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9. Juli 1926
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Ur. 158 Zweites Blatt
Ehrenschutz.
Von
Dxrügerichtsdirektor Dr. O. L o e n i n g. Berlin.
Bei der Iustizdebatte im Reichstag erklärte Reichskanzler Marx vor nicht langer Zeit, fti er nach seinen eigenen Erfahrungen sich ent- »offen habe, nie mehr die Gerichte zum Schuhe er Ehre anzurufen. Es ist überaus bedauer- ö, nicht daß aus dem Munde des höchsten tzplschen Beamten, der noch dazu aus dem Rich-- ßSstcmde hervorgegangen ist. eine solche Erllä- kvg abgegeben ist, sondern daß sie überhaupt ibic geben werden konnte. Marx hat nur das , üjzesprochen, was vor ihm und nach ihm sehr ■rite Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben |6en, gedacht und wonach sie gehandelt haben, ghfc zu oft hat es sich ereignet, daß in Deleidi- >tp4Sprozessen der Beleidigte statt der ihm zu» i foninenben Genugtuung den übelsten Rachreden i ’dift ausgesetzt wird, daß sein Privatleben, seine AnnlienverhÄtnisse Gegenstand der peinlichsten ISörlerung wurden. Alles unter dem Deckmantel Ikt sogenannten Wahrheitsbeweises oder der Limehmung berechtigter Interessen. Dabei cr- pycr es sich besonders häufig, daß gerade gticrü6er professionellen Ehrabschneidern, wie sie'
Nachkriegszeit leider in so erschreckendem 'Atze hervo^ebracht hat, sehr häufig ein völlig ii-riloser Rachweis der Unwahrheit ihrer Zsinähungen überhaupt mcht erbracht werden '"(in, wodurch ost erst eine Schädigung des An- tkig der DÄeiligten eintritt, die in nicht seltenen Plor sogar beabsichtigt war. Dabei wird auf • 51, alte Regel: semper aliquid haeret, etwas ! Aobt immer hängen, spekuliert. And kommt barm ,«h eine tendenziöse Berichterstattung über den ' Weidiaungsprozeh hinzu, so wird man jenen ! Zuspruch von Marx leider nur allzu berechtigt • arnlennen müssen. Es ist tief zu bedauern, daß '6i rns im Deutschen Reich nicht jeder anständig ■ Br/enbe Mensch von dieser Art der Bekämpfung 'vn Segnern weit abrückt und daß weite Kreise •-t- allzu gern einem solchen Treiben Vorschub 1 ßtiie-n.
Zum Teil ist unsere Gesetzgebung über die "Nirafung von Beleidigungen daran schuld. Die I an gehende Zulassung des Wahrheitsbeweises sliikchalt geradezu dazu an, in Derleumdungs- jDreien immer neue Behauptungen aufzustellen, IWi dm Gegner besonders verächtlich zu machen gMssnet sind. Geht hierbei der Beleidiger gc- "Sift vor, so erreicht er meistens sein Ziel. Die ;rrtVn Deleidigungsprozesse in den letzten Jahren ä-otin ja leider nur zu sehr gezeigt, daß jede im ZKuttichen Leben stehende Persönlichkeit einem flfcnrligen Treiben schutzlos ausgesetzt ist.
Aber nicht nur die Gesetzgebung allein ist l-'ctilt». daß heute Ehre und guter Rame eines Bmdfamen Rechtsschutzes entbehren. Auch die 0B)nn8 und die Rechtsprechung der Gerichte hat natürlich nicht immer, dazu beigetragen. -Di! fach stehen die erkannten Strafen in gar ßlffii.-nt Verhältnis zu der Schwere der Derleum- wenn. die Verbreitung ehrenrühriger Tat- P'Hiq?n in bezug auf Persönlichkeiten, die wegen irlha; Amtes oder ihrer sonstigen Stellung im ÖNflmtlidjen Leben ganz besonders geschützt werden ranker, mit Geldstrafen, ja sogar nicht selten mit (H'fliiißen Geldstrafen, geahndet werden, dann kann nrw sich nicht wundern, wenn der höchste deutsche Vkmte im Reichstag eine Erklärung abgibt, tbii einer Bankerotterklärung der deutschen Justiz > i Beleidigungsangelegenheiten fast gleichkommt.
nicht nur das Mißverhältnis zwischen €5doere der Beleidigung und erkannter Strafe acHnrt hat viele dazu geführt, von einer gericht- l 'rci^ Verfolgung abzusehen, auch die Auslegung tf-ct Strafbestimmungen und die Handhabung der täJbir das Strafverfahren gegebenen Vorschriften r<t zu dem jetzigen Aebelstand geführt, daß in Dielen Fällen der Ankläger in Beleidigungs- (xntieffen zum Angeklagten geworden ist und es Tjuibie Außenwelt so erscheint, als habe der An- iiisxc sich zu reinigen, nicht der Angeklagte den Änlofen Beweis seiner Behauptung zu er- ÄTicn.
Schillers Lotte.
Zu ihrem 100. Todestage.
Von Dr. Paul Landau.
..Dissen Sie schon, Fräulein von Lengefeld eine empfindsame Heirat. Es ist ein 18^2 scher Professor. Er macht Verse und ist JBfenft.“ So sagte ein alter Oberforstmeister E Wilhelm von Humboldt. Die Rachwelt ver- M diese „empfindsame" Heirat des Fräulein WtLbtic von Lengefeld mit dem Professor MHllÜr als die deutsche Idealehe, in der Heim uel Santiiie die Verklärung durch ein hohes Wirrleben erführen. Wenn Schiller zum aSbieiT des deutschen Hauses wurde, wenn die *efg? ibenen, stillen Freuden im Kreise der Sei- nan, 2as Glück des eignen Herdes in seiner Dich- xui? zum heiligen Kern des Daseins wurden, 0» oerbanft unser Volk diese köstliche Weihe eiäicS Schaffens dem Bund mit Lotte, und sein Mchvechsel mit ihr ist zum Brevier deutscher limber geworden. ne!ben dem höchstens noch Ldkft,gs Seelenaustausch mit Eva König ge- •ncmt werden kann. Der Frau, die Schiller das aber reiche Vollmenschentum seiner reifen slHre schenkte und sein Andenken als den Kron- iwr Der ganzen Ration treu bewahrte, ge- Wt ein Platz unter den guten Genien unsrer tüuitirr und ewige Dankbarkeit für ihre Hin- M. Aufopferung und Treue, durch die sie die »l<n Eigenschaften edler Weiblichkeit bett.
Hm seltsamer Reiter war es. der an einem cüfm Dezembertage 1787 bei der verwitweten pea: von Lengefeld und ihren Töchtern, der «tyutateten Karoline von Deulwitz und der vnvlz 21jährigen Charlotte, eingeführt von sei- izm Freunde Wilhelm von Wvlzogen, Karo- späterem zwecken Mann, zu Besuch er- r Schiller, der berühmte und auch ein wisnq berüchtigte Dichter der „Räuber", der, 'ifibs und heimatlos umhergetrieben, damals u>6 Weimar gekommen war, der exzentrischen jnub dämonischem Frau von Kalb folgend.
rzbich zerrte an den Ketten dieser auf* numien Beziehung zu der geistig-leidenschaft- tipei „Titamde", und das Heim der fein kul* iöiiiat<n Aristokratinnen büntte ihm wie ein Mtivoller Hafen, in den der unruhige Schiffer
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Es ist besonders zu begrüßen, daß jetzt die Richter sich mit dem Problem eines wirksamen Rechtsschutzes der Ehre befassen und von sich aus die zweifellos vorhandenen Mängel abzustellen sich bemühen. Der Vorstand des Preußischen Richtervereins hat jüngst in seiner Sitzung in Duisburg eine Entschließung gefaßt, die sehr beachtenswert ist. Darin wird gesagt, daß öerbeute mangelnde Rechtsschutz der Ehre zum Teil darin liegt, daß in stark bewegten Zeiten nicht nur viele, sondern auch besonders zweifelhafte Fälle von Ehrverletzungen Vorkommen, und daß die Täter sich nicht selten auf mancherlei Begleitumstände, so auf begreifliche Erregung berufen können. Der Vorstand des Richtervereins spricht es aber mit aller Deutlichkeit aus, daß als ein ausreichender Grund derartige ihnftänöe nicht hingenommen werden können. 3m Gegenteil — die Ehre sei durch die besonderen Verhältnisse schutzbedürftiger geworden. Runmehr den Ehrenschutz im Wege der Gesetzgebung zu verstärken, sei sehr schwierig. Dagegen müsse es zunächst eine besonders wichtige Aufgabe der Richter fein, alle Mittel des bestehenden Gesetzes anzuwenden, um der Ehre den Schuh zu gewähren, der ihr gebührt. Das ideale Gut der Ehre habe Anspruch auf einen minbeftenS ebenso wirksamen Schutz wie bie materiellen Lebensgüter.
Der deutsche Richterverein hat aber noch ein weiteres getan. Er hat eine Kommission eingesetzt, um die Berechtigung der Angriffe auf einzelne Urteile nachzuprüfen und damit die Unterlagen zu schaffen, ob und wie dem Prinzip der Förderung der Rechtspflege durch die Richter selber zum Recht verholfen werden kann. Diese Kommission soll sich nicht nur mit Deleidigungs- prozefsen befassen, sondern allgemein mit Urteilen, die in der Oeffentlichkeit angefochten sind. Indessen werden gerade bie Dsleidigungsprozesse, namentlich wenn sie einen politischen Anstrich haben, einen nicht unbeträchtlichen Prozentsatz der Beschäftigung dieser Kommission bilden. Diese Kommission arbeitet insofern nicht für die Oeffentlichkeit, als sie eine Mißbilligung eines Urteils öffentlich nicht aussprechen, wohl aber insofern, als sie bei Fehlurteilen nach Mitteln und Wegen suchen wird, in künftigen Fällen solche Urteile zu vermeiden. Die Erfolge werden also nur indirekte, abstrahiert von dem einzelnen Fall, fein. Vielleicht wird aber gerade dadurch ihre Bedeutung gehoben. Es wird abzuwarten bleiben, welchen Einfluß die Tätigkeit der Kommission auf dem Gebiete des Rechtsschutzes der Ehre haben wird. Einen möglichst großen wird man wünschen können. Auch sie wird, genau so wie die erwähnte Erklärung des Vorstandes des Richtervereins jedenfalls darauf hinwirken, daß bei den Gerichten mehr als bisher, die große Bedeutung des Rechtsschutzes der Ehre gerade der im öffentlichen Leben Stehenden erkannt wird, und daß durch die Gewährung des Rechtsschutzes der heutigen Vergiftung des im weitesten Sinne genommenen politischen Lebens gesteuert wird. Es muh leider konstatiert werden, daß heute der Ehrabschneider nicht mehr als das angesehen toirb, was er ist, und daß bei seiner Beurteilung manchmal mehr auf bie Motive für bie Verleumdung, als auf die schwerwiegendsten Folgen der Verleumdung für das gesamte öffentliche Leben in unserem Staat gesehen wird. And das gilt, wie mir eine längere Tätigkeit als Strafrichter gezeigt hat, nicht nur für juristisch vorgebildete Richter, sondern auch für bie Laienrichter. Auch bei ihnen findet man sehr häufig nicht das genügende Verständnis für hohe Strafen gegen leichtfertige ober bewußte Verleumder. Gewiß, es gibt Fälle, in denen Geldstrafen, unter Amständen sogar geringe, am Platze sind, handelt es sich aber um Verleumdungen von Personen, die im öffentlichen Leben eine Rolle spielen, und die zum Zwecke der Beseitigung dieser Personen leichtfertig verbreitet werden, bann sind lediglich Gefängnisstrafen und zwar hohe Gefängnisstrafen am Platz. Hier handelt es sich schließlich nicht nur um Angriffe gegen Einzelpersonen, sondern um die Reinhaltung hes politischen Kampfes. Man vergleiche
einmal die Gerichtspraxis in Deutschland mit der in England in diesen Fällen. In England ist der Ehrabschneider geächtet von der gesamten anständigen Gesellschaft, besonders harte Strafen treffen ihn. Daher wird dort auch der politische Kampf in einer Weise geführt, der für uns nur vorbildlich sein kann. Bei uns wird dieser Kampf vielfach durch Verleumdungen anders Denkender geführt. Auch die Gerichte können hier helfen, Besserung au schaffen. Der Vorstand des Preußischen Richtervereins hat das Seine getan, seine Erklärung wird hoffentlich die gebührende Achtung finden.
Die Wahlaussichten der ll. $. A.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Von unserem e-Berichterftatter.
Neuyork, Juli 1926.
Die innere Poliiik der Vereinigten Staaten von Nordamerika ist für Europa aus dem Grund von besonderer Bedeutung, weil von ihr auch bis zu einem gewissen Grade die Außenpolitik dieses Landes abhängig ist, und auf diesem Felde ein Wechsel äufjerft erwünscht wäre. Denn der gegenwärtige Zustand —■ daß die Amerikaner sich tatsächlich in alles hineinmischen und überall mit großem Geschick ihre finanziellen Interessen vertreten, nach außen hin aber den Uninteressierten und scheinbar Selbstlosen spielen — ist aus die Dauer für die Weltpolitik un- erträglich. Es schafft eine Atmosphäre des Mißtrauens und verhindert es zugleich, daß die europäischen Völker ihre gemeinsamen Interessen erkennen, Amerika infolgedessen also weiter im Trüben fischen kann.
Aber wenn man die Aussichten eines System- rn e ch s el s in Amerika abwägt, so kommt man zu dem bedauerlichen Schlüsse, daß Amerika und seine Staatsbürger noch weit davon entfernt sind, die Fehler ihrer gegenwärtigen Politik einzusehen. Die Wirtschaft blüht und verdient immer noch in bei uns längst zur Sage gewordenen Prozentsätzen vom Kapital, der Völkerbund ist weiterhin eine Institution, die man abzulehnen hat, und die Schuldenverhandlungen erscheinen dem Durchschnittsamerikaner auch jetzt noch als schlechte Geschäfte seiner Regierung, da er es nicht einzusehen vermag, daß cs besser ist, wenigstens etwas, als gar nichts zu erhalten. Schutz für die Industrie, Prohibition, und der Kampf für längst veraltete Gesetze sind ebenso nach wie vor Dogmen, an denen nicht grüttelt werden darf, und die Republikaner sind bis zur Stunde die Herren im Lande, obgleich ihre Majorität nicht so groß ist, wie man sich das in Europa im allgemeinen vorstellt. Da aber nach den Gesetzen des Landes fast überall die einfache Mehrheit genügt, um bestimmte Maßregeln durchzuführen, genügt das Plus von 10 Stimmen im Senat und 15 Stimmen im Abgeordnetenhaus, um der Nation den Willen der Republikaner aufzudrücken. Das ist — übrigens ausschlaggebend für die innere Lage — auch bei den einzelnen Staaten der Union der Fall, bis auf einige, wie z. B. Neuyork, die die Hochburgen der Demokraten seit altersher sind.
Das Parteileben Amerikas könnte also als stabil bezeichnet werden, wenn nicht doch einige Faktoren vorhanden wären, die es ungewiß erscheinen lassen, ob bei den Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus und Senat im November dieses Jahres sich , nicht doch einiges ändern wird. Zwar erscheint cs vorläufig als ausgeschlossen, daß die Demokraten die Republikaner schlagen werden, da die Demokraten in mehrere sich auf Tod und Leben bekämpfende Cliquen geschalten sind, von denen keine stärker als die andere ist, und auch die Aussichten einer dritten Partei nach dem Tode La Folettes dahingefchwun- den sind, aber dennoch ist die jetzige Regierung nicht sicher. Wie das der Fall zu sein pflegt, wenn eine Partei allein an der Herrschaft ist, befehden sich auch in ihr zwei Richtungen, die man mit „für" und „gegen" die Regierung gerichtet bezeichnen kann. Das aber ist von allergrößter Bedeutung, weil ja im nächsten Jahre auch ein neuer Präsident der Vereinigten Staaten gewählt werden muß. Von den Wahlen in diesem Winter wird also auch das Schicksal Coolidges und seiner Wiederwahl abhängig sein.
auf stürmischem Meer wohl einkehren mochte. Die beiden Schwestern interessierten sich sofort für den romantischen Fremdling, und es knüpften sich Fäden, die zu einem Lebensband werden sollten. Freilich, so innig sie miteinander verwachsen waren, bildeten „Lili" und „Lolo" wie sie im vertrauten Kreise hießen, doch ein ungleiches Paar. Karoline, durch ihre frühe, nicht eben glückliche Ehe zur erfahrenen Frau geworden, schwärmerisch, bedeutend, nach Erregungen suchend, paßte so recht zur Seebenfreundin eines genialen Mannes. Charlotte, das zierliche, anschmiegsame, gefühlvolle Mädchen, erwartete vom Leben noch das „große Wunder" und hatte die Wunden noch nicht verschmerzt, die ihre erste Liebe zu dem englischen Kapckän Heron ihrem Herzen geschlagen. Sie wurde wohl zunächst von der Schwester in die Begeisterung für den neuen Bekannten hereingerissen, bis dann aus ihrem tiefen, reinen Geftchl eine Liebe auf wuchs, stark, notwendig, ewig, nicht wechselnd und launenhaft wie die Karolinens. Schiller aber umschloß zunächst beide mit seiner himmelstürmenden, dem Realen abgewandten, stets zum Absoluten strebenden Reigung.
Wan hat diese ungewöhnliche, geheimnisvolle „Doppelliebe" Schillers zu den beiden Schwestern, die in seinen Briefen so ungestüm um Ausdruck ringt, viel erörtert und als „Psychologisches Rätsel" behandelt. Sie ist gewiß bezeichnender für Schillers Art als für die Lottes, aber offenbart und festigt doch auch ihr Wesen. Der Dichter, dessen Phantasie so ganz auf das Ideale gerichtet war, sucht eben den Ausweg aus seiner Beziehung zu einem frei- geistigen, selbständigen, reifen Weibe: er sehnte sich nach einet hingebenden, noch unerschlosse- nen Mädchenplüte. Aber er konnte zunächst den seelischen Kontakt zu dieser ihm fremden Welt nicht finden, und so bot sich als Brücke gleichsam die Charlotte von Kalb mehr verwandte Karoline, mit der der sinnlich-übersinnliche Freier den schwärmerischen Seelenaustausch fortsetzen konnte. Bald verschmolzen für Schiller die Wirklichkeit verachtende Anschauungskraft zu einer Idealgestalt, der er ferne Huldigungen darbrachte. Aber die lebenskluge Karoline wußte seine unbestimmte Liebe immer mehr auf Lotte zu lenken. Während der Poet in Wollenhöhen schwebte, und die zurüc^altende, in ihrem Mädchentum befangene Lotte sich vor ihm verschloß, las sie in der beiden Herzen besser
als die Liebenden selbst und brachte sie als „vermittelnder Genius" zusammen. Rach der Verlobung erst beginnt Lotte, die sich bisher willenlos dem süßen Traum hingegeben, durch ihre Freundin Karoline von Dachrödern, die spätere Frau Wilhelm von Humboldts, aufmerksam gemacht, in Karoline die Rebenbuhlerin zu sehen: durch sie wird Schiller aus seinem Rausch erweckt. und indem sie sich über ihre eigensten Gefühle klar werden, wachsen sie erst ganz eng zusammen. Schiller, der mit der ihm eigenen Gabe der Reflexion so merkwürdig scharf seine eigne Gefühlswelt später zergliedern konnte, hat dies DethÄtnis deutlich ausgesprochen: „Karoline ist mir näher im Alter und darum auch gleicher in der Form unsrer Gefühle und Gedanken. Sie hat mehr Empfindungen in mir zur Sprache gebracht als du, meine Lotte . . . aber ich wünschte nicht um alles in der Welt, daß dies anders wäre, daß du anders wärest, als du bist. Was Karoline vor dir voraus hat, mußt du von mir empfangen, deine Seele muh sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf muht du fein, deine Blüte muh in den Frühling meiner Liebe fallen.“ Rüchtern sagte er später, er wäre mit Karoline nie so glücklich geworden wie mit Lotte, denn „sie würden einer an den andern zu viele Forderungen gemacht haben."
Die liebliche Lotte, die Schiller nach solchem Sturm und Drang in dem stillen Dorfkirchlein von Wenigenjena am 22. Februar 1790 vor den Altar führte, war keine geistig bedeutende Frau, keine „Titcrnide", wie Frau von Kalb und in gewissem Sinne auch Karoline, aber sie besah in reichstem Maße alle die weiblichen Eigenschaften der Hingabe, der Aufopferung, der treuen Fürsorge und unermüdlichen Aufmerksamkeit, die den geliebten Mann ganz glücklich machen. Sie war Schiller die beste Hausfrau, die ihm fein Heim gemütlich und behaglich gestaltete, die in allen äußeren Dingen für den weltentrückten Posten die Vorsehung spielte: sie war ihm die Mutter seiner Kinder, durch die sie ihn unendlich beglückte. Richts Rührenderes und Ergreifenderes als diese Che, in der „der Tod so eng an das Leben geknüpft ist", in der der bereits der Unterwelt geweihte Dichter sich immer wieder durch das junge blühende Licht den Schatten enttoinbet, das von Frau und Kindern so voll auf ihn fällt. Wir besitzen Schilderungen von der unendllchen Zärtlichkeit und Güte, mit der
Freitag, 9. )uli 1926
Coolidge hat, das scheint allgemein sestzu- stehen, von feiner Popularität viel verloren. Während man noch im uoriaen Jahre gesteinigt worden wäre, wenn man die leiseste Kritik an seiner Persönlichkeit geübt hätte, und alle Zeitungen sich nicht genug darin tun konnten, das typisch Amerikanische des Präsidenten zu loben, wird heute offen und versteckt zugegeben, da ßer enttäuscht hat. Keine der großen Verwaltungsaufgaben ist wirklich gelöst worden und auch kein Erfolg der Außenpolitik tröstet darüber hinweg, daß Coolidge nicht der große Mann ist, für den man ihn hielt. Es rächt sich an ihm, daß er überall die Arbeit hinter den Kulissen dem Lärm in öffentlicher Rede und Versammlungen vorgezogen, und bei allen internationalen Verhand- hingen feine Staatssekretäre und sonstigen Beauftragten vorgeschoben hat. Obgleich es nicht unwahr- scheinlich ist, daß Leute wie Hughes, Hoover, Mellon und Mr. Dwight Morrow wirklich die wahren Leiter der Politik gewesen sind, und Coolidge sie nur hat gewähren lassen, geht es nicht an, daß diese Tatsache auf allen Straßen zu Hause ist, ohne daß zuletzt jeder davon überzeugt ist, daß der Präsident von der Politik nichts versteht. Dazu kommt natürlich, daß der Amerikaner überhaupt einen so stillen Mann auf dem Präsidentenstuhl nicht besonders schätzt. Roosevelt, der Mann mit all den demagogischen Mätzchen und Krasthubereien ist immer noch das Ideal der breiten Masse und nicht Wilson, dessen verstiegene Idealität die eigentliche Schuld an seiner Niederlage getragen hat.
Daher haben es die Gegner des Präsidenten in der republikanischen Partei nicht schwer, gegen ihn zu arbeiten. Seine Objektivität in vielen Dingen wird als mangelndes Interesse für die Partei, seine Reserve als Falschheit, seine Beständigkeit in der Freundschaft als aus selbstsüchtigen Motiven resultierend ausgelegt. Kurz, er ist unbeliebt und die Mißstimmung gegen ihn ist im Wachsen begriffen. Das wäre an und für sich natürlich noch nicht gefährlich, wenn nicht noch einige politische Mißerfolge der Republikaner hinzukämen, die ihm in die Schuhe geschoben werden, wie z. B. die Niederlage des Senators Pepper in Pennsylvania und die des Senators Cummins in Iowa. Pepper arbeitete mit aller Unterstützung, die Coolidge zur Verfügung hatte, und Mellon, der Finanzsekretär, tat alles, was Geld in Amerika nur tun kann. Cummins hütete sich, sich für Coolidge auszusprechen, da sein Gegner das Regime Coolidge in den heftigsten Ausdrücken schmähte, und beschränkte sich auf Lobpreisungen republikanischer Ideen. Trotzdem wurden beide Kandidaten geschlagen. Und zwar, wie es die Gegner Coolidges wahr haben wollen, weil es genügt, sich für Coolidge auszusprechen, um in den Wahlen geschlagen zu werden!
Das ist natürlich übertrieben. Vorläufig hat Coo- lidge noch die Banken und die Schwerindustrie für sich und auch die Antialcoholic-Ligue (die Trägerin der Antialkoyolbewegung) stützt ihn weiter. Nur die Farmer, denen es wirtschaftlich schlecht geht, wenden sich von ihm ab. Seine voraussichtlichen Gegenkandidaten, Vizepräsident Dawes und ein Senator Lowden aus Illinois, der sich insbesondere bfi den Formern beliebt macht, haben also noch lange nicht gewonnenes Spiel. In dem Zusammenhang mit der Agrarfrage beginnt sich jedoch ein politifches In- triguenspiel abzuwickeln, das gefährlich für Coolidge werden kann, wenn die Absichten seiner Gegner glücken. Denn dem Farmer muß irgendwie geholfen werden, wenn er an den Schutzzöllen nicht zugrunde gehen soll. Die Schutzzölle wiederum aber werden insbesondere von den Großbanken und der Schwerindustrie verfochten, die Coolidge stützen und ihn daher zwingen, in der Zollommission eine Hochzollschutzpolitik zu treiben. Da diese Kommission aber auch ausgsprochenen Gegnern der Zollschutzpolitik bestand, so versuchte Coolidge durch entsprechende Besetzung der Kommission die Entscheidungen derselben zu beeinflussen. Eine Taktik, die nicht nur sehr anfechtbar ist, sondern natürlich von den Gegnern des Präsidenten und der republikanischen Partei benutzt wurde, um darzutun, daß diese beiden gegen das Jntersse des in Amerika heiligen Verbrauchers arbeiteten . . . Also sowohl für die Gegner Coolidges, wie die der Republikanischen Partei ein gefundenes Fressen, um den Skandal zu provozieren, den
Lotte ihn pflegte, und auch von der Rücksicht, mit der er unter Aufbietung aller Kräfte vor ihr feine schlimmsten Zustände verbarg. „Ehrwürdig" erschien sie den Freunden durch Die Ausschließlichkeit, mit der syr nur für ihn lebte. „Die Weisheit" nannte man sie in der Familie und wollte damit nicht so die Schärfe des Verstandes, als die harmonische Ausgeglichenheit und ruhige Sicherheit ihrer Rcttur bezeichnen. Für das heroisch um fein Werk ringende Genie, für diesen durch seine Krankheit so tief bedrückten, durch seinen Geist so hoch emporgerissenen Mann war sie der sichere Anker, der feste Pol; sie gab ihm Lebensmut und Lebenskraft, und erst in seiner Ehe reifte er zu der überirdischen Hoheit, zu dem verklärten Adel heran, der aus seinen letzten Werken strahlt, ilnb sie wuchs geistig mit, bildete sich aus zu der wundervollen Frau, die besonders aus den Witwenbriefen an Goethe, Knebel, Cotta
zu uns spricht.
Schiller nannte seine Frau „die Dezenz", und der uns dies berichtet, der Magister Göritz fügt hinzu, er möchte sie „die personifizierte Lieblichkeit, die feinen andern Willen hat, als den öeä Mannes, und die holde Scham nennen". Gewiß ist Lotte erst durch Schiller die geistig reiche und reife Frau geworden, obwohl sie schon als Mädchen eine Bildung und höhere Interessen besaß, um die sie unsre heutigen Damen nur beneiden können. Aber sie war nicht nur der nehmende Teil in der Ideenwelt dieser Ehe; sie hat auf Schiller einen bedeutenden, gar nicht zu überschätzenden Einfluß ausgeübt, der auf kulturellem Gebiet lag. Diese Kau aus altem Adelsgefchlecht, Tochter einer Oberhofmeisterin, selbst in den Hofkreisen erwachsen, in denen noch der feine Ton und die beherrschte Lebenskunst des Anden Regime gepflegt wurden, vermittelte Schiller den edlen Stil der klassischen Mäßigkeit, die Vornehmheit der Lebensform und Weltansicht, die von den Höhen der Menschheit aus gewonnen wird. So wurde sie für Ächitler das, was Frau von Stein für Goethe bedeutete. Auch in Einzelheiten hat sie sein Schaffen bestimm^ Man hat besonders darauf hingewiesen, daß der „Wilhelm Tell" sehr viel ihrer Liebe zu den Schweizern und den Erinnerungen qn ihre fljr unvergeßliche Schweizer Reise öerdankt. Züge ihres Wesens tauchen in Bertha von BpünÄ und der Staufiacherin auf. Aber darÄex hinaus wird man die Silhouette ihres Wesens «tch r^ch in manchen andern Frauengeftanen SchSrntz eyK


