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Er. 83 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (Eeneral-Anzerger für Gberhessen)
Samstag, 10. April 1926
es je gefunden werden kann und so gesunden werden wird, darauf kommt es, hier, nicht viel an. Daß das Vergängliche ein Gleichnis werde, das ist die faustische Botschaft nordischen Schauspiels.
Die Wiedergabe (in der Inszenierung von Xe- leky) wurde des spröden Stoffes Herr und fing die Hörenden ein, selbst da noch (und vielleicht gerade da), wo der Weg der Dichtung am verschlun- genslen und geheimnisvollsten sich zu verlieren scheint. Die Regie führte mit scharfen Akzenten und starken, theatralischen Mitteln das dramatisch-sinn- fällige Widerspiel der ersten Akte abklingend in den klärenden, versöhnlich rundenden und rückführenden Epilog. Mit tieferem Sinn war die Kostümgebung und Stilcinkleidung aus der Zeitgebundenheit („Ende des vorigen Jahrhunderts") gelöst. Ob nicht manche Streichungen sowohl dramatisch, wie dichterisch Gewinn brächten, ist zu erwägen. Als szenische Höhepunkte sind die erste Hälfte des zweiten und der ganze dritte Akt (Fabrikantenoersammlung) zu bezeichnen, die ausgezeichnet inszeniert und gespielt waren. Hier taten auch die Bilder Löfflers ihre beste Wirkung.
Aus dem figurenreichen Ensemble können nur einige Namen herausgegriffen werden. Doranstellen möchten wir G e f f e r s und Susanne H e y m. Gef- fers gab den Holger: Herrenhaft, männlich, schroff und knapp, imponierend in der Haltung, in Maske und Ton. Sehr fein, ganz von innen heraus gestaltet und gesprochen die Rahcl der Heym, die einheitlichste und ungebrochenste Gestalt im Drama. Teleky (Bratt) bot eine interessante Charakterstudie, zeichnete eine absteigende Menschenkurve nach. Hanke (Elias) spielte mit Temperament und Hingabe; aber von Anfang an in der Gefühlslage um einen Ton zu hoch, ohne Steigerungsmöglichkeiten (übrigens auch sprachlich unausgeglichen). Goll (in einer Doppelbesetzung) ganz leicht, flüssig und überlegen als Fabrikbesitzer Soerd; sehr eindringlich V o l ck (Hans Braa und Anker). Wir nennen noch Juhnke (Halden), Safte („Die Feldmaus"). Schubert (Falk), Wehrt und Gehre (Besitzer). —Es gab, besonders nach den letzten Akten, starken Beifall.
wirtschaft und Staatstunft.
Von Dr. jur. et phil. Friedrich Lenz erb. Professor der Staatswissenschaft an der Um- versität Gießen.
Nichts leichter, als ein Staatsmann zu werden, nus dem Beruf des Syndikus oder des Juristen den lllebergang zum Konferenzdiplomaten von mter- i ationalem Ausmaß zu gewinnen. Erfordern die Fußangeln des Friedensvertrages nicht feinste Kenntnis des internationalen Rechts, die Fmanz- Vauseln des Dawes-Planes nicht Vertrautheit mit tem internationalen Bankgeschäft? Und sollten die Abmachungen von Locarno oder Genf in Wahrheit ^on dem Abschluß eines internationalen Schienen- SarteUs oder vom Ausbau eines Marinetrusts sich unterscheiden, bei denen es auf die Quote, den «tampf gegen Außenseiter, Anteil an der Leitung unb- greifbaren Gewinn ankommt? Wobei dem beamteten Staatsmann nur das erfreuliche Aktivurn »leibt daß er aus Genf mit leeren Händen wiederlehren darf, ohne von seinen Auftraggebern ab- »ebaut zu werden. . .
Die Denkweise einer Regierungskoalition laßt sich Schon aus innerpolitischen Erwägungen leichter zu- ■edjtbiegcn, als die Denkart scharf rechnender Pr>° -atwirtschastler. Wohlklingende Phrasen, an denen tie öffentliche Meinung seit jeher sich vergnügt, er- fktzen in der diplomatischen Sprache die nüchterne Kritik des Handclsredakteurs. So ist die Bilanz un- (ierer Nationalinteressen noch leichter zu „frisieren" cis irgendein privater Abschluß. Wer könnte sie auch Hefen?
Wäre es — in einem wie im andern Fall — »icht Torheit, fein Berufsgeheimnis jener Oeffent- ■idjfeit preiszugeben, die zu beherrschen das Ziel ßkdes echten Führers sein muß? Brasilien ist in Genf □n allem schuld, und Deutschlands Ansehen in der yöeltmeinung gewachsen! Wen geht es denn auch an, daß der „Locarno-Geist" in Schweden, in Italien, Spanien und Brasilien unfreundliche Gefühle wider uns geweckt, dem großdeutschen Gedanken eine neue Lchranke vorgelegt, die Türken isoliert hat? Daß alle moralischen Opfer, die wir Franzosen und Polen mit der Garantie der neuen Grenzen gebracht, im Einverständnis beider Mächte nur neue Militärbündnisse gezeitigt haben? Daß unsere Vorliebe für Genf Deutschland in Englands Schlepptau bringt und allen kriegerischen Möglichkeiten des britiscy- cussischen Konflikts preisgibt? Die außenpolitischen Gefahren solch scheinbarer Aktivität treten zuruck hinter taktischen Augenblickserfolgen, die Angst vor Katastrophen zwingt auf der gewählten Bahn fort.
Machtkämpfe zwischen Staaten lassen sich eben nicht in den Gedankenkreis des Wirtschaftssyndikus tmb des Formaljuristen bannen. Eine wirtschaftlich orientierte Staatskunst wird niemals völlig friedlich fein, wie ein verbreiteter Irrtum lautet. Kampf um die Märkte und gegen Außenseiter macht ihr Wesen - aus, zumal im Zeitalter der Jmperialwirtschasten.
Fragen der Ehre und der Sicherheit lassen sich auch nicht rechtlich schlichten: das Wachstum schon der Völker stellt ihnen ständig neue Aufgaben. Hätte Guropa einst den Friedensplan des Abvee St. Pierre über den der „Heiligen Allianz" befolgt, wir hätten noch ein spanisches Amerika und einen türkischen Valkan! Kann es mit der Genfer Liga onhers werden? Rußland wie die Vereinigte». Staaten bergen heute schon dynamische Gewalten, die weder durch ein internationales Jriedensrecht noch durch er- merbswirtschaftliche Motive sich beschränken lassen. Dabei entfaltet Rußland sich bewußt im schärfsten Gegensatz zur „westlerischen Denkart. Eben darum betont Deutschland, im Bannkreis seiner westlichen Vesieger, den individualistisch-kapitalistischen Grundzug feiner Wirtschaftsorvnung. Eben hieraus ruht der Dawesplan, dies Geschöpf des Hauses Morgan unb der Londoner Vereinbarungen. Wie aber, falls der britisch-russische Konflikt, der die Welt bis China f)in in Unrast hält, an unseren Ostgrenzen einmal cusgetragen würde? Man denke sich Teile unserer Zieichswchr unter französischem Oberbefehl für Polen wider Rußland kämpfend, oder auch nur ein Dölker- bundshecr durch Ostdeutschland marschierend, mit zwei Millionen Arbeitsloser und deutscher Kommunisten im Rücken! Sollten nicht politische Leidenschaften alle Hilfsgerüste der wirtschafllichen wie der juristischen „Vernunft" zerbrechen? Ist nicht die 6hre, Sicherheit und Selbstbestimmung jedes Volks ein Gut, das aus den Tiefen nationaler Leidenschaft ftets neu behauptet und zurückerworben werden muß?
Eben dies lehrt unsere eigene Geschichte — zuletzt nod) in der Erhebung vom August 1914; hiernach
Gießener Stadttheater.
Björnson: „lieber unsere Straft" (11)
EL ist gut, sich wieder einmal auf dieses Schauspiel zu besinnen. Wir sehen es heute Dohl mit a<nderen Augen an, als damals. (Als Iber Dichter noch ein Steuer war, ein Junger -uni) Gegenwärtiger.) Denn wir haben Abstand gewonnen vom Werk, der notwendig ist. Damals, vor Anbruch unseres Jahrhunderts, muhte das Drama, vor allem äußerlich gesehen, als Form, als literarisches Reuland ausgenommen und bewältigt werden. Denn B j ö r n s o n stand (und steht) in der Rähe Ibsens; Ibsen aber, und mit ihm Zola und Tolstoj, galten (und gelten zu Recht) als die Täter der europäischen Revolution, der Verjüngung des literarischen Geschmacks und der künstlerischen Gesinnung, die wir mit dem Begriff Raturalismus bezeichnen. Mit der zertrümmerten alten und der fanatisch verkündeten neuen Form aber wurde hier zugleich neuer Inhalt gefunden. Dinge wurden auf dem Theater getan und verhandelt, die seither nicht ihren Platz an dieser Oeffentlich- leit gehabt hatten. Roch der frühe Hauptmann ward bestaunt und befehdet um der sozialen Revolution willen, die aus seinen „Webern" schrie, und es ist erstaunlich, wie vieles in diesem Werk bei Björnson vorausgenommen scheint. Wie wir jene Form als etwas Historisches und Abgeschlossenes daliegen sehn, über die wir hinausgeschritten sind, so werden wir auch das (typische) Thema der Epoche als etwas Vergängliches empfinden; was in diesem Stück, äußerlich, laut, theatralisch und ganz naturalistisch im Stil verhandelt wird, ist zwar auch heute noch aktuell, wird aber an anderer Stelle zu verhandeln und (vielleicht) zu lösen fein, als im Drama und auf dem Theater. Das Tatsächlich-Stoffliche, das Geräuschvolle und Materielle im Werk werden wir Jetzigen nur als Sondersall und Einmalig-Gebundenes auf uns wirken lassen. Aus den Hintergründen und Unter grünt en aber, zwischen den Dingen, hart im Raume, erlebt man das Innerliche und Leise,
handeln die Staatsmänner, welche Nordamerika zum Kriege trieben, Rußland umwälzten und Italien erregten. „Eine Nation ohne Leidenschaften ist wie ein Mensch ohne Leidenschaften, ein sich bewegender Leichnam. — Eine Nation ohne edlere Leidenschaften, also ohne geisterregende innere Bewegung, ob auch ihre Außenseite in gewöhnlichen Zeiten das Bild der Ruhe und des Glücks barftelle, ist dem Untergang geweiht." So lehrt unser größter deutscher Volkswirt Friedrich List.
Leidenschaft allein tut's freilich nicht; erst wo der Glaube, der sie trägt, sich dem Erkennen paart, entsteht ein tragfähiger Gedankengrund. Ohne ihn entbehrt alles Handeln der Erfolgsaussicht, mag es auch noch so „realistisch" sich gebärden. Der Jahresbericht einer deutschen Großbank für 1925 gibt einen Beleg die Neugestaltung seit 1925 werde „dazu führen, daß die überspannten nationalen Ideen der Politik den wirtschaftlichen Zweckmäßigkeitsgründen weichen", nachdem die Politik die Welt zerschlagen und die Menschheit von dem vernünftigen Prinzip gegenseitiger Verständigung und Hilfe adgedrangt habe. Wenn das Bekenntnis „zum Prinzip des Geldverdienens und der Rentabilität" sich derart vom Staat scheidet, bann sind seine Bekenner von einer Auffassung der nationalen Wirtschaft, wie List sie hatte, himmelweit enfernt.
Wirtchaft ist gar nicht denkbar außerhalb des Staates. Jeder Kauf ist ja Wirtschafts- und Rechtsgeschäft in eins. Niemals dürfen Wirtschaft und Re- gierung sich gleich streitenden Parteien entgegen- stehen. Ein Gemeinwesen, dem „die Wirtschaft" gebietet oder das vom Klassenstreit zerrissen wird, kann weder Friedenspolitik treiben noch äußerer Feinde sich erwehren: der nationale Gedanke wird in ihm zur Phrase. Haltbar allein ist jene Einheit von Nation und Wirtschaft, die Friedrich List — fast als einziger deutscher Volkswirt — verfochten und begründet hat.
politische Umgruppierungen in Elsatz-Lothnngen.
Don unserem —,-Berichterstatter.
Rachbruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Straßburg. April 1926.
Schon lange nicht mehr hat ein polnischer Gedanke auf dem empfänglichen Boden Clsaß- Lothringens so rasch und reich sich entwickelt, wie der, der auf trat mit der Losung: Heimatrecht!" Schon das Wort war ein glücklicher Griff. Kein Ismus, den man zu den vielen anderen politischen Ismen mühelos klassieren konnte und den man dem einfachen Mann doch immer wieder schulme sterlich erE.ären muhte, sondern ein Wort aus der Sprache von jedermann, ein Wort, das an die Seele rührte und Geistesund Willensmächte weckte. Lind die Sache in dem Wort, wie unverfälscht und bodenständig sie war, hat niemand rascher und richtiger empfunden, als die Söhne der fremden Sprache, die in ihren französischen Zeitungen das Wort un- überseht zu übernehmen und von „les Heimat- rechte" zu reden pflegen wie von „le Reich", „les Lander" und früher von „le Kaiser".
Heimatrecht, das war und ist über den Parteien. ist zugleich aber eingedrungen in die Parteien als ein neuer Sauerteig, als eine Sache, die Stellungnahme fordert und die alten, herkömmlichen Stellungen zusehends abänbert und verschiebt. Dieser Prozeß ist in vollem Gang und gerade jetzt hat sich gezeigt, wie weit er schon gediehen. Die „Zukunft", das Organ der Heimatrechtsbewegung, hatte einen Aufruf veröffentlicht an die in Elsaß-Lothringen gewählten Abgeordneten, sie möchten sich zur besseren Wahrung der elsaß-lothringischen Interessen im Pariser Parlament zusammenschliehen zu einer^ einheitlichen Gruppe. Sie hatte bei den Gewählten, die die Sorge um die Wiederwahl anscheinend noch nicht drückt, keine Gegenliebe gefunden, hatte sie wohl auch nicht zu finden gehofft. Denn diese Leute sind aUesamt in siebenjähriger politischer Betätigung nun festgefahren in ihrem Gleise und soweit auseinandergebracht, wie es Angehörige der Rechtsopposition gegenüber Sozialisten und Kommunisten nur sein können.
Aber in der heimischen Presse wurde der Gedanke ausgenommen. Die Straßburger „Repu- blique", das Parteiblatt der Radikalen, stellte den „Karnpf um die Weltanschauungen und die Heimatrechtsbewegung" zur Erörterung. Eine Konzentration der politischen Arbeit im Elsaß auf
das Seelische und Menschliche. Un-literarisch aufnehmend erkennen wir heut in diesem Schauspiel die unvergänglichste und zeitloseste Schöpfung des (Nordländers.
Der zweite Teil der Dichtung erschien vor 30 Jahren; abermals zwölf Jahre zurück die beiden Akte des ersten. Hier sind die Seelengründe klarer und unmystischer und weniger verwirrt und verbrämt zu Tage gelegt-, als im Schlußstück. Die geistige Triebkraft, der Herzens- kern ist einfacher und offenbarer zu finden. Der Pfarrer Adolf Sang will seine seit Jahr und Tag krank niederliegende Frau gesund machen kraft seines starken Glaubens. Er glaubt an das große Wunderbare, wie jene heimatliche Rora, und es gelingt: als er aus der Kirche, wo er gekämpft und gebetet hat, heimkehrt, tritt ihm die Frau ausrecht entgegen. Freilich nur, um in seinen Armen zu sterben. Auch über seine Kraft ist es gegangen, auch er stirbt am Wunder, im Glauben. In einer Kraft des Gemütes, die seine beiden Kinder, Rahel und Elias, verloren haben. Die beiden wollen ein reines, lebendiges, tatbereites Christentum suchen gehen.
Der zweite Teil ist — äußerlich — nur locker an diese einfachen Vorgänge gebunden. Herübergenommene Figuren deuten dies an: Rahel, Elias, und jener verzweifelte Gottsucher, Pfarrer Bratt, vor allem, der innerlich den Boden seines Amtes und Christenglaubens unter sich wanken spürte. Das angeschlagene Thema wird — charakteristisch — ins Soziale gewendet und gleichsam praktisch exemplifiziert. Der erste Akt reißt wild die Gegensätze auf zwischen „oben“ und „unten“, zwischen arm und reich, zwischen Stadt und Vorstadt. Oben wohnen die Reichen, die Besitzenden, Fabrikanten, Geldmachenden, unten in der „Hölle", im versandeten Flußbett, die Arbeiter, die Besitzlosen, — der „Abfall der Menschheit". Unten ist Aufruhr. Erbitterung. Streik. Unten tragen sie eine zu Grabe, die Märtyrerin sein wollte, die ihre Kinder tötete und sich selbst, daß ihre Tat leuchte und aufschreie als ein Signal, ein Memento, eine Fanfare des Losbruchs. Unten predigt — vergeblich — der Pastor Falk milde Worte des Ausgleichs und
die Grundforderung wurde verlangt und als Grundforderung ausgestellt der Anspruch des elsaß-lothringischen Volkes als ethnischer und sprachlicher Minderheit in Frankreich, sein Volkstum und seine Sprache, das Erbgut seiner Geschichte und seiner Väter, weiter zu pflegen und zu erhalten gegenüber der aus falschem Rationalismus und Unitarismus heraus betriebenen Politik der Assimilation. „Das scheint uns, so war in dem Artikel gesagt, der leitende Gedanke für eine gesunde, vernünftige und aussichtsvolle Heimatpolitik, die zum Scheitern verurteilt ist, wenn sie zur Parteisache gestempelt wird, die sich aber in einem demokratischen Staate durchsetzen kann, wenn sie im Einverständnis mit allen bodenständigen Parteien zur allgemeinen Dolks- sache schlechthin gemacht wird."
Zu diesem Vorschlag, den Weitauschauunas- kamps der Parteien, d. h. in die Sprache des politischen Alltags übersetzt den Kampf um die Einführung oder Richteinführunz der französischen Laiengesehe in Elsaß-Lothringen hinter den gemeinsamen Belangen des Volkstums zurück- zustellen. erwiderte der klerikale „Elsässer Kurier" mit rückhaltloser Zustimmung. Das andere Hauptorgan der klerikalen Partei, der „Elsässer", war zurückhaltender, wollte aber der Eingliederung dieser religionspolitischen Angelegenheiten unter die Heimatrechte auch nur den Sinn geben, daß nach der echt regionalen Staats- ausfassung die Gesetzgebung hierin nicht von Paris aus geändert werden solle, sondern daß die Entscheidung dem elsaß-lothringischen Volke selbst überlassen bleibe. Der „Kurier" berief sich auf Deutschland, wo in der Weimarer Verfassung, „der modernsten und demokratischsten aller Verfassungen". diese Fragen auch von Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten gemeinsam geregelt worden seien und meinte, so müsse sich auch „unter uns Elsässern" eine Verständigung erzielen lassen, und „wenn wir die Gewißheit dieser Verständigung voraussetzen, müßte sich die Vereinbarung für die anderen Grundsorderungen zur Bildung einer gemeinsamen Kampflinie, der elsässischen Einheiisfront, leicht erzielen lassen."
Einheitsfront: daß das Wort fallen konnte zwischen Radikalen und Klerikalen, fallen konnte genau ein Jahr, nachdem der Klerilaiismus gegen Herriots radikales Kabinett und seine Elsah- politik in heftigstem, bis zum Schulstreik gesteigertem Kampfe gestanden hatte, das bedeutet nicht wenig und zeigt deutlicher als lange, Erläuterungen, welchen langen Weg das elsässische Bewußtsein in dieser kurzen Zeitspanne zurückgelegt hat. Es handelt sich aber durchaus nicht um das Wort allein. Die klerikale Partei hat im Rovernber schon eine neue, programmatisch vertiefte Stellung eingenommen und stellt in diesem neuen Programm für die Schule nicht mehr die Konfessionalität allein, sondern daneben die Erhaltung der Muttersprache als beherrschenden Gesichtspunft heraus. Dasselbe hat die radikale Partei, wenigstens^ im Unterelsah, begonnen und wird wohl in nächster Zeit das Werk vollenden. Es ist also kein von vornherein faules Kompromiß, sondern das beherrschende Hervortreten neuer Gesichtspunkte und Forderungen, die sich aus den Verhältnissen des täglichen Lebens mit seiner fortgesetzten Sprachen- nvt beiden Parteien zwingend ergeben.
Lind nicht nur ihnen allein. Auch die nationalistischen Gruppen haben gegen die Assimilationspolitik allerlei Bedenken bekommen, die sich freilich mehr gegen die Verwaltungsassimilation als auf die bisherige französische Sprachenpolitik richten. Lind am anderen Ende der Parteireihe hat die kommunistische Partei, deren einziger elsässischer Vertreter in der Kammer sich demonstrativ der elsässischen Mundart bedient (und damit dem Sitzungsbericht erlaubt, die kräftigsten Proteste und Kritiken unverzeichnet und unveröffentlicht zu lassen), das Heimatrechtprogramm nicht nur ausgenommen, sondern^ sogar noch überboten mit der Forderung der völlig freien Volksabstimmung nach vorheriger Entfernung der französischen Verwaltung.
Die Frage nach den Wahltattischen Folgerungen aus diesen Llmbildungsvorgängen in den verschiedenen Parteikörpern ist noch nicht recht cpftellt worden. Rur die sozialistische Partei, ile aus unitarischen Tendenzen heraus sich ganz auf den Assimilationsstandpunkt gestellt hat und so in 'Cljamem Gegensatz zu ihrem Grundcharakter die nationalistischste der bodenständigen und im Wahlkampf zählenden Parteien ge-
der Mäßigung. Linien hält Bratt eine wilde, aufrührerische Brandrede, unten gibt Elias (der innerlich all dies erlitt, der nach Erneuerung schreit und um Besserung kämpft) sein ganzes Geld in die Streikkasse. Er hat eine Kampf- zeitung aufgetan, wie Rahel ein Krankenhaus baute von ihrem Erbe. Oben aber: oben ist. Holger, der Fabrikant, und all die andern. Oben ist Reichtum, Glanz, Macht und Herrentum. (Das innere Ebenmaß und Gleichgewicht der dramatischen Kräfte ist bei Björnson minder gestaltet als später bei Hauptmann, an den man oft denken muß.) Holger weist die Abgesandten der Streikenden schroff zurück, die
unheildrohend das Haus verlassen. Holger versucht vergeblich seine Schwesterkinder dem gütigen, menschlichen Ein
fluß der Rahel zu entziehen, die ihrerseits Öen Bruder vor dem Selbstopfer für seine Sache nicht bewahren kann. Holger versucht auch zu spät, in der „Burg" die Fabrikanten zu einer Gegenorganisation zusammenzuschließen, zu spät erschießt er den als Diener verkleideten Elias, der das Signal zur Katastrophe geben will: die Burg, unterminiert, wird mit Dynamit in die Lust gesprengt. Aus der Verheerung bleibt Holger, schwer verwundet, als einziger Lieber- lebender, der Rahel vom Untergang ihres Bruders Kunde geben kann. Sie aber (im vierten Akt) spricht den Epilog, der zum Vorspiel zurückkehrt, sie predigt das christliche Evangelium des toten Vaters. Wer „hat Recht"? Richt die Ge- walt, nicht das Opfer, nicht der Aufruhr bringen Lösung und Erlösung von jeglichem Liebel. Die warme Frauenstimme klingt als eine Friedensglocke. als schmerzlicher Dersöhnungsruf über Kampf und Zerstörung. Gewalt. Aufruhr. Opferung ist über die Kraft des Vollbringens. Der Segen kommt aus Mitleid und Guttat, aus Verhöhnung und Händereichen und befriedetem Rebeneinander. Es muß nur einer den Anfang machen. So spricht tröstlich der reine Idealismus der Dichtung, so sucht dieses Stück nach neuen Menschen und neuem Glauben und nach dem Gott, „mit dem nun ringt, bis daß er einen segnet". Wo das Ziel und das Heil liegt, ob
worden ist, hat ihre Angst vor der Isolierung einmal verraten durch die Frage an die bisherigen treuen radikalen Blockgenossen, ob sie „nach Canossa" gehen wollten. Eine befriedigende Antwort wurde nicht gegeben und konnte nicht gegeben werden.
Denn schon die Fragestellung reimte sich nicht zu dem, was tatsächlich vorgeht. Es handelt sich nicht darum, daß die gegebenen und von den Sozialisten als unveränderlich betrach'.cen Parteien sich anders gruppieren, wie die Karten im Spiel bei Beginn einer neuen Runde anders gemischt werden, aber doch dieselben Karten bleiben. Vielmehr zieht sich durch alle Parteien eine neue, einheitliche Trennungslinie, die Stellungnahme zum Heimatrecht. Ob man das Elsaß verwelschen und zu einem amorphen Stück Frankreich machen will, oder ob man ihm seine Eigenart erhalten und bereits in diesen sieben Zähren verlor:ne Gebiete der eigenartigen Lebensäußerung r. iebergetemr.cn teil', das ist die Frage, die sich an jede Partei und jeden Einzel- nen stellt. Lind die TageSereigni'se werden, wie bisher, dazu beitragen, daß dieser Sauerteig unaufhaltsam weiterwirtt.
Militärische Schulung der
Jugend im Ausland
„Die Llnterrichtsansialten, Universitäten, Kriegervereine, Schützengilden. die Sport- oder Wandervereine, überhaupt Vereinigungen jeder Art. ohne Rücksicht aus das Alter ihrer Mit- gl.eder dürfen sich mit keinen Militär scheu Dingen befassen." So bestimmt der Versailler ..Vertrag". Run soll nach dem gleichen Versailler „Vertrag" die Entwaffnung Deutschlands „eine allgemeine Rüstungsbeschränkung der Rationen“ einleiten. Sonach müßte der Verzicht auf jegliche militärische Ausbildung der Jugend für unsere ehemaligen Kriegsgegner eine Selbstverständlichkeit sein. Doch dem ist nicht so. Wohl ertönt fast ständig der Ruf nach Festigung des Weltfriedens, der für keine Ration notwendiger wäre als für das kranke Deutschland, aber trotz allen Abrüstungslonferenzen und trotz Völkerbund und Schiedsgerichten werden die Volker der Welt von Grund auf, nämlich von Kindheit an, in einem Maße „m litarifiert“, wie es die Weltgeschichte bisher nicht kannte.
In Deutschland weiß man nur von den offiziellen Rüstungszahlen der stehenden Heere, nichts aber von der systematischen Erziehung zum Wafsenhandwerk in allen Ländern rings um Deutschland und jenseits des Ozeans. Zum ersten Male wird jetzt die Oeffentlichkcit durch das neue Sonderheft der Süddeutschen Monatshefte (München) „MilitärischeSchu- lung der Jugend im Ausland" aufgeklärt. Ram- hafte Sachverständige bringen hier ein vielfach unbekanntes, höchst eingehendes Material. Reben Ai'sbildungZplänen und Organisatwnsüberslchten und die wirtschaftlichen, staatspolitischen, soziologischen und fulturellen Bestrebungen, die in jenen Ländern m:t der Jugendausbildung zusammen- hängen, in lebendiger Weise geschildert. Aus der Fülle des Stoffes können hier nur einige Hauptpunkte angeführt werden.
Amerika, das auf seine Freiheit stolze Land, macht auch hier am meisten erstaunen. Der Mangel an Führern, an Offizieren und Unteroffizieren wurde drüben sehr unangenehm emp- ftinden, weshalb die Regierung dieses „demokratt- schen Landes" nach dem Kriege energisch elngnff: Auf allen Gymnasien und Universitäten, selbst auf allen Privatschulen, wird der junge Mensch auch gegen seinen Willen zum Reserveoffizier oder Reserveunterofft'ier gemacht, was im „militaristischen Deutschland“ als unerhörter Eingriff in die persönliche Freiheit angesehen worden wäre. Der körperlich Taugliche muh sogar mit großem Eifer und gutem Erfolg üben, wenn er die Befähigung zu seinem erstrebten Zivilberuf erhalten will. Die Universitäten haben für die Militärwissenschaften sogar eine eigene Fakultät mit einem gleichberechtigten Stabsoffizier als Leiter geschaffen! Die Kompagnien, Bataillone und Regimenter der Schulen werden von den kommandierenden Generalen besichtigt. Die Heeresverwaltung stellt Ausbldungsoffiziere, Waffen, Uniformen, Ausbildungslager und vor allem Geld zur Verfügung. Die Mannszucht ist sehr gut. Abgesehen von der gründlichen Ausbildung


