Nr. 2(3 Sechstes Statt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 11. September 1926
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Zur Kolonialfrage.
y Von Dr. Paul Rohrbach.
Em italienischer Korrespondent, Professor Se- natra, von der Turiner „Gazetta del Popolo", hat eben dem deutschen Reichsaußenminister die Frage vorgelegt, welches seine Auffassung über das Kolonialproblem in bezug auf Deutschland sei. Dr. Stresemann hat darauf geantwortet, 1. daß die Kolonialfragc Deutschland und Italien gleichmäßig interessiere, 2. daß in ihr die öffentliche Meinung in Deutschland vollkommen einheitlich sei, 3. daß durch die Fortnahme der Kolonien dem deutschen Volk das bitterste Unrecht geschehen sei.
Es ist ein wirkliches Verdienst Dr. Stresemanns, daß er, abgesehen von der gesamtpolitischen Linie, die er in bezug auf Locarno und Genf festhält, das Minderheiten- und das Kolonialproblem so konsequent betont. Darüber, daß der Kolonialraub ein bitteres Unrecht an Deutschland war, ein Unrecht, das noch verbunden war mit einem besonders flagranten Wortbruch, braucht kein Wort mehr verloren zu werden. Die beiden anderen Punkte, die deutsche koloniale Einheitsfront und die deutschitalienische koloniale Interessengemeinschaft verdienen dagegen etwas nähere Beleuchtung.
Ist eine Einheitsfront auf kolonialem Gebiete in Deutschtdnd vorhanden? Wenn man nach der Wie- derspiegelung unserer kolonialen Bewegung in der ausländischen Presse urteilen kann, dann ohne Frage ja! Als ein Zeuge dagegen wird von den großen Zellungen draußen nur die „Frankfurter Zeitung" zitiert — wenigstens in dem Sinne, daß man aus gewissen Artikeln von ihr herauszulesen bemüht ist, die Deutschen hätten unter ihre kolonialen Wünsche einen Strich gemacht und fänden sich damit ab, daß die andern die Kolonien hätten und sie die Erinnerung. Wir glauben nickt, daß dies einfach die Meinung des Blattes ist, aber wenn man die politischen Methoden und Grundsätze in den angelsächsischen und romanischen Ländern kennt, so sollte man sich allerdings sagen, daß dort nichts so großen Eindruck macht, wie Einheitlichkeit der öffentlichen Meinung. Gesetzt den Fall, daß jemandem die Kolonien persönlich nicht am Herzen liegen, und daß er an ihrer zukünftigen Rückgabe zweifelt, so müßte er sich doch sagen, daß, wenn eine Gelegenheit dazu eintreten sollte, den Gegnern am ehesten noch dadurch Eindruck gemacht werden kann, daß es in Deutschland tatsächlich nur eine Stimme in kolonialen Dingen gibt.
Im übrigen hat Dr. Stresemann doch sicher recht: Im Volksbewußtsein ist die koloniale Einheitsfront vorhanden. Der letzte Hamburger Kolonialtag hat in England wie in Frankreich die stärkste Beachtung gefunden. In der französischen Presse dauert die Debatte über ihn immer noch an, und zwar besonders über die beiden Argumente, daß Deutschland eigene koloniale Rohstoffe braucht, und daß der Bevölkerungsüber, s ch u st nach einem „Auslaß" und nach üoerseeischer Betätigung verlangt. Wie gut die Gegner aufpassen, sieht man z. B. daraus, daß besonders auf das Wachstum eines so ausgesprochen kolonial - volkstümlichen Vereins hingewiesen wird, wie des „Bundes der Kolonialfreunde". Wenn die Eng- länder und Franzosen die Frage der deutschen Kolonien wirklich für „erledigt" hielten, so würde sie in ihrer Presse nicht fortdauernd einen solchen Raum einnehmen. Richt nur, daß unverkennbar mit einer aktiven deutschen Politik in kolonialen Dingen gerechnet wird — die Besorgnis ist ebenso unverkennbar, daß die deutsche Position internationalen Boden gewinnen könnte. Bezeichnend für das schlechte Gewissen in Frankreich und England ist es auch, daß nirgends mehr ein Wort über die koloniale „Unwürdigkeit" der Deutschen gewagt wird. Das ganze Lügenmaterial des englischen Blaubuchs und des französischen „Journal Ofsiciel" von 1918 ist wie fortgeblasen!
Schon seit Monaten spielen die deutschen Kolonien auch in der italienischen Presse eine stärkere Rolle als früher. Dabei sind zwei Strömungen zu unterscheiden. In der einen heißt es: Wenn neue Kolonialmandate in Frage kommen, so hat Deutschland mindestens solange zurückzustehen, bis Italien befriedigt ist. Anderwärts aber wird eher eine Bereitschaft erkennbar, die deutschen und die italienischen kolonialen Ansprüche miteinander zu verbinden. Auf dieser Linie bewegt sich auch
Sturm in Schmaledsck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. H., Berlin.
20. Fortsetzung. 'Rachdruck verboten.
Helene Jessen bekam ihre roten Flecken im Gesicht. „Ich hab' es gut gemeint mit dir, deshalb brauchst du nicht unverschämt zu werden. Dein Benehmen gegen mich ist unverschämt — jawohl —" ihre Stimme wurde scharf, „und ich werde mit deinen Eltern reden und mir das verbitten."
„Ich habe dich nicht beleidigen wollen, Tante Helene. Das weißt du ja auch. Entschuldige,' wenn es dir so vorkam. — Kann ich jetzt zu Riekchen gehen?"
Am liebsten hätte die aufgeregte Frau gesagt: Du brauchst überhaupt nicht zu meiner Tochter zu gehen. Aber das schluckte sie doch lieber hinunter. „Geh zu ihr. Du brauchst nicht mit ihr über diese Sache zu sprechen."
Ilse sprach aber sofort über diese Sache. Und erfuhr, daß Riekchen langst darum wußte. „Wie tonnt* ich dir das sagen, meine Ilse. Ich weiß doch, wie erlogen das alles ist. kümmere dich nicht darum, was Mutter sagt, sie redet sich immer in Dinge hinein, die gar nicht sind. Ach nein, du bist nicht kokett. Es ist nur zu begreiflich, daß sie dich alle gleich so gern mögen. — Ilse, wenn du doch bald Braut wärest. Er kommt sicher bald zu deinen Eltern!"
„Wer kommt?" fragte Ilse «Md tat ganz harmlos.
„Du weißt es schon. Und wenn du erst Frau Baronin bist — wirst du mich auch noch ansehen?"
„Für die Frage verdienst du einen Strafkuß, Riekchen. Du bist mir immer die beste und liebste Freundin gewesen, wie kannst du auch nur im Scherz so reden. Wer bis dahin--» Ich glaube,
er hat schon vielen Mädchen schöne Augen gemacht unb schöne Worte gesagt. Sie sind so drüben hinter der Königsau. Die Franzosen des Nordens, sagte Onkel Dithmer in Kiel."
„Mit dir spielt er ganz gewiß nicht, Ilse. Darum ist mir gar nicht bange. Nur wie das für dich wird, wenn du da in Dänemark lebst, und sie hassen doch uns Schleswig-Holsteiner--"
zu verbinden. Auf dieser Linie bewegt sich auch das Interview des Prof. Senatra mit Dr. Stresemann. Italien hat, praktisch gesprochen, ebensowenig Kolo- nun wie Deutschland, denn weder Tripolis noch Massaua, noch Somaliland stellen einen kolonialen Wert dar.
Die Italiener können dort weder Siedlungspolitik treiben, noch Rohstoffe holen, noch eine nennenswerte Menge Waren absetzen. Daher ihr Drängen nach Abessinien und Ujre Politik der gegen Frankreich gerichteten Sicherungen im Mittelmeer. Gerade weil in Italien der innere Druck in der Richtung auf koloniale Expansion so stark ist, und weil Italien zweifellos Aussichten hat, fein koloniales Forderungsprinzip über kurz oder lang durchzusetzen, muß auch von deutscher Seite dasselbe Prinzip mit Nachdruck vertreten werden.
Die drei Argumente: Beoölkerungsdruck, Rohstoffmangel und Absatznot gelten für Deutschland und für Italien gleichermaßen, und was den Italienern eines Tages recht fein wird, das wird dann auch den Deutschen billig sein. Dazu kommt, daß der „moralische" Rechtsgrund für die koloniale Beraubungn Deutschlands, der einzige, der seinerzeit von den Gegnern geltend gemacht wurde, jetzt von ihnen fallen gelassen wird. Der Kassierung des Blaubuchs durch den einstimmigen Beschluß des Windhuker Landesrats ist das offizielle Versprechen der süd- amerikanischen Unionsregierung gefolgt, sie würde nie wieder auf dies Lügendokument Bezug nehmen — und in demselben Sinn ist von Südafrika aus auch eine Bitte nach London gerichtet worden.
In dem Stresemannschen Interview ist außer der Verwandtschaft der deutsch-italienischen Kolonialinteressen und die allgemeine Besserung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Italien betont worden. Die innere Grundlage für eine solche wäre allerdings erst dann hergestellt, wenn von italienischer Seite die Verfolgung des Deutschtums in Südtirol, sei es auch nur stillschweigend, eingestellt wird. Bei dem eigentümlichen Charakter des Faszismus ließe sich denken, daß, sobald das Bedürfnis nach einer nationalen Aktion in größerem Stil durch koloniale Erfolge befriedigt ist, die Südtiroler eher in Ruhe gelassen werden könnten. Es gibt Italiener genug, die es im stillen eingestehen, daß Südtirol in der italienischen Politik einen weit geringeren Platz einnehmen würde, wenn man es nicht als „Ableitung" für die nationale Leidenschaft des Faszismus brauchte! Auch unter diesem Gesichtspunkt wäre die koloniale Interessengemeinschaft zu begrüßen.
OstafrikanifcheAussichLen
Von Wolfgang Weber.
Während Italien seine nordostafrikanische Expansionspolitik sogar auf unser ehemaliges Deutsch-Ostafrika ausdehnt, ist es interessant zu hören, wie weit Deutschland jetzt in seiner ehemaligen Kolonie wieder festen Fuß gefaßt hat. Der Verfasser hat kürzlich sechs Monate die Verhältnisse im Inneren Ostafrikas studiert. D. Red.
Deutsch-Ostafrika ist wieder in den Vordergrund unseres Interesses gerückt. Es ist nicht nur zu einem begehrenswertem Land für unsere Auswanderer geworden, sondern auch der Mittelpunkt eines großzügigen Wirtschaftsprogramms. Es hat lange Verhandlungen gekostet, bis die Wiedereröffnung unserer ehemaligen Kolonie für die deutsche Ansiedlung vor knapp einem Jahre ermöglicht wurde. Die fünfzehn deutschen Firmen, die sich in der zwei Jahre früher eröffneten Kenya-Provinz niedergelassen haben, konnten ihre Handelsbeziehungen bis weit nach Uganda ausdehnen und England fürchtet diese Konkurrenz auch im Tanganjika-Territorium. Drei Gründe haben die De ff mm g für Deutsche endlich durchgesetzt. Die Zahl der hier lebenden Weißen hat sich von 4500 auf 2000 verringert, wenn man die unwesentliche Abtrennung von Ruanda und Nyassa nicht rechnet. Ein zweiter Grund liegt darin, daß die den Deutschen weggenommenen, vom Staat verkauften und von Griechen und Indern für fast nichts erworbenen Besitzungen überall verkommen, da den neuen Eigentümern die Mittel zur Bepflanzung eines zu großen Besitztums fehlen. Endlich war die Deffnung aber auch ein staatswirtschaftlicher Schachzug. Während die hier lebenden Farmer jeden erübrigten Pfennig aus Afrika fort nach Hause schicken, lassen die D e u t s ch e n ihr Geld
„«eine Mutter ist doch auch Schleswigerin. Das hat doch immer herüber und hinüber geheiratet. Darum mache ich mir gar keine Gedanken."
„Aber gestern hat Vater einen Brief aus Altona bekommen von Propst Lilie. Der kommt diesen Winter wieder zur Visitation. Der schrieb, man sehe die Sache in Altona sehr ernst an. König Christian ist elender als man erfährt. Er kann das Zimmer nicht mehr verlassen. Und was man sich von seinem Sohn zu versehen hätte, das wäre nicht gut für die Herzogtümer."
„Es ist schon seit zwanzig Jahren so", jagte die sorglose Ilse. „Seit ich denken kann, ist immer davon die Rede gewesen."
„Jetzt wird es ernst." Riekchen war viel überlegener, und ihre Gedanken gingen bei allen Dingen auf den Grund. „Kannst du dir vorstellen, daß Krieg zwischen Dänemark und den Herzogtümern wird, und du lebst da drüben, und hier gehen die Freunde und Verwandten gegen euch? Hch würde verrückt, wenn ich das erleben müßte.
Ilse wurde blaß. „Ich weiß nicht — — So hab' ich mir das nicht vorgestellt. Ich dachte immer — — —Sieh mal, die Studenten da in Kiel, die redeten js auch viel. Doch Hammersmid sagte, das hätte tetae Not. Studenten rasselten gern mal mit dem Säbel, den sie nicht hätten. Schleswig-Holstein hätte ja gar keine Soldaten und keine Waffen, und Dänemark dächte nicht an irgend etwas Gewaltsames. Und — Riekchen, das kann doch nicht kompien."
„Es wird schon kommen. — Wenn du ihn aber so über alles lieb hast, wie eine Frau das soll, daß du sagst: Dein Land ist mein Land, und dein Gott ist mein Gott---"
„Sei still! Bitte, sei still!"
Eine ganze Weile sprach keine von ihnen. Dann fragte Ilse leise: „Könntest du jemand so liebhaben?"
Keine Antwort.
„Riekchen — sag' doch — mir kannst du es sagen — könntest du — zum Beispiel Georg Grütz- mann---Ja? — Das könntest du? Alles
um ihn verlassen, Eltern unb Heimat und---"
Wieder Schweigen.
„Ja, gehen mit ihm, das könnte ich auch. Das glaub’ ich schon. Aber eine Dänin werden" — Sie riß sich zusammen. „Er ist ja noch nicht gekommen.
in den Pflanzungen arbeiten, vergrößern sie womöglich und das Kapital bleibt Afrika er. halten.
Vorläufig handelt es sich bei den bisher angekommenen Deutschen fast ausschließlich um e r - fahrene Vorkriegspflanzer, die überall gern aufgenommen werden. Eine 2lngeftelltenftel« lung bedeutet hier etwas ganz anderes als in anderen Teilen der Erde, denn die roenigen Europäer bekleiden hier ausschließlich leitende Posten — alle schwere Arbeit wird von Schwarzen erledigt. So haben die meisten der neuangekommenen Deutschen diesen Weg gewählt, um sich gleichzeitig in die neuen Verhältnisse einarbeiten zu können.
Von den vielen Veränderungen ist die Verschiebung in der Zusammensetzung der Bevölkerung vielleicht die einschneidendste. Die Hauptrolle spielen nicht Engländer oder Deutsche, sondern Inder und Griechen. Die Entwicklung des griechischen Besitztums in Afrika ist eine Entwicklung für sich. Im Sudan und im Kongostaat liegt der ganze Handel in ihren Händen. In Ostafrika dagegen, wo die kaufmännische Klasse von den Indern vertreten wird, nehmen sie eine mehr und mehr dominierende Stellung unter den P l a n- tagenbesitzern ein. Man kann den Griechen eine gewisse Berechtigung ihrer Ansiedlung nicht absprechen. Sie waren die ersten, die sich am Kili- mandscharo angepflanzt haben und sie arbeiteten vor dem Kriege an der Kultivierung derjenigen Gebiete, in denen sich keine Deutschen a«Geüelli wollten. Der billige Verkauf beutfdjen Eigentums hatte auch weniger neue griechische Ansiedlungen, als vielmehr eine Erweiterung der bestehenden zur Folge.
Neu sind dagegen die indischen Pflanzungen. Die Inder — vor allem Goonesen — waren vor dem Kriege Vertreter des Handels an der ganzen Ostküste, aber es ist noch nicht lange her, daß sie sich bis weit ins Innere ausdehnten. Heute reicht ihr Einfluß bis an die Grenze des Kongostaates unb in Uganda sorgen sie durch Schulen unb Wanberprebiger bafür, daß indische Kultur Ueberlieferung erhält. Daß ehemals deutsche Pflanzungen in indischen Besitz übergegangen sind, das ist sehr bedeutsam in der Entwicklung dieser Rasse in Afrika. Damit ist das bunte Rassegemisch, bas bem heutigen „German East" — so nennen es bie Engländer heute noch — sein Gepräge gibt, noch lange nicht erschöpft. In den Händen der Norweger liegt die Verwertung des Urwaldholzes; sie sind Besitzer großer Mahagoni- unb Tiekholzplan- tagen. Schweizer betrachten ben Sisal als ihr Ressort, aus dem man den Hanf herstellt. Endlich spielen auch diejenigen Deutschen eine gewisse Rolle, die hier bleiben konnten- Elsässer und Danziger wurden von den Ausweisungen nicht betroffen. Sehr viele deutsche Missionen wurden auf diese Weise erhalten, unb für bie heutigen Einwanberer ist es sehr belangvoll, baß burch bie elsässischen Farmen die Deutschen nie ganz ihre Stimme in ihrer einstigen Kolonie verloren haben.
Kein Wunder, daß inmitten dieser Völkerbowle, wie sie die Engländer selbst nennen, jetzt eine Rasse hervorzutreten beginnt, die vielleicht mehr Berechtigung als andere hat, in Afrika gehört zu werden. Es sind die Neger s e l b ft, bie lange genug mit auslänbischen Elementen zusammengelebt haben, um auch für sich Selbstänbigkeit zu forbern. England sucht der Bewegung dadurch die Spitze abzu- brechen, daß es für die (Eingeborenen Reservate schafft, in denen sich Asiaten und Europäer nicht an- siedeln dürfen. Allerdings sind die kleinen Eingeborenenpflanzungen vom wirtschaftlichen Standpunkt vollständig unrentabel; aber ben Negern finb die Augen vor Europa geschlossen und damit ist der Zweck erreicht.
Mit diesen Reservaten, die ebenfalls aus deutschem Grund und Boden bestehen, ist auch das letzte Stück Erde aufgeteilt. Alle ihre heutigen Besitzer unb alle die, die sich als die neuen Herren des Landes betrachten, sind nicht besonders entzückt, wenn unter den Deutschen auch bie vielen erfahrenen Vor- kriegspflanzer zurückkehren. Um so wesentlicher ist es für biese, baß sie von Seiten der Engländer nicht nur keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt bekommen, sondern auch nach Möglichkeit unterstützt werden. Bei den Engländern hat der Krieg kaum Haß zurückgelassen. Man behandelt die Deutschen im Gegensatz zu allen anderen Rassen als gleichberechtigt. Wie sehr der Krieg für viele Engländer eine sportliche Angelegenheit war, geht schon aus den Berichten Lettow-Vorbecks über seine eng-
Ich muß noch nicht ja ober nein sagen. Es wirb sich alles schon historisch entwickeln, wie Vater sagt." Aber während sie lachte, waren ihre Augen ernst. „Komm, meine Alte, wir wollen hinausgehen in ben Garten, zwischen ben Bäumen wirb mir leichter werden." Unb wie sie die stillen Steige hin- gingen, über die von allen Seiten die Rosenbüsche ihre blütenschweren Zweige hingen, legte sie ben Arm um bie Cousine. „Das wußte ich nicyt, daß du ihn so tief im Herzen hättest, Liebe."
„Red' nicht davon. Es hat keinen Sinn. Er fragt nichts nach mir. Er wirb nie nach mir fragen."
„Dann oerbiente er Prügel. Jawohl. Du bist so gut, so treu, so warmherzig, so selbstlos, — suchen soll er, bis er ein zweites Riekchen Jessen findet."
Aber Riekchen lächelte nur traurig. So jung sie war, die Erfahrung hatte sie doch gemacht, daß den Männern die hübsche Außenseite viel mehr bedeutet als ein schönes Innenleben.
*
Der Herbst kam in das Land. Der Wind blies über die Stoppeln. Die Schmalebecker Jungen liefen über bie Felber unb ließen Drachen steigen. Die Doktorsgören hatten einen großen Zeugbrachen aus rotem Glanzkattun, in ber Mitte bie Hamburger weißen Türme tragenb. Solch herrliches Untier hatte Schmalebeck noch nicht gesehen. Thomas Raben hatte ihn bei seinem letzten Besuch mit- gebracht, auf bringenben Wunsch von Aenne unb Gitta, bie gerabe so sehr die Herbstfreuden ber Jungens mitmachten, wie sie bei allen Streichen dabei waren. Sie waren ihm zum Dank um den Hals gefallen, eine Kundgebung, die ihm sehr neu war, die er aber mit guter Haltung über sich ergehen ließ. Am Sonnabendnachmittag zogen sie mit Fiete hinaus, ihn aufzufeiern.
Der Wind ging kräftig. Am blaßblauen Himmel waren lange Federwolken, ein Zeichen, daß er noch auffrischen würde. Der aroße Drachen begann gewaltig zu ziehen, und Aenne, die ihn allein am Tau hatte, schrie gellend, als ihr die Schnur in den Fingern riß, und die Beine so merkwürdig leicht wurden über ber Erbe. „Gitta, Gitta, faß mit an, ich kann ihn nicht halten." Doch auch zu zweien konnten sie bas Untier nicht bänbigen,. unb Hans, ber zu Hilfe kommen wollte, verwickelte sich in bas
liichen (Befangenen hervor; heute spricht man mit objektivem Interesse unb mit unverhohlener Be- rounberung über bie Leistungen ber beutschen Truppen.
Währenb aber in den Plantagengegenden bie Deutschen ganz familiär mit ihren Gutsttachbarn verehren, hat sich in Mombassa das Verhältnis etwas geänbert. Hier ist bie erste beutsche Hanbels- k o l o n i e entstauben, bie ben Englänbern eine schwere Konkurrenz bebeutet. Die Deutsche«« wickeln ihre Geschäfte unmittelbar mit ben Jnbern ab, bie aus kaufmännischen wie nationalen Grünben lieber von bie{en kaufen. Es ist nur selbstverstänblich, wenn die dort lebenden Engländer diesen Erfolgen fein« besondere Sympathie entgegenbringen; umso höher ist es ihnen anzurechnen, wenn sie der weiteren Ausbreitung ber Deutschen keine Schwierigkeiten irt den Weg legen und sie mit außerordentlicher Achtung behandeln. Allerdings lebt die deutsche Kolonie vollkommen abgeschlossen für sich. Es sind etwa, fünfzig Deutsche, die ihre eigenen Veranstaltungen und ihren eigenen Klub haben.
Die heutigen Ankaufsverhältnisse haben sich gegenüber früher sehr verändert. Fertigt K a f s e e Plantagen sind so gut wie nicht zu haben, da alles in festen Händen ist unb bie Preise im Verkaufsfalle enorm finb. Fünfzehn £ für ben Hektar, ober gar 2 Schilling für ben Strauch ist keine Seltenheit mehr. Leichter kann man noch nicht bepflanzten Boben bekommen, ber sich für Kaffee eignet. Er erforbert schwere Arbeit, aber gerabe ber berühmte Kilimanbscharo-Kaffee bebeutet Kapitalanlage in einem erstklassigen Objekt.
Das Gegenteil ist Baumwolle. Das Gouvernement verpachtet Baumwollboden, und da man nach fünf Monaten bereits ernten kann, pflegen kapitalschwache Ansiedler sie zu bevorzugen. Man kann nicht genug dabei zur Vorsicht raten. Erst in die- fern Jahre haben durch das Ausbleiben der letzten Regenzeit die meisten Elsässer, bie Baumwolle pflanzten, ihr Kapital verloren. Risikoloser sind kleine Küstenpflanzungen, vor allem Gummi unb Hanf, ben bie Deutschen vor 30 Jahren nach Afrika importiert haben; heute sicht Sisal an erster Stelle ber Probuktion Ostafrikas. Seine Exoort- zifser beträgt fast I Million Pfunb gegen 370 000 bei Baumwolle unb 350 000 beim Kafsee. Enblich können sich die kleinen Pflanzungen mit Mais bet ungünstigem Wetter stets über Wasser halten.
Die Aussichten für Kolonisten in Oftafrifa sind durchaus nicht schlecht, und einen Vorteil hat dieses Land noch vor allen anderen, unb auch bem an- schließenben Kenya gegenüber: bie billigen A r- b e i t s f r ä f t e. Die schwarzen Boys erhalten selten mehr als 20 Schilling im Monat, unb auch in einem Kilogramm Baumwolle steckt nicht mehr als eine Erntearbeit von 3 Pfennig. Dabei wirb Kaffeepflücken usw. von Kindern erledigt, und die Anwen- bang von Traktoren macht die Pflanzungen von <; üionarbeitern unabhängig. Diese immer mehr in Anwendung kommenden landwirtschaftlichen Maschinen sind ein ebenso großes Feld für die deutsche Industrie, wie die Einführung von Motoren. Augenblicklich roerben bie meisten Maschinen in Sisal- unb Baumwollwerken noch mit Holz geheizt. Da aber in bem Augenblick, wo dieses weiter als 6 Kilometer herantransportiert werden muß, der Motor billiger ist, so werden früher oder später alle Maschinen darauf umgestellt werden. Es besteht Mangel an, wegen Beschaffung von Ersatzteilen unbedingt nötigen Vertretungen dafür. Leider reagierten bisher noch keine deutschen Firmen auf die Anregung von deutsch-afrikanischer Seite.
Es sind nicht nur wirtschaftliche Gründe, die Ostafrika zu einem beoorzugenswerten Land machen. Es gibt zwar eine strenge Absonderung nach Indern, Negern unb Weißen, aber zwischen ben wenigen Europäern selbst gibt es keinen sozialen Unterschieb. Für bie Schwarzen bleibt jeder „Mzungu" der „Bwana Mkubwa", ber „große Herr". Ein Europäer, ber sich einmal hier eingewöhnt hat, ist ber ungekrönte Herr seines Distrikts unb wirb ihn nie mehr für bauernb verlassen wollen; denn Afrika ist das Land ber unbeschränkten Jnbivibualität.
EBei
Jn Ad
oabr-lOte bewährt. 1426ick
11 •m. -'aixBaasannaunui nachschleppenbe, noch nicht aufgefierte Bott unb schoß kopfüber auf ben Sturzacker, ein wildes Gebrüll ausstoßend.
„Fiete! Fiete!"
Fiete hatte sich verschlafen unb gedankenlos abseits gehalten, im Innern sehr verdroßen, daß ihm Hanse die drei auf die Seele gebunden hatte. „Als wenn man ein Kindermädchen ist." Langsam, mit schlaksigen Schrillen, kam er heran. Da riß bet Hansens Gestrampel bas Tauwerk, Aenne fühlte, wie es ihr burch bie Finger glitt, stieß einen letzten Schrei aus, unb kopfüber, vom Hall befreit, schoß ber Vogel ber Lüfte irgendwo in die Tiefe.
Auf allen Aeckern, wo die Bengels mit ihren Papierdrachen neidvoll die Sache beobachtet hatten, begann ein gewaltiges Rennen, dettn jeder wollte die Beute bergen.
„Renn' doch, Fiete, renn’ doch, Fiete," riefen die drei Geschwister, „du hast doch die längsten Beine", unb sie schossen selber baoon wie die Hasen.
Ebenda kamen Hanse, Ilse und Raben von der Straße heran, sich die Sache anzusehen. Als Fiete, der nicht die geringste Neigung hatte, hinterher zu sausen, sie sah, hielt er es doch für bester, nachzulaufen. Aber schon flog es an ihm vorüber, licht- rot, mit dunklen, wehenden Locken, rief ihn an: „Schlappschwanz" und tauchte in einer Ackerfurche unter. ,Lch hab' ihn, ich hab' ihn."
„Himmel, kann deine Tochter laufen. Wie der „ qu«W
„Ha, sie ist in allen Dingen so behende. Nicht so schwerfällig wie ihre Mutter."
„Fishing Jor compliments, Hanse?"
--Nicht nötig zwischen uns, Thomas. Nein, so leicht und graziös war ich nie. Auch Eveline, Ilses Mutter, nicht. Sie hat es von ihrer Großmama. Die ist noch die Frau Marquise aus einem Watteaugemälde. Wenn sie im goldenen Kranz zur Kirche gehen wird, du sollst sehen, da wird sie all uns Junge ausstechen."
„Wann ist die goldene Hochzeit?"
„Am zweiundzwanzigsten Januar. Gerade noch vier Monate. Wirst du dazu kommen?"
„Wenn ich es ermöglichen kann, gewiß. Schmalebeck fängt an, mir etwas wie eine zweite Heimat zu werden. Der Ruhehafen, wenn Hamburg mich zu sehr hetzt."
(Fortsetzung folgt.)


