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Nr. 58 Zweites Blatt

Staat und Wirtschaft.

Reichskanzler 2r. Luther hat am Tage vor seiner Abreise nach Genf in einer Rede über die Wirtschaftsziele der Reichsregierung mit aller wün­schenswerten Deutlichkeit zugegeben, daß die Wirt­schaft den Staat trage, und nicht umgekehrt. Das ist bisher im Reich und in den Ländern vielfach ver­gessen worden. Wenn schon der Politik der Primat zuerkannt wcredn soll, dann ist das nicht so zu ver­stehen, daß der Staat im Gefühl seiner Allmacht die Wirtschaft als notwendiges liebel betrachtet. Der Reichskanzler hat in großen Züaen den Ablauf - der Krise dargestellk, die unter wechselnden Erschei­nungen und Verhältnissen im wesentlichen unver­ändert geblieben ist. Nicht die Wirtschaft trägt die Schuld, daß eine Inflationskrise von ungeheurem Ausmaß notwendig wurde, sondern die Politik, die Parteiherrschaft, die jedes Verständnis für die harte Wirklichkeit der Dinge verloren hatte. Die Entwertung der Mark hätte nicht den beispiellosen Umfang annehmen tönen, wenn nicht die früheren Reichsregierungen ihre Finanzpolitik von der No­tenpresse abhängig gemacht hätten. Es ist eine Legende, daß es die Reichsbankkredite für die Wirt­schaft gewesen seien, die die Mark ins Gleiten brach­ten. Der^ Stoß wurde vielmehr durch die Schatz­wechselpolitik der früheren Neichsregierungen ge­führt, die sich seit November 1918 nicht mehr um den Grundsatz kümmerten, daß für jede Aus­gabe eine Deckung da sein müsse. Als mit dieser verhängnisvollen Finanzpolitik im 'Herbst 1923 gebrochen wurde, war der Erfolg nur mög­lich, wenn die Wirtschaft stark und widerstands­fähig genug war, um die Opfer zu tragen, ohne die die Währungsbefestigung nicht hätte durchgeführt werden können. Diese Opfer wurden in der Form von Steuern aus der Wirtschaft geholt, ohne Rücksicht auf die Ertrags- und Leistungsfähigkeit. In den Jahren 1924 und 1925 steht die Steuerlast zum Volkseinkommen in einem Verhältnis, das einer 1 Enteignung ähnlicher sicht als selbst einer außer­gewöhnlichen Steuerbelastung. Das Ergebnis war die Ausgleichung des R e i ch s h a u s h a l t s. Allein diese Gewaltkur hätte nicht mit unbegrenzter Dauer fortgesetzt werden können, denn schließlich kann ein Volk nur von dem leben, was es erarbeitet und verdient.

Die Deflationskrise hat nicht nur zu wirt­schaftlich und finanziell gleich ungesunden, sondern auch zu sozial und politisch sehr gefährlichen Zu­ständen geführt. Während die Wirtschaft durch die Steuererschöpfung unter Kapitalmangel leidet, haben sich in der öffentlichen Hand gewaltige Be­träge angesammelt. Von hier aus kommen mir zu der berühmten Ankurbelung der Wirt­schaft, die darin besteht, daß die Reichsregierung die in der öffentlichen Hand angesammelten Gelder für Wirtschaftszwecke wieder freimacht. Im vorigen Jahre wurde der Kapitalmangel durch Ausland- kredite gedeckt, deren Höhe eine nicht unbedenk­liche Verschuldung an das Ausland bedeutet. Schon der Kredit für die Reichsbahn, den die Reichsregie­rung zu Ankurbelungszwecken bewilligt hat, zeigt, daß der Ausweg aus der Krise noch lange nicht ge­funden ist. Das hängt mit der außerordentlichen Belastung der Wirtschaft durch den Dawesplan zusammen. Es ist nicht wahr, daß wir diese Be­lastung noch nicht spüren. Bei der Reichsbahn sind die Folgen sogar mit den Händen zu greifen, da sie vielfach nicht mehr in der Lage ist, aus den laufenden Betriebseinnahmen die unbedingt not­wendigen Betriebsausgaben zu decken. Diese und andere Ankurbelungsversuche werden uns wohl vorübergehend Luft machen, sind aber auf die Dauer nicht geeignet, gesvnde und ausgeglichene Zustände herbeizuführen. Der Reichskanzler selbst hat auf die Notwendigkeit verwiesen, die Entlastung der Wirtschaft von untragbar gewordenen Steuern auf dem Umwege über Länder und Ge­meinden f o r t z u s e tz e n. Je eher das geschieht, desto besser. Wenn z. B. Preußen heule versucht, mit den Geldern der öffentlichen Hand große Wirt­schaftsgruppen zu sozialisieren, so muß das in der Auswirkung dazu führen, die Wirtschaft und damit den Staat innerlich zu schwächen und auszuhöhlen. Es ist doch wohl der Gipfel, wenn auf der einen Seite die aus der Wirtschaft herausgeholten Steuer­summen dazu verwandt werden, nicht etwa die Wirtschaft anzukurbeln, sondern sich an Unterneh­mungen zu beteiligen. Das entzieht der Wirtschaft Betriebskapitalien, die sie auf der andern Seite not­wendig gebrauchen könnte. Wenn das Reich hier eingreift, den Ländern klarmacht, daß sie V e r - waltungsaufgaben zu lösen, aber die Finger- von industriellen Unternehmungen zu lassen haben, so wird das für Staat und Wirt­schaft gleich nützlich sein. Erleiden die Länder durch ihre spekulativen Beteiligungen später Schaden, so wird dieser auf Kosten der Wirtschaft, also durch neue Steuern gutgemacht werden müssen. Und das steht zu dem Vorhaben der Steuersenkung im Widerspruch, soweit diese Steuersenkung bestimmt ist, der Wirtschaft eine gewisse Bewegungsfreiheit wiederzugeben.

Probleme der neuesten europäischen Malerei.

Etwa mit dem Jahre 1890 kam man den ent­scheidenden Wendepunkt festlegen: Mit van Gogh und Gauguin beginnt der neue europäische Stil, der eine Revolution zu bedeuten schien, wie sie zu­vor noch nicht erlebt wurde, und der das künst­lerische Antlitz der Gegenwart bis heute bestimmt hat. Zweierlei hat die zeitgenössische Kunst des Ex­pressionismus a priori beschwert, ihr brei­teste Gegnerschaft und heftigste Mißverständnisse entgegenwachsen lassen, und ein bis zur Wertung gelangendes Eindringen in das Wesensbild, in das geistige Zentrum vielfältiger und wandelbarer Ein­zelphänomene, Strahlungen, Brechungen und Wu­cherungen immer wieder verschüttet. Zunächst der unglückliche Name in Analogie zumImpressio­nismus" geprägt, wobei man wenigstens noch einen auf die Sehweise bezogenen Sinn im Wort fin­den konnte ein Name, der, wie wenige, ein völlig uncharakteristisches Schlagwort geblieben ist, und der über das Wesen seines Trägers nicht das ge­ringste aussagte. (Mit einer simplen Verdeutschung wird natürlich nichts gewonnen, als eine gleicher­maßen belanglose Tautologie. Kunst ist immer Aus­druck: mindestens der Versuch dazu.) Das andere aber ist eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Mitläufern, die aus der Not ihres künstlerischen Un­vermögens (etwa einen korrekten Akt zu zeichnen) eine Tugend machen wollten und die der wirklichen und ernsthaften neuen Kunst schon gleich zu Anfang unendlich viel Abbruch getan haben.

Ein weiterer, oft ins Feld geführter Einwand gegen die Möglichkeiten der Erkenntnis, Würdigung

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Indessen handelt es sich hier wie bei allen steuer- und wirtschaftspolitischen Gesetzen nur um Bei­hilfen, da die Hauptsache immer die ist, daß ein Volk das wirklich selbst erarbeitet, was es für seinen Lebensunterhalt braucht. Und das deutsche Volk muß unter der Herrschaft des Dawesplanes noch einiges mehr erarbeiten, um nur leben zu können. Es ist heute üblich geworden, den doch unvermeid­lichen aegen vom Abbau der europäischen Zoll­mauern zu erwarten. Gewiß, sehr gute Gründe lassen sich dafür anführen. Aber ob diese Gründe auf dem anderen Ufer Taten auslösen, das müssen wir erst noch abwarten. So wichtig die Ausfuhr für Deutschland ist, ihre unbegrenzte Steigerung ist nicht von unserer wirtschaftlichen Energie allein ab­hängig. Der Kampf der Wirtschaftsländer wird sich in Zukunft hauptsächlich um die aufnahmefähigen Märkte im fernen und nahen Osten abspielen. Und hier hat uns der Dawesplan zweifellos starke Fesseln auferlegt, die sich nur tragen lassen, wenn wir di§ Aufnahmefähigkeit des inne­ren Marktes zu steigern suchen. Mit höhe­ren Löhnen ist das allein nicht zu machen, da die Kaufkraft der Löhne nun einmal von der Gesam.- erzeugung abhängig ist. Die Wirtschaftsförderung, die der Reichskanzler als positives Vorhaben der Reichsregierung angekündigt hot, muß sich vor allem auf die Steigerung der Erzeugung richten. Wir können beispielsweise die Zwangswirt­schaft auf dem Baumarkt nicht mehr länger er­tragen. Wird sie beibehalten, so ist jede Ankurbelung mit der Arbeit der Danaiden 311 vergleichen.

Vas Attentat von Serajewo: Pcrattlnfsuttg oder Ursache des Weltkrieges?

Von Dr. Rudolf Henle.

ord. Professor der Rechte an der Universität Rostock.

Schwer leidet das deutsche Volk unter der Kriegsschuldlüge. Der Versailler Friedensvertrag ruht aus der Behauptung, daß Deutschland die Alleinschuld am Kriege trage. Das Festhalten an dieser Behauptung wird durch den Widerruf des erpreßten deutschen Zugeständnisses nicht beein­flußt. Der weitaus größte Teil des Auslandes ist noch immer in der Vorstellung befangen, Deutsch­land habe bewußt den Krieg entfesselt, um die Welt­herrschaft zu gewinnen. Ein Verbrechervolk ist das deutsche Volk in den Augen der Umwelt. Grauen und Ekel muß jeden Deutschen fassen gegenüber solcher Lüge. Denn es i st Lüge, was Deutschland nachgesagt wird. Deutschland ist nicht nur nicht allein schuldig, sondern es ist unschuldig am Kriege: Deutschland h a t den Krieg nicht »ver­ursacht, sondern die Feinde haben ben Krieg verursacht. Mit Armen und Beinen möchte man um sich schlagen, wenn man bedenkt, daß jene Lüge die Welt beherrscht; hinausschreien möchte man die Wahrheit, bis der Atem versagt.

Aber der .Kampf gegen die Kriegsschuldlüge wird mit schiefer Front und unzulänglichen Mitteln ge­führt. Man rückt den Revanchegedanken der Fran­zosen und den Handelsneid der Engländer in den Vordergrund. Glaubt man damit einen einzigen Gegner überzeugen zu können? Die Gegner er­widern, der Revanchegedanke sei berechtigt gewesen. Metz war den Franzosen im Jahre 1552 durch den Verrat eines bereits im Verrate geübten deutschen Fürsten, Moritz von Sachsen, in die Hände gefallen, Straßburg hatte Ludwig XIV. besetzt. Jahrhunderte waren seitdem vergangen. Nicht, als ob die Zeit aus Unrecht Recht machen könne. Aber der Augenblick, wo das Unrecht hätte beseitigt werden können, als Napoleon besiegt war und Frankreich am Boden lag, ist vom Wiener Kongreß unbenutzt gelassen worden. Als nunmehr im Jahre 1871 Elsaß-Lothringen zu- rürfgenommen wurde, da konnte man sich nur noch auf das Recht des Siegers berufen. Dieses Recht kann aber nur aus einem gerechten Kriege er­wachsen. Und wenn dis Rechtsfrage für den Kriegs­ausbruch von 1870 aufgeworfen wirb, so sagen die Franzosen, daß Bismarck durch geflissentliche Ver­letzung der französischen Nationalehre den Krieg herausgefordert habe. Keinen Ausländer wird man dahin bringen können, den französischen Revanche­gedanken zu verurteilen. Den Handelsneid der Eng- länder^aber streiten die Gegner ab; sie setzen an seine Stelle die Besorgnis der Engländer angesichts des Erbauens der deutschen Schlachtslotte.

Ein anderes Mittel ist die Aufdeckung des Zeit­punktes der verschiedenen Mobilmachungen vor Be­ginn des Weltkrieges. Nach Delbrück') ist der Welt­krieg entfesselt worden, weil Rußland mit der Ab­sicht dieses Erfolges die Mobilmachung anordnete, angetrieoen durch die von Poincarö geleitete fran­zösische Politik. Aber mit den gegenseitigen Beschul­digungen der Priorität in den Rüstungen und Mo­bilmachungsbefehlen ist noch nie eine Kriegsschuld- frage ins reine gebracht worden. Mit Aktenstudium und Feststellung von Zeitpunkten mag man Richter und Forscher überzeugen können, niemals aber die öffentliche Meinung. Zudem wird jeder Ausländer

*) Der Stand der Kriegsschuldfrage, S. 29.

und Popularität des Exprejfionismus (man muß den Namen, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften, beibehalten) beruft sich auf den mangelnden, zeitlichen Abstand des Gegenwartbetrachters. Auch dieses Argument ist ohne Zweifel gewichtig und gegründet: es wäre sonst schon viel mehr über den Stoff geschrieben worden, als geschehen ist. Aber dieser Einwand wird mit erstaunlichem Tempera­ment zurückgewiesen in den» vor kurzem erschienenen Werk des Münchener Kunsthistorikers Franz Roh. (N a ch - E x p r e s f i o n i s m u s. Magischer Rea­lismus. Probleme der neuesten europäischen Ma­lerei. 135 Seiten und 87 Tafeln. Klinkhardt & Bier­mann, Verlag, Leipzig. 1925.) Ein kluges und mu­tiges Buch, eine kunsthistorische Monographie von schlagender Aktualität. Dem zuletzt angebeuteten Be­denken (das sich ja gegen die gesamte Darstellung richten würde) sucht der Verfasser einleitend zu be­gegnen mit der geschickten und mindestens nach­denklichen Gegenfrage, ob man wohl ernstlich glau­ben könne, den Zeitraum von 1200 bis 1225 inner­lich besserzu besitzen", als den von 1900 bis 1925.

Roh sieht nun um 1920 (was zuvor noch nie­mand sah) einen Einschnitt und Wendepunkt von gleicher grundsätzlicher und trennender Bedeutung, wie um 1890. Eine Umschichtung gleichen stilistischen Schwergewichts. So tief Impressionismus und Ex­pressionismus sich voneinander scheiden, so tief liegt in dieser Darstellung der innere Abstand zwi­schen dem Expressionismus und dem neuen, male­rischen Typus Europas von 1920 bis 1925, der sich in einer zur Zeit durch Deutschland gehenden, ge­schlossenen AusstellungDie neue Sachlich­keit" dokumentiert. Reue Sachlichkeit Magischer Realismus Nach-Expressionismus: drei Namen

entgegenhalten: Rußland habe vorgehen müssen, um das kleine Serbien nicht von dem großen Oester­reich vernichten zu lassen.

Das kümmerlichste Mittel ist aber die weinerliche Behauptung, Deutschland habe doch im besten Glau­ben alles versucht, um Oesterreich vom Kriege zu­rückzuhalten und sei nur durch die schlauen österrei­chischen Staatsmänner hintergangen worben. Eine enlmiirbigenbere Behandlung der Kriegsschuld­frage läßt sich kaum ausdenken. Damit gibt man ja die Sache der Mittelmächte zum wesentlichen Teile preis! Und daraufhin bildet man sich ein, die Geg­ner werden auf Grund einer Prüfung der deut­schen diplomatischen Anstrengungen gegenüber Wien sich die Meinung von der deutschen Schuld entwinden lassen! Statt dessen würden die Geg­ner bestenfalls zu der Behauptung kommen, diese Anstrengungen seien erheuchelt, um der Welt Sand in die Augen zu streuen. Mit allen diesen Mit­teln und Mittelchen ist nichts, aber auch gar nichts zu erreichen.

Von einem aber wird viel zu wenig gesprochen: begreiflicherweise von feiten der Feinde, unbe­greiflicherweife von feiten der berufenen Ver­teidiger des deutschen Volkes gegen die Kriegs- fchuldlüge. Dieses eine ist das Attentat in Sera- jcwo vom 28. Juni 1914. Der österreichische Thron­folger würbe von bosnischen Jünglingen ermor­det, die durch serbische Offiziere bewaffnet und aus­gebildet und nach Serajewo entsandt waren. Das Attentat trug den amtlichen Stempel der Belgrader Negierung. Das wird von den Serben und ihren Freunden selbst nur noch Scheines halber und kaum ernstlich bestritten. Sie sind vielmehr stolz darauf. Der Belgrader tschechische Gesandte Jan Seba hat am 28. Juni 1925 in Serajewo auf dem Grabe des Mörders Prineip einen mächtigen Kranz niedergelegt. Der Hauptausschuß der natio­nalistischen Organisation Orjimg hat beschlossen, in Serajewo dem Mörder, Gavrilo Prineip, ein Denk­mal zu errichten: die Kosten sollen durch feiwillige Beiträge ansgebracht werben unb bie Enthüllung des Denkmals am Vidovdan dieses Jahres (28. Juni 1920) erfolgen-). Diese Tatsachen reden eine, zu laute Sprache, als daß man sie überhören könnte!

Auf den serbischen Griff nach der Kehle der Habsburgermonarchie tat diese das einzige, was ihr zu tun übrig geblieben war. Sie stellte ulti­mative Forderungen an den Angreifer und schritt nach deren Ablehnung zum Kriege. Rußland trat an die Seite Serbiens, da eine Preisgabe Serbiens den Verzicht auf Konstantinopel bedeutet hätte. Deutschland trat an die Seite Oesterreichs, da es durch eine Preisgabe Oesterreichs sich rettungslos in die französisch-russische Zange geliefert hätte. Frankreich trat an die Seite Rußlands, da cs an­dernfalls jede Aussicht auf Rückgewinnung Elfaß- Lothringens verloren haben würde. Damit war der Weltkrieg entfesselt. 'Alles war gekommen, wie es kommen mußte, nachdem der serbische Meuchel­mord gelungen war. Was weiterhin geschehen ist, der Einmarsch in Belgien und das Eingreifen Eng­lands hat den Weltkrieg nicht verursacht, sonderit ausgedehnt. Mag die Belastung der deutschen Sache durch den Einmarsch in Belgien noch so schwerwie­gend empfunden werden: mit der Frage der Ver- tirjachung des Weltkrieges hängt sie nicht mehr zu­sammen.

Statt aber das Attentat von Serajewo in den Mittelpunkt der ganzen Frage zu stellen, gefällt man sich darin, es zur Seite zu schieben mit der Wendung, es sei eine bloße Veranlassung zum Kriege gewesen, aber nicht dessen Ursache. Wie ist diese seltsame Stellungnahme, die den stärksten Punkt der deutschen Front in der Kriegsschuldfrage kampflos räumt, zu verstehen?

Ein Grund dazu liegt in dem deutschen Erb­fehler der Schulmeisterei unb des Besferwissen- wollens. Zu ben Aufgaben des Geschichtsunterrichts an hohen und niederen Schulen gehört es, den Unterschied zwischen Veranlassung und Ursache krie­gerischer Ereignisse darzulegen. So erscheinen für den Peloponnesischen Krieg bie Parteizwistigkeiten in der Kolonie Edamnos, für den Dreißigjährigen Krieg die Händel wegen der Kirchenbauten in Braunau und Klostergrab mit dem nachfolgenden Prager Fenstersturz als die bloße Veranlassung zum Kriege, während die Eifersucht zwischen Athen und vparta dort, die religiösen Gegensätze hier die eigentlichen Ursachen bilden. Wer sich nun dem Problem gewachsen zeigen will, der muß auch beim Weltkriege die Unterscheidung zwischen Ursache und Veranlassung machen können. Flugs wird das Attentat von toerajewo zu einer bloßen äußeren Veranlassung, während die Ursachen in der Rach­sucht, nationalistischen Leidenschaft ober Eifersucht der verschiedenen Mächte liegen. Und wie köstlich kft es dann, wenn man dem anderen, der auf das Attentat als das entscheidende Ereignis hinweitt, gefurchten Antlitzes vorhalten kann, die Sache fei nicht so einfach, sondern viel verwickelter, und wer auf das Nächstliegende sehe, sei ein beschränkter Kopf.

2) Die Kriegsschuldfrage (Herausgeber: Alfred von Wegerer) Septemberheft 1925, S. 634.

für ben gleichen Gegenwartsstil, der sich allerdings auf den ersten Blick so überraschend vom Expressio­nismus abhebt, daß man in der Tat, mit' diesem Buch, an eine gänzliche Umstellung glauben möchte. Besonders wenn man das beigegebene Bildermate­rial studiert, und die sehr glücklich zusammengebrach­ten Vergleichspaare mustert, die das antithetisch vorausgestellte Schema sinnfällig verdeutlichen und Expressionismus und Nach-Expressionismus scharf voneinander abrücken sollen, dennoch sträubt man sich, auch wenn man bie Bilder sah, gegen bas, ge- gewissermaßen einen energischen Schlußstrich ziehende KapitelSystem des Expressionismus". Es ist eben doch noch zu vieles hier in der Schwebe, jener Einwand war doch wohl nicht ganz eitel, und die Kunstbetrachtuna der Gegenwart ist immer Kunst­geschichte der Zukunft. Erst eine (über kurz ober lang) fommenbe Generation wirb bieses Buch maß­gebend beurteilen können. Vielleicht wird sich bann zeigen, daß bie neue Sachlichkeit (bie in ihren Richtungen" vorzüglich analysiert unb erhellt wirb) doch nicht ober noch nicht eine Wenbe, fonbern nur eine Abspaltung bedeutete, unb nicht so tief vom Expressionismus zu scheiben ist, wie dieser vom Impressionismus.

Wie man sich der neuen Kunst, ihren geschicht­lichen Zusammenhängen und ihren genetischen Bedingtheit gegenüber innerlich einftellt, wirb mindestens bis auf weiteres ebenso Gefühlsfache bleiben, wie schließlich alles in Dingen der Kunst. Solche Erwägungen werden den Wert des Buches kaum schmälern, und übrigens findet sich, im vor­letzten Kapitel der Darstellung, auch der Punkt, an dem sich alle Fäden sammeln lassen. Der Abschnitt ist überschriebenDas Zurückgreifen" und behandelt

Mittwoch, 10. März 1926

Ist denn nun das Attentat solche bloße Veranlassung? Der Sinn der Unterscheidung zwi­schen Veranlassung und Ursache kann nur folgender jein. Die Veranlassung besteht in vertretbaren Er­eignissen: zu vergleichen mit den fungiblen Sachen, die im Rechtsleben eine wichtige Rolle spielen. Wären die Zwistigkeiten in Epidamnos, bie Händel in Braunau und Klostergrab nicht entstanden, so würden wenige Tage darauf an anderer Stelle ähnliche Greighiffe sich zugetragen und zu den gleichen Folgen wie jene geführt haben. Solche Er­eignisse lassen sich in ihrer Individualität wegden- ken, ohne daß sich der Gesamtverlauf ändert. Ist das aber bei dem Attentat von Serajewo der Fall? Steinesmegs! Don fampfbegicrigen Gruppen auf beiden Seiten, bie nur auf ben Anlaß zum Los- schlagen warteten, kann ba keine Rebe fein. Wie die Weltgeschichte sich gestaltet haben würbe, wenn bas Attentat abgesagt worben ober auch nur miß­lungen wäre, ist überhaupt nicht auszudenken. Die Tage des alten Kaisers Franz Joseph waren gc> zählt. Sein Tod würde bas Zeichen für Franz öetbinanb für entscheidenbe Taten zur föberatioen Umgestaltung ber von der ungarischen Minderheit drangsalierten Habsburgermonarchie gewesen fein. Wenn es gelungen wäre, das allgemeine, gleiche unb geheime Wahlrecht in Ungarn zu errichten unb Vff Monarchie statt zu einer magyarischen Zwangs- anstatt zu einem freien Vaterhaus auch für Siid- flawen unb Rumänen zu machen, so würde das Donaureich für England bündnisfähig geworben sein unb ganz Europa ein neues Gesicht bekommen haben. Deshalb war das Gelingen des Attentats kein vertretbares Ereignis. Die Schüsse des Mör­ders trafen ben Frieden ber Welt ins Herz. Sie waren nicht eine Veranlassung, sondern bie Ursache des Weltbrandes. Delbrück flogt, daß es noch nicht gelungen sei, eine kurze und schlagende Jarmulic- rung ,zu finden, um die Unrichtigkeit der Dehaup- t:iug 'i.ii Art. 231 des Versailler Friedens unzwei­deutig auszudrücken-'). Diese Formulierung liegt zutage, sobald man sich entschließt, das Wesentliche in den Dingen aufzusuchen, mag auch das Ergebnis seiner Einfachheit halber den Widerspruch der Neun­malklugen herausfordern.

Freilioh sind auch noch andere Gründe im Spiel. Das Selbstbewußtsein vieler sträubt sich dagegen, im Attentat von Serajewo die Ursache der Welt- ko.tastrophe des preußischen unb deutschen Zu­sammenbruchs anzuerkennen. Es dünkt ihnen un­erträglich, daß das Deutsche Reich beim Ausbruch des Krieges nur eine Nebenfigur gewesen sei. Letzt­hin hat Schüßler') in überzeugender Weise, dar- gelegt, mit dem Deutsck)en Reiche feit ber Entlas­sung Bismarcks gegenüber dem Gange ber Dinge in Defterreid)=Ungarn jede Handlungsfreiheit ver­loren gegangen war. Die gewaltige deutsche Heeres- macht war genötigt, wie ein Trupp Landsknechte auf ben Wink Habsburgs in die Schlachtreihe einzu- schwenken. Dem ins Auge zu sehen, ist für manchen gewiß eine schwere Aufgabe. Dazu kommt endlich bie Versuchung, die Schuld am belitschen Zusammen­bruche auf Oesterreich abzuwälzen und damit die feit Jahrzehnten traditionell gewordenen Mißgefühle gegen das alte deutsche Kaisergefchlecht der Habs­burger weiter zu befriedigen .So ist man an dem Attentat von Serajewo vorbei unb verrennt sich lieber in die bereits erwähnte Sackgasse: Oester­reich habe durch sein zu scharfes Ultimatum gegen das arme kleine Serbien gefehlt und das harmlos vertrauende Deutsche Reich mit ins Unglück gezogen. Das Unsinnige dieses Vorwurfs wird klar, sobald man nur einmal den Fall setzt, ber deutsche unb preußische Kronprinz sei mit feiner Gemahlin bei einem Manöver in Nordschleswig von dänischen Fanatikern ermordet worden, sei es mit, sei es ohne Vorwissen ber dänischen Regierung. Das Ultimatum Deutschlands an Dänemark hätten wir sehen mögen!

'Alle diese Gründe dürfen fein Gewicht bean­spruchen, daher sollten die leitenden deutschen Staatsmänner mit aller Entschiedenheit unb ohne Rücksicht auf persönliche Gefühlsstimmungen das Attentat von Serajewo als bie Ursache des Welt­kriegs ins Licht bringen unb bie Propaganda in ber Kriegsschulbsrage barauf einstellen. Man lasse ein Plakat anfertigen, das im oberen Teile die Ermor­dung des Thronfolgerpaares unb im unteren Teile bie Kranzniederlegung des Prager Gesandten in Serajewo barfteUt. Dieses Plakat lasse man nicht in den verzerrten Strichen unb kreischenden Far­ben einer entarteten Kunstrichtung, bie uns im Auslanbe nur lächerlich macht, Herstellen, sondern in schlichter und würdiger Gestalt. Unter dem Gan­zen steht bie Frage: Wer hat den Krieg verursacht? Das Plakat verbreite man überall, wo es möglich itt. Unb sollte demnächst ber teuflische Gedanke des Denkmals in Serajewo wirklich ausgeführt werden, so lasse man bann ein Plakat folgen, bas unter bem Bilde der Mordtat statt ber Kranznieberlegung des Prager Gesandten bie Enthüllung des Denkmals für ben Mürber enthält.

Denn, so barf man hoffen, wird man im Aus­lande aufmerksam und sich besinnen. Man wird

) a. a. O., S. 4.

*) Oesterreich und das deutsche Schicksal.

die historischen Voraussetzungen und Rezeptionen ber neuen Kunst. Auch ba wirb bie Zukunft lehren, ob nicht überhaupt erst von hier aus bie Möglichkeit erschlossen wirb, bie Vielheit der Probleme (bie auf so beschränktem Raum kaum angebeutet werben können) zusammenzufassen und zu vereinfachen, ober sie in ein ganz anderes Licht zu stellen. Ex­pressionismus und Neue Sachlichkeit würden ein verändertes Gericht bekommen, ihre Gemeinsam­keiten würden schärfer zu bestimmen fein, und ihre Abstände. Nichts war verfehlter, als der zeitgenös­sischen Kunst Traditionslosigkeit vorzuwerfen. Sie ist viel tiefer verankert (in bald naher, bald sehr ferner Vergangenheit), gls man bisher zugestanden hat. Und wenn man sich entschließen kann, diese un sere Kunst nicht mehr als etwas so unerhört Erst­maliges, Niedagewesenes und Revolutionäres zu be­staunen, wird man ihr bedeutsam näher kommen. Vieles wird einfach fein unb leichtbegriffen" wer­den im zeitgenössischen Bild, wenn man etwa den farbigen Bogen gewahr wird, ber sich von Grüne­wald her zu ihm spannt, oder die Brücke aus der deutschen Romantik, die es mit Easpar David Fried­rich verbindet, oder die ekstatische Gebärde, die ihm von einer gotischen PielL überkommen ist. Als Evolution und Wiederkehr gesehen, wird der zeitgenössische Stil europäischer Kunst umfassender zu empfinden und klarer zu deuten sein in all der verwirrenden Vielheit feiner Farben und Formen, in seiner Herzensart und feiner Gesinnung, in sei­nen Hoffnungen unb seiner großen Sehnsucht. So wirb auch das jetzt noch kühl und fremd unb un­heimlich scheinende Antlitz der neuen Wirklichkeit unb Gegenständlichkeit magisch zu leuchten beginnen. (94) -y-