m. 57 Drittes Blatt ............ nnin~ju-i_u__um ■■■!iwmii
Vie Annexion Bosniens und der Herzegowina im Zahre 1908.
Von Dr. G. Roloff, Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
Nach etwa halbjähriger Pause ist eine Fortsetzung des großen amtlichen Werkes über die deutsche aus- ivärtige Politik vor dem Kriege erschienen. Die neue, sechs starke Bände umfassende Publikation bringt die Akten des Auswärtigen Amts aus den Jahren 1908 bis 1911, behandelt also die weitere Auswirkung der englisch-russischen Entente von 1907. Weitaus der größte Teil bezieht sich auf die orientalischen Angelegenheiten, ein neuer Beweis, daß die Orient' frage den chauptgrundstosf für den großen Weltbrand geliefert hat. Sie marokkanischen Gegen säge, die im Jahre 1911 einen Augenblick zum Zusammenstoß zwischen Deutschland und Frankreich zu führen drohten, haben die europäischen Kabinette in dieser Zeit weit weniger beschäftigt, und die deutsch-englischen Beziehungen, denen die Bände eine besondere Aufmerksamkeit widmen, sind ebenfalls zum guten 2 eile durch die orientalischen Vorgänge beeinflußt werden.
An der Spitze steht die Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich im Oktober 1908, die, wie früher einmal bemerkt, >einc unvermeidliche Folgender letzten Balkanercignisse war. Oesterreich- Ungarn hatte bekanntlich diese Länder — alte tür- lische Provinzen — nach einem Beschluß des Berliner Kongresses im Jahre 1878 besetzt, weil es ihrer zur Sicherung Dalmatiens bedurfte, und weil ohne geordnete europäische Verwaltung eine Beruhigung dieser ewig im Aufstand und Bürgerkoeg liegenden Landschaften nicht eintreten konnte. Daß diese Okkupation nur eine Vorstufe der Annexion sein sollte, hatte man damals schon angenommen, und Rußland insbesondere hatte später sein Einverständnis mit einer endgültigen Besitzergreifung ausgesprochen Die Annexionsfrage wurde aber je länger, desto dringender, weil sich in Serbien Bestrebungen auf Erwerbung dieses zum Teil von Serben bewohnten Gebietes erhoben. Die großserbische Idee, die von einer Vereinigung aller Serben — der mazedonischen, bosnischen und ungarischen — träumte, also auch vor althabsburgischem Besitz nicht Haltmachte, wurde von privaten und offiziellen Kreisen immer stürmischer vertreten und durch eifrige Agitation nach Bosnien hineingetragen; serbische Zeitungen in Serajewo z. B. forderten die Trennung von Öester- rcich, Demonstrationen auf der Straße und im Theater, in Versammlungen fanden in diesem Sinne statt, und nach den Beobachtungen des deutschen Gesandten in Belgrad wurde die Bewegung vom Königshause und dem Ministerium finanziell unterstützt. Das vornehmste Mittel dieser antiösterreichi- fchen Propaganda war ein über ganz Serbien ver- breiteter Klub, der seine politischen Zwecke unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit verbarg, zahlreiche Beamte und Offiziere zu Mitgliedern zählte und zu der Regierung in engsten Beziehungen stand.
Für Oesterreich-Ungarn war es einfach Notwehr, dieser revolutionären Wühlarbeit entgegenzutreten. Olatürlid) argwöhnte man, daß Serbien eine derart herausfordernde Haltung nur einzunehmen wage, weil es im Notfälle auf einen Rückhalt bei Rußland rechnete. Der österreichische Botschafter, Graf Berchtold, wollte daher dem russischen OTinifter Iswolsky begreiflich machen, daß seine Regierung der serbischen Propaganda nicht mehr ruhig zusehen dürfe (März 1908) und erhielt da die deutlichste Bestätigung dieses Verdachts. Denn Iswolsky behauptete mit eiferner Stirn, „es sei ihm von der Agitation gar nichts bekannt, und er habe von keiner Seite etwas darüber gehört". Der Botschafter konnte ihm freilich vorhalten, daß die russische Presse — auch das offiziöse „Journal de St. Petersbonrg" — reichliche Angaben enthielte, ja, daß der Minister selbst früher die serbischen Agitatoren „als ganz gefährliche Subjekte" bezeichnet habe, worauf denn freilich Iswolsky seine geheuchelte Unkenntnis fallen lassen und eine Mahnung in Belgrad versprechen mußte. Diese Episode ist charakteristisch für die Oesterreich umgebenden Gefahren und die russische Politik; immer wieder wird man an Bismarcks Aeußerung vom Jahre 1879 erinnert: „Die Russen lügen mit einer unglaublichen Unverschämtheit". Bei der Beurteilung der Beziehungen zwischen Rußland
Tolstois orientalisches Gesicht.
Der Russe und seine Kultur steht zwischen westlichem und östlichem Wesen mitten inne, und so ist auch bei einer so urrussischen Erscheinung wie der Tolstois neben den westlichen Zügen seiner Kunst, die für uns in den Vordergrund treten, ein starker orientalischer Einschlag in seiner Weltanschauung zu bemerken. 3e älter er wurde, je mehr die angeborenen Triebe zu religiöser Mystik in ihm Macht gewannen, desto mehr wandte sich fein Geist nach Osten und erwartete von dort Heil und Licht. Dieses „orientalische Gesicht" Tolstois wird uns zum erstenmal eindringlich beleuchtet durch das int Rotapfel-Verlag zu Zürich erschienene Buch „Tolstoi und der Orient", in dem der maßgebende Biograph Tolstois, Paul Birukoff, an der Hand bisher ungedruckter Briefe und Zeugnisse die Beziehungen Tolstois zu den Der- tretern orientalischer Religionen und seine eigene Beschäftigung mit den Glaubensbekenntnissen des Orients darstellt. Vorliebe für den Orient zeigt sich schon in den Kindertagen des Dichters, und er erzählt in seinen 3ugenberirmerungcn, welch gewaltigen Eindruck die Märchen aus Taufend und einer Rächt auf ihn machten, deren bunte Abenteuer ein Blinder allabendlich in der Stube seiner Großmutter mit eintöniger Stimme vortragen mußte, bis die alte Frau einschlief. Als er die Universität in Kasan bezog, studierte er zunächst orientalische Sprache und Literatur. Als er dort einmal im Lazarett lag, war im Bett neben ihm, wie er Dirukoff erzählte, ein Lama von dem Volksstamm der Buriäten, der unterwegs von einem Straßenränder angefallen und verwundet worden war. Als Tolstoi sich die Sache von ihm erzählen ließ, erfuhr er zu feinem Erstaunen, daß sich der Lama als Buddhist nicht gegen den Räuber zur Wehr gesetzt, sondern im Gebet seinen Tod erwartet hatte. Dieses Verhalten machte auf den jungen Tolstoi großen Eindruck, und als er später in den Kaukasus zog, da bewunderte er die Weisheit und Gelassenheit der Mohammedaner, die er in manchen Werken geschildert hat. Bei einem Aufenthalt in den Steppen bei Samara, wo er 1862 eine „Kumys-Kur" mit gegorener Pferdemilch machte, lebte er im Zelt freundschaftlich mit Baschkiren und Tataren und lernte ihre Sitten und Gebräuche kennen. So stand er schon
Gießener Anzeiger (General
und den Mittelmächten darf man nie diese hundert- fach erwiesene Unwahrhaftigkeit der Petersburger maßgebenden Personen übersehen.
Dieser unaufhörliche heimliche Kampf gegen die österreichische Herrschaft legte der Wiener Regierung den Gedanken nahe, die beiden Okkupationsländer als österreichisch-ungarischen Besitz zu erklären, um hierdurch jede Hoffnung auf Erfüllung der serbischen Wünsche abzuschneiden, und als die jungtürkische Regierung nach der Umwälzung in Konstantinopel «Juli 1908) den Grundsatz proklamierte, alle türkischen Länder in enge Verbindung mit der Zentralregierung zu bringen, drohte die Möglichkeit, daß die Pforte die beiden Länder zurückforderte. Damit wurde die Frage brennend. Unmöglich konnte Oesterreich die seit einem Menschenalter geschaffene Kulturarbeit einer ungewissen Zukunft preisgeben, die aus das Land verwendeten Kosten opfern und sich an einem höchst empfindlichen Punkte einen unberechenbaren Nachbar schaffen. Ilm die Pforte mit der Anexion, die ihr ja einen Verzicht für immer auferlegte, zu versöhnen, wollte es seine Truppen aus dem Sandschak Novibasar, den es ebenfalls feil 187b besetzt hielt, herausziehen, so daß die Türken das Land ohne Einschränkung zurückerhielten.
Wenn Oesterreich so eine formale Aenderung des durch den Berliner Kongreß hsrgestellten Zustandes erstrebte, so war zur Legalisierung der Annexion die Zustimmung der Kongießmächte und der Türkei erforderlich. Die neben der Pforte am meisten interessierte Macht war Rußland, und man wußte in Wien, daß die Petersburger Regierung die Korrektur des Berliner Vertrags sogleich benutzen werde, um auch ihrerseits mit einem Wunsche hervorzutreten: sie ersehnte schon lange dos Recht, die Dardanellen mit Kriegsschiffen zu durchfahren, was nach den Berliner Abmachungen nicht gestattet war. Graf Aehrenthal, der österreichische Minister des Auswärtigen, trat daher mit Iswolsky in Verbindung, und da jeder die Wünsche des andern kannte, fand sich bald eine Verständigung: auf einer Zusammenkunft der beiden Minister in Buchlau in Mähren, auf einem Schlosse des Grafen Berchtold, erklärte Iswolsky sich mit der Annexion einverstanden und sicherte „eine freundschaftliche Haltung Rußlands" zu; Aehrenthal versprach dasselbe für Oesterreich, wenn Rußland bei den Mächten und der Pforte die Erlaubnis zur Durchfahrt beantrage, und stellte nur die Bedingung, daß die Meerengen türkischer Besitz blieben und Konstantinopel nicht ge- gefährdet werde. Iswolsky war also bereit, gegen diesen Vorteil die solange begünstigten Ansprüche der Serben zu opfern.
Da Rußland einverstanden war, glaubte man in Wien einen Einspruch von anderer Seite nicht befürchten zu müssen und proklamierte die Annexion (7. Oktober 1908), ohne erst mit der Pforte und den Mächten in Verbindung zu treten, um nicht Schwierigkeiten vor der Ausführung entstehen zu lassen. 2(ber die Abrede mit Rußland schützte nicht vor ernsten politischen Verwickelungen. Von den Mäch- ten stand zunächst Deutschland dem Vorgang mit gemischten Gefühlen gegenüber. Man erkannte die sachlichen Gründe Oesterreichs für die Einverleibung an, erwartete aber davon eine Störung der Beziehungen zur Türkei, die darin einen Rechtsbruch und eine Rücksichtslosigkeit sehen und sich deshalb zur Entente halten werde. Namentlich der Kaiser war mit Aehrenthal unzufrieden, weil man aus feinem Verhalten den Vorwurf des Vertragsbruchs konstruieren könne. Andererseits konnte man aber auch der Wiener Regierung, als sie kurz vor der Ausführung ihr Vorhaben mitteille, nicht entgegen fein, weil man befürchten mußte, daß dann Russen, Engländer und Franzosen die Gelegenheit benutzen würde, einen Keil zwischen die Mittelmächte zu treiben. Seien die Begleitumstände des österreichischen Vorgehens auch unerfreulich, sagte Bülow, so sei doch die Hauptsache für Deutschland, „daß wir das Bündnis mit Oesterreich-Ungarn unversehrt erhalten und das Vertrauen der Oesterreicher zu uns nicht erschüttern lassen". Um die unerfreulichen Folgen abzuwenden, empfahl daher Bülow dringend, nach der Annexion sofort eine Verständigung mit Konstantinopel zu suchen.
Indessen ehe Aehrenthal diesen Rat befolgen konnte, geriet er in Konflikt mit Rußland. Iswolsky hatte sogleich in England und Frankreich eine internationale Konferenz vorgeschlagen, um durch sie die
vor feiner religiösen „Bekehrung" in fast ununterbrochenem geistigen Verkehr mit dem Orient. Als er aber nun endlich int Glauben den Sinn des Daseins gefunden hatte, da genügte ihm die christliche Lehre nicht ganz, und er beschäftigte sich eifrig mit den Religionen des Orients, in denen er wichtige Kräfte zur Vervollkommnung der Menschheit sand.
Zunächst beschäftigte er sich mit den chinesischen Lehren von Konfuzius und Lao Tse; er hat überhaupt chinesische Weisheit und chinesisches Wesen besonders verehrt, wenn er auch nur mit wenigen Vertretern des Himmlischen Reiches in Berührung kam. Zahlreicher waren seine 'Beziehungen zu Japanern; aber er sah in der Modernisierung des Znselreiches einen verhängnisvollen Abfall von den alten Lehren. Olm eingehendsten jedoch vertiefte sich Tolstoi 'n das Studium der indischen Philosophie; er entwarf eine Skizze vom Leben Buddhas, und in der Sammlung von Weisheitslehren, die unter seiner Aufsicht übertragen und von ihm als der sog. „Lesekreis" bezeichnet wurden, sind die indischen Lehren besonders stark betont. Einzelne dieser bedeutsamen Auszüge werden in dem Buch von Birukoff mitgeteilt. Als sich zu Ende des vorigen und zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts Tolstois Ruf über die ganze Welt verbreitete, ward feine Persönlichkeit zum Mittelpunkt für alle ihm verwandten Bestrebungen. Unter den Orientalen, die die Verwandtschaft mit feinen Anschauungen tief empfanden, waren die Mohammedaner am zahlreichsten, und unter den Völkern sind es die Ander, die von ihm den stärksten Einfluß erfuhren. Unendlich ist er bestrebt, diesen Orientalen den Wert ihrer alten Weisheit vor Augen zu führen; er warnte sie vor den Gefahren des Westens und tat dies besonders eindringlich in seinem „Dries an einen Ander". Durch diesen offenen Bries wurde der Führer der indischen Freiheitsbewegung Gandhi dazu veranlaßt, sich an Tolstoi zu wenden; er schöpfte aus den Werken des russischen Dichters Kraft zum Kampf gegen die englischen .ilnterbrüder und sprach ihm seine Bewunderung aus. Tolstoi antwortete in rührend liebevoller Weise, und zwar noch kurz vor seinem Tode am 7. September 1910 in einem langen Brief, der wie ein letztes religiöses Vermächtnis flingt. „Ae länger ich lebe — und befonöerä jetzt, da ich den Tod deutlich
-Anzeiger für Oberhessen)
Dardanellendurchfahrt zu crlormen, stieß aber auf ninbc Ablehnung, weil beide Mächte der türkischen Regierung, die sie in ihr Fahrwasser zu ziehen hofften, keine Opfer gumuten wollten. Damit war seine Hoffnung, ein Aequivalent für die Annexion zu gewinnen, gescheitert und er suchte nun, auch Oesterreich an der Durchführung der Einverleibung zu hindern. In diesem Vorhaben stimmte er mit den Ententegenossen besser zusammen: sie verwarfen die Anerkennung der Annexion, weil Oesterreich sich nicht ohne ihre Zustimmung über den Berliner Vertrag hmwegsetzen dürfe, und gaben der türkischen Regierung zu verstehen, daß Oesterreich mit seinem Vorgehen den neuen jungtürkischen Machthabern emen besonderen Stoß versetzen wolle. Gewid wird auch nicht ohne ihr Zutun, in KonstantinoMl die Vorstellung entstanden sein, daß hinter Oesterreich Veutfchlaiid stehe, da jenes allein diese Aimexion nie flemagt hätte. Gegen solche Stimmungen gibt es vor- louiig keine diplomatischen Waffen, schrieb der deutsche Botschafter Marschall in begreiflichem Zterger, legte dann aber auf Weisung aus Berlin
Legen den Verdacht ein, daß Deutschland die Annexion befürwortet habe;
Es ist selbstverständlich, daß durch diese Haltung der Entente die Verständigung zwischen Oesterreich und der Pforte erschwert wurde, aber gefährlich wurde die Lage erst, als Serbien, das seine Hoffnungen auf Bosnien enttäuscht sah, leidenschaftlich gegen die Annexion protestierte und sogar militä- o! tc ..^üftungen begann, obgleich ihm für seine Ansprüche auch nicht der Schatten eines Rechts zur Seite stand. In Rußland fand Serbien stürmischen Beisall bei der panslawisch gesinnten öffentlichen Meinung, und Iswolsky trat infolgedessen diploma- tisch für die „slawischen Brüder" ein, indem er irgend cme Kompensation für sie, etwa einen Hafen an der Adria oder em Stück Bosnien, verlangte. Zu dem Zweck erstrebte er aufs neue einen internationalen Kongreß, um da zugleich noch einmal die Meerengenfrage aufzuwerfen und, wie er dem deutschen Botschafter sagte, Bosnien und die Herzegowina für autonom erklären zu lassen. Es leuchtet ein, daß die Mittelmächte einer Konferenz mit so vsterreichseinb- lidjen Zielen äußerst kühl gegenüberstanben, und Oesterreich nur darauf eingehen wollte, wenn es vorher Gewißheit habe, daß auf der Konferenz die Annexion gutgeheißen werde. Einstweilen blieb daher die Anerkennung der Einverleibung durch die Mächte noch aus.
Die Verhandlungen über alle diese Fragen wurden um so bedrohlicher, als Oesterreich die serbischen Drohungen mit militärischen Vorkehrungen erwidern wußte, und Iswolsky darin die Vorbereitung zur Eroberung Serbiens erblicken wollte. So gereizt wurden die Verhandlungen, daß Moltke und Hötzendorff, die beiden Generalstabschefs, bereits um bic Wende des Jahres 1908 Besprechungen über die Operationen im Falle eines russischen Angriffs ab- hielten, wobei sie auf die Hilfe Italiens schon nicht mehr rechneten. Auch als es der österreichischen Re- gierung gelang, die Pforte durch eine finanzielle Entschädigung abzufinden (Januar 1909) und da- durch ihre Rechtslage zu verbessern, verschwand die Kriegsgefahr nicht. Denn Serbien behielt seine aggcssive Haltung bei, Iswolsky wiederholte seinen Vorwurf, daß Aehrenthal Eroberungsabsichten hege und verlangte von Deutschland, daß es seinen Bundesgenossen durch energische Mahnungen zügele. Deutschland lehnte diese Zumutung ab und erwiderte, eine Mahnung tue vielmehr in Serbien not, das Oesterreich fortgesetzt bedrohe und beleidige, obgleich ihm Oesterreich wirtschaftliche Vorteile 'in Aussicht gestellt habe, um es mit der Annexion aus- zusöhnen.
Schließlich hat Deutschlands unermüdliche Ver- mittlungstatigkeit den Frieden gerettet und eine Form für die allgemeine Anerkennung der Annerion gefunden. Unter der Bedingung, „daß Rußland Serbien tatsächlich und ernstlich zur Ruh? bringe", machte fid) Fürst Bülow anheischig, dem Wiener Kabinett vorzuschlagen, die Großmächte um ihre Zustimmung Zur Annexion zu ersuchen, wodurch dem Protest der Mächte gegen die einseitige Abänderung des Berliner Vertrags Rechnung getragen werden könne. Allerdings müsse sich Rußland vorher verpflichten, Oesterreich auf ein solches Ersuchen sofort bejahend zu antworten. Als Iswolsky hierauf wieder Winkelzüge machte, ließ ihm Bülow durck) den Botschafter herannahen fühle — desto stärker drängt es mich auszusprechen, was ich vor allem anderen lebhaft empfinde und was meiner Meinung nach von ungeheurer Wichtigkeit ist; es handelt sich darum, was man den Verzicht auf allen Widerstand durch Gewalt heißt, worin sich aber letzten Eudes nichts anderes ausdrückt, als die durch Truggespinste noch nicht entstellte Lehre vom Gesetz der Liebe. Die Liebe, mit anderen Worten, das Streben der Menschenseelen nach Vereinigung und ihr daraus sich ergebendes Verhalten untereinander, sie stellt das einzige und höchste Gesetz des Lebens dar — das weiß und fühlt ein jeder in der Tiefe seines Herzens (wie wir es am deutlichsten an den Kindern sehen»; er weiß es, solange er nicht in die Lügennehe weltlichen Denkens verstrickt ist. Dieses Gesetz ist von allen Weltweifen, den indischen sowohl wie den chinesischen und jüdischen, den griechischen und römischen, verkündet worden. Am klarsten ist es. glaube ich, von Christus ausgesprochen worden, der geradezu sagte, daß darin alles Gesetz und die Propheten enthalten seien. Er wußte, wie es jeder verständige Mensch wissen muh, daß jede Anwendung von Zwang unvereinbar mit der Liebe als dem höchsten Lebens- geseh ist, und daß, sobald Vergewaltigung auch nur in einem einzigen Falle als zulässig erscheint, damit zugleich dies Gesetz negiert wird." (13)
Ein Wunderwerk
der Reproduktionstechnik
Seit Aahren schon angekündigt, beginnt erst jetzt, nach langwierigen Vorbereitungen, die vom Ansel-Verlag unternommene Faksimile- Ausgabe der Manesseschen Handschrift — fo genannt, weil im 14. Jahrhundert der Züricher Ratsherr Ritter Rüdiger Manesse durch feine Sammlung von Minneliedern den Grund dafür gelegt haben soll, — mit der ersten Lieferung zu erscheinen. Eine der wertvollste,! und schönsten Bilderhandschriften des deutschen Mittelalters gelangt durch diese originalgetreue Reproduktion lückenlos und in ihrer ganzen Farbenpracht zur Wiedergabe. Auf 844 Perga- mentblättem wird sie nach ihrer Vollendung rund 7000 Strophen enthalten, deren Anfangsbuchstaben mit Farben zierlich ausgemalt Und die Lieder von 140 deutschen MinnAä>u,cru > 138 ganzseitige Viii .. sse mit ihren Wappen und 1
Samstag, lZ. Februar 1926
—■HgHIIBIII — KCT’BUUtMigill I— III ■! —
mitteilen, „daß wir eine präzise Antwort — ja ober nein — erwarten; jede ausweichende, verklausulierte ober unklare Antwort würben mir als eine Ablehnung betrachten müssen. Wir würden uns bann zurückziehen und den Dingen ihren Lauf lassen; die Verantwortung für alle weiteren Ereignisse würden dann ausschließlich Herrn Jswolska zufallen, nachdem wir einen letzten aufrichtigen Versuch gemackst, Herrn Iswolsky behilflich zu sein, die Situation zu klären in einer für ihn annehmbaren Weise". Do- mir stand der Russe vor der Frage, entweder den Streik auf diese Weise zu beenden oder die formelle Anerkennung der Annexion nach wie vor zu verweigern und dadurch Serbien weiter in feiner provokatorischen Haltung gegen Oesterreich zu ermutigen. Dieser Entschluß wäre illoyal mit Rücksicht auf seine Vuchlauer Versprechungen gewesen und hätte schließlich Oesterreich zum gewaltsamen Vor- gehett gegen Serbien gezwungen. Angesichts der panslawischen Stimmung der öffentlichen Meinung hätte dann Rußland den Serben beispringen müssen — aber zu einem europäischen Kriege war es, wie soeben in der Duma öffentlich festgestellt worden war, noch lange nicht bereit. In dieser Notlage entschloß sich Jswolskn, den deutschen Vorschlag, der ihm goldene Brücken baute, anzunehmen (24. März 1909), und bann konnten auch die anderen Mächte die Anerkennung der Annexion nicht mehr verweigern. Es dauerte rwar noch einige Wochen, bis alle Formalitäten erledigt waren, aber die Kriegsgefahr war mit der russischen Erklärung erledigt. Das Verdienst daran halte Deutschland, das einen, für alle Akächte gangbaren Weg gesunden hatte. Freilich eine Garantie für die Dauer des Friedens hatte man nicht. Iswolsky konnte die diplomatische Niederlage, oaß ihm der Gewinn entgangen war, während Aehrenthal den (einigen baoongetragen hatte, nicht verwinden und sehnte sich nach einer Gelegenheit, die Scharte auszuwetzen. Damals schon stand es in Petersburg fest, daß man dereinst Serbien zum Sturmbock gegen Oesterreich verwenden müsse, und während man Deutschland mit den friedlichsten Versicherungen überschüttete, vertrösteten gleichzeitig der Zar und Iswolsky die serbische Regierung auf eine nichtferne Zukunft, die ihr Bosnien und andere österreichische Länder Einbringen werde. Die hier ausgestreute Saat ging nach wenigen Jahren in Serajewo auf.
Wo bleiben die NsparatwnsmMonen?
Es ist nicht uninteressant, sich an Hand des Jahresberichts des Neparations- a g e n t e n einmal ein Bild von der Verwendung unserer Reparationsmillionen zu machen. Bekanntlich hatteit wir im ersten Jahr eine Goldmillrarde aufzubringen, von der allerdings 800 Millionen auf die Auslandanleihe entfielen. Immerhin, diese Anleihe geht zu unseren Lasten, wir müssen auch die Zinsen zahlen, ihre Verteilung interessiert uns also trotzdem sehr stark. Man müßte eigentlich nach der Londoner Regelung annehmen, daß die Ententemächte nun aus naheliegenden Gründen alles daran setzen werden, ihre Anteile durch Vermeidung unnötiger Ausgaben zu erhöhen. Leider hat sich diese Annahme bisher nicht bestätigt. Vor allem Frankreich unterhält nach wie vor eine starke Besatzungsarmee im Rheinlande, dessen Kosten es allerdings aus feinem Reparationsanteil selbst bestreiten muß, die aber schon wesentlich hätten vermindert werden können, wenn auch in Frankreich die Sparsamkeit wieder in den Vordergrund getreten wäre. Statt dessen hat die französische Regierung von den ihr zustehenden 454 Millionen Goldmark s a st ein Drittel, nämlich 136 Millionen, für ihre Besatzungsarmee verausgabt. Die Engländer dagegen sind wesentlich sparsamer ge- wesen;obwohl sie weniger als die Hälfte des französischen Betrages zugewiescn erhielten, verbrauchten sie für die Besatzungsarmes doch symbolischen Darstellungen, deren frische Farben in aufgelegtem Gold und Silber heute wie einst den Dettachter in Entzücken versehen. Ein Stück deutschen Mittelalters spielt sich in diesen Bildern ab.
Mit der Wiedergabe ist das Aeußerste erreicht, das der Reproduktionskunst möglich ist. Auf einem von A. W. Zanders in Bergisch- Gladbach angefertigten, dem starken Pergament des Originals ähnlichen Papier wird der Druck durch die Kunstanstalt Albert Frisch in Berlin unter ständiger Aufsicht eines hervorragenden Fachmannes von der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe zu Leipzig besorgt.
Die Faksimile-Ausgabe der Handschrift erscheint in sechs Lieferungen; der sechsten Lieferung wird ein Supplement-Heft beigelegt werden, in welchem namhafte Gelehrte d.e Bedeutung der Handschrift eingehend würdigen; der Direitor der Heidi^bergcr Dniversitäts-Bibliothet. Pros. Dr. Rudolf Sillib, wird die Geschichte der Handschrift, der Heidelberger Germanist Prof. Dr. Friedrich Panzer ihre literarhistorische und der Leipziger Kunsthistoriker Pros. Dr. Wilhelm Pinder ihre kunstgeschichtliche Bedeutung behandeln.
Gründung einer List-GeseUschaft.
Die von einer Reihe namhafter Vertreter der Staatswissenschaften unter dein Vorsitz von Prof. S p i e t b o f f - Bonn ins Leben gerufene Gesellschaft bereitet eine fiebenbänbige kritische Gesamt- n u 5 g a b der Schriften, Reden und Briefe Friedrich Lists vor, die unter dem Protektorate der Deutschen Akademie (München) erscheinen wird. Der erste Band soll binnen Jahresfrist zur Ausgabe gelangen. Mit der Herausgabe sind betraut die Herren E. v. Becke- rat!)- Köln, K. Goeser - Stuttgart, F. Lenz- Gießen, W. Notz- Washington, E. Galin: Heidelberg, A. Sommer- Heidelberg. Die Mitgliedschaft, die durch einen Jahresbeitrag von 10 Mk. erworben wird, berechtigt zum verbilligten Bezug der Ausgabe und einer Studienreihe, die der Geschichte der Staatswissenschaften dient. Die Gesellschaft (Geschäftsstelle: Stuttgart, Neckarstr. 121/23) bittet die Basitzer von L i st - M a t e r i a 11 e n , sie ihr zur Verwertung für die Publikation zur Vcj:t.j zu stellen.


