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Nr. 2(2 Zweites Blatt Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)Freitag, 10. September 192b

Die Mlitärrevolte in Spanien.

Don unserem v. U.-St.-Verichterstatter.

Madrid, 5. September.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

21 nm. d. Red.: Die inzwischen tele­graphisch eingetroffenen Meldungen von der tatsächlichen Niederschlagung der Re­volte in Spanien lassen den vorliegenden Brief, der unter dem ersten Eindruck der Unruhen geschrieben ist, nicht uninteressant werden.

Madrid erwachte heute mit einer großen Ueberraschung. Ueber das ganze Königreich war der Kriegzustand verhängt worden. Die Gar­nisonen waren alarmiert und in den Kasernen in Marschbereitschaft gesetzt. Ordonnanzen eilten in allen Richtungen, Generäle in ihren Autos fuhren vor dem KrieLsministerium vor, um Orders zu er­halten und Primo de Rivera und der Kriegs­minister, Herzog von Tetuan, hatten die ganze Nacht am Telephon verbracht, hatten wiederholt mit dem König in San-Sebastian konferiert und schließ­lich seine Zustimmung für ihre strengen Maßnah­men errungen. Der König reiste sofort im Automobil nach Madrid ab, um der Entwicklung der Ereignisse die Stirne bieten zu können.

Die Stunde war ernst, sie ist es auch heute noch! Bereits seit dem Juni bestand zwischen der Regie­rung und dem Artillerie- und Jngenieurkorps ein offener Konflikt. Die 2lrtillerieoffiziere und ihr Anhang weigerten sich, das königliche Dekret über die neuen Avencementsbedingungen anzuer­kennen. Sie gingen in ihrem Widerstand so weit, daß sie den Rücktritt Primo de Riveras und die Rücknahme des königlichen Dekretes forderten. Alle Ucbcrrcdungskünste blieben fruchtlos und jetzt brachte die Regierung in Erfahrung, daß sich die Artilleriekommandeure mit ihren Truppen in Val­ladolid und Segovia in ihren Lagern zu ver­schanzen begannen, um zur offenen Meuterei überzugehen, die regicriingstreuc Kavallerie und In­fanterie zusammenzuschießen, falls sie sich nicht an ihre Seite stelle, kurz sie beabsichtigten durch Auf­ruhr ihren Willen durchzusetzen.

Primo de Rivera mußte energisch eingreifen oder vor den Meuterern kapitulieren. Und da er sich stets durch Energie und Festigkeit ausgezeichnet hat, so zögerte er auch hier nicht. Er tat den Generälen in Segovia und Valladolid nicht den Gefallen, Truppen gegen sie zu entsenden, die sich vielleicht geweigert hätten, gegen ihre Kameraden zu schie­ßen, vielleicht gar zu ihnen übergegangen wären, sondern er l ö st e mit einem Federstrich das ganze Artilleriekorps auf, kassierte alle Artilleriegeneräle und Offiziere, verbot den Trup­pen, ihnen Gehorsam zu leisten, setzte Standgericht für die Ungehorsamen, ein und brach damit vorläu­fig dem Aufruhr die Spitze ab. Er hatte dabei das Glück, daß die Ingenieur- und Genieoffiziere, die ursprünglich mit der Artillerie gemeinsame Sache ge­macht hotten, im letzten Augenblick Angst bekamen und sich der Disziplin unterwarfen, so daß die Ar­tilleristen allein als Meuterer zurückblieben.

Es ist vielleicht ein noch nie dagewesener Schritt, daß eine ganze Truppengattung in einem Heer kas­siert worden ist, so daß Spanien im Augenblick wehrunfähig bleibt, es ist aber auch ebenso noch nie dagewesen, daß eine ganze Truppengattung ge­meutert hat und aus Sonderinteressen hinaus das Wohl und Ansehen ihres Vaterlandes aufs Spiel setzte. Aber die Würfel sind gefallen, es gibt jetzt kein Zurück mehr.

Der 2lrtillerieaufruhr muß gebändigt werden, ober das ganze Staatsgebäude Primo de Riveras stürzt im Chaos zusammen. Artillerie, Kavallerie und Garden stehen bisher treu zur Regierung, auch die Fliegertruppen sind loyal, sie alle haben ihren Nutzen aus dem Dekret über das außerordentliche Avencsment gezogen, und nichts deutet bisher dar­auf hin, daß sie sich dem Putsch anschließen wür­den. Aber immerhin ist die Lage sehr verworren und die Stellung Primo de Riveras wird gefähr­lich. Es geht hart auf hart. Die Stunde ist umso bedeutsamer, als der König nach Madrid gekom­men ist und sich an die Seite Primo de Riveras gestellt hat. Nun muß man allerdings bedenken, daß die Artilleristen alles andere als Re­publikaner sind, sie gelten im Gegenteil als ein sehr

Lustreife.

Eine Luftreise habe ich gemacht, von Gießen nach Frankfurt bin ich geflogen, in dreißig Mi­nuten das ist alles.

Man soll etwas darüber schreiben, etwas davon erzählen. Ja aber, gibt es denn etwas zu sagen, was nicht jeder schon weiß, wenn nicht erlebt, so doch hundertmal gelesen hat? Könnte man nicht ebenso sich vermessen, zu berichten, daß man im Schnellzug nach Berlin, oder im Auto nach Nauheim gefahren sei, und was man dabei gesehen habe?

Bor zwanzig vor dreißig Jahren, da hätte man freilich mit diesem Satz etwas zu sagen ge­habt, hätte Aufsehen verursacht, hätte berechtigt einen ehrfürchtig lauschenden Zuhörer- oder Leser­kreis um sich sammeln können mit diesem Sätzchen: ich habe eine Luftreise gemacht, bin durch die Wolken gese^e t. Abglanz vom Wunder­baren, vom phantastischen Abenteuer hätte un­sere Stirn verklärt, Zukunftsmusik hätte uns gegenwärtig umspielt. Heute pah!: eine Luftreise haben Sie gemacht? Soso. Sonst haben Sie keine Neuigkeiten?

Nein, was man wiedergeben, notieren, an­deuten kann, ist ohne Allgemeininteresse, ist un­wichtiger, persönlicher Eindruck, Privatangelegen­heit. Für den Einzelnen, dem dies zum ersten Mal widerfährt, für den, der es gerade unter­nimmt, für den wird es ein großes oder kleines Erlebnis bleiben. Einem größeren Kreise läßt sich wenig erzählen, was nicht hundert <rndere zuvor erzählt hätten. (Lind so gut und treffend, daß man typische Eindrücke nur mit den gleichen Worten wiederholen kann.)

Während das Zubringerauto mit dem blau- gelben Lufthansa-Wimpel (tatüh tataa!) die Kaiserallee hinaufsaust, suche ich mich auf das Kommende vorzubereiten, suche ich aus der Er­innerung die Borstufen, die Stationen zu der Be­gebenheitLuftreise" (für mich ganz privat), an die ich denken will, eh' sich die Erde unter meinen Füßen verliert... Als kleine Abc-Schützen spielten wir in dem Gartenvorort Lichterfelde . Lei Berlin oft in einem Pari, der von einem

aristokratisck)es Korps, aber wenn schließlich ein Dammbruch stattsindet, so weiß man niemals, wo­hin sich der Wirbel trüber Wasser ergießen kann.

Die Zensur wacht streng über den Nachrichwn- dienst aus den Provinzen. Es heißt, daß im ganzen Königreiche Ruhe herrscht. Nach Madrid zu urtei­len, wird es auch der Fall sein, denn tn der Haupt­stadt selbst herrscht die gewohnte schläfrige Alltags ruhe. Die Tagelungerer sitzen in den Cafäs oder gehen zum heutigen Stierkampf und kümmern sich nicht im mindesten um Kriegszustand und mögliche Militärputsche, kaum daß sie das Dekret lesen. Von R e v o l u t i o n s st i m m u n g keine Rede! Unter dem Militär ist die natiir- liche Aufregung bemerkbar, aber dank der Kriegs­gesetze herrscht Vorsicht in ihrem Tun und in ihren Aeußerungen. Von ihrer Haltung allem hängt schließlich die Weiterentwicklung der Krisis ab, die schließlich weder zu optimistisch noch zu pessimistisch beurteilt werden sollen. Es heißt abwarten, ohne den Prophetn im voraus spielen zu wollen.

Der Echec für Spanien im Kampf um den stän­digen Ratssitz, sowie die Verschleppung der Tanger- angelcgenheit trifft rückwirkend die Autorität der Diktatur, und wenn man auch hier gute Miene zum bösen Spiel zu machen und das Gesicht zu wahren versucht, ja im Gegenteil von einem Triumph und von einer Hebung des internationalen Ansehens Spaniens spricht, so täuscht das nur äußerlich über die schlechte Laune hinweg. Die Armee ist nicht zu­frieden, sie .will einen Erfolg. Vielleicht um feine Stellung zu festigen, hat Primo de Ri­vera beschlossen, dem Ersuchen der Union Patriotica nachzugeben und zwischen dem 11. und 13. dieses Monats ein Plebiszit abzuhalten, in dem sich die Anhängerschaft der Diktatur sammeln soll. Es werden nämlich nurJasager" zu den Urnen zuge­lassen. Die Abstimmung findet vor den Augen eines Regierungsvertreters in offneer Stimmenabgabe statt, und wenn auch die alten berüchtigten spani­schen Wahlmethoden außer Gebrauch gesetzt sein mögen, so werden die Alguazile und Gendarmen schon dafür sorgen, daß die Wahlenthaltung nicht zahlreich wird. Nach dem Plebiszit zugunsten der Regierung wird dann zur Einberufung der beratenden Kammer geschritten, deren Wahl- modus und Zusammensetzung trotz eines diesbezüg­lichen Dekretes Primo de Riveras noch immer nicht feststeht. Aber das sind Zukunftsangelegenheiten, die erst aktuell werden, wenn es endgültig gelungen sein wird, die Gärung im Heer zu überwinden. Unter Kriegsgesetzen kann man kein Plebiszit abhalten, oder vielleicht tut man es in Spanien gerade, denn in Spanien ist vieles anders als in den übri­gen Ländern Europas, und die Mentalität ist hier eine andere. Auf alle Fälle sind für Spanien Tage der Entscheidung angebrochen. Sturm­zeichen zeigen sich am Himmel, und die tiefe Ruhe der letzten drei Jahre scheint ihrem Ende zu nahen.

Der russisch-chinesische Aonflift.

Zwischen Rußland und China ist es zu einem ernsten Konflikt wegen der chinesischen Ost» bahnen gekommen, der ernste Folgen haben kann. Zwar sind chinesisch-russische Gegensätze in der Mandschurei an der Tagesordnung und an scharfe Noten zwischen Moskau und Peking in dieser Angelegenheit ist man ja bereits gewöhnt. Diesmal scheint es aber tatsächlich zu einem ernsten Konflikt zu kommen, der leicht zu bewaff­neten Auseinandersetzungen führen kann. Ruß­land hat bereits st arte Truppenmassen an der mandschurischen Grenze zusam­mengezogen, so daß es jeden Tag zur militärischen Besetzung der Ostbahnen schreiten kann, die aber bereits Tschangtsolin mit seinen Truppen beseht hat. Dabei kann es natürlich leicht zu Zusammen­stößen kommen. Boraussichtlich würde hierbei aber Tschangtsolin den Kürzeren ziehen. Der Konflikt begann dieses Mal mit der Beschlagnahme der S u n g a r i f l o t t e , die zu der Berwal- tung der chinesischen Ostbahnen gehört, durch Tschangtsolin. In einem Vertrag vom Mai 1924 hatten sich Rußland und China dahingehend ge­einigt, daß die chinesischen Ostbahnen von bei­den gemeinsam verwaltet würden. Im September desselben Jahres wurde dieser Ver­trag zwischen Tschangtsolin und der Sowjet-

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fünften Hügel überhöht wurde, demLilienthaler Berg". Hier hat man uns von dem Manne er­zählt, dessen Andenken vor kurzem in Deutsch­land wieder einmal geehrt und der unverdienten Vergessenheit entrissen wurde: hier streifte uns spielende Kinder fern und undeutlich der Traum- flügel uralter Jkarussehnsucht...

*

Ein paar Jahre später: dieJla" in Frank­furt. An Lilienthal dachte man kaum noch. Die Fuchsjagden der gelben Freiballons waren ebenso alltäglich wie Parseval über den Straßen der Stadt. Tlnd eines Tages das große Wunder: der erste Zeppelin, den man zu Gesicht bekam. Aber Euler besinnt man sich noch? der machte hartnäckig und unverdrossen seineFlug­versuche", hüpfte auf dem Festhallengelände um­her und maß und zählte nach Sekunden, Minuten und Metern ... Wenig später konnte man wirk­lich einmal einen einzelnen Menschen bewußt und mit überlegener Beherrschungfliegen" sehen. Pegoud. Sein Eindecker schwimmt, die Räder nach oben, auf dem Rücken, ein weißes Figürchen, am blahblauen Himmel kopsunter hängend, winkt der mit steifen Hälsen gaffenden Menge...

Dies sind meine Erinnerungsetappen zur Luftreise. Das Auto biegt um die Waldecke: Flugplatz Gießen. Die Szenerie könnte fast faustisch genannt werden: Trüber Tag, Feld. Auf dem Feld die beiden flugbereiten Vögel, nach Frankfurt der eine, der andere nach Kassel bestimmt. Die Gegenwart herrscht. Lilienthal, Euler, Pegoud liegen dahinten, derweil ich, be­waffnet mit Flugschein, Flugplan und Watte­bausch (für die Ohren) den Eindecker erklettere: Lufthansa D 436.

Während mein neugieriger Blick eben noch geschwind einer umfänglich-ominösen und sehr stab'.l konstruierten Tüte an der Seitenwand ge­wahr wirdFür Luftkranke", springt der Motor an. Ein paar Rufe.Frei!" Der Vogel rennt hurtig übers Feld eine elegante Bie­gung, derweil drüben im blauen Dunst Gleiberg und Vetzberg das Blickfeld des Seitenfensters be­grenzen ... hoch! Wir fliegen. Und es ist herrlich.

Dabei ist, tote man's oft gelesen hat, das erste Gefühl gar nicht: wir fliegen. . . sondern:

tegierung in Mulden dahingehend abgeändert, daß vom Oktober ab die Dahn wieder an Ruß­land übergeben werde, wobei sich jedoch China ein gewisses Aufsichtsrecht vorbehielt. Ueber viele Fragen konnte man sich jedoch damals ebensowenig wie heute einigen, so daß dauernd Streitigkeiten über die Auslegung der Ab­machungen herrschten. Im Januar dieses Jahres ließ Tschangtsolin den russischen Generaldirektor , der Ostbahn verhaften.

Mit der Verwaltung der Ostbahn hatte aber Rußland gleichzeitig verschiedene Rechte in der Mandschurei erhalten, so unter anderem die Ge­meindeverwaltung in Charbin und das Recht zur Einrichtung russischer Schu­len, in denen die Kinder der russischen Dahn- beamten von russischen Lehrern unterrichtet wer­den sollten. Rußland hat nun diese Schulen zu Pflanzstätten kommuni st ischer Ideen gemacht und von hier aus versucht, Einfluß auf die chinesische Bevölkerung zu gewinnen, was um so leichter war, als auch viele chinesische Kinder die russischen Schulen besuchen. Auf den ostchine­sischen Bahnen arbeiten etwa 20 000 Sowjet­beamte und in der Mandschurei leben außerdem noch 200 000 russische Bürger. TsHangtsolin war die russische Ostbahn schon immer ein Dorn im Auge, denn sie ist die Hauptlebensader des Lan­des und sichert daher Rußland einen starken kulturellen und wirtschaftlichen Einfluß in der Mandschurei. Das hat natürlich auch Japan nie gefallen, das bekanntlich in der Mandschurei sehr ausgedehnte wirtschaftliche Interessen hat. Die Bahn konkurriert scharf mit den japanischen Verkehrsunternehmungen und macht trotzdem recht gute Geschäfte.

Mit Hilfe der von Tschangtsolin beschlag­nahmten Sungari-Flotte hat Rußland versucht, den Ausfuhrhandel an sich zu ziehen, und nach dem russischen Wladiwostok zu leiten, was Tschangtsolin durch sein Vorgehen gegen diese Schiffahrtsverbindung verhindern will. Durch die Ableitung des Ausfuhrhandels der Mandschurei nach Wladiwostok wurde aber in der Hauptsache Japan und vor allem auch Tschangtsolin finan­ziell geschädigt, da ihm zahlreiche Einnahmen aus seinen eigenen oder aus den japanischen Transport­mitteln entgingen. Neben diesen rein wirtschaft­lichen Gegensätzen zwischen der Sowjetregierung und Tschangtsolin spielen aber auch politische Gesichtspunkte eine große Rolle. Tschangtsolin fürchtet vor allem die Stärkung des Kommunis­mus in Nordchina und besonders jetzt, wo die Kantonarmee und Feng so große Fortschritte Wupeifu gegenüber errungen haben.

Wie der ..Asien-Osteuropa-Dienst" soeben aus Moskau erfährt, ist der Sowjctgesandte in der Türkei, S u r i tz. an Stelle Karachans zum Sowjetgesandten in Peking ernannt worden. Ka° rachan wird in Moskau bleiben. In der Streit­frage mit Tschangtsolin hat Moskau der chinesi­schen Regierung vorgeschlagen, die Ost china - bahn zu neutralisieren und die chinesi­schen Truppen ohne Entgelt zu befördern. Ja­pan hat die Bitte Rußlands gegen neue Kon­zessionen auf Sachalin im russisch-chinesischen Kon­flikt zu vermitteln, abgelehnt.

51. Deutscher Gastwirtetag.

WSN, Kassel, L.Sept. Heute vormittag begann in der mit Blumen geschmückten Stadthalle die offi­zielle Eröffnung des 5 1. Deutschen Gast» wirtetages in Anwese<he'M by. Vertreter ber Reichs-, Staats- und Kommu7?albehörden. Zu­nächst nahm der Vorsitzende des Kasseler Gast­wirtevereins, Hartleb, das Wort. Er be­grüßte im Namen des Kasseler Gastwirtevereins und des Provinzialverbandes Hessen-Nassau die Gäste und dankte der Stadt für die freundliche Aufnahme in Kassel. Er wünschte, daß die Tagung eine machtvolle Kundgebung auch nach außen werden möchte.

Darauf hieß der Präsident des Deutschen Gastwirteverbandes, K ö st e r, die Vertreter der Behörden, vor allem den Oberpräsidenten Dr. Schwände r, den Regierungspräsi­denten und den Oberbürgermeister

wir ruhen. Bloß die Erde, der grüne Flugplatz gleitet sänftlich, rücklings unter den Füßen weg. Wird klein, schrumpft zusammen, gliedert sich ins vogelperspektivische Figurenbild, in die sinnvoll begrenzten Flächen und Farben der Landschaft, besser gesagt, der Landkarte ein. Erst in gewissem Abstand spürt man: wir steigen. Einen Augenblick kantet die Maschine scharf in einer ausholenden Kurve, ein Stück Himmel, ein paar Häuser flitzen viertelsekundenlang, toto man dergleichen eigent­lich nicht zu sehen erwartet, über die Netzhaut. Dann liegen wir wieder gerade.

Vor uns, bedrohlich geballt und geschichtet, den Fernblick schmerzlich abschneidend, türmen sich Wolken. Alle Schattierungen, vom flockig lockeren Weiß und hellen Grau bis zum ge­wittrigen Dlauschwarz. Unter uns: Gießen, die Stadt. Wieder drängt sich längst Bekanntes un­widerstehlich auf. Linken guckt man in eine Spiel­zeugschachtel. Nürnberger Tand ist aufgebaut mit blauen und roten Dächern. Ein Silberpapier­streifen schlängelt sich blinkend drum herum, der heißt die Lahn. Ein schwarzes Würmchen krab­belt hastig davon, läßt einen Wattebausch hinter sich her fliegen und ist, genau besehen, ein beacht­licher Eisenbahnzug.

Eben schaute man noch von oben her in Wälder hinein, die wie Kohlgärten aussehen. Eben noch winkt der Begleiter nach links mit der Hand: Nauheim. . . Friedberg da ist auf einmal alles weg. Graue Schleier fliegen links, rechts von uns, unter uns weg, hüllen uns ein, benebeln den Vogel, zerreißen wieder, der Blick fällt ins Grüne, Erdbraune, auf weihe Landstraßenbänder und rote Dachtupfen. Lind derweil ist das Spielzeug noch winziger ge­worden.

Dann gibt es zwei-, dreimal einen Ruck: wir sacken ein paar Meter durch nach unten. Maa hat das bekannteFahrstuhlgefühl". Aber ganz sänftlich. Die bewußte Tüte jedenfalls, vorsorg­lich, umfangreich, solid gebaut, kommt keinen Augenblick in Frage, bleibt verächtlich links liegen, für kommende, minderluftfeste" Ge­schlechter. Die Explosion ins Innere, von der Eckener neulich sprach, ist nie zu befürchten.

der Stadt Kassel, Stadler, herzlich willkom­men. Ebenfalls recht herzlich begrüßte er die Vertreter des österreichischen Verban­des. CRebner ging dann auf die Rede des Reichskanzlers auf der Tagung der Katholiken in Breslau ein, wobei gesagt worden war, daß im deutschen Volke zu wenig Gemeinschaftssinn zu spüren sei, und sagte, der Reichskanzler irre sich, wenn er annehme, daß zu wenig Ge­meinschaftssinn im deutschen Volke vorhanden sei. Die Liebe des Staatsbürgergs für fein Vaterland sei groß, aber man dürfe nicht mehr die Rechte der freien deutschen Staatsbürger so beschränken, wie 'das heute der Fall sei. Dann werde auch der Gemeinschaftssinn immer mehr in den Vordergrund treten. Redner kriti­sierte dann die Einstellung der Regierung gegenüber dem deutschen Mittelstand. Nötig sei auch vor allem, daß der Derwaltungsapparat wieder auf den Stand zurückgeführt würde, den er vor dem Kriege gehabt habe, um so die nötigen Ersparnisse zu machen.

Oberpräsident Dr. Schwander überbrachte darauf die Grüße und Glückwünsche der Staats­regierung und der Reichs- und Staatsbehörden an das deutsche Gastwirtsgewerbe, das in der deut­schen Wirtschaft einen bedeutenden Platz einnehme, einen Platz, der außerordentlich wichtig für so viele andere Gewerbe sei. Der Redner wandte sich dann gegen den Alkoholmißbrauch, der bekämpft werden müsse. Die 'Gastwirte hätten ein outes Stück im Kampfe gegen diesen Mißbrauch beizutragen.

Oberbürgermeister Dr. Stadler entbot darauf die besten Wünsche der Stadt, des Magi­strats, der Stadtverordnetenversammlung sowie der Bürgerschaft. Er gedachte sodann der machtvollen Entwicklung des Verbandes und seiner Wichtigkeit für den Mittelstand. Die Gegensätze müßten über­baut! werden und wir alle eintreten für das ge­meinsame Vaterland. In diesem Sinne wünschte' er der Versammlung einen vollen Erfolg.

Grüße überbrachten ferner der Reichstagsabg. , Schnabrich, der Landtagsabg. Jordan sowie der Landtagsabg. Troßmann.

Die Versammlung trat dann in die Haupt- . Verhandlungen ein. Sie nahm Stellung . zu dem Entwurf eines Schank stättenge- setzes, wozu der Präsident Köster ausführte, daß dieses Gesetz für das Gastwirtgewerbe ein wichtiges Faktum darstelle. Seit vielen Jahren führe der Verband einen hartnäckigen Kampf um die Polizeistunde, wobei grundsätzlich an bet alten Forberung ihrer völligen Beseitigung fest­gehalten werde, aber gleiche Behandlung von Stadt und Land im anderen Falle gefordert werden müsse. Peter, München, erfmrte, es sei notwendig, daß bei der Durchführung der aus der bayerischen Gewerbeordnung stammenden Ge­setz der Zopf abgeschnitten werde. Süddeulschland habe wohl die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte, wie das übrige Deutschland. Runge, Köln, verlangte den Ausbau des Pen­sionsfonds. Wollenweber, Fraicksurt, trat dafür ein, daß der öffentliche Tanz dem Saal» besitzer zugestanden werde. Es wurde darauf eine Entschließung angenommen, nach der der geschäftsführende Ausschuß des Deutschen Gast­wirtsverbandes sich mit den in Frage kommen­den Erwerbsgruppen, aber auch mit den Konsu­menten ins Einvernehmen setzt, um gegen die Trockenlegung mit Nachdruck zu pro­testieren. Weiter wurde folgender Beschluß angenommen, in dem der 51. Deutsche Gastwirte­tag gegen das Fortbestehen der Gemeindegetränke- steuer-Frage die Anregung der preußischen Staatsregierung begrübt, die auf die Gemeinden in dem Sinne eingewirkt habe, diese Steuern fallen zu lassen. Die Beratungen werden fort­gesetzt.

Wgiter wurde solgender Beschluß einstimmig gefaßt:Der in Kassel versammelte 51. Deutsche Gastwirtetag erhebt gegen den Fortbestand der Gemeindegetränke steuern schärfsten Einspruch und begrüßt den Beschluß des Preußischen Landtages, durch das Staatsministe­rium den Gemeinden die Aufhebung dieser Steuer noch für das Jahr 1926 zu empfehlen."

Die Verhandlungen wurden hierauf auf Donnerstag vertagt.

Lleberhaupt: das Gefühl der Sicherheit, des Geborgenseins hoch oben, der Beherrschung des Elementes wundervoll. (Um Mißverständnisse zu vermeiden:herrschen" tut natürlich der Flug­zeugführer, unser schneidiger kleiner Pllot, der sich eben, als wir sackten, freundlich und sehr unbekümmert lächelnd zu uns umwandte: wir sitzen bloß im bequemen Leder, lächeln auch, schauen und genießen. Wir fliegen eben, mit einem Wort.) Lind dann: das Gefühl des Raumes, des weiten, dreidimensionalen Raumes, dessen wan­dernder Mittelpunkt wir sind. Rasend schnell wandert" der Mittelpunkt, gleitet das zu- sammengeschrumpste Ich. Dennoch ist dieses zu­gleich verwirrende und beglückende Raumgefühl viel stärker (für mich wenigstens), als das der eminenten Geschwindigkeit. Das hat man weit mehr von unten, wenn man, ein armer Erden­bürger, Kopf im Genick, hinaufstarrt. Aber man starrt ja gar nicht mehr. . . Lilienthal, Euler, Pegoud, das war einmal. Vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren. Historische Stationen. Erinnerungsstützen fürs Gegenwärtige: Luftreise mit allem Komfort.

Schräglinks unten dreißig Minuten sind kaum vorubergeflitzt ein graues Häuserwirrfal: Frankfurt. Rechts Fläche: Flugplatz Rebstock. Gleitflug, Kurve, Schleife. Es geht zur Landung. Man macht fich abermals aufsFahrstuhlgefühl" gefaßt unnötigerweise. Es bleibt aus. Wir wiegen uns sanft abwärts. Wieder die Sinnes­täuschung, während wir über die Häuserblocks gleiten: wir senken uns nicht, sondern die Dächer wachsen mit plötzlichem Ruck zu uns heraus. Ganz niedrig. Nur keine Schornsteine mitnehmen I Noch ein Bahndamm. Den nehmen wir fast im Sprung, wie ein Jagdpferd die Mauer. Auslauf. Das Aufsetzen spürt man kaum. Wir stehen, sind da, der Boy öffnet die Kabine, man klettert hinaus.

Das knatternde Auto, das mich die Mainzer Landstraße hinunter durch Rieselregen zum Bahn­hof führt, kommt mir plötzlich kümmerlich vor. Es klebt so an der Erde. Llnd die Häuser pressen sich einengend von rechts und links. DasRaum­gefühl" ist weg. Die Luftreise ist beendet. Neuig­keiten sind, leider, nicht davon zu erzählen. Aber man muh es mal erlebt haben.y