Nr. {08 Zweites Blatt Gießener Anzeiger {General-Anzeiger für Gberheffen)Montag, {0. Mai 1926
Deutschlands Außenhandelspolitik.
Don HanS Dtngeldeh, ‘Berlin.
3n letzter Zeit konnte man von führenden Poluikern, aber auch in Dirtfchastskreilen, in Hinsicht auf die gegenwärtige Wirtschaftslage Deutschlands häufig die Ansicht hören, dah der tiefste Punkt der Wir Ichaftslriie überwunden sei, und das Jahr 1626 die Festigung und Gesundung der deutschen Wir.schast bringen würde, die man eigentlich bereits von dem Jahre 1925 erwartet hatte.
Zweifellos haben wir bei der Betrachtung dieser Frage eine Anzahl Anhaltspunkte, die uns zu dieser optimistischen Auffassung berechtigen. «So kann man heute schon feststellen, das; die Zahl der Geschäftsaufsichten und Konkurse einen kleinen Rückgang aufzu- weisen hat, auch die Zahl der Arbeitslosen ist in den Monaten Februar und März um je 3 Prozent zurückgegangen. 3n der Hauptsache stützen sich aber die Vertreter jener optimistischen An icht darauf, daß untere Außenhandelsbilanz feit vier Mona en eine steifende Aktivität aufweist. 3m Dezember 1925 kann en wir zum ersten Male der staunenden Welt verkünden, daß unsere Außenhande sbi anz mit 36 Millionen aktiv war, im 3anuar 1926 stieg die Aktivität, 6. h. der Ausfuhrüberschuß, auf 87 Millionen, im Februar sogar auf 120 Millionen, im März auf 28G Millionen. Diese Zahlen sind zweifellos ein erfreuliches Zeichen, wenn man noch dazu die entspre 'enden Zahlen anderer Länder da- gegenhält, die fast durch"eg passiv sind. Man soll über diese Zahlen aber nicht gar zu sehr jubeln, denn man kann über die Ak ivität unserer Handelsbi'anz durchaus ge'.eiLer Meinung fein. Tatsächlich ist der Ausfuhrüberschuß hauptsächlich auf einen Rückgang unserer Einfuhr zurück usühren. während die Ausfuhr, gerade von Fertigfabrikaten, in den letzten Monaten nicht gestiegen ist. Darauf, auf die Ausfuhr von Fertigwaren, kommt es aber bei der Beurteilung un'erer Wirtschaftslage in erster Linie an. Ob der Rückgang unserer Einfuhr als ein gutes Zeichen betrachtet werden kann, ist eine Frage für sich. Er ist doch nur eine Folge eben unre~cr schlech en Wirtschaftslage, d. h. es fehlte selb ' vielen Großfirmen an dem nötigen flüssigen Geld, um in bemx bisherigen Umfang im Ausland kaufen zu können. Wir müssen vielmehr unser Augenmerk darauf richten, unsere Ausfuhr zu steigern. Dazu müssen aber günstige Bedingungen durch ents> rächende Handelsverträge oe'cha'fen werden.
Ein Anfang ist ja in dieser Hinsicht bereits gemacht, d. h. mit einer ganzen Reihe von Landern find in den letzten Jahren Handelsverträge bereits abgelchlos'en worden, und wir können an Hand des Zahlenmaterials des Statistischen
ReichSamts die günstige Wirkung tierer Handelsverträge ergeben. Danach erfuhr z. B. die deutsche Gesamtausfuhr im 3ahre 1925 gegenüber 1924 eine Steigerung von 34 Prozent. Bei den einzelnen Ländern, mit denen mir während der beiden leisten Jahre Handelsverträge abge- fchlossen haben, ergeben sich folgende Ausfuhrsteigerungen c
England .... 53 Prozent
Rußland .... 181
6 b-ct^ .... 55 Belgien .... 123 Luxemburg . . . 408 3‘al?n.....54
Wir leben daraus, daß die Handelsverträge mit diesen Ländern im allgemeinen günstig für uns waren, wenn auch nicht alle Wünsche der deutschen Wirtschaft dabei befriedigt wurden. 3ederstalls haben sie den Handelsve-'ehr mit den betreffenden Ländern durchweg be'ebt.
Biel bfeibt nun auf diesem Gebiete noch zu tun übrig. Roch eine aanze Reihe Handelsverträge warten auf den Abschluß, insbesondere mit Spanien, Frankreich und Polen, während andere wiederum, infolge veränter'er Verhältnisse. einer Abänderung bedürfen, z. D. mit der Tschechoslowakei, der Schweiz, Oesterreich. Ungarn und Schweden.
Mit Frankreich und Polen sind bekanntlich, bereits seit Jahren, Derhandlungen im Gange, ohne daß sie zu einem Abschluß geführt hätten. Der Grund liegt darin, daß die beiden Länder von Deutschland das Zugeständnis der absoluten Meistbegünstigung verlangen, ohne uns gleichwertige Zugeständnisse zu machen. Bestenfalls soll Deutschland eine listenmäßige Meistbegünstigung erhalten. Die Meistbegünstigung. die Deutschland zu gewähren bat, wird natürlich von einem Handelsvertrag zum anderen wertvoller durch die neuen Zugeständnisse, die darin
wiederum einem Lande gemacht werden, und die dadurch automatisch allen Ländern, die unsere Meistbegünstigung genießen, zugute kommen. Darüber müssen unsere Regierungsstellen sich absolut klar fein und unsere Forderungen entsprechend abtoägen. Dies gilt insbesondere in Hinsicht auf Spanien.
Bekanntlich war mit Spanien bereits im vergangenen Jahre ein Handelsvertrag abgeschlossen worden, der gewiß nicht als ideal bezeichnet werden konnte, aber doch die Möglichkeit eines geregel en Handelsverkehrs bot. Trotzdem wurde dieser Vertrag im 3ntereffe der deutschen Weinbauern wieder gekündigt. Die spanische Regierung antwortete darauf mit der Erklärung des Zollkrieges und zeigte sich den deutschen Unterhändlern, die über einen neuen Vertrag verhandeln sollten, wenig entgegenkommend. Es kam bann zum Abschluß eines provisorischen Abkommens, das nun dicht vor dem Ablauf steht, nämlich am 16. Mai. Man rechnete damit, daß bis zu diesem Termin der neue Handelsvertrag unter Dach gebracht wäre. Erst lieh sich auch alles ganz schön an, bis nach dem Intrigenspiel von Genf die spanische Regierung ein Einfuhrverbot für Farben erließ, durch welches Teerfarben und Zwischenprodukte unter ein Einfuhrverbot gestellt wurden. Unter gewissen Voraussetzungen kann zwar' eine Einfuhrerlaubnis erteilt werden, doch ist öen spanischen Behörden volle Freiheit zu jeder willkürlichen Handlung gewährt, so daß die Verordnung, entgegen den Dementis der spanischen Regierung, doch einem generellen Einfuhrverbot gleichkommt. Die spanische Regierung behauptet nun, daß dies F..rbeneinfuhrverbot zum Schutze der jungen spanischen Farbenindustrie notwendig geworden sei. Tatsächlich existiert in Spanien aber zurzeit nur eine einzige Teerfarbenfabrik, die im ganzen etwa 60 Arbeiter beschäftigt. Cs liegt daher klar auf der Hand, dah dieser Grund nur vorgeschoben ist, um den eigentlichen Grund zu verschleiern. Der eigentliche Grund ist aber der, um der spanischen Delegation ein Druckmittel für die Fortführung der Handelsveriragsverhandlungen in die Hand zu geben. Denn im 3ahre 1924 war die deutsche Teerfarbenindustrie an der Einfuhr in Spanien mit 66 Prozent beteiligt. Diese Zahl dürfte alles besagen.
Inzwischen ist die deutsche Delegation zur Fortführung der Verhandlungen nach Madrid abgereist, und viele Augen begleiten sie. Wir erwarten von ihr nicht, daß sie einen fertigen Vertrag um jeden Preis mitbringt, wenngleich wir hoffen, daß eS zu einer Einigung zwischen den Vertragsparteien kommt. Aber eine Voraussetzung muh fein, daß Spanien zuerst das Farbeneinfuhrverbot aushebt, ferner aber muh die spanische Delegation, dem Wert der deutschen Meistbegünstigung entsprechend, Deutschland sonstige Zugeständnisse machen. Spanien ist hinsichtlich seiner Südfrüchte so aus Deutschland angewiesen, daß es ebenfalls vor einem vertrag- losen Zustand zurückschrecken wird.
Es ist übrigens zu begrüßen, daß man diesmal Vertreter der deutschen Wirtschaf t zu den Verhandlungen selbst hinzugezogen hat, und es ist zu hoffen, daß auch die übrigen noch ausstehenden Handelsverträge unter Mitwirkung der deutsch«, Wirtschaft zu einem baldigen Abschluß kommen, damit die langsam be- ? innen de Gesundung des deutschen Wirtschafts- ebens anhalten und sich weiter entfalten kann.
Verwaltungs uxus
Unter diesem Titel setzt Dr. E. Flöhr im „B. T." auseinander, daß Deutschland heute noch von elf Reichsministern, 25 Ministern der Länder und rund 2500 Parlamentariern allein in den Ländern und im Reich regiert werde. Er weist daraus hin, daß Sachsen in Berlin eine Gesandtschaft mit einem Stab von zehn Herren unterhalte, während Deutschlands Botschaften in Paris und Angora nur je neun, in Moskau, Washington und Tokio nur je sieben und London und Madrid gar nur je sechs Berufsdiplomaten haben. Preußen unterhält noch in München eine Gesandtschaft, Bayern eine solche in Berlin und Stuttgart, ferner Generalkonsulate in Hamburg, Dresden, Frankfurt a. M. und eine unmittelbare Gesandtschaft im Auslande, nämlich beim päpstlichen cotuhl in Rom. Sachsen hat außer seiner Gesandtschaft in Berlin noch eine solche in München, Generalkonsulate in Köln und Frankfurt a. M. und ein Konsulat in Hamburg. Württemberg hat Gesandtschaften in Berlin und München, Konsulate in Hamburg, Dresden und Leipzig. Die übrigen Länder haben Gesandtschaften in Berlin. Das Reich unterhält eine Gesandtschaft in München und eine Vertretung in Darmstadt.
Die Chimäre des Ruhms.
Von Alfred Richard Meyer (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Belgien, Ende April 1926.
Oluf fast allen alten Kathedralen Frankreichs und Belgiens hocken sie in vielerlei Her» hasten Gestalten, oft grotesk mit menschlichen Gliedmaßen oder auch Gesichtern versehen, als Wasserspeier ihre Verachtung auf das tägliche profane Getriebe tief unter ihnen ergießend, aus einem Kapitell unheimlich hervorwuchernd, geheimnisvoll lächelnd oder spöttisch feirenb oder sich untereinander anlnabbernd oder gar auf- fressend — die Chimären. Der Meister, der sie einst aus Stein in übermütige:, nein — man muß schon sagen: metaphysisch-höllisch bewegter Laune erschuf, ist immer unbekannt. 3n Frankreich mag er in den seltensten Fällen geboren fein: er war bestimmt immer niederdeutscher oder überhaupt deutscher Abstammung — das geht aus seinem typisch teuflischen Humor hervor. L. Maeterlinck, der Bruder des Dichters, hat zuerst grundsätzlich auf die Herkunft und den Sinn dieser Chimären hinaewie'en. in seinem Buche „Le gen re satirique dans la peinture flamande“. Auf thn geht auch in der Hauptsache der Docteur Eabanös im dritten Bande seiner „Moeurs intimes du passe“ zurück. Zwei Dichter aber sind «s besonders, die psychologisch-philosophisch dem kaum faßlichen Begriff der Chimäre am tieisten nahegekommen sind: 3. K. Huysmans in seinem Buche „Certains" und Rudolf Kaßner. ..Die Chimäre". Dennoch — der Begriff selbst bleibt ewig Chimäre.
Was ist der Ruhm? Bei jedem Volke xlloas individuell Verschiedenes. Man soll nicht
an diesem individuellen Ruhm herumdeuteln oder ihn gar kritisch schmälern wollen, wenn er eine Tradition hat. wenn diese Tradition wesentlich zur Befestigung des nationalen Gedankens beitrug. So widmete Friedrich der Große im 3ahre 1734 im Lager des Prinzen Eugen bei Philippsburg, als der polnische Erbfolce.rieg zehntausend Preußen zum kaiserlichen Heere gegen die Franzosen zog, dem Ruhm eine Ode, also beginnend:
„Ein Göttliches in mir mit neuer Gewalt, dem Himmelreich entstammt, begeistert mich in heil'gem Feuer, der Ruhm mein tiefstes Herz durchflammt. Was deine Geister stolz verschönen, soll selig meine Laute tönen, ich will dein großer Sänger sein du weigerst nie dem Recht die Löhnung, und deines Lorbeers goldne Krönung wird jeden Mutes Siege weih'n."
Belgien, so sehr es augenblicklich ein Land der Inflation ist, wähnt sich als siegreiches Volk. Das Schicksal, wie es in den Weltkrieg kam. ist ein trauriges, ja vielleicht ein tragisches. Belgien, zu klein und unvorbereitet, sich selbst den Sieg zu erringen, wurde durch „große Brüder" gerettet und hat heute seinen Ruhm — wie auch wir Besiegte den unseren für unser Volk in Anspruch nehmen können. Dennoch für Belgien handelt es sich weit mehr um einen „Ruhm", der propagandistisch gewaltsam schnell hochgezüchtet wurde und der jedem zu Besuch weilenden Deutschen als eine Chimäre des Ruhms erscheinen muß Dieser „Ruhm" ist nicht von gestern: er ist eine Angelegenheit allzu junger und lauter Propaganda: er ist mehr ein frischgetünchtes Aushängeschild als eine Sache nationaler Tradition von 3ahrhunderten her.
Die prinzipielle Bedeutung des englischen Bohlenstreiks.
Don Profestor Dr. Hermann Levy, Berlin.
Es ist angesichts eines so gewaltigen wirtschaftlichen Ereignisses, wie es der Kohlenbergarbeiter- streik in England ist, völlig müßig, darüber zu disputieren, ob derfeloe durch eine geschicktere Politik der Regierung oder eine größere Kompromißbereitschaft der verstrickten Interessen hätte vermieden werden können. Dem Beschauer der in Frage kom- menden, komplizierten Verhältnisse des englischen Bergbaues mußte es seit langem klar (ein, daß hier so grundlegende Schwierigkeiten vor- liegen, dah ein Hin- und fjerjongliercn von kleinen Reiormmilleln weder für die Unternehmer noch die Arbeiter eine wirklich dauernde Befriedigung her- führen konnte. Und dies ist auch der Grund, weshalb man heute schon sagen kann: daß dieser Streik, wie er nun ausgehe, ob er von kurzer ober langer Dauer sein wird, niemals eine wirkliche endgültige Beilegung der Konflikte zur Folge haben" kann, wenn nicht die ganzen Dorausseyun- gen, unter denen heute der englische Kohlenbergbau arbeitet, eine Veränderung erfahren. In diesem Sinne ist der englische .Kohlenstreik in der Tat ein Problem „auf lange Sicht.
Dor allem ging es dabei, zwischen den wirtschaftlichen und sozialen Seiten der Frage zu unterscheiden. Wäre die Beunruhigung im englischen Kohlenbergbau einer jener vielen Konflikte gewesen, welche von Zeit zu Zeit zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausbrechen, würde es sich bloß um Meinungsdifferenzen über bestimmte Lohnfeftfetzun- gen zum Beispiel handeln, so wäre sicherlich innerhalb des feit dem Beginn der staatlichen Subventionen nunmehr verflossenen Jahres eine Lösung gefunden worden, zumal der parlamentarische Ausschuß über den Kohlenbergbau in einem unlängst veröffentlichten, allein 294 Seiten umfassenden Vorbericht tatsächlich alle in Frage kommenden Möglichkeiten auf das genaueste festgestellt und erörtert hat. Die Schwierigkeit liegt aber dieses Mal in den wirtschaftlichen Verhältnissen, die zunächst ganz besonderer Ratur zu sein scheinen, deren Eigenart sich aber schließlich in Fragen allgemeiner Art auswirkt. Die Lage des Kohlenbergbaues ist im Jahre 1925 äußerst schlecht gewesen. Rach den amtlichen Ermittlungen wurden knapp 69 Millionen Tonnen ausgeführt gegen f a st 90 Millionen Tonnen im Zeitraum 1909 — 191 3. Weitere Ziffern ergeben, daß nicht weniger als 75 Prozent der englischen Kohlenförderung mit einem Verlust verkauft wurden, wenn man von der staatlichen Subvention absieht, und daß dieser Verlust bei mehr als 60 Prozent der Förderung mehr als einen Schilling pro Tonne betragen hat. Man erkennt ohne weiteres, welches die wirtschaftliche Lage des Kohlenbergbaues ohne Subvention fein würde, die es immerhin ermöglichte, daß im ganzen Durchschnitt 1 sh. 6 d. an der Tonne Kohlen verdient wurde. Der Staat will den Steuerzahlern die Bürde der Subvention nicht weiter auferlegen, die ja letzten Endes wieder von diesen getragen we den muß. Die Unternehmer felstn eine Mö llchkeit selbständiger, nicht auf den 3ufujuj angewiesener Rentabilität ocs englischen Kohlenbergbaues nur ir einer Reduzierung der Löhne oder noch stärker in einer Erhöhung der Arbeitszeit, die seit 1919 nur sieben Stunden beträgt und bei Berücksichtigung der tatsächlich geleisteten Arbeit im Bergwerk 5—6 Stunden ausmacht. Die Arbeiter hingegen wollen nicht jener Vorteile im Arbeitsverhältnis verlustig gehen, die sie während der Besetzung des deutschen R.,ein- und Ruhrgebietes und der zeitweilig glänzenden Konjunktur des englischen Kohlenabsatzes leicht erringen konnten. Es ist immer schwierig, errungene soziale Verbesserungen der Löhne und der Arbeitszeit wieder „abzubauen", wenn auch die Konjunktur sich verändert hat. Die sozialen Bedingungen find weit weniaer elastisch als die wirtschaftlichen. Hieraus ist der Konflikt entstanden.
Man erkennt ohne weiteres: Es handelt sich nicht nur um einen Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, sondern um die prinzipielle Frage: was soll geschehen, wenn die wirtschaftliche Lage einer Industrie die einmal erreichten Arbeitsbedingungen nicht mehr ertragen kann? Darüber hat nämlich der amtliche Bericht keinen Zweifel gelassen: daß unter den heutigen Verhältnissen für einen großen Sektor des englischen Kohlenbergbaues keine Rentabilitätsmöglichkeit besteht. Aber gerade diese Differenzierung innerhalb des englischen Kohlenbergbaues ist das so überaus erschwerende Moment. Man stelle sich vor, daß es in Großbritannien nicht weiniger als 1400 Grubenunternehmungen gibt, welche zusammen die enorme Zahl von mehr als 2500 Gruben besitzen. Diele beschäftigen nur 50 Arbeiter, andere mehr als 3000. Man kann
3n jeder Stadt, fast in jedem Dörfchen, verhältnismäßig rasch und mehr für den Augenblick nützlich denn künstlerisch einwandfrei im früheren Frontgebiet wieder ausgebaut, stehen die Trophäen des Krieges, alte Kanonen, Minenwerfer vvrsündflutlichen Kalibers, Graben-Revolvermaschinen, die wie aus Museen hervorgekramt anmuten und es auch bisweilen sicher sind. „Ver- overd door het Belgisch Leger“ steht stolz an so einem verrosteten Eisending, das niemals erobert wurde, sondern das von uns Deutschen einfach auf dem Rückzug vom Spätherbst 1918 zurückgelassen wurde als — altes Eisen, oft genug das Laufrohr noch gesprengt. So stehen allein in der Stadt Gent an die dreißig kleineren und größeren Geschütze als Siegesbeute. 3ch war noch zweiTage vor Was e .st l.stand im Rovember 1918 hier, als die englischen Soldaten friedlich auf dem einen Ufer des Leie-Kanals in einem Estaminet zum Orchestrion tanzten, die deutschen Soldaten auf dem anderen Ufer dasselbe taten, sogenannte Feinde, nur durch ein bißchen Wasser und primitivstes Drahtverhau voneinander getrennt und das Maschinengewehr m^hr zum Scheine denn zum Angriff ausgestellt. War das noch Krieg? Kann da von einer Eroberung die Rede sein? Damals, als es sich hier noch um einen besehlsmähigeii Rückzug unsererseits handelte. Und wenn überhaupt jemand von Eroberung hier reden wollte, könnten es höchstens die Engländer sein und niemals die Belgier. Die tarnen erst erheblich später und mögen sich ja da schließlich diese Trophäen gesichert haben, die nur Chimären von Trophäen lind. Run steht das in den frühl'.ngsgrünen Vorgärten der Kircken gekuschelt oder sichtig protziger vor einem Theater oder sonstwo auf einem öffentlichen Platze. Der Verkehr der Straßen ringS-
sich hieraus eine Vorstellung machen, wie verfchieden die ganze technische und organisatorische Struktur der englischen Kohlenbergwerke sein muß. In der Tat hat der Ausschuß in vielen Fällen geradezu vorsintflutliche Derhällnisse festgestellt. Er hat Berechnungen aufgestellt, nach denen sich ergibt, daß z. B. zwischen Januar und Juni 1925 die kleinsten Betriebe über 8 sh. Verlust an der Tonne Kohlen hatten, während die größten immerhin — auch ohne Subsidien — einen kleinen Gewinn verzeichn neten. Diese Tatsache ist von größter Tragweite. Unzweifelhaft hätte bei einer stärkeren Betriebskonzentration, wie sie etwa in Rheinland Westfalen vorhanden ist, auch der englische Kohlenbergbau schon längst zu einer kartellisti- scheu Organisation überzugehen vermocht, welche in der Lage gewesen wäre, unrentable Betriebe zugunsten der Gesamtheit stillzulegen, und den Wettbewerb aller gegen alle auf sogenannten unbestellte- nen Märkten so äu regulieren, daß hier eine ausreichende Preisbildung erzielt worden wäre. Die Zersplitterung macht dieses Verfahren unmöglich. Demgegenüber hat der parlamentarische Ausschuß mit vollem Recht die „Rationalisierung", welche den A r b e i t e r f r c i f e n vor- schwebt, abgelehnt. Denn diese würden nur eine staatliche Erhaltung der nicht mehr leistungsfähigen Gruben auf Kosten der Allgemeinheit bedeuten, eine Zukunftspolitik ohne irgendwelche Rücksichtnahme auf die freien wirtschaftlichen Verhältnisse. Hingegen haben sich die Unternehmer im Laufe der letztwöchentlichen Verhandlungen zu der Gewährung nationaler Minimallöhne bereitgefunden, obschon auch diese eine höchst bedenkliche Schabionisierung der industriellen Organisation gerade angesichts der völlig differenzierten Produktionsver- hältnisfe bedeutet. Keine Einigung konnte dagegen wegen der Verlängerung der Arbeitszeit auf acht Stunden erzielt werden. Auch hier liegen die Ursachen tiefer, als man zunächst meinen möchte. Auch der parlamentarische Ausschuß ist bemerkenswerterweise gegen den Achtstundentag gewesen. Er berechnet zwar, dah nicht weniger als 30 Millionen Tonnen Kohlen dann mehr gefördert werden könnten, aber er wirft die Frage auf: Wohin mit dieser Mehrerzeugung bei den bereits überfüllten Märkten? Und wiederum: Wird bei der verlängerten Arbeits- zeit im ganzen trotz erhöhter Einzelleistung nicht mehr erzeugt, so würden 130 000 Arbeiter zu entlassen sein und die Arbeitslosigkeit vermehren. Da liegt der Kernpunkt der ganzen Frage. Eine Reorganisation des englischen Kohlenbergbaus auf Grund höherer Leistungen der Arbeiter wäre nur möglich, wenn zumindest der heute veraltete Teil der englischen Kohlenbetriebe zugrunde gehen würde. Ein radikaler Resormversuch wäre nötig. Man kann nicht das Loch des einen Aermels mit dem Stoff des anderen Aermels flicken, wenn der Anzug ausgebessert werden soll. Würde die unrentable Erzeugung veralteter Gruben fortfallen, die wirklich rentierenden aber bei erhöhter Arbeitszeit rentabler wirtschaften, s o märe der dann tätige Teil des englischen Kohlenbergbaues gerettet. Es müßten also allerseits Opfer gebracht werden, um eine große Industrie neu aufzubauen. Hierin liegt die eigentliche Schwierigkeit.
Man wird nach diesen Darlegungen nicht umhin können, das eigentliche Problem des Riesenkonfliktes in den wirtschaftlichen, nicht in den sozialen Verhältnissen zu suchen. Im Grunde genommen ist das englische Kohienproblem, wenn es sich auch als großer sozialpolitischer Kampf barfteQt, wie so viele Fragen der heutigen Zeit, ein Ueberproduktions» problem — oder Unterkonsumtionsproblem — der Nachkriegszeit. Die englischen Kohlenarbeiter wuß- ten, weshalb sie gegen das Dawes-Abkommen waren: weil sie sofort in den deutschen Kohlen-Sach- leiftungen eine Gefahr neuer Marktüberhäufung und damit ihrer eigenen Lohnbedingungen erblickten. Aber sie sollten heute bedenken, daß die besondere Schwierigkeit, unter denen gerade der englische Kohlenbergbau leidet, darin besteht, daß seine Organisation — technisch wie wirtschaftlich — nicht „up to date“, d. h. modern genug ist. Ist es unter solchen Verhältnissen gerechtfertigt, zum Schutze der antiquierten Verhältnisse die Hilfe der Konkurrenzländer anzurufen, deren Organisation eine bessere ist? Es dürfte verständlich sein, wenn internationale Arbeiterschaften in Frage unwürdiger Arbeitsbedingungen zusammenstehen. Ander steht es, wenn gewisse Forderungen einer einzelnen nationalen Arbeiterschaft darauf hinauslaufen, sich durch staatliche Hilfe, durch Hilfe der Steuerzahler und durch eine Ausschaltung fremden Wettbewerbes einem wirtschaftlich zwar gerechtfertigten, aber in feinen Auswirkungen zunächst für alle Beteiligten fchmerzli<ten Reinigungsprozeß einer Industrie zu entziehen. Man sollte diese — die prinzipielle — Seite des ; englischen Kohlen st reiks bei einer verständnisvollen Beurteilung in Deutschland nicht außer Acht lasten.
um bleibt nicht mehr bewundernd vor ihnen stehen: man hat sich an ihr Dasein gewöhnt: man hat sozusagen längst Gefühls-Patina diesen Monstren gegenüber angeseht, tote diese jetzt fast gutmütig aussehenden Monstra selbst. Mir , will es scheinen, als ob manche Don ihnen ein absolut ch.märenhastes Grinsen zur Schau trügen — vielleicht nur uns Deutschen sichtbar, nietet» trächtig wie so Chimären sind.
Ein weiterer Beitrag zum belgischen Ruhm: 3ch lese in der Abendzeitung, da,h der belgische König der „vierten Marche der Armee" einen neuen Beweis seiner Sympathie geben will: außer einem Ehrenpreis will er zehn Taschenuhren mit feiner faksimilierten Unterschrift und derjenigen der Königin stiften: und außerdem wird in jeder l^hr noch folgendes zu lesen fein: „Der Deckel dieser älhr wurde aus Stahl verfertigt, der von einer belgischen Kanone von 75 stammt, die seit Beginn des Krieges 1914/1918 bis zum 29. Oktober 1917 gedient hat, dem Datum, da sie felddienstunfähig wurde." Es dürfte nicht viele belgische Kanonen geben, die sich eines so langen Kriegsdienstes an der Front rühmen könnten. Daher sollte man diese Kanone lieber einem Museum Überreifen, als sie jetzt in Uhren' deckel umzugießtn....
Was ist der Ruhm, und wem- gebührt er zuletzt? Man muß sich hier diese Frage mim-r wieder vorlegen. So z B da ich hr ch das wiederaufgebaute Vstern gehe und mir de., ofti zielten Führer „Ppres - V, er - S. " - ,r • Gesckiedenis — History" mit dem C^-an ? T. ) de Thuyne kau'e. Gleich in d ' So ch.n ' -i man da, welche Ge'cbickle ho * ", > das vier ganze 3afjre lang drw b ' ging, bis auf uniert <<A. oau • ist aber plötzlich eine Zeile überLebu als c» li n


