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Der dritte Schutz.

Kriminalroman von Ole Stefani.

9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Du kannst es telephonisch aufgeben, wenn du willst."

Wo hast du denn hier Telephon?" Kramer sah sich erstaunt nach der Leitung um.

Nein, ich habe noch keins. Aber Maria kann mit einem Zettel rüber zu Esser gehen, der gibt es dir gern aus. So machen wir es immer."

Gut!" sagte Kramer.Laß uns ins Haus gehen."

Sie gingen um das Gebäude herum und stießen aus Franz, der an die Mauer gelehnt dastand und vor sich hin sang:Et is noch ümmer, ümmer jut jejangenr

,,«ie sind ja in einer großartigen Verfassung!" sagte Brcntheim. Und schrie in einem plötzlichen Wntanfall:Scheren Sie sich ins Bett'."

Jawoll!" sagte Franz mit erschrocken einge­zogenem Kopf und trollte sich unsicher davon.

Maria!" sagte der Kommisiar in der Küche. Der Herr Rechtsanwalt wird einen Telegromm- zettel schreiben, den tragen Sie zu Esser, er soll gleich besorgt werden. Na . . . haben Sie nicht gehört?"

3a Herr Kommissar!" sagte das Mädchen mit gedehnter, weinerlicher Stimme.Aber et kommt doch'gleich ein Gewitter!"

Ich was!" Brenlheim warf einen Blick durchs Kückenfenstcr.Das kommt poch lange nicht. Es ist ja noch nicht mal windig. In einer Viertelstunde sind Sie wieder zurück. Na was ist denn?"

Anstatt zu antworten, hob Maria den Schürzen zipfel zu den 'Augen und begann leise zu weinen.

Ja, sind Sie denn blödsinnig geworden? Was ist denn passiert?"

Och ich fürchte mich so!" gestand das Mäd­chen unter Schluchzen.Herr Kommissar wenn et als nu wieder heut nacht im Garten schießt"

Dumme Person!" sagte der Kommisiar mit zu- farnmengebifsenen Zähnen.

Kramer nahm seinen Ann.Ich gehe lieber selbst. Es ist mir auch sicherer. Fangt nur ruhig ohne mich an zu essen. Ich bin gleich wieder da!"

Das gebe ich nicht zu. Bloß weil diese Kuh da"

,Laß sie nur! Wir können es ihr heut nicht ver­denken."

Eigentlich hatte er noch eine Bitte an den Alten: er möge, ehe er das Licht andrehen würde, vor den Fenstern des Wohnzimmers die Rolläden herunter­lassen. Aber er sprach sie nicht aus, um Brentheim nicht zu beunruhigen.

Der Kommissar beschrieb den Weg zur Nachbar­villa und gab Kramer für alle Fälle eine elektrische Taschenlampe mit.

Der Anwalt schritt schnell vorwärts, so gut das letzte Tageslicht es ihm noch erlaubte. Er hatte keinen Menschen getroffen, als er an ein Gebäude kam, das er für die Billa Esser hielt.

Er rief über den Zaun, worauf ein Hund wütend bellte.

Kusch!" ertönte die fette Stimme des Wein­händlers.Sind Sie es, Sandberg?"

Kramer schwieg überrascht.Nein," sagte er schließlich,hier ist Kramer."

Nanu! Wie kommt mir solcher Glanz und so weiter? Kommen Sie näher, Herr Rechtsanwalt! Der Köter ist nur zum Bellen da, er kann nicht mehr beißen. Außerdem liegt das Biest an der Kette."

Ich komme mit der Bitte zu Ihnen, Ihren Fernsprecher für ein dringendes Nachttelegramm be­nutzen zu dürfen", sagte Kramer, als er eingetreten war.

Bitte! Steht Ihnen zur Verfügung! Babett- chen!" schrie er ins Nebenzimmer, worauf ein sehr hübsches, üppiges Mädchen in der Tür erschien. Bring uns ein Püllchen Rauenthaler!" Er grinste zu Kramer hinüber und zwinkerte mit den Augen.

Der sprach ins Telephon:Abschließet Kauf vier­tausend. Kramer, Villa Grete bei Gotesberg."

Das war das für n!ic Fälle mit Schulz verab­redete Signal:Komm her, so schnell du kannst!"

Na, was sag ich!" schmunzelte Esser, der sich aar nicht geniert Hane, zuzuhören.Der Herr Rechtsanwalt scheint jo allerhand Geschäftchen neben­bei zu machen. Hier, Mann, nehmen Sie ein Schlückchen!"

Sehr liebenswürdig. Ich muß leider dankend ablehnen, da ich große'Eile habe. Ich möchte nicht noch in den Regen kommen."

das gesamte Mittelmeer zum Mare nostrum, da ba dachte es auch an Marokko und die deutschen Kolonien. Mehr Platz! Aber das nicht allein. Mehr Rohmaterialien! Milten in dem dauernden Siegesrausch überfiel Mussolini die Erkenntnis, daß man. ein Schwert zu schmieden. Stahl und Feuer brauche, nüchtern gesagt, also Deutsch­land. Rachdenllich lehrte er von den großen ligurischen Rüstungsstätten nach Rom zuruck und erklärte von dem gleichen Platze aus. von dem er di« Brennersanfare in die Welt hinausgeschmet- tert hatte, ruhig und bescheiden, Italien könne den Brenner verteidigen, ohne fremde Hilfe, solange dort nur Oesterreich stehe. Er war gar nicht erbaut davon, daß ihm der vorhergehende Redner, der alte Deutschenfresser Tolomei. der in der radikalen Derwelschung Südtirols seins Lebensaufgabe sieht, mit seinen bösartigen Aus­fällen beinahe das Konzept verdorben hätte. Wenn man nur mit Oesterreich fertig werden kann ohne fremde Hilfe, wie sieht es dann bet einem Treffen mit Frankreich aus?

Die franzosenfrcundliche Presse witterte so­fort die .Umstellung im fieberhaft arbeitenden Gedankenschaltwerk des Duce und versuchte ihn abzulenken: Gut. wir brauchen Eisen und Kohle, das ist das Wichtigste, aber vielleicht können wir das von Frankreich haben! Frankreich, so führte derMessaggero" aus. hat Rohmaterialien in Ueberfluh. in Tunis und Marokko. Frankreich wird und muß sie uns geben. Wir brauchen Deutschland nicht.

Mussolini zweifelt. Abtretung von Roh­materialien ist gewöhnlich mit der Abtretung von Territorium verbunden und damit mit dem Prestige, dem empfindlichsten Rerv Frankreichs.

Gibt es nicht noch ein zweites Eisen, das man ins Feuer stecken könnte? Gewiß: die deut­schen Kolonien. Also fordere man einen Teil.

Tunis, Marokko, Kolonien. Die technische Grundlage wäre also gegeben. Bleibt noch die diplomatische Einleitung der imperialistischen Manöver.Ich glaube,- man muh es sehr schlau und höflich anfangen", meinte der starke Mann im Senat.

Und nach Genf gewendet: ..Riemand darf etwas erhalten, bevor Italien befriedigt ist. Ich mache die Herren daraus aufmerksam, daß Italien immer, wenn es nach Genf geht, einen Dolch im Gewände trägt, fein Vetorecht."

Wenn nun die Wilhelmstrahe nicht gerade auf den Ohren sitzt, so weiß sie, was sie zu tun hat Sie soll den Stein ins Rollen bringen, indem sie im Herbst, nach der feierlichen Aufnahme in den Völkerbundimmer meine These gewesen", versicherte Mussolini ein Kolonialmandat be­gehrt. Darauf wird Herr Scialoja sich erheben und erHärcn, er habe nichts dagegen, nur müsse zuerst Italien bedacht werden. Run werden Eng­land und Frankreich Farbe bekennen müssen: Italien, auf alle Einwande gefaßt, beteuert-wie­der einmal, in Dersailles über die Löffel hal­biert worden zu sein und sakrosankte Ansprüche auf Kompensationen zu haben, um so mehr, als es ausschließlich Mittelmeermacht sei, die Beute­frage von Marokko taucht auf, Tunis läßt sich bei dieser Gelegenheit am Schopfe fassen kurz, der Stein ist tatsächlich im Rollen.

Hoffen wir. daß er sich nicht zu einer Vier- zehner-Lawine auswachse.

Englands Baumwollpläne im Sudan.

Don Dr. Paul Qeuttoein.

Nachdem England es verstanden hat. den Weltmarkt in Kautschuk zu beherrschen, sind die wirtschaftlichen Gegensätze zu den Bereinigten Staaten wesentlich schärfer geworden. Die Dec- einwten Staaten haben dafür die Borherrschast in Erdöl und Baumwolle. Es ift seit langem das Bestreben Englands, diese Vorherrschaft zu bre­chen. So groß das englische Kolonialreich ist, hat es doch nicht genügend Crdölerzeugung. So er- klären sich die englischen Bestrebungen auf Mos- sul und Persien. Wesentltch günstiger smd tue Aussichten der englischen Kolonien für Baum­wolle. Führend an Menge der Baumwollerzeu­gung ist Indien. Die Qualität der indischen Baumwolle läßt aber immer noch zu wünschen übrig. So führt England mit gewohnter Zähig­keit den Plan durch, ilganba und den Sudan zu einem ergiebigen Erzeugungsgebiet für Baum­wolle umzugestalten. Das hat wieder zu Gegen- fähen mit Aegypten geführt, das jährlich 1 bis

l1/. Millionen Ballen Baumwolle meist bester Qualität erzeugt. Aegypten ist vom Ril ab­hängig, England beherrscht dagegen die Zuflüsse des Ril, unter denen der blaue Ril und der Qltbara die hervorragendsten sind. Unter halb des Atbara empfängt der Ril keine Zuflüsse mehr. Es ist daher begreiflich, daß Aegypten für seine Daumwollerzeugung nichts mehr fürchtet als Stauanlagen im oberen Rilgebiet, die den Wasserstand des unteren Ril verringern könnten.

England hat seinerzeit die großen Stau­anlagen bei Assuan gebaut, um im eigenen Interesse die Daumwollerzeugung Aegyptens ficherzuftellen. Seit indessen die Unabhängigkeits­bewegung in Aegypten immer weitere Fort- chritte macht, ist der leichter zu beherrschende Sudan für England wichtiger geworden. Ohne Rüasicht auf die Interessen Aegyptens ist nun im Sudan eine große Stauanlage durchgeführt worden, die das weite Gebiet der Gezirahebene zwischen Koartum und Sennar bewässern soll.

Diese Anlage überquert den blauen Ril bei Sennar und wird daher meist Sennardamm ge­nannt. Der Damm ist drei Kilometer lang und gilt technisch für besser als der gradlinige Damm bei Assuan. Für die Dswäsferung der Gezirah­ebene >ind rund 6000 Km. Kanäle gebaut worden, wozu noch in größerer Gesamtlänge Bewässe­rungsgräben kommen. Die Anlage wurde 1911 begonnen und ist nach großen Schwierigkeiten Anfang 1926 in Betrieb genommen wor­den. Die Hauptschwierigkeiten machte der stark wechselnde Wasserstand des blauen Rils. Zeit­weise waren die Anlagen überflutet und muhte der Weiterbau unterbrochen werden. Die Kanal­anlagen sollen ein Gebiet von über 400 000 ha bewässern.

Selbstverständlich gilt der Sennardamm, so bedeutend er ist, nur als die erste der geplanten großzügigen Sperren. England beweist seine viel weiter gehenden Pläne durch den Dau einer Bahn die El Obeid über Sennar mit Kassala und später mit Port Sudan verbinden soll. Port Sudan, das bisher über Atbara mit Khartum verbunden war. würde alsdann eine zweite direkte Verbindung mit der oberen Rilgegend erhalten. So gedenkt England diesen groß angelegten Ha­fen zum Ausfuhrhafen des Sudans zu machen und damit den Sudan ganz von Aegypten los- zulosen.

Da nun der blaue Ril ebenso wie der Atbara aus Abessinien kommt, werden die neuerlichen Pläne Englands und Italiens auf die Unab­hängigkeit Abessiniens erst verständlich. Eng­land braucht letzten Endes das Stromgebiet der beiden wichtigsten Rebenflüsse des Ril genau so wie den gesamten Oberlauf des Ril selbst bis ?um Viktoria-See. Italiens kolonisatorische Lei­stungsfähigkeit scheint man an der Themse trotz Mussolini nicht zu fürchten. Qllqn hofft wohl auch zu gelegener Zeit Italien wieder ausfchalten zu können.

Dieser ganze auf dem Kampf um die kolo­nialen Rohstoffe beruhende Plan hat auch für Deutschland das lebhafteste Interesse, denn Ita­lien hat ja genugsam feine Reigung bewiesen, sich durch deutsches Kolonialgebiet von England abfinden zu lassen. Für Italien, das seine wich­tigsten Kolonien bei Abessinien besitzt und neuer­lich das Iubaland erworben hat, käme nach Lage der Dinge nur Deutsch-Ostafrika in Frage. In Deutschland sollte man aber endlich einsehen, daß die deutsche Industrie nicht länger ohne eigne koloniale Rohstoffgebiete sich auf dem Welt­markt behaupten kann.

Wenn die neuesten Einfuhrzahlen Deutsch­lands einen starken Rückgang an kolonialen Roh­stoffen ergeben, so ist das keineswegs ein erfreu­liches Zeichen. Deutschland kann die kolonialen Rohstoffe, insbesondere Baumwolle und Kaut- schul, durchaus nicht entbehren. Der Rückgang der Einfuhr bedeutet daher einen Rückgang der Kaufkraft und damit der beteiligten Industrien.

Es ist so oft die Rede davon gewesen, ernst­liche Anstrengungen zur Rückgewinnung der deut­schen Kolonien zu machen, doch ist es bis jetzt bei Anläufen verblieben. Die Schwierigkeiten für Deutschland sollen nicht unterschätzt werden. Wir sind nun einmal ein besiegter Staat, und Eng­land und Italien sind Sieger. Indessen bewei­sen doch Locarno und die Genfer Begebenheiten, daß Deutschland als Zentrum Europas nicht übergangen werden kann. Daran können die Intrigen Frankreichs, Polens und der Tschecho­slowakei nichts ändern. Ist es auch erfreulich, daß die deutsche Regierung darauf bestanden Hatz

den Eintritt in den Völkerbund von einem stän­digen Ratsfih abhängig zu ckachen, so scheint uns ''ie koloniale Frage mindestens ebenso wich­tig zu fein, ilnfere Interessen liegen in Afrika. Dort ist wirtschaftlich noch sehr viel herauSzu- Holen, ohne daß die überschätzte aethiopische Be­wegung diese wirtschaftliche Nutzbarmachung Afrikas verhindern wird. Es gilt daher, unsere kolonialen Ansprüche immer wieder geltend zu machen.

Der Petroleurnfrieden.

Rach langen Verhandlungen ist jetzt daS Abkommen zwischen England und der Türkei über das Mossul-Gebiet zustande gelommen und von der türkischen Rationalversammlung bereits ratifiziert. Auch das englische Unterhaus wird keine Schwierigkeiten machen. Der englisch-tür­kische Friede ist damit gesichert, und die Türkei kann nach fast zwanzigjährigen ununterbrochenen Kämpfen nun endlich daran gehen, die Reste ihres Staates neu aufzubauen. Allzu viel hat sie England gegenüber nicht erreicht, immerhin aber hat sie doch mehr als einen Prestige­gewinn herausgeholt. Das Mossul-Gebiet ist ein Teil des auf Kosten der Türkei und gegen die Türkei gebildeten neuen Irak-Staates, über den England Mandatsrechte ausübt. Dieser Irak- Staat, für den sich sonst niemand auf der Welt interessieren würde, hat nur dadurch seine Be­deutung, daß er das Mossul-Gebiet umschließt, das eins der stärksten Petroleumvorkommen der Welt aufweist. Und damit kommt man dem Kern des ganzen Streites näher. Ein kluger Rationalökonom hat einmal gesagt, der nächste Weltkrieg würde ein Krieg um das Petroleum fein. Das ist vielleicht etwas überspitzt, aber im Kern doch richtig, denn das Petroleum. das langsam, aber sicher die Kohle von ihrer Monopolstellung in der Schiffahrt verdrängt, ist heute die Voraussetzung für jede Weltmacht­politik. Deshalb sind alle diejenigen Stellen, wo das kostbare Oel aus der Erde fließt, der Gegenstand heißer wirtschaftlicher Kämpfe, die sich meist in politischem Gewände verstecken.

Der große Gegensatz bestand ursprünglich zwischen der amerikanischen Slandard-Oil-Com- pany und der englischen Shell-Gesellschaft, die sich echt englisch! einen holländischen Man­tel umgehängt hat, um dadurch die englisch­imperialistischen Pläne um so besser durchführen zu können. Auf dem amerikanischen Kontinent hat sich die Standard-Oil so ziemlich ein Mo­nopol gesichert, auch in Mexiko hat sie sich' durchgeseht. Die großen russischen Vorkommen in Datum und Baku scheiden aus diesem inter­nationalen Bewerb aus, weil die Russen selbst ihre Hand daraufgelegt haben. Rumänien und Galizien sind aufgeteilt, Mossul aber braucht England, weil daS die beste Möglichkeit ist, um die erforderlichen Reservoirs für den Dampfervenehr nach Indien zu sammeln. Rur aus diesem Grunde wurde der Völkerbund in Bewegung gesetzt, aie die Türkei auf Mossul nicht verzichten wollte. Und es war selbst­verständlich, daß dieser von England mehr oder minder abhängige Völkerbund an England die er­gebene Ditte richtete, das Qlianbat über 3rat noch weitere 25 Jahre auszuüben. Die Türkei hat von vornherein erklärt, daß sie sich öent nicht fügen würde, sie hat wenigstens soviel nicht fügen würde, sie hat wenigstens fo viel erreicht, daß ein Teil des strittigen Gebietes ihr zugesprochen wurde, daß aber außerdem sie an dem finanziellen Gewinn beteiligt ist und so die Möglichkeit einer Anleihe ihr winkt, die sie zur inneren Stabilisierung braucht. Kemal Pascha hat also für den Augenblick verzichtet, um das Rotwendigste herauszuwirtschaften, alles andere aber einer späteren Zukunft überlassen. Trotzdem wird ihm der Verzicht nicht leicht ge­fallen fein. Er hatte an sich starke Trümpfe in der Hand, weil ja ein Krieg um Mossul die Engländer zu sehr starken militärischen An­strengungen auf einem für sie ungünstigen Ge­biet zwingen würde.

Gerade deshalb aber wurde von London aus Angora stark unter Druck genommen mit der Drohung, daß Italien und Griechenland wieder einmal die englischen Kriege in Klein­asien führen würden, und diesen Wink hat Kemal zuletzt verstanden. Er hat fid> aus dem Spiel zurückgezogen, wahrscheinlich in der Hoffnung, daß die Atempause, die hier einseht, sowieso, nicht allzu lange dauern wird, da Rußland

die Engländer ohnehin kaum in Mossul zur Ruhe kommen läßt. England wieder hat an anderen Stellen Sorgen genug, um es als will­kommene Entlastung zu begrüßen, wenn eS wenig­stens für die nächste Zeit im Irak eine Rücken­deckung gegen die Türkei nicht mehr nötig hat. Die Lage in Aegypten ist doch nicht ganz un­bedenklich. wenn auch heute noch das englische Militär stark genug fein wird, um die Ratio­nalisten niederzuhallen. Aber auch die Ver­handlungen über Rord-Warokkv interessieren in London sehr stark, während Italien für seine Unterstützung in Somaliland abgefunden und mit Hoffnungen auf Abessinien vertröstet ist.

Aus all diesen Zusammenhängen heraus war das Mossul-Gebiet einer der Angelpunkte der großen Politik: und wird es vermutlich auch bleiben. England hat Gelegenheit, starke koloni­satorische Arbeit zu leisten. Ob es aber die Früchte auch nur der Kapitalien erntet, die es hineinstecken muß, ist eine Frage, die heute niemand zu beantworten vermag. Denn wenn auch die Türkei zunächst ausgeschallet bleibt, dcr Krieg um das Petroleum geht weiten. Und da hier die Amerikaner sich immer fester verbeißen, wird er zusehends an Schärfe ge­winnen.

Oberhessen.

Landkreis Gichert.

!! Lollar. 10. Juni. Ein lang gehegter Wunsch der Kirchgänger geht jetzt in Erfüllung: man hat nämlich mit der N e u h e r st e 11 u n g des Innern unserer Kirche in Kirchberg begonnen. Die Maurerarbeiten werden von Maurer­meister Deibel (Lollar), die Weißbinderarbeiten von den Weißbindermeistern R i n g l e d e r (Lollar) und August Weimer (Daubringen) gemacht. Die Leitung der Arbeiten, die nach den Plänen von Prof. Walbe (Darmstadt) ausgeführt werden, hat das Kreisbaliamt Gießen. Kirchenmaler Veite wird die Malereien und die allen, vielleicht unter Verputz befindlichen Inschriften und Malereien aus­führen. Damit die Weißbinder beim Entfernen des Verputzes vorsichtig arbeiten, erhalten sie beim Auf­decken von alten Wandmalereien eine Prämie. Man hofft, mit einem Voranschlag von 20 000 Mk. äuszu- kommen. Der Gottesdienst wird nächsten Sonntag bei schönem Wetter im Freien abgehalten werden, wobei die Feuerwehrkapelle das Orgelspiel ersetzen wird.

t. Aus dem Busecker Tal, 10. Juni. In diesem Jahr hat in unserem Tal der Landmann außerordentlich günstiges Wetter zu r A u s - Pflanzung seiner Setz fr lichte. Die ver­gangene Woche und auch diese Woche brachten tqg- lief) Regen. Die Setzpflanzen, die den einen log umgepflanzt wurden, streckten schon am andern Tag die Köpfe hoch. Durch dieses Wetter begünstigt, ist denn auch das Setzen bereits beendet. Ein Nach- setzen wie in trockenen Jahren wird dem Landmynn in diesem Jahr erspart bleiben. Sollte sich bald beständiges Wetter einstellen, so wird sich an das Setzen die Heuernte anschließen.

V Ruttershausen, 10. Juni. Zu einer längeren Verkehrsstockung tarn es gestern nachmittag gegen 4.30 Uhr auf der hiesigen Lahn- brücke. Ein Lastauto und ein mit Bructtteinen schwer beladenes Fuhrwerk begegneten sich auf der einspurigen Brücke, so daß keines an dem andern vorbei konnte. Weder der Fahrer des Autos, noch der Steinfuhrmann gab nach. Der wörtlichen Aus­einandersetzung folgten Tätlichkeiten, die wohl zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt hätten, wenn nicht der Zufall den Gendarmeriewachtmeifter aus Lollar zu den beiden Streithähnen geführt häkte. Rasch waren jetzt die Schwierigkeiten behoben. Der Lastwagen mußte zurückfahren und vor der Brücke halten, so daß der Rosselenker, froh über seinen Sieg, weiterfahren konnte. Für die Zuschauer bei derartigen Vorkommnissen empfiehlt es sich, etwas mehr Zurückhaltung zu üben und nicht noch schürend die Tätlichkeiten zu verschlimmern. Ein paar be­ruhigende Worte auf beide streitende Parteien hät­ten diesen gordischen Knoten früher lösen können.

Streik Friedberg.

Z!" Bad-Rauheim, 10. Juni. Unsere Stadt stand heute im Zeichen der akademi­schen Jugend. Die Lan d e sun i v e r s itä t Gießen hatte einen Ausflug mit Sonderzüg nach hier unternommen. Dozenten, Beamte, Stu­denten, zusammen etwa 650 Personen, darunter auch viele Damen, weilten hier, um sich in den'

Was Jagen Sie als einem alten Wetterkenner! Das Gewitter kommt nicht vor Mitternacht, ich gehe jede Welle mit Ihnen ein, ich weiß doch Bescheid in der Gegend hier!"

Ich möchte trotzdem"

Herr Rechtsanwalt im Guten gesagt: Sie können einen Rheinländer nit tiefer beleidigen, als wenn Sie ihm abschlagen, ein Glas Wein mit ihm zu trinken!"

Sie erwarten doch noch einen Gast!"

,3a Sandberg, den Architekten. Aber ich weiß man nit genau, ob er kommt. Also setzen Sie sich, Herr Rechtsanwalt. Prost!"

Setzen werde ich mich nicht, aber um Sie nicht zu kränken: Prosit, t)err Esser!"

In das Gläserklingen hinein meldete der Tele­phonapparat.

Ja? Hier Esser! Tag. Herr Sandberg, was is los? Warum sind Sie denn noch nit hier? Ach, machen Sie doch kein Gedöhnsl--Wo sind

Sie jetzt? In Koblenz?--Ja, was machen Sie

denn da?--Ach, Ihre fiesen Geschäfte! Die soll

als der Deubel holen! Na, andermal, ja? Is recht. Ich hab einen anderen Gast hier, der is mir lieber als Sie. Wer das is? Raten Sie mal." Er lachte dröhnend.

Kramer winkte dem Dicken zu, zu schweigen, aber der ließ sich nicht aufhalten.

Der Rechtsanwalt Kramer!" rief er breit in den Apparat.Ausgerechnet der Herr Rechtsanwalt Kramer aus Berlin! . . . Wat sagen Sie nun? Grüßen soll ich . . . Ja, gern, wird gemacht!"

Kramer drängte es heftig, wieder in die Nähe seines alten Freundes zu kommen. Unruhig trat er von einem Fuß auf den anderen.

Der Weinhändler horchte geraume Zeit, dann sagte er:Bries dreihundertoierzig? Bestimmt, ja? Es is sehr norwendig also sofort? Schön' Auf Wiedersehen!

Ich soll grüßen, mein Freund, Prost!"

Sie werden wenig Freude an mir haben, Herr Esser. Mein Glas ist leer, und ich muß gehen."

Lieber Gott diese Berliner!? ächzte der Weinhändler.Aber wissen Sie wat ich geh mit Ihnen!"

Kramer fand nicht gleich eine Antwort, aber schon hatte Ester es sich anders überlegt.

Ach nee!" sagte er.Der lange Heimweg nach­her im Dunkeln . . . und womöglich im Regen. Ich bm jetzt auch viel zu müde, ich geh gleich schlafen. Sie Rechtsanwalt" er rückte ihm dicht auf den Leib und riß seine kleinen Augen weit auf: Et is nit ganz geheuer da draußen um diese Zeit. Vor ein paar Tagen war der Hund die ganze Nacht wie närrisch am Bellen . . . und das Babellchen sagt, es hätte irgendwo geschossen . . ." Er grinste zu der Tür hinüber, hinter der das Mädchen ver- schwanden war.

Kramer verabschiedete sich und schrill durch das Dunkel slußwärts.

Die Wolken deckten den ganzen Himmel zu, und er sah zeitweilig nicht die Hand vor den Augen. Immer noch war die Luft dick und dunstig, und das Laub hing schlaff und ohne Laut von den Bäumen.

In der Ferne schlug eine Uhr: neunmal.

In der Kölner Gegend ging ein schwaches Wetterleuchten durch die Wolken über den Horizont.

Der Weg wurde immer schwieriger. Kramer ge­wahrte zu feinem Schrecken, daß er die elektrische Taschenlampe auf Essers Tisch hatte liegen lassen. Er tastete sich mühselig vorwärts.

Auf einmal stand er in einem weiten Getreide- seid. Er war schon lange Zeit gelaufen und mußte sich zu seinem Schrecken eingestehen, daß er sich verirrt hatte. Es war zum Verzweifeln. Die Furcht, in seiner Abwesenheit könnte in der Billa Grete sich etwas zutragen, jagte ihm das Blut in die Schläfen. Er rannte blindlings ins Dunkel, durch Gesträuch und Felder und stolperte über Steine und Aeste.

Der Weg schien ihm eine Ewigkeit zu dauern.

Keuchend blieb er stehen, als er in weiter Ferne eine Autohupe hörte. Er blickte sich um und sand am Himmel seitlich einen grauen Schein. Das mußte Bonn fein. Er versuchte sich danach zu orien­tieren.

Da tauchten irgendwo die Lichter des Autos auf. Sie schienen aus der Ferne direkt auf ihn her zu schießen. Schon hörte er das Rattern des Wagens. Die Lichter vergrößerten sich, schienen dann aber stehenzubleiben, er hörte, wir der Motor einige Schläge lang aussetzte.

Das dauerte nur ein paar Augenblicke, bann lief das Auto weiter, scheinbar ihm entgegen.