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Rr. 237 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für ©berhesfen)

Samstag, 9. ©Woher 1926

Handelspolitische Gegenwirkungen.

Don Dr. h. c. Robert Lief man n, Professor an der ilntoerfität Freiburg i. Dr.*)

Awei Dinge sind es, die bei der Beschäfti­gung mit der groben weltpolitischen Frage der Reparationsleistungen immer wieder in Erstaunen sehen. Einmal die naive Selbstverständlichkeit, mit welcher von feiten der Entente ganz deutlich ausgesprochen wird, daß die deutsche Ex­portsteigerung, die die Voraussetzung grober Tributleistungen an die Gläubigerstaaten von Deutschland ist, vor allem auch in die neutralen Länder gehen soll. Denn sonst würden sich die Siegerstaaten ihre Kriegstribute ja selber zahlen bzw. den deutschen Arbeitern auf Kosten ihrer eigenen Beschäftigung geben. Ist es da nicht selbstverständlich, dab man ver­sucht, die Konkurrenz der deutschen Arbeiter vor allem auf die der anderen Länder abzuwälzen? Andererseits aber ist erstaunlich die Gleichgüttig- fett, mit der dieser offensichtliche Zweck des Dawes-Planes bei den Reutralen aus­genommen wurde. Es ist das nur erflärlid) durch die Propaganda, mit der die Entente es verstanden hat, ihre Kriegsziele und Rachkriegs­absichten der ganzen Welt als moralisch und be­rechtigt, ja selbstverständlich hinzustellen. Dazu muh die Wiederholung der Kriegsschuldlüge und die fortgesetzte Hetze gegen Deutschland immer wieder herhallen.

Als dritte erstaunliche Tatsache könnte aber angesehen werden, dah man bei dem Mangel an psychologischem Scharfblick, der den Rechts- und Linksparteien in Deutschland gleicherweise eigen- tümllch ist, noch immer nicht merkte, wie Deutsch­lands Lage nicht nur in Polltischer, sondern auch in wirtschaftlicher Hinsicht durch diese Propaganda geschädigt wird, und dah man erst recht nicht daran dachte, die öffentliche Meinung zu einer geistigen Offensive dagegen zusammenzubringen. Man weih in Deutschland immer noch nicht, dah man auch mit geistigen Waffen kämpfen kann und dah auch auf diesem Gebiete Angriff die beste Verteidigung ist. Dabei wäre es so überaus naheliegend, die Reutralen auf die Schädigungen hinzuweisen, die ihnen aus der Durchführung des Dawes-Planes erwachsen müs­sen, so dah es sich hier gar nicht um Stimmungen handelt, sondern um sehr reale Inter­essen der anderen Länder, die geschädigt wer­den. Diese Schädigung wird dann allerdings eine Mißstimmung erzeugen, die, wenn Deutsch­land auf diesem Gebiete weiter so unfähig und untätig bleibt wie bisher, von der geschickteren Ententepropaganda genau so gegen Deutsch­land gerichtet werden wird, wie die Dorkriegs- Propaganda, die zur Einleitung des Krieges diente.

Als vor einigen Jahren die Welt vom Geschrei über das deutsche Inflationsdumping erfüllt war und Frankreich dies natürlich weidlich zur Stimmungsmache gegen Deutschland aus­nutzte, habe ich schon darauf hingewiesen, dah, wenn grobe Reparationsleistungen von Deutsch­land gefordert werden und Deutschland überhaupt durch die Friedensverträge und die Gewaltpolitik der Rachkriegszeit in viel Froherer Armut ge­halten werden soll als die anderen Länder, die ganze Weltwirtschaft geschädigt wer­den wird. Der Dawes-Plan hat nun keine andere Absicht, als Deutschland zu zwingen, seine Schmuhkonkurrenz" fortzusehen, was natür­lich auch seine politische Stellung immer wieder verschlechtert. Bei uns nimmt man aber die Verpflichtungen zu Reparativnsleistungen und den dadurch bewirkten Zwang zum Lohndumping gewissermaßen als eine unabänderliche Kriegs­folge hin, statt zum geistigen Wider st and da­gegen aufzufordern. Da darf man sich dann auch nicht wundern, dah auch die Reutralen noch ganz im Banne der Entente stehen, lind doch wäre ins­besondere bei den Handelsvertragsver­handlungen die gegebene Gelegenheit ge­wesen, für die Herabsetzung der deut­schen Verpflichtungen und für eine definitive und vernünftige Rege­lung der Reparationsfrage Stimmung zu machen. Soweit ich sehen kann, ist von dieser Möglichkeit nicht im geringsten Gebrauch gemacht worden. Man hat Handelsverträge abgeschlossen, ohne darauf hinzuweisen, dah wir, um Repara- ttonen zu zahlen, die Einfuhr vor allem von Luxusgütern erschweren müssen. Wir hätten nach Wiedergewinnung unserer Handelsfreiheit mit solchen Argumenten der französischen Einfuhr viel schärfer entgegentreten müssen. Wir hätten auch Spanien in der Weinzollfrage nicht nach­geben dürfen, sondern hätten sagen müssen: Als Reparationsschuldner können wir es uns nicht leisten, soviel Wein von euch einzu- führen; bedankt euch dafür bei Frankreich und sorgt dafür, dah uns die ungerechten Repara­tionslasten genommen werden. Man hätte dafür die öffentliche Meinung mobil ma­chen müssen, statt alles der Überredungskunst einiger Unterhändler zu überlassen.

Besonders hätte man natürlich Frankreich gegenüber erllären müssen: Selbstverständlich wer­den unsere Handelsvertragsverhandlungen vor allem auch durch die Rücksicht auf die von den Alliierten geforderten Reparationsleistungen be­stimmt werden, die es uns nicht erlauben, fran­zösische Luxuswaren zu niedrigen Zollsätzen, wenn überhaupt, hereinzulassen. Wenn ihr Repava- ttonsleistungen haben wollt, müht ihr uns viel inehr abkaufen als wir euch; denn wir können es auch den Reutralen nicht zumuten, uns möglichst viel Waren abzukaufen, nur damit ihr Reparationsleistungen bekommt. Statt dessen haben die Franzosen als geschickte Takttker so­fort ein großes Geschrei erhoben: Die Deutschen verquicken die politischen Fragen mit den wirt-

*) Der soeben erschienenen ArbettD a s Transferproblem" von Geheimrat Ludwig Kastl und Professor Dr. Robert Liefmann (Leip- zig^G. A. Gloeckner), entnommen.

schastlichen der Handelsbeziehungen, und die deut­schen Michel, statt zu erwidern: Selbstverständlich tun wir das, beeilten sich wieder einmal, sich zu entschuldigen. Wir hatten eben, immer noch ohne Verständnis für die Bedeutung einer öffent­lichen Meinung und ihre Geltendmachung bei allen außenpolitischen Fragen, wieder einmal ver­säumt, schon vor Beginn der Zollverhandlungen

Flugzeugabsturz bei Metzen.

Der Pilot tot. - Zwei Passagiere schwer verletzt, zwei leicht verletzt.

* Ein schweres Fliegerunglück ereignete sich am gestrigen Freitagnachmittag gegen 1.15 Uhr bei dem gut zwei TNarschstun- den von Gießen entfernten Dorfe Beuern. Dort st ü r z t e das Flugzeug D 468, das von Frankfurt a. 21L nach Hamburg unter­wegs war, an einem Bergabhang ab und ging dabei zum größten Teil in Trümmer. Der Pilot Basch wurde g e - tötet, die Fluggäste Anton Störte aus Oslo (Jtorroegen) und Zechmeier aus Nürnberg wurden schwer verletzt, wah­rend die beiden anderen Fluggäste deren einer Kurt Ziechner aus Frankfurt a. TR. war, der Name des andern bisher aber noch nicht ermittelt werden konnte mit leichten Verletzungen davonkamen.

Heber den tragischen Unglücksfall konnte unsere an die Unfallstelle geeilte Redaktionsvertretuna fol­gende Einzelheiten ermitteln bzw. durch Augenschein feststellen:

Das Flugzeug D 468 flog auf der Strecke Frankfurt Hannover Hamburg. Es ist eine Fokker-Maschine (Hochdecker), also nicht zu verwechseln mit einem Junkers- Appa­rat. Die Fokker-Maschinen sind keine Ganz­metall-Flugzeuge, sie haben Tragflächen aus Fournierholz und sind mit Leinwand verkleidet. 9m Gegensatz zu diesem Typ sind die Junkers- Flugzeuge ganz aus Metall hergestellt, was bei einem Unglücksfall wie dein gestrigen den Vorteil hat, daß der Bruch der Tragflächen oder anderer wesentlicher Telle des Apparats viel seltener oder überhaupt nicht zu verzeichnen ist. Flugplanmäßig hatte das verunglückte Flugzeug den Flughafen Gießen nicht anzufliegen, sondern es hatte die Strecke Frankfurt a.M.Hannooer ohne Zwischenlandung zu bewältigen. Daraus geht hervor, daß unser Gießener Flug­zeug das übrigens ein Junkers- Ganz­metallflugzeug, aber keine Fokker -Maschine ist nicht identisch mit dem abgestürzten Apparat ist. Dieser war gestern nachmittag gegen 12Z Uhr flu«planmäßig von Frankfurt a. M. auf die Luft­reise nach Hannover gegangen, um von dort weiter nach Hamburg zu fliegen. Die Maschine wurde von dem aus Berlin-Schöneberg gebürtigen, in Frank­furt a. M. wohnenden Piloten Basch geführt, der die Strecke schon seit längerer Zeit beflog. Der etwa 36 Fahre alte Mann hinterläßt feine junge Frau und ein Kind. Als Flugzeuggäste weilten vier Herren an Bord, deren drei gestern spät abends in Gießen dem Namen nach bereits bekannt waren. Der Passagier S t ö l e aus Oslo hatte sich zur Messe in Frankfurt a. M. aufgehalten und wollte nun nach Hause zurückkehren, der Fluggast Ziech­ner hatte Hannover als Reiseziel, das Reiseziel des Verunglückten Z e ch m a i e r blieb uns unbekannt,, ebenso das des vierten Passagiers, des Hauptmanns G r a e o e vom 3. Art.-Regt. in Frankfurt (Oder).

Als die Maschine über dem Busecker Tal an­gelangt war, will man in der Passagierkabine An­zeichen von Molorstörungen bemerkt haben.

Diese Behauptung findet eine gewisse Bestäti­gung in den Beobachtungen, die von Bewohnern in Beuern gemacht wurden, welche wiederholte un­sichere Lage der Maschine, sogar starkes Schwanken derselben gesehen haben wollen. Anderseits wird heroorgehoben, der Pilot habe in dem herrschenden Nebel die Orientierung verloren, ver­mutlich den Gießener Flugplatz zur Vornahme einer Notlandung gesucht, diesen aber wegen des Nebels nicht gefunden und sei dabei schließlich bet Beuern gelandet. Jedenfalls hat der Pilot über dem Dreieck Beuern Großen-Buseck Reiskirchen mehrere Schleifenflüge gemacht, plötzlich ist er stark herabgegangen, dicht über den Ort Beuern hinweggeflogen und in der Richtung auf die dicht hinter dem Ort nach Climbach zu gelegenen Höhen und hat hier am sog. Krebskopf die Not­landung Dorgenommen.

Dabei hat die Maschine mit der linken Trag­fläche die Erde stark berührt, infolgedessen brach die Tragfläche, und der Apparat kam zum scharfen Niederbruch.

Wie der Augenschein uns zeigte, sind beide Trag­flächen zerstört, der Rumpf ist geknickt, das Fahr­gestell glatt abgebrochen, wobei dte Achse des Fahr­gestells durch den Boden des Rumpfes in die Ka­bine eindrang und dabei die beiden auf den Vorder­sitzen weilenoen Herren schwer verletzte. Der Pi­lotensitz ist gleichfalls stark in Mitleidenschaft ge­zogen, während der Motor gebrauchsunfähig wurde. Der hintere Teil des Apparats und dessen Schwanzende kamen etwas besser davon, immer­hin kann man sagen, daß der Bruch sehr stark ist. Sachverständige Herren äußern die Vermutung, daß der Anlaß zu der Notlandung in einem M o - tordefekt gelegen haben mag, daß die Maschine infolgedessen nicht mehr vollständig in der Hand des Piloten war und nur deshalb so hart aufsetzte. Bei dem heftigen Anprall auf den Acker an dem Berg­abhang muß der P i l o t B a s ch mit dem Kopf gegen den Motor geschleudert worden sein, denn ihm war ein Auge ausgeschlagen, außerdem hatte er noch andere schwere Kopfverletzungen, die alsbald den Tod herbeiführten. Der Passagier 3 e d) m a i e r aus Nürnberg erlitt einen Schä­delbasisbruch, der Norweger Stäle einen

komplizierten Hnterschenkelbruch am rechten Bein, Ziechner aus Frankfurt leichtere Verletzungen an Kopf und Beinen, Hauptmann Graeve ebenfalls leichtere Verletzungen im Ge­sicht. Ein kleiner Hund, der im Gepäckraum unter­gebracht war, kam unversehrt davon. Das Befinden der schwerer Verletzten ist heute früh den Umstän­den entsprechend gut, Lebensgefahr besteht für sic nicht.

Unmittelbar nach dem Unglücksfall eitlen hilfs­bereite Leute aus Beuern in größter Schnelligkeit herbei; die Beuerner haben sich durch ihre rasche, tatkräftige und zielklare Hilfe­leistung sehr ausgezeichnet. Der Hellgebilfe Huber und Frau von Beuern sowie der sofort herbei- gerufene Arzt Dr. Gengnaael von Großen- Buseck leisteten tatkräftig die sacykundige erste Hilfe. Schon etwa eine halbe Stunde später trafen nach tekevhonischer Benachrichtigung Regierungsrat Schmidt, Vorstand der Luftverkehr A.-G. Ober Hessen-Lahngau in Gießen, mit dem Gießener ^lugplatzmonteur im Auto an der Unfallstelle ein, sehr rasch waren auch die Gießener Freiwil­lige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz und Amtsarzt Dr. Orth- Gießen zur Stelle, ebenso schnell die Staatsanwaltschaftsbeamten unter der Leitung des Staatsanwalts Fischer- Gießen, um den Verunglückten zu helfen bzw. um die amtlichen Funktionen rasch zu erfüllen. Später traf noch der Frankfurter Flugplatzleiter Hauptmann a. D. Fe 1 my mit drei Monteuren im Auto ein. Die Verletzten wurden in die chirurgische Klinik in Gießen Überführt, während die Leiche des Piloten Basch nach der Freigabe durch die Staatsanwaltschaft gestern abend mit dem Leichen­auto der Firma Haas in Gießen an der Unfall­stelle abgeholt und nach Frankfurt a. M. gebracht wurde. Die Flugzeugtrümmer werden im Laufe des heutigen Tages fortgeräumt und nach Staaten bei Berlin transportiert, um dort durch fachmännische Untersuchungen wenn möglich Auf­klärung über die Ursache des Unfalls zu schaffen. Die biefigen Untersuchungen sind natürlich noch nicht oeendet.

Berichte von Augenzeugen.

Das Flugzeug D 468 hatte zunächst eine kolossale Höhe, es fuhr über dem dichten Rebelmeer und wurde anfangs nur zeit­weise zwischen den Wolken gesichtet. Ausfal­lend war der eigentümlich Ton des Motors, der nicht, wie normal, singend, sondern anormal brummend gehört wurde. Das Flugzeug überflog denRoten Holzberg", eine kreisförmige Schleife bildend. Es wurde nun bedeutend tiefer gesichtet, und man merkte am summen den und unregelmäßigen Fliegen, daß es in unserem bergigen, für Landungen sehr ungünsttgen Gelände, nieder­gehen wollte; auch das Surren des Motors verstummte vorübergehend. Einige Beobachter wollen auch das Äbschießen einer Leuchtpistole bemerkt haben. Run flog das Flugzeug in verschiedenen Höhen einigemale über das Dorf, knapp über den Kirch­turm her, schließlich nach Osten übt« die Mönchwiesen", auf denen eine Anzahl Maste der elektrischen Lichtleitung stehen. Da auch hier die Landung schwer auszufühven war, flog die Maschine schließlich nach Rorden ab, über die Gilbachwiesen", demHachenbachskopf" hinauf, kaum zehn Meter über der Erde. In der Waldecke amKrebskvpf" machte sie die letzte Schleife. Wahrscheinlich entdeckte der Pilot jetzt wenige Meter vor sich den sehr steilen Abhang, die eine Tragfläche be­rührte den Erdboden und das Flugzeug überschlug sich zweimal, sodaß es wie­der aufrecht zu stehen kam und stürzte nun mit dem Propeller zuerst auf die Erde. Haushoch flogen die Splitter, und einem Trümmerhaufen gleich blieben die Reste liegen. Sofort spran­gen beherzte Männer hinzu, um den Insassen zu helfen. Vier der letzteren konnten sich selbst befreien, nur der Flugzeugführer saß fest geklemmt in seinem Führe rsitz. Mit vieler Mühe wurde er aus seiner üblen Lage befreit, starb jedoch wenige Augenblicke später. Eine schwere Stirnwunde läßt darauf schließen, dah die Schädeldecke durch den Aufschlag auf das Führerrad gehoben war. Auch das rechte Auge war sehr schwer beschädigt, ebenfalls der rechte Arm. Einer der Hilfeleisten­den, der Landwirt Ludwig Stein II., hatte den Arzt, die Gießener Sanitätskolonne und den Gießener Flughafen sofort telefonisch be­nachrichtigen lassen, sodaß kurze Zeit später ärztliche Hilfe zur Stelle war.

Lin weiterer Zlugzeugunfall.

WSN. Frankfurt a. M., 8. DEL Das Flug­zeug D 6 7 6 der Süddeutschen Sport-Flugzeug- G. m. b. H. in Böpplingen (Württemberg), das vor einigen Tagen wegen Motvrbrandes in der Nähe von Neu-9senburg niedergehen mußte, erlitt heute einen neuen Unfall. 3n einer Höhe von 200 Meter setzte der Motor plötzlich aus, so daß eine Notlandung vorgenommen wer­den mußte, wobei das Flugzeug erheblich beschädigt wurde und abtransportiert werden mußte. Die Znsasfen, die gerade die Heimreise an- treten wollten, tarnen mit leichteren Ver­letzungen davon.

der Welt zu verkünden: Die Uebernahrne solcher Lasten, wie der Dawes-Plan sie uns auferlegt, zwingt uns gleich nach Wiek>ergewimrung unserer handelspolitischen Freiheit am 10. Januar 1925 für alle nicht unbedingt notwendigen Waren die Einfuhr möglichst zu beschränken, in erster Linie natürlich den Ländern der Reparations-- gläubiger, aber auch allen Reutralen gegenüber.

Diese mögen sich dafür bei jenen bedankenl Hätte man das getan und mehr Energie in der Durchführung gezeigt, so wäre die Reparations­frage schon längst als ein internatio­nales Problem erkannt und der Dawes- Plan wahrscheinlich schon lange aufgehoben.

Statt dessen hat man die Handelspolitik wieder zu einer Prinzipienfrage gemacht und den alten Prinzipienstreit wieder entfacht. In der prinzipiell freihändlerischen Presse hat man so unpolitisch wie möglich betont, daß Deutschland an möglichstem Abbau der Zolle interessiert sei, um seinen Export zu steigern und feine Reparationsverpflichtungen erfüllen zu können Das ist zwar das Gegenteil der Polittk. die Professor Keynes von den guten 'Deutschen erwartete, aber tatsächlich die verbreitetste An­schauung. wenigstens in der Presse. Seltener ist die Anschauung vertreten worden: Deutschland hat doch gar nichts von der Forcierung seines Exports, macht sich vielmehr dadurch in der ganzen Wett verhaßt, nur um übermäßige und ungerechte Forderungen polittsch übermäch- tiger Gegner zu erfüllen.

Sicher ist. daß die deutschen Reparations­verpflichtungen, solange sie bestehen bleiben, nur dazu beitragen, d i e schuh zöllnerischen Reigungen in der ganzen Welt zu verstärken, und daß es eine große politische Torheit ist. wenn unsere freihändlerische Presse, die zugleich auch immer für Verständigung mit dem Gegner um jeden Preis eintritt, die geistige Offensive gegen die politische und wirtschaftliche Versklavung Deutschlands unterlähL Doch soll hier auf die merkwürdigen politischen Zusainmen- hänge, die dabei vorliegen, nicht näher einge­gangen werden.

Ich habe zwar seinerzett auch die Erklärung der deutschen Hochschullehrer in der Zollfrage unterschrieben, jedoch den Passus, dah die Zölle als Druckmittel verwendet wer­den sollten, ausdrücklich unterstrichen und gleich- zeittg dem Deranstatter der Enquete, Prof. Adolf Weber, bemertt. es sei allerdings nicht zu er­warten. daß dieses Mittel mit genügender Energie benutzt werden würde. 'Das hat sich dann auch bestätigt.

Außenpolitische Umschau.

Von Prof. Dr. Otto Hoetzsch, Md.R.

In Thoirh haben Stresemann und Briand keineswegs, wie man gleich oberflächlich gesagt hat, einenaccord" geschlossen oder ein Einzel* Programm entworfen. Sie haben dort umfassend das deutsch-französische Verhältnis be­sprochen. Der deutsche Außenminister hat sich damit abgefunden, daß er in den Vorfragen der Milttärkontrolle, der Rheinlandbesatzung usw. nichts in Genf erhielt, und ist auf das Gebiet übergetreten, auf dem eine ganz allgemeine, um­fassende Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich begonnen werden soll.

Lassen wir beiseite, was sich darum noch in Genf und später herumgerankt hat. Fassen wir lieber die Sache selbst so illusionsfrei und ruhig wie irgend möglich an, die die nächsten Wochen und Monate aufs stärkste beschäfttgen wird und die hüben und drüben natürlich auch auf die Innenpolitik reflektieren wird. Daß diese ganze Verhandlung Zeit braucht, dah aus ihr selbst heute noch nicht erkennbare Schwierigkeiten ent­stehen können, ist ebenso klar, wie fraglich ist, ob der allgemeine Gang der Weltpolitik den beiden europäischen Staaten die Ruhe und Samm­lung lassen wird, auf dem Wege vorwärtszu­kommen.

Der Ausgangspunkt dabei ist für Frankreich einfacher als für uns. Für Frankreich kann die direkte Auseinandersetzung mit Deutschland nur Vorteile bieten. Vor allem dann, wenn irgendeine finanzielle Abmachung zustande käme, die, wenn auch nur vorübergehend, die französische Währung stabllisierte und Frankreich ermöglichte, die Entscheidung in ber Schulden­frage Amerika gegenüber hinauszuschieben. Die Trümpfe in bem Spiel, das jetzt begonnen wird, sind zwar nicht alle, aber doch erheblich und gut in Frankreichs Hand. Darum ist es Briand auch leicht geworden, sein Kabinett trotz bekannten und vorhandenen Widerspruchs zur Zustimmung zu bewegen, er hat es ja nicht gebunden. Er eröffnete eine Bahn, auf der Frankreich noch im Besitz aller seiner Positionen ist. Und sein Kabinett hat nicht mehr getan, als dieRühlich- keit" dieserinteressanten" Verhandlungen an- zuerkennen und sie auf die unverbindliche Be­handlung der Sachverständigen zu schieben.

Doch ist das nicht vollständig. Briands Stel­lung ist heute im Kabinett eine andere, als sie 1922 war, weil Frankreichs Stellung eine andere getoorben ist. Selbst der toilbefte fran­zösische Chauvinist, wenn er etwas Verstand hat, sieht ein, auch Poincare weiß das, daß jetzt die Bahn von Locarno und Genf auch für Frank­reich zwangsläufig ist. Es gibt, wie die Dinge sich nun entwickelt haben, für ein Frank­reich, dessen internationale Stellung sich nicht zu seinen Gunsten immer mehr verschoben hat und das von gefährlicher Isolierung bedroht ist, keine andere außenpolitische Arbeit, als inner­halb des Systems von Locarno und Genf. Das sieht Poincare, das sieht der nationale Block des­gleichen, und so liegen eben die Dinge anders als 1922 in Cannes, als Briand den befannten Dolchstoß aus Paris erhielt. Ein solcher Dolch­stoß würde Briand selbst gewiß heute schwer treffen, noch schwerer aber, ja tödlich die fran­zösische Währung und deren Katastrophe ein- leiten.

Für Deutschland ist der Ausgangspunkt schon nicht so einfach. Zwar die Formel ist leicht gegeben, auch richtig, wie Dr. Stresemann sie ausgesprochen hat, daß die ganze heutige Si­tuation eine europäische Verständi­gung erfordere und daß eine solche nur mög­lich sei mit einer deutsch-französischen Verstän­digung. Roch etwas genauer hat er das in sei­ner Partello rresponk^nz mit der Frage for­mulieren lassen:Wird es gelingen, in einem Austausch politischer und finanzieller Inter»

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