Mittwoch, 10. November (926
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 264 Zweites Blatt
Bruckners 4. Symphonie.
Eine Einführuuc; zum Symphonie- kouzert des 5iouzertvereins.
Das Ausströmen des Raturhasten hatte der Synrphonie Schuberts im Gegensatz zu den klassischen Werken eine neue Gestalt gegeben. Die Klassiker brachten musikalischen Inhalt bewußt in Liebereinstimmung mit der Form, wie bei Beethoven ost mit persönlichem Ringen. Bei Schubert ein Hervorbrechen des Gefühls und ein persönliches Sich-Sclbstgeben ohne Rücksicht auf thematische Verarbeitung. Die Erkenntnis dieser von den Zeitgenossen abgelehnten formalen Lln- Zulänglichkeit veranlaßte Schubert noch kurz vor seinem Tode' bei Simon Sechter ein Arbeiten im gebundenen Stil auszunehmen. Der Tod gebot seinen Plänen Einhalt. 30 Jahre später wurde Sechter der Lehrer ebenfalls eines Raturmusikers: Anton Bruckners.
War Schubert mehr der Vertreter des Wienertums, so stand hier bei Bruckner eine urwüchsige Raturkrast gegenüber, die, eben nicht eingeschränkt durch irgendwelche menschlich konventionellen Bindungen, sich frei in unverkümmerter Frische und Kraft entfalten konnte: die Verkörperung der oberösterreichischen Landschaft! Aus ihr erwuchsen seine Schöpfungen in ungehinderter Spontaneität und Raivität; denn ihm war jegliche Reflexion fremd. Sein Lebensgefühl wurde zum Grund seiner Werke. Das Eich-Geben war der Zweck seines Schaffens, nicht das Erschaffen der Form. Diese knorrige, urwüchsige Persönlichkeit gibt sich frei in ihrer Unverfälschtheit, so wie cs ihr die augenblickliche Stimmung, das augenblickliche Erleben eingibt. Beseelte Sinnlichkeit prägt sich in dem Glanz und der saftigen Farbenpracht aus, fern von aller Artistik. Dem ougenblickllchen Erlebnis folgend, hält er nicht stereotyp an den einmal gewonnenen Formen fest, sondern seine Themen wandeln sich im Laufe des Werkes. Lind so mag es erscheinen, daß seine Schöpfungen fast den .Charakter riesiger Improvisationen tragen.
Weckpolitik.
Wenn wir auch die Auffassung unseres Londoner Korrespondeten nicht in allen Punkten teilen, bringt sein folgen- ' der Aufsatz doch eine Reihe interessanter
Gesichtspunkte, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen. D. Red.
Es ist vielleicht lein Zufall, daß die Meilen- steine der weltpolitischen Entwicklung durch die Ramen von S.'ädtrn und Dörfern in der französischen Schweiz bezeichnet werden: Locarno, Gens, Thoiry. Man mißt damit das weltpolitische Geschehen an der Landkarte, und dte dafür gewählte Landkarte ist das Gebiet eines neutralisierten Landes. In Thoiry sind die Dinge bisher stehen geblieben. Lieber Thoiry ist man nicht hinausgegangen, weder nach Paris noch nach London, noch nach Berlin, geschweige denn in die Vereinigten Staaten von Amerika. So liegt denn die Frage nahe: Stehen wir wieder vor einem Fehlschlag, ist wieder einmal ein großer Aufwand um nichts vertan worden?
Um was handelt es sich denn bei diesen ganzen Unterhaltungen, bei allen diesen Pro- sekten? Die Antwort lautet: Europäische Verständigung. Aber müssen wir nicht fragen, ob der zunächst beschrittene Weg einer Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland mit dem Gelbe Englands und der Vereinigten Staaten nicht schließlich ein Irrweg war? Bedeutet nicht die Tatsache der erneuten Herrschaft Poincares ein Zurückstellen der Uhr um mehrere Jahre, treiben wir nicht im Grunde eine Illusionspolitik, wenn wir, gebannt nach Westen blickend, dort die Gewißheit einer neuen und deutschen Zukunft zu erblicken vermeinen?
Daß auch zum Frieden Geld gehört, nicht nur zum Kriege, ist selbstverständlich. Daß eine Freundschast mit Frankreich, wie sie auch immer aussallen mag, schließlich Kosten verursachen muh, ist beinahe ein Geme.nplah. Wir brauchen nur die französische De'chichte zu betrachten, um zu sehen, daß die ..Grande Ration" weiter kein Interesse hat, als sich andere Staaten tributpflichtig zu machen, um von ihrem Gelde einen guten Tag leben zu können. Seit dem Weltkriege ist dieser Charakterzug, der früher in der Bezeichnung der Franzosen als einer Rentner- nation zum Ausdruck kam, noch stärker hervorgetreten. Frankreich betreibt heute mehr denn je eine Rentnerpolitik. Man möchte beruhigt einen bequemen Tag ohne gar zuviel Arbeit und mit sicheren Einnahmen leben, die man alsdann in der Form von Kapital anlcgen oder seinen Erben hinterlassen kann. So stellt sich der Franzose, der spießbürgerliche, der maßgebende Franzose, seine nationale Zukunst vor. Die Verwirklichung irgendeines großen Gedankens liegt dem gegenwärtigen Frankreich durchaus sern. Man ist viel zu sehr mit seinen trivialen Küchensorgen beschäftigt. Wir werden die Zeche zahlen müssen, darüber ist kein Zweifel.
Darum wäre es aber ein grundsätzlicher Fehler, die ersten aus diesem einzig möglichen Wege deutsch-französischer Verständigung liegenden Hindernisse als unüberwindlich anzusehen. Die heutigen Schwierigkeiten entstammten viel weniger der etwa nicht vorhandenen Bereitwilligkeit Deutschlands, die entsprechenden Beträge für dieses Wohlergehen des französischen Volkes beizusteuern, als vielmehr der Abneigung der englischen und amerikanischen Finanz, in dieses französische Danaidenfaß noch größere Beträge Hineinzuschöpsen, als es schon bisher verschlungen hat. Man muß zwei Dinge voneinander trennen: an der finanziellen Sanierung Frankreichs hat die ganze Welt ein Interesse. Dieses friedloseste aller Völker muß bestochen werden, wenn es Ruhe geben soll. Aber das vorgeschlagene Verfahren besaß den großen Mangel der finanziellen Undurchsührbarkcll. Man muß unterscheiden zwischen Staatshaushalt und Dolkshaushalt. Der Franzose ist sparsam, nüchtern und hie und da sogar fleißig: aber der französische Staat teilt» Tdjaftet aus dem Vollen und denkt nicht daran, Deckung für die verausgabten Beträge zu suchen. Iede Währung ist ein Ausdruck der finanzpolitischen Rechtssicherheit eines Landes. Inflation ist fortgesetzte Deckung des täglichen Bedarfs durch Ausgabe von Schuldscheinen. Damit kann niemand tociterlommen. Es fragt sich also (das ist die Antwort, die Poincarö wird geben müssen), ist Frankreich in der Lage, die Sanie-
rung der französischen Staatsfinanzen aus e i • g e n e r Kraft zu sichern oder nicht. Thoiry hat damit verhältnismäßig wenig zu schaffen: denn hier handelt es sich nach den Erklärungen der reckenden Staatsmänner eben um politische Verständigung mit finanziellem Beigeschmack. Aber man hat bei jedem Gericht schließlich die Wahl zwischen verschiedenen Gewürzen.
Das Veto der englischen und amerikanischen Finanz gegen die ursprünglich beabsichtigte Form der deutsch-französischen Verständigungspolitik besitzt jedoch noch eine weitere und vielleicht auch tiefere Bedeutung. Die englische Regierung war in den vergangenen Monaten viel zu sehr durch die Kohlenkrisis in Anspruch genommen, um sehr weitgehende, politische Pläne in Angriff zu nehmen Man tritt in London kurz. London ist das Zentrum der europäischen Geldtoirtschaft. Wenn Frankreich saniert werden will, fo_ steht cs nicht allein. Auch Polen will und wünscht, finanziell gestützt zu werden. Der italienische Duce braucht Geld. Hilft man dem einen zu sehr, läuft man Gefahr, einen anderen zu ver- schnupfen. Man denkt in England reUpolitischer.
In diesem Zusammenhänge kann gleich eine weitere sehr wesentliche Erscheinung der vergangenen Monate gebucht werden. Fast un- bemerft haben sich die Vereinigten Staaten aus der europäischen Politik zurückgezogen. Weder in Locarno, noch in Genf, noch in Thoiry figurierte der bisher stets zugegene amerikanische Beobachter. An die Stelle der Vereinigten Staaten ist England getreten. Amerika benutzt England als politischen Horchposten in Europa. Die letzte Aktion Amerikas war die Beteiligung an der Dawes-Konferenz in London, und hier beschränkte sich seine Teilnahme auf finanzielle Ratschläge, allerdings gegeben durch seine hervorragendsten Bankiers. Heute ist nicht einmal hiervon mehr die Rede. Zwar reifen noch hie und da amerikanische Finanzsachverständige in Europa umher. Morgan verbringt einen großen Teil seiner Zeit in London und Paris: aber der Amerikaner hat zugelernt, er mischt sich nicht mehr so sehr in Dinge, die er doch nicht gay, so gut beurteilen kann wie der eingeborene Europäer. Amerika macht Geschäfte und keine Politik. Man prosperiert, man wird reich, man amüsiert sich und ist die Politik leid. Die gegenwärtig in den Vereinigten Staaten stattfindende »Wahlkampagne zeichnet sich durch einen viel bemerken Mangel an politischem Gehalte aus. Man kämpft nicht mehr um politische Ideale oder
Wir freuen und, unseren Lesern einen Originalbeitvag aus der Feder des bekannten französischen Wirtschaftspolitikers Louis Loucheur übermitteln zu tonnen. Loucheur ist bei uns besonders durch das sog. »Wiebadener Ab kommen" bekannt geworden, das er als Minister im Iah re 1921 mit Walther Rathenau abgeschlossen hat. Die Tendenz seiner Ausführungen, die Befriedung der Well durch internationale Wirtschaftsabkommen, ist ja bereits in Fluß. Sie wird zweifellos auch die Aussprachen auf der kommenden Welt- wirtschaftskonferenz beherrschen. D. Red. Wenn man das europäische Problem in seiner Gesamtheit prüft, wird man gewahr, daß die Verrückung der Grenzen, die Verringerung des industriellen ober landwirtschaftlichen Wert- bestandes gewisser Rationen und schließlich die Währungskrisen uns vor Aufgaben gestellt haben, die noch kaum untersucht und bisher rein zufällig oder überhaupt nicht g löst worden sind. Es mag am Platze sein, die Krankheit zu diagnostizieren. Deshalb braucht man aber noch nicht an der Heilung zu verzweifeln. Ich meine zunächst, daß eine gemeinsame Prüfung nottut. Es gilt, die Ideen zu konfrontieren. Die Rationen mögen zusammenkommen, unter einander die Aeutzerungen der wirtschaftlichen Krise objektiv untersuchen und zusammen die Mittel suchen, sie, toeim nicht zu heilen, so doch einigermaßen unschädlich zu machen. So entstand der Plan zu einer internationalen
Forderungen, man bekämpft nur noch die Personen, was der beste Beweis politischer Sterilität ist.
So scheint es denn, als wäre die Welt- polllik in einem Zustande der Versumpfung: denn weder geschieht etwas, noch sind irgendwelche großen Projekte (ausgenommen Thoiry) in Erscheinung getreten. Rur im O st en gärt es. Die Zustände in Polen und in Rußland sind, wenn auch aus verschiedenen Gründen, gleich un- flat und besorgniserregend. Wie lange Pilsud- skis Herrlichkeit noch währen wird, ist eine offene Frage. Bricht aber seine Macht zusammen, dann fürchtet man vielfach einer erneute Erschütterung der europäischen Politik. Wie früher der Balkan der Wetterwinkel Europas war, so ist es heute der polnische Osten. Die starke Beachtung, die der russisch-litauische Vertrag allenthalben gefunden hat, zeigt, die Anteilnahme an den dortigen Ereignissen. Polen ist aber faktisch bankerott. Die englische Kohlenkrisis brachte ihm zwar eine Scheinblüte und ermöglichte Pilsudski den Beweis erfolgreicher Regierung, ohne daß er sonderlich großen Anteil an diesen Verdiensten besässen hätte. Aber auch diese Konjunktur geht zu Ende. Was werden wird, weiß niemand. Nur dos weiß man in London, daß eine neuerliche Erschütterung der europäischen Politik Verhängnis- volle Wirkungen auf all die angebehnten Verstän- digungsaktionen haben wird. So sehr man auch die Gefahr fürchtet, so weit ist man davon entfernt, die Hand zu ihrer Beseitigung anzulegen. Aber vielleicht ist es nützlich, daß allgemach die Erkenntnis allgemein wird, daß die polnische Frage den Scklüssel zu der wirklichen Befriedung Europas darstellt. Polen macht verzweifelte Anstrengungen, um eine Verknüpfung der polnischen Frage mit der deutsch-französischen Verständigung herbeizuführen. Dieser Versuch dürfte schwerlich von Erfolg gekrönt sein. Wohl aber empfindet Pilsudski das dringende Bedürfnis, Polen, sowe't es nur geht, wieder in den Vordergrund zu schieben.
Alles in allem müssen wir jedoch zu dem Schluß kommen, daß wir, abgesehen von dem europäischen Osten, allgemein das Bedürfnis nach Ruhe und Stetigkeit finden. Die Ernte wird langsamer heran- reifen, als man das, besonders in Deutschland, vielfach erwartet hat. Aufbauen ist schwerer als Zer- stören. Das ist vielleicht im deutschen Interesse deswegen erfreulich, weil Deutschlands parteipolitische Zustände noch nicht dazu angetan sind, um eine för- derliche Behandlung außenpolitischer Fragen zu ver- bürgen. K.
Wirtschaftskonferenz, die hofsentllch bereits nächstes Frühjahr in Genf unter Beteiligung aller Rationen der Welt zu ©Lanbc kommen wirb. Aber welcher praktische Vorschlag wäre barm ins Auge zu fassen? Ohne Zweifel sind bereits zahlreiche Lösungen untersucht worben. Ich will hier nur eine davon entwickeln. Meiner Meinung nach wäre schon ein großer Schritt getan, wenn aus dem allgemeinen Gedankenaustausch z. D. bie Idee entstünde, bas wirtschaftliche Europa und, wohl verstarrben, tn der gleichen Richtung bie Welt nach bem System zu organisieren, bas bie Deutschen »Horizontal s h st e m" nennen.
Ein Beispiel: Die Kohlenprvbuktion ist in keiner Weise geregelt. Vor bem Kriege exportierte England eine gewaltige Tonnenziffer, Deutschland viel weniger, Frankreich war vollends im Rückstand. Rach dem Krieg ist der Markt durch die Zerstörung der französischen Gruben und bie allmählich Wieberinbetried- sehung ber beutschen Gruben schwer gestört toorben. Wäre es nicht ein Leichtes, bie Kohlen- prvduktion burch ein internationales 2ll>kommen zu regeln, das von Monat zu Monat durch eine in Genf stationierte Zentraltommifsion neu ange- paßt würde, und sie über Europa und die ganze Welt nach fetten, im voraus verabredeten Bedingungen zu verteilen? Wenn eine bedeutende Verlangsamung in der Industrie einträte und eine allgemeine Herabsetzung der Produktion, so würde diese unverzüglich derart geregelt werden, daß nicht Wiedec, wie so oft in der Ver
gangenheit, eine leichte Produktionssteigerung den ganzen Kohlenmarkt stören und ein für bie ganze Industrie äußerst verderbliches Schwanken der Preise Hervorrufen könnte. Wenn dagegen die Entwicklung der VLeltindustrie eine Llcbcrproduktion an Kohle erforderlich machte, so begreift man, daß sie ebenfalls leichter durch eine gemeinsame Verständigung durchgesührt werden könnte. Lind wenn in ber Welt und vor allem in Europa die hauptsächlichsten Industrien derart organisiert sein werden und an ihrer Spiya jeweils einen Dirigenten haben, der für die notwendige Harmonie sorgt, so wird es well leichter fein, dis Zollfragen zu erledigen: sie w e r - dennurnocheinsehr viel geringeres, vielleit gar kein Interesse mehr haben. Der selbstsüchtige, jedoch oft unvermeidliche nationale Protektionismus wird dann durch eine Art von internationalem Protektionismus ersetzt werden.
Außerdem würde man damit zu, einem zweiten, noch vorteilhafteren Ergebnis gelangen. Lim dies zu zeigen, nehme ich eine andere, die Automobilindustrie zum Beispiel. Ame- rifa mit seiner im Vergleich zu Frankreich dreimal stärkeren Bevölkerung, die zudem mindestens über die doppelten Kaufmittel des Durchschnittsfranzosen verfügt, konnte an die Schaffung mäch- tiger Fabriken gehen, von denen manche 4000 bis 5000 Wagen im Tag herausbringen, und zwar zu außerordentlich nieberein Preis trotz der sehr hohen Löhne. Die Aufnahmelraft des ameri- lanischen Marktes ist also zehnmal, ja zwanllg- mal so groß wie die eines großen europäischen Landes. Außerdem haben bie amerikanischen Automobile, trotz aller von unseren alten Rationen aufgerichteten Zollschranken auch uns überschwemmt. Träte in Amerika pwtzlich eine Krise ein, so würde das Bedürfnis, in Europa Absatz für bie Wagen zu finden, noch steigen und die amerikanischen Produzenten veranlassen, ihre Preise in einer Weise Herabzusehen. die für die Lage ber Automobilindustrie unseres Kontinents vernichtend wäre. Iedermann sieht die Gefahr einer solchen Konkurrenz und die Rottoendig- feit des Eingreifens.
Wenn man unser Programin befolgt, so wäre cs möglich, auf Grund der dann zum Abschluß gebrachten „horizontalen" liebere intommen in einem ober z."ei Ländern Europas ein paar mächtige Fabriken einzurichten, die zu gleichen oder doch mindestens sehr benachbarten Sätzen im Vergleich mit Amerika liefern könnten, mit Hilfe der Absatzfähigkeit des gesamten Europa. Ja, es ist leicht einzusehen, daß diese horizontalen Ab- Commen sich unschwer bis auf die amerikanische Produktion selbst erstrecken könnten. Selbstverständlich würde dies durch geführt werden, ohne die Entwicklung der bestehenden Fabriken irgendwie zu hemmen. Das Ergebnis wäre demnach eine Minderung und Milderung der Handels- kämpfe, die Vermeidung katastrophaler Preisstürze, die Ermöglichung einer intensiveren und infolgedessen billigeren Produktion und zu gleicher Zeit die Beruhigung der sogenannten wirtschaftlichen Gereiztheit.
Selbstverständlich tonnten derartige industrielle Konzentrierungen nicht ganz ungefährlich sein, sowohl in sozialer Hinsicht, als auch von einem Standpunkt aus, der uns alle angeht: vom Standpunkt derDerbraucher. Hier gerade scheint es mir unumgänglich, daß eine internationale Verständigung stattfinde und Regeln aufgestellt werden, die ohne lästiges Eingreifen ber Staaten die Kontra Ile dieser Trusts in ihrer Arbeits- und Preispolitik ermöglichen. Es wäre dies eine Art praktischer Sozialismus. Der Völkerbund kann meines Erachtens entweder durch schon bestehende ober durch neu zu schaffende Organe und in Einklang mit verschiedenen Staatengruppen die Kontrolle dieser großen Organisationen in annehmbaren Bedingungen durchführen.
Ich kann von diesen Europa- ober Welttrust- Fragen nicht sprechen, ohne einer ersten, mit ziemlichem Geräusch erfolgten Verwirklichung kurz Erwähnung zu tun: gemeint ist das Stahl- kar t e 11 ober besser, bie „Stahl-Entente", bie soeben zwischen Frankreich, Deutschland, Belgien und Luxemburg zustande gekommen ist. Ich bebaute es, daß die internationale Wirtschafts- konserenz nicht schon vorher zusammengetreten ist und so die allgemeinen Leitsätze für diese ■w-»., _„.u ■■■nm i 1
Europas wirtschaftlicher Wiederaufbau.
Von Louis Loucheur, ehern, franz. Finanzminister, Abgeordnetem und Vertreter Frankreichs ün Völkerbund.
Bruckners Themen, formal nicht begrenzt, geben in ihrer gewaltigen Ausdehnung und Dogenspannung etwas Gigantisches, Koloh- haftes, fast etwas Zyklopisches: bas einem formalistischen Zeitalter schlechthin unverständlich bleiben muhte, solange man in ber Musik einen Ablauf gewisser Formen erblickte. Es ist eben das allgemeine Menschentum, das sich jenseits des Derstandeserlebens bei ihm erschließt. Lind gerade nach einem Zeitalter der exakten Wissenschaften führen die Wege jetzt um fo mehr zu Bruckner hin, dessen Werk aus dem Urgründe alles Seins entsprossen sind. Sein weltfremdes Wesen fand so umso leichter das Band zu den über» weltlichen Regionen. Fast scheint er das Werkzeug ber großen treibenden Kraft, die aus chm spricht, indem sie sein naturhaftes Erleben aufs höchste steigert.
In der Reche seines symphonischeii Schaffens prägen sich Raturergebenheit und Welt- entrückung als Gegenpole aus. Das gesteigerte Raturgefühl in der 4. Symphonie, die Weltenferne in der 9. Richt mit Unrecht hat man darum gerade die 4. Symphonie als das glücklichste Erbtell der deutschen Romantik bezeichnet.
2lus dem Tremolo der Streicher erhebt sich der Ruf des Hornes, das Thema wird durch die Holzbläser verdeutlicht, und aus chm erwächst in seinem Fortgang das zwelle Thema in dem typischen Drucknerryhthmus (zwei und drei Taktviertel verbunden), das glanzvoll wuchtig durch die Blechgruppe zur Höhe geführt wird. Ein gehaltener Homton leitet von der Fülle der Kraft hin zum 3. Thema, nach Bruckners eigenen Worten — durch den „Zi-zi-bee-Ruf" der Waldmeise erweckt. Das Glücksgefühl steigert sich zum Entzücken, das 2. Thema bewirkt die Weiterentwicklung zur hymnischen Steigerung und beschließt mit einem Friedensgefühl die Exposition deS 1. Satzes. Die Durchführung bringt die beiden ersten Themen zu ihrer Vereinigung: ein Aus- schwelgen im Klanglichen, Erdgcfühl und Er- lösungsgedanke, Raturerleben und Religiosität verbunden. Lind zum Wiedereintritt der Themenabfolge erscheint das Eingangsthema von
der Flöte verklärt umspielt, fast visionär entrückt: zum Schluß ein gewaltiges Herauswachsen aus dem Urgrund, Grundton und Quinte als Orgelpunkt. Das Andante ist in seinem Grundzuge wehmütig, elegisch gestimmt; sich im verklärten Gesang zum Triumph über alles Rieder- brüdenbe erhebend. Das Scherzo versetzt in die heitere Wirklichkeit: aus jagdlichen Klängen sich entwickelnd, gibt es (nach einer Bemerkung Bruck- ners) im Trio „eine Tanz weise während ber Mahlzeit zur Iagd". — Das Finale zeigt die Riesengröße Drucknerscher Formung. Allmählich erwächst das Hauptthema aus seinen Anfängen zu gigantischer Größe im Unisono, bas erste Thema des Eingangssahes klingt an. In Überwältigender, überweltlicher Feierlichkell schlleßt das gewaltige Werk.
Wenn wir Bruckners Symphonien anhören, so müssen wir uns vor allem von dem analytischen Ersassen-Wollen freimachen. Bruckners Klangwelt verträgt sich nicht mit dem Intellekt. Schalten wir gänzlich unser bewußtes Wollen aus und vertrauen uns seinem Tonstrome an und lassen uns von ihm führen, so wird sich seine Welt uns erschließen, uns bereichern und innerlich erheben. -in-
Uraufführung in Darmstadt.
Im Kleinen Hause des Hessischen Lan- destheaters fand bie Uraufführung des Schauspiels von Herbert Kranz »Der Berg" statt. Das Drama ist einem Auftrage der Bühne entsprungen, bie wohl vor allem ein zugkräftiges Stück haben wollte und erst in zweiter Linie die Derbunbeiiheit des Theaters mit bem Autor wiederherzustellen beabsichtigte. Die Leitung ber Bühne beruft sich hier auf das Vorbild von Otto Brahrn. Im großen und ganzen wird man nicht wünschen, daß dieses Experiment öfters gemacht wird, wenn auch diesmal der Erfolg das Verfahren scheinbar rechtfertigt. Das Ergebnis ist ein unbestrittener Erfolg für das hessische Künstlertheater gewesen, der in Darmstadt erklärlich ist, weil hier seit langer Zeit fein Theaterstück mit einer handfesten Dramatik auf geführt
worden ist, sondern fast nur solche moderne Dramen, -bie mit Allegorien und Symbolen überfrachtet und dadurch unllar und verworren sind. Bemerkenswert ist, daß dem Drama eine Art Prolog vorangeht, ber von einem Chor von sieben Herren, teils einzeln, teils gemeinsam gesprochen wirb. Die Wirkung war eindringlich: es werden die Leiben und Gefahren des Bergmannsberufes geschildert. Kranz sucht hierfür einen höheren Standpunkt zu gewinnen, aber ihn hindert daran schon eine gewisse, stark betonte, sozialistische Anschauung. Für alles wirb ber Aktionär verantwortlich gemacht, obwohl bie staatlichen Betriebe den Bergleuten kaum bessere Arbeitsbedingungen bieten dürften. Kranz erweist sich in seinem neuen Drama als ein Rach- zügler der Qlaturaliften; es ist etwa mit Hauptmanns »Webern" zu vergleichen. Auf jeden Fall ist aber sein Stück sehr tbeatertoirffam, sowohl durch bie Milieuschilderung, wie auch durch die Einzelschicksale, die er heraus stellt. Es handelt sich um eine Auseinandersetzung in schärfsten Formen zwischen zwei Bergleuten, von denen der eine ältere Rechte auf ein Mädchen geltend macht. Der andere lauert ihm im Bergwerk auf, und gerade als sie sich auf Tod und Geben gegenüberstehen, geht eine Strecke zu Bruch: sie befreien gemeinsam einen Verschütteten, jedoch immerfort schwebt über jedem bie Furcht, daß ber Gegner ihn selbst bei dem Rettungswerk hinterrücks erschlägt. .Unter dem Eindruck des schweren Erlebnisses vollzieht sich die Aussöhnung: die Braut fällt dem zu, ber die älteren Anrechte hat. Zu Beginn ist die Szenenführung des Stückes und ber Dialog lebendiger, schwächt sich später etwas durch bie Wiederholung des Furchtmotivs und durch eine gewisse Redseligkeit der Hauptpersonen ab. Die Handlung ist fpannenb, bleibt jedoch im Raturalismus stecken; eine seelische Vertiefung tritt nur hie und da einmal hervor. Das Schauspiel seht sich aus 17 Szenen zusammen, die sich, Dank der Regie Hans Meißners, glatt abwickelten; auch die Darsteller wurden ihrer Aufgabe in vollem Maße gerecht. S. D.


