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Nr. 212 Erstes Statt

176. Jahrgang

Hrettag, 10. September 1926

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Der Einzug der deutschen Delegation in Gens.

Die Begrüßung in der Vollversammlung. - Stresemann spricht. Briands Willkomm.

Die Ankunft der deutschen Delegation in Genf.

Genf. 9. Sept. (WTB.) Unter sehr starkem Andrang des Publikums und der Presse sind heute abend kurz nach 5.15 Uhr Reichs- minister des Aeuhexn, Dr. Strese­mann. Staatssekretär v. Schubert und Mini­sterialdirektor Dr. Gaus mit anderen Mit­gliedern der deutschen Delegation hier einge­troffen. Die deutschen Delegierten wurden auf dem Bahnhöfe vom deutfchen Gesandten in Bern. Dr. Adolf Müller, durch den deutschen Gene­ralkonsul in Genf. Asch mann, und den Führer der derzeitigen deutschen Delegation für die Ab­rüstungskommission, Oberstleutnant v. Bo et ki­cher, den Grafen Bernstorff und andere begrüßt. Nachdem die Herren den Zug verlassen hatten, begaben sie sich sofort in drei offenen Autos nach dem Hotel Metropol, wo für sie in der dritten Etage Zimmer reserviert waren. Dor dem Hotel sammelte sich schnell ein großer Menschenhaufe an, der etwa eine Stunde warten mußte, ehe Dr. Stresemann mit seiner näheren Begleitung zu Fuß das Hotel verlieh. Er be­gab sich zum Reformationssaal, um die Plätze der deutschen Delegation zu besichtigen. Der zweite Teil der deutschen Delegation, ins­besondere die parlamentarischen Sachverständigen, trafen heute abend 8.38 Uhr in Genf ein.

3n -er Völkerbundsversammlung

Genf, 10. Sept. (WTB. Funkspruch.) Bereits vor Beginn der Sitzung ist das Präsidium unter N i n t s ch i t s ch vollzählig an seinem Platz. 10.30 Uhr ertönt das erste Klingelzeichen. Die großen Delegationen sind vollzählig anwesend. Unter den zahlreichen Anwesenden von Angehörigen der deut­schen Delegation befinden sich auch Frau Dr. Strese­mann und ihr ältester Sohn. 10.35 Uhr wird die Sitzung eröffnet, und zwar mit der Formalität der Berichterstattung der Mandatsprüfungskommission, die die Feststellung der Ordnungsmäßigkeit der Vollmachten der deutschen Delegation hat vornehmen lassen. Präsident N i n t s ch i t s ch fordert die deutschen Delegierten auf, ihre Plätze einzu­nehmen. Unter minutenlangem Applaus betreten Dr. Stresemann, Dr. v. Schubert und Dr. Gaus den Saal, um ihren Platz einzunehmen. Nintschitsch bezeichnet den Vorgcma in seiner Begrüßungs­ansprache als in doppeltem Sinne bedeutungsvoll und geschichtlich erstens, da er die Universalität des Völkerbundes um einen großen Schritt weiterbringt und dann, da die Aufnahme einer neuen euro­päischen Großmacht eine sichere Gewahr für den Frieden und die Wohlfahrt der Welt bedeuten. In kurzen Worten begrüßt er herzlich die Vertreter des Deutschen Reiches als Mitglieder der Versammlung. Nach der Aufforderung durch den Präsidenten betrat hierauf

Reichsminister Dr. Stresemann

unter neuem, anhaltendem Beifall, zu dem Cham­berlain und Briand das Zeichen geben, die Tribüne, um in deutscher Sprache nachstehende Rede zu halten:

Deutschland rückt mit dem heutigen Tage in die Mitte von Staaten, mit denen es z. T. seit langen Jahrzehnten in ungetrübter Freundschaft verbunden ist, die zum anderen Teil im letzten Krieg gegen Deutschland verbündet waren. Es ist von geschicht­licher Bedeutung, daß Deutschland und diese letz­teren Staaten jetzt im Völkerbund s i ch zu dauernder friedlicher Arbeit zusam- menfinden. Diese Tatsache scheint deutlicher als Worte und Programme es können, zu erklären, daß der Völkerbund in hohem Maße dazu geeignet fein kann, dem Entwicklungsgang der Völker eine neue Richtung zu geben. Die grundstürzenden Ereig­nisse eines furchtbaren Krieges haben die Mensch­heit zur Besinnung über die den Völkern zugewie- senen Aufgaben gebracht. Wir sehen, wie die Wirt­schaft die alten Grenzen der Länder sprengt und neue Formen internationaler Zusammenarbeit er« . strebt. Wollen wir eine ungestörte Weltwirt­schaftsentwicklung, dann wird das nicht ge­schehen durch Abschließung der Länder voneinander, sondern durch Ueberbrütfung dessen, was bisher die Wirtschaft der Völker trennte. Wichtiger aber als alles materielle Geschehen ist das see­lische Leben der Völker.

Es kann nicht der Sinn einer göttlichen Welt­ordnung sein, daß die nationalen Leistungen gegeneinander gehen und damit die Vorwärts­entwicklung immer wieder zurückwerfen.

Die politische Auswirkung dieser Gedanken liegt in einer inneren Verpflichtung der Staaten, ge­meinsam zusammenzugehen. Deutschland hat schon vor seinem Eintritt in den Völkerbund. bewiesen, im Sinne friedlichen Zusammenwirkens zu arbeiten. Davon zeugt die deutsche Initiative, die zu dem Pakt von Locarno führte. Davon zeugen jetzt die mit allen Nachbarstaaten abgeschlossenen deut­schen Schiedsverträge. Die deutsche Regie­rung ist entschlossen, diese Politik mit aller Ent­schiedenheit weiter zu verfolgen. Sie kann mit Ge­nugtuung feststellen, daß diese Gedanken anfangs in Deutschland heftig bekämpft sich allmählich immer mehr das deutsche Volksbewußtsein erobert

haben, so daß die deutsche Regierung auch für die große Mehrheit des deutschen Volkes spricht, wenn sie erklärt, daß sie sich an den Aufgaben des Völkerbundes mit voller Hin­gebung beteiligen wird. Die deutsche Delegation glaubt, daß bei den weiteren Arbeiten zunächst die­jenigen Gebiete besondere Beachtung verdienen, bei denen die einzelnen Völker durch Einordnung in gemeinsame Einrichtungen die eigene Leistungs­fähigkeit zu steigern vermögen, vor allem durch das Streben nach einer allgemeinen Rechtsord­nung, das in der Gründung des Weltgerichtshofes sichtbaren Ausdruck gewonnen hat. Von besonderer Bedeutung sind ferner die Bestrebungen, die sich auf die Abrüstung beziehen.

Die völlige Abrüstung Deutschlands ist durch den Versailler Vertrag als Beginn der allge­meinen Abrüstung festgesetzt worden. Möge es gelingen, einer allgemeinen Abrüstung in prak­tischer Arbeit näfjer zu kommen und damit den Beweis zu erbringen, daß eine starke positive Kraft den großen Idealen des Völkerbundes fchon jetzt innewohnl.

Deutschlands Beziehungen zum Völkerbund werden freilich nicht ausschließlich durch die jetzt gegebene Möglichkeit der Mitarbeit bestimmt. Der Völkerbund ist vielmehr in mancher Beziehung auch Erbe und Vollstrecker der Verträge von 1919. Daraus haben sich, wie ich offen ausspreche, in der Vergangenheit vielfach Differenzen zwischen dem Völkerbund und Deutschland ergeben. Ich hoffe, daß sich die Behandlung der hierbei in Betracht kommenden Fragen infolge unserer künftigen Mit­arbeit im Völkerbunde immer leichter gestalten wird. Dem Dölkerbundsgedanken widerstrebt es, die im Bunde mitarbeitenden Nationen zu trennen in solche, die Sympathien und Antipathien mitein­ander verbinden. Ich lehne in diesem Zusammen­hänge auch ganz entschieden die Auffassung ab, als wenn die Stellung, die Deutschland bisher in An­gelegenheiten des Völkerbundes eingenommen hat, von solchen Sympathien oder Antipathien einge­geben worden wären. Deutschland wünscht mit allen Nationen im Völkerbund auf Grund gegenseitigen Vertrauens zusammenzuarbeiten. Wenn der Eintritt Deutschlands auch einen wichtigen Schritt zur Uni­versalität des Bundes bedeutet, so müssen wir doch unserem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck geben, daß Brasilien die Absicht kundgetan hat, sich aus dem Völkerbund zurückzuziehen. Dieses Be­dauern wird um so lebhafter, als Deutschland auf dem Standpunkt steht, daß zum Begriff der Uni­versalität des Völkerbundes auch der Gedanke ge­hört, nicht einem Erdteil die maßgebende Bedeu­tung gegenüber anderen Erdteilen einzuräumen. Wir sehen uns ferner eins mit dem im Bunde ver­einigten Nationen in der bestimmten Hoffnung, daß

die wertvolle Mitarbeit Spaniens im Völker­bund erhalten bleiben

möge. Erst durch die Universalität wird der Bund vor jeder Gefahr geschützt, seine poli­tische Kraft zu anderen Diensten als zu reinen Friedensdiensten einzusehen. Nur auf der Grund­lage einer Gemeinschaft, der alle Staaten in voller Gleichberechtigung ange­hören, können Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit die wahren Leitsterne des Menschenschicksals wer­den. Deutschland ist entschlossen, sich in seiner Politik auf den Boden jener erhabenen Ziele zu stellen. Möge die Arbeit des Völkerbundes sich auf Grundlage der Grundbegriffe: Frei­heit, Friede und Einigkeit vollziehen, dann werden wir dem voki uns a* ?n erstrebten Ziele näherkommen. Daran freudig mitzu- arbeiten, ist Deutschlands fester Wille!"

Die Nede Stresemanns, der von der Ver­sammlung schon bei seinem Aufstehen lebhaft be­grüßt wurde, wurde an verschiedenen Stellen von lauten Beifallsbezeugungen un­terbrochen, auch die Schlußworte der Rede wurden mit stürmischem Beifall aufge- nommen.

Nach der Liebertragung der Nede des Reichs­ministers Dr. Stresemann in französische und englische Sprache ergriff 11.30 Ähr

der französische Außenminister Briand,

mit Händeklatschen und begeisterten Zurufen be­grüßt, das Wort zu einer überaus eindrucks­vollen Rede, in der er zunächst seine Freude dar­über aussprach, daß es ihm von der Versamm­lung vergönnt worden sei., gleich nach dem so würdigen Vertreter Deutschlands die Tribüne des Völkerbundes zu besteigen, um unmittelbar nach ihrem Eintritt an die deutschen Vertreter Worte der Begrüßung zu richten und sie herzlichst des ausdrücklichen Wunsches Frankreichs zu ver­sichern, mit Deutschland gemeinsam im Geiste der Opferwilligkeit für das gemeinsame Ziel zusam­menzuarbeiten. Er hoffe und habe verstanden, daß das Erscheinen des französischen Vertreters auf ter Tribüne in diesem Augenblick gleich nach den beredten und würdigen Worten, die man gehört habe, ein Umstand von nicht nebensächlicher Be­deutung fei. Das Ereignis, dem man hier bei­wohne, verspreche in seiner Auswirkung die Er­füllung der so berechtigten Hoffnungen, die die Völker hegen. Dann wandte sich Briand mit temperamentvoller Geste gegen die Spötter und die Derkleinerer des Völkerbundes, denen es ge­

fallen habe, seine Festigkeit in Frage zu ziehen und sein demnächstiges Verschwinden zu prophe­zeien.

Ohne den Völkerbund wäre ein solcher Tag nicht möglich gewesen, ein Tag wo die Völker die in dem furchbarsten aller Kriege, den es je gegeben hat, ihren gemeinsamen Willen der Zusammenarbeit an diesem Ort kund- geben.

Der heutige Tag bedeutet: Ls ist aus mit dem Krieg! von nun an wird der Richter die internationalen Konflikte regeln, wie er die privaten regelt. Fort mit den Kanonen? Nun ist der Friede da?

Deutschland und Frankreich haben den Frie­den, wo sie Heldentaten verrichten können. Die Wege dahin waren nicht bequem und wir haben schwere Kämpfe zu bestehen gehabt, bevor wir zum Ziel gekommen sind. Wir haben mit den Strömungen in unseren eigenen 2än« dem zu kämpfen, die von uns einen Geist des Egoismus verlangen. Wir wissen die Versuchun­gen von uns zu weisen, die und gegeneinander hetzen und den Geist der Verschwörung hierher mitbringen, Unfere Völker werden durch den Verzicht auf gewisse egoistische Wünsche nur grö­ßer werden, um neuen auftauchenden Problemen mit Geduld gegenüberzutreten und alle Vorfälle im Geiste des schiedsrichterlichen Gedankens zu behandeln.

Den Gedanken des Völkerbundes müssen wir mit unserem ganzen Herzen verteidigen. Mit uns der Friede! Die schönen Worte, mit denen Deutschland und Frankreich sich ihrer Mitarbeit versichert haben, dürfen nicvt nur Gesten fein." Anschließend an die Worte des Reichs­ministers Stresemann gab dann auch Briand der festen Hoffnung Ausdruck, daß man Bra­silien und Spanien durch Mitarbeit des Völkerbundes erhalten werde. Seine Rede wurde von der Versammlung mit anhaltendem Beifall ausgenommen.

Nach Briand ergriff noch kurz der englische Delegierte Sir Austen Chamberlain zu einer Begrüßung der deutschen Delegation das Wort. Nach seinen Degruhungsworten schlägt der Präsident der Vollversammlung vor, die Sitzung zu vertagen. Dem wird entsprochen. Die nächste Sitzung findet heute nachmittag 3.30 Uhr statt und bringt die Fortsetzung der Diskussion über den Bericht des Generalsekretärs des Völ­kerbundes.

Polen und der Eintritt Deutschlands.

Polens Forderung nach einem ständigen Ratssitz nur vertagt.

Paris, 10. Sept. (WTB.-Funkspruch.) Der polnische Außenminister Zalewski hat einem Vertreter desPetit Parisien" in Gens über die durch Deutschlands Eintritt in den Völkerbund geschaffene Lage erklärt, Polen freue s i ch am meisten darüber, offen und loyal mit Deutschland zusammen zu arbeiten, um alle Mißverständnisse verschwinden zu lassen. Die Epoche der großen politischen Kontroverse sei hoffentlich endgültig mit Deutschlands Ein­tritt geschlossen. Polen sei immer bereit, feine Handelsbeziehungen mit Deutschland aus einer gerechten Basis zu regeln. Zur Frage, ob Polen von der Verteilung der Völkerbunds- ratssihe befriedigt sei, erklärte Zalewski:Wir haben in keiner Weise unsere Forde­rung aus einen ständigen Sitz auf« gegeben, die polnische Regierung muh volle Freiheit hinsichtlich der Wahl des Augenblicks für eine neue Aktion zur Verwirklichung dieser Forderung bewahren. Polen hat nur ge­gen w ä r t i g die bereits bestehenden Schwierig­keiten des Völkerbundes nicht vermehren und das für alle annehmbare Kompromiß nicht unmöglich machen tootlen.

Bitterkeit in Schweden. Deutschlands Eintritt und die Ohn­macht der Völkerbundsversammlung.

Stockholm, 10. Sept. (SU.) Sämtliche Stock­holmer Zeitungen drücken ihre Zufriedenheit über Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund aus. Das konservativeNya Dagligt Allchanda" meint, Deutschlands Eintritt bedeute einen großen Gewinn für den Völkerbund. Es sei aber fraglich, ob nicht einzu.hoherPre.isdafürgezahlt worden fei: die Ohnmacht der Völkerbundsver- f a m in l u n g.Svenska Dagbladet" schreibt, Deutschlands Eintritt in den Völkerbund vereinige alle bösen Vorzeichen in Genf. Heute herrsche in Genf derselbe heuchlerische Geist wie in der Märzversammlung. Man spreche von Unabhängigkeit und Freiheit, aber die Völker- bundsoersammlung werde durch geheime In­trigen um ihrMitbeftimrnungsrecht gebracht. Der liberaleDagens Nyheler" schreibt, die Freude über den Eintritt Deutschlands in den Völkerbund sei mit viel Bitterkeit ge­mischt. Das RegierungsorganSvenska Morgen- bladed" meint, Deutschlands Eintritt in den Völker­bund habe sich in freundlichen Formen vollzogen. Mehr könne nicht darüber gesagt wer­

den. Der Völkerbund sei nur ein Bund der Sieger st aaten. Die Plattform für eine fried­liche Entwicklung sei zwar gegeben, aber leider d o minierten d i e Interessen der Groß­mächte und die französischen Intrigen beraubten die Völkerbundsmitglieder jeglicher Handlungsfrei­heit.

Fortdauer der Krisis.

Die Beschwerden der kleinen Mächte.

Genf, 9. Sept. (Sil.) 3n der heutigen Vor- mittagssihung der D ö lk erb und sv e r f a nun* l u n g wurde die Diskussion über den Bericht des Generalsekretärs fortgesetzt. Der Delegierte Ka­nadas, F o r st e r, betonte die Notwendigkeit, daß auch die Vereinigten Staaten dem Völ­kerbund beitreten. Lord Robert Cecil betonte, daß im Völkerbund sämtliche Aktionen konzen­triert werden müßten, die die internatio­nale Zusammenarbeit zum Ziele hätten. Der Delegierte von San Salvador, G u e» rero, erklärte, er müsse darauf Hinweisen, daß, da Brasilien und Spanien sich vom Völkerbund zurückgezogen hätten, er die Völkerbundskrife noch nicht als ge - l ö st ansehen könne. Der französische Außen­minister Briand habe gesagt, die gegenwärtige Krise sei eine Wachstumkrife. Er könne je­doch diese Auffassung nicht teilen. Er verlange, daß vor allem das Gleichgewicht inner­halb des Völkerbundes hergestellt werde. Der norwegische Delegierte H a m b r o beschwerte sich, daß die kleinen Staaten in den ständigen Kom­missionen des Völkerbundes nicht vertreten feien. Auch er sei der lieberjeugung, daß die gegen­wärtige Krise des Völkerbundes noch nicht als gelöst angesehen werden könne. Er hoffe dringend, daß es in Zukunft nicht mehr notwendig sein werde, auf dem Altar der Einstimmig­keit seine Hebeczeugung zu opfern.

Amerikanische Pressestimmen.

Neuyork, 9. Sept. (TU.) Die arnerikan sche Presse behandelt Genf als europäisches Ereignis. Die demokratischeWorld" weist in ihrem Leit­artikel daraus hin, daß sich die Methoden der euro­päischen Politik seit Versailles geändert hätten. Der 8. September habe zum erstenmal in voller Klar­heit gezeigt, daß die Entente-Staatsmänner nicht mehr, wie feinerzeit in Versailles, danach strebten, dem besiegten Deutschland Diktate aufzuerlegen. Neuyork American, schreibt, der große Krieg fei nun vorüber. Der nächste komme vielleicht vom Osten. Westeuropa wünsche fick dazu die be­währte Mithilfe Deutschlands, das einen Wall abgeben soll gegen d i e östliche Gefahr. Gott gebe, schließt derAmerican" seine Ausführungen, daß Coolidge und der Senat von ihrem Streben nach Schiedsgericht und Völker­bund bald geheilt sind.

Ei» Buch Stresemanns.

Im Buchhändler-Börsenblatt wird ein zwei­bändiges Werk des Reichsminister des Aeußern, Dr. Stresemann, angekündigt. Unter dem Titel Nach Locarno und Genf" soll es ein Quellenwerk fein, in welchem der Leiter der deutschen Außenpolitikselbst Aufschluß und Rechenschaft über sein Tun und Lassen" ablegt.

Telegrammwechsel zwischen Reichskanzler und hessischem

Staatspräsidenten.

Berlin, 9. Sept. (Wolff.) Ein der Presse durch das Presseamt des Staatsministeriums nicht mitgeteilter Glückwunsch des hessischen Staatspräsidenten Ulrich zu Deutsch­lands Eintritt in den Völkerbund hat der Reichskanzler wie folgt beantwortet: Der hessischen Staatsregierung sage ich namens der Reichsregierung herzlichsten Dank für ihre Begrüßungsworte anläßlich Deutschlands Eintritt in den Völkerbund. Auch die Reichsregierung hofft, daß die Annäherung der euro­päischen Staaten untereinander, die auf diesem Wege erstrebt wird, recht bald fühlbare Erleichterungen, namentlich auch für die noch besetzten Gebiete unseres Vaterlandes, mit sich bringen möchte.

England und das kontinentale Eisenkartell.

Berlin, 9. Sept. (SU.) Wie dem Deut­schen Handelsdienst aus Druffel gemeldet wird, hat der belgische Außenminister Vandervelde, dessen Beziehungen zu internationalen Kreisen der Hochfinanz und Schwerindustrie bekannt sind, durch persönliche Vorstellungen maßgebende eng­lische Stellen ersucht, die englischen Eisen- und Stahlproduzenten zum Anschluß an das Internationale Eisen- und ©tajttEartell zu veranlassen. Rach einer an­deren Version soll Vandervelde von englischer Seite ersucht worden sein, die belgischen Eisen- produzenten zu einer abwartenden Stellung zu veranlasens. um die Teilnahme der englischen Industriellen an den Eifenpaktverhandlungen zu ermöglichen.