Ausgabe 
10.4.1926
 
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herein jede politische Bindung ab­lehnt und rein nüchterne, praktische Erwägun­gen vorwiegen läßt.

Um die Konsolidierung der Wirtschaft noch weiter zu sichern, wird es daher in nächster -Zeit wohl auch zu handelspolitischen Abmachun­gen mit Jugoslawien und mit Rumä­nien kommen. Die Oefsentlichkeit sieht in dem Berliner Besuche natürlich auch ein Gefühls» Moment und eine Etappe zu dem stufenweiseu Ausbau der Beziehungen zum Reiche und er­wartet von der Vertiefung und Angleichung der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen den schließlichen politischen Zusammenschluß. Doch wird die seit Aufhebung der Genfer Kontrolle wieder erlangte Bewegungsfreiheit mit weiser Zurückhaltung und Klugheit benützt: bieten die Friedensverträge doch die Möglichkeit, die An- schlußfrage auf tegalem Wege durch den VölkerbunD zur Entscheidung zu bringen: ihn bis dahin vorbereiten, widerspricht durchaus nicht den Bestimmungen der Verträge.

Zur Zeit steht Wien ganz im Zeichen des 150jährigen Jubiläums des Burgtheaters, das wieder einmal erwünschte Gelegenheit gibt, die jahrhundertealte kulturelle Bedeutung Wiens und Deutsch-Oesterreichs für das gesamte deutsche Geistesleben ins rechte Licht zu setzen. Auch das Ableben des bekannten Juristen und früheren Justizministers Dr. Franz Klein, der als durch und durch deutschfühlender Mann sich nach dem Umsturz als einer der ersten für eine sachliche Vorbereitung des Anschlusses Deutsch-Oester­reichs an das Deutsche Reich einsetzte, gab An­laß, die zwischen den Bruderstämmen bestehen­den engen Beziehungen wieder ausführlich zu behandeln. Um so mehr Aufsehen erregten in politischen Kreisen die kürzlichen Ausführungen derKölnischen Zeitung", die unter Hinweis auf angebliche Aeußerungen Dr. Seipels zur An- schlußfrage die Aufrichtigkeit der öster­reichischen Politik gegenüber Deutschland in mancher Hinsicht in Zweifel zogen. Allerdings bemühen sich die Blätter einer Pole­mik hierüber auszuweichen, um in der Sache nicht noch unliebsame Weiterungen herbeizu­führen.

Das Attentat auf Mussolini, das Donnerstag schon am frühen Mittag hier be­kannt wurde, wird als die Tat einer unzurech­nungsfähigen Person beurteilt, die also mit po­litischen Motiven nichts zu tun habe. Indem man dies mit Befriedigung feststellt, kommt zu­gleich. wenn auch unausgesprochen, ein Gefühl der Beruhigung zum Ausdruck, daß die Sät er in nicht zufällig deutscher Rationaiität ist. Von einigen Seiten wird dabei der leisen Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Anschlag für Musso­lini ein Memento sein werde, von den bisher gewalttätigen faszistischen Methoden abzugehen und den Rückweg zu vernünftigem, normalem Handeln zu finden.

Das polnisch-rumänische Garantieabkommen.

Von unserem W.-Korrespondenten.

Warschau, 10. April.

Der abgelaufene Monat brachte für Osteuropa als wichtigstes außenpolitisches Ereignis den mit fünfjähriger Gültigkeitsdauer am 26. März in Bu­karest erfolgten Abschluß eines polnisch-rumänischen Garantieabkommens. Ergänzend läßt sich über In­halt und Tragweite des neuen Vertrages feststellen, daß er eine gegenseitige Gebietsgaran- t i e umfaßt und in feinem wichtigen Artikel 2 jene Modalitäten oorsieht, unter denen sich die beiden Staaten für den Fall eines unprovozierten An­griffes von dritter Seite Hilfe und Beistand (aide et assistance) gewähren. Hier werden nun drei Derteidigungskriegsmöglichkeiten unterschieden, die erste und zweite gegen Staaten, die Mitglieder des Völkerbundes sind gewöhnlicher Angriff nach Er- t fchöpfung des Beilegungsverfayrens und endlich

die dritte Kriegsmöglichkeit gegen Staaten, die außerhalb der Genfer Vereinigung stehen.

Bei den geopolitischen Verhältnissen, die einem allfälligen polnisch-rumänischen kriegerischen Zu­sammenwirken zu Grunde liegen, ist es klar, daß die beiden ersten Fälle kaum in Betracht kommen, da ein etwaiger polnisch-deutscher oder rumänisch­ungarischer Konflikt militärisch nur Polen oder nur Rumänien angehen dürfte. Das abgelaufene polnisch-rumänische Bündnis mar ausschließlich gegen Rußland, also gegen einen Staat, der außerhalb des Völkerbundes steht und voraussicht­lich auch innerhalb der nächsten fünf Jahre stehen wird, gedacht; deshalb sind bei dem neuen Ga­rantieabkommen eigentlich nur die Bestimmungen von Wichtigkeit, die das Verhalten der beiden Staaten für den Fall eines bewaffneten Konfliktes eines der beiden Vertragspartner mit einem Staat, der nicht Bundesmitglied ist, also mit Rußland, regeln. Der frühere Devensivvertrag, der das automatifdje Eingreifen des Verbündeten für den Fall eines unprovozierten Angriffes seitens Rußlands vorsah, wird jetzt durch Bestimmungen ersetzt, die es dem betreffenden Staat, für den laut der früheren Bestimmungen der Bündnisfall in Betracht gekommen wäre, ermöglichen, den Bälkerbundsrat anzurufen und von dessen Spruch das weitere Verhalten abhängig zu machen. Inzwischen hat man Zeit, mit verschränk­ten Armen abzuwarten, nach welcher Seite sich das Kriegsglück neigt.

Ihn die hierdurch geschaffene Lage vollkommen zu verstehen, muß man aber wissen, daß es Polen im Laufe des letzten Jahres mit Erfolg gelungen ist, feine Beziehungen zu Rußland korrekt zu gestalten, während zwischen Rußland und Rumä­nien drohend die bessarabische Frage steht. Polen war demgemäß bei der jetzigen Aus­einandersetzung mit Rumänien der stärkere Teil und hat auch diese seine politische lleberlegenheit mit außerordentlicher Geschicklichkeit ausgenutzt. Ru­mänien wird nun dem russischen Druck allein be­gegnen müssen, da Polen jetzt stets die Möglichkeit haben wird, sich auf dem Wege über Genf von einem rumänisch-russischen Konflikt fernzuhalten. Doch nicht nur Polen, vor allem Rußland hat einen großen Erfolg errungen, da es die Klammer, die die beiden größten seiner westlichen Randstaaten zusammenhielt, nahezu gesprengt und sich diploma­tische Handlungsfreiheit'gegen Rumänien erkämpft hat.

Stille Woche in England.

(Von unserem l.-KorresponLenten.)

London. 11. April.

Letzte Woche war auch in politischer Hin­sicht eineStille Woche". Da mit* noch drei Wochen für die Regelung der Schwierigteiten in der Kohlenindustri e übrig bleiben und da noch keine Aussicht auf eine befriedigende Losung besteht, nimmt die Besorgnis der öffentlichen Meinung zu. Auch die jüngste Konferenz der Delegierten des Dergarbeiterverbandes, der Vor­schläge der Zechenbesitzer auf der Grundlage des Kohlenberichts Vorlagen, ist kaum dazu angetan, die dauernd wachsende Unruhe zu beschwichtigen. Die gesetzgebende Maßnahmen erfordernden An­empfehlungen des Kohlenberichts waren aller­dings sowohl von der Regierung als auch von den Zechenbefihern angenommen worden. Indes bestehen starke Anzeichen dafür, daß die Delegierten den Rat des Vollzugsausschusses be­folgen und die Vorschläge der Zechenbesitzer zurückweisen werden. Dies bedeutet aller­dings noch nicht den Abbruch, sondern vielmehr die Fortsetzung der Verhandlungen, deren Hauptschwierigkeit, nämlich die Lohnverminde­rungen, nur unter größten Anstrengungen ge­regelt werden könnte, da zu erwarten ist, daß radikale Führer, wie Cook alles einsetzen wer­den, um die gesamte Arbeiterbewegung für den Kampf um die Bergarbeiterlöhne zu gewinnen. Daß radikale Strömungen auch in der unab­hängigen Arbeiterpartei vorherrschen, zeigte sich

auf der Konferenz dieser Partei, die ein Pro­gramm annahm, das eine klare Auflehnung gegen die gemäßigtere Führerschaft Mac Donalds be­deutet.

Außenpolitisch interessiert in London seit einiger Zeit die Haltung, die die franzö­sische Regierung auf der kommenden Vor­bereitenden Abrüstungskonferenz an­nimmt. In einer Llnterhausdebatte erklärte un­längst der Wortführer der Regierung, daß es der englischen Regierung ernst sei mit der Ab­rüstungsfrage ; wenn er jedoch mit .Irgendeiner großen Militärmacht, die in Gens die Initiative bezüglich der Abrüstung zu Lande ergreifen müsse", Frankreich gemeint haben sollte, so kann man gespannt sein, wie diese Initiative aussehen wird. Wahrend auf der Vorbereitenden Ab­rüstungskonferenz in Genf der Vertreter Groß­britanniens Lvro Cecil sein wird, scheint der britische Vertreter im Ausschuß zur Prüfung einer Verfassungsänderung des Völkerbundsrats noch nicht festzustehen. Es ist nicht anzunehmen, daß Chamberlain dafür abkömmlich sein wird, und es wird einem anderen Vertreter, wenn es nicht auch Lord Cecil sein sollte, Vorbehalten fein, in Genf ein neues Blatt zu beginnen unZ> die gesamte Fragefrei von alten Ver­pflichtungen", vonseiten Großbritanniens zu behandeln. Dies bedeutet Aufrechterhaltung der Grundsätze, daß Ratsentscheidungen weiterhin einstimmig sein und daß ftänöige Rats­sitze auf Großmächte beschränkt wer­den müssen. Genf ist demnach nicht ganz ver­geblich gewesen.

Der Anschlag auf Mussolini hat hier naturgemäß, besonders angesichts der Staats­angehörigkeit der Attentäterin, beträchtliches Aufsehen erregt; er hat, wie aus der Stellung­nahme der Presse hervorging, Sympathie für Mussolini ausgelöst, und zwar auch in Kreisen, die ihm bisher ganz ablehnend gegenüberstanden und fein System weiterhin bekämpfen; nach einer von italienischer Seite geförderten 'Vermutung hängt die Fahrt Mussolinis nach Tripolis zu­sammen mit der Reuverteilung von Völkerbundsmandaten. Hier scheint man dieser Interpretation skeptisch gegenüberzustehen. Der britische Bericht der ständigen Mandatskom­mission über die Mitteilungen der französischen Regierung bezüglich der Verwaltung in Syrien erregte hier großes Interesse, da er der fran­zösischen Regierung den Vorwurf macht, den Völkerbund ungenügend mit Informationen ver­sehen zu haben.

Eröffnung der Frankfurter Frühjahrsmesse.

WSA. Frankfurt a. M. 11. April. Die Frankfurter Frühjahrsmesse, die in diesem Jahre in der Zeit vom 11. bis 14. April stattfindet, wurde heute ohne jede Feierlichkeit eröffnet, nach­dem schon am gestrigen Tage die Technische Messe zusammen mit der Derkehrsregelungsschau ihre Pforten geöffnet hatte. Wie zu erwarten war, hat auch in diesem Frühjahr die Messe stark unter der allgemeinen trostlosen Wirtschaftslage zu lei­den. Die Beschickung hat längst nicht den er­warteten Umfang angenommen, und es waren infolgedessen neue Zusammenlegungen verschie­dener Ausstellungskategorien erforderlich. Immerhin sind die Texttlmesse. die Schuh- und Ledermesse. das Haus der Moden, die Ausstel­lung der Hanauer Edelsteinindustrie, die Kunst­gewerbeausstellung recht stark beschickt und haben sich wiederum als Grundlage der Frankfurter Messe erwiesen. Auch die Technische Messe ist verhältnismäßig stark beschickt, namentlich sind Schleif-, Holzbearbeitungs- und Kühlmafchinen. In der Automobilmesse ist fast nur das Aus­land, allerdings fast durchweg mit führenden Fabrikaten wie Ford, Bugatti usw., vertreten. Der Beiuch war am ersten Tage wie immer: reichlich viel Zuschauer, wenig Käufer. Immer­hin toerben aus einigen Ausstellungen, so von

der Schuh- und Ledermesse, wo leider die Pir­masenser und Erfurter Schuhindustrie fast völlig fehlte, ganz schöne Abschlüsse gemeldet. Beson­ders stark besucht war heute, allerdings auch hier fast nur von Reugierigen, die Ausstellung der russischen Handelsvertretung. Wenn man alle Umftänbe zusammenrechnet, ist die Gesamt­beschickung (etwa 1200 Aussteller) noch über­raschend gut und damit auch der Beweis für die Lebensfähigkeit der Messe gegeben. Aus dem Auslande waren heute bereits zahlreiche Käufer erschienen; ihre Zahl übertraf diejenige der Herbstbesucher cm ersten Tage um etwa 25 Prozent. Der zweite Tag dürfte wohl, wie bisher üblich, das Gros der ernsthaften Käufer bringen.

Oderhessen.

Kreis Friedberg.

2$. Dad°Rauheim, 11. April. Die sehr rührige Ortsgruppe der Vereinigung ehe­maliger 116er ist eifrig mit den Vorarbeiten für die am 15. und 16. Mai hier staUfindende Frühjahrsvertreterversammlung der 116er beschäftigt. Den Gästen, die man in großer Zahl hier erwartet, wird vor und nach den geschäftlichen Verhandlungen Gelegenheit ge­boten fein, das hessische Bad kennen zu lernen. Für den Samstag ist ein Begrüßungsabend am Großen Teich vorgesehen, während am Sonntag­nachmittag die Besichtigung des Äades und der technischen Anlagen erfolgen wird.

X Steinfurth, 11. April. Nachdem kürz­lich dasDad-Rauheimer Doppelquartett" hier einen wohlgelungenen älnterhaltungsabend ver­anstaltet hat, ist am nächsten Sonntag der Turn- verein 18 6 0 Dad-Rauheim Bier zu Gast, um mit seinen sämtlichen Abteilungen, auch mit seiner Gesangsabteilung unter dem MottoDeut­sches Turnen Deutsches Lied" einen Werbe­abend abzuhalten. Die Reichsgesundheitswoche dürfte damit würdig begonnen werden. Rektor St au buch, Dad-Rauheim wird die Ansprache halten.

h. Wölfersheim, 11. April. In die­sem Jahr soll endlich die seit 1914 im Rohbau stehende Lehrerwohnung des Schul­neubaues fertiggestellt werden, nachdem der Schulsaal schon feit Jahren seiner Bestimmung übergeben worden ist. In unserer festlich ge­schmückten Kirche wurden 13 Knaben und 12 Mädchen, nämlich 21 Volksschüler und 4 Schüler höherer Schulen, konfirmiert. Verschönt wurde die Feier durch 3 Chöre der Konfirman­den. Zur Schulaufnahme gelangen 34 Kinder, eine in früheren Jahren nie erreichte Zahl. Die hiesige Erwerbslosenzahl ist von 30 auf 18 zurückgegangen.

WSN. Vilbel, 11. April. Zwischen der Erlen- bachmündung und Vilbel ist jetzt mit der Regu­lierung der Nidda begonnen worden. Die Arbeiten werden aus Mitteln der produktiven Er- werbslosenfürsorge vorgenommen. Das neue Fluß­bett soll 28 bis 30 Meter breit werden. Verschiedene Aecker und Wiesen sollen evtl, enteignet werden. Man hofft, daß auf dieser Strecke die Arbeiten bis zum 1. Juni d. I. beendet sein werden.

Kreis Schotten.

WSN. Schotten, 11. April. Die Molke­reigenossenschaftHoherodskop f", die sich aus kleinen Anfängen zu einer beträchtlichen Genossenschaft mit etwa 700 Mitgliedern empor gearbeitet hat, feierte dieser Tage ihr 2 5 jjähri - ges Bestehen. Die Genossenschaft verfügt über eine bedeutende Milch-, Butter- und Käsewirtschaft.

-8- H e r ch e n h a i n, 10. April. Die hiesigen Holzhauer sind zur Zeit noch eifrig mit dem Oluf arbeiten der durch Schnee- und Windbruch verursachten Verheerungen in den Fich- tenbeständen aus der HerchenHainer Höhe beschäftigt. Jetzt erst ist es möglich, den ungeheuren Schaden, der selbst die stärksten Be­fürchtungen übertrifft, zu übersehen. Falls die

freivaißaueh, Geruch

Ohne Geh hacke, ohne Grus

Luxus und der Spielerei, sondern eine ernste, solide Waffe, ein gediegenes Werkzeug von uraüer, be­währter Form.

Des Tages, an dem ich den Besitz meines schönen sichelförmigen Gartenmessers antrat, kann ich mich noch entsinnen. Ich war damals sehr auf der Höhe, in jeder Hinsicht, und fühlte mich dementsprechend. Ich war feit kurzem verheiratet; ich war der Stadt und dem Gefängnis eines Brotberufes entronnen und saß unabhängig und nur mir selber verant­wortlich in einem schönen Dorfe am Bodensee; ich hatte Erfolg mit Büchern, die ich schrieb und die mir sehr gut schienen, ich hatte auf dem See ein Ruderboot schwimmen, meine Frau erwartete ihr erstes Kind, und nun ging ich eben an eine große Unternehmung, deren Wichtigkeit mich ganz erfüllte: an den Bau eines eigenen Hauses und die Anlage eines eigenen Gartens. Der Boden war schon ge­kauft, die Maße waren abgesteckt, und wenn ich über das Grundstück ging, empfand ich manchmal feierlich die Schönheit und Würde dieses Tuns; es schien mir, daß ich da einen Grundstein für alle Zeiten lege und für mich, meine Frau und meine Kinder hier eine Heimat und Zuflucht gründe. Die Haupt­pläne waren fertig, und der Gatten nahm in meiner Vorstellung allmählich Gestalt an, mit dem breiten langen Mittelweg, dem Brunnen, der Wiese mit den Kastanienbäumen.

Damals, ich mochte so gegen dreißig Jahre alt sein, kam eines Tages ein schweres Frachtstück für mich mit dem Dampfer an, und ich half, es vom Landungssteg mit heraufschleppen. Es kam von einer Gartenbaufirma und enthielt lauter Garten­werkzeuge: Spaten, Schaufeln, Pickel, Rechen, Hacken (unter denen namentlich die mit dem Schwa­nenhals mich sehr entzückte) und manche andere solche Dinge. Dazwischen lagen, sorgfältig in Lappen eingeschlagen, einige kleinere und zartere Gegen­stände, die ich mit Freude enthüllte und besichtigte, und unter ihnen war auch das krumme Messer, das ich sogleich öffnete und prüfte. Blank funkelte mir sein neuer Stahl entgegen, hart und straff sprang die Ruckenfeder, und die vernickelten Heftbeschläge blitzten. Damals war es ein kleines Anhängsel, ein winziges Nebenstück meiner Einrichtung. Ich dachte nicht, daß einmal dies Messer von all meinem schönen jungen Besitz, von Haus und Garten, Fa­

milie und Heimat das einzige kleine Stück fein würde, das noch mir gehörte und bei mir blieb.

Es dauerte nicht lange, so schnitt ich mir mit dem neuen Messer beinahe einen Finger ab, die Narbe trage ich noch heute. Und inzwischen war der Garten angelegt und bepflanzt, das Haus gebaut, und viele Jahre lang war das Messer mein Begleiter, so oft ich in den Garten ging. Ich habe mit ihm meine Dbftbäume beschnitten und Sonnenblumen und Dahlien zu Sträußen abgeschnitten, habe Peitschen­stiele und Pfeilbogen für meine kleinen Söhne damit geschnitzt. Täglich, mit Ausnahme kurzer Reisezeiten, brachte ich einige Stunden im Garten zu, den ich alle die Jahre hindurch selbst besorgt habe, mit Gra­ben und Pflanzen, Säen und Begießen, Düngen und Ernten, und in den kühleren Jahreszeiten hatte ich stets ein Feuerlein in einer Gartenecke brennen, wo Unkraut und alte Wyrzelstöcke und Abfall jeder Art zu Asche gebrannt wurden. Meine Söhne waren gern dabei, steckten ihre Gerten und Schilfrohre ins Feuer, brieten Kartoffeln und Kastanien darin. Da­bei fiel mir einmal das Messer ins Feuer, und am Heft entstand ein kleiner Brandfleck, den es von da an trug, und an dem ich es aus allen Messern der Welt herausgekannt hätte. Es kam eine Zeit, da reifte ich viel, denn es war mir nicht mehr so sehr wohl in dem hübschen Hause am Bodensee. Ich ließ oft meinen ©arten stehen und fuhr in der Welt herum, als hätte ich irgendwo die Hauptsache liegen lassen und vergessen, ich fuhr bis nach dem hintersten Südosten von Sumatra und sah die großen grünen Schmetterlinge im Dschungel schimmern. Und als ich zurückkam, da wurde meine Frau mit mir einig, daß wir unser Haus und Dorf verlassen wollten. Es zeigte sich, daß für die Heranwachsenden Söhne Schulen nötig waren und manches andere, und wir sprachen viel darüber. Aber darüber sprach ich mit niemand, daß das Hierbleiben eben seinen Sinn verloren hatte, und daß mein Traum von Glück und Behagen in diesem Hause ein falscher Traum gewesen war und begraben werden mußte.

In einem herrlichen alten Gatten mit gewal­tigen uralten Bäumen, nahe bei einer schönen Schweizer Stadt, mit dem Blick auf die nahen feier­lichen Schneeberge, zündete ich meine gewohnten Herbst- und Frühlingsfeuer wieder an, und wenn das Leben mir weh tat und auch an diesem neuen

Orte vieles so schwierig ging und so verstimmt klang, dann suchte ich die Schuld bald hier, bald dort, oft auch in meinem eigenen Herzen, und wenn ich mein starkes Gartenmesser betrachtete, dachte ich an Goe­thes vorzügliche Anweisung für sentimentale Selbst­mörder, sich den Tod nicht allzu bequem zu machen, sondern ihn sich durch Heroismus zu verdienen und sich zumindest mit eigener Hand das Messer ins Herz zu stoßen. Und das konnte ich so wenig wie Goethe.

Es kam der Krieg, und nun dauerte es nicht mehr lange, bis ich die Gründe meiner Unzufrieden­heit und Melancholie nicht mehr weit zu suchen brauchte, sondern sie klar erkannte und wußte, daß. da nichts zu heilen war, und daß die Hölle dieser Zeit zu durchleben trotz allem eine gute Kur gegen eigensüchtige Schwermut und Enttäuschung sei. Es kamen Zeiten, wo ich mein Messer wenig mehr brauchte, es war allzu viel andere Arbeit zu tun. Und es kam so allmählich alles ins Rutschen, zuerst das Deutsche Reich und sein Krieg, dem vom Aus- lande her zuzuschauen damals eine Qual ohne­gleichen war. Und als der Krieg zu Ende war, da war auch in meinem Leben allerlei gewendet und verändert, ich besaß keinen Garten und kein Haus mehr und mußte mich von meiner Familie trennen und mußte Jahre der Einsamkeit und Besinnung antreten und durchkosten. Da saß ich oft, in den angen, langen Wintern der Verbannung, im falten Zimmer vor dem kleinen Kamin, verbrannte Briefe und Zeitungen und schnitzelte mit meinem alten Messer am Holz herum, ehe ich es ins Feuer steckte, und sah in die Flammen, und sah mein Leben und meinen Ehrgeiz und mein Wissen und mein ganzes Ich allmählich verbrennen und zu reinlicher Asche werden. Und wenn auch das Ich, der Ehrgeiz, die Eitelkeit und der ganze trübe Lebenszauber mich nachher wieder und wieder einspannen, so war doch eine Zuflucht gefunden, eine Wahrheit erkannt, und die Heimat, die zu gründen und zu besitzen mir im Leben nie hatte glücken wollen, begann mir im eigenen Herzen zu wachsen.

Wenn ich nun das Gartenmesser, das mich diesen langen Weg begleitet hat, so sehr vermisse, so ist das weder heroisch noch weise. Ich will aber heute nun einmal weder h-roisch noch weise sein, dazu ist morgen wieder Zeit.

7 Das verlorene Taschenmesser.

Von Hermann Hesse.

Gestern habe ich ein Taschenmesser verloren und habe habet die Erfahrung gemacht, daß meine Philosophie und Schicksalsbereitschaft auf schwachen Füßen stehen, denn der kleine Verlust hat mich un­verhältnismäßig betrübt, und ich bin auch heute noch .mit meinen Gedanken bei jenem verlorenen Messer, nicht ohne mich selbst wegen solcher Sentimentali- täten auszulachen.

Es ist ein schlechtes Zeuhen, daß der Verlust dieses Messers mich so betrüben konnte. Es gehört zu meinen Schrulligkeiten, die ich wohl kritisieren und bekämpfen, nicht aber völlig abtun kann, daß ich an Dingen, die ich eine Weile besessen, mit großer Anhänglichkeit feschalte, und es ist mir jedes­mal ein Unbehagen, zuweilen sogar ein kleiner Schmerz, wenn ich mich von einem lange getragenen Kleide oder Hut oder Stock trennen muß, oder gar von einer Wohnung, in der ich lange gewohnt habe, um von schlimmeren Trennungen und Abschieden ganz zu schweigen. Und jenes Messer gehörte nun zu den ganz wenigen Gegenständen, die bisher die Veränderungen meines Lebens überdauert und mich durch alle Wechsel jahrzehntelang begleitet haben.

Zwar besitze ich noch einigen geheiligten Trödel aus fernerer Vergangenheit, einen Ring meinet Mutter, eine Uhr meines Vaters, ein paar Photo­graphien und Andenken aus meiner frühen Kinder- zeit, aber alle diese Dinge sind ja eigentlich tot, sind Museum, liegen im Schrank und werden kaum alle Jahre einmal betrachtet. Das Messer aber ist viele Jahre lang ein beinahe täglich gebrauchtes Ding gewesen, ich habe es viele tausend Mal in meine Tasche gesteckt, aus der Tasche gezogen, es zu Ar­beit und Spielerei benützt, habe es hundertmal mit dem Abziehstein nachgeschliffen, habe es in früheren Zeiten mehrmals verloren und wiedergefunden. Es war mir lieb, dies Mester, und es ist wohl eines Klageliedes wert.

Es war kein gewöhnliches Taschenmesser, deren habe ich in meinem Leben sehr viele besessen und verbraucht. Es war ein Gartenmesser, eine einzige, sehr starke, halbmondförmig gebogene Klinge in festem, glattem Holzgrisi, fein Gegenstand des

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