Die tolle Herzogin.
Roman von E r n st Klein.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
37. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Was ich tue--* begann sie — —
Doch da machte Sir Walter etwas Unerwartetes. Eine Sekunde lang horchte er — — dann sprang er auf den Lichtschalter los. Drehte ihp ab. — — —
„Stellen Sie sich hinter mich, meine Damen!" rief er mit leiser Stimme.
In derselben Minute ging unten im Hause ein Höllenspektakel los. Ein dumpfer Krach — Stimmen, wild, wütend durcheinander--ein Schuh
— — — Dann kam es schwer und polternd die Treppe herauf.
„In Ordnung", sagte Sir Walter und schaltete das Licht wieder an. Oesfnete die Türe und rief hinaus:
,^)abt ihr ihn?" <
„Jawohl, Sir Walter!"
„Herein mit dem Kerl!"
Vier stämmige Kriminalbeamte schoben einen mageren, kleinen Menschen ins Zimmer. Der Mann war ganz anständig gekleidet — wenn ihn auch das .fionbgemenge mit den Hütern des Gesetzes ein biß- cbcn mitgenommen hatte. Dach unruhig hin- und herflackeryde, farblose Aeuglein, eine lange, schmale Nase über auffallend zurückweichendem Kinn gaben dem Gesicht etwas Vogelartiges, Unsympathisches. Fortwährend wetzte die Zunge über die dünnen Lippen hin und her — so eine rechte Pflanze ausr dem Sumpfboden der Londoner Verbrecherwelt.
„Das ist ja eine entzückende Schönheit", begrüßte Sir Walter den Gefangenen. „Wie nennst du dich denn, mein lieblicher Bursche?"
„Go to Klares! ' war die gemütvolle Antwort.
„Werde mich hüten! Kennt ihr den Kerl?" wandte sich Sir Walter an die Beamten.
„Alte Freunde, Sir Walter", erwiderte der Aelteste von ihnen. Inspektor Gordon wird sich über das Wiedersehen mit Jim, dem Wieseljimmy, freuen."
„So? Na, dann erfreut den Inspektor so»schnell wie möglich! Er soll ihn mal fragen, was er in
diesem Hause suchte. Und wer chn auf den Beobachtungsposten von Burnham House gestellt hat?"
Der Gesell war bei dem Namen des in 8er Unterwelt Londons gefürchteten Inspektors zusammen- gezuckt. Gordon hatte seine eigene Art, Verhöre anzustellen, die dem härtesten Burschen auf die Nerven gingen, und Wieseljimmy schien daher seinerseits gar nicht erfreut von dem bevorstehenden Wiedersehen. Noch scheuer, noch unruhiger zuckten seine kleinen, listigen Augen. Noch nervöser wetzte die Zunge. Er begann zu drucksen.--
Sir Walter sah's und winkte den Beamten ab, die den Gefangenen bereits hinausführen wollten.
„Mir scheint, Jimmy wünscht sein schuldbeladenes Herz zu erleichtern. Wartet einen Moment! Na, wie ist's, hast du mir etwas anzuoertrauen?"
.Gehängt will ich werden, Mylord," stotterte der Kerl in wüstestem Slang los, „wenn ich viel weih. Kommt da vor ein paar lagen ein Gent zu uns--"
,^u wem — zu uns? Wer sind diese uns?"
„Hm--Mylord--das habe ich ver
gessen. Ich habe immer an so einem schwachen Gedächtnis gelitten. Ein Erbübel."
„Sehr bedauerlich, dann bin ich gezwungen Inspektor Gordon zu bitten, dieser Gedächtnisschwäche nachzuhelfen'." ,
„Confound, Gordon--ich — ich will sehen,
daß ich mich erinnere, Mylord. Ja — ja ganz recht --Joe Schwanenhalz und Schiffer-Dan waren es. Wir waren gemütlich in unserem Salon zusammen — da kommt der fremde Gent herein--"
„Einen Moment! Wie sah er aus?"
„Hm — wie er aussah? Ein Gent — hab' ihn mir nicht sonderlich angesehen."
„Franzose?"
„Nee."
„Engländer?"
„Totsicher. Er brachte eine Empfehlung von einem gemeinsamen Freunde mit--"
„Würde mich interessieren, den Namen dieses gemeinsamen Freundes kennen zu lernen."
„Weiß ich wirklich nicht, Mylord. Gehängt will ich sein, wenn ich es weiß. War ein Freund vom Schiffer-Dan."
„Und wo zum Beispiel ist jetzt Schiffer-Dan?"
Wieseljimmy grinste.
„Der ist überhaupt nicht mehr."
„Was heißt das?"
„Was ich jage, Mnlord. Schiffer-Dan ist alle. Dieser verdammte Hund von einem Chauffeur —"
Er stockte. Biß die Sippen zusammen. Er war zu weit gerannt in seiner Vertrauensseligkeit---
Doch Sir Walter ließ nicht mehr locker.
.Halt, alter Knabe — nicht plötzlich das Gedächtnis verlieren! Was ist das für ein Chauffeur? Vielleicht der Chauffeur vom Grafen Las Valdas? Heraus mit den Bonbons!"
Drucksen, Fluchen, Stottern seitens des Inqui- rierten.
„Derselbe, Mylord", entschloß er sich endlich, zu antworten. „Die Pest über ihn! Schiffer-Dan war just kein Honigpüppchen — stand seine sechs Fuß in den Stiefeln--aber wie ihm der Perkins die
Faust in sein blühendes Angesicht legte, fiel der arme Dan um wie ein Stück Holz. Als wir ihn aufhoben, um ihn ins Auto zu tragen, war glicht nur das Sinn, sondern auch gleich der ganze Schädel mit aus dem Leim gegangen. Ein Glück, daß der Schwanenhalz dem Kerl eins mit dem Sack gab — ich kalkuliere, der hätte uns sonst alle miteinander kalt gemacht."
„Warum habt ihr den Chauffeur Überfällen?" „Mylord, wir sollten was suchen bei ihm!" „Was?"
„So'n Wisch von 'nem Vertrag. Lord Burnham oder sonst irgendein so großes Tier stand darunter unterschrieben."
„Habt ihr ihn gefunden?"
„Nee —"
„Auch nicht in seiner Wohnung?"
„Auch nicht, Mylord."
„Und warum habt ihr die Damen verfolgt?"
„Der Gent, der uns die Sache angedreht hat, wollte das so haben. Er meinte, die Ladys feien auch hinter den Papieren her, und wenn sie's finden täten, sollten wir sehen, daß wir's in die Finger bekämen. Aber da hätten wir natürlich nicht mit dem Sack gearbeitet —" fügte er gleichsam als Beweis seines savoir vivre hinzu.
Sir Walter hatte gehört, was er hören wollte. Und was vor allem die beiden Frauen hören sollten. Er ließ den Mann abführen. __________
„Nun, Frau Herzogin," wandte er sich an Gloria, „halten Sie es — nachdem Sie mit eigenen Ohren gehört haben, mit welch verzweifelter Ge sellschaft wir es da zu tun haben — nicht doch für angebracht, mir zu vertrauen?"
Gsloria und Grace hatten gehört. Diese beiden vornehmen Damen sahen auf einmal Gestalten einer Welt vor sich aufsteigen, die sie bis jetzt nur vom Hörensagen kannten. «chiffer-Dan--Wieseljimmy --! Was für Namen! Was für Men
schen' Selbst Gloria konnte sich des Schauders nicht erwehren! Rollte der Schlamm dieser Welt vielleicht dis an ihre eigenen Füße---?
Sie atmeten beide auf, als sich die Türe hinter den Beamten und ihrem Gefangenen schloß. Freier fühlten sie sich---. Grace wandte sich mit
nicht mißverstehender Bitte in den Augen zu der älteren Schwester.
„Ich glaube, Sir Walter wird uns helfen", sagte sie.
„Ich verlange nichts sehnlicher, meine Damen. Wie Sie selbst gehört haben, besteht hier eine ganze Verschwörung, die daraus ausgeht, den Vertrag, den — nun kann ich ja aussprechen, was bis jetzt bloß Vermutung war — Lord Burnham über die russischen Oelkonzessionen abgeschlossen hak, in die Hände zu bekommen. Ich bin sicher nicht weit von dem Zentrum dieser Verschwörung entfernt, wenn ich mir einen gewissen Herrn im Hotel Ritz näher ansehe--"
„Aber wo ist das Dokument?" rief Gloria. „Es ist nur eine Abschrift — nicht das Original. Wo ist diese Abschrift? Diese Leute und ihre Hintermänner haben sie nicht! Und — dann die--"
Ein Blick der Schwester erinnerte sie rechtzeitig. Sir Walter fing diesen Blick auf — und erstaunte darüber. Woher die Angst der Lady Neville? Las Valdas---9
Er sah, wie Gloria der anderen zunickte. Er fing an, langsam zu begreifen, warum die beiden Frauen so erbittert um das Geheimnis kämpften —.
„Sir Walter," sprach endlich Gloria, „meine Schwester und ich sehen ein, daß wir am besten tun, an Ihre Hilfe zu appellieren. Doch bevor wir Ihnen alles auscinandersetzen, möchte ich Lord Neville sprechen. Wäre das möglich?"
(Fortsetzung folgt.)
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