Nr. 290 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Dbertfejfeii)
Samstag, U. vezeinder 1926
Außenpolitische Umschau.
von Professor Dr. Otto Hoehsch, M. d. R.
Für die Tagung des VölkerbundS- rat es muh sich auch allmählich eine besondere Technik Herausbilden. Die Tagesordnung schwrllt immer mehr an. enthält aber dabei natürlich mch eine ganze Reihe gleichgülnger und un- vesentlicher Purrkte. Indem die Außenminister selbst au diesen Ratstagungen kommen, besprechen sie selbstverständlich auch vieles von dem. was neben (Kens herlaufend die Beziehungen der Mächte bestimmt, und das ist ja zu einem ganzen Teil mit das wichtigste in der europäischen Poli- tik überhaupt.
Dah im äußeren Arrangement dreier letz- eren Besprechungen eine Aenderung eintreten nuß, ist eine nicht nur auf Aeußerlichkeilen begründete deutsche Forderung. Auch dieses Mal -aben sich Chamberlain und Driand in Paris getroffen. Der polnische Außenminister war da- bei. der belgische muhte erst ziemlich deutlich davon erinnern, dah Belgien auch noch da sei. Sn diesen Besprechungen verständigte sich die andere Seite vor Dens und vor der Berührung mit den Deutschen über die groben, hinter der Ratstagung stehenden Fragen der Militärkontrolle und der Investigation. Das ist run doch, wie die ganze Welt sieht, immer roch die Scheidung in die beiden Lager der Sieger und der Besiegten. Und das e m p - fi n de t man in einem Deutschland, daS angeblich als durchaus gleichberechtigte Macht an diesen Beratungen teilnehmen soll. Cs kann die Atmo- sphäre für die Besprechungen der drei Außen- nrinifter unter einander in Genf selbst nicht günstig gestalten, wenn der deutsche Vertreter dort sofort aus bereits vorliegende Verabredungen der anderen stähl, bei denen sogar, und noch kazu in einer so betonten Werse, wie es dieses Mal von selten ZaleskiS geschah, Polen von vornherein eingeschlosscn ist.
Gin anderes sältt bei den Genfer 'Tagungen immer mehr auf. Man hat gegen die Geheim- Diplomatie gewettert, und in der Öffentlichkeit sollen sich die diplomatischen Verhandlungen jetzt vollziehen. Rechtfertigen aber die Ersahrun- gtn der letzt en Jahre wirklich diese Technik? Rützt der Zusammenfluß zahlreicher Pressevertreter in Genf, von denen jeder jeden Tag grohe Telegramme nach Hause schicken muh und soll, nützt et wirklich der gemeinsamen Arbeit, der ruhigen tieberlegung und der Durchführung von Der- loickeilen und delikaten politischen Aktionen? Auch ein Äuhenminister, der das Instrument der Presse W spielen versteht, wird schliehlich bei diesem Zarin und diesem Durcheinander irre und der Zcser daheim wird es erst recht. Aber dah x\ dieser Technik einer sogenannten offenen Diplo- rutie, die vor aller Welt mit vollem Presse- o-rchester spielt, grohe Gefahren liegen, das l ittfrt jeder, der mit einigerrnahen ruhigem Kopfe derartige Verhandlungen verfolgt.
Wird, wie gegeben ist, in Genf auch nicht 3inn Völkerbund Gehöriges erörtert, so sind dafür »die Mächtebeziehungen gleichfalls das wichtigste: das deutsch-französische Verhältnis — s^s Verhältnis Englands zu Europa — der valienisch-französische Gegensatz, um -die wichtig- 9 en westeuropäischen Gesichtspunkte drfür zu .lermen. Di« sich stärker betonende Selbständig- I feit Belgiens gegenüber Frankreich in dieser Aruppierung gehört ebenso dazu, wie das Dtre- ben Polens, unter allen Umständen fest am Schoß der beiden Westmächte, insonderheit Fvank- .-eichs zu hängen.
In alledem birgt das französisch-ita- iIienische Verhältnis wohl am meisten Hn- berechenlxrreS und Beunruhigendes. Roch nie- iiLils seit über 40 Jahren waren diese Dezie- | Inmgen so gespannt wie k>eute. Wer die Akten >Drchliest. die den Anschluh Italiens an den ; beutsch-öst erreichischen Bund behandeln, sieht mit i Staunen, wie sehr die Situationen sich ähneln.
Damals der Vertrag von Bardo, die Festsetzung Frankreichs in Tunis, und die Verletzung ter kolonialen Wünsche Italiens, heute das Streben Italiens nach kolonialer Expansion, die lid) grvhenteils in dieselben Gebiete richtet. Rur dah Italien sich damals am Beginn seiner Exi- Isienz alS s^bständiges Königreich befand, dem rrd) niemandMeine besonders grobe Lebenskraft twraute, während das Italien von heute, die . t-ritie Grohmacht Europas, trotz aller seiner inneren Schwierigkeiten doch ein Staat und Volk Icon strotzender Lebenskraft und auch Grschlosfen- beit ist. mit einem Druck nach außen, dessen Ducht in einem Menschenalter sich verdoppelt und verdreifacht hat. Damit läge für das Italien ton heute erst recht die Schlußfolgerung von 1882 nahe, die Erispi zog. nämlich in dieser Situation und in diesem Gegensatz (da das Der- hcnltrvis zu England ja unverändert weiter besteht) die Orientierung aus Deutschland zu zu lü^ren. Es sieht so aus. als wenn in der italie- cklchen Politik dergleichen Erwägungen auch an- ijjrftdlt würden. Aber sie ist leider vor wie unter Mussolini zu sehr daran gewöhnt, von der 4»and in den Mund zu leben. Anläufe zu machen, die man nicht zu Ende führt und sieht. w»aS in so weitgreifenden Gegensätzen unmöglich iß. die Weisheit darin, rasch vorstobend und Drückt ratend jeweils den einen gegen den an» iwren und den anderen gegen den einen auszu- lpielen. Diese Schwäche hat der Mussolini diplo- imitisch weit überlegene B r i a n d auf das genaueste erkannt. Daher die bewunderungswürdige Scherbett in seiner Behandlung Italiens und it!>e Ucberlegung von deutscher Seite über diesen tzlisammenh^rng muh eben leider auch von dieser Lttsache, wie heute die ttalienische Auhenpolitik «schaffen ist, ausgehen — sehr zum Schaden des uropäischen Gleichgewichts und des Friedens.
'Dewuht und unterstrichen will Ruh land 'eine Stellung jetzt und auf die Dauer außerhalb dieser ganzen Machtbeziehungen nehmen, wie sie um Gens herurnspielen, auf Genf ihre Wirkungen ausüben und in Genf durch die Angelegenheiten des Völkerbundes hindurch sich auch windeln. Das hat Tschitscherin mit großem Rach- taua am 6. Dezember zur Berliner Presse aus- geführt. Der grohe Gegensatz zu England, zielbewußte friedliche russische Vertrags- vvlitik. die Ablehnung des Völkerbundes schlecht- hüt All Diese Gesichtspunkte sind verständlich, entsprechen den augenblicklichen Interessen Ruß- ands und bilden zusammen ein zweifellos geschlossenes und wie stets bei solcher Gechlofsen- fel wirksames System. Aber auch das hat feine Schattenseiten.
Saisonbeginn am Nil.
Von unferm 3. D.-Korrespondenten.
Kairo, Dezember.
.Saison"! Don Kairo bis Assuan ein Seufzer der Erleichterung, bei Eseltreibern und Hotelbesitzern, Führern und Allerturnshändlern. und mehr noch, bei allen Kaufleuten überhaupt. Denn nun ergibt s.ch ein Strom gelben Goldes ins Land, der allen irgendwie zugute kommt, und dieS etwa fünf Monate lang.
Die Saison beginnt, wenn der Einheimifche fröstelnd seinen Paletot anzieht und der auS dem Rorden kommende Fremdling dasselbe Kleidungsstück schwitzend in den Schrank eines Hotelzimmers hängt. Wenn die großen Hotels des Riltales ihre den Sommer über geschlossenen Pforten öffnen.
Die Fremdenindustrie ist die blühende — boshafte Leute behaupten, die einzige — Industrie des Landes.« Sie bringt Geld ins Land, für welches die Fremden Reiseeindrücke. Antiguitäten, teilweise sogar echte Teppiche auS Persien. Kupfer gegen stände und Schic.etgewebe aus Assiut eintauschen. SS gehört im Westen noch immer zum guten Ton, mal einen Winter in Kairo. Luxor oder Assuan verbracht, die Pyramiden von Giseh und Sakkara. die phantastischen Ruinen Karnaks und vor allem die Königsgräber besucht zu haben. Aegyvtens Fremdenindustrie Datiert cigerfdid) aus dem Jahre 1869, als der große, viel verleumdete und viel verkaimle Khe- dive Ismael die Kunststraße nach den Pyramiden anlegen ließ, um seinen zur Eröffnung des Suezkanals erschienenen fürstlichen Gästen, vor allem der Kaiserin C u g c n i e, die Wagenfahrt in die Wüste zu ermöglichen, und als er auch einen regelmäßigen Rildampferverkehr einrichten ließ, da es im Riltal noch keine Eisenbahn gab.
Das größte Kontingent an Touristen stellen die Angelsachsen von beiderseits deö Ozeans. Dann kommen in weiten Abständen die anderen Die Russen, welche früher eine große Rolle spielten, fehlen von den hier gestrandeten Emigranten, welche nicht zu den Touristen gerechnet werden können, abgesehen, jetzt fast ganz. Die Deut sch e n, die an Zahl in Ser Vorkriegszeit gleich hinter den Angelsachsen kamen, stellen sich erst langsam wieder in größerer Zahl ein. Im allgemeinen wird die Zahl der Aegypt.n in der Saison besuchenden Fremden überschätzt: tatsächlich übersteigt diese nicht ein Dutzend Tausende, aber es sind meist schrecklich reiche Leute, die über eine Halde Million Pfund im Lande lassen, welche, und dies ist die Hauptsache, zu 80 Proz. als Reinverdienst der ägyptischen Volkswirtschaft anzusprechen sind.
Daß nicht mehr Leute Aegypten besuchen, dürfte feine ilrfad>e darin haben, daß die K o st e n einer solchen Reise gewöhnlich überschätzt werden. Man kann aber, bei mittleren Ansprüchen, schon für fünfzig Pfund oder rund taufend Mark von Hamburg oder Rotterdam aus eine Reise rund um Europa über England, Portugal, Spanien. Frankreich und Italien nach Aegypten und wieder zurück machen, sich einen Monat im Lande aufhalten und das Sehenswerteste sehen. Allerdings muß man sich auS- fennen, nicht gerade ins „Shophärds" gehen und vor allem nicht den zahlreichen Touristengeiern. die auf allen Wegen lauem, in die Hände fallen
Es ist eine Fabel, wenn behauptet wird, daß von Fremden, der Einkäufe macht, das Doppelte des Wertes der Waren verlangt wird; man verlangt vielmehr häufig das fünf- b t 6 fechsf ache. Interessant ist, wie die Mentalität der Verkäufer, Dragomane usw. auf die Frem- denindustrie, daS heißt die industrielle AuL- toertung des Fremden, eingestellt ist. Ich sah oft, wie man in Geschäften Fremde, die einen gewissen als zu niedrig eingeschähten Preis boten, ruhig Weggehen ließ, während mon einem hier Ansässigen, der viel weniger bezahlte, die Ware anstandslos überließ. Rimm vom Fremden, waS er — hat! Die tüchtigsten auf diesem Gebiet sind die sich als „landeskundige Europäer" gebärdenden, wohlwollenden Levantiner und Kopten. Unangenehm empfindet der Reisende den Mangel eines guten, nicht veralteten Reisehandbuches. Auch der berühmte „Baedeker" stammt aus der Vorkriegszeit und ist nicht mehr wahr.
Aegypten gatt früher als das Mekka der Lungenkranken. Jetzt wird behauptet, sein Klima sei im Gegenteil schädlich und eine geschickte Propaganda hat Davos und andere Orte als Lungenheilplätze ebenso in Mode gebracht, wie es seinerzeit Aegypten war. Der dem
Klima Aegyptens gemachte Vorwurf dürste richtig fein, wenn er sich auf Kairo bezieht. Die afrikanische Großstadt mit ihrem Staub, ihrer durch die Rilverdunstung verursachte große Luftfeuchtigkeit. den großen Temperaturunterschieden von Tag und Rächt, den dicht bevölkerten, jeder Hygiene spottenden schmutz gen (Eingeborenen- vierteln — richtigen Dazillenfabriken — wird angegriffenen Lungm eher den Gnadenstoß geben, alS sie der Heilung zusühren. Ganz anders verhält es sich mit den in einiger Entfernung vom Riltal in der Wüste gelegenen Oasen Heliopolis und Heluan ober mit der Gegend bei den Pyramiden. Hier erreicht die Keimfreiheit der Luft ein Maß. wie es sonst nur auf hoher See zu finden ist. Die endlosen benachbarten Wüstenflächen ergeben eine außerordentliche Lufttrockenheit und einen langsameren täglichen Temperaturwechsel. Aber in Sen Oasen und bei den Pyramiden ist es auf die Dauer langweilig und die Sensationen des nahen Rilparis sind zu nahe und zu verlockend, um ihnen widerstehen zu können.
Mit den Schwalben kamen nicht nur die Fremden, auch die Regierung, der königliche Hof und die Ministerien, das diplomatische Korps und die sogenannte gute Gesellschaft des Landes, welche sechs Monate am Strande bei Alexandrien verbracht hatten, schlossen sich ihnen an und hielten ihren Einzug in Kairo. Der Einzug des Hofes war von besonderer Feierlichkeit. Es war alles da. was zu solchen Gelegene heilen gehört, beflaggte Straßen, grüne Girlanden. aufgeregte Polizisten und ein fürchterliches Gedränge. Die Straßen, die der Wagen des Königs nehmen mußte, waren mit gelbem Sand bestreut, der sich rasch in Staub verwandelte, und kein Auge trocken ließ. Den Wagen des Königs voran ritt eine Abteilung Lanzenreiter in prächtigen roten Uniformen. Der König faß sehr gut, beinahe zu gut aus — er wollte eigentlich in diesem Sommer nach Karlsbad gehen — und wurde selbstverständlich mit lebhaften Hochrufen begrüßt. Die Hochrufe und das Beifallklatschen verstärkten sich um ein vielfaches, als im Zuge der Wagen des Kammerpräsidenten Saad Saghlul Paschas erschien. Der hochgewachsene, überschlanke Greis grüßte nach allen Seiten und — lächelte listig. Gr soll aber, wie vielfach behauptet wird, diesmal, wenn auch stürmischer als sein Souverän, aber weit weniger herzlich als früher bei ähnlichen Gelegenheiten, von der Volksmenge begrüßt worden fein, was auf die überraschende Rachgiebig- fett, welche der greife Führer in letzter Zeit gegenüber England gezeigt hatte, zurückge- sührt wird, und durch welche er scheinbar an Popularität eingebüßt hat.
Eine Stunde nach dem König kam die Koni g i n müt den Kindern in prächtigen Automobilen, unverfchleiert, vorzüglich konserviert, mit einem hutähnlichen schief sitzenden Turban auf dem Kopf.
Die Eröffnung der diesjährigen Winter- session des ägyptischen Parlaments bedeutet einen wichtigen Abschnitt in der politischen Gesch chte des Landes. Was sie bringen wird, hat Saghlul Pascha in einer Rede am 13. Rovember, dem achten Jahrestag seit dem Erscheinen einer ägyptischen Deputation unter Saghluls Führung in der britischen Residenz, die die ägyptische Un"bhängigkeit gefordert hatte, verraten. Er sagt - bei der Gedenk,Ur, die ägyptischen Parte.c.. hätten hinsichtlich der äußeren Beziehungen eine Politik der „Weisheit und Mäßigkeit" eingeschlrgen. Das bedeutet nichts weniger als die Vertagung des Aufrollens aller zwischen Aegypten und England strittigen Fragen auf unbestimmte Zeit, das Vegraben des Kriegsbeils. Wenn dies die Möglichkeit ergeben sollte, die Verwaltung des Landes zu verbessern, die Volksbildung zu fördern, die Bevölkerung aus ihren beklagenswerten sozialen, hygienischen und kultureklen Verhältnissen in wesentlich bessere zu heben, könnte man wirklich von einer „Politik der Weisheit" sprechen
Zur friedfertigen Haltung Saghlul Paschas dürfte von seinen persönlichen Ambitionen, welche gegen Englands Willen n cht durchzufetzen find, abgesehen, auch die gegenwärtige Daumwoll- k r i s e einiges beitragen. Der Sturz der Baum- Preise weit unter die Gestehungskosten hat zur Folge, daß alle Daumwollpflanzer AÄgyptens, das sind fast alle wohlhabenderen Leute, ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können. Die weitere Frage ist ein Rattenkönig von Fallimenten in allen Branchen, dessen Ende nicht ab- zusehen ist. Das ist der tiefe Schatten auf Aegyptens heuriger „Saison".
Diese russische Außenpolitik ist sehr geschlossen. sehr zielbewußt und folgerichtig, aber sie ist z u starr. Wer einigermaßen die inneren russischen Verhältnisse und die Kämpfe der Parteien dort erkennt, weiß, daß das, was dort Dor» geht, mit absoluter Sicherheit auch auf die Außenpolitik sich auswirken muß. IInb schließlich kann ja Rußland diese Außenpolitik nicht in den luftleeren Raum treiben. Es schließt Verträge mit Staaten, die Mitglieder des Völkerbund.s sind, wie Lttauen und Persien, und treibt damit die Erörterung der Dölkerbundsprobleme. namentlich des Artikels 16 Don sich aus weiter. DaS ist seine Ablicht, die wir Wohl Derstehen und wenn das dem Völkerbund und seinen G.iedem Schwierigkeiten macht, so ist das ja nicht Rußlands Sorge. Aber andererseits braucht Rußland dieses Europa, das nun einmal im Völkerbund zusammengeschlofsen ist. Es will mit den einzelnen Staaten feine Handels- un^ Kreditverträge, die Bereinigung der Schuld nfra;e und alles das, was zur Aufrechterhaltung ver inneren Ordnung und zur Lieberwindung der Wirt- schafrsnot notwendig ist. Es weiß, daß heute die Weltrevoluion nicht vorwärtsgehl und daß der Kapitalismus außerordentlich stark ist. Es arbeitet fortgesetzt mit der Vorstellung von einer Einheitsfront dieses Kapitalismus gegen Ruß- lanS. die EnglanS herbeiführen wolle, und weiß, wie wir, daß diese Einheitsfront weder besteht noch entstehen wird, weil zu ihrer Schaffung weder die Kraft Englands ausreicht, noch auf die Mitarbeit der in Frage kommenden Staaten,
in allererster Linie Deutschlands, überhaupt zu rechnen ist.
Damit ist aber schon erklärt, warum Rußland in einer so angelegten und geschlossen wirkenden Außenpolttik Jo wenig oder so langsam vorwärts kommt. Ein großer Erfolg war unzweifelhaft der Vertrag mit Litauen, dagegen ist die Zusammenkunft in Odessa international, wie es gamicht anders fein konnte, ein Schlag ins Wasser gewesen. Europa weiß, wie. die Türkei zwischen Rußland und England, zwischen RußlanS und dem Völkerbund tat ächlich steht. Verträge mit Afghanistan und Persien nützen wenig, die Verhandlungen mit den anderen Randstaaten gehen langsam vorwärts. Die ‘Begebungen zu Polen stagnieren bestenfalls und an Fernen Osten sieht Rußland mit Gewehr bei Fuß einer Entwicklung zu. die es selber fium irgendwie beeinflußt. Deine Verhandlungen mit England und Frankreich aber gehen nicht vorwärts und eine Anerkennung der Vereinigten Staaten von Amerika liegt in weitem Feld.
Es ist nicht unsere Siche, zu sagen, was für die russische Außenpolitik richng sein würde ober nicht. Wir fassen das Problem so klar wir es können, und Deutschlands Situation darin ist ja glücklicherweise gegeben und fest. Das hat i Tschitscherin auch zu unserer Befriedigung in ! Berlin klipp und klar erkannt. Das ist das Ergebnis einer zielbewußten deutschen Ostpolitik. Worauf es an kommt, ist, daß nun der Führung der deutschen Außenpolitik in dem Lärm von Genf und in dem Durcheinanderspiel der 3n-
tcreffen- und Wachtbeziehungen, wie es von so gewandten Männern wie Br,and und Chamberlain betrieben wird, dieser Gesichtspuickt unb dieser Rlaßstab nicht aus dem Auge entschwindet. Dies um so mehr, als ja schlieblich in dies« Ratstagung mit dem Einspruch Persien« 3um Artikel 16 und noch mehr mit der Liste Chinas in Sachen seines Vertrages mit Belgien vom 3. Dezember weltpolitifche Fragen in den Völkerbund hereinspielen, an Sen en Rußland sehr interessiert ist und zu denen Deutschland Stellung zu nehmen hat.
SietzenerLingemeindungsfragen
In unserer Ausgabe vom vorigen Samstag (Gieß. Anz. Rr. 284, viertes Blatt) Haven wir über Eingemeindungsfragen im Maingau berichtet. Was man in jener Mitteilung erfährt, ist über den rhein-mainischen Wirtschastsbezirk hinaus von großem Interesse. Man sieht dort 'Bestrebungen im Gange, die auf eine weitreichende Zusammenfassung der kommunalwirtschaftlichen Kräfte von Städten und Dörfern abzielen. Fraick- furt a. M. steht auf der einen Ecke des Städtekranzes am Untermain im Mittelpunkt der Verschmelzungsbestrebungen. Wiesbaden bildet daS Zentrum am andern Ende des Interessengebietes. Gemeinsames Ziel ist die Schaffung eines Zweck- Verbandes, dessen Dortell für alle Beteiligten auf der Hand liegt
Diese Bestrebungen nach Zusammenfassung der kommunalen Kräfte eines engeren Wirtschaftsgebietes lenten die Gedanken emeut auf die Gießener Eingemeindungsfra- g e n, über die — auch im Gießener Anzeiger — früher schon mancherlei geschrieben unb in Versammlungen usw. oft auch gesprochen tourbe. Dis-' her wurde diese außerordentlich wichtige Angelegenheit nur als eine „akademische Erörterung" betrachtet. Die großen Ausgaben und wirtschaftlich weittragenden Möglichkeiten einer nahen Zukunft dürften aber wohl bald dazu führen, daß die ötaSt Gießen unb ihre benachbarten Ortschaften ben Gedanken der Eingemeindung nun mehr als Frage der Praxis betrachten werden, einer Praxis, die bald zur großen T a t führen muß. Als Eingemeindungsinteressenten kommen die Stadt Gießen und die Landorte Klein- L i nd e n, H eu che l he i m und Wies eck in Betracht; Mittelpunkt nach jeder Richtung hin ist die Stadt Gießen. Voraussetzung für das Zustandekommen des .Unternehmens ist, daß alle Beteiligten guten Willen an den Verhandlungstisch mitbringen, Weitblick bekunden, aber feine Kirchturmspolitik treiben, Verständnis füreinander haben, Opferbereitschaft zum gemein- famep Besten erkennen lassen, eirdlich die Angelegenheit in allererster Linie Dom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachten. In wenigen Wochen oder Monaten wird ein so großes Werk natürlich nicht zu Dollbringen fein, nimmt Man aber die Richtlinien zur Grundlage, die wir eben in kurzen Worten hervor do ben. so wird manches Hindernis schon von vornherein aus dem Wege geräumt oder verringert worden sein.
Zunächst mm einige Worte über die Gründe, die für eine Eingemeindung sprechen. Wir nennen zuerst einige wichtige Dom Standpunkt der Stadt Gießen auS. womit nicht gesagt sein soll, daß das Gießener Interesse an Eingemeindungsbestrebungen drängender sei alS das der Rachbarorte. Reben einer aus weite Sicht eingestellten Derkehrspolitik sind eS Fragen der weithin raumgrcifenSen Stadterweiterung durch eine ganz großzügige Bautätigkeit bei bet Aushebung der Wohnungszwangswirtschaft, die hier im Vordergründe stehen, daneben tauchen noch auf die langsichtige Reuordnung der Fticdhofsge- ländesrage, die Dcsntigung pnfertr unglüJfcIigen Eisenbahnverhältnisse. die Lahnkanalisierung und die Schaffung eines Lahnhafens für den Güterumschlag von der Eisenbahn auf die Wasserstraße, die Errichtung eines Elektrizitätswerkes unter Benutzung der Wasserkraft der Lahn, die Erweiterung des Elektrizitätsnctzes. die Reuordnung der Gasversorgung (Gruppengaswerk oder Gas- fernbegug), Ausbau des Straßenbahnnetzes -ur Heberlandbahn. Heranziehung von Indust ie. Run zur Rachbarschaft. An der Lösung mancher dieser Fragen sind auch die Rachbargemein en interessiert, zum Teil sogar sehr stark' hier würden also schon Gießener Interessen mit den Erfordernis en Ser Vororte sich decken. Defonders wichtig sind für diese aber folgende unmittelbare Ausgaben: Schaffung von ei.rcoand- freien, häu.tg bereitstehenden Derkehrsmitieln bzw. deren Ausbau. Herabminderung der, Gemeindeverwaltungslasten und damit Erleichle. rung der Steuerbürde, starke Stütze bei der Lösung der Wohnungsnot. Heber diese Gegenwarts- wünsche hinaus sind die Vororte auch an einer Beteiligung an den produktiven ZukunstSplänen der Stadt Gießen interessiert.
Es fragt s'rch nun. wie die wirtschaftlichen Grundlagen für eine Verschmelzung Gießens mit feinen drei Vororten beschauen sind. Daß Gießen kein armes Gemeinwesen ist. sondern über sehr hohe Vermögenswerte und einen guten Stand der Finanzen verfügt, dürfte so allgemein bekannt sein, daß wir hierüber wohl keine weiteren! Ausführungen zu macken brauchen. Wenden wir den Blick nun zunächst nach Klein-Linden. In unserer gestrigen Ausgabe haben wir einer . Hebersicht über „Kommunale Arbeiten und Aufgaben in Klein-Linden" Raum gegeben, die sehr interessante Angaben enthält. Mcrn s.eht da daß dieser Vorort in mancher Beziehung schon mit Gießen verwachsen ist, weitet ist recht regeS produktives Schaffen zu erkennen. Abgesehen Den einigen tausend Mark Auswertunasschulden ist die Gemeinde Klein-Linden schuldenfrei. auS ihrer Feldbereinigung kann sie sogar mit einem sehr erheblichen Heberschuß rechnen. Tie Gemarkung ist rund 29D Hektar groß, im Gemeinde iqentum befinden sich etwa 70 Morgen Land Waldbcsitz ist nicht vorharrden. Weirn die Vermögrnswerte unserer südlichen Vorortgemeinde alio auch nicht sehr bedeutend find, so sprechen doch andere Gründe, namentlich auf dem Gebiete des Eisen-
W&r -will guten Kaffee machen. Der braucht keine sieben Sachen: Farbe,^£irze, Duft und Kraft JVcber 8 Carhbader ihm fchaffi:


