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Nr. 160 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Vas Arbeitsbefchaffungs- programm der Reichsregierung.

Don Reichswirtfchaftsminifter Dr. C u r t i u s.

I.

Die gewaltige Arbeitslosigkeit ist eines der rnidj« tigsten Probleme der gegenwärtigen Krise, das die verantwortungsvollste Beachtung der Reichswirt­schaftspolitik erfordert. Die Reichsregierung hat da­her in Fortsetzung und Erweiterung der bisherigen Maßnahmen einen umfassenden Plan ausgestellt, um angesichts der außerordentlichen Notlage neue und zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten zu schassen, die sich noch in diesem Jahre aus dem Arbeitsmarkt auswirken sollen. Um alle bureoukratischen Hem­mungen bei der Durchführung des von der Reichs­regierung festgestellten Arbeitsbeschafsungspro- gramms zu beseitigen, Hot die Reichsregierung einen mit besonderen Vollmachten ausgestatteten Ministc- rialausschuß eingesetzt, der die Durchführung dieses Programms in enger Fühlung mit den Länder- regierungen gewährleistet.

Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Stüt- zung des Arbeitsmarktes und zur Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten, die von der Reichsregierung im letzten halben Jahre beschlossen wurden und in der Durchführung begriffen sind, die sich teilweise aber erst jetzt und in den kommenden Monaten auswirken werden, lassen sich in fünf Gruppen teilen. Zunächst gilt es naturgemäß, die sog. pro­duktive Erwerbslosenfürsorge nach Einsetzen der Krise wesentlich zu erweitern und aus­zugestalten. Ferner wurde versucht und diese Maßnahmen bilden die zweite Gruppe, durch beschleunigte und erweiterte Gewährung öffentlicher Aufträge wenigstens einzelnen Industrien in größerem Umfange Beschäftigungs- Möglichkeiten zu verschaffen. Die Maßnahmen der dritten Gruppe umfassen die Hingabe von öffent­lichen MUteln an einzelne Privatunterneh­mungen zur Aufrechterhaltung ihrer Betriebe, während es sich bei den Maßnahmen der vierten Gruppe um Gewährung von Krediten aus öffentlicher Hand an bestimmte Wirtschaftszweige handelt. Die Maßnahmen der fünften Gruppe schließlich entspringen nicht nur der gegenwärtigen Krise: sie sind vielmehr auf längere Sicht gestellt worden. Sie sollen z. B. den Auslandabsatz der deutschen Industrie zu heben versuchen, neue Kreditmöglichkeiten erzielen und durch Senkung der Produktionskosten in der Richtung einer Erleichte- rung der Wirtschaftslage wirken.

Als zu Beginn dieses Jahres die gewaltige Flut der Arbeitslosigkeit immer stärker anschwoll, war es die Aufgabe der Wirtschaftspolitik, der Industrie gewisse, wenn auch begrenzte Absatzmöglichkeiten zu schaffen. Dies war vor ollen Dingen aus psycho­logischen Gründen erforderlich, weil jeder über­triebene wirtschaftliche Pessimismus zu Massenent- lafsungen und Stillegungen zu führen pflegte, und zwar auch in solchen» Fällen, wo die Lage oes sin- zelnen Betriebes es nicht unbedingt erfordert. Die Arbeiten der großen Beschaffungsstellen der Post, des Heeres und der Verwaltung und vor ollen Din­gen der Eisenbahn, die in der Zeit des höchsten Standes der Arbeitslosigkeit einsetzten, hoben trotz ihrer relativen Geringfügigkeit mit dazu beigetra- Sen, den Arbeitslosenziffern zu einer sinkenden Ten» enz zu verhelfen. Jedoch ist die Gefahr nicht zu verkennen, die für den Arbeitsmarkt darin liegt, daß die in den Etats vorgesehenen Befchofsungsmittel in diesem Jahre frühzeitiger als sonst er­schöpft sein werden. Es war daher die Ausgabe des neuen Arbeitsbeschaffungsprogramms, diese Lücke durch Hereinbringen neuer Aufträge ouszufüllen.

Die öffentliche Hand darf nicht zum Bankier der Wirtschaft werden. Trotz­dem mußten in einzelnen Fällen von reichswegen bestimmte Unternehmungen unterstützt werden, nachdem alle sonstigen Mittel und Maßnahmen er­schöpft waren, um diese Betriebe oder Betriebs­gruppen vor dem Untergang zu bewahren, einem Untergang, der aus allgemeinen Gründen verhin­dert werden muhte. Hervorheben müßte ich aber auch, daß, wenn diese Stützungsaktion vielleicht nicht positiv unter den Begriff der Arbeitsbefchaf- fung eingereiht werden kann, doch ohne sie zweifel­los weitere Massen von Erwerbslosen auf den Ar­beitsmarkt geworfen worden wären, deren vermin- dcrte Kaufkraft zur Verschärfung der Krise wieder­um beigetragen haben würde. Bei der weiteren vierten Gruppe der Maßnahmen handelt es sich darum, einer besonderen, aller Voraussicht nach begrenzten Notlage gewisser Wirtschaftszweige zu

steuern, und ihre Produktionsmöglichkeiten zu er­halten. Diese Maßnahmen dürfen nicht als gene­relle Subvenlionspolilik gewertet werden, wie sie andere Länder mit sehr negativem Erfolge versucht haben. Nur dort ist geholfen worden, wo man vor- ausschauend annehmen konnte, daß die in Frage kommenden Wirtschaftszweige noch einer gewissen Uebergangszeit aus eigener Kraft ihre Pro­duktion fortzusetzen in der Lage sein werden.

Zur Förderung d^s Exportes mußten auch neue Wege beschritten werden, so der der Ex- portkrcditoersicherung und der des Russengeschäfts. Die Bestrebungen des Reiches zur Schaffung einer Exportkreditversicherung haben zu einem Erfolg ge­führt. Die Versicherungsstelle hat ihre Tätigkeit aus­genommen. In den ersten Sitzungen des Ausschusses dieser Stelle sind zahlreiche Exportaufträge versichert worden. Ein beträchtlicher Teil dieser Versicherungen betraf Auslondaufträge gerade solcher Industrien, die, wie z. B. die Kleineisenindustrie, besonders schwer unter dem Verlust ihrer früheren Absatz- Märkte zu leiden haben. Weitere Anträge sind in Bearbeitung. Sie bewegen sich noch Zahl und Um­fang in aufsteigender Linie. An der Schaffung einer zweiten Form der Exportkreditoersicherung, die sich an die Vorschläge der Hamburger (Expor­teure .anlehnt, wird mit Aussicht auf baldigen Er­folg gearbeitet. Im Laufe der letzten $roei Wochen ist cs gelungen, im Russengeschäft zwischen einem deutschen Bankenkonsortium und der Han­delsvertretung der Sowjetunion über Bedingungen und Finanzierung eine Annäherung herbeizufüh- rcn. Mit dieser Einigung wird der Weg für wei­tere Bestellungen Rußlands erheblich geebnet sein. Bis heute sind aus Jndustriekreisen Anträge mit Be­zug auf die Erteilung einer Garantie für L i e- serungsoerträge im Umfange von rund 360 Millionen Reichsmark beim interministeriellen Ausschuß gestellt worden. Die weitaus meisten An­träge auf Erteilung einer Garantie hat der Aus­schuß bewilligt. Die auf Grund der Einigung er­möglichte Gesamtfinanzierung durch das Banken­konsortium dürfte die Erwartung zulassen, daß im beiderseitigen Interesse Deutschlands und Rußlands Geschäftsabschlüsse in steigendem Maße erfolgen.

Nachdem ich so die Maßnahmen der Reichsregie­rung geschildert habe, die daraus hinzielen, den deut­schen Waren ein erweitertes Absatzgebiet im Aus- land zu verschaffen, will ich auch die Bemühungen streifen, die die Reichsregierung aufgemanbt hat, um den innerdeutschen Markt onzureaen. Hier waren insbesondere auf dem Gebiet des Kre­ditwesens manche Mißstände zu beseitigen. Es galt zunächst den durch die Inflation und ihre Folgen zerstörten Markt für langfriftige Kredite wiederaufzubauen. Die hierauf hinzielenden Arbei­ten der Reichsregierung sind durch die Entwicklung der Dinge unterstützt worden. Die Krisenliquida- tion, ausländische Hilfe und wohl auch ausländisches Fluchtkapital, dazu die ständig wachsende Spartätig­keit haben eine Geldflüssigkeit herbeigeführt, die ihrerseits wieder den Anlagemarkt belebt hat. Eine von mir mit den Länderregierungen getroffene Aus­sprache hat eine Uebereinftimmung darüber ergeben, daß die Sparkassen wieder auf die Pflege der Realkredite zu verweisen sind. Auch die Ver­sicherungsgesellschaften sind zu wiederholtem Male, und zwar mit sichtbarem Erfolg, auf die volkswirt­schaftlichen Notwendigkeiten hingewiesen worden, ihre Reserven und sonstigen Vermögensanlagen mit langfristigen Hypotheken zu decken.

Das Kreditgeschäft der Landwirtschaft er­fordert besondere Maßnahmen. So wurde die Deutsche Rentenbankkreditanstalt errichtet. Eine wei­tere Einrichtung zur Beschaffung drei- bis fünfjäh­riger Realkredite ist, daß durch die Golddiskontbank im Verein mit der Rentenbankkreditanstalt Kredite in bisherigem Ausmaß von 250 Millionen Reichs­mark gewährt wurden. Es darf schließlich auch an die vom Reich gebotene Hilfe zur Beschaffung von künstlichem Dünger sowie an die Kreditaktion zu­gunsten des Flachsbaus erinnert werden. Die Kredit­lage der Landwirtschaft soll weiterhin durch ein Ge­setz betreffend die Ermöglichung der Kapital­beschaffung für landwirtschaftliche Pächter erleichtert werden. Der drückenden Geld­not der Landwirtschaft wird dadurch Rechnung ge­tragen werden, daß die Fälligkeitstermine der von der öffentlich-rechtlichen Stellen an die Landwirt­schaft gegebenen Kredite hinausgezögert werden. Ein Problem, das wegen feiner Bedeutung für die ge­samte Wirtschaft die allergrößte Beachtung verdient, ist die Bergung der Ernte. Die Landwirte sollen durch Lombardierung der Produktion auf dem Wege der Genossenschaft Wechsel in Höhe von 60 Prozent des Wertes der lombardierten Kredite erhalten. Die

Pariser Brocken.

Don Alfred Korn.

La yille lumiere so nennt sich Paris seit jeher mit Stolz. Also die Lichtstadt oder die leuchtende Stadt. Einst hat beides gestimmt, iin wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Frank­reichs Metropole war gut beleuchtet, als man anderswo noch im Finstern durch Kot watete, und ihre Geister blitzten hell, als andere Ge­genden noch das Dunkel der Unwissenheit vor- zvgen. Aber die Zeiten ändern sich. Gewiß ist in Paris noch immer strahlende Geistigkeit zu Hause, die Pariser sind nicht dümmer geworden. Aber man hat inzwischen auch außerhalb von Paris allerhand gelernt. Der Primat ist im Erlöschen.

Die Beleuchtung, die man sieht, ist ebenfalls nicht schlechter geworden. Unb die Lichtreklame feiert auch in Paris Orgien. Aber an der Spitze marschiert die erleuchtete Stadt nicht mehr. Die neue Welt hat ihr längst den Rang abgelaufen: sie hat mehr Geld, mehr Kraft, mehr Licht.

Immerhin ist in Paris noch genügend Licht, um die Schatten au sehen: den Schmutz, von dem auch die großen Boulevards nicht verschont sind. Ein Heer von Straßenkehrern samt der modern­sten technischen Ausrüstung zum Kampf gegen den .Unrat, reicht nicht aus, um das zu beseitigen. waS die Pariser (oder helfen die geschätzten Mit­bürger aus der neuen Welt mit?) auf die Stra­ßen ablagern.

Mchtsdestoweniger ist der Schönheitssinn der Pariser außerordentlich entwickelt. Er äußert sich nicht nur in den unzähligen Standbildern aus Marmor, Stein und Erz, die an jeder zweiten Straßenkreuzung ein bemerkenswertes Verkehrs- hindernis Herstellen und in einigen Gärten in Massen den Bäumen Konkurrenz machen. Uebri- gens sind die meisten der verewigten Männer längst vergessen, ebenso wie die biedern Stein­metzmeister, die ihren Künstlernamen an den Ruhm des geehrten Mannes zu heften gedachten.

Der Pariser Schönheitssinn bewirkt aber auch, daß die elektrische Straßenbahn in der innere

Stadt keine Drähte als Oberleitung benützen darf, und daß keine Briefkasten äußerlich sichtbar an­gebracht sind. Die Briefkasten sind mit mög­lichster Unkenntlichkeit in verschiedene Gegenstände eingelassen, vorzugsweise in den unteren Schaft von Straßenlaternen oder in die Holzverschalung von Tabakläden ganz nahe beim Straßenpflaster. Dieses Derftecken des Briefeinwurfes hat den Parisern den Hang zu schriftlichem Verkehr nicht abgewöhncn können So sieht man häufig Leute in gebückter Haltung, scheu nach allen Seiten lugend, durch die Straßen schleichen. Das sind keine politischen Verschwörer, auch keine tiefge­beugten, erblos Hinterbliebenen, sondern es sind einfach Pariser die in einem fremden Arron­dissement eine Gelegenheit zum Einwerfen ihres Briefes such<H,

Wer Pariser Zeitungen liest, muh starke Verven haben. Unter einem halben Dutzend Bluttaten täglich kommt man nicht weg. Da gibt es Eifersuchtsdramen in Hülle und Fülle (einmal erschießt er sie, das andere Mal schneidet sie ihm mit einem Messer die Kehle durch), Tot­schläge aus Rachsucht, int Streit und aus Jäh­zorn. Morde aus verschiedenen Beweggründen und mit verschiedenen Instrumenten Die Boule­vardsblätter füllen täglich mehrere Spalten mit bluttriefenden Schilderungen, an denen ihre Leser­schaft offenbar besonders Gefallen findet. Die Masse des Pariser Volkes ist sehr höflich, nett und gutmütig, wie alles Volk. Man würde ihm kaum diese Vorliebe für fliehendes Blut zutrauen. Klima und Temperament lockert offenbar das Messer in der Scheide, und die Verbrecher aus Affekt haben bedauerlicherweise immer im ent­scheidenden Augenblick einen Revolver bei der Hand.

Uebrigens geht ein erheblicher Teil der Vlui- taten auf Rechnung von Ausländern und hat politischen Zwist zur Ursache. Georgier und Litauer, Rumänen und Italiener, Vulgaren und Russen, all das Völkergewirr aus dem Osten und Südosten Europas wählt mit Vorliebe das Pariser Pflaster zur Austragung innerpolitischer

Landwirte können diese Wechfel bei der Kreditge­nossenschaft diskontieren, die ihrerseits an der Preu- ßcnkafse Rückhalt haben. So wird einerseits ver- mieden, daß die landwirtschaftlichen Erzeugnisse plötzlich in Übergroßem Maße auf den Markt ge­worfen werden müssen, während andererseits die Landwirtschasl in sehr erheblichem Maße sofort in den Besitz von Barmitteln kommt, die als Kaufkraft im Herbst wieder zu einer Belebung der industriellen Produktion führen.

Trotz der herrschenden Geldflüssigkcit besteht gc- rade bei den kleineren und mittleren industriellen Unternehmungen ein bisher noch nicht voll befrie­digtes Kreditbedürfnis. Eine geeignete Lösung hier­für muß gesunden werden. Sachsen ist durch die Schaffung einer Landespfandbriefanstalt für inbu» strielle Unternehmungen gegen Solidarhaftung der beteiligten Kreditnehmer mit Staatsgarantie voran- gegangen. Andere Versuche dieser Art sind in an­deren Ländern gemacht worden, lieber die Beschrei­tung dieses Weges auf breitester Basis auch in an­deren Ländern haben in meinem Ministerium Be­sprechungen stattgefunden, bei denen die Länder- regierungen allerdings eine große Zurückhaltung beobachtet haben. Es wird z. Z. in Erwägung ge­zogen, auf diesem Gebiete durch private Änitiatioe die Bereitstellung öffentlicher Mittel oder öffentlicher Garantien wirksam zu unterstützen.

Der Staat befiehlt, das Volk gehorcht. (Don unserem römischen E.-Korrespondenten.)

Rom, 6. Juli.

Als sich der ahnungslose italienische Unter­tan am Morgen des 1. 3ult den Schlaf aus den Augen rieb, erfuhr ec folgendes:

Don heute ab gibt es nur nvch gestrecktes Brot. Mehl, das weniger als 15 Teile Bei­mischungen enthält, darf überhaupt nicht in den Handel gebracht werden. Der Arbeitstag dauert von heute an eine Stunde länger, ohne daß des­wegen der Lohn immer erhöht würde. Die Er­öffnung neuer Wirtschaften, Kaffeehäuser, Bars, Konditoreien und öffentlicher Lokale überhaupt ist untersagt. Die Zeitungen dürfen nur noch in einem Umfang von höchstens sechs Seiten tätlich erscheinen: Ausgleichsversuche durch Der- gröherung des Formats, Beilagen oder der­gleichen werden nicht geduldet. Alle bisherigen Zollerleichterungen für die Einfuhr fallen. Vie- mand darf sich mehr eine Villa oder ein Ein­familienhaus bauen. Viemand nach dem 1. Vov. noch reines Benzin in seinen Wagen schütten: es muh mit Alkohol vermengt sein. Sogar der blühende Handel mit Kunstdünger, bei dem es mehr auf die Kunst der Derknetung wertloser Ehemikalien, als auf das Düngen ankam, ist verboten...

Die Arbeitgeber haben die Pflicht, für ihre Arbeiter und Angestellten besondere Verkaufs­stellen einzurichten. wo Lebensmittel und die wichrigsten Gebrauchsgegenstände zu den billigsten Preisen zu haben sind. Die Industrie hat sich vom Ausland unabhängig zu machen, fremde Rohmaterialien zurückzuweisen und die einhei­mischen Bodenschätze auszubeuten. Der Handel ist gehalten, nur noch nationale Erzeugnisse seil- zubieten.

Und noch eine Reihe anderer Vorschriften stehen auf dem Programm, das mit der Aus­hebung des Mieterschutzes und der Verwirklichung des Arbeitsgesehes mit seinen revolutionären Bestimmungen, dem Streik- und Aussperrungs­verbot, am 1. Juli einsehte. Dem Bürger ver­blieben nur zwei Augen, um zu staunen, und zwei Ohren, um ob dieser gewaltigen Ouvertüre zu klingen. Die Zunge hat er im Mund zu be­halten.

Um so lauter sich zu entrüsten über die Vergewaltigung der Menschenrechte, dem Mit­teleuropäer der parlamerckarischen Schulung er­scheint es Wohl heilige Pflicht. Denn dem Dekret­bündel ist keine Kammerdebatte, keine Volks­befragung, keine Ministerkrisis vorausgegangen, Mussolini sagte einfach: Der Staat bin ich. Und der Staat befahl.

Ueber dieses autokratische Verfahren zu richten mag der Geschichte, die sich von Erfolg oder Miherfolg leiten läßt, Vorbehalten bleiben, Mussolini ist ja schon so viel kritisiert worden, daß zu kritisieren auch nichts mehr übrig bleibt: betrachten wir also heute nur das Objekt seiner Willkür, das italienische Volk. Wie stellt es sich

Meinungsverschiedenheiten und bedient sich da­bei lebensgefährlicher Mittel.

Im allgemeinen ist Paris einer der sichersten Orte, wenigstens was Kleinigkeiten anlangt. Man kann am Vormittag ein Handtäschchen auf dem Tisch eines Boulevardcafes liegen lassen und findet es wenn nicht gerade ein Perlenkollier drin war am Abend noch unversehrt auf dem­selben Platz. Aber seines liebens scheint man nicht sicher zu sein. Jeden Morgen nach der Lek­türe der Zeitungen staunt man, daß man noch am Leben ist.

Die wichtigste Verrichtung im Tageslauf eines Parisers ist das Dejeuner, das Mittag­essen. In vieles weih er sich zu schicken, die Unaimehmlichkeiten der Geldentwertung und ihrer Folge, der Teuerung, erträgt er gleichmütiger, als es anderswo der Fall war, aber das Dejeu­ner muh er zwischen zwölf und zwei einnehmen. Der größte Teil der Geschäfte, vor allem natür­lich alle Schreibstuben und Danken sind von zwölf bis zwei gesperrt. Die Dureaustunden laufen von neun bis vier, aber mittags wird zugemacht. Wenn du zwei Minuten nach zwölf in deine Dank kommst, um Geld zu wechseln, findest du geschlossene Schalter und versperrte Türen, und der Portier, den du als Veuling erstaunt fragst, antwortet dir in verletztem Ton: 11 Fant dejeuner! (Man muß doch Mittagessen!). Dieses II laut dejeuner begegnet einem au) Schritt und Tritt. Ich war in der Kammer bei einer Sitzung, die für zehn Uhr angeseht war. Als der Präsident zehn Minuten nach zehn noch nicht eröffnet hatte, schlugen die Deputierten Lärm, trommelten auf die Pulte und aus den erregten Zurufen hörte man als Grundbaß immer wieder heraus: II faut dejeuner! Die umsichtigen Deputierten fürchteten, daß bei verspätetem Be­ginn die Aufarbeitung des Pensums bis über die Mittagsstunde hinaus dauern und ihnen das Mittagessen verderben würde.

Um zwölf Uhr ist allgemeiner Run auf die Autobusse und die Metro. Da fahren die ge­hetzten Arbeitstiere wie Heringe gepfebt aus

Montag, (2. Juli 1926

zu der Umkehr der parlamentarischen Erruirgen- schaften, zur Aushebung der Freiheit, zu den Eingriffen in seine privaten Angelegenheiten? Um seine erstaunliche Haltung zu begreifen, muß man wissen, was das italienische Volk weiß: daß Mussolinis Willkür nicht gleichbedeutend ist mit der Launenhaftigkeit, mit dem Spieltrieb eines egoistischen Tyrannen, sondern untergeordnet einem gröberen Willen, dem vielleicht krank­haft großen, aber immerhin großen Wunsche, das Vaterland hochzureißen unö dafür alle Kräfte anzusponnen. In Mussolini ist die historische Antithese: Der Staat bin ich! 3d) bin der erste Diener meines Staates! verschmolzen. Es wäre leicht, eine Fülle geist­reicher Bemerkungen über diese geglückte Syn­these zu machen und eine staatspolitische Disser­tation über fein Experiment zu schreiben, aber schwer, das Ergebnis klarer zusammenzusassen, als cs sich bereits im Kopse deS bescheidensten italienischen Arbeiters malt: Mussolini tollt 3talien groß machen. Für den Einzelnen bleibt nur die Frage übrig, wie er sich zu diesem Ziele verhält, mit anderen Worten, ob das 3nteresse am persönlichen oder am Staatswohl überwiegt. Wer nun einen vergleichenden Blick in gewisse über- parlamentarisierte Staaten wirst, wird feststellen müssen, daß dort die Möglichkeit, jeden kleinen Privatwunsch aus die Staatstribüne zu bringen, für an sich berechtigte, für das Volksganze aber wenig bedeutsame Gruppenintcresfen Parteien und Parteichen zu bilden und damit gegen das Staatsgefüge Sturm zu laufen, dem überberjön- lichen Daterlandsgedanken abträglich ist und zu einer auch politischen Schwächung der Ration führen muß. Dies hat Mussolini erkannt, daher ordnet er die Wirtschaft der Politik unter. Rach seiner Meinung kann nur ein staatspolitisch er­zogenes Volk auffteigen, nur ein opferfreudiges sich die erste Voraussetzung für den erfolgreichen Existenzkampf erringen, die wirtschaftliche Unab­hängigkeit.

Das aber ist das Lebensproblem für 3talien: d i e Erringung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit. Geographisch, wirtschaft­lich und damit politisch in der denkbar ungünstig­sten Lage, kann die Apenninenhalbinsel nur durch Abschüttelung der wirtschaftlichen Knecht­schaft frei werden. Rur über die Brücke der wirtschaftlichen Selbständigkeit führt der Weg zum Imperialismus, zur Großmachtstettung im Mittelmeer, zur Eroberung der nordafrikanischen Küste. Diplomatischer wäre es also gewesen, wenn Mussolini nicht schon vorher seine weit- gesteckten Ziele bekanntgegeben und damit die Aufmerksamkeit der Rachbarn erregt hätte, aber jedenfalls macht er sich jetzt nachträglich mit der ihm eigenen Kühnheit und Entschlossenheit ans Wert, um die große Drücke zu bauen. Er ver­traut dabei auf den gesunden Instinkt seines Volkes, auf die lodernde Vaterlandsliebe gerade der werktätigen Klassen, auf den Willen aller, mitzubauen, auch wenn dafür länger gearbeitet und das Brot gestreckt werden muh. Und ich glaube, dieses Vertrauen ist gerechtfertigt. Im italienischen Voll von heute lebt der sprung­bereite Rationalgeist des japanischen der Jahr­hundertwende. das dolce far niente spukt nur noch in den Feuilletons der Oberflächenreisenden, selbst in Reapel und Sizilien, wo das Klima nicht dazu ermuntert, stoßt man auf einen fieber­haften Arbeitswillen.

Vergrämte Politller mögen nun glauben, wackere italienische Männer, denen unter dein laizistischen Regime Unrecht geschah, die des­halb ins Ausland flüchteten, mögen vielleicht sogar hoffen und verkünden, das Voll lasse sich die mussolinischen Dekrete nur gezwungen ge­fallen, eine dumpfe Gärung lebe in der Masse, über kurz oder lang werde es zur offenen Rebellion kommen. Wer aber in Italien lebt, mit allen Kreisen in Derührung kommt, merkt nichts dergleichen. 3m Gegenteil, die Dis­ziplin. mit der Arbeitgeber wie Arbeitnehmer die Befehle aus dem Palazzo Chigi hinnehmen, nötigt zur Bewunderung. Keine Spur von Er­bitterung, nicht das leiseste Anzeichen passiven Widerstandes. Gewiß wirkt es etwas komisch, wenn sich die zwangsläufigen Lobhudler über­schlagen, wenn die Zeitungen heute als verwerf­lich und überflüssig bezeichnen, was sie gestern für den Abonnentenfang als besondere Vorzüge rühmten: die vielen Seiten Umfang, die pikante Lokalchronik, die gelehrten Artikel über Kunst und Wissenschaft, den ausgedehnten Auslands­dienst und so weiter. Gewiß wird es viele geben,

dem Geschäftszentrum in ihre meist an der Peri­pherie gelegenen Wohnstätten, eine halbe, drei­viertel Stunde weit. Um zwei Uhr müssen sie wieder auf ihrem Arbeitsplatz fein. Die wenigen Minuten der Mahlzeit zwischen zwei weiten er­müdenden Fahrten können, wie man meinen sollte, kein Vergnügen sein. Aber die Pariser halten mit konservativer Zähigkeit daran fest, daß der Mittag dem Essen gehört. II faut dejeuner.

Dem Vergnügen wird in Paris nach dem Grundsatz »Roch und noch und noch" gehuldigt. Richt bloß die Revuetheater bieten ein Monstre» Programm, das kein Ende nimmt, nicht nur die Kinos halten ihre Besucher vier Stunden lang in Atem, auch die berühmten Theater, die der Kunst mit schönem Erfolg dienen, spielen bis zum Ueber- druß, bis der Fremde, der auf soviel Kunstgenuß nicht gefaßt war, völlig erschöpft ist. Die Vor­stellung dauert von acht Uhr abends unbarm­herzig bis Mitternacht. 3st die Oper oder das Schauspiel zu kurz, dann wird ein zweites Stück zugegeben. Und wenn auch auf diese Weise, die Füllung des Abends nicht ausgiebig genug besorgt ist, so wird die Kürze der Atte durch die Länge der Zwischenakte kompensiert. Aber vor Mitternacht wird man keineswegs losge­lassen. Denn der Pariser will für sein Geld etwas haben.

Die Angleichung der Geschlechter in der Klei­dung macht weitere Fortschritte. Die Röcke sind noch kürzer geworden, dafür sieht man immer häufiger weibliche Gestalten in Sakko, Herrenweste und steifem Kragen mit Krawatte. 3m Bade­anzug ist der Umsturz komplett. Das Dadetrikot der Dame hat auch den lehren Rest des Schurzes von einst verloren und endet im Schritt in Hosen- rudimenten. Dafür hat das Herrentrikot ein züchtiges Röckchen umgehängt bekommen. 3ch zog mir die deutlich bekundete Mißachtung eines Verkäufers zu, als ich solch ein Röckchentrikot ablehnte.Vous ne vous portez pas ä la mode? fragte er beleidigt, und es dauerte eine lange Weile, bis er im Lager ein altmodisches Herren­trikot ahne Röckchen herausgestpbert hatte.