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Weigerung des gleichen Wahlrechts denken. Man kann aber weiter mit Sicherheit sagen, daß eine friedliche Auswirkung der Gesetze vom 2 8 Oktober 1918 bestimmt zur Ein­führung eines Wahlrechts geführt hätte, das vermutlich ähnlich gewesen wäre, wie das nun­mehr eingeführte; höchstens das Frauenstimm­recht hätte vielleicht noch längere Zeit gebraucht, um sich durchzusehen. Auf alle Fälle ist das neue Wahlrecht von 1919 nichts, was außerhalb der gegebenen Linie der Entwicklung gelegen war. Die Revolution hat hier nichtetwasgrund- sählich Neues geschaffen, sondern sie hat nur dem schon im Anzuge befindlichen Neuen die letzten Hindernisse hinweggeräumt.

Mit dem veränderten Wahlrecht wirkte die veränderte Stellung des Reichstags zusammen. Das bedeutsame Ereignis der Revo­lution hatte ja darin bestanden, daß der Räte­kongreh auf eine Diktatur der Räte verzichtete und seine Rechte übertrug auf eine National - versammiung. die dann im Reichstage ihre Fort­setzung fanb. Damit war das parlamentarische Regimenc als Nerfassungssorm festgelegt, aber hierin bestand gar keine Neuerung mehr. Am 28. Oktober war schon das parlamentarische Re- giment eingeführt worden in einer Weise, die sich von der Weimarer Verfassung begrifflich überhaupt nicht unterscheidet. Der Schwerpunkt war bereits verlegt auf den Reichstag und seinen Exponenten, das Kabinett. Diese Neuerung stammt also nicht vom 11. August 1919, sondern 28. Oktober 1918; sie hat die Erschütterungen des 9. November 1918 überdauert!

Eine rein äußerliche Neuerung bestand in der Einführung eines kollegialen R e i ch s m i n i st e r i u m s. Auch hier aber bleibt zu bcd -rticn, daß dieStellvertretung des Reichs- kanzlcrV längst über die von Bismarck gewollte Linie hinaus entwickelt hatte. Die Staatssekre­täre hatten schon vor dem Kriege eine gewisse selbständige Stellung, wenn auch der Reichs­kanzler noch formell ihr Vorgesetzter war. Rach dem 28. Oktober 1918 vollends war die alte Stel­lung überhaupt nicht mehr zu halten, da die Staatssekretäre neben dem Reichskanzler dem Reichstage parlamentarisch verantwortlich ge­macht wurden. Die diesbezügliche Gesetzgebung konnte nur zu einem Zustande führen, der ziem­lich genau dem entsprach, was in der Weimarer Verfassung festgelegt wurde: an der Spitze ein Reichskanzler, dem die eigentliche Führung in der Politik zukommt, neben ihm Ressortminister, die in ihrem Ressort eine gewisse Selbständig­keit haben, aber nur innerhalb der unter Füh­rung des Reichskanzlers beschlossenen Richtlinien. Auch hier also liegt die eigentliche Neuerung auf dem 28. Oktober 1918.

Eine weitere Neuerung endlich zeigte gerade mit aller Deutlichkeit, wie sehr die neue Ver­fassung von Weimar auf bemalten Funda­mente aufbaute und wie sehr sie vor grund­legenden Umgestaltungen zurückscheute: die U m- gestaltung des Bundesrates zum R e i ch s r a tl Bei diesem Problem lag die Ent­scheidung Wer die Grundfrage des Deutschen Reiches und Volkes, die Frage des Föderalis­mus! Die sich in der Richtung auf den Einheits­staat bewegende Paulskirche hatte Schiffbruch gelitten; der auf föderalistischer Grundlage auf- bauende Fürst Bismarck hatte Erfolg gehabt. Am 9. NvveiWer war es die Frage, wieweit jetzt diese Grundlage des alten Reiches sich bewähren und halten würde. Der erste revolutionäre An­lauf ging zweifellos auf den bolschewistischen Einheitsstaat hinaus; er scheiterte aber an der Tatsache, bah sich auch in sämtlichen Einzel st aaten sofort neue Regierungen btt» . beten und ihre Stellung verteidigten. Der erste Versassungsentwurf von Dr. Preuh beruhte aus i dem Grundgedanken einer Neueinteilung Deutsch­lands inGliedstaaten", ohne Berücksichtigung f der historischen Zusammenhänge; er scheiterte an dem offenen Widerstande fast aller Bevölkerungs­kreise. So ergab sich von selbst die Erhal­tung des alten föderalistischen Fun­damentes der Dismarckschen Ver­fassung, und es konnte nur darauf ankommen, es den neuen Verhältnissen anzupassen. Träger der Souveränität und eigentlichen Regierungs­gewalt konnte der Reichsrat nicht mehr sein, da jetzt das parlamentarische Regiment die Grund­lage bildete. Der Reichsrat konnte nur noch eine Vertretung der Einzel st aaten sein mit dem Charakter als Oberhaus oder Staatenhaus. Dieser Neuerung, wie sie sich in der Weimarer Verfassung findet, war aber auch schon der Weg bereitet worden durch die Gesetze vom 28. Oktober 1918. Durch die Einführung des parlamentarischen Regimentes war zunächst dem Bundesrat seine alte führende Stellung genommen, wenn es auch nicht mit Worten aus­gesprochen war. Daß es aber von da an nur noch eine Art bvn Oberhaus darstellen sollte, kam klar zum Ausdruck in der Bestimmung, daß der Reichskanzler, die Staatssekretäre und die Kriegsminister dein Bundesrat verantwortlich sein sollten. Eine solche Konstruktion war nach der Dismarckschen Reichsverfassung gänzlich un­möglich; sie war nur möglich bann, wenn man eben den Bundesrat als eine Art von Oberhaus ansah. Auch diese Ausgestaltung der Weimarer Reichsverfassung also war nur die logische Folge der Neuerung vom 28. Oktober 1918.

In ihrer äußeren Gestaltung steht die Weimarer Reichsverfassung zweifellos über der alten Dismarckschen Verfassung. Die letztere war ja im Grunde nur ein erweiterter Bündnis­vertrag gewesen, in dem alles vermieden wurde, was den guten Willen zur Reichsgründung bei den Cinzelstaaten irgendwie beeinträchtigen konnte. Sie war aber weiterhin auch derart zu- geschnitten auf die Person von Bismarck, daß sie nach seinem Abgänge notgedrungen gewisse innere Wandlungen durchmachen muhte, die nicht auf verändertem Wortlaute, sondern nur auf veränderter Handhabung beruhten. Die Wei­marer Reichsverfassung ist demgegenüber ein großzügiges Werk aus einem Guß, dem man in seiner Ausgestaltung vollste Anerkennung zollen muß, auch wenn man politisch nicht mit allem übereinstimmt. Das eine aber darf im deutschen Volke niemals vergessen werden: auch die Wei­marer Reichsverfassung steht auf dem festen Grunde der Fundamente, die Bis­marck geleg't hat. Mag auch die Regie­rungsform geändert worden fein: das Reich ist noch das alte, das Bismarck uns geschaffen hat Man wird nicht einmal sagen können, daß Bismarcks Andenken heute bewußt verleugnet werde. Einen Mann wie ihn hat c5 nur einmal gegeben, und keine Reichs­verfassung konnte für die Dauer beruhen auf der Annahme, daß ein ebenbürtiger Nachfolger Bismarcks an des Reiches Spitze stehe. Wenn das deutsche Dolk sein Erbe verwalten wollte,

dann blieb ihm schließlich gar nichts anderes übrig, als dies selbst mit eigener Kraft zu tun! Daß man fast drei Jahrzehnte die Fiktion aufrechterhalten hat, das Reich werde geleitet von einem wirklichen Nachfolger Bismarcks, das ist im Grunde die Erklärung für alles das, was sich zwischen 1890 und 1918 ereignet hat. Nach Bismarcks Abgang war der Weg zum parla­mentarischen Regimente vorgezeichnet; man hätte nicht zu warten brauchen bis zum 28. Oktober 1918. Der 11. August 1919 vollends hat be­wiesen, baß Deutschland selbst durch Bürgerkrieg und Straßenschlachten nicht von diesem vorge­zeichneten Weg abzubringen war. Ob allerdings Las parlamentarische System auch für die Zu­kunft das Glück und das Heil des deutschen Volkes bedeutet. das ist eine ganz andere Frage. Cs wird darauf ankommen, ob Bismarck auf deutschem Boden noch einmal Epigonen findet!

Lin Zahr ökumenische Bewegung.

Eine Unterredung mit Erzbischof Söderblom.

Berlin, 9. Aug. (TU.) Auf der Welt- tagung der christlichen Jugend in Helsingsors hatte ein Vertreter des Evangelischen Pressever­bandes Gelegenheit, den Primas von Schweden, Erzbischof D. Dr. Söderblom-Upsala, über die Entwicklung der ökumenisch-kirchlichen Arbeit seit der Stockholmer Weltkonferenz zu be­fragen. Die Aeußerungen Söderbloms, des be­kannten Führers der mit Stockholm verbundenen ökumenischen Bewegung, sind um so bedeutsamer, als sie auf die unmittelbar bevor- stehende Tagung des Stockholmer Fortsehungsausschusses in Bern ein interessantes Licht werfen.

1. Auf die Frage, worin er hauptsächlich Fortschritt und Auswirkungen der ökumenischen

Bewegung seit Stockholm sehe, führte der Erzbischof etwa folgendes aus: Das Jahr nach der Stockholmer Weltkonferenz ist hauptsächlich dadurch gekenn­zeichnet, daß dir dort behandelten Probleme den Ausgangspunkt für eine großzügige ausgedehnte öffentliche Diskussion bildeten. Als die Zentralfrage der gesamten Er­örterungen bezeichnete der Erzbischof die Frage nach dem Reiche Gottes. Stockholm habe die Wichtigkeit des Reich-Gottes-Problems den Kirchen ins Gewissen gerufen; ihre unausweich­liche Aufgabe sei es, auch in der Oeffentlichkeit das Verständnis dafür zu wecken und zu fördern. Ich komme soeben von der Universität Dublin, an der ich Vorlesungen über Luther gehalten, habe. Sie sind zugleich eine Vorbereitung für e i n Lutherbuch, das ich demnächst in englischer Sprache veröffentlichen werde. Der Sinn meiner Vorlesungen war es, die große und tiefe Er­kenntnis Luthers und der Reformation vom Reiche Gottes der anglikanifchen Welt nahe zu bringen, und ich habe dort großes Verständnis für die Werte der deutschen Reformation gefun­den." Söderblom verwies hierbei auf das bedeut­same Werk eines Engländers über die Stock­holmer Konferenz, in dem der Antei». der Lutheraner an den Verhandlungen sehr ver­ständnisvoll gewürdigt und Luther als eine Art Daß" in der Harmonie der Kirche gewertet wird. Zusammenfassend bemerkte Soderblom, das Jahr nach Stockholm sei zwar nicht reich an äußeren greifbaren Erfolgen, aber in solchen Dingen dürfe man nicht mit gewöhnlichen Maßstäben rechnen.

2. Auf die Frage: Was erwarten Sie von der Berner Tagung des Stockholmer Fortfeßungs- ausschusses

ging Erzbischof Soderblom besonders ausführlich ein. Er verwies zunächst auf die Vorarbeit der Kommissionen. Einer der Hauptverhandlungs- gegenftände wird in Bern das internatio­nale sozialethische F o r s chun g s in sti- t u t fein, dessen Gründung auf der Stockholmer Konferenz von Bischof Dilling- Schweden an­geregt und von Prof. T i t i u s ° Berlin, dem Vorsitzenden der dafür eingesetzten Kommission, sehr entschieden unterstützt wurde. In der Frage der Ausgestaltung dieses Instituts stehen sich zwei Ansichten gegenüber Die eine möchte mit dem Institut einen großzügigen internationalen Apparat verbinden und ein Jnfonnatiensbureau für die breite Oeffentlich'eit mit mehr propa- gcurdisti scher Tendenz schaffen. Die andere Auf­fassung und ihr scheint Soderblom ziuuneigen ist die. daß hier mit aller Gründlichkeit ein Werk geschaffen werden soll, an dem alle ernsthaft interessierten Persönlich­keiten Mitarbeiten können. Das Institut soll gewissermaßen ein Zentrum werden, in dem die theoretische Grundlage der ökumenisch­kirchlichen Arbeit von Männern der Wissenschaft in gründlichem Studium erarbeitet wird. Es fehlt uns, so meint Soderblom, noch viel an der theoretischen Basis unserer Bewegung, die Idee der s o z i a I e n Wirksamkeit der christlichen Kirche müßte z. D. noch viel gründlicher herausgestellt werden.

lieber die Aussichten der Kriegsschuldfrage befragt, die gleichfalls den Stockholmer Fort- sehungsausschuß auf seiner Berner Tagung be­schäftigen wird, verwies Erzbischof Söderblom auf die gründliche Vorarbeit der Kommissionen, u. a. des Sonderausschusses, der unter dem Vorsitz des Engländers Garvie steht; besonders sprach er feine Anerkennung aus für die über­aus feine und taktvolle Art. in der die deutsche Delegation, an ihrer Spitze Präsident Kapler- Berlin, diese heikle Frage behandelt habe. Zwar werde diese Frage gewisse Schwierigkeiten be­reiten, aber diese feien sicherlich zu lösen, wenn man auf allen Seiten völlig loyal sei. | Schließlich sind wir, so schloß Soderblom., eine kirchliche Organisation und können eine politische Frage nicht aus der Welt schassen.

4. Zum Schluß äußerte sich der Erzbischof über die mit der ökumenischen Arbeit eng zu­sammenhängenden Frage der

Stellung des Christentums im öffentlichen Leben.

Es ist ausfällig, mit welch feinem Verständnis die Frage nach der tiefen Wirklichkeit des Christen­tums gerade von ganz einfachen Menschen aus­genommen wird, von Bauern, Tagelöhnern, be­sonders auch in der Arbeiterwest. Diese Men­schen haben oft ein seines Gefühl für das, was Christentum heißt. Auf der andern Seite aber sind es die ihrer Verantwortung bewußten Staatsmänner, die im Christentum die einzige Macht sehen, die uns helfen kann. Söderblom erinnerte dabei an den früheren deutschen Reichskanzler Dr. Luther, den englischen Arbeitersühce M a c b o n a l d, den amerikani­schen Staatssekretär Hoover. Alle diese Män­

ner enrpsinden aufs tiefste ihre Verantwortung als Christen im öffentlichen Leben. Soderblom verwies ferner hierbei auf die führenden Juristen der großen Staaten: Reichsgerichtspräsident Dr. Simons (Deutschland), Lord Parmoor (England), die schwedischen Minister Frh. Marks v Würtemberg und Hamaskjöld. Bei allen diesen Männern, die im öffentlichen Leben eine einflußreiche Stellung haben, die keine Geist­lichen oder Priester sind, liegt für das Christen­tum die einzige Hoffnung. Diese Tatsache ist eines der verheißungsvollsten Zeichen für die Zukunft der ökumenischen Bewegung. Wir brauchen nicht zu verzweifeln, wenn wir ein solches Echo in der Öffentlichkeit finden.

Lin spanisch-italienischer Vertrag

Mittelmeer. Afrika. Südamerika.

Die Ratsfragc.

Rom, 11. Aug. (prio.-Ict) 3n Madrid haben am 7. August der italienische Gesandte und der fpa- nische Minister des Aeutzern einen Freundschaft^- und Schiedsgerrchlsverlrag unterzeichnet. Danach verpflichten sich beide Staaten, im Falle eines nicht herausgesorderten Angriffs einer dritten Macht völlige Neutralität zu bewahren. Der Vertrag regelt außerdem verschiedene zwischen beiden Regierungen schwebende Angelegen­heiten. Eine besondere Bedeutung gewinnt das Ab­kommen dadurch, daß die Verhandlungen über die nordafrikanifchen Fragen noch nicht abgeschlossen sind. Der Vertrag wird von der italienischen Presse allgemein als ein großer bedeu­tungsvoller Akt gewürdigt. DieIribuna unter- fireichi als besonders wichtig die Bedeutung des Vertrages für die Stellung Italiens als Mittelmeermacht. Außerdem, so erklärt das Blatt, wird sich der Vertrag auch bei der Wahr­nehmung der italienischen Interessen in Südamerika als vorleilhast erweisen. Giornale d'Jtalia hält den Vertrag seines umfas- enden Inhalts wegen für wichtiger als alle übti- jen von Italien mit anderen Staaten abgeschlof- enen llebereinfomraen. Der Vertrag dürfte sich wohl chon am nächsten Monat bei der Ratstagung und der Versammlung des Völkerbundes in Genf auswirken. Ls wurde kürzlich angedeutet, daß Italien aus dieser Tagung für die Erteilung eines ständigen Ratssihes an Spa­nien eintreten würde.

Die Aufnahme in England. Verschiebung des Gleichgewichts im Mittelmeer.

London, 10. Aug. (WTB.) Der italie­nisch-spanische Vertrag beschäftigt lebhaft die po­litischen Kreise. Don britischer Seite wird be­tont, daß man bisher keine Kenntnis von dem Entstehen des Vertrages gehabt habe. Gleich­zeitig wird bemerkt, daß die Wirkung des Ver­trages auf die öffentliche Meinung in Frank­reich möglicherweise nicht unbedingt beruhigen­der Art sein und mit der Zusammenkunft Chamberlains mit Mussolini in Ra­pallo sowie mit der Londoner Reise des spanischen Königs in Verbindung gebracht werden könne. Den Aeußerungen der fran­zösischen Blätter wird daher mit großem Inter­esse entgegengesehen. Im Zusammenhang mit der britischen Stellungnahme in der Frage der Beteiligung Italiens am Tanger- Problem, die sich bekanntlich mit dem fran­zösischen Standpunkt nicht ganz deckt, wird zu­gegeben, daß es die Politik Großbritanniens sei, keiner Nation einen überwiegenden Einfluß in dieser Frage einzuräumen.

Manchester Guardian" betont, baß bis zum Zustandekommen des italienisch-spanischen Ver­trags erfolgreich Stillschweigen ge­wahrt worben sei, werde als ausgesprochener Triumph der Methoden der alten Diplomatie im Gegensatz zu den unwirksamen und rhetorischen Methoden des deinokratischen Regimes begrüßt. Sowohl von derTribuna" als auch von der Giornale d'Jtalia" werbe bie Bedeutung des Vertrages für die parallelen Interessen beider Länder besonders im Mittelmeer hervor­gehoben. Der Korrespondent bemerkt, wenn auch in Rom keinerlei Andeutung gemacht werde, daß der neue Vertrag gegen Frankreich gerichtet sei, so sei es doch vollkommen klar, daß er eine Verschiebung des Gleichgewichts im Mittelmeer im Sinne einer Stärkung Ita­liens gegenüber der Stellung Frankreichs be­deute. Man dürfe nicht vergessen, daß fast an jedem Punkte der nordafrikanischen Küste die italienisch-französischen Beziehungen Reibungs­flächen aufweisen. Abessinien, Tunis, Marokko und Tanger bildeten dauernd Gegenstand von Pressefehden. Für den Augenblick würden zwei­fellos die Ergebnisse des italienisch-spanischen Zusammenwirkens in Italiens Haltung gegen­über der Völkerbundspolitik Spaniens und in ihren Rückwirkungen auf die Tanger­frage gesucht werden müssen.

Pariser Presseecho.

Gute Miene zum bösen Spiel.

Paris, 10. Ang. (WTB.) Der Abschluß des italienisch-spanischen Vertrages wird vom Temps" begrüßt. Vom französischen Standpunkt aus könne man nur befriedigt fein, daß ein neues Band zwischen zwei Frank­reich benachbarten Nationen geknüpft worden sei, von denen die eine gemeinsam mit Frankreich in Marokko vorgehe. Man könne die spanisch-italienische Freundschaft nur begrüßen int Hinblick auf den sicher zu erwartenden Zu­sammenschluß der lateinischenVöl- ker zur Verteidigung der Zivili­sation. DerParis Soir" schreibt, die faszistische Diplomatie habe in den letzten drei Monaten eine sehr große Tätigkeit entfaltet, ob es nun in Lybien, Albanien, in Kleinasien oder auf dem Balkan sei. Mussolini scheine die Rolle der früheren österreichisch-ungarischen Regierung übernommen zu haben. Bald habe er Jugo­slawien und Griechenland geschmeichelt, bald diese Länder bedroht, und kürzlich habe er General Avarescu eingeladen, ihn zu besuchen. Das Ab­kommen scheine eine Vervollständigung von einer ganzen Reihe von Ab­machungen zu sein, deren Inhalt aber geheim geblieben sei. Aber nach allent könne es auch sein, daß die beiden Diktatoren, der Führer der italienischen Faszisten und der Leiter des spani­schen Direktoriums, einen Sicherheitspakt gegen eine Umwälzung unterzeichnen wollten.

Amerika gegen Llemeneeau.

Impertinent und unverschämt".

Neu York 10. Aug. (LU.) Während die amerikanischen Zeitungen fast ausnahmslos in Leitartikeln das Vorgehen Clemeneeaus mißbilli­gen, versucht der französische Geschäftsträger die vernichtende Wirkung des Brieses dadurch abzu- schwächen. daß er erklärt, Clemeneeaus Brief trage keinen amtlichen Charakter. Präsident Coolidge hatte von seinem Ferienort aus ein längeres Telephongespräch mit Staatssekretär Kellogg wegen des Briefes. Am nächsten Samstag wird der Präsident mit Hoo­ver über die Schuldenfrage konferieren. Senator Ernst, der Hauptberater der Regierung in der Schuldenfrage, erklärte, Clemenceaus Worte seien impertinent und unverschämt. Aehnlich scharfe Worte werden Coolidge selbst zugeschrie­ben. Oberst House, der Vertrauensmann Wil­sons während des Krieges, erinnert inMc. Calls Magazine" daran, daß die Amerikaner während des Weltkrieges und nachher hun­derte von Millionen Dollar für Eu­ropa geopfert hätten, nur um jetzt Geld­verleiher undShylocks" genannt toeri>en. Der Hauptgrund der europäischen Unzufriedenheit sei die Weigerung der amerikanischen Regierung, an der Rehabilitierung Europas teilzunehmen. Diese Nichtteilnahme sei die Folge des ewig währenden Konflikts zwischen der Exekutive und dem Senat.

Neuyork Tribüne" meldet aus Washington, daß das amerikanische Schatzamt die Erörterung über Len offenen Brief Clemeneeaus ablehnte. Das Schatzamt habe aber angedeutet, daß der am meisten umstrittene Posten im Schuldenabkommen, nämlich 400 Millionen für das amerikanische Kriegsmaterial, von Frankreich wahrend derMinisterpräsibentschaftClemen- ceaus übernommen wurde. Die politischen Kreise erklärten, daß der Brief Clemenceaus den Widerstand des Senats gegen die Ratifizierung des Schuldenabkommens weiter verstärken werde.

Der BaManstreit.

Eingreifen der Großmächte in Belgrad.

Belgrad. 10. Aug. (Wolff.) Der bul­garisch-jugoslawische Streit über die Banden­überfälle auf die beiderseitige Grenze ist in ein neues Stadium getreten.

Der jugoslawische Gesandte in Sofia. Sa- kitsch, wird voraussichtlich noch Im Laufe des heutigen Tages eine Note feiner Regierung in Sofia übergeben. WieVremo" erfährt, ent­hält sie folgende Forderungen:

1. Auflösung des mazedonischen Komitees,

2. Auslieferung der Komitatschiführer

3. Entschädigung an die Familien der bei den jüngsten Grenzzwischenfällen ums Leben ge­kommenen Personen.

Nach Mitteilungen aus Sofia wird die bulgarische Antwort auf diese jugo­slawische Note darauf Hinweisen, daß kein Beweis dafür vorhanden sei. daß Banden Don bulgarischem Gebiet auf jugoslawisches, griechi­sches und rumänisches Gebiet über getreten feien. Wenn man von Bulgarien eine hermetische Ab­sperrung der Grenze verlange, so müsse man be­denken. daß infolge des Friedensver­trages nicht mehr als 20 Gendarmen zur Be­obachtung einer 50 Kilometer langen Grenz- strecke zur Verfügung stehen. Bulgarien habe nichts zu verbergen und sei jederzeit bereit, sich dem Spruch einer internationalen Untersuchungskommission zu fügen.

Die Großmächte, denen die Verantwor- tung für die unhaltbaren Zustände auf dem Bal­kan voll und ganz zufällt, haben sich herbei­gelassen. dem üppig gewordenen Jugoslawen einen Dämpfer auszusehen. Der englische Ge­sandte in Belgrad erschien gestern beim Mi­nister des Aeußeren Nintschitsch und ersuchte ihn um Informationen über die jugoslawische Note an Bulgarien. Der Gesandte betonte, daß seine Intervention mit Wissen und Zustim­mung Italiens und Frankreichs er­folge und empfahl dem Minister des Arnhem, den jugoslawisch-bugarischen Streitfall der Septembertagung des Völkerbundes zu unterbreiten. Nintschitsch gab die Wün­sche der jugoslawischen Regierung bekannt und versicherte dem Gesandten, daß die Haltimg der jugoslawischen Regierung nicht im geringsten aggressiv sei.

Empfang des diplomatischen Korps durch den Reichspräsidenten.

Berlin, 10. Aug. (WB.) Der Herr Reichs­präsident empfing heute nachmittag im Gar­ten seines Hauses die Mitglieder des diploma­tischen Korps mit ihren Damen zum Tee. An dem Empfang nahmen u. a. der Reichskanzler, der Reichsminister des Auswärtigen, der Reichstagspräsident, sowie die Ab­teilungsleiter des Auswärtigen Amtes mit ihren Damen teil.

Die Landtagsauflösung in Hessen.

Darmstadt, 10. Aug. Amtlich wird be- temntgegeben: Zur Beschlußfassung über das Volksbegehren auf Auslösung des 3. Hessischen Landtags gemäß Artikel 10 und 20 des Gesetzes über Volksbegehren und Volksab­stimmung vom 17. März 1921 findet am Donners- tag, den 12. August 1926, vormittags 11 Uhr, im Staatsministerialgebäude, Neckarstvaße 7, die Sitzung desLandesabstimmungsaus- schusses statt. Die Verhandlungen sind öffent­lich.

Aus aller Wett.

Gedenkfeier für Otto Lilienthal.

Unter der Lilienthal-Höhe in Lichterfelde, am Fuß des Monumentes für den Vater der modernen Flugkunst, fand am Dienstagnachmittag anläßlich des 30. Todestages Otto Lilienthals eine Gedenkfeier statt, zu der der Aero-Klub von Deutschland andere Luftsahrtorganisattonen geladen halte. An der Feier nahm u. <l auch Gustav Lilienthal, der Bruder des Dahingeschie- denen, der heute noch auf dem Zentralflughasen Berlin das Lebenswerk feines Bruders fort* setzt, mit der Tochter Otto Lilienthals teil. Dor c'cm mit d. cm Lvrdeerkianz geschmückten Gedenk­stein sprach Major v. Kohler, der Präsident deS Aeroklubs von Deutschland, Worte des Ge* 1 denkens für Otto Lilienthal, wobei er erwähnte.