Nr. 28 ) Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Deutsche Iukunst.
Eine' interessante Rundfrage.
Kann man nach Ohren Beobachtungen, insbesondere auch nach Ohren Beobachtungen in Ohrem eigenen WirkungSkrcis, von e i n e m Rückgang deutscher Leistungen in der Nachkriegszeit sprechen? Haben Sie den Eindruck, daß tue jetzt Heranwachsende und in der Ausbildung begriffene 0 u g e n d mit geringerer Hingabe alS untere -'gene Generolron sich ihrer beruflichen Ausbildung, dem Kampfe für die Selbständigkeit dec deutschen Kultur und für die Erhaltung des Deutschtums widmet? Diel» beiden Fragen richteten die Süddeut- schenMonatshefte (München) an führende Vertreter deutscher Kultur und veröffentlichen in ihrem soeben erscheinenden Sonderheft »Deutsche Ouhmft" über fünfzig daraufhin eingelausene Antworten. Sie stammen in der Hauptsache aus verwandten Schichten: Professoren, darunter zahlreiche Rektoren von deutschen und österreichischen Universitäten, technischen Hochschulen und Kunstakademien, Historiker, Pädagogen, wie, um überall nur einige Namen zu nennen, v. Below. Al. Eckener, Marcks, Dietr. Schäfer, Ed. Nleyer, Böhler. Wien, ferner Künstler, tote Hans Pfihner, Männer der Wirtschaft, tote Duisberg. Reusch. Gras Kalckreuth. der Führer des NüchSlandbundes, lehrende A e r z t e, wie Prof. Sauerbruch und der Psychiater Bumke, Soldaten, wie Generaloberst d. Seeckl, Politiker, wie Oberbürgermeister OarreS. Kapitän Ehrhardt, Müller-Mei- ningen, schließlich kirchliche Persönlichkeiten und Staatsbeamte, wie Erz. v. Sydow, Dorsitzender des Deulschrn und Oesderreichischen Alpenvereins, Pfalzkornmissar Wappes u. a. Ohre oft sehr ausführlichen Beobachtungen erstrecken sich nicht gleichmäßig über die ganze Breite unseres Volkes, noch über alle Bereiche feiner Arbeit. Trotzdem ist ihr Onhalt verschieden genug nach Grundstimmung, Beobachtungen, Temperament und Gedanken. Bei doch im groben und ganzen vereinender Tendenz der Antworten ist diese erstmalige Rundfrage solcher Art höchster Beachtung würdig.
Der Münchener Historiker Karl Alexander d. M ü l l e r hat dem Heft ein tiefgründiges Vorwort vorouSgeschickt, in dem er auch auf die Hauptgefahr des heutigen Deutschen hinweist: „... Die Arbeitsamkeit, der Ersindungsgeist, die Daterlandsliebe, der Odealismus in unserem Volke, vor allem in der Ougend der hier behandelten Schichten, erscheinen den Betrachtern ungebrochen. Das glauben auch wir. Aber was wir in, Krieg erlebt haben, ist eines: kein Odealismus kann auf die Dauer sbandhalten ohne ein bestimmtes vo cwä r ts weisendes Odeal. Dieses Odeal sucht unsere Ougend. Wie Lagarde einmal gesagt hat, wo sie nur von ferne Oufunft 1». unserer Gegenwart ahnt, ist sie bereit, ihr zü dienen. Deshalb hat sie mit Freuden den sich in Hunderttausenden dem Kriege geopfert, solange er ihr als Träger einer deutschen Zukunft erschien. Deshalb haben viele in ihr sich mit Begeisterung dem Sozialismus hin» gegebcn, solange sie ihn für stark und ehrlich genug hielten, die Welt zu überwinden. Deshalb drängt eS sie heute instinktiv zu grobdeut- schen Gedanken hin, weil sie fühlt, dab hier etwas NeueS ins Leben heraufwachsen teilt Aber waS sie bisher erleben muhte, war, dah die ersteren dieser Odeal« sie betrogen haben, dah man ihr jede tätige Begeisterung für das letztere verargt Was ihr, wie unserem ganzen Volk, heute von oben her angelernt werden soll, ist Zufriedenheit und Sichabfinden mit der Gegenwart Die Hauptgefahr des Deutschen als Volk aber ist gerade die, sich allzu leicht zufrieden zu geben uird sich in feine häuslichen Dinge vor der Welt zu verspinnen. Nichts hat unS mehr gehindert an einem groben politischen Beruf, als unser stock- blütiges Phlegma und unsere Neigung zu bequemem Optimismus. Beruhigen wir uns also nicht bei dem OdealiSmuS und dem nationalen Gefühl, die wir in der Heranwachsenden Ougend Hubert Die heutige Einheit des «rationalen Gefühls ist zu einem groben Teil vor allem doch natürliche Gegenwehr gegen den furchtbaren
OerFrosch mit derMaske
Roman von Edgar Wallace.
12. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Zeitig ain nächsten Morgen wurde Dick Gordon nach Downingstreet oorgeladen, und es wurde ihm mitgeteilt, daß ein spezielles Ressort geschaffen worden sei, das sich ausschließlich mit jener Gefährdung der Ocffentlichkeit beschästigen solle.
„Sie haben carte blanche, Hauptmann Gordon. Man mag mich tadeln, weil ich Ihnen diese Stellung gegeben habe, aber ich bin ganz sicher, den richtigen Mann gesunden zu haben , sagte der Ministerpräsident. „Sie können jeden Offizier von Scollond Vard wählen, den Sie zu verwenden wünschen.-
„Ich werde Sergeant Elk nehmen", sagte Dick sofort, aber der Ministerpräsident sah ihn mit zwei- feinden Blicken an.
„Dos ist gerade kein hoher Rang", wendete er ein. „Es ist ein Mann mit dreißig Dienstjahren. Lasten Sie ihn mir, Exzellenz und geben Sie ihm den Rang eines Inspektors."
Der Ministerpräsident lächelte. „Wie Sie wünschen." Und als Sergeant Elk am gleichen Nachmit- tage die Beförderungsliste durchfoh, begrüßte ihn fein neuer Titel.
Eine Weile lana war er verblüfft, aber dann dämmerte ein langsames Verstehen über fein Ge- sicht-
„Ich möchte wetten, daß ich der einzige Polizeiinspektor in England bin, der nicht weiß, wann Wil- heim der Eroberer noch England kam", sagte er und fein Stolz war nicht ohne Berechtigung.
VIIL
Roy Bennett
War cs nicht Torheit, an feinem Pulle zu sitzen und Tag um Tag, der sich nicht mehr als Hindernis vor den Sonntag stellte, mit Nachdruck auf diesem rie- sigen Dienstkalender auszustreichen? War es nicht Torheit, während die müßige Hand auf den Akten ruhte, von diesem kommenden Sonntao zu träumen, von dieser Stimme, von diesem Mädchengesicht?
Dick hatte Schönere schon bewundert, Stolzere, ober solche, aus denen eine launisch feffelnbe Seele sprach. Aber was ihn bewegte, wenn bie Erinnerung
äußeren Druck, der noch auf uns siegt WaS darüber hinausgeht, ist noch durchaus unklar, bruchstückhaft, in sich selbst zerspalten, unbeständig — um kein Haar weniger als etwa in der öffentlichen Meinung von 1815 oder 1848, auf welche wir immer großartig herabgrsehen habeit Wenn es eine geschichtliche Verteidigung für die
Fehler Wilhelms II. gibt so ist eS diese, dah diejenigen, die ihn stürzten, sie alle noch einmal wiederholt haben. Deutschland ist vor dem Krieg von oben aufgefordert worden, zufrieden zu fein, und Hai sich zufrieden gegeben: es hat bie Folgen erlebt. Heute vernehmen wir den gleichen Befehl...“
3m Lande der Silberkrone.
Ein Besuch in Albanien. - Um Das Petroleum von Dalona.
Don Leo Sanio.
Er
oh) übersetzte.
offenen strohgedeckten Hütten
lagern Esel
den Oberbefehlshaber der albanischen Armee, darf mit seinen Grenzsoldaten zufrieden sein.
schluckte ich denn drei Pillen und kletterte hinter den in bas Boot hin-
„Sagen Sie mir, Herr Johnson, warum ber Alle Hanbschuhe im Bureau trägt?"
Johnson schüttelte ben Kopf. „Das weiß ich nicht Früher dachte ich, daß es nur geschieht, um bie Narbe auf seinem Handrücken zu verdecken, aber er ist nicht der Mann, der deswegen Handschuhe tragen würde. Seine Anne sind bis zur Schuller hinauf mit Kronen und Ankern und Delphinen tätowiert"
„Vielleicht auch mit Fröschen?" fragte Dick ruhig und es schien den andern zu überraschen.
„Nein, einen Frosch habe ich nie an ihm gesehen. Ein Bündel von Schlangen ist auf fein Handgelenk tätowiert, das habe ich gesehen. Mein Gott, der alte Maitland wird doch nicht etwa ein Frosch fein?" fragte er. Und Dick lächelte über die Angst, di« aus feiner Frage sprach.
„Das möchte ich selbst nur zu gerne wissen", sagte er.
„Ich würde ihn für gemein genua hatten, um sogar ein Frosch oder etwas Aehnliches zu fein", sagte Johnson.
In diesem Augenblick tarnen Ray und feine Schwester heran. Ray sah düster drein und der Anblick Gordons schien ihn nicht heiterer zu stimmen. Ellas Wangen waren gerötet und sie war bis zu Tränen erregt
„Hallo, Gordon," begann Ray ohne Einleitung, „Sie sind es wohl gewesen, ber meiner Schwester Geschichten über mich zugetragen hat. Und Sie haben Elt beauftragt mich auszuspionieren. Ich weiß es, benn ich habe Elt gerabe babei betroffen, wie er . . ."
„Ray, bu barfft nicht fo zu Hauptmann Gorbon sprechen", unterbrach ihn seine Schwester. „Er hat mir nie etwas Nachteiliges über bich erzählt. Was ich weiß, habe ich mit eigenen Augen gesehen. Und dann scheinst bu zu vergessen, dah Gordon Papas Gast ist"
.Lebermann macht solches Aufheben meinetwegen", brummte Ray. „Sogar ber alte Johnson." Er schlug bem Philosophen auf bie Schulter.
„Man hat wohl seine Sorgen mit Ihnen, mein Junge", sagte Philo.
Die Situation entspannte sich erst, als John Bennett mit der Kamera auf bem Rücken den roten Gartenweg heraufkam, um feine Gäste zu begrüßen.
„Ach, Herr Johnson, ich muß mich vielmals bei Ihnen entschuldigen, weil ich den Tag Ihres Be
Herren ber albanischen Regierung unter, bas uns zum hölzernen Ml . „
Inzwischen hatten ber Minister unb ber Präfekt ihre Hüte eingepackt unb hohe schwarze Fez auf- gesetzt unb weihten mich in aller Eile in bie Geheimnisse ber albanischen Verfassung ein. Ich erfuhr, baß ber Senat aus 18, bas Parlament aus 56Mit- illiebem bestehe, baß ber Präsibent vom Volke für ieben Jahre gewählt werbe unb Albanien sich feit ler letzten Revolution — feit zwei Jahren — vollkommen konsolibiert habe. Dank bem Präsidenten Ahmet Zogu I. unb ber glücklichen Lösung, wonach bieser als Mohammedaner die Stellung des Staatsoberhaupt bekleide, indes fein Vertreter, Herr Evangholi, Katholik fei. „So wurde ber langmütige unb blutige Parteihaber geschlichtet und bie Bahn frei für eine fortschreitende Europäisierung unb wirtschaftliche Erschließung Albaniens."
unb Pferde, kleine Dörfchen tauchen hinter armseligen Feldern auf, die Straß« läuft jetzt direkt aufs Gebirge zu. Links strecken sich hügelabwärts Tabakpflanzungen hin — ist doch Tabak neben Ziegen unb Schafen ber wichtigste Exportartikel bes armen Landes.
Abermals Grenzkontrolle, von weitem tauchen Häuser hinter Zypressen auf und bie hohen Maste einer Funkstatton. Wir lanben auf dem Hauptplag von Tirana.
(Ein CafS, gleich drei Moscheen, ein paar alter- tüwttche Brunnen unb daneben ber Nebau einer kleinen Villa — bas Senatsgebäude. Die Häuschen ber europäischen Gesandtschaften umschließen den Platz unb auf der anderen Seite bie Ministerien unb bas Parlament. In der Altstadt langgestreckte, niedrige offene Basare — sämtlichen Handwerkern der Stadt kann man hier bei ihrer Arbeit zusehen. Da werben Schuhe geklopft, dort Decken und Tep- pick« gestickt, hölzerne Sättel gezimmert, Fez sind auf ihren Formen wie Blumnentöpse in Reih unb Glied zur Schau gestellt unb auf Tischen hocken ein paar Männer unb spinnen Garn auf. Am Ende bes Ortes ein weiter, von einer niebrigen Mauer umschlossener Platz. Drei hohe Zypressen im Hinter- gründ, davor eine kleine Kanzrt. Wundervolle Stille unb Abgeschiedenheit. Hier versammeln sich die Mohammedaner zu Fasten unb Gebet. Jetzt sitzen ein paar Soldaten im Gras unb paffen Zigaretten.
Dieser Staat, einer der kleinsten unb ärmsten (Europas, besitzt etwas, worum ihn fast jede Groß-
Als D u r a j x o in Sicht kam, erschien ber ältere Herr in bickem, schwarzem Anzug aus D.ck — mir anderen glaubten in unseren weißen Leinenanzügen vor Hitze zu vergehen — unb schlüpfte in einen schwarzen Mantel, den ihm ein jüngerer, modisch gekleideter Mann bienftbefüfien reichte. Unb bann standen beibe, von noch einigen schwarzäugigen braungesichtigen Mannern nicht ganz klar befinier- barer Nationalität umgeben, an ber Reeling unb blickten würdevoll nachdenklich zur Küste hinüber. „Das Gepäck für Seine Exzellenz!" kommandierte der Obersteward. Exzellenz? Da erfuhr ich, daß dieser Herr Pandeli Eoangheli heiße, Vorsitzen- der des albanischen Senats unb Stellvertreter des Staatspräsidenten sei, und die anderen Herren zu seinem Gefolge gehörten: Sekretär und Minister und Präfekt.
Wi- wurden bekannt und ber Präsident lud mich ein, mit ihm in Durazzo an Land zu gehen. Ob ich nicht Lust hätte, seinen Sekretär nach Tirana zu begleiten? Und der bot mir liebenswürdig gleich eine kleine Dose an: „Chinin, für alle Fälle!" So
diese zarten Züge widerspiegelte, war anderes, war mehr. Nie noch hatte ec einen Sonntag fo ungeduldig herbeigesehnt.
Als er mit einem Lächeln ber Erwartung das Tor des Tartenzaunes öffnete, sah er bie rundliche Gestalt des philosophischen Johnson in einem Gar- tenstuhle ausgeftredl. Der Sekretär erhob sich, um ihm mit einem Ausdruck unendlichen Wohlwollens die Hand zu reichen.
Dick mochte den Mann gerne leiden. Er war ein Repräsentant jener geduldigen Klasse, deren beste Tugenden in ihrer Loyalität und ihrem unermüdlichen Fleiß für die zugeteilte Arbeit liegen.
„Ray sagte mir, daß Sie kommen würden, Hauptmann Gorbon. Er ist mit Fräulein Bennett im Obstgarten, und wie ich aus einem gelegentlichen Blick hinüber entnehmen konnte, bekommt er gerade eine Gardinenpredigt."
„Geht er nicht mehr ins Bureau?" fragte Dick, während er feinen Staubmantel ablegte.
,Lch fürchte, cs ist für immer aus." Johnsons Gesicht wurde traurig. ,Lch selbst mußte es ihm sagen. Der Alt« hatte es herausgefunden, daß er weggeblieben war unb durch irgendein höchst listiges unb unterirbisches Benachrichtigungssystem hat er erfahren, baß Ray ein unjolibes Leben führt. Er ließ einen Buchsachoerständigen kommen, um bie Bücher nachzuseyen, aber die waren, Gott sei Dank, alle in bester Ordnung. Ich bin selber beinahe hin- ausgeflogen."
„Wissen Sie vielleicht, wo Maitland wohnt?" fragte Dick langsam, „unb auf welche Weise? Besitzt er ein Haus in ber Stadt?"
Johnson lächelte. „3a gewiß", sagte er sarkastisch. „Erst vor einem Jahre habe ich entdeckt, wo es liegt) und bis jetzt habe ich es noch keiner Seele gesagt. Der alte Maitland wohnt in einer Gegend, die beinahe ein (Elenbsquartier zu nennen ist. Er wohnt schlecht, ganz so ärmlich wie ein Arbeitsloser. Und dabei besitzt er Millionen. Er lebt mit feiner Schwester. Sie besorgt ben Haushalt unb hat wohl nicht viel Arbeit barmt. Nie habe ich gesehen, baß Mattlanb auch nur einen Penny für sich ausgab. Er trägt ben gleichen Anzug feit bem Tage, an bem ich zu ihm kam. Zu Mittag nimmt er ein Glas Milch unb eine Zwei Pence-Semmel zu sich unb versucht manchmal, mich bahin zu bringen, sie für ihn zu bezahlen."
Dann rattern wir mit bem Auto durch Durazzo ins Land hinaus. Es ist kein behördlicher Wagen, wie überhaupt der Verzicht der Regicrungsinüglie- der aus irgendwelche Vergünstigungen und Sonder- bchandlung vielleicht das sympathischste an diesem Spiel „albanischer Staat" ist: es könnte mancher Großmacht und ellichen Republiken zur Nachahmung empfohlen werden.
Hinter Durazzo — die kleinen, schmutzigen Häu- fer und Basare haben sich um die Ecke gedrückt — beginnt die Chaussee nach Tirana, der Stolz des modernen Albaniens. Sie ist erst nach dem Kriege geschaffen worden, Oesterreich hatte nur ein« holperige, schwer befahrbare Straße angelegt, zur Seite der Feldbahn, die während des Krieges die Truppen von der Küste ins Land hineinbeförderte. Die Gleise dieser Feldbahn überwuchern Disteln aber rechts wird durch Gestrüpp und Stein die Trasie der neuen Bahn gezogen, welche die Küste, Durazzo und Valona, mit Tirana verbinden soll. Albanesen in wächtisrn Turbans — ein Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen — hocken am Straßen- rano unb klopfen so ein bißchen di« Steine für sich hin. Autos kommen uns entgegen, überholen uns, Staubwolken wirbeln hoch, und wenn sie sich verziehen, erblickt man kleine Karawanen von Reitern, bie langsam burch bas niebrige Buschwerk zu Seiten ber Straße dahintraben. Viele Frauen, der dichte, schwarze Schleier läßt nicht einmal ihre Augen frei. Kemal Paschas Reformen haben bei ben Mohammedanern in Albanien bisher nur schwer Eingang gefunden, unb die Frauen sind hier orlhoboxer als irgendwo sonst in ber Türkei.
Alle paar Kilometer steht em sauber gestrichenes Blockhäuschen neben ber Straße: hier wohnen bie Posten, beren Ausgabe bie Instandhaltung der Straße ist. Diese erweist sich denn auch, vom Staub abgesehen, größtenteils in recht gutem Zustand, unb das Auto fiel in kaum ein Dutzend tieferer Löcher unb Gruben hinein. Vor Karawansereien —
Auf bem Molo wimmelte es von zerlumpten Burschen und Männern in weiten Pluderhosen, zwei oder drei Fordautos standen da und bemühten sich vergeblich, keuchend und prustend den Staub abzufchütteln, der in einer dicken Kruste, auf den Chassis lag. Dahinter dörrten bie Häuser von Durazzo, etliche halb zusammengefunken, in der Sonne, StächeIbrahtzäune zogen sich Schutthügel hinauf, dazwischen Gerümpel aller Art, Blechbüchsen, Sacke und fiiften, mächtige Steinquadern wahllos vor Baracken unb Depots hingeworfen, als seien sie hier noch so seit bem letzten Sombarbe- ment ber österreichischen Flotte liegen geblieben. Aber weiter oben wirb gebaut unb, ben ganzen Ort beherrschend, gleißt auf dem nächsten Berg in makellosem Weiß das Schloß des Präsidenten. Darunter zerfallen bie Ruinen des Palais, wo einst ber Prinz von Wieb residierte.
Bevor wir in bie Stabt einbiegen bürfen, müssen wir in eine kleine Hütte treten unb bie Pässe vorzeigen. Dieser Miniaturstaat Europas mit feinen 800 000 Einwohnern nimmt es mit ben Gepflogenheiten ber Großmächte richtig ernst, er schenkt sich keinen von besten Bräuchen, und bie Männer ber Regierung gehen babei mit gutem Beispiel voran. Selbst mit bem Präsibenten bes Senats wurde keine Ausnahme gemacht, auch sein Diplomatenpaß ward geprüft, registriert und vidiert, wie bie ber anderen Minister, bie Soldaten — sehr stramm in ben alten österreichischen Uniformen — spielten ernst Grenz- polizei, unb von ber Wand lächelte ein junger, liebensroürbiger Herr mit glattem Gesicht unter prächtigem Tschako in einer bestickten Uniform. Dieses Bilb eines von Backfischen heiß umschwärmten Filmprinzen stellte Präsident Ahmet Zogu bar, 1
Sreitag, 10. Dezember 1926
macht beneiden könnte: seine Valuta. Der Lek, gleich einem Goldfranc, ist zwar eine Banknote, muh aber aus Verlangen von der Nationalbank jederzeit in Gold umgewechsclt werden. Tattächlich sieht man kaum Papiergeld. Dagegen barf_ man ein Wiedersehen mitber alten österreichischen Silber- kröne feiern, bie das allgemeine Zahlungsmittel ift Dann gibt es noch Franc- und Liremünzen im Verkehr und oor allem das 10- und 20-fironen- und Francgoldstück, und die armen Teufel von Albanesen klimpern mit diesen Münzen, daß selbst Rentenmarkbesitzer darob Gefühle bes Neides nicht unterdrücken können.
Ist bie österreichische Krone unb der Franc als Zahlungsmittel am meisten verbreitet, so wird der Handel von der Lira beherrscht. Italien hält ihn fast vollkommen in Händen. Bisher wohl ohne größeren Konkurrenten. Aber das wird bald anders werden. Um Valona, kaum 20 Kilometer vom Meer, sind Petroleum quellen entdeckt worein Wiedersehen mit der alten österreichischen Silber- Gesellschaften „Ferrooie dello stalo Jtaliane" und der „Miniere Bitume Selenitza", zwei englische — Anglo-Perstan und Ruston — bas Syndicat Franco-Albanien unb bie Standard-Oil. Es wird nicht lange dauern und Valona. cih schmutziges, elendes Hafendori, wird vielleicht der zweifelhaften Ehre teilhaftig werden, eine weltpolitische Rolle spielen zu Dürfen unb von ber simplen Bezeichnung eines Ortes zu einem Begriff aufrücken, wie Mostul unb wie Baku. Dann wird man wieder einmal entdecken, daß es eine albanische Frage gibt, inan wird eigene Konferenzen einberufen, Minister werden Reden halten, Armeen marschieren unb das Prestige ber europäischen Großmächte wird verlangen, baß Gasgranaten unb Fliegerbomben nach Albanien geworfen werben. Oder vielleicht nach Paris ober ßonbon ober Rom. Petroleum ist leicht entzündlich, unb was in Valona als harmloses Feuerchen beginnt, kann halb Europa in Brand setzen.
DerArbeitsmarkI im nördlichen Oderhessen.
3m Bereich« des Arbeitsamtes für das nördliche 06 « r f> e ff e n, umfassend Stabt unb Kreis Dieben und die Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten, hat sich bie Sage des 21 r» b ei t s ma r k t e s Im Saufe deS Monats November etwas ungünstiger gestaltet. Die rückläufige Bewegung, die man übrigens alljährlich um diese Zeit beobachten kann, wurde auch diesmal wieder insbesondere durch die ©in» ftctlurg von Dauarbeiten octanlafjt Notstands- arbeilen sind im ganzen Bezirk des Arbeits- amles im Gange. 3m einzelnen ist ziffernmäßig zu berichten:
Gießen-Stadt. 1. Dezember: 557Haupt- unterstühungscmpfänger. 605 Zuschlags empfänger (1. November: 510 bzw. 558).
Kreis Gießen. I. Dezember. 931 Haupt- Unterstützungsempfänger, 1151 Z uschlags ernpfän- ger (1. November: 913 bzw. 1163).
Kreis AlSfeld. 1. Dezember: 335 Haupt- Unterstützungsempfänger, 39? Zuschlag-empfänges (1. November: 377 bzw. 381).
KretS Lauterbach. 1. Dezember: 132 HauptunterstühungSempfLnger, 152 Zuschlags- em| jünger (1. November: 129 bzw. 147).
KreiS Schotten. 1. Dezember: 217 Harrpt- untersiühungsempsänger, 225 Zuschlag-empfänger (1. November. 198 bzw. 206).
Insgesamt. 1. Dezember 2222 Hauptunterst ützungSempfang er. 2530 Zuschlagsempfänger (1. November: 2127 bzw. 2463).
Gerichtssaal.
Das Urteil im Mordprozeh Meyer.
WSN. Mainz, 9. Dez. 3m Mvrdpcozeß Meyer wurde beute nachmittag das Urteil verkündet. Der Angeklagte wurde wegen Totschlags in zwei Fällen zu je zehn Jahren Zucht- h a u s. die in eine Gesamtstrafe von 15 Zähren umzuändern fint>, ferner Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf 3ah re, verurteilt. Der Staatsanwalt hatte in feinem Plä-
suches bei uns fo oft verschieben mußte. Aber ich freue mich unendlich. Sie hier zu sehen. Wie ift man bei Ihnen im Bureau mit Ray zufrieden?"
Johnson warf einen hilflosen und ausdrucksvollen Blick auf Gordon. „Oh, so ziemlich, Herr Bennett", stotterte er.
Ein Gefühl des Unbehagens überkam Dick, als er begriff, daß Herr Bennett nichts von bem neuen Berufe seines Sohnes erfahren bürfe. Auch Johnson schien biefe Tatsache mit Mißvergnügen zu erfüllen unb nach bem in etwas gebrückter Stimmung verbrachten Mittagessen, als bie beiden im Garten allein waren, schüttete ber ehrenwerte Mann Dick sein Herz aus.
,Lch schäme mich, weil ich den allen Bennett betrüge. Ray hätte es ihm sagen wüsten."
Dick vermochte ihn nur beizupstichten. Des jungen Mannes zornige Selbstsicherheit irritierte ihn unb es war nteberbrürfenb für ihn, dieser plötzlichen unb unverhüllten Feindschaft, bie Ellas Bruder ihm entgegenbrachte, zu begegnen.
Er entbetfte, was viele verliebte junge Männer entdecken wüsten, daß die Gloriole ihrer Liebsten nicht auch deren Verwandte und Freunde mit gleichem Lichte bestrahlt. Unb er entdeckte auch, daß der rundliche Herr Johnson genau wie er selbst von ganzem Herzen in bas Mädchen verliebt war. In ihrer Gegenwart war Johnson nervös unb zerstreut. Er schien unglücklich, wenn sie fortging unb noch viel unglücklicher, als Dick später ihren Ann nahm und sie in den Rosengarten führte, 6er hinter dem Haufe lag.
,Zch weiß nicht, was dieser Mensch hier zu suchen hat", sagte Ray wild, als die beiden verschwunden waren. „Er gehört nicht zu unferer Klasse, und er haßt mich."
.Lch kann mir nicht denken, daß er Sie haßt, Nay", sagte Johnson und erwachte aus seinem unglücklichen Brüten. ,Rx ist doch solch ein liebenswürdiger Mensch."
„Unfmnr sagte der andere verächtlich. ,SSx ist ein Snob. Er ist vor allem ein Polizeimann und ich hasse diese Spitzel. Sie können mir glauben, daß er sich hoch erhaben über uns dünkt. Ader ich bin ebenso viel wie er unb ich wette, baß ich viel mehr Geld als er verdienen werde."
(Fortsetzung folgt.)


