Einzelbild herunterladen

Nr. 8 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Pariser Brief.

t Paris, 9. Januar 1926.

Die erste Woche des neuen Jahres stand voll- fomemn unter dem Eindruck dec Vorbereitungen, die bie- sozialistischen Departementsorganisationen für den außerordentlichen Sozialistischen Kongreß getroffen haben, der am kommenden Sonntag zusammentritt, und der die grundsätzliche Entscheidung darüber bringen soll, ob und unter welchen Umständen sich die Partei an der Re­gierungsbildung beteiligen kann. Die­ser Beschluß wird von großer Bedeutung für die innerpolitische Entwicklung in Frankreich fein, vor­ausgesetzt, daß es dem Parteitage gelingt, eine klare Entscheidung zu treffen, und daß er nicht dazu ge­lungen wird, zu einer Kompromißlösung feine Zuflucht zu nehmen, weil feine der beiden Richtungen eine starke Mehrheit erzielen kann. Roch stehen einige Ergebnisse aus. Ader trotzdem kann man schon behaupten, daß der Gedanke, die Sozia­listische Partei müsse die Verantwortung für eine Regierungsbildung übernehmen, wenn sie sich nicht als eine Partei erweisen wolle, die zu praktischer Mitaardeit weder gewillt noch befähigt sei, seit der letzten offiziellen Abstimmung des Sozialistischen Rationalrates, also des kleinen -Parteitages, Fort­schritte' gemacht. Man rechnet jetzt damit, daß die Tagesordnung von Faure, die nur eine rein s o - z i a l i st i s ch e Regierung oder eine Regierung, in der die Sozialisten die Oberhand haben, zuläßt, etwa 1600 Stimmen erzielen wird, während die Resolution Renaudel, die eine Linksblock- regierung unter allen Umständen for­dert, über 1400 Stimmen auf sich vereinigen könne. Es liege also der Gedanke des Kompromisses nahe, für das man z. B. im alten Bezirk von Saures, dem Departement Tarn eintritt, wo Paul-Boncour herrscht, derminiftrabelfte" von allen Sozialisten.

Die Anhänger des Ausgleichs wollen die Ex­tremen dadurch befriedigen, daß sie für ein. solches Linksblockkabinett gewissermaßen imperative Mandate schaffen, so daß der radikale Minister- Präsident (als der im Augenblack Herriot allein in Frage kommen könnte) die Handlungsfreiheit nicht mehr haben würde, die sonst einem Ministerpräsi­denten zusteht. Sie fordern, daß die s o z i a l i ft i > fcbe Parteileitung d i e Mini st er be­stimm t. Wenn der Parteitag eine intransigente Haltung einnimmt, müßte logischerweise die sozia­listische Kammerfraktion von kommender Woche ab die Zusammenarbeit mit den übrigen Parteien des Blocks der Linken ablehnen, und das könnte dazu führen, daß einige radikale Minister des Kabinetts Briand ihren Rücktritt erklären. Beharrt dann D r i a n d, der vor einigen Tagen, als die Demis­sion des neu ernannten Finanzministes Douiner drohte, erklärte, daß er trotz des Ausscheidens der radikalen Minister am Ruder bleiben wolle und die ausscheidenden Minister sofort ersetzen werde, auf seinem Standpunkt, bann mühte diese Haltung naturnotwendig zu einerKonzentrations­politik" führen, bei der Briand nach rechts über- areift, wenn ihm feilens des rechtsstehenden Flügels der Radikalen (Franklin-Bouillon) Unterstützung zu­gesagt würde. Eine derartige Haltung einer Minder­heit der Radikalen würde, wenn nicht de facto, so doch scheinbar einem Rückzug der Radikalen gleich- fommen. Damit wäre dann der Block der Linken, aus dem bereits die Fraktion Loucheiir mit *41 Mit Liedern ausgefdjieben ist, vorerst beseitigt, und die Politik mußte bann von selbst jenePolitik der mittleren Linie" werden, die, nach Ansicht der führenden Männer um Herriot, Painleve und Blum eine Verfälschung des Ergebnisses der Kammerwah­len vom 11. Mai 1924 bedeuten. Hieraus ergibt sich also die Wichtigkeit her Entscheidung des außer­ordentlichen sozialistischen Parteitages.

Der neu ernannte französische Botschafter in Washington Senator Henry Beranger hat die Reise nach den Vereinigten Staaten an­getreten. Große Hoffnungen der französischen öffent­lichen Meinung begleiten ihn, da man in Paris annimmt, daß er nach der Einigung der Vereinigten Staaten mit Italien bessere Bedingungen erzielen wird, als sie Caillaux im Oktober angeboten wurden. Beranger ist Finanzsachverständiger. Er hat wäh­rend des Krieges im Auftrage des Kabinetts Cle- menceau eine wichtige Mission in Amerika durch­geführt und sich gute Beziehungen zu Finanz- und Handelskreisen geschaffen. Es wird sich bald er­weisen müssen, ob er diese nutzbar machen kann und ob es ihm gelingen wird, die Unentwegten in der Schuldenfundierungskommission zu einer Halt- tung zu bestimmen, die es ermöglicht, nicht nur in der Zinsenfrage, sondern auch in der Kapitalfrage Frankreich entgegenzukommen.

Die Lage in Syrien kann als absolut u n - durchsichtig bezeichnet werden. Die Drusen kämpfen nicht mehr, so daß man annehmen kann, daß tatsächlich Friedensverhandkungen geführt wer­ben. Doch ist bis jetzt nicht bekannt geworden, ob sie zu einer Entscheidung geführt werden.

'Auch aus Marokko liegen außer den Unter- wersungsnachrichten einiger wichtiger Stämem feine

Meldungen vor, die mit absoluter Sicherheit daraus schließen lassen, daß Abd el Krim nicht mehr kämp­fen will oder kämpfen kann. Sein Emissär C a n - n i n g hat sang- und klanglos Paris verlassen, aber auch der Generalresident Steeg, der in diesen Tagen in Rabat eintreffen wird. Aus dessen Aeuße- rungen kann man schließen, daß er auf dem Wege der Einzelverhandlungen mit den mächtigsten Rif­stämmen den Frieden sucht, daß er also den Versuch machen will, Abd el Krim zu isolieren.

Vie Losung des Saargebteies.

Don Dr. Hermann Röchling.

Der Kanfttt der letzten Jahre, der in der Iahrtausendfcier des verflossenen Sommers seinen überzeugenden Ausdruck fand, hatte zum Ziele, der Welt und damit Frankreich zu beweisen, daß das gesamte Saargebiet ohne Aus­nahme deutsch ist und deutsch blei­ben will. Dieser Kampf ist gewonnen l

Frankreich ist heute überzeugt, daß weder c i'.t Anschluß des Saargebiets an Frankreich, noch ein Verharren in dem widersinnigen Zustande des Völkerbundsgebiets in Frage kommt. Wenn einzelne Franzosen und auch Deutsche" glaubhaft zu machen versuchen, daß eine der Zukunftsmöglichkeiten noch die Selb­ständigkeit des Saargebiets sein tonnte, so ge­schieht dies bloß, um ihr eigenes Dasein als eine gewisse Rotwendigkeit erscheinen zu lassen. Das sranzösische Volk ist sich heute klar darüber, daß auch diese Lösung weder der Saarbevölle- rung noch dem deutschen oder französischen Volke irgendwelchen Ruhen bringen könnte. Denn der wirtschaftliche Unsinn der Versailler Schöpfung macht sich auch in Frankreich drückend be­merkbar. Die verschiedenen französischen Indu­strien und viele andere Erwerbszweige fangen an zu begreifen, daß die saarländischen Industrien ein Pfahl im Fleische auf dem französi­schen Markte find. Wir gehören eben nicht dort hin und sind als Konkurrent auf dem französi­schen Markte unerträglich. Wann wird der Aln= sinn des Vertrages von Versailles, der das Saar­gebiet zur trennenden Scheidemauer zwischen Deutschland und Frankreich machte, beseitigt werden?!

Vorzeitiger Rückkauf der Saar- gruben seitens Deutschlands und damit zugleich Rückkehr des Saargebiets zum Mut­te r l a n d e das ist die einzige Lösung, die dem Interesse beider Völker gilt. Auch Frank­reichs Steuerzahler ist zu armv um sich den Luxus einer Saarkolonie unter Völkerbundsver­waltung mit wirtschaftlichem Derlustsaldo leisten zu können.

Wer sind die Nestorianer?

Von Dr. 'Artasches A b a g h i a n.

Bei der Behandlung der M o s s u l s r a g c wer­den immer unter den Völkerschaften des strittigen Gebietes auch die Nestorianer erwähnt. Ihre Zahl beträgt dort etwa 3540 000. Das sind die Reste der sogenannten Dschilos, d. h. der nestoriani- schen Bergbewohner, die 1918, unmittelbar vor dem Ausgang des Weltkrieges, gezwungen waren, ihre Heimstätten oderAdiernefter" in der Provinz Hekfitari in Türkisch-Kurdestan zu verlassen und in dem angrenzenden Mossutgebiet bei den Engländern Zuflucht zu suchen.

Der Weltkrieg war ganz besonders auch für die Nestorianer ein großes Unglück. Denn dieses arme, unwissende altchristliche Völkchen wurde von den Türken grausam verfolgt und ausgerottet, zugleich aber auch von den Russen und den Engländern für eigennützige Zwecke ausgenutzt, in den furchtbaren Krieg hineingezogen und zuletzt von ihnen treulos ihrem Schicksal überlassen. Aber auch noch heute haben die Ueberrefte dieses alten Kulturvolkes feine Ruhe. Wie es nämlich vor ganz kurzem die Kon­trollkommission des Völkerbundes unter dem Vorsitz des estnischen Delegierten Laidoner an Ort und Stelle festgestellt hat, sind die Nestorianer auch heute unmenschlichen Verfolgungen ausgesetzt. In­folge ihrer traurigen Ges Dichte haben also die Ne­storianer im letzten Jahrzehnt die Hälfte ihrer Volks- und Glaubensgenossen verloren, die Mehr­heit der überlebenden Nestorianer aber sind in alle Winde zerstreut. Ein Teil von ihnen lebt gegen­wärtig im Mossulgebiet. Es ist nicht leicht, die ganze Zahl aller Nestorianer gegenwärtig festzustellen! sie beträgt wohl im Mossulgebiet und den Nachbar­ländern nicht mehr als 120 000; im Kaukasus, in Turkestan und in Amerika zählen die nestoriani- schen Gemeinden je einige 1000. Auch in Indien leben bis zum heutigen Tage etwa 100 000 als Nachkommen der Nestorianer.

Die Engländer begründen nun ihren Anspruch auf das Mossulgebiet u. a. auch damit, sie hätten sich schon vor Jahren zum Schutze der christlichen Ne­storianer verpflichtet. Noch meljr: die britische Dele­gation in Genf verlangte zuerst auch eineVer­besserung" der türkisch-irakschen Grenze, und zwar

Das w estdsulfche Erdbeben

Das Erdbeben, das in der Rächt vom 5. zum 6. Januar das Rheinland, besonders die sogen, .niederrheinische Ducht betraf, ist wohl den t e k- Ionischen Beben zuzurechnen, d. h. es ent­stand durch eine kaum merkliche Verschiebung der Erdschollen, welche die Erdoberfläche bilden. Diese tektonischen Erdbeben sind wohl zu unter­scheiden von den vulkanischen, die ihren Ursprung aus eingeklemmten vulkanischen Span­nungen flüssiger oder gasförmiger Massen neh­men, die sich durch einen Ausbruch genügend entlasten können. Wenn nun auch in der Nähe des Rhein-Ruhr-Gebietes die Eifel liegt, die bekanntlich noch in frühgeschichtlicher Zeit Schau- $ einer heftigen vulkanischen Tätigkeit war, welche sich jetzt noch durch heiße Quellen und Kohlensäuredämpfe verrät, fo entspricht doch alles, die Art der Ausdehnung des Bebens, seine Eigenart und das Fehlen gewisser Begleit­umstände dagegen, daß dieser ehemalige Vul­kanismus etwas mit diesem Beben zu tun hat. Glücklicherweise, denn die vulkanischen Beben sind meist außerordentlich heftig und zerstörend, wie die Beben in Kalabrien, Messina und Japan zeigen. In Japan hat die säst jede Woche unruhige Erde dazu geführt, Steinbauten als Häuser zu vermeiden und kleine Holzhäuser aus elastischem Bambusholz aufzuführen. Trotzdem sind die Verluste an Menschenleben bei den japanischen Beben noch sehr groß und auch das Erdbeben von Messina im Jahre 1908 hat fast 200 000 Menschen das Leben gekostet.

Hier handelt es sich aber, wie gesagt, um eine andere Art Leben, die in diesem Falle glücklicherweise nicht besonders gefährlich war. Die sogen, niederrheinische Bucht bildet ebenso wie die oberrheinische Tiefebene von Mainz bis Basel ein Graben gebiet, d. h. beide Gegenden verdanken ihre Bildung dem Um­stande, daß dort zwischen den Schollen der um­liegenden Gebirge ältere Schichten fast senkrecht verschoben und zusammengekeilt in die Tiefe ge­sunken sind, wie wenn sich zwei Eisschollen an­einander reiben und die Splitter zertrümmert dazwischen zum Grund sinken. Run ist es be- gleiflich. daß solche Stellen gewissermaßen Wun­den oder Rarben der Erde darstellen und emp­findlicher sind als andere Strecken. So hat auch die Gegend des Riederrheins, durch irgendeine Belastung beschwert, eine kleine Verschiebung vorgenommen, die sich als Erdbeben fühlbar machte. Interessanterweife wurde vor etwa 15 Jahren, am 16. November 1911 die oberrhei­nische Tiefebene, die einen sehr ähnlichen geo­logischen Bau aufweist, um 10.30 Ähr abends ebenfalls von einem ziemlich heftigen tektonischen Beben betroffen, das so stark war. daß die Erdbebenapparate zum Teil außer Gebrauch ge­setzt wurden. Es Dauerte mit Unterbrechungen eine halbe Stunde. Ziegel flogen von den Dächern, Kamine und Mauern stürzten ein. Bil­der fielen von Der Wand und Gegenstände in Den Wohnungen zerbrachen. Dieses Beben merkte man dis nach Aachen, Kassel. Erfurt, Dresden, Mailand und Turin, westlich bis Ranch und Befancon, östlich bis Prag und Wien. Sein Mittelpunkt war in den Tiroler Bergen, hier

in dem cinne, daß die Einverleibung der Provinz Hefliari, der historischen Heimstätte der Nestorianer m ihr Schutzgebiet Irak erfolgen lallte.

Im übrigen ist das strittige Mossulgebiet weder türkisch, noch arabisch-irafisch, sondern ver­wiegend kurdisch. Wie auch die Völkerbundkommis- ßon festgestellt hat, bilden die Kurden die Mehrzahl der Gesamtbevölkerung des Mossulgebieles: 500 000 unter der Gesamtzahl 800 000. Die Zahl der Ara­ber beträgt dort 160 000, die der Türken aber nur 40 000. Den Rest bilden eben die Nestorianer, die Jeziden. die Syrer-Chaldäer und andere Dolkssplit- ter. Objektiv war der Vorschlag der Völkerbunds- fommission, die auch monatelang das Mossulproblcm an Ort und Stelle studiert und auch die Wünsche der Bevölkerung kennen gelernt hat, der einzig ge­rechte: die Schaffung einer kurdischen Auto- n o m i e im Mossulgebiete, die auch den Nesto­rianern und anderen Minderheiten die Möglichkeit kultureller Selbständigkeit gewähren würde.

Die BezeichnungNestorianer" ist eine recht un­glückliche, denn darunter kämm man überhaupt keinen Volksstamm verstehen. Aber auch in kirch­lich-religiöser Hinsicht trifft diese Bezeichnung nicht mehr zu, denn es gibt heutzutage auch vieleNe­storianer", die nicht mehr Nestorianer sind. Also die Verwendung dieses Namens darf nur als eine be­dingte angesehen werden.

; Ethnographisch betrachtet sind die heutigen Ne­storianer die Nachkommen der Syrier, eines der bekanntesten Kulturvölker des alten Morgenlandes. Aber auch dieser Name ist nicht zutreffend; er ist nichts anderes als die entstellte griechische Form des Namens Assyrier. Syrier, d. i. also Assyrier nannten nämlich die Griechen die Aramäer ein in der alten Geschichte bekanntes und in der Bibel oft erwähnten Volk in Vorderasien, östlich vom Mittelmeer, da ihr Land zu jener Zeit, als die Grie­chen sie zum ersten Male kennen lernten, unter den Provinzen des mesopotamischen mächtigen Staates der Assyrier zählte. Die Assyrier und die Syrier (Aramäer) waren jedoch gänzlich verschiedene Völ­kerschaften, wenn sie auch beide der semitischen Rasse ongehörten. Da weiter das Griechische ein Jahrtau­send lang die Verwaltungssprache jenes Landes war, blieben auch die Aramäer in der späteren Ge­schichte als Syrier bekannt. Diese letztere Bezeich­nung fand eine breitere Verwendung ,als die Syrier das Christentum annahmen. Sie entwickelten im Orient eine weit verbreitete kirchlich-religiöse Kul­tur, begründeten dort eine reiche Literatur. Lange Zeit übten die christlichen Syrier, deren religiös- kulturelle Hauvtzentrum Edessa im Norden Meso­potamiens war, einen großen Einfluß auf die orien­talischen Völker aus. Die Nachkommen dieses alten großen Kulturvolkes find eben die heutigen Volks­splitter im nahen Orient, die unter dem Namen Ne­storianer bekannt sind. Ucbrigens nennen diese sich selbst nicht Nestorianer, sondern einfach und richtig Syraye, d. h. also Syrier. Mit dem Namen Syrier sind sie auch bei den Russen, Armeniern und an­deren Völkern des Orients bekannt. Sie bezeichnen sich weiter als Mefchihaje, die Messianer, d. h. Christens um sich von der mohammedanischen Um­welt zu unterscheiden. Selten nennen sie sich Ne- storianer, und zwar nur in den Fällen, wo f.e sich von ihren unierten Stammesgenossen unterscheiden wollen. Diese leßteren werden als Syrio - Cha 1 ° d ä c r bezeichnet.

Nestorianer werden die christlichen Syrier ober vielmehr ein Teil von ihnen, deswegen genannt, weil sie in den dogmatischen Streitigkeiten des 5. Jahrhunderts Anhänger des Konstantinopeler Patriarchen N e st o r i u s waren. Dieser wurde von den orthodoxen Vätern der Kirche als Ketzer abge­setzt (431) und bitter verfolgt. Das Wesen seiner Lehre bestand darin, daß er in Christus zwei Na­turen und zwei Personen annahm, die nur in einer äußeren Erscheinung verneint sind. Daher sind sie auch in Der Kirchengeschichte afs Diophysiien be­kannt. Im Okzident verfolgt und verdammt, fanden die Nestorianer einen weiteren Anhang im Orient. 498 gründeten sie ihre eigene Kirche mit dem Sitze in Ktesiphon auf dem persischen Boden unweit von Mesopotamien. Die Perser und später die Araber begünstigten den Nestorianismus als einen Gegen­faktor der orthodoxen Kirche, die in dem oströmi­schen Reiche herrschend war. Dabei spielte aller­dings das politische Motiv die Hauptrolle.

Die Dleftorianer verbreiteten ihre Lehre in Asien und in Afrika. Sie fanden Anhang nicht nur in Persien, sondern auch in Indien China und in Der Mongolei. Hier wurde sogar im Mittelalter ein ne- storianisch-theokratischer Staat begründet. Sie waren nicht nur Träger Der christlichen Religion im fernen Osten, sondern auch Pfleger der Wissenschaften. Aus ihren Reihen gingen bekannte Naturwissenschaftler, Astronomen, Mediziner, Historiker und andere Ge­lehrte hervor.

Der Zerfall des Kalifats durch die Mongolen und namentlich durch das Vordringen des bekannten Lenktemurs im nahen Orient wurde auch der Ne­storianismus in seiner Existenz bedroht. Viele von ihnen traten zum Islam über, sie verloren mit her Zeit auch ihre Sprache und wurden arobifiert. Im 16. Jahrhundert vollzogen viele andere Ne-

aber in Der tektonisch besonders empfiuDlichen GrabengegenD Der oberrheinischen Tiefebene trat, wie eine geringe Ursache oft eine Lawine bewegt, jene Unruhe Der abgefunfenen ErDschollen ein, Die sich als ErDbeben äußerte. Aehnlich wirD es diesmal am Niederrhein liegen. Dr. F. S.

Das Nürnberger Sän ^erniuseunr

Ein Schatzkästlein des Deutschen Sängertums, an feinem Teil Dazu bestimmt, Den Glauben an Deutschlands Zutunft festzuhalten unD zu stär­ken" Das soll Das Deutsche ©ängermufeum in Nürnberg sein, über Dessen Einrichtung August RicharD in DerBergstadt" berichtet. Dieses Museum hat an Der Denkwürdigsten Stelle seinen Platz gefunden, Die Dafür auserkoren werden konnte, nämlich in jenem Ka tharinen- Ä Io ft er zu Nürnberg, dessen Kirche lange Zett hindurch von den Meistersingern als Ort ihrer Versammlungen und Singstunden benutzt wurde. An dieser Stätte, Die Durch Das Wirken von Hans Sachs unsterblich geworben ist und von Der Richard Wagners Meistersinger künDen, ist nun Deutscher Sangeskunst ein schönes Denkmal geschaffen. Während in Den übrigen Kloster­räumen Die Nürnberger Volkshochschule ihre Heimstätte fanD, wurde Das ehemalige in edler Gotik gehaltene Refektorium Dem Deutschen Sängerbund für fein Museum zur Verfügung gestellt. Die Schätze sinD Dort unD in Den darüber befindlichen Gelassen untergebracht. 3ni Vor­raum sind in zahlreichen Schaukästen Ausstellun­gen Derjenigen Vereine untergebracht, Die aus ihrem reichen Besitz besonders kostbare Gaben ge-

Montag, st. Januar 1926

storianer ihren llebertritt zur römisch-katho­lischen Kirche und ließen sich im Norden Meso­potamiens nieder, -seitdem ist auch Mofsuk das Zen- mtm der unierten Nestorianer oder der Syrer-Chal- döer. Der Rest der Nestorianer aber, die ihm Glauben treu blieben, fanden meist in den unzu­gänglichen Bergen Kurdistans, im Bezirk von iietfiari am oberen Tigris und Zab ihre Zuflucht. Dort gründeten sie ihreKinattibe Nschiri", d. h. bie Adlernester, wie sie ihre Bergdörfer nennen. Außerdem übersiedelten viele Nestorianer nach Nordpersien, den Bezirken Urmia und Salmast.

Ihrer Lebensweise nach zerfallen die Nesto­rianer in zwei Hauptgruppen: Bewohner derAd­lernester", die auchD s ch i I o" heißen und die der Ebene, Die hauptsächlich in Urmia konzentriert sind. Alle Nestorianer aber bilden eine abgeschlossene kirchlich-theokratische Gemeinschaft, unter Führung Mar-Schimons, der das religiöse und zugleich das rechtlich-bürgerliche Oberhaupt aller Nestorianer ist. Sein historischer Sitz ist Kotschhanes bei Dschulmark in Kurdistan. Er ist der Patriarch oder der Katha likus der nestorianifchen Christen. Seine Macht ist erblich. Als der Erde Mar-Schimons (d. h. Herr Simeon), so heißen ausnahmslos alle Oberhäupter der Nestorianer, gilt immer der älteste unter seinen Neffen, da er selbst unverheiratet sein muß. Mar- Schimon übt seine Herrschaft durch die Meleks, d. h. Fürsten oder nestorianische Scheichs aus. Diese stehen Mar-Schimon immer zur Seite.

Das Leben unb die Sitten der Dschillos, D. h. also der Bergnestorianer, unterscheidet sich nicht viel von Demjenigen ihrer kurdischen Nachdar-Aschireten, mit denen jedoch die Nestorianer in ewiger Feind­schaft leben, ba sie von ihnen immer verfolgt ge­wesen sind. Schon in Der Mitte Des 10. Jahrhun­derts hatte Der Führer Der kurdischen Aufständischen, Der bekannte Bederkhan die größten Stämme Der Bergnestorianer Tyrari und Tehoma aus­gerottet. Wie die Kurden, sind auch die Bcrg-Ne- ftorianer meistens mit Viehzucht beschäftigt; die Berge Kurdistans mit ihren Zeichen Weiden bieten Dafür Die besten Vorteile. Ihre Häuser sind unter­irdisch und höchst armselig. Unter einem und dem­selben Obdach finden oft zusammen mit Den Men­schen auch Die Tiere Unterkunft. Viele Bergnesto- rianer behaupten ihre Dürftige Existenz Durch Die Jagd. Auch die Bienenzucht und einige Hand­werke sind bei ihnen üblich Im allgemeinen herrscht bei ihnen Die Naturalwirtschaft, und zwar in Der Form, wie sie vor vielen Jahrhunderten schon üblich war. Wie ihre Nachbarn, die Kurden, sind die Dschilos-Nestorianer höchst kriegerisch unb mutig. Sie haben meist hohen Wuchs, ausdrucks­volles Gesicht, sehen rötlich-braun aus und haben oft helles Haar. Auch durch ihre Tracht unb viele ihrer Sitten und Gebräuche stehen sie Den kurdischen Aschirets nahe.

Die Nestorianer Der Ebene sind friedliche Leute; sie beschäftigen sich mit Acker- und Gartenbau. Von den Handwerken ist bei ihnen die Malerei sehr ver­breitet; nestorianische Maler kann man überall in Persien wie in Transkaukasien unb in den Zentren Sübrußlands finden. Die Angehörigen dieser Grtippe sind im Verhältnis zu Den Dschilos fort­schrittlicher und haben eine gewisse Neigung zur Bildung.

Im allgemeinen aber sind alle Nestorianer sehr rückständig und unwissend. Die Dschilos kennen fast keine Schule, nicht einmal alle ihre Priester sind Des Lesens und schreibens kundig. Die Nestorianer der Ebene sind nicht in diesem Maße rückständig. Mis­sionare fast aller Konfessionen haben bei Den Urmia- Nestorianern seit vielen Jahrzehnten ihre Tätigkeit ausgeübt: römisch-katholische wie evangelisch, ame­rikanische wie russisch-orthodoxe. Sie haben auch einen gewissen Erfolg erzielt. Demnach sind auch vieleNestorianer" in Wahrheit nicht mehr Nesto­rianer, sondern orthodoxe, römisch-katholische oder evangelische Christen.

KotakomLen-SchuleninSüdlirol

Jeden Tag hören wir von neuen Gewalt­tätigkeiten und .Uebergrtffen Der Italiener gegen Die unterdrückten Deutschen in Südtirol. So wirken auch Die neuen Herren mit allen er­denklichen Mittel Dagegen, daß deutsche Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden kön­nen. Durch das italienische Schulgesetz von 1923 ist das Deutsche, selbst in den ersten Klassen, völlig vorn Lehrplan Der Schulen gestrichen. Irn neuesten Heft Der von Eugen Diederichs herausgegebenen MonatsschriftDie Tat" führt Albrecht L. Merz einen rührenden Zug an, der beweist, wie innig die deutschen Südtiroler trotz­dem an ihrer Muttersprache hängen.Hm trotz des Verbotes Den deutschen Kindern den Unter richt in der Muttersprache zu ermöglichen." schreibt er,taten sich wohlhabende Bauern zusammen und schufen in Kellerntagende" Schulen, in Die Die Kinder Der ärmeren Deut­schen als Freischüler aufgenommen wurden. In diesen geheimen Kellerschulen sahen die Tiroler die einzige Möglichkeit, ihren Kindern eine Er­ziehung zuteil werden zu lassen, die einzig tinD*

stiftet oder leihweise überladen haben. Fahnen und Banner, Sängerpokale und Trinkhörner, viel­fache Erinnerungszeichen schmücken Die WänDc. Auch in Dem Hauptraum sind zahlreiche Fahnen ausgestellt, Dazwischen Elfenbeinbüsten. Plaketten und Bilder von Den größten musikalischen Mei­stern und Den Männern, Die sich um Die Pflege Des Deutschen Gesangs verDient gemacht haben. Der Hauptteil Des Museums ist in vier Abtei­lungen geglieDcrt und in 37 Schaukästen über­sichtlich aufgestellt. Die eine Abteilung veran­schaulicht Die Entwicklung des Männergesangs von seinen frühesten Anfängen; hier fesseln vor allem Die Reliquien, Die von Hans Sachs und Den Meistersingern erzählen, Bildnisse, Schul­tafeln und SingorDnungen, Notenbücher, Hand­schriften und seltene Drucke. Heber Haydn, Beet­hoven und Mozart führt Dann Der Weg zu Schubert und Weber, zu Kreutzer unD Silcher, Den eigentlichen Meistern Des deutschen Liedes. Eine andere Abteilung ist Der Ausgestaltung des Männerchorwesens gewidmet, llebersichten und Tabellen, Urkunden und Denkschriften, Lieder­hefte und Festbücher zeigen Die Entstehung Der einzelnen Vereine, Die dann zu Dem großen Deutschen Sängerbund zusammengeschlossen wur­den. Eine weitere Abteilung behandelt das Lied Der AuslanDDeutschen, eine vierte Das LieD im Weltkriege; Doch ist für Die Ausgestaltung Dieser Gruppe noch viel zu tun. Mit Dem Sänger­museum zusammen wurde ein Ehrendenkmal für Die im Weltkrieg gefallenen Sänger enthüllt, Das an einer SeitenwanD Der Katharinen-Kirche errichtet ist.