Nr. 34 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 10. Februar 1926
Jugend und Hochschule.
Die Schulfrage.
Don Prof. D. Dr. Dredt, M. b. R.
Eine Gesetzgebung, die dm Reiche noch nicht in Angriff genommen worden ist, obwohl es dringend geboten wäre, ist die Schulaesehgebung. Diese Materie ist zwar in der Reichsverfassung selbst geregelt, aber es handelt sich nur um Rahmenbestimmungen, die noch ausgefüllt werden müssen durch Reichs- und Landesgesehgebung. Auch diese Gesetze aber werden noch ntcht die endgültige Entscheidung bringen, sondern diese liegt erst bei der Praxis. Die Reichsverfassung enthält wirklich zwingende Regeln im Enderfolge überhaupt kaum, sondern sie richtet nur den Kampfplatz her, auf dem die Kämpfe schließlich ausgefochten werden sollen. Während das Mittelalter noch den Begriff einer Staatsreligion kannte und noch bis zur neuesten Zeit der preußische ^Staat — ebenso wie die 'anderen deutschen Staaten — ausgesprochen christliche Staaten waren, bringt die neue Reichsverfassung hier volle Parität, die bis zur äußersten Folge durchgeführt ist. Richt nur alle Religionen, sondern auch Dissidenten und Vertreter einer bestimmten Weltanschauung nicht christlicher Art stehen völlig gleich. Demgemäß können auch Schulen eingerichtet werden auf diesen verschiedenen Grundlagen, und der Schwerpunkt liegt bei dem Willen der Eltern und Erziehungsberechtigten.
Die von der Reichsverfassung in den Bordes gründ gestellte Schule ist diejenige, in der sich alle Kinder zusammenfinden, ohne Rücksicht auf Konfession, in der aber der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach ist für diejenigen Kinder, deren Eltern keinen abweichenden Willen kund geben. Es können indes innerhalb der Gemeinden auf Antrag von Erziehungsberechtigten Schulen für die einzelnen Bekenntnisse eingerichtet werden, in denen dann die Kinder nach Bekenntnissen getrennt, einen Unterricht erhalten, der mit einem Religionsunterricht in dem betreffenden Bekenntnis zusammenwirkt. Hier liegt der eigentliche Schwerpunkt der ganzen Schulgesehgebung. 3n dem diesbezüglichen Artikel 146 der Reichsverfassung heißt es: „Das Nähere bestimmt die Landesgesetzgebung nach den Grundsätzen eines Reichsgesetzes." Dieses hier vorgesehene Reichs- geseh ist das sogenannte Reichsschulgeseh, über das man schon so vieles gehört und gelesen hat. 3m 3ohre 1923 legte die Regierung einen Entwurf vor, der auch beraten, aber nicht verabschiedet wurde. Der Reichsminister Schiele ließ einen neuen, sogenannten Referenten-Cntwürf ausarbeiten, der aber gar nicht zur Vorlage gelangte. Er wurde nach seiner Bekanntgabe naturgemäß der Gegenstand zahlreicher Kritiken und Angriffe Don den verschiedensten Seiten aus, so daß es kein Wunder war, wenn er schließlich still verschwand. 3eht hört man von einem Reichsschulgesetz überhaupt nichts mehr.
Es ist aber dringend notwendig, daß die Gesetzgebung in die Hand genommen wird. Es geht nicht an, eine so wichtige Materie dadurch zu erledigen, daß man die Dinge in der Schwebe läßt und sich mit ständigen neuen Aushilfsmitteln begnügt. Es muß auf die Dauer ein wirklicher Rechtszustand auf diesem Gebiete geschaffen werden, der allen Teilen zeigt, wie weit sie gehen können. Die Anfeindungen gegen das Bayrische Konkordat stammen nicht zum kleinsten Teile daher, daß jenes Reichsgesetz wohl nicht ergangen war, daß also die bayerische Regierung selbst nicht genau wissen konnte, wie weit sie hier der Römischen Kurie entgegenkommen durste. An sich kann auch dem Erlaß eines solchen Gesetzes kaum etwas im Wege stehen, denn es soll ja garnicht einer bestimmten Richtung zum Siege verhelfen, sondern es soll allen Richtungen die Möglichkeit geben, sich die Schule zu schaffen, die sie für die richtige halten. Es kann allerdings keinem Zweifel unterliegen, daß dennoch versucht wird, das Schulgesetz jeweils im Sinne der eigenen Partei auszugestalten, und aus diesem Bestreben entstehen wieder neue
Das Winterdenkmal.
(Aus den „Geschichten aus seltsamer Jugend".) Von Franz Karl Ginzkeh.
Ginge es nicht um die Elemente, schiene mir das Nachfolgende kaum des Erzählens wert. Denn es handelt von nichts anderem, als der Sehnsucht eines Knaben nach dem schonen kristallenen Wunder des Schnees.
Möglich aber, daß noch ein anderes mich zur Erzählung dieser kleinen Dinge treibt, nämlich das Mysterium der Vererbung in einem merkwürdigen und doch klarliegenden Beispiel aufzuzeigen, und damit auch die große BedeutunH wieder einmal zu rechtfertigen, die dem Einfluß früheren Blutes zugeschrieben wird.
3ch bin in einem Lande geboren, wo es nur selten Schnee gibt. Kommt er einmal auf Flügeln der Dora oder eines feuchten Nordwests, so erscheint er nur als flüchtiger und gar nicht gern gesehener Gast, und es hat den Anschein, als wüßte er dies auch, denn er macht sich, was mancher in seinem Falle täte, so dünn es nur nur angeht und bemüht sich auch, so rasch als möglich wieder zu verschwinden. Die dort einheimischen 3taliener hassen den Schnee, sie sagen, er sei häßlich wie ein Leichentuch.
3ch hörte das bereits als kleiner Knabe, war aber durchaus anderer Meinung, denn in meinen deutschen Kinderbüchern stand der Winter als ein fröhlicher und höchst eigenartiger Geselle ab- konterfeit, der breit und behaglich über der Welt liegt und nur dazu da ist, den Kindern Kurzweil zu bereiten.
Aber an Kurzweil fehlte es mir auch sonst nicht, und es mußte eine tiefere Bewandtnis damit haben, warum mich Jahr für Jahr zur Winterszeit eine ganz unbändige Sehnsucht nach dem Schnee befiel, so daß ich förmlich krank wurde nach ihm unb keinerlei Freude an der grünen Mildheit des Südens empfinden tonnte.
Heute weih ich es genau, es war der Geist der Väter in mir aufgewacht, der sprach aus mir und verlangte sein Recht. 3n der deutschböhmischen Heimat sahen die Väter seit 3ahr- hunderten in ihren kleinen Weberhütten und ließen das Schiffchen schnellen und traten den Tritt dazu, lang vor Morgengrauen bis in die tiefe.
ersehnen sollte, sich aus freien Stücken ins Weih der Entsagung einfügt, ins Leuchten nach innen und den Stubentraum.
Einmal hatte es den Anschein, als wollte der Schnee wahrhaftig kommen; ich saß auf der Schulbank an einem winterlichen Vormittag und plötzlich wirbelte es scharf und dicht zur staunenden Erde nieder, ich starrte nur immer in den wunderspendenden Himmel hinauf, der Lehrer predigte tauben Ohren. Zwei Stunden ging das so fort, schon lag das weihe Gespinst gut fausthoch auf dem Rasen vor der Schule aufgehuschelt, ich dachte an gar nichts anderes mehr, als hinauszulaufen und darin herumzustampfen und mit den weihen Vollen zu werfen, wie es im Buche stand, da spaltete sich plötzlich das Grau des Firmaments und aus azurblauer Grotte sprang eine höhnisch frohlockende Sonne hervor und frah ihn glattweg in der letzten Stunde des Unterrichtes fort, den schönen, strahlenden Schnee. Als wir paar deutsche Buben schließlich auf diese Wiese stürzten, lag er nur noch in kleinen dürftigen Mulden und Rinnen kümmerlich auf gespart, wir aber stürzten darüber her unb scharrten eilig zusammen, was noch zu fassen war, und warfen es uns begeistert an die Köpfe. Cs waren jedoch heimtückische Geschosse, Dumdumkugeln sozusagen, denn sie waren bereits arg mit Sand und Erde vermischt, es war eine durchaus dreckige Angelegenheit aud dem Ganzen geworden.
Ein einziges Mal nur in meiner Kindheit, und das war für mich die Erfüllung, schneite es zwei Tage und zwei Nächte lang. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als wäre aus dem Hellen Norden, wo der Geist zu Hause ist, ein Heimatsgruh zu mir gedrungen, väterliches Winterleuchten segnete den Knaben.
Diesmal beschloß ich, zu retten, was nur zu retten war. Ich lief wie besessen auf meinen Spielplatz hinab und begann mit michelangel^ken Gebärden einen Schneemann zu bauen, mit Beinen, so dick wie Heringsfässer, und einem Kopf, so groß wie die halbe Welt. Er war mehr breit als hoch gewachsen, ansonsten aber ein unglaublich stämmiger, schier unverwüstlicher Geselle, wie er eben der Gröhe meiner Sehnsucht entsprach, ein gewaltiges Denkmal meines stürmischen Protestes gegen die winterlose Welt,
Schwierigkeiten politischer Art, die das Zustandekommen des Gesetzes hindern.
Nun muh man allerdings eines bei der ganzen Frage berücksichtigen: solange keine Aen- derung erfolgt, bleibt der bisherige Zustand im Schulwesen erhalten. 3n Preußen herrscht bisher die konfessionelle Volksschule in dem Sinne, daß evangelische und katholische Kinder in den. Schulen getrennt gehalten werden, so daß es also' ausgesprochen katholische und evange.ische Schulen gibt. Dasselbe ist in den meisten anderen Bundesstaaten der Fall. Nur in Baden und in Hessen- Darmstadt gibt es die sogenannten Simultanschule, das heißt, eine solche, die zwar christlichen Charakter trägt, in der aber die Kinder beider Konfessionen zusammen sitzen, mit natürlich getrenntem Religionsunterricht. 3n Preußen gibt es diese Schulart im ehemaligen Herzogtum Nassau, einem Teil der jetzigen Provinz Hessen- Nassau, wo sie 1866 beibehalten wurde. Es kann auch gar keinem Zweifel unterliegen, daß sich diese Simultanschule überall bewährt hat. wo sie besteht, allerdings werden von katholischer Seite Wünsche laut, auch in den Gebieten der Simultanschule die Trennung durchzuführen, aber diesen Wünschen stehen wieder große Kosten entgegen. Die rein konfessionelle Schule ist überhaupt nur wirklich durchzuführen da, wo entweder die Bevölkerung konfessionell einheitlich ist, oder wo es sich um so große Städte handelt, daß die Schulen beider Konfessionen ohne weiteres gefüllt werden. Sollen in kleineren Ortschaften mit gemischter Bevölkerung zweierlei Schulen bestehen, so bleibt es selten aus, daß für die eine ober die andere Konfession große Wege entstehen, weil der Schulbezirk großen Umfang annehmen muß, um die nötigen Kinder zur Füllung der Schule zusammen zu bekommen. An sich ist es nach der Reichsverfassung sehr wohl möglich, solche Simultanschulen einzurichten nach dem Willen der Eltern; es ist aber sehr die Frage, ob eine derartige Willenserklärung zustande kommt und hier nicht der rein konfessionelle Standpunkt die Oberhand behält.
Gins ist jedenfalls sicher: der christliche Gedanke ist im deutschen Volke noch fester verankert, als man es nach der Revolution annehmen konnte. Selbst in Kreisen, die vielleicht der Religion an sich gleichgültig gegenüberstehen, herrscht dennoch der Wille, zum wenigsten den Kindern einen Religionsunterricht zuteil werden zu lassen, um ihnen hier die freie Entscheidung zu ermöglichen. Gegen solche Stellungnahme der Eltern ist aber auch vom allgemeinen Staatsstandpunkte aus unmöglich etwas einzuwenden, denn es handelt sich nur um das Selbstbestimmungsrecht des Staatsbürgers, auf das gerade der moderne Staat den größten Wert legen muh. Aus dem Grund geht es aber auch nicht an, den Erlaß des Reichsschulgesehes immer wieder hinauszuschieben. Es ist vielmehr dringend geboten, daß hier bald ganze Arbeit gemacht wird.
Stefan George und die deutsche Jugend.') Von Marie Duchhold.
Stefan George wird von der 3ugend als eine der ersten geistigen Gestalten empfangen: Das Wort, Monstranz des Geistes, das Gedicht, die Struktur neuer Weltordnung. Der „Stern des Bundes" vor allen anderen Werken Stefan Georges wird Buch der Gesetzestafeln. Denn hier steht ja in ehernen Zeilen das neue Weltbild in der Dichtung, und hier wandelt ja der neue Menschentypus. So lautete das 3a zu Georges Schöpfung leidenschaftlich und streng, älnd nun vollzieht sich -das, was den von außen her Schauenden als völlig unverständliches Phänomen gilt: leidenschaftlich und streng geht die Liebe der 3ugeni> Tafel "für Tafel ja-sagend
•) Aus dem kürzlich erschienenen, im Auftrage des „Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht“ von H. Seifert herausgegebenen Buche „Die Schule der Gemeinschaft“. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig.
Nacht. Das 3ahr strich am Fenster vorbei, mit Frühlingssehnsucht und Svmmerverhcihung und dem Lächeln des Herbstes, sie wußten wenig davon, es war wie verbotenes Land da draußen, es fehlte die Zeit zur Verwirklichung irgendwelcher Sehnsucht, die wurde ins Linnen mitverspon- neu und lief mit ihm in die Welt hinaus.
3m Winter war es anders, der Winter rief die Leute von damals nicht hinaus, er führte sie zu sich selbst zurück. 3m Ofen zirpte die Flamme und das weiße Flimmern draußen vor den kleinen Fenstern deckte die Sehnsucht zu. Nun war es endlich gut, es war das beste, daheim zu sein. Meinen Vätern schien ihr Schicksal weniger hart, es träumte sich gut im Dämmerlicht, draußen lag die weihe Weite wie ein unbeschriebenes Blatt, wer was zu sagen hatte, der schrieb es hinaus, auf die Tafel der Innerlichkeit. Dwauhen wehte der Winter, drinnen webte der Weber und beider Arbeit war gut.
Was war ich kleiner Knabe anderes als ein Erbe? So oft der Himmel sich grau überzog, nahm ich hinter dem Fenster Platz, wie einer, der auf ein Schauspiel begierig ist und es kaum erwarten kann. Schwebte bann die erste weiße Flocke herab, wuchs mein Verlangen ins Grenzenlose. Der ersten folgte die zweite, der zweiten die dritte, es war aber meist schon fraglich, ob die vierte noch erschien. Meist setzte Regen ein unb mit dem Winter war es wieder vorbei.
Durch diese Erfahrung gewitzigt, hielt ich beizeiten die Hand hinaus und suchte meinen Winter auf der Hand zu erhaschen und sah dann wehmütig zu. wie die feine geäftelte Flocke auf der Wärme der Hand zerging unb nichts als ein Tropfen übrig blieb, der aussah wie ein Sehnsuchtstränklein.
Es war eine tolle Geschichte, was hatte ich kleiner, im Süden geborener 3unge mit dem Schnee zu schaffen, den ich aus eigener Anschauung gar nicht kannte? Es ist kein Zweifel daran: Erbteil der Väter rumorte in mir, uralte Sehnsucht war wieder lebendig geworden, Gott weiß wie weit zurückreichend, vielleicht bis in die Eiszeit. Es liegt etwas Gespenstisches darin, den inneren Schrei vergangener Geschlechter immer wieder übernehmen zu müssen, ob man mag ober nicht. Und baß ein Kind, das eigentlich nichts als Sonne und grünes Musizieren der Natur
durch die Latinität der Georgeschen Schöpfung, bis plötzlich die Gegenkraft der Kritik und Zerstörung auch gegen diese Form, auch gegen diesen 3nhalt zu rasen beginnt, ein Unendliches vermissend sich umblickt unb den schon begonnenen Tempelbau läßt unb sich abwendet.
Zuerst aber Stefan Georges Werk unb feine Bebeutung für die 3ugenb. Georges Verkündigung in der Darstellung des Wortes gab das Wort als Leib. Das Wort „bedeutet" nicht, es i st. Das Wort ist magisch. Darum vermag es eine neue Welt unb einen neuen Menschen zu beschwören. Stefan Georges Wirkung auf die 3ugenb der 3ugcnbbetoegung geschah vor allem durch den „Siern des Bundes". Dieses Werk hat innerhalb der 3ugcnb eine ganz außerordentliche Verbreitung gefunden. Die Kriegsfreiwilligen trugen es mit im Tornister. Cs wurde gelesen, vorgetragen, auswendig gelernt, es prägte sich ein in die Seelen der 3ugenö wie kein anderes Buch, es ward ein Brevier der 3ugend. Das ist nicht zuviel gesagt. Während alle anderen Werke Georges mehr oder weniger ästhetische Gefühlssphären der 3ugenö berührten und auch beschwingten, soweit überhaupt andere Werk von ihm gelesen und bekannt wurden, im besten Sinne des Wortes populär wurde nur der „Stern des Bundes": Seine Wirkung ist keineswegs ästhetisch zu werten, seine Wirkung war magisch, b. h. die Tafeln des Buches drangen in Form und Zn- Halt ein in eine 3ugenb, die neue Form und neuen 3nhalt verlangte unb ihn hier unabweisbar und endgültig aus erster Hand zu empfangen das Glück hatte. Aber — und nun ist ein sehr wesentliches Charakteristikum zu berichten — die 3ungen wurden doch nicht zu ©eorgianem, nicht zu 3üngern, nicht zur Gefolgschaft. Die strenge Leidenschaftlichkeit, mit der gerade der „Stern des Bundes" ausgenommen wurde, kennzeichnet sich noch besonders dadurch, daß eben nicht das ftattfanb, was vielleicht zu erwarten gewesen wäre. Es kam zu keiner Jüngerschaft. Während um George und seinen Kreis sich gerade ein besonderer Typus 3ugend zusammenfand zu solcher Jüngerschaft, hielt sich die 3ugenb der 3ugenbbetoegung fern. Das bedeutet nicht ihre Unfähigkeit zu bedingungsloser Hingabe an eine 3bee bzw. an den Verkünder einer 3dee, sondern im Gegenteil eine wesentliche Eigenkraft in Haltung und Handlung. Angenommen und einverleibt ist der Reichs- und Bundesgedanke. angenommen das Wissen um den neuen Adel, um Blut unb Geist bes neuen Eros, zutiefst begriffen die Wahrheit von Herrschaft unb Dienst, unb dennoch: man wird nicht 3ünger, man wird nicht Gefolgschaft.
Der Einfluß auf Denk- unb Sprachformen ist ziemlich bebeutenb, unb ich meine hier gewiß nicht bie paar armseligen Schreiberzeugnisse äußerlicher Nachahmer. Auf Reinheit, Klarheit, Strenge bes sprachlichen Ausbrucks hat die Georgesche Form jebenfalls einen maßgebenben Einfluß ausgeübt.
So sehr aber bi<? 3ugend der Jugendbewegung leidenschaftlich unb streng Form unb Bindung sucht, so sehr ist sie mit einem seelischen Seismographen begabt gegenüber jeder Gefahr der geistigen Versklavung. Und das war die Kraft, die sie nicht zur 3üngerschaft werden lieh. Denn an den „3üngem“ hatte sie daS gesehen, an denen, die „nicht mehr sich selber geblieben", sondern ein ästhetisches oder auch unästhetisches Echo des Meisters geworden waren. Wohl wußte auch die 3ugenb um die Kraft der Verwandlung in der Hingabe und um bas von George selber verkündete Geheimnis:: „Was ist geschehen, daß ich mich kaum noch kenne, kein an derer bin undmehr doch als ich war?" und die SHiußzeile: „seitdem ich ganz mich gab, hab' ich m i ch g a n z."
Aber eine Kraft und nicht eine Schwäche bewahrte sie vor diesem Anheimfall. Denn es ist so: Die Latinität, Strenge, Formraum und In- ijalt der Georgeschen Verkündigung umfaßte nicht alles, was die Spannung der 3ugenb auslösen kann. Die strenge Ausschließlichkeit und
Endgültigkeit der Georgeschen Postulate setzt wohl die konstruktiven Risse eines Reichsbaues und Bundestempels, ja will Mauern unb KuppÄ. schon errichtet haben, aber da beginnt der Protest der Jugendfreie sich zu regen gegenüber solcher Vorwegnahme durch die Idee, die doch noch nicht wirklich ist unb die auch durch die höchste Einbildung noch nicht sich verwirklichen läßt. Denn es war so: das öffentliche Leben war und ist noch heute Gegensatz der Georgeschen Welt. Die 3ugend aber will öffentliches Leben und die Kraft einer Georgeschen Welt vereinigen, nicht aber kann sie in diese Welt einen unpassenden! Tempelbau hineinpressen wollen, noch darf sie sich, das fühlte sie wohl, auf eine Inselsphäre der Einbildung zurückziehen, um, eben in „Ge- orgescher Haltung", fern der Entwicklung der Dinge ohne Einmischung in die Tragik des heutigen Geschehens sich zu verhalten, ein Privatleben zu führen.
Aus $d)ottlaiiös hohen Schulen.
Lin Besuch seiner vjer Unioerfifäten.
Von Ernst Schäffer.
Es ist erstaunlich, daß das kleine Schottland, das nur etwa so groß wie Bauern ist. vier Universitäten besitzt, die eTh bis zwei Eisenbahnstunden voneinander entfernt sind; sie erfreuen sich seit Jahrhunderten infolge ihres hohen geistigen Niveaus großer Berühmtheit und Beliebtheit, und es verlohnt sich, ihnen, bei einer Reise durch Schottland, einen Besuch abzustatten.
Da ist zunächst die Universität in Edinburgh, der Hauptstadt Schottlands; in der Altstadt wurde sie 1582 von Jakob VI., dem Sohn Maria Stuarts, begründet. Noch heute wird ein Teil dieser historischen Gebäude benutzt; dazu sind stattliche Neubauten von Krankenhäusern, der Bibliothek und der Sternwarte gekommen. Besonders berühmt ist die medizinische Fakultät, an der Sir James Poung Simpson im Jahre 1840 die Verwendung des Chloroforms zur Narkose entdeckte. An derselben Hochschule lehrte Adam Ferguson, einer der markantesten Vertreter der schottischen Moralphilosophie, und der Historiker Davis Humc.
Die Bahn führt uns in nur einer Stunde von der Ostküste, dem Firth of Forth, zur Westküste, dem River Clyde, an dem die mächtige Hafen- und Industriestadt Glasgow liegt. Ist Edinburgh eine der schönsten Städte Europas, so ist Glasgow der unsympathische Typ der modernen Fabrikstadt. Nur das Viertel um die Universität herum, die, umgeben von grünenden Anlagen, auf steilem Berge liegt und aus dem Jahre 1451 stammt, bildet eine wohltuende Ausnahme. Das Gebäude, das später von dem berühmten schottischen Architekten Scott umgebaut wurde, hat die stattliche Länge von 160 Meter und eine liefe von 90 Meter. Stolz und trutzig blickt es auf die düstere Stadt und den rjafen mit feinen Riesenkranen herab. Auch hier ist es wieder die medizinische Fakultät, die heute auf besonderer Höhe teht. In Glasgow lehrte einst der Nationalökonom Adam Smith und der Phiwsoph Francis H u t ch e o n. Auch William Thomson, der spätere Lord Kelvin, der bereits mit 21 Jahren Professor der Phnsik war und die heute noch im Museum gezeigte Helm- holtzmedaille erhielt, war Dozent an der Glasgower Hochschule. Sein Vater, Sir Wyfille Thomson, unterrichtete an den Universitäten Edinburgh und Aberdeen; er war der eigentliche Begründer der Tiefseeforschung.
Der Weg geht nunmehr nordwärts, und zwar wieder an der Ostküste der schottischen Halbinsel, an den Firth of Tay, an dem die kleine Stadt St. Andrews liegt. Sie ist zugleich ein bekanntes Seebad und sieht während der zweimal im Jahre stattfindenden berühmten Golfwettspiele Englands obere Zehntausend in seinen Mauern. Hier genießt die theologische Fakultät einen hervorragenden Ruf. Eine Art Filiale hat die Universität in der auf der anderen Seite des Firth of Tay liegenden Jutestadt Dundee, zu der man über eine mächtige Eisen- bahnbrucke fährt. Deren Vorgängerin wurde in den Weihnachtstagen 1879 mit einem über sie fahrenden Zuge von dem rasenden Sturm in die Fluten geschleudert, ein Ereignis, das uns zwei Deutsche,
Wie er derart auf der welschen Heide stand, sozusagen der Literatur entsprungen, mein deutscher Schneemann, wie ich ihn nämlich nach meinem Bilderbuchs geschaffen, mochte er wohl selber fühlen, daß er ein Fremdling in diesem sonnigen Lande sei, denn in seinem massigbreiten Antlitz lag ein leise besorgter und mißtrauischer Zug, wie wir ihn bei Leuten finden, die ihrer Lage nicht völlig sicher sind. 3ch hatte ihm mit spitzen Kieseln ein prächtig gesundes Gebiß gegeben und eine Pfeife hinetngeschoben, als Augen aber hatte ich ihm zwei Kohlenstücke eingesetzt, die klug und kantig in die Welt stachen, aber gerade diese unbestechliche Schärfe des Blicke- wurde uns beiden zum Verhängnis.
Am dritten Tage nämlich kam die Sonne! wieder mit Knall unb Gestrahle herausgesprungen und brannte hämisch auf feinen großen Kopf herab, und die schweren Tropfen, die sich darob in Bewegung setzten, rannen allmählich als Tränenbächlein an den Kohlenstücken herunter — es war eine Schmach ohnegleichen, mein deutscher Schneemann flennte, daß es zum Erbarmen war. fein unvermeidliches Sterben vollzog sich nicht in Würde, wie es sich für einen! guten Heldentod im Fremdland geziemt.
Den bösen italienischen Buben aus der Nachbarschaft konnte das nicht lange verborgen bleiben. Gemütslos. wie sie nun einmal waren, umtanzten sie meinen weinenden Schneemann mit Spott und Gejohle, und uralter Haß gegen die aus dem Norden stammende Helle brach aus dem Hinterhalt ihrer südlich verdunkelten Seelen hervor, ilnb bald schien es mir, als lachte die ganze Stadt, das ganze Land, der ganze südliche Breitengrad bis an den Qlequator hinab. Diese- Lachen war keine Kleinigkeit, es ging nicht um einen Witz allein, es ging um eine Weltanschauung!
Drei Tage ging das so fort, mir war nicht minder zum Heulen zumute. Dann hatte ment Schneemann ausgeweint, fein großer Kopf verlor das Gleichgewicht, er fiel ihm plötzlich zu Boden herab wie ein ausgelöschter Gedanke.
Das übrige vollzog sich rasch, bald war ixm meinem Wintertraum nur noch ein armselig Wässerlein vorhanden, worin die 6onne meinet seltsamen Kindheit sich unbarmherig spiegelte.


