Nr. 57 Zweites Blatt
Kurioser Tabak.
Von K. I. Grün.
'2hich der Genuß des „edlen Krautes Tabak" hat seit seiner Entdeckung im 16. Jahrhundert Wandlungen durchgemacht. Heute herrscht die Zigarette im Geschmack der Verbraucher vor. In den Anfängen des Tabakrauchens war die Pfeife am beliebtesten, und im Jahre 1788 errichtete Schlottmann in Hamburg die erste Fabrik von „Cigarros" für Deutschland. Zur Zeit der Aufklärung aber sand die Echuupftabakdose, deren Inhalt man eine reinigende Wirkung auf die Gehirnganglinien zuschrieb, Eingang in die höchsten Kreise und bei beiden Geschlechtern.
Frau Rat Goethe teilt in einem Brief vom 16. März 1807 ihrer Schwiegertochter mit, daß sic sich den Schnupftabak wieder habe angewöhnen müssen: —Diesem langen und wohlstilisierten
Brief müssen Sie doch verschiedenes ansehen. Erstlich — —. Zweytens daß, da ich mir den Tabak wieder habe angewöhnen müssen, derselbe seine Wirkung besonders im fließenden Stil vortrefflich thut. Ohne ein Prißgen waren meine Briefe wie Stroh — wie Frachtbriefe. Aber jetzt, das geht wie geschmiert.--" Preußens philosophische Königin,
Sophie Charlotte, hüllte dieser Modekrankheit noch stärker und soll sogar während der Krönungsfeierlichkeiten in Königsberg verstohlen ein Prieschen „Spaniol" genommen haben. (Dos Schnupfen kam um 1620 in Spanien auf. Daher der Name „Spa- uiol-Tabak".) Madame de Cayla wurde die lebendige Schnupftabaksdose Ludwigs XVIII. genannt. Kein Tabak mundete der königlichen Nase besser als der, den Madame für ihren fürstlichen Gönner in ihrem Busenausschnitt barg. Die Marquise dc Pompadour
Stark - weil gebunden!
Von Dr. Paul R o hr b a ch.
Als bald nach dem Ausbruch des Nuhrkampfes der damalige Reichskanzler Cuno in einer Rede in Münster vor einer großen Versammlung die Versicherung abgegeben hatte, die Negierung werde . diese Sache durchhalten, hörte ich von einem amerikanischen Journalisten das Wort: Die Sache wäre ein Kabel wert, wenn nicht der Kanzler von der Festigkeit der Regierung gesprochen hätte, sondern wenn ihm aus der Versammlung erklärt worden wäre: „Wird nicht durchgehaltcn, dann gehen wir nach Berlin und sorgen dort selbst dafür!" Ein paar Tage später gingen Vertreter der Eisenbahner, der Gewerkschaften und der Post zum englischen Ober- kommissar in Köln — es wurde damals allerlei von „Neutralisierung" des Rheinlandes geredet — lind sagten damals: „Kommt jowas, dann wird gestreikt!" Cs war die Zeit, wo man, im Gegensatz zu heute, englische Zeitungen von vorn bis hinten durchsuchen konnte, ohne mehr als ein paar unfreundlich-gleichgültige, meist noch verkehrte Notizen über Deutschland zu finden, lieber den Kölner Protest aber brachte die „Times" sogleich ein Telegramm von einer halben Spalte.
Ajas für eine Auffassung liegt solch einem Verhalten zugrunde? Offenbar die, daß politische Aeuße- rungen oder Vorgänge um so beachtlicher sind, je stärker sie elementar aus dem Volkswillen und der Volksstimmung heraus kommen. Eben dies ist auch der Maßstab, mit dem der Angelsachse auch Regierungserklärungen mißt, namentlich deutsche. Man hört es oft im Gespräch mit Amerikanern, daß von dieser Seite gesagt wird: Ihr habt zwar keine Monarck)eu mehr, aber ihr seid doch Untertanen geblieben, d. h. ihr laßt euch Politik von eurer Regierung machen, statt die Regierung zu beauftragen, daß sie eure Politik macht!"
„Eure Politik" ist in diesem Falle erstens auswärtige und zweitens nationale Politik. Man kann sie machen, wenn der nationale Wille nach der erforderliä)en Richtung hin so geschlossen ist, daß die Negierung gar nicht erst versucht wird, eine andere Politik zu betreiben, als die der nationalen öffentlichen Meinung. Daraus folgt, daß in einer Frage wie jetzt, wo e.s sich um die Durchsetzung des deutschen Standpunktes bezüglich der Ratssitze handelt, die deutsche Regierung nach außen um o stärker ist, je gebundener sie nach innen an die deutsche öffentliche Meinung erscheint. In dem Maße, wie die Gegner sich etwa sagen können: „Die deutschen Minister können schließlich ihrer öffentlichen Meinung auch zumuten, sie mit einem halben Erfolg oder einem Mißerfolg nach Hause kommen zu sehen, es wird Opposition geben, aber keinen Regierungsstiirz" — wird drüben die Neigung wachsen, uns entsprechend zu behandeln. Man darf sich nie einbilden, daß den Gegnern etwas daran läge, Deutschland vor Unannehmlichkeiten zu bewahren. Die einzigen, die sie davor bewahren wollen, sind sie selbst und ihre Länder. Es würde aber sicher große Unannehmlichkeiten für die englische, einigermaßen auch für die französische Regierung geben, wenn das heutige deutsche Kabinett durch eine national geschlossene Welle von Unzufriedenheit mit seiner auswärtigen Politik vom Platze gefegt werden würde. Je gebundener also der Kanzler und der Reithsaußenminister für die nächsten Tage in Genf sich fühlen, desto weniger wird ihnen Nachgiebigkeit eine Versuchung sein.
Jede deutsche Stimme, die Aengstlichkeit, Völker- dundssehnsucht um jeden Preis, Bereitwilligkeit zum Handelnlassen verrät, ist ein Dolchstoß von hinten gegen unsere politischen Frontkämpfer. Für England z. B. stehen die Dinge ungefähr so, daß man sich den polnischen Ratssitz, wenn auch ohne Begeisterung, gefallen lassen kann, wenn es sicher ist, daß Deutschland ihn sich gefallen läßt. Als in Versailles die Bedingungen aufgestellt waren, die Deutschland zum Hinabwürgen eingegeben werden sollten, da tat Lloyd George die bedenkliche Frage: „Soll man nicht für den Fall, daß die Deutschen am Ende doch nicht unterzeichnen, einen zweiten, einen milderen Entwurf in Vorrat halten?" Siegessicher und souverän fuhr ihn Clemenceau mit den zwei Worten über den Mund: „Ils signeront“ Dieselbe Frage ist es, um die es sich jetzt zwischen Chamberlain und Briand handelt.
Vergleicht man die Tage von heute mit denen vor 6 ober 7 Jahren, so ist zwar noch kein Grund da, in Befriedigung auszubrechen, aber ein Stück Erziehungsarbeit haben unsere Gegner doch schon an uns fertig gebracht. Es wäre gut, wenn wir selber diese Arbeit fortsetzten, sobald wir unseren Sitz im Völkerbunde eingenommen haben. Der Reichskanzler und noch mehr der Reichsaußenminister haben vom Beginn der Aktion -an, die uns folgerichtig in den Völkerbund führen mußte, ihre Absicht betont, für die deutschen Minderheiten im Auslande einzutreten. Das ist sehr gut. Der Erfolg aber, den sie zukünftig in dieser Richtung in Genf haben werden, wird proportional dem Druck sein, den auszuüben sie imstande fein werden. Zum bloßen Gefallen wird ihnen sicher niemand etwas tun, weder Polen noch
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Dienstag, 9. März 1926
Tschechoslowaken, weder Rumänen noch Serben, weder Italiener noch Litauer. Ebensowenig werden die anderen Großmächte geneigt sein, bloß deshalb für die deutschen Minderheiten etwas zu tun, weil sie Verträge geschlossen haben, dazu bestimmt, den Minderheitsschutz zu sichern. Wenn ihnen an dieser Verpflichtung etwas läge, so hätten sie sich ihrer schon lange erinnert. Oie leidenden deutschen Minderheiten sind ihnen an sich so gleichgültig wie der Mond: erst wenn sich Verlegenbeitsgefuhle und Unbequemlichkeiten von dieser Seite her einstellen, werden sie geneigt sein, etwas zu tun, um sich davon zu befreien. Der entscheidende Faktor für sie wird immer fein, für wie stark und wie einmütig sie die Stimmung in Deutschland in der Minderheitenfrage halten. Wenn sich das deutsche Volk als Ganzes durch die Bedrückung seiner Minderheiten so heftig beschwert fühlt, daß es keine Ruhe gibt, daß feine Empörung sichtbar zunimmt, so wird das ein Anstoß für die anderen sein, sich ihrer Pflicht zu erinnern. Wir haben es daher selost in der Hand, wie stark wir unsere Regierung machen wollen, ihr angekündigtes Vorhaben zu erfüllen.
Zu einem guten Teil handelt es sich bei den Völkern außerhalb Deutschlands, namentlich den entfernteren, wenn denen die Minderheitenfrage gleichgültig ist, nicht einmal um Böswilligkeit, sondern um Unwissenheit. Auf dem Neujahrsempfang beim Reichspräsidenten stand neben dem öfter reicht scheu Gesandten ein Kollege aus Südamerika. Die Ansprache des Reichspräsidenten an den Oester- reicher war natürlich deutsch und die Antwort ebenso. Darauf der Nachbar erstaunt: „Mais vous parlez comnie un Allemand!“ Dem guten Mann war nicht klar gewesen, daß man in Oesterreich deutsch spricht. Südamerika ist ja etwas weit, aber auch ein Mann wie Lloyd George kann!' Schlesien und Galicien nicht auseinanderhalten, weil im Englischen beides ähnlich ausgesprochen wird und ihm zunächst eins so fremd war wie das andere. Daher ist es notwendig, für die Minderheiten aufklärende Arbeit zu leisten*).
Wiener Brief.
Wien, 6. März.
Die nach dem Redekampf Mussolini-Stresemann- Ramek angebahnte Beruhigung der Gemüter hat sich schnell wieder verflüchtigt. Die Art und Weise, wie die Mächte in den letzten Jahren im Hinblick auf den bevorstehenden Eintritt Deutschlands in den Völkerbund mit Hochdruck an der „Befriedung" Europas arbeiten, ruft hier ernste Besorgnisse hervor, scheint Oesterreich doch durch seine Lage im Herzen Europas, wie kürzlich ein Blatt in Erinnerung an frühere Zeiten mit einem Gemisch von Wehmut und Stolz sagte, wieder recht eigentlich zum Mittelpunkt oes Gedankenkreises der Mächte geworden zu sein. Es würde zu weit führen, die Fragen im einzelnen zu behandeln, die von den lebhaften außenpolitischen Vorgängen im Umkreise mittelbar oder unmittelbar berühren, sie leien -aher hier nur in Stichworten angegeben: Der Streit um den Ratssitz Deutschlands, Mussolinis Drohungen wegen S ü d t i r o l und wegen der angeblich bestehenden „Anschlußgefahr", die mit Nintschitsch gepflogenen Besprechungen sowie Mussolinis weitergehende, nach außen hin gegen das Deutsche Reich und Oesterreich gerichteten Koalitionspläne.
Alles dies ist Anlaß genug, um der Entwicklung der Dinge mit Sorge entgegenzusehen. Daß das Gefühl Der Beunruhigung trotzdem nach außen weniger zum Ausdruck kommt, ist der maßvollen und ruhigen Haltung der Regierung zuzuschreiben, die bei aufmerksamster Beobachtung der Vorgänge ringsum mit voller Uebcrlegung eine Politik geouldigen Zu wartens verfolgt und sich aller Aeußerungen enthält, die bei den in Betracht kommenden Nachbarn die Stimmungen verschärfen könnten. Mit sichtlichem Erfolg bemüht sie sich auch in diesem Sinne auf das Organ der Oeffentlichkeit, die Presse, einzuwirken, deren Artikel denn auch in der Mehrzahl alle vorerwähnten Fragen in möglichst unpersönlicher und sachlicher Weise behandeln. Von der hierdurch gewonnenen höheren Warte aus gelangen einige Blätter bei Betrachtung der Dinge zu nicht uninteressanten Feststellungen, so z. B., daß sich in der Politik die Konturen einer mit Spaltungen innerhalb der Großen und Kleinen Entente verbundenen neuen Gruppierung der Mächte Europas zeigten.
Kopfzerbrechen verursachte in politischen Kreisen auch der Besuch B e n c s ch s beim Bundeskanzler Ramek, da sie neben dem offiziell angekündigten Zweck, der Unterfertigung des Schiedsgerichtsver- träges, noch andere Gründe und Absichten vermu-
*) Als ein kleiner und bescheidener Beitrag dazu erscheint in diesen Tagen von mir eine illustrierte Schrift „Deutschtum als Minderheit". (Berlin, Verlag von Hans Rodert Engelmann. Preis 2,50 Mk.) In ihr findet man das wichtigste Material beieinander.
ten. Allgemein werden letztere mit den Besprechungen in R o m in Verbindung gebracht, doch gehen die Meinungen in den Folgerungen auseinander. In einem Lager behauptet man, Bencsch wider st rebe den Plänen Mussolinis, während im anderen erklärt wird, Bencsch werde im Gegenteil in U e b e r e i n st i m m u n g mit 'Mussolini und N i n t s ch j t s ch den Anschluß mit allen Mitteln z u verhindern suchen, worüber er auch jetzt hier in Wien keinen Zweifel gelassen habe. Mit um so größerer Befriedigung begrüßt es die breite Oeffentlichkeit, daß Bundeskanzler Ramek sich trotzdem, nach einstimmigem Beschluß des Ministerrats und entgegen dem ursprünglichen Plan, zur Völkerbundstagung nach Genf begibt, damit auch Oesterreich bei der feierlichen Aufnahme des Deutschen Reiches in den Völkerbund in würdigster Weise vertreten sei.
Das MemsUcmd.
2lm 31. März 1926 läuft hie Optrons- f rist für die MemellänDer ab: sie müssen sich bis daHin entscheiden, ob ]ie hie litauische oder reichsdeutsche Staatsangehörigkeit erwerben wollen. Von allen Parteien des Memelgebietes, ebenso von der gesamten deutschen Presse wird an die Bevölkerung die dringende Mahnung gerichtet, von dem Optionsrecht für Deutschland keinen Gebrauch zu machen. Die Parteien wie die Presse haben mit dieser Einstellung durchaus Recht. Angesichts deS Tatbestandes, daß das Memelgebiet vorläufig zum litauischen Staatsverband gehört, ist es doppelt notwendig, diesen Posten nicht auch noch durch Abwanderung für das Deutschtum zu einem verlorenen zu machen. Die Vergangenheit hat gezeigt, daß es falsch war, in den abgetretenen Gebieten das deutsche Element aufzufordern, von seinem Optionsrecht Gebrauch zu machen. Gewonnen wurde dadurch nichts, wohl aber viel verloren. Wer in
Polen aus die polnische Staatsangehörigkeit verzichtete, mußte seinen bisherigen Wohnsitz verlassen. Aoch sind die Deutschvertreibungen aus dem vorigen Sommer in frischer Erinnerung, sie werden sich bei der Einstellung des litauischen Staates zum Deutschtum unzweifelhaft wiederholen, wenn hier der gleiche Fehler gemacht werden sollte. Vor allem muß aber auch verhindert werden, daß das litauische Element nach Memel hinein vordringt-, das kann nur geschehen, wenn die memelländische Bevölkerung geschlossen in ihren Wohnsitzen bleibt und nicht für Deutschland optiert.
Eine deutsche Rationalisierungs- Kommission.
Auch die deutsche Regierung will eine amtliche Deutsche Rationalisierungs-Kommission ernennen, die aus Vertretern des Reichstages, des vorläufigen Wirtschaftsrates, Herren der Praxis ufro. bestehen sott. Die Aufgabe dieses Ausschusses wird sich in erster Linie auf die brennendsten Fragen unserer derzeitigen Wirtschafts- und Rationalisierungs- Probleme, auf die Fragen der Arbeitsleistung und Arbeitsverfahren, der Produktion und Verteilungs. kosten ufw. erstrecken müssen. Sie wird die in der Industrie vorkommenden Verlustquellen aufdecken und Mittel und Wege zu ihrer Beseitigung Vorschlägen müssen. Nachdem in '21 merika unter Leitung von Hoover eine solche Untersuchung bereits dnrch- geführt wurde, wird man auch in Deutschland zweck- mäßigerweise zuerst einmal prüfen, wie weit die dort festgelegten Methoden auch für uns von Bedeutung fein können. Die Ergebnisse der amerikanischen Untersuchungen sind in Amerika unter dem Titel: „Waste in Induslry" veröffentlicht, die der Münchener Verlag R. Oldenbourg in einer lieber setzung herausbringt. Zum ersten Male wird damit das authentische Zahlen- und 'Silbermaterial, das in Amerika so großes Aufsehen erreget hat, der deutschen Wirtschaft und Industrie vorliegen.
Turnen, Sport und Spiel.
Turnen.
Frauenturnen im Wau Hessen der D. T.
ch Trotz großer Schwierigkeiten breitet sich das Turnen der Frauen und Mädchen in unserem Gau mehr und mehr aus. Vier neue Tnrnerinnenabtei- lungen sind in letzter Zeit erstanden. Am Samstag unb Sonntag hielt der Gau-Frauenturnwart Rud. Paul (Gießen) in Lauterbach einen Lehrgang für das Frauenturnen ab. Die Turnerinnen wurden in das Gebiet der Freiübungen (aus der „alten Schule" sowie aus der „neuen Zeit" stammend), Schrittbewegungen, Keulen- und Stabübungen eingeführt. Daß auch das Geräteturnen in der für Anfänger geeigneten Weife durchgenommen wurde, versteht sich upn selbst. Die Turnerinnenabteilung des To. Lauterbach wird nun die Anregungen zu verarbeiten und auszubauen haben und wird so in der östlichen Ecke unseres Gaues dem Frauenturnen die ihm gebührende Stellung befestigen helfen.
Fußball.
V. f. V.
(=) Von den vier angesagten Spielen fanden nur zwei statt. Sportverein „Hessen" hatte schon am Freitag das Treffen gegen V. f. B.s Dritte abgesagt. Der 1. Jugend Mannschaft gewann ihr Diplomwettspiel gegen die 1. I u g e n d Mannschaft b e 3 53. f. R. Butzbach kampflos, bn letztere nicht antrat.
Die neugegrünbetc 3a zeigte gegen bic E r st e von Lollar ein entsprechendes Spiel und führte bis kurz vor Schluß 1:0, vergab bann aber burch Eigentor eines Verteibigers den wohlverdienten Sieg. Das Resultat ist in Anbetracht der Spielstärke des Gegners als sehr gut zu bezeichnen. Bei richtiger Aufstellung wird die Mannschaft dem Verein noch viel Ehre machen.
Die Zweite, verstärkt durch den Ligavertei- biger Muchtar als Mittelstürmer, der sich übrigens als solcher sehr gut anließ, überfuhr ihren Gegner, den B - 511 a f f e n m e i ft c r B u r g ° S o I in s, mit nicht weniger als 10:2. Die V. f. 53.- Mannschaft spielte wie aus einem Guß: sie zeigte neben flüssiger Kombination auch die nötige Durchschlagskraft vor dem Tor unb war ben Gästen währen b bes ganzen Spieles weit überlegen. Angenehm berührte auch bic Ruhe und Fairneß, mit der beide Mannschaften den Kampf durchführten. Desto unangenehmer mußte es daher auffallen, daß H c n - r i ch I. ohne Grund das Spielfeld verließ. Die ihm
vorher von einem Mitspieler in ruhiger Weise erteilte Zurechtweisung, wozu ein grober Schnitzer seinerseits Anlaß gab, war durchaus berechtigt. Der Spielausschuß sollte sich den übrigen Spielern gegenüber verpflichtet fühlen, derartige Unsportlichkeiten entgegenzutreten.
Die geplante Waldlauf ü bung wurde ein Opfer des schlechten Wetters unb wird voraussichtlich für nächsten Sonntag neu angesagt.
Aus dem Arbeiter-Turn- und Sportbund.
Freie Turncrschast Gießen I — Freie Turnerschasl Friedberg I 2:3.
£ Mit drei Fußballwettspielen unb einem Handballwettspiel wartete am Sonntag die Gießener Freie Turnerschaft auf. Als Gegner in allen Spielen trat die Freie Turnerschaft Friedberg an, die besonders in ihrer ersten Mannschaft einen äußerst starken Vertreter hat. Dies bewies sich auch bei Dem Spiel am Sonntag, Denn Der Sieg Der Friedberger war zwar knapp, aber nicht ohne jeden Verdienst. Schon in der ersten Viertelstunde legten sie dem Platzverein mit ihrer energischen Spielweise überraschend zwei Tore vor. Mittelstürmer und Halbrechter waren die Torschützen. Gießen enttäuschte zunächst, wenigstens war die Mannschaft nicht aus Der Höhe ihrer letzten Spiele. Die Einstellung neuer Spieler mag hier mitgewirkt haben. Trotzdem gelang es Gießen, den Vorsprung der Gäste bis zur Halbzeit aufzuholen. Das erste Tor erzielte Der Rechtsaußen, das zweite wurde aus einem Gedränge vor dem Friedberger Tor erzielt. In Der zweiten Halbzeit war das Spiel ausgeglichener, wurde aber zu unruhig und aufgeregt, so daß Der Schiedsrichter wiederholt ausgleichend ein- greifen mußte. 10 Minuten vor Schluß konnte Der Halbrechte Friedbergs das siegbringende Tor erzielen. Die vorzüglichsten Leistungen bot der Friedberger Tormann, der über ein hervorragendes Können verfügt.
Fr. T. Gießen II — Fr. T. Friedberg II 4:0.
Bei diesem Spiel fiel es den Gießenern! leicht, Sieger zu bleiben. Trotzdem in der Stürmerreihe manches zu wünschen übrig blieb, machte sich bald eine starke äleberlegenheit des Plah- vereins geltend. Bis zur Halbzeit vermochte Der reichlich zerfahren spielende Sturm von den zahlreichen Torchancen nur eine auszunutzen. Die Torzahl, die in der zweiten Halbzeit auf vier erhöht wurde, hätte bei besserem Zusammenspiel der Gießener mit Leichtigkeit eine höhere sein können. Der Friedberger Zweiteir, die sich
erfand zu ihrer eigenen Berühmtheit noch eine „essence du tabac de Pompadour pour corriger la memoire“ hinzu, eine „Tabakessenz zur Auf- frischung des Gedächtnisses". Prinzessin Amalie von Preußen, die Schwester Friedrichs des Großen, ließ ihr Testament mit Dem Vermächtnis ausklingen: „Meinem lieben Neffen von Braunschweig —" unb beim Umwenben bes Blattes: einen ganzen
Spanioltabak."
Noch in bet letzten Hälfte bes verflossenen Jahr- bimberts waren goldene ober silberne, mit Edel- steinen verzierte Dosen — die sabotieren — bas höchste Zeichen befonberer Gunst. Im englischen Budget von 1822 sind unter „Staatsausgaben" 22 500 Pfund Sterling aufgefühlt für Dosen, mit denen bas Staatsoberhaupt die Nasen frember Minister unb Diplomaten beglückte. Eine umfangreiche Dosensammlung besaß Friedrich der Große, abgesehen bavon, daß auf jedem Kamin seines Schlosses eine oder mehrere gefüllte Dosen zum bequemeren Gebrauch standen. Diese Schnupfleiden- fdiaft teilt der große König mit 'Napoleon I., die beide ben Tabak lose in ber Westentasche trugen, weshalb ber alte Fritz die seine mit Blech hatte aus- schlagen lassen. Napoleon verbrauchte durchschnittlich sieben Pfund im Monat, und ließ sich zumeilen 150 Pfund auf einmal schicken. Das Sprichwort: „Schnupfen ä la Napoleon" bedeutete, die Dose gleich bemalten. Dagegen legte er keinen Wert auf die Ausstattung der Dosen. Moltke war starker Raucher, aber bei seiner bedeutendsten strategischen Tat soll ein Pfund Schnupftabak eine wichtige Rolle gespielt haben. In dem Augenblick ber Schlacht von Seban, in dem ihm der Nordabmarsch Mac Mahons gemeldet wurde, leerte er seine Schnupftabakdose auf einen Zug, ging in fein Zelt unb fertigte die Pefehle
I aus, die zur Gefangennahme Napoleons führten. Wie Steinmetz erzählte, wurde dieser weltgeschichtliche Zug nach.dem Kriege in einer gezeichneten und gegengezeichneten Rechnung: „Für ein Pfund Schnupftabak, geliefert an General von Moltke" mit 1 Taler bewertet. Als Schnupfer ist Schiller auf dem Oelgemälde von Anton Graff im Dresdener Körner- mufeum mit einer in die Ringer geschobenen Dose bargestellt. Der Dekan Göritz, welcher längere Zeit freundschaftlich mit dem Dichter verkehrte, berichtet, daß Schillers Tabaknehmeii so übermäßig gewesen sei, baß barunter feine ohnedies .zur Heiserkeit net gende Stimme bis zur Tonlosigkeit litt.
Der Physiologe Du Bois-Reymond dachte „vom Tabak wie Voltaire vom Kaffee, er ist zwar ein Gift, aber unter Umständen ein sehr langsames". Der Reitergeneral Seydlitz brachte es beispielsweise bis auf 32 Pfeifen im Tag. Einmal wurde sie ihm sogar vom Munde weggeschossen. Fürst Günther Friedrid) Karl I. von Schwarzburg-Sondershausen gründete 1816 das erste Rauchtheater in seinem Schlosse. Er erschien selbst mit einer Pfeife und ließ seinen Gästen Pfeifen reichen. Er war ungehalten, wenn jemand die Aufschrift über diesem Musentempel: „Hier muß geraucht werden!" nicht befolgte. Caruso, Zigaretten- Kettenraucher, schloß keine Gastspielverträge ohne bas Zugeständnis ab, bis zum Hochgehen des Vorhangs auf der Bühne rauchen zu Dürfen. Ein Feuerwehrmann mit einem Wassernäpfchen hatte den totummel aufzufangen. Nach Beendigung seiner Partie reichte ihm sein Sekretär wieder das Zigarettenetui unb der Feuerwehrmann folgte ihm bis zur Garderobe. Die berühmte Tänzerin Fanny Elßler erhielt an einem Benefizabend von einem begeisterten Tabakplantagenbesitzer eine Kiste mit buchstäblich sehr schweren Zigarren. Es waren mit
Haoannadeckblatt umwickelte massive Goldstangen. Der Kaiserin Maria Theresia dagegen mußten alle Akten parfümiert vorgelegt werden, weil sie ben Tabakgernch nicht vertrug, der diesen Schriftstücken von den Kanzleien anhaftete. Fürst Friedrich Franz Leopold von Anhalt-Dessau (1758—1817) erlaubte, jedem, der auf der Straße rauchend angetroffen wurde, bic Pfeife ans Dem Munde schlagen. Noch weiter ging allerdings das russische Gesetz vom Jahre 1634, das Rauchen und Schnupfen bei Verlust der Nase untersagte.
Lord Byron, ein schwacher Esser, weil er Der Ansicht war, daß noch kein Genie dick gewesen sei, hatte eine seltsame Art, fid) Vitamine zuzufichren. Er trug ständig eine Dose mit schwarzen Subftan Zen bei sich, Tabakpräparate. „Morgens trinke id) eine Tasse Tee und um 5 Uhr kaue ich als Mittagsmahl drei solcher Dinger. Sie absorbieren den Magensaft, beugen Dem Gefühl des Hungers vor, und ich kann, ohne mit Essen gestört zu werden, von heute (Samstag) bis Montag durcharbeiten." Als man Jules Verne nach feiner Meinung über den Tabak fragte, erwiderte er: „Tabak? — Kenne id) nicht! Ich habe nie etwas anderes geraucht als — Monopolzigarren (was demnach gerade fein Hochgenuß gewesen sein muß).
Interessant ist auch, was ein Kräuterbad) aus dem Jahre 1656 dem „Königinwunderkraut" ober „Religionskraut", wie ber Tabak in der ersten Zeit in Deutschland hieß, bei Krankheiten unb Gebrechen an Heilkraft zuschreibt: „Es reinigt Gaumen unb Haupt, vertreibt Schmerzen unb Müdigkeit, stillet das Zahnweh und Mutterauffteigen: behütet den Mensd)en von Pest: verjaget die Mäuse, heilet den Grind, Brand unb alte Geschwür^'' Mehr kann man auch von neuzeitlicher Selbsthypnose nicht erroarhn.


