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Nr. 37 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Samstag, |3. Februar 1926

Helft unserer Landesuniversität!

Ein Not- und Weclrruf.

Ver deutsch-italienische Konflitt.

Von Professor Dr. Otto Hoetzsch, M.d.R.

Genau im Augenblick, als in Deutschland die letzte Entscheidung für den Eintritt in den Völkerbund siel, hat Italien eine Krise in seinem Verhältnis zu Deutschland herauf­beschworen, die gerade für die Zusammenarbeit im Völkerbund sehr unerfreuliche Ausblicke er­öffnet. Auch wenn wir ganz objektiv sein wollen, kann niemand behaupten, daß von deutscher Seite durch ein Eintreten für die deutschen Volks­genossen in Südtirol die erlaubte Grenze über­schritten worden sei. Daß in solcher Spannung Nachrichten auftauchen, die dann falsch sind, kommt immer vor, und soweit das hier der Fall war, war es wahrhaftig nicht welterschütternd. Weshalb tobte Mussolini am 6. Februar in einer Weise gegen Deutschland los, für die man in den letzten Jahren, ja Jahrzehnten, schwer Parallelen findet?

Daß seine Hinweise historischer und volk- licher Art auf schwachem Fuße stehen, wird kein Unbefangener bestreiten. Es sind nun einmal die Deutschen südlich des Brenners d a. Die Gren­zen zwischen den beiden Dolkstümern gehen in ih^er Entstehung weiter und tiefer zurück, als die oberflächliche und tendenziöse Art Musso­linis das darstellt. Sie verschleiert nicht, daß eben hier das Selbstbestimmungsrecht gebrochen und vergewaltigt worden ist, und sie versteigt sich bis zur Vlasphemie und zum handgreiflichen Ansinn mit ihren Behaup­tungen über die Brennergrenze. Italien wollte die Brennergrenze als eine st r a t e g i s ch e Grenze. Die ethnographische Grenze, die Grenze bis zu demunerlösten Italien" war und bleibt die Linie an der Salurner Klause. Italien hat jahrzehntelang Ansprüche auf dasunerlöste Gebiet" von Trient erhoben, hat jahrzehnte­lang durch seine Agitation dort die Beziehungen zum Dreibund schwer belastet und sich kein Ge­wissen daraus gemacht, Bestrebungen dort zu unterstützen, die unmittelbar gegen den Bestand des mit uns verbündeten Oesterreich-Ungarns gingen. Niemand auf der Welt kann das, was damals geschah, in Parallele stellen mit dem perzweifelten Streben der südtiroler Deutschen, ihr Volkstum zu behaupten, und den deutschen Kundgebungen dafür, die alle samt und ohne Ausnahme davon ausgehen: Niemand stellt in Deutschland die Drennergrenze für Italien in Frage, zumal Deutschland das ja sowohl poli­tisch wie militärisch nicht könnte. Aber jedermann in Deutschland verlangt, daß unseren Volks­genossen dort, auf uraltem, geschichtlich und kul­turell deutsch geweihtem Boden ihr Volks­tum erhalten bleibe innerhalb des italieni­schen Staates.

Und ist dieser Staat mit seinen 42 Millionen und seiner faszistischen Organisation, von der so viel Lärm gemacht wird, wirklich so schwach, daß die 180 000 Deutschen in Südtirol seinen Bestand gefährden, und daß daS waffenlose Deutschland, das außerdem noch durch Oesterreich von Italien getrennt ist, gleichfalls eine Gefahr für Italien sei? Die Rede Mussolinis ist alles andere eher als ein Ausdruck der Stärke! So spricht kein Staatsmann, der sich seiner Position im Innern wirklich sicher ist. Diese exaltierte Art läßt eher darauf schließen, daß Mussolini den Radikalen der Faszisten etwas hinwerfen mußte, um die vorhandenen Partei­gegensätze und Streitigkeiten zu beheben.

Die Erklärung der Regierung und Reichs- tagssitzung vom 9. Februar haben darauf die notwendige Antwort gegeben. Es ist ein schlechtes Vorzeichen für den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund, wenn so ein Gegensatz herausgetrieben wird, bei dem Italien durchaus im Anrecht ist. Italien hat nicht die Verpflichtung zum Minderheitenschutz unterschrie­ben, die der Völkerbund einer Reihe anderer Staaten auferlegt hat. Es ist rechtlich insosern frei und nicht gebunden an Dölkerbundsbestim- mungen. Aber wie soll ein erfolgreicher Kampf um die Rechte der Minderheiten geführt wer­den, wenn ein solcher Staat auf der anderen Seite steht? Ein Staat, der durch seine ganze politische Position In Europa die gegebene Stel­lung neben England und Deutschland einnehmen müßte!

Ein Italien, das wirklich im sicheren Be­wußtsein seiner Stärke und seines weltpolitischen Rechtes zielbewußt geleitet würde, hätte sich längst an die Spitze der Staaten Süd­osteuropas gestellt, hätte längst im Spiel

der großen Mächte einen Einfluß haben können, den wir ihm selbst gewünscht hätten. Das Hal es nicht fertig gebracht, auch nicht Mussolini und der FaszismuS. Träume, Phantasien, Ato­pien sind statt dessen gepflegt worden. Was soll das Wort vomitalienischen Imperium" und die Erinnerung an die Gröhe Roms, wenn zwar bedeutende reale Macht dahinterstehl, aber nicht eine Spur eines zielbewuhten realpolitischen Willens? Diese aben­teuerliche und unberechenbare Zickzack-Politik ist allmählich zu einer Gefahr für den euro­päischen Frieden geworden, die in allen Kabinetten Europas Gegenstand der Sorge sein muß. And wenn der Faszismus in seiner Weise manches Verwandte mit Moskau hat. so kann er sich die Nationalitätenpolitik der Sowjetunion zum Vorbild nehmen, die im heutigen Rußland die Rechte der Minderheiten durchaus wahrt uni) achtet. Wir bedauern diese Spannung zwischen Deutschland und Italien, und wir scheu wahr­haftig nicht ihre Verschärfung. Denn im weiteren gesehen, sind Deutschland und Italien gegebene Bundesgenossen, sowohl in Genf wie bei den großen Völlerbundskonseren- zen, die dieses Iahr bringen soll. And es sollte hier der englische Einfluß sich ganz besonders nachdrücklich geltend machen. Denn gerade die englischen Hoffnungen auf denGeist von Lo­carno", an dem Italien doch auch beteiligt sein

soll, werden enttäuscht und schwer gefährdet, wenn derartige Extratouren eines Ministers, der die Tragweite seiner Worte entweder nicht über­sieht oder nicht übersehen will, die mühsamen Versuche, Europa in Ruhe und Ordnung zu bringen, stören.

Wir hoffen sehr, daß diese deutsch-italie­nische Spannung nur eine Episode sein und daß es uns bald wieder möglich gemacht wird, die Gemeinsamkeit der großen europäi­schen Interessen mit Italien zu betonen und zu vertreten. Aber an der Kernfrage lassen wir nicht rütteln und können wir nicht rütteln lassen. Soll Europa überhaupt zu einer Ruhe kommen, so muh das Problem der nationalen Min­derheiten gelöst und in Ordnung gebracht werden. Man muß die Wege gehen, die zu einer Verbindung zwischen der Souveränität des Staates einerseits und der kulturellen Selb­ständigkeit von nicht zur Staatsnation gehörenden Staatsbürgern führen. Wie bekannt, hat man eS zum ersten Male vollständig in dem kleinen öst­lichen Randstaat Estland versucht, der (deut­schen) Minderheit ein« kulturelle Autonomie zu geben. Aber auf die Zahlen kommt eS dabei nicht an. Man kann nicht Zehntausenden, die geschlossen sitzen und siedeln, verweigern, was man in einem anderen Land Millionen gegenüber für nötig hält und anerkennt. Das ist die Forde­rung, die zu vertreten Deutschlands ganz be­sondere Aufgabe im Völkerbund fein wird, und die jetzt gerade an einer Stelle akut geworden ist, bei der weder wir noch Europa es erwartet hätten. Was bis in das letzte Iahr für Italien gegenüber Südtirol möglich war, das muß es auch heute und künftig sein. And es ist ein sehr schlechtes Zeichen für die innere Kraft, den sittlichen Antergrund des Faszismus und seiner Ideen, wenn er an Stelle des Versuches, die Nationalitätenfrage ernsthaft zu lösen, in dieser Weise vergewaltigend vorgeht und feine Politik mit Phrasen-Ausfällen und Rasseln mit dem Säbel begleitet.

In unseren Ausgaben vom vorigen Mittwoch und Donnerstag haben wir eine Eingabe unserer Landesuniverfität an den Landtag ab­gedruckt. Rektor und Gesamtsenat unterbreiten dem Parlament eineZusammenstellung von längst als berechtigt anerkannten Anträgen der Landesuniversität, die trotz wiederholter Vor­stellungen der Rektoren und des Senats noch keine Berücksichtigung gefunden haben." Die bis­herigen Leistungen des Staates für die Landes­universität werden dankbar anerkannt, man wür­digt auch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre vollkommen, läßt aber keinen Zweifel über die sehr bedenklichen Aussichten hinsichtlich der Weiterentwicklung und der Gel­tung unserer Aniversität, wenn deren neige* drungenen Forderungen im Laufe der nächsten Iahre nicht durchgreifend Rechnung getragen wird.

Diese Eingabe ist ein sehr ernstes Dokument. Die eindringliche Sprache, die warnt und bittet im Interesse der Wissenschaft und des ganzen Hessenlandes, ist ein Not- und Weckruf zugleich. Mit der Aniversitätsderwaltung wird jeder einsichtige Mensch der Meinung fein, daß

bei der gegenwärtigen Lage der Staatsfinanzen, der Wirtschaft und des einzelnen Staatsbürgers die Summen vom Staate nicht im Handumdrehen beschafft werden können, die zur Befriedigung der berechtigten Forderungen der Aniversität notwendig find. Aber dem Verlangen, daß den dringenden Bedürfnissenim Laufe der nächsten Iahre" entsprochen werden möge, wird sich je­dermann anschließen, dem die Förderung der Wissenschaften als des einzigen nach dem großen nationalen Anglück mreingeschränkt uns verbliebenen Gutes eine hohe nationale Pflicht ist. Neben dieser nationalen Sette bei dem Eintreten und Opfern für unsere hessische Hochburg der Wissenschaft stehen aber noch ernste Gesichtspunkte der unmittelbaren geistigen Be­fruchtung und Bereicherung unseres Hessenlan­des durch seine eigene Hochschule, und nicht minder bedeutungsvolle Gedanken über daS An­sehen unseres Landes Im Deutschen Reiche und in der Welt eben durch di« LanbeSuniversitüt Gießen. Treffend hat Geheimrat Prof. Dr. Sommer am Montagabend Im Rahmen eines Vortrages im Gießener DerkehrSverein erst wie­der hervorgehoben, daß der hessische Staat steht und fällt mit der Aniversität Gießen, daß Hessen außerordentlich leiden wird, wenn es die Landesuniversitätaufflie­ßen" läßt. Diese Warnung möchten wir unter­streichen. Möge sie von der Regierung und vom Landtag ernstlich beachtet werden. Obwohl die Schwierigkeiten dieser Zeit groß sind, sollten Regierung und Parlament von den be­rechtigten dringenden Forderungen der Aniver­sität ungesäumt die dringlichsten Auf­gaben noch in dem neuen Haushalts­jahr erfüllen! Die Regierung und der ßanbtag würden damit der Wissenschaft in Hessen erneut eine verdiente Anerkennung zuteil wer­den lassen, zugleich aber auch den hessischen Staatsinteressen in glücklicher Weise dienen.

Wenn wir den Notruf der Landesuniver- fität an den Staat hier unterstützen, so möch­

ten wir doch nicht unterlassen, daraus hinzu­weisen, daß dieser Notruf auch das Volk, ins­besondere die Gießener und die oberhessische Be­völkerung angeht, daß er für viele Mitbürger in Stadt und Land zugleich ein Weckruf ist. Wir tonnen leider nicht behaupten, daß die Aniversität bisher in breitem Ausmaß in der engeren Heimat di e Förderung erfahren hätte, die sie aus Grund ihrer verdienstvollen Kultur­arbeit mit Recht beanspruchen kann. Die Ver­tiefung und Förderung unseres Geisteslebens, die Heranbildung eines ausgezeichnet geschulten Nachwuchses von Dienern und Helfern der Volks­gesamtheit auf den verschiedensten Gebieten des Daseins, die Befruchtung unserer Volkswirtschaft durch immer neue Erkenntnisse der wissenschaft­lichen Forschmrg und noch mancherlei anders sind Aussaaten in den Acker unseres Volkstums, dessen Früchte allen auf irgendeine Weise zugute kommen, auch denen, die bisher nicht gefäet oder zu der Schaffung deS Saatgutes beigetragen hat­ten. In den früheren besseren Zeiten kam die» Aniversität auch ohne diese Hilfe noch verhältnis­mäßig gut zurecht, obgleich selbst da für frev­willige Helfer es schon allerlei zu tun gab. Heute ist die Hilfe der Mitbürger In Stadt und Land für die LandeS- universität eine Notwendigkeit! WaS unsere Hochschule selbst oder durch ihre Glieder an geistigen Gütern unmittelbar und mittelbar in die Bevölkerung trägt, wissen wir in Gießen zur Genüge, wenn wir uns z. D. nur an daS außerordentlich rege Vortragswesen erinnern, das ohne die Aniversität in gleicher Fülle und Frucht­barkeit hier wohl kaum vorhanden wäre. Wel­chen Gewinn die Provinz von diesem Mittel­punkt des Geisteslebens in Oberhessen zieht, wissen nicht nur die Städte, In denen Gelehrte unserer Laichesuniversität mit größtem Interesse auf­genommene Vorträge gehalten haben; der Segen wissenschaftlicher Forschung wird auch dein Land- mann gegenwärtig sein, wenn er daran denkt, wie die landwirtschaftlichen Betriebsformen und ihre wirtschaftliche Auswertung zu seinem Vor­teil sich verändert haben durch die Nutzbarmachung der Erkenntnisse landwirtschaftlicher Forschungs­tätigkeit. Ano wenden wir den Blick von der Provinz wieder nach Gießen zurück, so sehen wir am Sitze der Landesuniversität neben dem geistigen Gewinn durch die Hochschule auch noch sehr beachtenswerte wirtschaftliche Vorteile. Man überlege nur, welche Geldsumme auch wenn sie für manchen Einzelnen unter den Studieren­den nicht allzu groß ist durch die etwa 1700 Studierenden in jedem Semester unserer heimi­schen Wirtschaft zufließt, und man mache sich ferner klar, wieviel auswärtiges Geld durch die Inanspruchnahme der Kliniken in unsere Stadt kommt, welche Staatsmittel hierherfließen und was schließlich, um nur noch ein Beispiel zu erwähnen, bei den häufigen Besuchen Alter Herren hier verausgabt wird. Wenn die Ein­nahmen auch nur von einem kleinen Kreise Dort Mitbürgern gemacht werden, so ist doch nicht zu bestreiten, daß von diesen Personen aus ganz beträchtliche Teile der Einnahmen weiterfließen in andere Kreise unseres Wilckschafts lebens, weil eben auch hier im Prvduktions- und Kvnsum- tionSprozeß ein Rad ins ander« greift.

Welche Folgerungen sind auS diesen Feststellungen zu ziehen? Aus den General­nenner gebracht sind sie zusammenzufassen in die Forderung an alle: Anter st ützung der LanbeSuniversitüt (neben der selbst­verständlichen staatlichen Fürsorge) auch durch die öffentlich enKörperschaften (Land­gemeinden, Städte, Kreise) und durch die C i n z e l- Persönlichkeit. Im Einzelnen zunächst: Mit Recht ist man in den leitenden Kreisen der Gie­ßener Hochschulgesellschaft, der Hilfsorganisation für unsere Landesuniversität, der Ansicht, daß alle früheren Gießener Student en Mitglied der Gießener Hochschul­gesellschaft sein sollten, denn von dieser Hoch­schule haben sie ihr geistiges Rüstzeug erhalten, mit dem sie das Leben täglich neu gewinnen können, wenn auch oft in hartem Kampfe. Dank­barkeit für diesen LebenSreichtum sollte die frü­heren Studierenden veranlassen, jetzt in den schwerer, Notzeiten ihrer alten Aniversität durch die Mitgliedschaft bet der Hochschulgesellschast und durch Werbung für diese beizustehen! Aber auch die Eltern der künftigen Gieße-

Bas Heimatblatt

Giehener Anzeiger

Das große Anzeigenblatt

Aus der Geschichte des Devotionalbttdes.

In der Hessischen Vereinigung für Volks­kunde sprach Privatdozent Dr. Adolf ©Warner (Frankfurt a. M.) über das kleine Andachtsbild vom 14. bis 20. Jahrhundert, über die Ent- toidttung des religiösen Miniaturbildes, das, als Gebetbuch- oder Bibeleinlage über ein halbes Jahrtausend den Weg der Menschen begleitet hat bis in unsere Zeit hinein, und das den Wandel der Mode und des Stils durch die Jahrhunderte so mitgemacht hat und wider­spiegelt, wie das große weltliche Kunstwerk. Den Kamps für und gegen das religiöse Bild über­haupt hat Gregor der Große entschieden, er ist für den Wert des Bildes mit guten Gründen eingetreten; das Konzil von Nicaea hat das Bild gebilligt und anerkannt, gewissermaßen als das Buch des Laien. Trotz den Bemühungen des Schwenlfeldianers Sudermann ist das Andachts­bild im wesentlichen katholisch geblieben. Eine grundlegende Geschichte steht noch aus (Sparner selbst hat zur Zeit eine größere Arbeit irnDruck); die Kunsthistorie hat sich allenfalls mit den frühen Clnblattdrucken beschäftigt. (Das Thema ist ja kunsthistorisch, folkloristisch und sttlgeschicht- lich gleichermaßen interessant und bedeutsam.) Im 14. Jahrhundert löst sich das religiöse Bild gleichsam vom Altar, von der Kirchenwand und wird persönlicher Besitz. Zuerst hat man es auf Pergament hergestellt, vornehmlich in süddeutschen Klöstern.Drieflein" hieß es, vom lateinischen breve (scriptum, pictum, imprimatum) und galt als beliebtes Freundschaftsgeschenk. Heinrich Seuse hat sich ein Bildchen der heiligen Weisheit malen lassen und nie von sich gegeben; über­haupt finden sich in der deutschen Mystik viele literarische Belege. Aber das Bild hat das Schrifttum überdauert. DieGottesfreunde" tragen den Geist der Klöster ins Land, der Bedarf an Andachtsbildern

wächst, flandrische Duchschreiber und Jlluministen beginnen einen schwunghaften Handel mit reli­giösen Miniaturen. Auch in Deutschland bringen dieDrieftnaler" mit ihren Erzeugnissen bald in weitere Kreise. Zunächst hatte man Holzschnitte (in sehr primitiver Technik), grell bemalt. Die Bemalung ist wesentlich. In den Klöstern, den Frauenklöstern vornehmlich wurden viele Drucke koloriert. Zur Schablonierung kam man erst spä­ter. Freude am Spielerischen bildet sich an den sog. Teigbildern (einer Art bemalter Kuchen). Erst der (wohl um 1430 im Südwesten, am Rhein entstehende) Kupferstich vollzieht den entscheiden­den Schritt zur Kunst. Ausgangnspunkt für alle Dilderdrucke war das Andachts- und Heiligen­bild (was sich übrigens etymologisch noch nach- toeifen läßt). Dis versch.edenen Wallfahrtsbilder prägen eigene Bildtypen mit eigenen, charak­teristischen Motiven aus. Das Nürnberger sog. Speerfest (an die Longlnuslegende anknüpfend) schafft das Herzjesubildchen, das für die Formen und Auswüchse des Volksglaubens charakteristisch ist. Das 15. Jahrhundert entwickelt das ver­breitete Christuskindbild (oft mit ganz primitiv- kindlichen Ingredienzien, wie Steckenpferd, oder Schnuller"); aus dem Geist der deutschen Mystik wiederum versteht man die zahlreichen Passions­bilder. Das 16. Jahrhundert mit seiner Hinwen­dung zu den Realitäten der Welt ist für die Entwicklung anfangs steril, bringt aber gegen Ende eine neue Blüte im engen Zusammenhang mit der Jesuitenpropaganda; ein wichtiges Zen­trum ist hier Antwerpen. Orientalische Einflüsse bringen besonders das Schnittbild zu hoher Cnt- wickmng. Von Konstantinopel, wo es um 1600 eine Zunft der Papierschneidekünstler gab, kommt der Papierschnitt zu uns. Dor allem aber ist Holland bis ins 19. Jahrhundert der Sih der berühmtesten dieser Künstler und Künstlerinnen gewesen. Am 1640 entsteht eine neue Art von Andachtsbildern im Gußbild (das sich noch in den sogenanntenHauchblättern" der Kin­der bis heute gehalten hat). Der Bilderhandel

und Bilderverlag wird geradezu organisiert. DaS 17. Jahrhundert entwickelt übrigens ferner das in Texten geschriebene Bild, das auch in der Barockliteratur eine (nicht sehr ruhmreiche) Rolle spielt, und dasRebusbild", das auf Flugblättern des 30jährigen Krieges viel unter die Leute kommt. Im 18. Jahrhundert ist Augs­burg ein wichtiges Bilderzentrum (Verlag der Gebrüder Glauber), die Menge der Devotionalien ist kaum zu übersehen; charakteristisch ist der höstsche und weltliche Einschlag des Rokoko. Als Material werden selbst Gänsefedern. Eihäutchen und Schmetterlingsflügel nicht verschmäht. Im 19. Jahrhundert erlischt Augsburgs Ruhm, der Verfall setzt ein, Biedermeier und Romantik (Brentano, Steinle) können den Niedergang nicht aufhalten. Auch nicht ein neues Zentrum in Prag. Nach der Mitte des Jahrhunderts geht es zu Ende mit dem Andachtsbild. Der Rest ist der Devotionalkitsch, von dem das Stuttgarter Kunstgewerbemuseum Proben aufbewahrt.

Der Vortrag von Dr. Sparner (der ein gründlicher Kenner dieses folkloristischen Sonder­themas ist) gab einen durch Lichtbilder und Reproduktionen sehr anschaulich gemachten Aus­schnitt aus einem Gebiet, das seither weder kunst­historisch noch kulturgeschichtlich recht erfaßt, ge­schweige denn ausgeschöpft worden ist. -y-

Ameisen als Türmedauer.

Eine erstaunliche Probe von der Intelligenz der Ameisen berichtet Dr. I. Hundhausen von seinen Reisen in Nordargentinien. Weite Strecken des südamerikanischen Gebietes vom Pamana-Strorn bis zum Aruguay sind mit den Bauten der Ameisen bedeckt, die rundlichen Grab­hügeln ähnlich sind. Riesige Landgebiete sind mit diesen Ameisenbauten wie ir.it einem dicken Polster übersät, und das Land ist dadurch für jede Be­nutzung verdorben. Mittel zur Vernichtung dieser Nester, die dem Lande einen ungeheuren Schaden zufügen, sind bisher noch nicht angewendet wor­

den, denn sie sind teurer als das Land selbst. Im Arwald des Chaco in Argentinien fand nun Hundhausen eine merkwürdige Vorrichtung, die den Ameisenforschern bisher unbekannt war.3n dem Arwald," erzählt er,trugen die rundlichen Bauten von 2 bis 3 Meter Länge auf ihrer obe­ren Fläche eine Anzahl dornartiger Hörnchen von etwa fingerlanger Höhe. Diese Aufbauten hatten die Form eines spitzigen einseitigen Kegels, in dessen senkrechter Seite ein Kanälchen eingezogen war, das in.etwa 3/t Hohe unterhalb der scharfen Spitze in ein Loch endete. Diese bomartigert Türmchen _ hatten ein ganz frisches Aussehen, waren bräunlich, glatt poliert, äußerst gleich­mäßig und sauber gearbeitet. Ein Blick auf die sonstige Beschaffenheit zeigte ihren Ztveck Die Ameisenstadt war von Regen und Aeberschwem- mung so mitgenommen worden, daß alle ihre Ausgänge verschmiert waren. Ich kann natürlich nicht wissen, ob die Verschließung nicht außerdem auch Absicht gewesen sei, so daß die aufgebauten Turmtörchen nur einfacher Verteidigung dienten. In beiden Fällen haben sie aber den Sinn eines überlegten Ein- und Ausganges. Wie die fleinen Wesen auf den Gedanken gekommen sind, daS das 'Wasser bzw. die Sprihhöhe des Regens über­ragende Türmchen zu errichten, und wie sie das ausgeführt haben das erscheint über manche andere ihrer Leistungen weit hinaus unbegreiflich. Woher hat die Ameise die Einsicht in die Sta­bilität solcher steiler Bauten? Weher weiß sie di« nötigen Höhen abzuschätzen? Wer hat ihr diese Schutzvorrichtung, die i s n'i doch nich b obach­ten konnte, cingcgcben? Wer hat sie gelehrt, ein solches wie gedrechselt aussehendeS Gebilde, das für eine geschickte M nschenhand ein Kunstwerk wäre,, aus der Zusammenarbeit vieler hervor» gehen zu lasten? Wieviel Beobachtung und Aeberlegung war dazu nötig, diese Türmchen dem Bedürfnis dec verschiedenen Stellen anzu­passen, in der Höhe abzustufen und in den ver­schiedenen Größen doch immer dieselben Dauver« haltntste einzuhalten!"