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Austritt aus dem Völkerbundsrat.

Eine Erklärung Spaniens.

Genf, 10. Juni. (TU.) In der heutigen Sitzung des Völkerbundsrates ergriff Paul Boncour das Wort zu dem ersten Punkt der Tagesordnung, der auf Grund des Briefes von Briand den Antrag der französischen Regierung auf internationale Zu­sammenarbeit der Staaten zum Schutze gegen Falschmünzerei betrifft. Paul Boncour wen­det sich in scharfen Worten gegen die ungarische Re­gierung und wies aus die Verwicklung hochstehender ungarischer Persönlichkeiten in die Frankenfälscher­affäre hin. Gerade in einem Lande, das noch den Schulze des Völkerbundes genieße, müssen derartige Verbrechen aufs schärfste verurteilt werden. Die öffentliche Meinung sei durch die Rechtsprechung der ungarischen Gerichte nicht befriedigt. Nach ihm sprach der tschechische Außenminister Bene sch, der dem französischen Vorschlag aus Ergreifung prak­tischer Maßnahmen zum Schutze gegen Fälschungen zustimmte. Tatsächlich seien die verschiedenen Münz­fälschungen lediglich als politisches Mittel ange­wandt und damit der europäische Frieden in Gefahr gebracht worden. Nach Benesch ergriff der Völker­bundskommissar für Ungarn Smith das Wort, der auf die befriedigende Finanzlage Ungarns und ins­besondere auf die Stabilisierung der Währung hin­wies und erklärte, daß die Völkerbundkontrolle ihre Aufgabe erfüllt habe. Darauf erstattete Scialoia, der Berichterstatter des Ungarnkomitees, Bericht. Der Völkerbundsrat nahm einstimmig den Antrag des Komitees an, der die Aufhebung des Postens des Völkerbundskommissars für Ungarn und der damit verbundenen Kontrollmaßnahmen zum 1. Juli vorsieht, jedoch die Kontrolle über die Restbestände der Völkerbundsanleihe und der für den Zinsen­dienst verpfändeten Einnahmen aufrechterhält. Damit findet die Völkerbundskontrolle in Un­garn in gleicher Weise wie in Oesterreich zum 1. Juli ihr End e.

Genf. 10. 3unl. (111.) Am Schluß bet heu­tigen Nachmitlagssißuna des Välkerbundsrales ver­las dec Vertreter Brasiliens, 2U e t ( o Franco, im Namen feiner Regierung eine zehn Seifen lange Erklärung. Die brasilianische Regierung erklärt, daß sie in Anbetracht der entstandenen Differenzen in der Ratsfrage mit dem Abschluß dieser Session des Völkerbundsrates ihren Austritt aus dem Rat erkläre. Sie be­trachte sich nach Schluß dieser Session nicht mehr als Mitglied des Völkerbundsrates. Mello Franco bat den Rat, der Völkerbundsversamm­lung im September den Dank Brasiliens für die mehrfache Wiederwahl in den Rat auszusprechen, hiermit ist jedoch keinesfalls der Aus­tritt Brasiliens aus dem Völkerbund erfolgt, sondern Brasilien verbleibt vielmehr nach wie vor im Völkerbund, ist jedoch nicht mehr Mitglied desRates.

Eine offizielle Erklärung Spaniens.

Genf, 10.3uni. (TU.) 3n der heutigen Sitzung gab der Vertreter Spaniens eine offizielle Erklärung der spanischen Re­gierung ab, in der es heißt, daß Spanien der, Zusatzvertrag zu Artikel 4 des Dölker- bundpaktes, der die Turnuswahl der nicht­ständigen Ratsmitglieder betrifft, bisher a l s einziges Ratsmitglied aus dem Grunde noch nicht ratifiziert habe, weil es

wünschte, auf diesem Wege fortlaufend in den Völlerbundsrat hineirrgewählt zu werden, b i s Spanien eine u ständigen Ratssih erhalten habe. Die spanische Regierung habe ihre Stellung immer offen kundgetan. Da die gegenwärtige Situation die Anwesenheit Spaniens bei der Wahl ausschließt und da der Umstand, der Spanien verhindert hat, damit weggefallen ist, hat die spanische Regie­rung beschlossen, die Ratifizierung des Antrages vorz unehmen. Allgemein wird diese Erklärung dahingehend aufgefaßt, daß Spanien an den Wahlen zum Reifer- bundsrat im September nicht teilnimmt.

Ein Zwischenfall.

Genf. 10. Juni. (TA.) Heute vormittag um 1/211 Ahr ereignete sich im Völkerbundpalais eine außergewöhnliche Skandal­szene. In die Sitzung des Ungarn» Komit ees des Völkerbundsrates, das um zehn Ahr zusammengetreten war. drang plötzlich auf Grund einer Pressekarte des Pariser DlcckteS ®re Rondelle" der Generalsekretär der ungarischen republikanischen Partei und Sekretär des Führers der Pariser ungari­schen Emigranten, Justh, ein. Er verlas eine Protesterklärung gegen den Grasen Bethlen. Aach der Verlesung ging er auf Graf Bethlen zu und gab ihm eine Ohrfeige. Er wurde auf der Stelle verhaftet. Aaturgemäh erregte dieser Vorfall außerordentliches Aufsehen. Der Beginn der heutigen Ratstagung erlitt infolge­dessen eine Verspätung.

Der Generalsekretär des Völkerbundes, Sir Eric Drumm ond, hat ein Schreiben an den Grafen Bethlen gesandt, in dem er feine Empörung über die Bethlen zugefügte Mißhand­lung ausdrückte und tief bedauerte, daß eine solche Tat in den Räumen des Sekretariats des Völkerbundes habe geschehen können. Sir Drum- mond erklärt, der Täter sei sofort der Polizei des Kantons Genf zugeführt worden.

Englische Biätterstimmen.

London, 11. Juni. (WTB. Funkspruch.) Die Blätter beschränken sich hinsichtlich des Auf­tretens Brasiliens und Spaniens in Genf auf die Wiedergabe der Depeschen ihrer Genfer Berichterstatter. Der Korrespondent der Times" schreibt, man habe allen Grund zu der Erwartung, daß der a n g e d r o h t e Rück­tritt zweier Länder vom Völker- bundsrat im höchsten Falle zeitweilig sein werde. Was vor fünf Jahren Öen Völker­bund vielleicht ruiniert haben würde, sei heute ein bedauerlicher Zwischenfall und Verlust , für diese Körperschaft, aber auch nicht mehr als das. Der Genfer Bericht­erstatter desDaily Telegraph" meldet, einige faßten den Entschluß der spanischen Er­klärung so auf, daß Spanien endgültig aus dem Völkerbunde ausgetreten sei, wäh­rend andere glaubten, daß Spanien beabsichtige, sich der ferneren Stimmabgabe im Rat zu ent­halten und bis zu seiner Wiederwahl sich einem nichtständigen Ratssihe zu widersetzen in der Hoffnung, doch noch einen ständigen S i h zu erlangen.

Ilnterhamösbatte über die Moskauer Gelder.

London, 10. Juni. (TU.) Wie derE v e» ning Standard" erfährt, sind die russi­schen Geldüberweisungen nach England aus Gründen der Vorsicht nicht direkt erfolgt, die ^Beträge wurden vielmehr bei einer französischen Bank m Parisange wiesen und dort zur Der- fiigung der englischen Bergarbeiter gehalten. Ein Beamter der Labour-Party begibt sich allwöchent- lich nach Paris, wo er das Geld oder einen Scheck auf eine Londoner Bank auf Grund des von ihm präsentierten Kreditbriefes ausgehändigt erhält. Die russischen Unter ft Übungen stehen heute im Mittelpunkt des englischen K o hl e n k a m p f e s. Die Tatsache der Annahme russischer Hilfsgelder hat die Position der Berg­arbeiter erheblich geschwächt, obwohl der Nachweis noch nicht erbracht werden konnte, daß diese Gel­der tatsächlich von der Sowjetregierung stammen. Der Innenminister Sir Johnson Hicks erwiderte heute im Unterhaus auf eine Anfrage, schon seit zwei Jahren hätten russische Staatsmänner in ihren Erklärungen dem Wunsche und der Absicht Ausdruck gegeben, sich in das englische Wirtschaftsleben ein­zumischen. Die ganze Frage sei von so großer Be­deutung, daß die englische Regierung sich lebhaft mit ihr beschäftige. Macdonald gab sich mit der heutigen Erklärung des Ministers nicht zufrieden und fragte ihn noch einmal, ob es überhaupt er­wiesen sei, daß die russische Regierung selbst Streik- gelber an die englischen Bergarbeiter gesandt habe. Darauf entgegnete der Minister, daß ihn das Foreign Office von den Unterstützungen an die Generalstreikexekutioe unterrichtet habe. Das Geld, das heute noch aus Rußland an die Bergarbeiter komme, stamme von verschiedenen russi­schen Organisationen. Premierminister Baldwin erklärte, die Regierung fahre fort, zur Inkraftsetzung ihrer Vorschläge die erforderlichen Maßnahmen oorzubereiten. Sie mache aber darauf aufmerksam, daß sie sich volle Handlungs­freiheit bei Ablehnung ihrer Vorschläge durch Grubenbesitzer oder Bergarbeiter vorbehalten habe. DerS t a r" fordert heute die Regierung auf, end­lich zu handeln. Eine Regierung müsse entweder regieren oder f i e m üsse gehen. Das sei die Alternative für Baldwin und seine Kol­legen. Der Kohlensireik sei eine vitale natio­nale Angelegenheit und die Regierung dürfe der Terrorisierüng der englischen Jn- d u st r i e nicht länger mit verschränkten Armen zusehen.

Das Volksbegehren in Hessen

Das Volksbegehren in Hessen, das vor einem Monat durch Offenlegung von Listen eingelei­tet wurde, um eine Auflösung des Hessischen Landtags herbeizuführen, hat bis jetzt schon die stattliche Zahl von 120000 Anterschrif- ten aufzuweisen. Diese Ziffer geht weit über das gesetzliche Erfordernis hinaus. Aach den hessi­schen Bestimmungen ist die Meinungsäußerung von einem Zwanzigstel der Wahlberechttgten not­wendig, das sind etwa 46 000 Unterschriften. In ter Linkspresse erschienen fortgesetzt Artikel, in denen es so hingestellt wurde, als hätten es die Rechtsparteien schwer, die notwendige Zahl von Stimmen aufzubringen und es wuroe behauptet, sie griffen deshalb zu Unterschriften- fälschungen. Gerate das Gegenteil ist richttg. In manchen Orten, in denen bisher immer schwach gewählt Worten ist, haben sich diele Wähler in die Ästen eingezeichnet. Jede Woche vermehrt sich die Zahl der Anterfchriften um tausende. An« t gesichts ter gewaltigen Zahl von Anzufriedenen mit ter gegenwärtigen Regierungskoalition in I" Hessen ist diese Tatsache nicht weiter verwunder­lich. Allen Versuchen der Linkspresse, die Unter- ' schriften als nicht gehörig beglaubigt hinzustel­len, damit sie der Wahlkommissar als ungültig bezeichnen soll, dürfte doch wohl durch den Hin- wtis auf die überwältigende -Zahl von Mei­nungskundgebungen jetzt schon dreimal mehr als gesetzlich erforderlich die Spitze abge­brochen fein. Bemerkenswert ist, daß unter den Anterfchriften die Beamtenschaft aller Kate­gorien vertreten ist, daß sie sich also nicht durch die Auslassungen der Linkspresse einschüchtern ließ; es ist das auch ein Beweis für die Tatsache, daß nicht allein die politischen und die Wirt­schaftskreise einen anderen Kurs der inneren Politik in Hessen verlangen. Auffallend ist, daß ein großer Teil der Anterfchriften aus ganz anderen Kreisen stammt, als den Oppositions­parteien: gerade die Angehörigen ter Koali­tionsparteien sind mit ganz beträchtlichen Ziffern in den Listen vertreten, namentlich das Zentrum und die Demokraten. Aicht wenige ter Anter­schriften wurden auch aus Kreisen ter Arbeiter­schaft geleistet. Es zeigt sich hier, daß die von den Führern ter Linksparteien inszenierten Kundgebungen gegen das Volksbegehren keines­wegs ein getreues Spiegelbild ter Stimmung der hinter ihnen stehenden Wähler bietet.

Preußischer Landtag.

Berlin, 10. Juni, 12 Ahr. Vor Eintritt in die Tagesordnung verlangt Abg. K o r f f (Komm.) Verbindung eines kommunistischen An­trags mit der Justizdebatte, der daraus verweist, daß in kurzer Zeit in Berneastel der Prozeß gegen 29 Winzer wegen der Bemcasteler An- ruhen beginnen soll. DaS Staatsministerium soll ersucht werten, das Verfahren gegen die ange- klagten Winzer niederzuschlagen. Der kommu­nistische Antrag wird mit der Justizdebatte ver­bunden. Einstimmige Annahme findet sodann ein kommunistischer Antrag, ter das Staatsmini­sterium ersucht, den Polizeiorganen Anweisungen zu geben, daß jegliche Wahlbehinderung beim Dollsentscheid unterbunden wird.

Als ter Abg. Pieck (Korn.) sich schwerer Beleidigungen gegen den Reichspräsidenten Hin­denburg schuldig '.rächte, wurde er von dem Prä­sidenten zur Ordnung gerufen' Der Abg. v. d. Osten (Dn.) stellte den Antrag, die Sitzung zu unterbrechen und eine Aeitestenratssihung ein- zuberufen, um zu der Angelegenheit Siellung zu nehmen. Bei der Abstimmung über diesen Antrag blieb c<?.n Ergebnis zweifelhaft. Cs mußte die Auszählung des Hauses stattfinden. Bei te« namentlichen Abstimmung wurden nur 172 Stimmen abgegeben, >>a die Linke sich an ter Abstimmung nicht beteiligte. Das Haus ist beschlußunfähig. In ter sofort angeschten neuen Sitzung wiederholte Ava. v. d. Osten (Dm) seinen An l r . q. die Sitzung ,u untecorechen, so­wie den Aeltestenrat ufamin.cn.trctcn zu lassen. Wegen ter groben Beschimpfungen des Reid- Präsidenten durch den Äbg. Pieck könne seine

Partei eine Verhandlung des Hauses nicht zu- lassen. Als der Abg. Pieck zur Geschäftsordnung sprechen will, kommt es zu stürmischen Unter» brechungen auf der Rechten. Der Abg. Kaspar (Kom.) geriet in Handgreiflichkeiten mit Wge- ordneten der Rechten. Präsident Barthels ver­mag die Ruhe des Hauses nicht herzustellen und unterbricht die Sitzung auf zehn Minuten.

Präsident Barthels unterbricht die Sitzung auf 10 Minuten.

Am 1.30 Ahr wird die Sitzung wieder er­öffnet.

Präsident Barthels: Die Sitzung ist wie» eröffnet. Mit Rücksicht auf die vorherigen Vor­kommnisse vertage ich das Haus auf eine weitere halbe Stunde und rufe für sofort den Aeltesten­rat ein. (Hört! Hört! bei den Kommunisten, Beifall rechts.) Rach 2.30 Ahr eröffnet Präsident Barthels wieder die Sitzung. Die Abgeord­neten aller Parteien scharen sich um die Redner­tribüne und hören in vollkommener Ruhe die Ausführungen des Präsidenten Barthels an.

Präsident Barthels: Der Aeltestenrat hat sich mit den Vorgängen, die sich hier abgespielt haben, beschäftigt. Alle Fractionen, mit Aus­nahme der Kommunisten, haben die Ausfüh­rungen des Abg. Pieck entschieden verurteilt und zurückgewiesen. Es ist festgestellt worden, daß Pieck, nachdem er mit drei Ordnungsrufen belegt war, beim Abtritt von der Rednertribüne sich einen weiteren beleidigenden Zwischenruf in Be­zug auf die Person des Herrn Reichspräsidenten hat zuschulden kommen lassen. Ich habe den Zwischenruf nicht gehört und auch im Protokoll ist er nicht notiert. Hätte ich ihn gehört, so würde ich zu schärferen Maßnahmen gegriffen haben. (Hört! Hört! bei den Kommunisten, Zu­rufe rechts: Es ist Ihnen doch gesagt worden.) Ich betrachte damit den Vorfall als erledigt.

Das Haus setzt die Justizdebatte fort. Die Er­regung der Abgeordneten ist aber noch so groß, daß die Ausführungen des Abg. Meyer- Herford (D. Vp.) zunächst im Lärm des Hauses vollkommen verloren gehen.

Als der Redner auf der Tribüne verständlich wird, trägt er Wünsche der Justizbeamten vor. Auch die Deutsche Volksportei wünsche einen modernen Strafvollzug.

Abg. L e d i ck e (Distl.) begründet einen schon im Ausschuß angenommenen Antrag seiner Partei, nachdem die Verzinsung der nach dem Aufwertungs­gesetz wieder eingetragenen Hypotheken spätestens vom 1. April 1926 einheitlich wieder eintrete. Der Redner trägt Wünsche für die mittleren und unte­ren Beamten vor und verlangt vet'-nebrte Einstel­lung von Militäranwärtern in den Justizdienst.

Abg. Dr. Schmidt- Düsseldorf (Zentr.) betont, wer glaube, daß durct^dcn modernen Strafvollzug die Disziplin in den Strasgefangenenanstalten aus- gehoben und dort etwa Unordnung herbeigeführt werden sollte, der habe. keine Ahnung von den Zielen dteser Reform. Der Strafvollzug in Stufen müsse im Mittelpunkt der ganzen Reform stehen. Zeige eine innere Wandlung des Gefangenen Besse­rung. Fähigkeit und Willigkeit, so muß er in eine günstigere Stufe kommen. Aus Verstand, Gemüt und Willen des Gefangenen müsse eingewirkt wer­den, um ihn zur Besserung zu bringen.

Abg. Kasper (Komm.) begrüßt die Ausfüh­rungen des Vorredners, die von Humanität getragen feien. Leider blieben die Beschlüsse auf eine huma­nere Gestaltung des Strafvollzugs durchweg auf dem Papier stehen.

Staatssekretär Fritze macht auf die finanziellen Schwierigkeiten, die in den Anträgen auf Vermeh­rung der Beamten lägen, aufmerksam. Das Ver­fahren gegen die Winzer wegen der Bernkasteler Unruhen sei gesetzlich notwendig. Die besonderen Schwierigkiten der Winzer würden dabei berücksich­tigt werden.

Abg. Arte ld-Oelzen <D.-Hann.) wendet sich gegen die Konkurrenz, die die Gefangenenanstalten durch Vornahme aller Art von wirtschaftlicher Tätigkeit der Privatwirtschaft machen.

Äbg. Suttner (S.) erklärt, die Deutschnatio­nalen sollten, wenn sie sich jetzt erfreulicherweise für den Schutz der persönlichen Ehre einsetzen, nicht ver­gessen, daß der verstorbene Reichspräsident Ebert nicht weniger als 300 Prozesse gegen Verleumder hauptsächlich aus dem Lager der Rechten habe führen müssen, wobei die Richter für gewöhnlich Verstöße gegen die persönliche Ehre recht milde auf- gesaßt hatten. Damit schließt die allgemeine Be­sprechung.

Aus aller Wett.

Schweres Eisenbahnunglück in Südafrika,

Nach einer Meldung aus Kapstadt sind bei der Entgleisung eines Eisenbahnzuges am Salzfluß 15 Personen getötet und 50 verletzt worden.

Meuternde Malrosen.

Wegen Meuterei festgenommen wurden in Holtenau elf Matrosen vom DampferNeckar". Der Dampfer nahm in Holtenau neue Besatzung und setzte seine Fahrt nach dreistündigem Aufenthalt nach Westen fort.

Typhuserkrankungen in der Mark.

In Glindow erkrankten zwei Kinder an Typhus. Sie wurden im Potsdamer Städti­schen Krankenhaus isoliert. Rach Ansicht des zuständigen Kreisarztes ist die Jnsektionsstelle anscheinend das Havelwasser. Anfang Mai war bereits in Glindow ein Obstzüchter an Typhus gestorben.

Der Vater vom Sohn erschossen.

Wie die Morgenblätter melden, spielte sich eine blutige Familienkatastrophe im Rot ten Ber­lins ab. Der 30 Jahre alte Arbeiter Richard Gräh erschoß in der Rotwehr seinen Vater, den 52 Jahre alten Maler Franz Gräh. Der Sohn stellte sich ter Polizei und erlitt bei seiner Ver­nehmung einen Rervenzusainmenbruch.

Beim Pserdehandel erschossen.

Der Pferdehändler Bopp au3 Achern war in Baden-Bade n mit dem Pferdehändler Dreyfuo wegen eines Pferdes, das elfterer gekauft, aber noch nicht völlig bezahlt habe, in Streit geraten. Bopp geriet dabei in eine solche Wut, daß er einen Re­volver zog und feinen Gegner am der Stelle er­schoß. Er wurde verhaftet und ins Gefängnis ein­geliefert.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 11. Juni 1926.

Geh. Kirchenrat Pfarrer i. R.

D. Georg Schlosser

Mit dem vorgestern in Frankfurt a. M. ver- ftorbenen Geh. Kirchen rat D. Schlosser sinkt ein Mann in das Grab, der mit dem Leben der Stadt Gießen eng verwachsen war. Georg Schlosser wurde am 25. April 1846 zu Darmstadt geboren, hat also ein Alter von etwas über 80 Jahren er­reicht. Seine erste dienstliche Verwendung fand der Entschlafene am 18. Oktober 1870 zu Gernsheim am Rhein. Er wurde im Jahre 1873 zum Pfarr­vikar zu Gießen ernannt, am 24. Juni 1877 wurde ihm die zweite evangelische Pfarrstelle zu Gießen übertragen. Als Kirchenrat Dr. Naumann im Jahre 1904 infolge Krankheit seinen Dienst nicht mehr verrichten konnte, wurde Schlößer erster Pfarrer. Als solcher hatte er die Verwaltungs­geschäfte der Kirchengemeinde zu führen, sowie den Gesamtkirchenvorstand und die Gesamtkirchenge­meindevertretung zu leiten. Bis zum -Jahre 1892 war die evangelische Bevölkerung der Stadt Gießen noch zu einer Kirchengemeinde zusammengefaßt, die drei Geistlichen predigten abwechselnd in der einen damals vorhandenen Kirche, in der Stadtkirche, und teilten sich wochenweise in die Amtshandlungen. Als in der Person des Pfarrverwalters Dr. Grein ein vierter Geistlicher angestellt wurde, namentlich als der Bau der 1893 eingeweihten Johcmneskirche seiner Vollendung entgegenging, wurde ine Gesamt­gemeinde in vier Einzelgemeinden eingeteilt, wobei Schlosser Pfarrer der Matthäusgemeinde wurde. Zum 1. Oktober 1914 wollte er in den Ruhestand treten, der Ausbruch des Krieges jedoch veranlaßte ihn, sich vorerst von seiner Gemeinde nicht zu tren­nen, so daß seine Pensionierung erst im April 1915 erfolgte. Mit seiner Familie übersiedelte Schlosser nunmehr nach Frankfurt a. M.

Als der Verewigte sein Amt in Gießen antrat, war die kirchliche Organisation noch ziemlich die­selbe wie ein halbes Jahrhundert früher. Während, seiner Dienstzeit und besonders auf seine Veranlas­sung wurden Maßnahmen ergriffen, die das Kir- A chenwesen der evangelischen Gemeinde in durchgrei­fender Weise änderten. Dahin gehört die schon er­wähnte Einteilung der Stadt in vier Pfarrbezirke. Der Dahingeschiedene gehörte zu den entschiedenen Reformern auf dem Gebiete der Gottesdienstord­nung. Ihm hauptsächlich ist es zuzuschreiben, daß der Gottesdienst liturgisch gestaltet wurde, also daß die Gemeinde auf die Worte des Geistlichen mit Wech­selgesängen antwortet. Jahrzehntelang hat sich Schlosser die Pflege des Kirchengesangwesens ange­legen sein lassen, indem er den hiesigen Kirchenge­sangverein förderte. Durch eine lange Reihe von Jahren war er Mitglied der Landessynode, in der er sehr häufig mit neuen Anregungen hervortrat, wie er überhaupt in dieser Körperschaft ein Redner war, der mit Interesse angehört wurde. Sein eigen­stes Gebiet war das der Inneren Mission. An vielen Kongressen und Tagungen hat er teilgenommen und in Gießen den verschiedenen Zweigen der Inneren Mission die Bahn gebrochen. DenAllgemeinen Verein für Armen- und Krankenpflege", sowie das evangelische Schwesternhaus hat er lange Jahre geleitet. Es gab kein Gebiet der Inneren Mission, auf dem er sich nicht betätigt hat; zuletzt noch hat er die Anregung zur Gründung von evangelischen Frauenvereinen gegeben, aber besonders lag ihm die Armenpflege am Herzen. Gemeinsam mit Ver­tretern der Stadtverwaltung war er auf diesem Ge­biete erfolgreich tätig. Auch im Ruhestände zu Frankfurt a. M. widmete er sich noch Bestrebungen dieser Art, bis am Abend seines Lebens zunehmende Schwäche ihn daran hinderte, lieber diesen Arbeiten hat der Entschlafene jedoch niemals fein eigentliches Amt, das Amt eines Predigers, Lehrers der Ju­gend und Seelsorgers aus dem Auge gelassen. Vielen Familien war er in schwerer Lebenslage ein treuer Freund und Berater, in seiner langen Dienstzeit sah er die Menschen kommen und gehen, mit den Gliedern der Matthäusgemeinde war er innig verwachsen. Er war ein Mann von starker Willenskraft und regsamem Geist; noch im Alter ging er mit lebhaftem Interesse auf neue Gedanken ein.

Auch durch feine persönlichen und häuslichen Erlebnisse war Schlosser innig mit dem Leben der Stadt Gießen verwachsen. Hier sind alle seine Kinder geboren und herangewachsen. Er hat in seiner Familie viel Freude erlebt, aber auch das Leid ist an seinem Hause nicht vorübergegangen. Eine Tochter, die mit einem Missionsarzt verheiratet mar, ist fern von der Heimat gestorben, der Sohn Hans, der Oberlehrer in Frankfurt a. M. war, ist im Oktober 1914, eine Gattin und drei kleine Kinder hinterlassend, an der Westfront gefallen.

An Ehrungen hat es dem verdienten Manne nicht gefehlt. Die Theologische Fakultät unserer Landesunioersität verlieh ihm ehrenhalber die Würde eines Doktors der Theologie. Als er in den Ruhestand trat, wurde er zum Geheimen Kirchenrat ernannt. Freunde und ©emeinheglieber brachten 1915 eine erhebliche Summe zusammen, die als ..Schlosser-Stiftung" der Kirchengemeinde übergeben wurde, und deren Erträgnisse zur Unterstützung Hilfsbedürftiger dienen sollen. Nachdem diese Stif­tung durch die Inflation zugrunde gegangen ist, haben die Söhne des Entschlafenen sie in dankens­werter Weise wieder aufgewertet.

Der Verewigte hat in nie rastender Tatkraft und stets fürforgenber Liebe für seine Gießener Ge­meinde gearbeitet. Sein Andenken wird in der Geschichte unserer Kirchengemeinde und bei feinen zahlreichen Freunden und Verehrern immer in Dankbarkeit lebendig bleiben. H. B.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag. Goethe°Dund: 8 Uhr, Kaufm. Vereinshaus, Vor­trag von Prof. Dr. Gloel-Wehlar. Englischer Vortragsabend: 8V< Uhr. Großer Horfaal der Universität. Verein Rudersport: 9 Uhr. Boots­haus, Monatsversammlung. Jugendgruppe des V. D. A.: 8' » Uhr,Dergschenke", Vortrags­abend.

Wettervoraussage.

Wenig Aenderung des unbeständigen, mäßig warmen Wetters mit Regenfällen in Schauern.

Gestrige 2agc5tempcraturen: Maximum: 20,6 Grad Celsius. Minimum: 9 Grad Celsius. Nieder­schläge: 0,3 Millimeter. Heutige Morgentemperatur: 12,4 Grad Celsius.

L. U. Von der L a n d e s u n i v e t s i t ä t. Hin Sonntag, 13. Juni, vormittags 11' . Uhr, findet in der Reuen Aula ein Universitäts-