere Erörterung sofort, an Ostern 1926, in Kraft treten; sie sollen bis Ostern 1928 erprobt werden.

lieber die Entwürfe hat Oberstudiendirektor Dr. Otto Keller, M. d. L., in Büdingen im Gießener Anzeiger" vom 4. März ausführlich und sachkundig Bericht erstattet. Es sei mir als Universitätslehrer gestattet, auch meinerseits mich dazu zu äußern. Ich kann nicht alles sagen, was ich oorzubringen hätte; ich beschränke mich auf die Hauptsache. Was ick hier sage, ist nicht nur meine eigene Meinung, sondern auch die Meinung der Landesuniversität.

Die Lehrpläne unterschieden sich ganz erheblich von den Stundentafeln, die im Jahr 1923 vorge­legt worden waren. Sie stellen in Wirklichkeit etwas Neues dar. Der Entwurf enthält vieles sehr Be­achtenswerte, das man gern begrüßen wird. Nicht nur die allgemeinen Richtlinien bieten viel Vor­treffliches und lassen erkennen, daß ein erfahrener und umsicktiger Pädagoge sie ausgearbeitet hat, auch manche Erörterungen über die Aufgabe und Methode des Unterrichts in einzelnen Lehrfächern sind beherzigenswert. Daneben aber enchalten die Lehrpläne anderes, was große Bedenken hervor­ruft.

Um so bedauerlicher ist es, daß die­ser Entwurf nicht vor seiner prak­tischen Durchführung zur Erörterung ge ft eilt roorben ist.

Die neuen Lehrpläne werden freilich als vorläu­fige hingestellt, die zunächst erprobt werden sollen. Aber ist es richtig, in so wichtigen Dingen Versuche zu machen, ehe alle sachverständigen Stellen gehört worden sind? Und wohin soll es führen, wenn nach zwei Jahren sich in grundlegenden Dingen Aende- rnngen als notwendig erweisen?

Es muß festgestellt werden, daß insbesondere der Landes-Universität keine Gelegenheit gegeben worden ist, zu den neuen Plänen Stellung zu nehmen. Es ist doch nicht zu verkennen, daß die Landes-Universität einen Anspruch darauf hat, bei einer Schulreform mitzuwirken, die die Vorbildung der Studierenden erheblich berührt. Das Landes­amt'für das Bildungswesen hat vor einigen Jah­ren ausdrücklich anerkannt,daß die Landes-Uni­versität in höchstem Maße an der Lösung der Pro­bleme der Neugestaltung des Unterrichtswesens in Hessen interessiert und zur Begutachtung der zu entscheidenden Fragen mit in erster Linie be­rufen ist".

In den vorgelegten Lehrplänen werden vier Schulgattungen behandelt (Gymnasium, Realgymna­sium, Reformrealgymnasium, Oberrealschule); für zwei weitere (Ausbauschule, Studienanstalt) stehen die Pläne noch aus.

Die V i e l g e st a l t i g k e i t ist das Auffal­lendste an der neueren Entwicklung des Schulwesens in Deutschland. Was eine solche Vielgestaltigkeit bedeutet, werden diejenigen Eltern erfahren, die von einem Ort an einen anderen mit einem an­deren Schulsystem versetzt werden. Die Zersplitte­rung des Bildungswesens'birgt noch eine größere Ge­fahr in sich: sie wirkt der von uns allen ersehnten Herausbildung einer größeren Einheitlichkeit des deutschen Volkes entgegen. Für die Universitäten ist die Zersplitterung besonders mißlich. Die Uni­versitätslehrer werden künftig nicht mehr wissen, was sie bei ihren Hörern voraussetzen können. Be­sonders die sprachliche Vorbildung, die für jegliches Studium von Wichtigkeit ist, wird ganz wirr: da gibt es Studenten von Gymnasien, die Lateinisch, Griechisch, Französisch können; andere vom Realgymnasium, die Lateinisch, Französisch, Englisch können; wieder andere vom Reformgym­nasium, bei denen leider die lateinischen Kenntnisse geringer sind; andere von der neuen Oberreal-

Neue Briefe von Wilhelm Busch.

Die illustrierte ZeitschriftDie Kunst" druckt tn ihrem Märzheft eine Reihe bisher nicht ver­öffentlichter Briefe von Wilhelm Busch ab, von denen wir mit der Erlaubnis des Berlages hier eine Probe bringen. Der Brief ist an seine alte Freundin, die Frau Bankier Kehler in Frankfurt a. M. gerichtet.

München, 8. H. 1877.

Liebe Tante!

Ich bin noch immer in einem gelinden Dusel. Bälle, Einladungen, maskierte Kneipen wechseln miteinander ab. Es ist mir, als litt ich an einer mäßigen Kraickheit, an die man sich schließlich ge­wöhnen muß. Zu aUedem explodierte noch eine Schachtel schwedischer Sicherheitszündhölzer (daher der Rame) in meiner rechten Hand, so daß die Rägel schmolzen und anitzo die Fingerspitzen aufplatzen.

Mit dem Malen ging es folgendermaßen: Als meine Bekannten davon hörten, hieß es: Thun Sie das doch nicht! Bleiben Sie bei dem, womit Sie uns aUen Pläsir machen!" Lenbach setzte mir von seinen modernen Farben auf die Palette. Ich blieb aber hartnäckig bei meinem Ocker und meiner Manier, stahl mir ein Paar katzenjämmerliche Morgenstunden, wo ich allein fein konnte, und malte ein paar ungenirte Skizzen hin. Run kam erst der Gedon und sagte: 3a, das hab ich halt nicht gewußt! Dann Seitz und Lossow und sagten: 3a, das ist ja was die Diezschule will! und so fort Einer nach dem Andern bis 5um Prinzen Ludwig nebst Gemahlin. Dies alles wäre natürlich sehr schön, wenn ich nicht das peinlich kümmerliche Gefühl hätte, daß ohne ein stilles Plätzchen nichts ordentliches für mich ?u machen ist. Ich male meist abends bei Lampen- icht nach der Ratur, aber das hilft nicht viel. Hoffentlich findet sich ein Atelier, das ich be­halten kann, wenn ich auch nur den vierten Theil des Iahres hier wäre.

Bon allen Bekmmtschaften interessiert mich eigentlich nur eine ftmge talentvolle Spanierin

schule mit Französisch und wenig Englisch ober mit Englisch und wenig Französisch; anbere von der Aufbauschule mit so viel Verschiedenheiten in der sprachlichen Vorbildung, als es Anstalten gibt.

Die einzelnen Schulgattungen sollen sich dadurch unterscheiden, daß in jeder gewisseKernfächer" besonders betont werden. Der Schüler kann also nach seiner Begabung die ihm zusagende Schul- gattung wählen. Das ist, so scheint es, ein idealer Zustand. Aber hat jeder Schüler eine besondere Begabung für besondere Fächer? Und weiß er es frühzeitig genug? Und lebt er gerade an einem Ort, der ihm die gewünschte Schulsorm bietet? An den meisten Orten ist nur eine höhere Schule vor­handen, und die muß er besuchen, ob sie ihm paßt ober nicht.

Die stärksten Bedenken hat die Universität zu erheben gegen d i e geplante neue Gestal - tu n g der Oberrealschule. Sie soll eine wesentlich mathematisch-naturwissenschaftliche Schule werden. Gegenüber dem bis jetzt geltenden Lehr­plan der Oberrealschule soll die Gesamtzahl der Wochenstunden in Mathematik (50) beibehalten, in den Naturwissenschaften erhöht werden von 35 auf 37, dagegen soll die Gesamtzahl der Wochenstunden in den Fremdsprachen erheblich vermindert werden, in der ersten neueren Fremdsprache von 42 auf 37, in der zweiten von 23 auf 18. Besonders in den oberen Klassen sollen künftig die Fremdsprachen stark zurücktreten; der zweiten Fremdsprache sind in den letzten Jahrgängen nur noch 2 Wochenstunden vorbehalten gegenüber 7 in Mathematik und 6 in Naturwissenschaften. Diese fremdsprachliche Ausbildung ist zu gering. Wir brauchen dringend die Kenntnis fremder Sprachen, heute mehr denn je, und gerade auch die künftigen Naturwissen­schaftler und Techniker können dieser Kenntnis nicht entraten.

Es ließe sich darüber reden, ob eine einseitige Betonung der Mathematik und Naturwissenschaften vielleicht berechtigt wäre bei Schülern, die für diese Fächer besonders begabt sind. Aber die Schule will ja nicht für einen bestimmten Beruf vorbereiten, sie will eine harmonische Ausbildung bieten. Wenn das der Fall ist, wird man fragen müssen, ob nicht gerade für Schüler mit einseitig mathematischer Anlage die Beschäftigung mit fremden Sprachen besonders wichtig wäre. Und schließlich: Sind denn die Menschen, die für Mathematik besonders begabt sind, so häufig, daß sich die Einrichtungmathe­matisch-naturwissenschaftlicher Gymnasien" (so wollte man 1923 die Oberrealschulen nennen) rechtfertigt? Ein erfahrener Schulmann, Direktor Keller, sagt uns, daß mathematisch besonders beanlagte Na­turen bei der männlichen Jugend nicht häufig, bei der weiblichen sogar eine Ausnahme seien. Jedenfalls ist die Zahl der mathematisch begabten Schüler in Hessen nicht entfernt so groß wie die Zahl der Schüler, die Realschulen und Oberreal- schulen besuchen. In Hessen besuchten im Jahre 1925: die Gymnasien und Progymnasien 2529 Schüler, die Realgymnasien 1763, die Realschulen und Oberrealschulen 9103. Es kann gar keine Rede davon sein, daß die vielen tausend Schüler der Realschulen und Oberrealschulen zu einem erheb­lichen Teil deshalb diese Schulen aufgesucht haben, weil sie eine besondere Anlage zu Mathematik und Naturwissenschaften in sich verspürt haben; sie hatten vielmehr in den meisten Fällen keine andere Wahl.

Es werden ja hoffentlich manche Oberrealschulen und Realschulen bei der bevorftehenden Neuordnung in Realgymnasien und Prorealgymnasien umge­wandelt werden; aber Tausende hessischer Schüler werden auch künftig in die mathematisch-natur- wisienschaftlichen Schulen hineingezwungen werden. Sie sind bann nur noch für das Studium der Machematik und der Naturwissenschaften aus­reichend vorbereitet; aber gerade die Mathematiker, Naturwissenschaftler und Mediziner der Landes- universität haben sich schon im Jahre 1923 ent­schieden dagegen ausgesprochen,daß die Schüler mit Mathematik und Naturwissenschaften überfüttert werden". Sie waren und sind vielmehr der Mei­nung,daß eine harmonische Ausbil­dung nur bet stärkerer Betonung der sprachlichen und geschichtlichen Fächer gewährleistet wird". Auch die technische Hochschule fordert mit Nachdruck eine aus­reichende Vorbildung in den sprachlich-geschichtlichen Fächern. Unsere Zeit bemüht sich, aus dem Mate­rialismus herauszukommen; wie paßt in diese Zeit eine Schule hinein, die gerade diejenigen Bildungs­elemente zurückdrängt, die man im weitesten Sinne als humanistisch bezeichnen kann?

mit pechschwarzen Haaren aus Paraguay, die ich übermorgen Abend malen werde. Die für das Glas bestimmten Figuren scheineir mir für das Treppenhaus doch gar zu unbedeutend. Mir liegt eine Gobilimmitation im Sinn, womöglich nach bekannten Darstellungen. Bielleicht findet sich ja aber auch ein eigener Einfall, der einigermaßen paßt.

Leben Sie recht Wohl, liebe Tantel Tlnd herz­liche Grüße an Alle Ihr Wilh. Busch.

Spiele des Zufalls.

Von Fritz Adolf Hünich.

Wie Blumenfamen, den der Wind verträgt, so verbreiten sich die Keime, aus denen die Werke der Dichter wachsen, durch die Welt. Hierfür zwei charakteristische, noch wenig be­kannte Beispiele. Dienstag, den 17. August 1847, erschien in derLeipziger Zeitung" die folgende Rotiz:Leipzig, 16. August. Heute fand man in der Bähe von Äeusellerhausen die Leichname eines Iünglings und eines jungen Mädchens, die Beide durch einen Pistolenschuß getötet worden waren. Man vermutet, daß der junge Mann zuvörderst das Mädchen und dann sich selbst getödtet, und die Ursache dieser schrecklichen That unglückliche Liebe gewesen fein möge. Doch ist allerdings noch nichts Näheres ermittelt wor­den. Ein Flurschütz soll frtUj zwischen 2 und 3 Uhr die zwei Schüsse fallen gehört haben." Am 2. September gab dasLeipziger Kreis- blatt", das Organ der Amtshauptmannschaft, bekannt:Dollmarsdorf. Am 16. August hat der achtzehnjährige Handarbeiter Gustav Wil­helm von hier durch einen Pistolenschuß die sechzehnjährige Auguste Abicht, Wollarbetterin, getödtet und bann sich selbst erschossen." In­zwischen hatte die Kunde von dieser Begebenhett schon ihren Weg in die Ferne angetreten, und am 3. September konnten die Züricher in ihrer Freitagszeitung" unter der Rubrik Sachsen lesen: Im Dorfe Altsellerhausen bei Leipzig liebten sich ein Iüngling von neunzehn Iahren und ein Mädchen von siebzehn Iahren, beide Kinder armer Leute, die aber in einer tödtlichen Feind--

Seither konnten noch viele Abiturienten ber Oberrealschule auch anbere als mathematische und naturwissenschaftliche Fächer fhibieren. DieBerech­tigung" zu Viesen Stubien werben sie auch nach Abschluß ber Schulreform noch haben. Aber was hilft bie Berechtigung, wenn bie Grundlagen zu einem gedeihlichen Studium fehlen! Diese Grund­lagen werden nicht von Menschen gemacht, sie liegen in ber Sach e. Bielen Oberrealschülern fehlte seit­her für Studien auf den verschiedensten Gebieten die genügende Kenntnis des Lateinischen. Viele Prüfungsordnungen verlangen Lateinkenntnisse, z. B. die Prüfungsordnung für das höhere Lehr­amt für alle sprachlich-geschichtlichen Fächer, die Prüfunysordnungen für Juristen, Mediziner, Forst­leute usw. Man kann jedem Oberrealschüler, der sttidieren will, nur den dringenden Rat geben, den wahlfreien Lateinunterricht zu besuchen und im Maturum die Lateinprüfung abzulegen. Auf der Universität können die erforderlichen Lateinkennt­nisse in Ergänzungskursen nur mühsam und un­zureichend erworben werden. Es ist eine schwere BeeinträchtigunA ihres Studiums, wenn Studenten in den ersten Semestern mit dem schulmäßigen Er­lernen fremder Sprachen belastet werden; nur zu

oft wird dadurch die Studienzeit in die Länge ge­zogen, und das werden viele Eltern in den jetzigen Seiten unangenehm empfinden.

Nach dem neuen Entwurf soll nunmehr die sprachliche Vorbildung der Overrealschüler noch weiter verringert werden: nunmehr soll auch noch die neusprachliche Vorbildung er­heblich beeinträchtigt werden. Da muß denn die Universität ernstlich fragen, ob die Vorbildung, die bie Oberrealschule künftig bietet, überhaupt noch eine genügende Grundlage abgeben kann zum Studium, insbesondere zum Studium geisteswissen­schaftlicher Fächer (Jurisprudenz, Geschichte, deut­sche, französische, englische Sprache und Literatur usw.). Die Eltern, die darauf bedacht sind, ihren Kindern eine möglichst freie Wahl des Berufs zu gewährleisten, werden es sich künftig sehr überlegen müssen, ehe sie ihre Kinder in eine Oberrealschule neuen Stils schicken.

Auf diese Gefahren rechtzeitig und nachdrücklich hinzuweisen, hält die Universität für ihre Pflicht. Man kann nur wünschen, daß die Reformoläne, die solche Gefahren in sich bergen, nicht Wirklichkeit werden.

Eisenbahnverkehrrwimsche des Messer Gietzen.

Im Aufgabenbereich der verkehrspolitischen Arbeit für unsere engere Heimat nimmt das Gebiet des Etsenbahnsahrplanes eine besonders hervorragende Stelle ein. Daß es dort viel zu verbessern gibt, zeigt ein Blick auf die Fahrplantafeln oder in das Kursbuch und bekunden die häufig auftretenden Klagen in der Presse, in Versammlungen und in Eingaben an die Behörden. Die Berechtigung des größten Teiles der vorgebrachten Eisenbahnverkehrs­wünsche wird die Reichsbahnverwaltung wohl auch nicht bestretten; aber sie muh eben bei der Prüfung aller Wünsche immer das große Ziel ausschlaggebend fein lassen: den Betrieb nach kaufmännischen Grundsätzen rentabel zu gestalten. 'Das schließt natürlich nicht aus, hier und da auch reine Zuschußbetriebe weiterzuführen; aber man wird an der maßgebenden Reichsbahnstelle doch wohl immer bestrebt fein, derartige Betriebe nicht allzu tiefwirkend auf die Rechnung werden zu lassen, und man wird sich ferner bemühen, einer Vermehrung der Zahl der Zuschußbetriebe die größten Schwierigkeiten zu bereiten. Es liegt auf der Hand, daß bei dieser Auswirkung des kaufmännischen Prinzips der Reichsbahn die Fahrplanwünsche der Bevölkerung in den aller­meisten Fällen auf dem Papier stehen bleiben. Wenn wir es heute trotzdem unternehmen, erneut für die Erfüllung von Eisenbahnver­kehrswünschen des Kreises Gießen einzutreten, so leiten uns dabei Gedanken, deren Umsetzung in die Tat u. E. der Bevölkerung bessere Dertehrsmöglichkeiten bieten würde, ohne die Reichsbahn deswegen in ein unannehmbares Risiko zu stürzen.-

Betrachten wir zunächst den Fahrplan der Strecke Gieße nF u l d a. Zwischen 8.16 vor­mittags und 12.30 mittags ist hier in der Rich­tung nach GrünbergAlsfeld keinerlei Derkehrs- möglichkeit. Eine recht lange Pause, während die Verhältnisse am Rachmittag wesentlich gün­stiger sind. Sollte es nicht möglich sein, diese lange Betriebspause durch die Ginlegung einer Zwischenverbindung zu beseitigen? Wir denken, um es sofort zu sagen, in diesem Zut- sammenhang an eine Triebwagenfahrt. Bis vor wenigen Iahren waren diese Betriebs­mittel ja sehr oft zu sehen, ihre Verwendung muß also doch wohl für die Bahn vorteilhaft gewesen sein. Was damals richtig und gut war, sollte das heute falsch sein? Rehmen wir an, die Bahnverwaltung würde gegen 10 Uhr vor­mittags einen Triebwagen in der Richtung Grün­berg laufen lassen, so hätten die Landbewohner, die 7.54 Uhr früh ans der Richtung ®cüro­her g hier eintreffen und nur kurze Geschäfte zu erledigen haben, Gelegenheit, etwa 2l/z Stunden früher wieder heimzufahren als jetzt, ein Zeit­gewinn. der namentlich im Sommer für das Landvolk sehr wertvoll ist. Es dürfte aber wohl ratsam fein, diesen Triebwagenlauf noch zu er­weitern, und dafür käme u. E. vor allem die Strecke Mücke Hungen in Betracht. Wer z.B. 6.25 Uhr früh in Qaub a<$ abfahren würde, um Angelegenheiten in Gießen zu be­

sorgen, hätte in Mücke 7.01 Uhr Anschluß nach Gießen, wo er um 7.54 Uhr früh einträfe. In zweistündigen Besorgungen könnte hier allerlei geschafft und gegen 10 Uhr mit dem Trieb­wagen heimgefahren werden. Rechnen wir fiir den Triebwagen ungefähr die Fahrtzeit des Dampfzuges, so könnte der Laubacher Zeit­genosse mittels birefter Triebwagenfahrt von Gießen nach Laubach gegen 11.30 Uhr mittags schon wieder in seinem Wohnort sein, während er unter den gegenwärtigen Derkehrsverhält- niffen erst kurz vor 2 Uhr nachmittags wieder daheim eintreffen kann. Also auch in diesem Falle wesentlicher Zeitgewinn. Da die Orte zwischen Laubach und Hungen in der Zeit von 83/4 Uhr morgens bis 2 ifijr nachmittags jetzt eben­falls keine Eisenbahnverbindung haben, würde es sich empfehlen, den Triebwagen von Laubach aus bis Hungen durchzusühren. Auf diese Weise be­kämen die dortigen Landleute eine gute Mittags­verbindung nach Hungen, wo sie Einkäufe machen und schon um 3,04 Uhr nachmittags wieder heim- fahren könnten, wo sie aber auch guten Anschluß an den Mittagszug 12,35 Uhr ab Hungen nach Gießen hätten. Da jetzt zwischen Hungen und Ridda eine große Bettiebspause von 9,00 Uhr vormittags bis 2,32 Uhr nachmittags besteht, wäre vielleicht zu erwägen, den gegen 12 Uhr mittags in Hungen ankommenden Triebwagen zu einer Lokalverbin düng zwischen Sju'Il­gen und Ridda zu benutzen, wo der Wagen gegen 121/2 Uhr eintreffen könnte. Bis hierher würde der Triebwagen eine Strecke von 67 Kilo­meter zurückgelegt haben. Auf der Strecke RiddaGießen besteht jetzt am Rachmittag eine Detriebspause von 2,07 Uhr bis 6,41 Uhr abends, also ebenfalls reichlich lang. Auch hier könnte der Triebwagen Llbhiffe schaffen; würde man ihn etwa um 4 Uhr wieder in Ridda ab- sähren lassen, so könnte er etwas nach 5 Uhr in Gießen eintreffen; er wäre ein gutes Zwischenglied zwischen zwei Dampfzügen und böte infolge seiner günstigen Ankunftszeit Riddaer Einwohroern auch die Möglichkeit, tn Gießen kurze Geschäfte zu erledigen und ben Abendzug nach Ridda, ab 6,42 Uhr in Gießen, noch zu erreichen. Sinschlleh- lich der Rückfahrt von Ridda nach Gießen hätte der Triebwagen dann täglich eine Strecke von 102 Kilometer bewältigt, also eine sehr beachtens­werte Leistung für den Zwischenverkehr. Dieser ist aber sehr wichtig, denn heutzutage gilt mehr denn je das alte Sprichwort, daß Zeit Geld ist.

Reben dieser Triebwagen-Rundfahrt be­stehen natürlich noch andere Möglichkeiten der Verwendung. So wäre der Fall sehr wohl denk­bar, daß die Reichsbahn, die ja heute ganz be­sonders stark auf Rentabilität alles Verkehrs- mitteleinsatzcS sieht, gewisse gering besetzte Klein- Dcnnpfzüge aus Ersparnisgründen inTriebwagen- verbindungen umwandelt. Die Dahnverwaltung beobachtet ja die Besetzung der Züge sehr genau, so daß sie jederzeit in der Lage sein wird, eine Reuregelung zu treffen. Fraglich wäre dann nur, ob eine solche Aenderung vom Standpunkt des

schäft lebten und nicht in eine Vereinigung des Paares willigen wollten. Am 15. August be­gaben sich die Verliebten in eine Wirtschaft, wo sich arme Leute vergnügen, tanzten daselbst bis nachts ein Uhr und entfernten sich hierauf. Am Morgen fand man die Leichen beider Lie­benden auf dem Felde liegen: sie hatten sich durch den Kopf geschossen. Sin Schweizer Dichter las diesen Bericht, das tragische Geschehnis schlug in seinem Herzen Wurzel. Nachdem der Versuch, es tn einem kleinen epischen Gedicht zu gestalten, aufgegeben war, entstand jene lieblichste und rührendste aller Rovellen Gottfried Kel­lers:Romeo und Iulia auf dem Dorfe."

Am 3. Iuni 1821, abends 9.30 Uhr erstach mit einer abgebrochenen Degenklinge, an der er kurz vorher einen Griff hatte anbringen lassen, der 41 Iahre alte Friseur Johann Christian Wohzeck die 46jährige Witwe des Chirurgen Woost in dem Hauseingang zu ihrer Wohnung in der Sandgafse in Leipzig. Heber die Zu­rechnungsfähigkeit deö Mörders, die von der Verteidigung in Zweifel gezogen wurde, entspann sich, da immer neue Bedenken auftauchten, eine Untersuchung, die Jahre dauerte, bis der Befund des Gerichtsarztes Hofrat Dr. Marus endgültig dahin lautete, daßder Delinquent lediglich seiner Leidenschaft nachgegeben und aus Eifer­sucht den Mord begangen" hätte. Das Urteil, das auf Todesstrafe durchs Schwert lautete, wurde am 27. August 1824 auf dem Marktplätze zu Leipzig vollstreckt. Das gerichtsärztliche Gut­achten, in HenkesZeitschrift für die Staats- arzneikunde" 1824 und 1826 veröffentlicht, wurde bald zum Gegenstand einer lebhaften wissenschaft­lichen Kontroverse, in Darmstadt las es ein junger Student, in dessen Gehirn revolutionäre Ideen nach dichterischem Ausdruck drängten, und fein Genie erschuf aus dem Stoff ein Drama, das zwar nur Torso geblieben ist, aber auch als solcher zu höchster Bewunderung zwingt, weil in feinem anderen Werke der deutschen Literatur die Tragödie der Armut so erschütternd gestaltet ist wie xn diesem, Georg BüchnersWoy- ded.

Ein seltenes Wappentier.

Wer in der Heraldik bewandert ist, wird finden, daß die alten Wappenschilder zum großen Teil Bilder von Tiergestalten ausweisen. Es gehörte zum guten Geschmack in der alten Ritterzeit, Gestalten der Tier­welt im Schilde zu führen. Das vornehmste dieser Tiere war begreiflicherweise der Adler, der König der Lüfte. Aus der Vogelwelt wurden die Raben des Göttervaters Odin nebst Falken und Schwänen genommen. Von dem anderen Getier sind Löwe, Panther, Wolf und Fuchs, selbstverständlich das Roß und der Stier, von denen die letzten zwei Tiergat­tungen bereits in der Mythologie der Völker eine Rolle spielten, bevorzugt wurden. Von dem nie­drigen Getier sieht man auf den Wappenschildern Schlangen, Eichhörnchen und Fische. Es wäre fast unmöglich, alle Vertreter der Tiere aufzuzählen, welche auf Wappenschildern vorzukommen pflegen. Aber auf em Wappentier macken dieBlätter für Naturkunde und Naturschutz^ aufmerksam, das seinesgleichen sucht und desyalb eine Ausnahme­stellung einnimmt. Die vielgeschmähte Maulwurfs­grille, im Volksmunde unter dem NamenWerre" bekannt, kommt auch einmal, und zwar ganz un- verdientermaßen als Wappentier vor. In der schönen gotischen Aegidienkirche zu Steyr, O.Oesterr. (heute Stadtpfarrkirche), befindet sich das Grabdenk­mal des Wernberger von Wernberg, des inneren Rates gewesenen kaiserlichen Stadtrichters zu Steyr, welcher am 19. Oktober 1666 gestorben war. Es ist aus rotem Marmor, und das gemalte Wappen zeigt folgende Darstellung: Im oberen Felde eine über einen Berg kriechende Werre, während unten ein Bergknappe dargestellt ist. Die Wernberger erhielten bereits 1572 einen kaiserlichen Wappenbrief, und man war dazumal sichtlich bemüht, ein sogenanntes redendes Wappen herzustellen. Man deutete den Namen Wcrnbcrg als einen Berg der Werre, also einen Berg, in dem der Erdkrebs haust; in Wirklich­keit bedeutet jawern" im Worte Wernberg etwas anderes, und sicher ist die Stammwurzel aus dem Wortewehren" ( befestigen) entstanden. So ist das gefräßige Tier, das der Landinann verabscheut, weil es unter der Erde alle Pflanzenwnrzcln ab­beißt, zxk einer unverdienten Ehre gekommen.