llr. 290 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, vezeinber |92b
Krregsbriefe eines deutschen Reeders.
Ein neues Ballinbuch: Die Kriegszieidebalte. Heiterkeitserfolge deutscher Auslandsvertretungen. Die Bundesgenossen.
Der 0-Bootkrieg. Das Berliner Regiment. Der Patriotismus eine Magenfrage. Der heimliche Kaiser von Deutschland.
Albert Dallin, als Gründer der Hapag der erfolgreichste deiche Reeder, hat nach der be- kannten Lebensgeschichte Bernhard Huldermanns jetzt in Peter Franz S t u b m a n n noch einen -weiten Biographen gefunden, dessen umfangreiche- Werk (DerlagSanstall Hermann Klemm A-G. Derlin-Grunewald) die frühere Arbeit Huldermanns nach der menschlich-politischen Seite hin auf das glücklichste ergänzt, ohne dabei jedoch die außerordentlichen kaufmännischen und organisatorischen Leistungen dieses groben Hanseaten außer Acht zu lassen. Sein Werk wird noch besonders bereichert durch die Beifügung einer Reihe aufschlußreicher Briefe Dalliiis an den intimsten feiner Freunde, den ehemaligen Chef- redakteur des Hamburgischen Torrespondenten, späteren Professor.Dr. Ernst Francke, von denen wir im folgenden einige interessante Kriegs- briese zum Abdruck bringen.
Hamburg, 31. Oktober 1914.
... Don der Agitation, die von Herrn Witting') und Genossen vorbereitet wird, hatte ich bereits Kenntnis. Diese Herren übersehen ganz, wie wichttg es für Deutschlands Zukunst ist, den Frieden so zu gestalten, dab nicht ein ewig langer Hast -wischen den heute im Kriege stehenden Mächten bestehen bleibt. Dor allen Dingen aber verteilen, wie Sie selbst sehr richttg sagen, die Leute das Fell deS Bären ehe er erlegt -ist.
Ich halte es für ganz unmöglich, sich heute mit der Aufstellung eines Gegenprogramms erfolgreich zu beschäftigen, denn die Konstruktion irgendeines Programmes hängt doch ganz und gar ab von der militärischen Lage. Solange wir den Der laus der Dinge auf dem Kriegsschauplatz nicht zu übersehen vermögen, haben alle derartigen Bestrebungen nicht einmal einen akademischen Wert.
Wenn wir, wie diese Herren meinen, mit einer groben Truppennracht nach England bin- überkönnten und England, wie der schöne Ausdruck lautet, auf die Knie zu bringen vermögen, bin ich auch mit Begeisterung dafür, dab wir nicht nur Belgien und die fvamösische Stinat- küste, sondern auch England behalten, es von seinen Bewohnern evakuieren, die wir ja leicht im französischen Kamerun unterbringen könnten, und so uns Grobbritannien als eine angenehme Kolonie angliedern. Ich kann nicht einsehen, warum die Alldeutschen, wenn sie ihrer Phantasie die Zügel schieben lassen, so bescheiden sind.
Eine andere Frage ist wirklich die, wer von den Männern, die heute im Hauptquartier sitzen, die Kraft und die Klugheit Ixet, einmal erfolgreich den Frieden zu verhandeln." ...
Hamfelde. 12. Januar 1915.
.. Der schwedische Minister Wallenberg hat kürzlich geäuhevt. dab die Vertretung der deutschen Interessen durch Herrn von Reichenau im Dergleich zu der Vertretung der englischen Interessen ungemein minderwertig ist. und ich bin wirklich der Ansicht, dab die Zeiten doch nachgerade zu ernst Hnö. als dab man diese völlig unzulänglichen Männer auf wichtigen Posten sitzen lassen kann. Die deutsche Gesandtschaft im Haag erziell ja auch nur Heiterkeit-- erfolge.
') Shem. Oberbürgermeister von Posen, später Direktor der Rationalbank.
Dab man den serbischen Zipfel an der Donau nicht schon vor Monaten beseht hat. ist ein ungeheurer Fehler, der wohl nicht nur Oesterreich- Ungarn auf das Konto zu setzen ist, sondern der auch auf einen Mangel an Erkenntnis der Wichtigkeit dieses Hemmnisses bei uns schlichen läßt. Wenn Oesterreich die Truppen nicht hergeben formte, so hätten wir sie stellen müssen. $ie_ Frage ist von vitaler Bedeutung und heute natürlich viel schwieriger zu lösen als vor einigen Monaten. Dah England jederzeit bereit sein wird. Frieden zu machen, ist zweifellos: aber dieser Friede würde vermutlich auf den Status quo ante bellum basiert sein müssen. Deshalb ist die heutige Friede ns bereitscha st Vaglands für uns wertlos, uird wenn es uns nicht gelingt, aus England einen starken militärifchen Druck auszuüben, so sehe ich nicht, wie wir weiterkommen wollen. ...
So sehr ich bestrebt bin, der gegenwärtigen Lage ein freundliches Gesicht auszuzwingen, so wenig will es mir doch gelingen. Ich sehe nicht recht, wie wir weiterkommen wollen, fühle den auberordenllichen Mange! an Persönlichkeiten. habe das Empfinden, dab immer noch mit Rücksichten. Mißtrauen, Ranküne und anderem Teufelswerk dem wahren Interesse von Thron und Ration entgegengewirkt wird. Das macht mich sehr traurig. Wenn wir in einer solchen Zeit nicht über unfern kleinen Ehrgeiz und unsere kleinen Sondennteressen hinaus- wachsen, dann sieht es schlimm bet uns aus. ...
Hamfelde, den 14. Januar 1915.
- - - Don Rumänien und Italien höre ich nichts Gutes. Der jämmerliche Zusammenbruch der Oesterreicher in Serbien hat natürlich au| dem Dallan und auch in Italien sehr gegen uns gewirkt. Man sollte kein Wittel unversucht lassen, um Oesterreich zu bewegen, sich mit Italien zu vereinigen. Ich werde das Gefühl nicht los, dah die Entscheidung dieses Krieges zu einem sehr wesentlichen Teil davon abhangt, dab man Italien und Rumänien befriedigt. Beide Länder rüsten jetzt fo stark, dah sie zum Frühjahr nur noch die Alternative haben, loSzuschlagen oder auf friedlichem Wege ihre Ansprüche befriedigt zu sehen. Tun sie weder das eine noch das andere. so haben sie eine Revolution, welche die Dynastie fortschwemmt ...
Hamfelde, den 9. Februar 1915.
... Polittsch scheint mir dieser Monat für unsere Zukunft garu außerordentlich kritisch zu fein. Wir werden in diesem Monat noch feststellen können, ob unsere Unterseeboot- Blockade ein Erfolg ist oder nicht. Es liegt ja auf der Hand, dah wir die Blockade niemals effekttv machen können: dazu ist die Zahl unserer Unterseeboote viel zu klein. Aber wenn es uns nur gelingt, wöchentlich 2 Handelsdampfer zu versenken, so wird, schon im Hinblick auf die zwischen uns letzthin behandelte Mannschaftsfrage der Verkehr nach Europa auf ein Minimum sich verringern.
Dann werden wir in diesem Monat noch mit dem prophezeiten groben Ersolg im Osten -u rechnen haben, und — was das Allerwichtigste tst — die italienische und rumänische Frage muß doch wohl in diesem Monat zu einer Entscheidung gebracht werden. Es ist sehr zu bedauern, dah diese Entscheidung in unserem Sinne nicht schon vor Wochen erzielt worden ist. Ich höre aber, dah selbst heute die Sache infolge der
österreichischen Weigerung, Opfer zu bringen, noch sehr schlecht auSsieht. DaS ist natürlich eine ernste Gefahr ...
Hamfelde, den 14. August 1915.
. . Sehr dankbar bin ich Ihnen auch für Ohren Bericht über Dafsermanns Rede. Diefe alles antizipierende SiegeS st immung ist töricht und befvndcrs verwerflich für die nationalliberale Partei, die wieder ihre große Stunde verfäumt. weil Baffermann in der Sorge um den Erfolg des Konkurrenzunternehmens, welches Fuhrmann') eröffnet hat. auch st euer los im alldeutfchen Strome schwimmt.
Es ist überhaupt ein trauriges Zeichen unserer Zeit, daß die Männer, welche berufen erscheinen. nur ihren persönlichen Erfolg im Auge haben. Don Bethmann bis Zalkenhayn. von Hildebrandt bis Dassermann. von Kirdorf bis Erzberg^r, — alle wollen sie für sich einen glanzenden Erfolg nach Hause bringen. Dieser schwierigen Situation ist aber nur derjenige gewachsen, der gewillt und stark genug ist. fein Gewicht in die Wagschale zu werfen, unbekümmert um den Beifall oder die Mißbilligung der Galerie. Der Reichskanzler vor allem mühte wissen. waS er will, und mühte bereit fein, dafür zu fallen. Hat doch selbst Bülow, der gewiß ein Jongleur war, schließlich in der Retchs-Finanzresorm mit Anstand durchgehalten.
Aber militärisch ist die Situation ja so glän- zend, daß man hoffen darf, das deutsche Doll wird auch über diese inneren Schwächen glücklich hinwegkommen ...
Hamburg, den 13. Rovember 1915.
... Die Arbeit (Sicherstellung der Ernährung in der Heimat. D Red.) welche der Staatssekretär**) zu leisten hak, ist eine ganz über- menschliche, und die Hemmungen liegen nicht etwa in seiner Aktionskraft, sondern meines Erachtens darin, daß andere Ressorts dem Wagen hinten in den Rädern liegen. Ohne die inneren Vorgänge genau zu kennen, behaupte ich, dah es unmöglich ist. die Aufgabe, die dem ReichSamt des Innern in dieser schweren Zeit erwächst und die, wie die Dinge augenblicklich stehen, mir fast schwieriger erscheint als die äußere Kriegführung. ich sage, daß diese Aufgabe für das Reichsamt des Innern nicht erfolgreich durchzuführen ist. wenn der leitende Mann von allen Seiten gehemmt und durch eine übelwollende Kritik angeekelt wird. Sie selbst haben die Schwierigkeiten in Ihrem Briefe richtig geschildert ...
Schon mehr als sechs Monaten habe ich den Reichskanzler persönlich vor der Zeit gewarnt, die wir jetzt durchleben. Ich habe ihn daran erinnert, daß auch der Patriotismus eine Magenfrage fei und dah. wenn er nicht Delbrück freie Dahn schaffe, wir -um Winter tn grobe Bedrängnis geraten würden. Ich habe — unter uns gesagt — das Gefühl, dah der Reichskanzler damals und auch später sich sehr wenig um diese Sache gekümmert hat. Der Kanzler hat seine ganzen Gedanken auf die Vorgänge im Hauptquartier und aus den Kriegsschauplatz eingestellt: ein anderes Gespräch mit ihm zu führen, als über den äußeren Kricg, ist unendllch schwer, älm so lebhafter habe ich die Arroganz beklagt, welche in der kürzlichen Bekanntgabe lag, dah
') Freisinniger Politiker.
**) Delbrück, Staatssekretär des Innern.
»der Reichskanzler zurückgekehri sei, die inneren Angelegenbeiten in die Hand genommen habe und nun sich alles zum Guten wenden müsse". Wenn ich Delbrück gewesen wäre, hätte ich auf diese Rotiz hin Herrn von Dethmann m:in Portefeuille mindesten- an den Kopf geworfen Um fur$_ mein Urteil jufammenudaffen über die großen fragen, die Sie anregen, so muh ich sagen, dah die Sache nur dann in bessere Wege geleitet werden kann, wenn man den Staatssekretär deS Innern, einerlei, ob es Delbrück ist ober ein anderer während dieses Krieges mit solchen Vollmachten ausrüstet, dah er sich von den preuhischen Ministerien und von den verschiedenen ReichS- parteien nicht in der freien Entfaltung feiner Gewalt behindern zu lassen braucht. Es handelt sich nicht nur um das Lcmdwirischaftsminifterium und die groben agrarischen und konservativen Interessen, die es vertritt, es handelt sich sogar um kleine Leute, wie einen Unterstaatssekretär im preuhischen Handelsministerium, der einen Konkurrenzladen gegen daS ReichSamt des Innern eröffnet hat, es hmrdelt sich um Männer wie Grzberger. den Sie selbst mal sehr richtig a!S den heimlichen Kaiser von Deutschland bezeichneten, und es handelt sich am letzten Ende auch darum, dah der Staatssekretär sich neue Kräfte überall da heranziehen kann, wo die bisherigen nicht mehr voll ausreichen. In diesem Sinne sollte man überall wirken, auch in der Presse, soweit die hohe Zensur eö gestattet.
Hamburg den 21. März 1916.
. Ich baute Ihnen vielmals für Ihren Brief. Der Unverstand der führenden Leute bei und ist unendlich grob. Es ist auch mit den Leuten nicht zu reden: sie wissen alles besser. Das ist auch eine der schönen Eigenschaften, welche die Reichstagstätigkeit den Inhabern der Mandate einimpft. Ich werde im Sinne Ihres Brieses wirken.
Dah man Tirpih jetzt gehen lieh, ist der Gipfel der Dummheit!
Hamburg, 12. März 1918.
... Dah der Friede im Osten in dieser Form bestehen bleibt, kann kein vernünftiger Mensch glauben. Die große Offensive, die man im Westen vorhat, wird wieder Hunderttausend« MenschenlebM kosten, und dabei bin ich der Ansicht, dah sie uns dem Frieden nicht näher bringt, sondern ihn hinausschiebt. Wenn wir die Rerven hätten, dreiMonatestill stehen zu können, würde Lloyd George, dessen Stern doch im Erbleichen ist, sicher fallen. Durch die Offen,ioe haben wir alle Atlssicht, ihn noch fester in den Sattel zu fetzen. Dasselbe trifft zu auf Elemenceau, und wenn diese Offensive wirklich ein sebr großer Erfolg ist und wir kommen nach Paris, so werden wir dort die Revolution entfesseln, die auch unser Haus in Brand zu setzen geeignet ist: und fom- men wir nach Calais, so werden die Engländer auf ihre Insel gehen und mit Amerika zusammen die Weltwirtschaft wieder aufnehmen unter Ausschluß von Deutschland. Zu einem Frieden kann man weder England noch Amerika zwingen. DaS ist, abgesehen von allem anderen, schon eine geographische Llnmöglichkeit.
Ich hörte schon von Holtzendorff. dah Admi- ral Hebbinghaus sich jetzt für den ^1-Doot-Krieg erwärmt. Früher war er ein Gegner dieser verhängnisvollen Unternehmung. Die Leute arbeiten immer noch auf Grund von Statistiken. Daß es bei den Engländern auch knapp wird und daß sie sich Entbehrungen auferlegen müssen, wie wir
Grabbe.
Vom Dr. HanS Thhri o t.
Dieser Mensch, her heute vor 125 Jahren m der wunderschönen Stabt Detmold zur Welt kam — Christian Dietrich Grabbe — ist Zeit leine« kurz eil Lebens ein Kcemder, ein Einsamer, ein trüber Gast gewesen, 'ß es geblieben bis heute und wird cs bleiben' in alle Ewigkeit. Ein Einsamer: dies ist sein eichen: man kennt ihn nicht, man weih nichts von ihm, wie in den dreieinhalb Iahrzehillen seines irdischen Wandels kaum einer etwas von ihm hat wissen wollen oder ihm hat helfen können. Wenn man aber doch etwas von ihm weih, dann ist eS gewöhnlich nichts Gutes. Gewiß ist er nicht ohne Schuld gewesen an der üblen Rachrede (obwohl auch mancherlei Unwahres daran hängt) aber es hat keinen Stirn und kann nicht die Aufgabe fein, hier nach Schuld zu stöbern: wir müssen uns zufrieden geben: man weih nichts von ihm, und er ist noch heute der Auhenseiter, Unzugängliche, Spröde und Grobe, der Säufer und Sohn eines Zucht Haus vor Walters, a 16 bet er seine unglückliche LebenSfahrt angetreten bat
Wohl gibt es eine ganz kleine Gemeinde, wohl gibt eS Ltteraturbeflifsene, die immer wieder um ihn gekämpft haben und für ihn eingetreten sind. Wohl gibt es — endlich — eine schöne Ausgabe, gibt es ein Grabbe-Buch und einen Lebensroman, der neben unzulängliche Biographien treten kann. Es haben sich auch ein paar wagemutige Intendanten gefunden, die das verlorene Kind des deutschen Theaters mit Verständnis und Liebe auf die Bretter gebracht haben: und mehr als einer war betroffen von der Glut der Sprache, von der Wucht und dem funkelnden Prunk der Bilder, von der Groh- artigteü der Gedanken und Stoffe im Werk des Unbekannten. Aber das ging vorüber, einzelne konnten feine Rettung leisten (die man vielfach als .Ausgrabung' bezeichnete), und die Ansätze zu einer Grabbe-Renaissance scheinen schon wieder abgetan, ehe ein Tag kam, wie dieser, wo man noch am ehesten in Deutschland der vielen Verlorenen und Vergessenen und Derstohenen sich zu erinnern pflegt.
Wer will sagen, wie Vorbestimmung, Um- well und Eigencharatter einen Menschen bilden und seinen Weg bestimmen? Gewiß ist, dah dieser Grabbe schon Pech hatte in dem Augenblick. als et zur Welt Farn; das Pech einer dunkeln und wenig verheißungsvollen Herkunft und eines zum mindesten absonderlichen Elternhauses. Und man hat immer wieder das Gefühl, als ob der Dichter die Zuchthausatmosphäre
seines armseligen Kin erlandes lebenslänglich nicht mehr losgeworden wäre.
Man kann es nicht in ein paar Sätze zusammenpreisen. was alles dem Menschen und Künstler Grabbe auf seinem Damaskus Wege von 1801 bis 1836 zugestohen ist. was er hat auf sich nehmen und auskosten müssen, was einem ent- gegenquilll aus Briefen und Biographien und Anekdoten: Auflehnung, Troy, zerschlagene Hoff- nungen, Hunger. Krankheit und Kränkung, Truickenheit und Derkornmenheft, zähneknirschende Erbitterung an der Seite einer verhaßten Frau und ein elendes Ende.
Rur ein paar Lebens st ationen kommen einem immer wieder ins Gedächtnis, wenn man an ihn denkt, immer dieselben flüchtigen Lichter fallen auf die monotone Szenerie, in die, nur mit wechselnden Kulissen, das Trauerspiel seines Lebens immer wieder hineingestellt toirö.
Während Bonaparte mit siegreichen Fahnen durch die Welt rettet, hockt in Detmold — der Schatten der Desängnismauern scheint trüb die enge Stube zu verdüstern — der kleine Knabe Christian mit einem Haufen bunter Pferdebohnen am Boden, fpiell .Krieg" mit ihnen und wacht ängstlich darüber, dah ihm die gute Mutter (sie ist die einzige gewesen, die nie den Glauben an ihr Kind verloren hat) nicht die dickste, seinen Ra Poleon, unachtsam zertritt.
Mtt 21 sitzt er in Berlin, das Primanermanuskript seines „Gothland" in der Tasche und den Kopf voller Pläne, und muh so nach und nach feine silbernen Löffel verkaufen, die groben zuerit und dann die Meinen, um leben zu können.
Als ein geschlagener Mann kehr: er beim, ist nichts, hat nichts, will ein deutscher Shakespeare werden und muß froh fein, als kleiner Jurist, als lippeschcr Milttäraudtteur llnier- schlupf zu finden: schreibt Stück um Stück, versäumt den Dienst, verliert die Braut, heiratet eine ungeliebte Frau, bekommt den Abschied und rettet sich nach Frankfurt, wo er in einer armseligen Dachkammer an seinem genialsten Drama arbeitet, am .Hannibal".
Kaum eine Ateorpause. Auch in Düsseldorf hat er kein Glück, Immermann möchte ihm helfen und kann nicht, weil niemand ihn zu halten vermag: ein junger Musiker. Durgmüller, der ihm Gefährte hätte sein können, stirbt: und es geht unaufhaltsam abwärts mit Christian Dietrich
In tragischem Zwielicht verflackert ein ruheloses Herz, erlischt ein unbanbig ausbrechender Geist, fällt der Vorhang über die Historia deS Einsamen von der roten Erde. Grausam grell blitzt-vor dem Ende die mephistophelische Episode auf, wie das heruntergekommene Genie in der Schenke einem verständiüslos blöden Haufen von Zeitgenossen eine seiner funkelndsten Szenen vor
liest. Erschüttert Höri man von der Sterbestunde Christtan Dietruhs in den Armen der alten Mutter, indes die Ehefrau, geborene Clostermeier, kaum unterdrückte Triumphe feiert, daß er endlich, endlich tot ist.
Was man von Kleist unbilligerweise sagte, gilt mit Recht von Grabbe: der erste Wurf trägt bereits alle Keime der späteren künstlerischen Entwicklung in sich ihre dichterischen Merkmale vorausweisend. In den ausladenden Akten des ^Gothland" ist schon der ganze Grabbe enthalten, im Guten wie im Bösen. Im felsblockhaften Szenengefüge findet sich Großartiges, Groteskes und Schauriges dicht beieinander, barocker Humor und naive älnmöglichkeit, wüste ilnftätigfeÜ und zarte Lyrik seltsam vermischt.
Man lauft von Grabbe halten, was man will, dies eine muh man ihm lassen: er ist niemals kleinlich gewesen, er H..1 sich nie mit Geringfügigkeiten abgegeben. Er greift in die Vergangenheit hinein — wie in eine Spielzeugschacktel zwar — ab«: was er greift, hat Profil, Charakter und Größe, was er gestaltet, bedeutet fast immer einen Markstein, einen Schnittpunkt, eine große Wende im welthistorischen Werden. Rapoleon, Hannibal, Arminius, Alexander und Christus heißen seine Sjelben. Elba, Paris und Waterloo, Karthago und der heimatliche Teutoburger Wald sirrd seine Schauplätze. Alle seine Figuren sind überlebensgroß angelegt in ihren Ausmaßen, und werfen riesige, flackernde Schatten vor sich her: alle seine Szenen, ferne Schlachten und Reden haben den gleichen Zug nt8 Große, zum heroischen Historien- stil. sind monumentale, ekstatisch gesteigerte Tafelbilder selbst da noch, wo sie Fragment geblieben find, wo die Kraft ihres Schöpfers nicht auÄge- reicht hat. Gewiß: manches ist übersteigert und verzerrt, vieles naiv und unmöglich: der kleine Knabe, der in Detmold zu Füßen Der Mutter mtt Dohnen feine Schlachten schlägt — das Kind im Mann, das spielen will, und das Genie, dem das älnmögliche gerade recht ist, schaffen oft genug Szenen, die es in der Geschichte des deutschen Dramas nur einmal gibt Man hat die Achseln gezuckt und darüber gelächelt, man wird immer darüber lächeln — und mit Recht.
Aber wer das blutrot überflackerte Ende Rapoleons hinter ferner gefallenen Garde bei Waterloo erlebt hat, oder den unheimlichen Vorabend der Schlacht, wo nahes Geschüyfeuer ein rauschendes Bankett übertönt, der wird diese dramatische Chrvnck lieben, die Fritz von Un- ruhs klirrendes Preußen!red in manchen Teilen seltsam vorwegnimmt. Wer den einsamen Untergang des großen Puniers im „Hannibal" kennt, fühlt auch, dah Grabbe mtt diesem reifsten Werk — ein Jahr vor seinem Tode — zugleich ein
tragisches Sinnbild geschaffen und sich selber ein Henkmal errichtet hat, unter dem als ungeschriebene Grabschrift das traurige Sprüchlein steht: Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, Sie sind verdorben, gestorben.
Konzert für zwei Klaviere.
In neuerer Zeit hat das Spiel für zwet Klaviere durch Max Reger eine ganz besondere Förderung erfahren. Insbesondere wird ihm aber auch die Wiedergabe der groben modernen Orchesterwerke zufallen überall da, wo ein aus- führender Origi nalflangiö rper nicht zur Vor- fügung steht; mit der Wiedergabe von Drückner- schen Symphonien hat man z. B. gute Erfahrungen gemacht. Wenn auch die eigentliche Farbe fehlt, so kommt doch die Sttmmenverwebung zu ihrem vollen Recht. Und gerade Werke mit kontra pünktlicher Struktur eignen sich besonders für solche Wiedergabe. Das zeigte sich an Ioh. Seb. Dachs Passacaglia, die wir gelegentlich des Dachkcnzeris im Frühjahr fo vollendet zu Gehör bekamen. Ist auch die Klangwelt dieses Werkes für die Orgel gedacht (und das Werk verlangt durchaus danach), so kam es auch in der (Bearbeitung von Hermann Keller zu seiner Geltung, da für die Ausprägung der orgelmäßigen Linie durch die Verteilung an die zwei Spieler Gewähr gegeben ift Gespielt wurde das Werk sehr klar, mit besonderer Herausarbettung des Grundthemas, die beiden Spieler verschmolzen klanglich zu einer organischen Einheit.
Der gleichen Welt gehören Regers Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart an, die von dem Konzert der Meininger im Vorjahre noch in lebhafter Erinnerung stehen Reger selbst hat das Werk für diese "Besetzung über- tragen. Auch hier wurden die einzelnen Daria- tionen in ihrer Gigenhett recht geschickt durchgeführt. der Schluhfuge hätte man. namentlich auch in den tontvapunktierenden Stimmen, noch rnehr Plastik wünschen mögen; auf jeden Fall churden die beiden Spieler den eminenten technischen Anforderungen des Werkes vollauf gerecht.
Gegenüber diesen in sich fo streng gefügten Werken konnte allerdings daS Rondo von Chopin (Ob. 73) nicht recht zur Geltung kommen, obwohl sich die Konzertgeber voll für das Werk ein feisten. Jedenfalls bedeutet der Abend für Emil Freund. Dießen, und Franz Loeffler, Würzburg, einen Erfolg beim Publikum und angesichts der Werke, eine respektable Leistung (besonders, da der eine der Herren blind ist). Wenn auch die Aula erhebliche Lücken aufwies, so war das Publikum um so beifallsfreudiger, und ohne Zugabe ging eS nicht ab. -in-


