herein jede politische Bindung ablehnt und rein nüchterne, praktische Erwägungen vorwiegen läßt.
Um die Konsolidierung der Wirtschaft noch weiter zu sichern, wird es daher in nächster -Zeit wohl auch zu handelspolitischen Abmachungen mit Jugoslawien und mit Rumänien kommen. Die Oefsentlichkeit sieht in dem Berliner Besuche natürlich auch ein Gefühls» Moment und eine Etappe zu dem stufenweiseu Ausbau der Beziehungen zum Reiche und erwartet von der Vertiefung und Angleichung der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen den schließlichen politischen Zusammenschluß. Doch wird die seit Aufhebung der Genfer Kontrolle wieder erlangte Bewegungsfreiheit mit weiser Zurückhaltung und Klugheit benützt: bieten die Friedensverträge doch die Möglichkeit, die An- schlußfrage auf tegalem Wege durch den VölkerbunD zur Entscheidung zu bringen: ihn bis dahin vorbereiten, widerspricht durchaus nicht den Bestimmungen der Verträge.
Zur Zeit steht Wien ganz im Zeichen des 150jährigen Jubiläums des Burgtheaters, das wieder einmal erwünschte Gelegenheit gibt, die jahrhundertealte kulturelle Bedeutung Wiens und Deutsch-Oesterreichs für das gesamte deutsche Geistesleben ins rechte Licht zu setzen. Auch das Ableben des bekannten Juristen und früheren Justizministers Dr. Franz Klein, der als durch und durch deutschfühlender Mann sich nach dem Umsturz als einer der ersten für eine sachliche Vorbereitung des Anschlusses Deutsch-Oesterreichs an das Deutsche Reich einsetzte, gab Anlaß, die zwischen den Bruderstämmen bestehenden engen Beziehungen wieder ausführlich zu behandeln. Um so mehr Aufsehen erregten in politischen Kreisen die kürzlichen Ausführungen der „Kölnischen Zeitung", die unter Hinweis auf angebliche Aeußerungen Dr. Seipels zur An- schlußfrage die Aufrichtigkeit der österreichischen Politik gegenüber Deutschland in mancher Hinsicht in Zweifel zogen. Allerdings bemühen sich die Blätter einer Polemik hierüber auszuweichen, um in der Sache nicht noch unliebsame Weiterungen herbeizuführen.
Das Attentat auf Mussolini, das Donnerstag schon am frühen Mittag hier bekannt wurde, wird als die Tat einer unzurechnungsfähigen Person beurteilt, die also mit politischen Motiven nichts zu tun habe. Indem man dies mit Befriedigung feststellt, kommt zugleich. wenn auch unausgesprochen, ein Gefühl der Beruhigung zum Ausdruck, daß die Sät er in nicht zufällig deutscher Rationaiität ist. Von einigen Seiten wird dabei der leisen Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Anschlag für Mussolini ein Memento sein werde, von den bisher gewalttätigen faszistischen Methoden abzugehen und den Rückweg zu vernünftigem, normalem Handeln zu finden.
Das polnisch-rumänische Garantieabkommen.
Von unserem W.-Korrespondenten.
Warschau, 10. April.
Der abgelaufene Monat brachte für Osteuropa als wichtigstes außenpolitisches Ereignis den mit fünfjähriger Gültigkeitsdauer am 26. März in Bukarest erfolgten Abschluß eines polnisch-rumänischen Garantieabkommens. Ergänzend läßt sich über Inhalt und Tragweite des neuen Vertrages feststellen, daß er eine gegenseitige Gebietsgaran- t i e umfaßt und in feinem wichtigen Artikel 2 jene Modalitäten oorsieht, unter denen sich die beiden Staaten für den Fall eines unprovozierten Angriffes von dritter Seite Hilfe und Beistand (aide et assistance) gewähren. Hier werden nun drei Derteidigungskriegsmöglichkeiten unterschieden, die erste und zweite gegen Staaten, die Mitglieder des Völkerbundes sind — gewöhnlicher Angriff nach Er- t fchöpfung des Beilegungsverfayrens — und endlich
die dritte Kriegsmöglichkeit gegen Staaten, die außerhalb der Genfer Vereinigung stehen.
Bei den geopolitischen Verhältnissen, die einem allfälligen polnisch-rumänischen kriegerischen Zusammenwirken zu Grunde liegen, ist es klar, daß die beiden ersten Fälle kaum in Betracht kommen, da ein etwaiger polnisch-deutscher oder rumänischungarischer Konflikt militärisch nur Polen oder nur Rumänien angehen dürfte. Das abgelaufene polnisch-rumänische Bündnis mar ausschließlich gegen Rußland, also gegen einen Staat, der außerhalb des Völkerbundes steht und voraussichtlich auch innerhalb der nächsten fünf Jahre stehen wird, gedacht; deshalb sind bei dem neuen Garantieabkommen eigentlich nur die Bestimmungen von Wichtigkeit, die das Verhalten der beiden Staaten für den Fall eines bewaffneten Konfliktes eines der beiden Vertragspartner mit einem Staat, der nicht Bundesmitglied ist, also mit Rußland, regeln. Der frühere Devensivvertrag, der das automatifdje Eingreifen des Verbündeten für den Fall eines unprovozierten Angriffes seitens Rußlands vorsah, wird jetzt durch Bestimmungen ersetzt, die es dem betreffenden Staat, für den laut der früheren Bestimmungen der Bündnisfall in Betracht gekommen wäre, ermöglichen, den Bälkerbundsrat anzurufen und von dessen Spruch das weitere Verhalten abhängig zu machen. Inzwischen hat man Zeit, mit verschränkten Armen abzuwarten, nach welcher Seite sich das Kriegsglück neigt.
Ihn die hierdurch geschaffene Lage vollkommen zu verstehen, muß man aber wissen, daß es Polen im Laufe des letzten Jahres mit Erfolg gelungen ist, feine Beziehungen zu Rußland korrekt zu gestalten, während zwischen Rußland und Rumänien drohend die bessarabische Frage steht. Polen war demgemäß bei der jetzigen Auseinandersetzung mit Rumänien der stärkere Teil und hat auch diese seine politische lleberlegenheit mit außerordentlicher Geschicklichkeit ausgenutzt. Rumänien wird nun dem russischen Druck allein begegnen müssen, da Polen jetzt stets die Möglichkeit haben wird, sich auf dem Wege über Genf von einem rumänisch-russischen Konflikt fernzuhalten. Doch nicht nur Polen, vor allem Rußland hat einen großen Erfolg errungen, da es die Klammer, die die beiden größten seiner westlichen Randstaaten zusammenhielt, nahezu gesprengt und sich diplomatische Handlungsfreiheit'gegen Rumänien erkämpft hat.
Stille Woche in England.
(Von unserem l.-KorresponLenten.)
London. 11. April.
Letzte Woche war auch in politischer Hinsicht eine „Stille Woche". Da mit* noch drei Wochen für die Regelung der Schwierigteiten in der Kohlenindustri e übrig bleiben und da noch keine Aussicht auf eine befriedigende Losung besteht, nimmt die Besorgnis der öffentlichen Meinung zu. Auch die jüngste Konferenz der Delegierten des Dergarbeiterverbandes, der Vorschläge der Zechenbesitzer auf der Grundlage des Kohlenberichts Vorlagen, ist kaum dazu angetan, die dauernd wachsende Unruhe zu beschwichtigen. Die gesetzgebende Maßnahmen erfordernden Anempfehlungen des Kohlenberichts waren allerdings sowohl von der Regierung als auch von den Zechenbefihern angenommen worden. Indes bestehen starke Anzeichen dafür, daß die Delegierten den Rat des Vollzugsausschusses befolgen und die Vorschläge der Zechenbesitzer zurückweisen werden. Dies bedeutet allerdings noch nicht den Abbruch, sondern vielmehr die Fortsetzung der Verhandlungen, deren Hauptschwierigkeit, nämlich die Lohnverminderungen, nur unter größten Anstrengungen geregelt werden könnte, da zu erwarten ist, daß radikale Führer, wie Cook alles einsetzen werden, um die gesamte Arbeiterbewegung für den Kampf um die Bergarbeiterlöhne zu gewinnen. Daß radikale Strömungen auch in der unabhängigen Arbeiterpartei vorherrschen, zeigte sich
auf der Konferenz dieser Partei, die ein Programm annahm, das eine klare Auflehnung gegen die gemäßigtere Führerschaft Mac Donalds bedeutet.
Außenpolitisch interessiert in London seit einiger Zeit die Haltung, die die französische Regierung auf der kommenden Vorbereitenden Abrüstungskonferenz annimmt. In einer Llnterhausdebatte erklärte unlängst der Wortführer der Regierung, daß es der englischen Regierung ernst sei mit der Abrüstungsfrage ; wenn er jedoch mit .Irgendeiner großen Militärmacht, die in Gens die Initiative bezüglich der Abrüstung zu Lande ergreifen müsse", Frankreich gemeint haben sollte, so kann man gespannt sein, wie diese Initiative aussehen wird. Wahrend auf der Vorbereitenden Abrüstungskonferenz in Genf der Vertreter Großbritanniens Lvro Cecil sein wird, scheint der britische Vertreter im Ausschuß zur Prüfung einer Verfassungsänderung des Völkerbundsrats noch nicht festzustehen. Es ist nicht anzunehmen, daß Chamberlain dafür abkömmlich sein wird, und es wird einem anderen Vertreter, wenn es nicht auch Lord Cecil sein sollte, Vorbehalten fein, in Genf ein neues Blatt zu beginnen unZ> die gesamte Frage „frei von alten Verpflichtungen", vonseiten Großbritanniens zu behandeln. Dies bedeutet Aufrechterhaltung der Grundsätze, daß Ratsentscheidungen weiterhin einstimmig sein und daß ftänöige Ratssitze auf Großmächte beschränkt werden müssen. Genf ist demnach nicht ganz vergeblich gewesen.
Der Anschlag auf Mussolini hat hier naturgemäß, besonders angesichts der Staatsangehörigkeit der Attentäterin, beträchtliches Aufsehen erregt; er hat, wie aus der Stellungnahme der Presse hervorging, Sympathie für Mussolini ausgelöst, und zwar auch in Kreisen, die ihm bisher ganz ablehnend gegenüberstanden und fein System weiterhin bekämpfen; nach einer von italienischer Seite geförderten 'Vermutung hängt die Fahrt Mussolinis nach Tripolis zusammen mit der Reuverteilung von Völkerbundsmandaten. Hier scheint man dieser Interpretation skeptisch gegenüberzustehen. Der britische Bericht der ständigen Mandatskommission über die Mitteilungen der französischen Regierung bezüglich der Verwaltung in Syrien erregte hier großes Interesse, da er der französischen Regierung den Vorwurf macht, den Völkerbund ungenügend mit Informationen versehen zu haben.
Eröffnung der Frankfurter Frühjahrsmesse.
WSA. Frankfurt a. M. 11. April. Die Frankfurter Frühjahrsmesse, die in diesem Jahre in der Zeit vom 11. bis 14. April stattfindet, wurde heute ohne jede Feierlichkeit eröffnet, nachdem schon am gestrigen Tage die Technische Messe zusammen mit der Derkehrsregelungsschau ihre Pforten geöffnet hatte. Wie zu erwarten war, hat auch in diesem Frühjahr die Messe stark unter der allgemeinen trostlosen Wirtschaftslage zu leiden. Die Beschickung hat längst nicht den erwarteten Umfang angenommen, und es waren infolgedessen neue Zusammenlegungen verschiedener Ausstellungskategorien erforderlich. Immerhin sind die Texttlmesse. die Schuh- und Ledermesse. das Haus der Moden, die Ausstellung der Hanauer Edelsteinindustrie, die Kunstgewerbeausstellung recht stark beschickt und haben sich wiederum als Grundlage der Frankfurter Messe erwiesen. Auch die Technische Messe ist verhältnismäßig stark beschickt, namentlich sind Schleif-, Holzbearbeitungs- und Kühlmafchinen. In der Automobilmesse ist fast nur das Ausland, allerdings fast durchweg mit führenden Fabrikaten wie Ford, Bugatti usw., vertreten. Der Beiuch war am ersten Tage wie immer: reichlich viel Zuschauer, wenig Käufer. Immerhin toerben aus einigen Ausstellungen, so von
der Schuh- und Ledermesse, wo leider die Pirmasenser und Erfurter Schuhindustrie fast völlig fehlte, ganz schöne Abschlüsse gemeldet. Besonders stark besucht war heute, allerdings auch hier fast nur von Reugierigen, die Ausstellung der russischen Handelsvertretung. Wenn man alle Umftänbe zusammenrechnet, ist die Gesamtbeschickung (etwa 1200 Aussteller) noch überraschend gut und damit auch der Beweis für die Lebensfähigkeit der Messe gegeben. Aus dem Auslande waren heute bereits zahlreiche Käufer erschienen; ihre Zahl übertraf diejenige der Herbstbesucher cm ersten Tage um etwa 25 Prozent. Der zweite Tag dürfte wohl, wie bisher üblich, das Gros der ernsthaften Käufer bringen.
Oderhessen.
Kreis Friedberg.
2$. Dad°Rauheim, 11. April. Die sehr rührige Ortsgruppe der Vereinigung ehemaliger 116er ist eifrig mit den Vorarbeiten für die am 15. und 16. Mai hier staUfindende Frühjahrsvertreterversammlung der 116er beschäftigt. Den Gästen, die man in großer Zahl hier erwartet, wird vor und nach den geschäftlichen Verhandlungen Gelegenheit geboten fein, das hessische Bad kennen zu lernen. Für den Samstag ist ein Begrüßungsabend am Großen Teich vorgesehen, während am Sonntagnachmittag die Besichtigung des Äades und der technischen Anlagen erfolgen wird.
X Steinfurth, 11. April. Nachdem kürzlich das „Dad-Rauheimer Doppelquartett" hier einen wohlgelungenen älnterhaltungsabend veranstaltet hat, ist am nächsten Sonntag der Turn- verein 18 6 0 Dad-Rauheim Bier zu Gast, um mit seinen sämtlichen Abteilungen, auch mit seiner Gesangsabteilung unter dem Motto „Deutsches Turnen — Deutsches Lied" einen Werbeabend abzuhalten. Die Reichsgesundheitswoche dürfte damit würdig begonnen werden. Rektor St au buch, Dad-Rauheim wird die Ansprache halten.
h. Wölfersheim, 11. April. In diesem Jahr soll endlich die seit 1914 im Rohbau stehende Lehrerwohnung des Schulneubaues fertiggestellt werden, nachdem der Schulsaal schon feit Jahren seiner Bestimmung übergeben worden ist. — In unserer festlich geschmückten Kirche wurden 13 Knaben und 12 Mädchen, nämlich 21 Volksschüler und 4 Schüler höherer Schulen, konfirmiert. Verschönt wurde die Feier durch 3 Chöre der Konfirmanden. Zur Schulaufnahme gelangen 34 Kinder, eine in früheren Jahren nie erreichte Zahl. — Die hiesige Erwerbslosenzahl ist von 30 auf 18 zurückgegangen.
WSN. Vilbel, 11. April. Zwischen der Erlen- bachmündung und Vilbel ist jetzt mit der Regulierung der Nidda begonnen worden. Die Arbeiten werden aus Mitteln der produktiven Er- werbslosenfürsorge vorgenommen. Das neue Flußbett soll 28 bis 30 Meter breit werden. Verschiedene Aecker und Wiesen sollen evtl, enteignet werden. Man hofft, daß auf dieser Strecke die Arbeiten bis zum 1. Juni d. I. beendet sein werden.
Kreis Schotten.
WSN. Schotten, 11. April. Die Molkereigenossenschaft „Hoherodskop f", die sich aus kleinen Anfängen zu einer beträchtlichen Genossenschaft mit etwa • 700 Mitgliedern empor gearbeitet hat, feierte dieser Tage ihr 2 5 jjähri - ges Bestehen. Die Genossenschaft verfügt über eine bedeutende Milch-, Butter- und Käsewirtschaft.
-8- H e r ch e n h a i n, 10. April. Die hiesigen Holzhauer sind zur Zeit noch eifrig mit dem Oluf arbeiten der durch Schnee- und Windbruch verursachten Verheerungen in den Fich- tenbeständen aus der HerchenHainer Höhe beschäftigt. Jetzt erst ist es möglich, den ungeheuren Schaden, der selbst die stärksten Befürchtungen übertrifft, zu übersehen. Falls die
freivaißaueh, Geruch
Ohne Geh hacke, ohne Grus —
Luxus und der Spielerei, sondern eine ernste, solide Waffe, ein gediegenes Werkzeug von uraüer, bewährter Form.
Des Tages, an dem ich den Besitz meines schönen sichelförmigen Gartenmessers antrat, kann ich mich noch entsinnen. Ich war damals sehr auf der Höhe, in jeder Hinsicht, und fühlte mich dementsprechend. Ich war feit kurzem verheiratet; ich war der Stadt und dem Gefängnis eines Brotberufes entronnen und saß unabhängig und nur mir selber verantwortlich in einem schönen Dorfe am Bodensee; ich hatte Erfolg mit Büchern, die ich schrieb und die mir sehr gut schienen, ich hatte auf dem See ein Ruderboot schwimmen, meine Frau erwartete ihr erstes Kind, und nun ging ich eben an eine große Unternehmung, deren Wichtigkeit mich ganz erfüllte: an den Bau eines eigenen Hauses und die Anlage eines eigenen Gartens. Der Boden war schon gekauft, die Maße waren abgesteckt, und wenn ich über das Grundstück ging, empfand ich manchmal feierlich die Schönheit und Würde dieses Tuns; es schien mir, daß ich da einen Grundstein für alle Zeiten lege und für mich, meine Frau und meine Kinder hier eine Heimat und Zuflucht gründe. Die Hauptpläne waren fertig, und der Gatten nahm in meiner Vorstellung allmählich Gestalt an, mit dem breiten langen Mittelweg, dem Brunnen, der Wiese mit den Kastanienbäumen.
Damals, ich mochte so gegen dreißig Jahre alt sein, kam eines Tages ein schweres Frachtstück für mich mit dem Dampfer an, und ich half, es vom Landungssteg mit heraufschleppen. Es kam von einer Gartenbaufirma und enthielt lauter Gartenwerkzeuge: Spaten, Schaufeln, Pickel, Rechen, Hacken (unter denen namentlich die mit dem Schwanenhals mich sehr entzückte) und manche andere solche Dinge. Dazwischen lagen, sorgfältig in Lappen eingeschlagen, einige kleinere und zartere Gegenstände, die ich mit Freude enthüllte und besichtigte, und unter ihnen war auch das krumme Messer, das ich sogleich öffnete und prüfte. Blank funkelte mir sein neuer Stahl entgegen, hart und straff sprang die Ruckenfeder, und die vernickelten Heftbeschläge blitzten. Damals war es ein kleines Anhängsel, ein winziges Nebenstück meiner Einrichtung. Ich dachte nicht, daß einmal dies Messer von all meinem schönen jungen Besitz, von Haus und Garten, Fa
milie und Heimat das einzige kleine Stück fein würde, das noch mir gehörte und bei mir blieb.
Es dauerte nicht lange, so schnitt ich mir mit dem neuen Messer beinahe einen Finger ab, die Narbe trage ich noch heute. Und inzwischen war der Garten angelegt und bepflanzt, das Haus gebaut, und viele Jahre lang war das Messer mein Begleiter, so oft ich in den Garten ging. Ich habe mit ihm meine Dbftbäume beschnitten und Sonnenblumen und Dahlien zu Sträußen abgeschnitten, habe Peitschenstiele und Pfeilbogen für meine kleinen Söhne damit geschnitzt. Täglich, mit Ausnahme kurzer Reisezeiten, brachte ich einige Stunden im Garten zu, den ich alle die Jahre hindurch selbst besorgt habe, mit Graben und Pflanzen, Säen und Begießen, Düngen und Ernten, und in den kühleren Jahreszeiten hatte ich stets ein Feuerlein in einer Gartenecke brennen, wo Unkraut und alte Wyrzelstöcke und Abfall jeder Art zu Asche gebrannt wurden. Meine Söhne waren gern dabei, steckten ihre Gerten und Schilfrohre ins Feuer, brieten Kartoffeln und Kastanien darin. Dabei fiel mir einmal das Messer ins Feuer, und am Heft entstand ein kleiner Brandfleck, den es von da an trug, und an dem ich es aus allen Messern der Welt herausgekannt hätte. Es kam eine Zeit, da reifte ich viel, denn es war mir nicht mehr so sehr wohl in dem hübschen Hause am Bodensee. Ich ließ oft meinen ©arten stehen und fuhr in der Welt herum, als hätte ich irgendwo die Hauptsache liegen lassen und vergessen, ich fuhr bis nach dem hintersten Südosten von Sumatra und sah die großen grünen Schmetterlinge im Dschungel schimmern. Und als ich zurückkam, da wurde meine Frau mit mir einig, daß wir unser Haus und Dorf verlassen wollten. Es zeigte sich, daß für die Heranwachsenden Söhne Schulen nötig waren und manches andere, und wir sprachen viel darüber. Aber darüber sprach ich mit niemand, daß das Hierbleiben eben seinen Sinn verloren hatte, und daß mein Traum von Glück und Behagen in diesem Hause ein falscher Traum gewesen war und begraben werden mußte.
In einem herrlichen alten Gatten mit gewaltigen uralten Bäumen, nahe bei einer schönen Schweizer Stadt, mit dem Blick auf die nahen feierlichen Schneeberge, zündete ich meine gewohnten Herbst- und Frühlingsfeuer wieder an, und wenn das Leben mir weh tat und auch an diesem neuen
Orte vieles so schwierig ging und so verstimmt klang, dann suchte ich die Schuld bald hier, bald dort, oft auch in meinem eigenen Herzen, und wenn ich mein starkes Gartenmesser betrachtete, dachte ich an Goethes vorzügliche Anweisung für sentimentale Selbstmörder, sich den Tod nicht allzu bequem zu machen, sondern ihn sich durch Heroismus zu verdienen und sich zumindest mit eigener Hand das Messer ins Herz zu stoßen. Und das konnte ich so wenig wie Goethe.
Es kam der Krieg, und nun dauerte es nicht mehr lange, bis ich die Gründe meiner Unzufriedenheit und Melancholie nicht mehr weit zu suchen brauchte, sondern sie klar erkannte und wußte, daß. da nichts zu heilen war, und daß die Hölle dieser Zeit zu durchleben trotz allem eine gute Kur gegen eigensüchtige Schwermut und Enttäuschung sei. Es kamen Zeiten, wo ich mein Messer wenig mehr brauchte, es war allzu viel andere Arbeit zu tun. Und es kam so allmählich alles ins Rutschen, zuerst das Deutsche Reich und sein Krieg, dem vom Aus- lande her zuzuschauen damals eine Qual ohnegleichen war. Und als der Krieg zu Ende war, da war auch in meinem Leben allerlei gewendet und verändert, ich besaß keinen Garten und kein Haus mehr und mußte mich von meiner Familie trennen und mußte Jahre der Einsamkeit und Besinnung antreten und durchkosten. Da saß ich oft, in den angen, langen Wintern der Verbannung, im falten Zimmer vor dem kleinen Kamin, verbrannte Briefe und Zeitungen und schnitzelte mit meinem alten Messer am Holz herum, ehe ich es ins Feuer steckte, und sah in die Flammen, und sah mein Leben und meinen Ehrgeiz und mein Wissen und mein ganzes Ich allmählich verbrennen und zu reinlicher Asche werden. Und wenn auch das Ich, der Ehrgeiz, die Eitelkeit und der ganze trübe Lebenszauber mich nachher wieder und wieder einspannen, so war doch eine Zuflucht gefunden, eine Wahrheit erkannt, und die Heimat, die zu gründen und zu besitzen mir im Leben nie hatte glücken wollen, begann mir im eigenen Herzen zu wachsen.
Wenn ich nun das Gartenmesser, das mich diesen langen Weg begleitet hat, so sehr vermisse, so ist das weder heroisch noch weise. Ich will aber heute nun einmal weder h-roisch noch weise sein, dazu ist morgen wieder Zeit.
7 Das verlorene Taschenmesser.
Von Hermann Hesse.
Gestern habe ich ein Taschenmesser verloren und habe habet die Erfahrung gemacht, daß meine Philosophie und Schicksalsbereitschaft auf schwachen Füßen stehen, denn der kleine Verlust hat mich unverhältnismäßig betrübt, und ich bin auch heute noch .mit meinen Gedanken bei jenem verlorenen Messer, nicht ohne mich selbst wegen solcher Sentimentali- täten auszulachen.
Es ist ein schlechtes Zeuhen, daß der Verlust dieses Messers mich so betrüben konnte. Es gehört zu meinen Schrulligkeiten, die ich wohl kritisieren und bekämpfen, nicht aber völlig abtun kann, daß ich an Dingen, die ich eine Weile besessen, mit großer Anhänglichkeit feschalte, und es ist mir jedesmal ein Unbehagen, zuweilen sogar ein kleiner Schmerz, wenn ich mich von einem lange getragenen Kleide oder Hut oder Stock trennen muß, oder gar von einer Wohnung, in der ich lange gewohnt habe, um von schlimmeren Trennungen und Abschieden ganz zu schweigen. Und jenes Messer gehörte nun zu den ganz wenigen Gegenständen, die bisher die Veränderungen meines Lebens überdauert und mich durch alle Wechsel jahrzehntelang begleitet haben.
Zwar besitze ich noch einigen geheiligten Trödel aus fernerer Vergangenheit, einen Ring meinet Mutter, eine Uhr meines Vaters, ein paar Photographien und Andenken aus meiner frühen Kinder- zeit, aber alle diese Dinge sind ja eigentlich tot, sind Museum, liegen im Schrank und werden kaum alle Jahre einmal betrachtet. Das Messer aber ist viele Jahre lang ein beinahe täglich gebrauchtes Ding gewesen, ich habe es viele tausend Mal in meine Tasche gesteckt, aus der Tasche gezogen, es zu Arbeit und Spielerei benützt, habe es hundertmal mit dem Abziehstein nachgeschliffen, habe es in früheren Zeiten mehrmals verloren und wiedergefunden. Es war mir lieb, dies Mester, und es ist wohl eines Klageliedes wert.
Es war kein gewöhnliches Taschenmesser, deren habe ich in meinem Leben sehr viele besessen und verbraucht. Es war ein Gartenmesser, eine einzige, sehr starke, halbmondförmig gebogene Klinge in festem, glattem Holzgrisi, fein Gegenstand des
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