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Donnerstag, 11. November 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Ur. 2(5 Zweites Blatt

Die griechischen Wahlen

Dr. Th.

kicher Anwalt gelten.

di rts-

3n Wahlen ganz im

Griechenland haben am Sonntag die zur Kammer stattgeKunden. Sie standen Zeichen der Diktatur des Generals K o n- obwohl er nach der Vertreibung des

teiligen.

o. Ober-Bessingen, 10. Noo. Aus An­regung des Ortslehrers wurde hier ein D o l k s - bildungsverein gegründet, dessen Ausgabe es sein soll, den geistigen Bedürfnissen unserer Ein­wohnerschaft in umfassender Weise Rechnung *" tragen. 65 Familien, also nahezu sämtliche O

sorgte dafür, baß zu Wahlleitern beamtete Per­sonen gemacht wurden, die ganz unter feinem Ein­fluß standen, auch schloß er den Anhang des Generals Pangalos vom Wahlkampf aus, ferner ließ er im letzten Augenblick die Flüchtlinge durch reichliche Geldspenden in das Lager der Venizelisten hinüberziehen, die auch jetzt den Ausschlag gegeben haben. Zwei große Gruppen standen sich gegenüber: die Venizelisten, die sich aus dem liberalen Block mit Kaphandaris und Michalokopoulos, und der Demokratischen Partei zusammensetzten, dann die A n t i v e n i z e- l i st e n, zu der die Bolkspartei und die Gruppe um General Metaxas gehören. Die ausgesprochen monarchistischen Rechtsparteien hatten Wahlent- Haltung proklamiert, so dah also das Wahlergeb­nis kein wahrheitsgemäßes Bild von den tatsäch­lichen politischen Strömungen im griechischen Dolk gibt. General Kondylis hat jedenfalls erreicht, dah die ihm nahestehenden Denizelisten die Mehrheit in der Kammer errungen haben. Er will vorläufig aus dem politischen Riehen aus- scheiden. Wahrscheinlich tritt an fane Stelle

Kaphandaris.

Oberheffen.

Bienenzüchter-Tagung in Hungen.

Hingabe und Entschlossenheit, die ich den politi- 1 schen Fragen gewidmet habe und widme, regiere ich nach besten Kräften und glaube, dah ich der Dolmetsch des nationalen Willens bin." Weder Espartero noch Rarvaez, weder Prim noch Mar­tinez Campos, die Generale, die mit gewaltigem und entscheidendem Einfluh auf die spanische Po­litik eingewirkt haben, haben, einzeln ober alle zusammen, die Macht gehabt, die heute Miguel I Primo de Rivera in Spanien ausübt. Er allein ist heute die Regierung, und ohne seinen Willen I regt sich, wie man bei uns zu sagen pflegt, nicht das Blatt am Baume.

Rachdem der Desaster dann die Krisen­punkte der gegenwärtigen Lage Spaniens be- prvchen hat: Parlament und Heer, fährt er fort:

Roch ein Punkt der gegenwärtigen Lage ist zu betrachten: die Bedeutung, die in ihr dem | jüngsten Besuche des Königs und der königlichen I Familie in Barcelona zukommt. Barcelona, I die Hauptstadt dieses reichen, fruchtbaren, arbeit- I amen und widerspenstigen katalanischen Landes, st, ohne Spaniens Hauptstadt zu sein, seit langem das Gehirnzentrunl gewesen, wo die geistigen I Bewegungen und die entscheidenden politischen I Tatsachen geboten sind, und mit ihnen und durch I sie auch die siegreiche militärische Bewegung, I denn General Primo de Rivera ist gerade Ge­neralkapitän von Katalonien gewesen, als er das letzte bürgerliche und verfassungsmäßige Ka­binett, das Spanien regierte, gestürzt hat. Die Reise des Königs und des Diktators nach Barce­lona in Begleitung der ganzen Regierung sollte der Ausdruck des tatsächlichen Sieges über den alten Regionalismus und Separatismus in Katalonien und namentlich in Barcelona sein, der sich den Borschriften und den Personen des Diktators und seiner Minister unterworfen hätte. Aus der Ferne gesehen schien ein Erfolg vor­handen zu sein. Telegramme berichteten, dah der I König und die Regierung, ohne dah ihnen ein Leid geschah, ihre Befugnisse ausübten und Ehrenbezeigungen und Huldigungen entgegen­nahmen, aber die katalanische Seele, die große Mehrheit der Bewohner Barcelonas, war bei­seite geblieben, hatte sich von diesen Triumphen ferngebalten, öi£ einen passiv, viele gleich­gültig, zahlreiche mißgestimmt, andere schweigend, und der ganzen Ideologie, welche die Regierung vertritt, fernstehend. Dies ist die Wahrheit, nicht übertrieben, nicht verdunkelt. Die Diktatur hat Katalonien eine zentralistische und nationale Po­litik auferlegt. Die repräsentativen Einrichtungen der Autonomie Kataloniens sind zerstört worden, angelangen von jenen, die irgendwelchen Kultur- aufgaben, der Verwaltung, der Wohltätigkeit dienten, bis zu jenen Zugeständnissen, welche die kühnsten Katalanen in Madrid durchgeseht hatten: Flagge, Heimo.l'.evcr, Sprache... Heute ist alles dies zerschlagen, und zwei Generale, Barrera und Milans del Bosch, schreiben namens der ' beiden Regierungen, der zivilen und dec mili­tärischen, ben Katalanen vor, wie sie zu denken haben. Wir verzeichnen die Vorgänge und ent- halten uns des Urteils. Es ist zu früh, um ' die Ereignisse vorherzusagen. Darum schwei- ' gen wir.

Spaniens innere Lage.

Zur Diktaturkrisis in Spanien ver­öffentlicht ein offenbar gut unterrichteter Spanier, Dcego be Miranba, Barce­lona einen Aussatz, der in manchem eine wertvolle Ergänzung bildet zu unserem Leitartikel vom letzten Samstag, der den katalanischen Putsch behandelt. Der Ver­fasser schreibt u. a.:

dykis, obwohl er nacö bet Vertreibung des Generals Pangalos versprochen hatte, lediglich die Wege für die Wahlen zu ebnen, sich dann aber völlig passiv zu verhalten. Daß er sein Versprechen voll und ganz durchführen würde, war schon von vornherein nicht anzunehmen, da er ein zu starkes Interesse an dem Ausgang der Wahlen hatte. Er hatte infolgedessen auch seine ganze Politik in den letzten Wochen darauf angelegt, die Royalisten zu schwächen und ben Republikanern, also ben Veni elisten, eine möglichst günstige Position zu verschaffen. Das ist ihm auch in vollstem Matze gelungen. Er

dichterischen Gestaltungcm, in die bet alte Stoff im Wandel der Zeiten gekleidet wurde, am nächsten stehen. (Heute noch: welcheJohanna" man in 50 Jahren spielen wird, wagen wir nicht zu weissagen: um so weniger, als es sehr frag­lich erscheint, ob man sich dann überhaupt noch mit Theaterspielen und dergleichen unwirklichen Dingen abgibt.)

Wir müssen heut, nach Shaw, bei Schiller eine um immerhin fünf Vierteljahrhunderte zu­rückliegende, künstlerische Form, eine durch meh­rere Menschenalter getrennte Weltbetrachtung und Einstellung zu gewesenen Dingen überhaupt erkennen. Es genügt aber nicht, sich diese all­gemein bestimmte geistige Verfassung unterschied­lich klarzumachen, die sich, von uns aus gesehen, sehr wohl auch auf einen anderen Dichter und ein anderes Drama richten konnte. Sondern es ist nötig, gerade dieJungfrau von Orleans" in der heute fast vergessenen Besonderheit ihrer Stellung im Schillerschen Werk zu werten.

Wir sahen die englische Chronik, unb eS war zu sagen: sie ist unromontisch und historisch. Schillers Tragödie ist unhistorisch und roman­tisch (Was beides mit dem bewußten Salzkorn zu verstehen ist.) Halten wir uns nicht auf mit Der Verwunderung darüber, woher bei Schiller, der die Romantiker doch entschedsn abgelehnt hatte, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte, woher plötzlich diese überraschende Wendung. Es braucht gar nicht zu überraschen: romantisch bedeutet einfach soviel wie unhistorisch (obwohl Schiller mit seinen Mitteln und für die Verhält­nisse seiner Zeit mindestens ebenso lllch^u>liche Studien getrieben hatte, wie Shaw) und t>e- zeichnet in erster Linie die Abgrenzung ^ Dra­mas gegen die äußerlich benachbarten Historien des Friedländers und der schottischen Mario. Man darf sich bei Schlier ebensowenig wie bei Kleist durch äußere Merkmale romantischer Prä­gung (die überdies vielfach Zugeständnisse an den Zeitgeschmack waren) täuschen lag em Für Schiller bedeutet die Jungfrau" eine Rückkehr zum schrankenlos gefeierten Idealismus, zur radi­kalen Persönlichkeitsform seiner Iugenddramen auf anbertn Boden er löste die vor her _ heitz- erkämpfte und streng behauptete Objektivität des historischen Dramas in die bewußt g^oollte dichterisch höhere Wahrhaftigkeit und Echtyett der Tragödie auf, die nicht aus chromkalifch festgelegtem Ablauf, vielmehr aus der inneren Spannung zwischen Freiheit und Rotwendigrert

Spanien ist ein großes Volk von geringem sozialen Gleichllang, das keinen großen gemein­samen Idealen zugewendet ist. , Die Masse der DauernundArbeiter, tiq>t über die ganze Halbinsel verstreut, ist nüchtern, arbeitsam, ge­duldig und he^er. Für eine kraftvolle Einwir­kung auf die Ratziereuden fehlen die notigen Vor­bedingungen: entwickelte Fähigkeiten, Di.düng und der Glaube an ihre Auswirkungen in der Richtung auf Coolulion oder Revolution. Di« spanische sofiali.tische Partei tritt, nachdem ihr Organisator und leitender Geist, Pabw Iglesias, gestorben ist, seit langem nicht Sie folgt nur ihren von

bestimmt wird. Schiller wollte nicht, was Shaw wollte, er hörte au;, wo für jenen brr Sinn des Ganzen erst anhebt, mit dem Tode.

Richt mit der Verbrennung auf b m Scheiter­haufen mit einem glorreichen Ende unter siegreichen Fahnen, das w.e em? Verklarung der im Tode gesühnten, schuldhaften Verstrickung anmutet. (Man kommt um die etwas verstaubt riechenden Begriffe ei er ehrwürdigen Drama­turgie nicht herum, toe'.l sie mit dem Wesen der klassischen Tragödie unlöslich verbunden sind.) In der 10. Szene des 3. 2Iktes, im Angelpunkt des Dramas ist das Schicksal der He ligcngestcrll, wie Schiller sie sah, enthalten.Das große, g.gan- tische Schicksal, welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt." Die im Sinne der Alten unfaßbare Fügung rätse^after Mächte, die dem zuvor nachtwanblecisch, blind einem Gottesbefchl gehorchenden Geschöpf in einer Se­kunde zwischen Diesseits und Jenseits gleichsam die Binde löst, es mit menschlichen Augen sehend werden und seines irdischen, weiblichen Herzens sich bewußt werden läßt.

Daß mit der oben angebeuteten Entwicklung bcs Historiendramas vomWallenstecn" und bet Stuart fort in derJungfrau" zugleich eine gewisse Auflösung bes Szenenstils sich vollzogen hat, bie übrigens eher als alle äußeren Stil- merkmale, an benen man herumgebeutet hat, das Beiwortromantisch" rechtfertigt, empfinben wir, die wir längst an ganz andere Lockerungen dra­matischer Form uns gewöhnt haben, kaum noch so, wie es damals empfunden werden konnte. Merk­würdig ist die Begleiterscheinung, daß Schiller hier gelegentlich jenenSaltomortale in eine Opernwelt" nicht verschmäht hat. den er vor 13 Jahren in der berühmten Egmontrezension so scharf getadelt hatte. Man mag darüber lächeln: die Freude am Glanz und Prunk eines unerhört musikalischen Sprachstils dem in der neuenRomantik" alle strengen Fesseln gelöst waren wird hierdurch gewiß nicht getrübt werden.

Die Inszenierung Sieingoetters als Ganzes angesehen eine schöne und schwungvolle Leistung hatte insonderheit an das sprachliche Element, an die schwingende Dersmusik der Tragödie verständnisvolle Arbeit gewendet und eine Reihe wertvoller Sprecher und Sprecherinnen auf die Szene gestellt. Wir nennen schon hier die Namen Hanke, Gehre, Teleky. Dolck, W e h r l, H e y m und Baumann. Doch erwies sich auch | in einigen Szenen, welche Anforderungen die

stehen, auch die verschiedenen Ausschüsse sind bereite gebildet worden, um die Vorbereitungen für das Fest zu treffen. Unser neuer, vorbildlich unge­legter Sportplatz wird unter Einfügung des um­liegenden Geländes als Festplatz dienen, cm breiter Zugangsweg, der vorsorglich seitens der Gemeinde schon mit Kanalisation versehen wurde, ist geschaffen worden. Die neue, jehr geräumige Turnhalle, die das Interesse aller Turnfreunde findet, wird dem Ver­ein für das Fest gut zustatten kommen.

* Großen-Linden, 10. Noo. Am Sonntag sand hier im GasthausZum Rebstock" eine lokale Ausstellung des Geflügel - und Kanin- chenzuchtvereins statt. Es wurden etwa 60 Kaninchen und 105 Nummern Geflügel gezeigt. Als Preisrichter fungierten die Herren M enge 1, Marburg, für Geflügel und Ullrich. Gießen, für Kaninchen. Eine Anzahl Preise wurden für die besten Ausstellungsobjekte verteilt.

211 len bot f (2 a b n), 10. Rov. In­folge ber Geldknappheit hat bie Bautätig­keit in unserem Orte in biet em Jahre etwas nachgelassen. Tlbgesehcn von einigen land­wirtschaftlichen Umbauten und Reparaturen wur­den nur zwei Wohnhäuser gebaut. Da bei unserer Grundstücks-Zusammenlegung aber schöneBa u- plätze hergestellt wurden, hosjt man für die nächsten Jahre auf eine Belebung der Bau­

tätigkeit.

(D ® rüningen, 10. Nov. Die durch die Be­urlaubung unseres Lehrers R u 11 m a n n freigewor- , bene Lehrerstelle wurde einem abgebauten Junglehrer, dem Schulverwalter Kruger, über­tragen.

bz. Großen-Buseck, 10. Nov. Die heule hier stattgehabte Lehrerversammlung des Bezirks Gießen-Land nahm mit einer Lehrprobe in neuzeitlichem Turnen ihren Anfang. Rektor Inderthal, der an einem vier­wöchigen Turnkursus in Darmstadt teilgenommen hat, führte die Oberklasse vor und zeigte in vollen­deter Weise die Vorzüge der neuen Gymnastik. An­schließend fand unter dem Vorsitz von Schulrat Fischer eine Besprechung des Gesehenen statt. Das Kreisschulamt hat die Absicht, in weiteren Kursen allen Lehrern Gelegenheit zu geben, bie neue Turnkunst kennen zu lernen. Anschließend sprach Jung, Großen-Buseck, über den Spielnach- mittag und seine fruchtbare Gestaltung. Der Rückgang der allgemeinen Volksgesundheit verlangt gebieterisch, den Leibesübungen mehr Raum als seither zu gewähren. Das Ziel müffe sein: der "natur- freudige, charaktervolle und sportlich gebildete Mensch. Jedes Jahr soll mit einem Spießest, das am besten mit dem amtlichen Iugendsest zusammen- fällt, schließen. Nach einer Pause machte der Vor' sigende noch eine Reihe Mitteilungen, den Abschluß der Versammlung bildete ein gemeinsames Mittäg­

ig der Wagen weiter nach Muschenheim

_______ch, wohin auch umliegende Orte ihre Gaben bringen wollen. Oueckborn hat seine Liebes- opser in das Schwesternhaus nach Gießen gesandt. Nieder-Bessingen beteiligte sich an der Sammlung für das Studentenheim Gie­ßen. So ist unsere Gegend eifrig bemüht, sich an den Werken der Wohltätigkeit nach Kräften zu be-

waren. Wir nennen mit besonderer Anerkennung Hankes sehr charakteristisch gefaßte, w^chliche Königsfigur. G e h r e und L i n k w a n n, zwei>nänn. liche Offiziersköpfe (La Hire, Du Chatel), Telekys wuchtigen und schwerblütigen Talbot, Boids lei­denschaftlichen, klangvollen Thibaut; Maryela Bau­mann, die Königsgeliebte, eine vornehme, aber etwas konventionelle Erscheinung. Auguste M a r ck s war als Isabeau viel zu weich und undämonisch: die Rolle ist für ihr liebenswürdiges Temperament nicht gcschasten.

Das sehr gut besuchte, beifallsfreudige Haus mag bewiesen haben, wie dankbar es auch heute noch ist. Schiller zu spielen: und Schiller kann uns füglich für das gesamte klassische Drama als ein vorbild-

mehr tätig cuf. Sie folgt nur wren von der Politik gänzlich ausgeschlossenen Führern: die aber zeigen sich für die Forderungen und die Liebens würdigteiten der Regierenden emp­fänglich, die ihnen gegenüber einen geschickten uiw entgegenkommenden Kurs verfolgen, so daß sie aus jede Schärfe verzichten. Die Mittel­klassen find in Spanien fast nicht vorhanden, und wenn sie vorhanden sind, so unterhalten sie keine belanntgewordenen Organisationen. Sie stellen eine geduldige und amorphe Masse dar, die ihre Tage voll Arbeit und Elend ohne Ideale und ohne Hoffnungen schwer dahinbringt. Die Aristokratie ist nur noch ein Hofornament, etwas, das man zur Ehre und Zierde der Mo­narchie erhält. Ihr sozialer -Einfluß .ist gleicy Rull, und sic besitzt auch nicht die Fahigtciten für die Ausgaben der Staatslenkung.

Der König ist noch eine persönliche und historische Macht .von großem und positivem Ein­fluß. Er ist jetzt ein Mann in seiner vollen Kraft, der, wie wenig Spanier, das RAlieu des Landes kennt und den Rus der Sachkenntms und Geschicklichkeit genießt. Die Person AlfonsXlll. ist sehr umstritten. Er erweckt nicht jene Be­wunderung und Zuneigung, wie sie früher einige Monarchen in anderen Ländern sich erworben haben, die sich sogleich dem Gedächtnis eines jeden präsentieren, der die Geschichte Europas und seiner Monarchien gelesen hat. Aber cs gibt keinen einzigen vorurteitewsen und wahrhaftigen Spanier,. der dem König nicht Autorität zu­gesteht. Seit einiger Zeit geht er mit diesem Kapital verschwenderisch um. Alfonso XIIL hat stets mehr Vertrauen zu sich selbst als zu seinen Ratgebern und Ministern gehabt; er ist von äußerst liebenswürdigem Charakter, aber klug, mißtrauisch und wandelbar; er hat eine sehr be­stimmte Auffassung von seiner Ausgabe und eine eigene und persönliche Meinung von der Re­gierung. Er findet sich nach Charakter und Tem­pera.:,ent, nach ererbten Anschauungen und Mei­nungen nur schlecht mit der gleichmütigen und unpersönlichen Rolle des verfaß ungsmäßigen Kö­nigs ab, der herrscht, aber nicht regiert. Dee Verfassung von 1876, welche die Grundlage der Wiedereinsetzung der gegenwärtigen Dynastie ge­wesen ist, ist in seinen Händen zergangen, und heute sucht er, in den Armen einer derben militärischen und verfas.ungsfcindlichen Diktatur, ohne Zweifel mit forschenden Augen den dünnen Hori vnt des Vaterlandes ab.

Der General Primo de Rivera, ein aristokratischer Soldos und durch feine Familie, seine Beziehungen und seine Leistungen ein Lieb­ling deS Schicksals, ist die Autorität, die, ohne andere Richtschnur als seinen Willen, ohne andere Erleuchtung als die seines Verstandes und ohne andere Ei schränkung als seine Lebenserfahrung, regiert. Jüngst, als ihm vom Rektor der Uni­versität Salamanca die Doktorquaste übergeben wurde, sagte er geradeheraus:Ich bin Meister in der Wissenschaft des Lebens, und kraft der

Gießen:r Stadtthecrter.

S iöer:D:e Innifrair von Orleans".

Wit der neuen Ausführung derJungfrau" verbindet sich ein dreifacher Sinn, dreifache in­nere Rechtfertigung. Zum ersten ist es eine schöne und alte Sitte (die leider auch an großen Theatern vtestach in absichtliche und ganz unkluge Vergessenheit kommt), die Dichter, die wir^als Klassiker zu nennen und zu kennen uns gewöhnt haben, an ihrem Geburtstage mit einem fest­lichen Dühnenfificl zu ehren. Deswegen ist es gut und ziemlich, am 10. Rovember Schiller auf den Spielplan zu setzen. , ,

3um andern: eS ist nicht übel, sich von Zett zu Zeit mit Schonung daran erinnern zu lassen, daß wir au<i) heute noch nicht und heute vielleicht weniger als je Schillerüberwun­den" haben. Schiller ist sogar zeitgemäßer, als es auf den ersten Blick scheinen möchte es ist aus mehr als einem Grunde notwendig, lehr­reich, tief bedeutungsvoll, zu ihm zurückzulehren. (Don der geistigen Se.tbuag, vom großen Ver­mächtnis, als das wir die Gesamterscheinung von Schillers Leben und Werk aufzusassen verpflich­tet fein sollten, kann hier nicht die Rede sein; an an Lernt Orte sollte einmal gesagt werden, wie sehr dieser Klassiker uns not tut, was für ein unerhörtes Menetekel wir heute rückblickend in den viereinhalb Jahrzehnten seines tragisch begrenzten Erocnwandels wahrnehmen könnten wofern wir Augen haben zu sehen.)

Und Ohren zu hören nur dies eine sollte gesagt sein: cs ist von Wichtigkeit, es ist geradezu eine Rolwendigleit für das ganze deutsche Theater, Schiller zu spielen als einen der genialsten M.istcr vom Wort. Vom klin­genden, vom nachhallcnd gesprochenen, edcln Wort, das schon heute an vielen deutschen Büh­nen mit einer aussterbenden Schauspielcrgcnera- tlon verloren ging und nicht wredergefunden und nicht erneuert wurde.

Ium dritten: Gerade dieJungfrau", die vielen von uns in Schulaufsätzen entfremdet wurde, die mandye mit dem gewaltigen Erfolge derHeiligen" Shaws endgültig begraben glaub­ten. Aber eben, nachdem wir Szaros Chronik sahen, ist es gut, Schillers Tragödie wieder zu sehen. Richt um beide gegeneinander kriegerisch auszuspielen, nur um sie friedlich nebenein­ander zu stellen, einfach um der Freude willen, daß es beides gibt, daß diese beiden Werke bei * aller Grundverschicdenheit uns unter den vielen

Tragödie an eine strenge, oft geübte Sprechschulung stellt. (Gessers, Dunois, schien nicht eben in Form und war mehrfach viel zu hastig: auch Lenau als Lionel lieh mit seinen Versen manches zu wünschen übrig.) Ueberhaupt hatten wir £as Ge- sühl. daß gewisse Teile zu laut und überstürzt ge­spielt und gesprochen wurden.

Gut war das rein Szenische bewältigt. Schiller schreibt für die 63 Auftritte des Ganzen 13 Der- Wandlungen vor, die leicht in 11 Bildern zusammen» gefaßt werden konnten, und nur geringe Strei­chungen erforderten. (Der Wegfall der Montgomery- Episode ist Aufsasiungssache.) Das Spielfeld war durch einen, alle Szenen einrahmenden gotischen Bogen sehr geschickt in Vorder- und Hinterbühne geteilt, was rasche Verwandlungen möglich machte; die Bühnenbilder (Löffler und Keim) waren bei aller Schlichtheit stilsicher, stimmungsreich und farbig. Dieländliche Gegend", die Schlachtfelder, die Kathedralenszene der vierte Akt wurde glänzend gespielt und war entschieden der Höhepunkt der Aufführung haften im Gedächtnis. (Ein paar Einzelheiten werden zu beseitigen sein: beim Auf­tritt Johannas in Chi non kam der Einsatz hinter der Szene erheblich zu spät; der Massenabgang im er­stürmten britischen Lager war etwas gehemmt; der Engländer am Wartturm sprach und schrie unvor- teilhaft nach hinten.)

Aus der figurenreichen Besetzung können nur die wichtigsten Namen herausgegriffen werden. Die Johanna der Susanne H e y m hatte Wärme und Schwung und Steigerung. Obschon manche Höhe­punkte vielleicht ein wenig zu früh kamen. (Bei Shaw seinerzeit schien sie uns einheitlicher.) Das Beste gab sie entschieden in den großen Monolog- fzenen des Vorspiels und vor allem des vierten Aktes, die ausgezeichnet gestaltet und gesprochen

7 H u n g e n , 10. Noo. Die diesjährige H e r b st- Ausschußsitzung des Ober hessischen Bienenzüchtervereins wurde heute im Solmfer Hof" dahier abgchalten und war von nahezu sämtlichen Zweigvercinen beschickt. Der Vor­sitzende, Lehrer Buß- Leihgestern, eröffnete die Sitzung mit einer Rückschau auf das letzte Bienen- jahr, das eines der schlechtesten war, die es gegeben hat. Des verstorbenen, verdienstvollen Vorsitzenden des Hungener Zweigoereins, Rektors Roth, wurde in der üblichen Weise gedacht. Den Ueberblirf über die Finanz 1 agc gab Rechner Bodenbender- roerbemittcl zu erhalten, die aus Plakaten, Ein- Gießen. Bei dem Vorsitzenden sind die Dereins- wickelpapier, Postkarten und Briefoerfchlußmarken bestehen und sehr zu empfehlen sind. Die vom Ver­ein abgehaltenen Lehrgänge für Bienen­züchter waren leider nicht besonders gut besucht. Die oorgelegte Abrechnung ber Wetzlarer Ausstellung wurde der Versammlung bekannt- gegeben. Die nächste Wanderversammlung der beiden Hauptvereine von Oberhessen und Kurhes en soll in Fulda stattfinden. Die Pro­vinz Oberyessen wird in zehn Beobachtung s- (teilen eingeteilt, die im Auftrag des Deutschen | Jmkerbundes allmonatlich Beobachtungen über Leben und Entwicklung der Bienenvölker anzustellen haben. Als Honigpreis ist vom Deutschen Jmkerdund sur das Pfund 1,60 Mk. ohne Glas fest­gesetzt worden. Die Drucklegung der neuen Ser» einssatzu ngen soll in Kürze in die Wege ge­leitet und jedem Vereinsmitglied gegen Empfangs­bescheinigung zugestellt werden. Es wurde mitgeteilt, daß Kleinimker, wie sie in Oberhesfen allgc- I mein sind, von Umsatz st euer gesetzlich frei sind. Hastp'lichtschüden durch Bienen sind drei im I Vereinsgcbiet vorgekommen, die durch die Rückver- I sicherung des Vereins gedeckt worden sind. Zu- und Abgang der Mitglieder mit Namensnennung ist bis 1. Dezember 1926 an den Rechner zu melden. Nach Schluß der geschäftlichen Mitteilungen hielt In­genieur Waldschmidt-Wetzlar einen sehr inter­essanten Vortrag überDie Verwendung des Mi' ms apes in d ; Bienenzucht", das auch für den Bi:. . ' ichter e. n entbehrlicher Freund und '.Rat­geber sein muß. Mit dem Dank des Vorsitzenden an den Vortragenden wurde die Versammlung ge­schlossen.

Landkreis Gichcrr.

Heuchelheim, 10. Noo. Rege Tätigkeit herrscht in unserem Turnverein, dem bekannt- lich die Durchführung des G a u t u r n f e ft e s im Juli ko inenden Jahres übertragen wurde. Nicht nur, daß die Uebungsabenbe fleißig besucht wer­den, um als festgebender Verein bei den zu erroar- 1 tenden scharfen Wettkämpfen mit Ehren zu b?-

C^ri. Lich, 10. Nov. Auch auf der Strecke Grün- bergLichButzbach wurde ein Eisenbahnwagen in Bewegung gesetzt, um Liebesgaben für das Diakonissenhaus Elisabethen st ist in Darm­stadt aufzunehmen. Er kam mit 20 Zentner Kartof­feln und einigem Gemüse beladen von Munster und Ober Bessingen hierher. In Lich erfreut sich das Elisabethenstift besonderer Liebe, da zwei Kranken- schwesiern und eine Kleinkinderschulschwester aus dem Diakonissenhaus hier tätig sind. Die hiesigen Konfirmanden zogen mit ihren Handwagen eifrig durch die Stadt, sammelten 35 Zentner Kartoffeln und Geld und brachten ihre Gaden an die Bahn. Don hier ging der Wagen weiter nach Muschenheim und Gambach, w