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Montag, 8. November 1926

Gießener Anzeiger (Generalanzeiger für Oberhessen)

M. 262 Zweiter Blatt

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Honen schon jetzt genannt, und zwar ist das die Summe, die Deutschland auf Grund des Ver­sailler Vertrages für die Abtretung der Saar­gruben auf seine Wiedergutmachungsschuld an­gerechnet werden soll. Nachdem die Saargruben aber durch die französische Mißwirtschaft stark heruntergewirtschaftet worden siird, wird es, um die Gruben später wieder leistungs­fähig zu machen, ganz erheblicher Auf­wendungen von deutscher Seite bedürfen. Aus diesem Grunde erscheint eine Summe von 240 Millionen Goldmark als Rückkaufprcis für die Saargruben auh erordentlich hoch.

Wie dem aber auch sei, die Höhe der Rück- kaussumme für die Saargruben darf, wenn es die sichere und endgültige Befreiung des Saarge­bietes von der Fremdherrschaft gilt, schließlich eine ausschlaggebende Nolle nicht spielen. Ein Verzicht auf die Volksabstimmung sollte auf keinen Fall stattsinden. B.

eine tüchtige Stütze sein zur musikalischen Durch­bildung der ihm Anvertrauten. Lind für fein Können mag der Erfolg von Frau Irmgard Heermann sprechen. in

anstellig erwiesen, aber rodiie en, wenn sie nicht angetettet waren. Durrows hat überhaupt die Gärten des Staates Patiala unter seiner Ober­aufsicht gehabt und über 600 einheimi'che Gärt­ner in den modernen Grundsätzen der Garten­pflege unterrichtet. Am interessantesten aber war das Leben und Treiben, daS et in den Gärten des Maharadscha beobachten konnte. Der Herr­scher besitzt fünf Lieblingssrauen, von denen zwei tm Hauptpalast wohnen, während jede der drei anderen einen eigenen Marmorpalast besitzt. Die Gemahlinnen des Herrschers werden in strengster Abgeschlossenheit gehalten und dürfen von keinem anderen männlichen Auge als von dem des Ma­haradscha erbliat werden.Ich muhte den neuen großen Garten, den ich anlegte, mit einer etwa 8 Frch hohen Mauer umgeben", berichtet der Engländer.Mittendurch führt ein breiter, zwei Kilometer langer Fahrweg, auf dem die Frauen des Herrschers spazieren fahren können, ohne gesehen zu werden. Wenn eine von ihnen den Garten besuchen wollte, dann lieh einer der Detektive, die uns bei der Arbeit beobachteten, einige Minuten vorher ein gellendes Psellen- signal ertönen. Daraufhin muhte jedes männ­liche Wesen den Garten verlassen, der streng bewacht wurde. Auf Wunsch des Herrschers legte ich fünf Gemüsegärten an, alle von derselben Gröhe und streng von einander geschieden, in denen die Damen arbeiten können. Sie sollen daran viel Vergnügen finden, wie er mir erzählte. Die Lieblingssrauen machen in ihren Kraftwagen ge- legentlid) auch Fahrten außerhalb des durch Mauern geschützten Geländes, aber die Fenster der Wagen sind geschwärzt, so daß niemand hineinsehen kann. Die Damen selbst können hinauSblicken, wobei sie auf den gefederten Ma­tratzen ruhen, die die Wagen statt der gewöhn­lichen Sitze haben."

Europäische Verständigung

Don Dr. Cremer. Mitglied des Reichstags.

staubige Samtrose durch's Fenster und in der letzten finden Erika und Mantl eine blühende, gelbe Rose im Garten. 3n dieser gelben Rose liegt die Symbolik der Komödie. Die Aufführung unter Intendant Richard Weichert war pracht­voll gestrafft und von ^ärffter Prägnanz. Alle, die das Werk auf der Bühne vereinigte, gaben ihr Bestes: an der Spitze Impekovens fal­scher Prophet Kllian. Höhepunkte der Komödie und der Darstellung waren seine Gespräche mit Ratteret (D a n e g g e r) und im letzten Akt mit Vierfuß (Taube). Irgend jemand sagte, die Komödie ist zu flug für die Bühne; der Beifall, der mitunter schon auf offener Szene nieder- prasselte, rehabilitierte das Publikum. So wurde es ein starker Erfolg, der Kornfeld, seinen Inszenieret und seine Darsteller wiederholt vor die Rampen rief. L. W.

können.

Als Hauptgesichtspunkt bei der Regelung der Saarfrage wird man vor allen Dinaen den nicht außer acht lasten dürfen, daß eine Lösung gefunden wird, die auch für spätere Zeiten die Saarfrage als Streitpunkt zwischen Deutschland und Frankreich unmöglich macht. Der Versailler Vertrag steht für das Saar» gebiet nach 15 Jahren eine Volksabstimmung vor. Die Franzosen wissen genau, daß bei einer solchen Abstimmung das Saargebiet mit überwäl­tigender Mehrheit für sein Verbleiben bei Deutschland votieren und Frankreich ohne Zweifel eine schwere politische Niederlage erleiden würde. Im Saarstatut ist gemäß § 34 eine ge­meinde» und bezirksweise Abstimmung vorgesehen, was schon an sich die Franzosen begünstigt; nun hat es aber den Anschein, als ob man von fran­zösischer Seite eine Aenderung der kommu­nalen Abgrenzung jetzt dergestalt herbeiführen mochte, daß man alle diejenigen Orte zu einer kommunalen Derwaltungseinhcit zusammenschlie­ßen will, von denen man eine französische Mehr­heit erwartet. Der Zweck ist klar: man will auf diese Weise zum mindesten eine Grenzberich- t i g un g erhalten. Auch das muh natürlich unter allen Umständen vermieden werben. Schon aus diesem Grunde würden Wit es für einen ver­hängnisvollen Fehler halten, wenn man auf deutscher Seite auf eine Volksabstimmung im Saargebiet verzichten würde. Wit sind un­serer Sache bei einer Abstimmung durchaus sichet, auf der anderen Seite aber wäre es von hoher Bedeutung, wenn das dem Saargebiet durch den Versailler Vertrag angetane Unrecht durch das Ergebnis der Volksabstimmung öffent­lich festgestellt werden würde. Ein deutscher Ver­zicht auf eine Volksabstimmung würde auch die Gefahr in sich bergen, daß Frankreich unter Um­ständen später erneut Ansprüche auf das Saar­gebiet erheben könnte, mit dem Hinweis darauf, daß die im Versailler Vertrage vorgesehene Dolksabstimmung nicht vorgenommen und daß das Saatgebiet ohne Befragung der Bevölkerung Deutschlaich wieder zurückgegeben wurde. Aus allen diesen Gründen darf auf eine Volksabstim­mung, wenn es tatsächlich zu einer vorzeitigen Rückgabe des Saatgebietes kommen sollte, nicht verzichtet toerden.

Leider ist der deutsch-französische Ausgleich nach Lage der Dinge ja mehr ober minder ein Handelsgeschäft, und da kann es keinem Zweifel

Frankfurter Theater.

Kilian oder die gelbe Rose", Paul Kornfeld - Uraufführung im Schauspiel­haus. Diese neue Kvrnfeldsche Komödie ist er­füllt von einer tiefen Gedanklichkeit, die viel­leicht im theatralischen Sinne mitunter den Ko­mödienton und die Satire ein wenig beschwert, aber nur stellenweise, denn aus verschiedenen Szenen springt die Satire auf dieHebergeisti­gen. auf den okkulten Snobismus prachtvoll packend in den Raum. Die äußere Handlung ist folgende: Im Hause der Frau Samson, wo Spiritismus, Okkultismus und Gott weih was noch getrieben wird, erwartet man den großen; Philosophen Ratterer, denMeister". Statt seiner kommt Kilian, ebenfalls Meister, aber nur Duch- bindermeister, er will bestellte Bücher abliefern, die große Verwechslung setzt ein. Die gan^e hysterische Gesellschaft (Ausnahmen sind die Toch­ter Erika, der alle Vierfuh und der junge, Erika liebende Mantl) gruppiert sich voller Derzük- kung um den Propheten. Man will einen Abend übersinnlicher Kräfte inszenieren; ausgezeichnet ist die Figur des Prof. Kummeres, der als Mann der Wissenschaften den ganzen Humbug auf Hären will und auch von einem Irrtum in den andern läuft. Run erscheint auch noch der echte Glatterer und es ergibt sich ein wundervolles Zwiegespräch zwischen ihm und Kllian. Kurzum, auch dieser tollen Rächt tagt der neue Morgen, dessen Strah­len die Gespenster vertreiben, und der prächtige, alle Vierfuh bringt den schon dem Größenwahn nahen Kllian wieder zur Vernunft und Mllur zurück. In der ersten Szene fliegt eine gelbe.

tigung einer jeden der drei Gruppen her. Die vielen nebenher laufenden größeren und Heineren Gruppen, die sich irgendwelche besonderen Ar­beitsfelder erwähll haben, sollten dagegen mög­lichst bald in der tzinen oder anderen Form den Anschluß an die drei großen Hauptrichtungen organisatorisch finden, da die Fülle der mittleren und kleineren Organisationen nur verwirrend und damit letzten Endes schädigend für die Durch­setzung des großen Hauptgedankens wirken kann.

Der Gedanke der europäischen Zusammen- arbeil ist im wesentlichen eine neue A u s - prägung alter Gedanken; ein europäi­sches Gesamtbewußtsein hat trotz aller kriegerischen Verwicklungen schon in früherer Vergangenheit bestanden und feinen Ausdruck insbesondere im Mittelalter durch die gemeinsame Derteibigungs- front der europäischen Völker gegen den Islam, die Mongolenemfälle usw. ebensosehr gefunden, wie in der gerne infamen lateinischen Verkehrs­sprache der Gebildeten und der innerhalb des europäischen Kulturkreises durch die gemeinsame katholische Religion gepflegten geistigen Zu­sammenarbeit. Rach der Sprengung der religiösen Einheit der europifchen Menschheit hat man durch die Bildung des europäischen Konzerts der Mächte versucht, auf politischem Gebiet eine Art von Verbundenhell zu schaffen und den Frieden zwischen den europäischen Vollem zu sichern, und hierbei im großen gesehen auch den Erfolg einer toacbfenden wirtschaftlichen und kulturellen Verknüpfung der verschiedenen Ra­tionen und eine Verringerung der Kriege inner­halb Europas erzielt. Das europäische Konzert brach zusammen durch den Weltkrieg; mit ihm das auf einer unübersehbaren Zahl von Ver­trägen beruhende Zusammenarbeiten des Konti­nents auf dem Gebiete der Wirtschaft und Kull turpslege.

H ute erscheint es natürlich, bei der vor- dränger.der Bedeutung der wirtschaftlichen Mo­mente für die Gesamtlage der europäischen Böller den Rachdrn--' neben der politischen Verständigung vor aller, i auf die wirtschaftliche Verständi­gung zu legen, außerdem aber dem grundsätzlich überall anerkannten Selbstbestimmungsrecht der Böller praktisch Geltung zu verschaffen und in den ohne Rücksicht auf die nationale Zuge­hörigkeit willkürlich geschaffenen Staatsgebilden der Pariser Verträge den Minderheiten den Schutz ihrer nationalen Eigenart und Kultur und ihrer staatsbürgerlichen Gleichberechtigung zu sichern. Die Schwierigkeit des Problems _ der Zusammenfassung Europas bedarf keiner Erörte­rung. Der bloße Vergleich der europäischen Ver­hältnisse mit denen anderer Kontinente zeigt zur Genüge, wo der Hebel anzusetzen ist, um zunächst einmal auf wirtschaftlichem Gebiet den europäi­schen Ländern die Aussicht zu eröffnen, sich eines Tages den Europa traft seiner besonderen Lei­stungsfähigkeit zukommenden Platz im Wirt­schaftsleben der Welt wieder zu verschaffen. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit erfordert aber auch einen Ausgleich auf politischem Gebiet und eine Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Kultur. Sie muh davon begleitet sein, damit die öffentliche Meinung der beteiligten Völler die weltgeschicht­liche Bedeutung des sich jetzt vollziehenden Vor­ganges erfaßt und sich seiner Zwangsläufigkeit bewußt wird.

Es wäre falsch, zu meinen, daß ein auf Zusammenarbeit sich einstellendes Europa nun» I mehr innerhalb der europäischen Grenzen ein I neues System der Absperrung gegen b i e

Musikalische Morgenfeier.

Die Morgenaufführung des Ehepaars Heer­mann erhiell durch die Lieder von Gustav Traatmann eine besondere Rote. Trautmann ist in seinem Liedschaffen em Lyriker, der nicht nur dem Tert dient, sondern ihn persönlich be­reichert durch die Tiefe seiner Gefühlserfassung. Sein Inneres strömt frei heraus, in großer, weit ausladen der Linie und, wo es erforderlich ist. in Weichheit und Anmut. Riemais aber ver­liert et sich in Sentimentalität, immer spricht ein warmes Lebensgefühl zu uns; denn aus dem Erleben heraus sind feine Werke geschaffen; naturwahrer Gesang. Für feine starke Gestall tungsgabe sprechen auch besonders die Vorspiele zu den einzelnen Liedern, die mit treffender Kraft in die StimmungSwell des Textes hinein» führen, mit charakteristischer Linie dem Dichter den Boden bereiten. Der Begleitungspart folgt dem gefühlsdynamischen Erleben und bindet sich mit der Gesangstimme zu einer organischen Eftl- heit, dem ÜÄed im modernen Sinne.

Frau Irmgard Heermann gestalletediese Lieder mit feinem musikalischen Geschmack; auch in der wechselnden Reihe der Stile des Pro­gramms (Brahms. Wolf, Reger, Mah­ler) bewies sie sichere Darstellungsgabe. Von Ramr aus besitzt sie eine wohllautende Alt­stimme, die besonders in Mittellage recht ergiebig erscheint. Die Hohe konnte sich infolge enter Indisposition nicht in ihrer vollen Große ent­falten, immerhin folgte sie auch so dem musll kalischen Wlllen mit Erfolg lind nach dem so reichen Programm nötigte ihr das Publikum raxt> eine Zugabe ab (H- WolfsWehlaS Gesang"). Am Flügel waltete ihr Lehrer Dlltor Heermann. Seine pianistischen Fähigkeiten foerden ihm in fernem sttmmbildnerifchen Wirken

übrige Welt verfolgen kSn.lle. Die gewaltigen Energien der europäischen Wirtschaftsvölker be­dürfen zu ib.er vollen Auswirkung zugleich eine* kraftvollen Hinausstrebens in die übrige Welt. Sie zwingen dazu, in anderen Erdtellen sich tüirt- sam zu betätigen und dort Pionierarbeit für den Fortschritt und die Entwicklung menschlicher Ar­beitsmöglichkeiten und die Dienstbarmachung der Raturschätze für die Menschheit zu leisten. Glicht nur der schwarze Erdteil kommt hierbei in Be­tracht. dessen Erschließung Verständigung und Zusammenarbeit aller großen Wirtfchaslsvoller Europas vorausscht. auch die übrigen Erdteile bedürf en der europäischen Mitarbeit ebensosehr, wie es eine Frage von Leben und Sterben für den europäischen Kulturkreis ist. jenseits der Ozeane ein vorläufig noch unbegrenztes Feld der

unterliegen, daß man in Frankreich bestrebt sein wird, möglichst viel aus diesem Geschäft heraus­zuschlagen und auch mit den Saar gruben noch ein Geschäft zu machen. Falls das Saargebiet durch das Ergebnis der DolkSabstimmung wieder an Deutschland fällt, so hat Deutschland nach dem Versailler Vertrag ein Rückkauf recht auf die Saargruben. Ebenso wie bei der _ im Friedensvertrage für 1935 vorgesehenen würde es sich auch bei einer vorzeitigen Regelung der Saarfrage lediglich um die Hohe des R uck- taufpreises handeln; ibn wird 5T(-V1treu9 möglichst hoch zu schrauben versuchen. ^a<9 § $6 des Saarstatuts soll der Preis, den 'Deutschland bei einem eventuellen RücLauf zu zahlen hatte, von einer dreigliedrigen Sachverständigenkommis­sion festgesetzt werden, der ein Deutscher, ein Franzose und ein vom Völkerbund zu erneuender Vertreter angeboren soll. Als Rückkaufpreisfur die Saargruben wird ein Betrag von 240 Mll-

3m (Barten des Maharadschas.

Die Gärten der indischen Fürsten haben sich stets durch besondere Pracht ausgezeichnet. Aber auch an diesen alten Schöpfungen einer hohen Gartenkultur geht die Zeit nicht spurlos vorüber, und der moderne Maharadscha, der Auto fährt und Radio hort, will auch einen modern an­gelegten Garten besitzen. So hat sich denn der Fürst des indischen Staates Patiala einen eng­lischen Gartenarchitekten kommen lassen, George Durrows, der ihm in fünfjähriger Arbeit aus einem 20 Hektar großen Urtoalbgebiet eine präch­tige Gartenanlage im modernen Geschmack schaf­fen muhte. Der Garten, der auf dem von Schlangen bevölkerten, von undurchdringlichem Dickicht bestandenen Terrain entstanden ist^ um­faßt einen eigenen Rosengarten, hat breite Fahr­wege, einen Golfplatz. Spielplätze für Tennis. Krocket und Kricket. Bei der Arbeit wurden vielfach Elefanten verwendet, die sich als sehr

Thoiry und das Saötprobkm.

Don unserem saarländischen Mitarbeiter.

Ob die von Dr. Strefemann und Briand in Thoiry eingeleitete deutsch-franzosische Derständ:- aung schließlich zum Erfolge führen, oder ob Die Sabotagepolitik Pokncares fuh als stärker erweisen und ein Ausgleich zwischen den beiden Nachbar» Völkern vorerst nicht zustande kommen wird, ist eine Frage, deren Beantwortung heute noch im -vchotze der Zukunft liegt. Wenngleich man aber noch keines­wegs weiß, wie sich die Dinge entwickeln werden, so erscheint es doch angebracht, die Auswirkungen einer soll, deutjch-französifchen Verständigung auf das Saargebiet ins Auge zu fassen. Be. den unverbindlichen Besprechungen zwischen dem deut­schen und dem französischen Autzenminister in Thoiry hat es sich, soweit die deutschen Voraus­setzungen in Frage kommen, um folgende vier Dinge gehandelt: einmal um eine fortschreitende Herabsetzung der Besatzungstruppen und unmittelbar im Anschluß daran die Räumung der zweiten und dritten Rheinlandzone spätestens im nächsten Jahre, zum anderen um die Rückgabe des Saar- aebietes an Deutschland und den Ruck» kauf der Saargruben, und zwar zum Be­trage von 240 Millionen, wobei die Frage offen ge» wssen wurde, ob die Rückgabe des Saargebietes mit oder ohne Volksabstimmung erfolgen soll, ferner am die Abschaffung der Militärkontrolle und Ausübung der Kontrolle durch den Völkerbund und schließlich um eine wohlwollende Neutralität Frankreichs bei der Liquidierung der Frage (Eupen* Malmedy. Als Gegenleistung Deutschlands soll ein Teil der deutschen Eisenbahnobligationen zugunsten Frankreichs mobilisiert werden.

Daß eine weitere Besetzung des Rheinlandes und des Saargebietes mit der Mitgliedschaft Deutsch­lands im Völkerbunde und mit dem Locarnovertrage unvereinbar und bei einer endgültigen Bereinigung der deutsch-ftanzösischen Beziehungen eine Unmog* lichkeit ist, bedarf kaum einer erneuten Auseinander­setzung. Wenn, wie es in Aussicht genommen ist, eine Gesamtregelung aller zwischen Deutschland und Frantreich schwebenden Probleme erfolgen soll, so muh selbstverständlich auch die Saarfrage endgültig erledigt werden. Daß hierbei noch eine große Reihe erheblicher Schwierigkeiten zu überwinden sein wird, wird man sich allerdings kaum verhehlen

In einer Reihe eindrucksvoller Kundgebun­gen ist im Laufe der letzten Wochen in den euro- püischen Ländern zu dem Gedanken der europäi­schen Verständigung Stellung genommen worden. -Weitere Kundgebungen ähnlicher Art s.nd zu erwarten. Es scheint an der Zeit, daß die Oeffent- lichkeit sich eingehender sowohl mit der Be­wegung beschäftigt, als auch mit der Frage, ob und in welchem Umfange ihre Ziele erreichbar find und vom besonderen Standpunkt des deut­schen Dolles aus Forderung verdienen.

Die D.elgeftalftgkeit der Bewegung auf euro­päische Verständigung ist der beste Beweis dafür, daß ihr ein Gedanken gang innewohnt. der gleich­zeitig aus den verschiedensten Gesichtspunkten heraus und in den verschiedenst«! Köpfen ans Tageslicht getreten ist, ohne daß in einem früh­zeitigen Augenblick es möglich gewesen wäre, hie Verbindung organisatorisch herzustellen. Man kann nicht sagen, daß die heute hervortretenden Bestrebungen in ihrem Ziele hinlängliche Ver­schiedenheiten beweisen, um ihre dauernde Tren­nung zu rechtfertigen. Für alle ist es charakte­ristisch. daß sie. weit entfernt vorn landläufigen Pazifismus, die Rotwendigkeit kräftig betonen, auch unter den veränderten Verhältnissen eurer europäischen Verständigung die Eigenart der einzelnen Volker auf dem Gebiete ihrer inneren Verwaltung, ihres Geisteslebens und ihrer besonderen wirtschaftlichen Begabung als be­sonders wichtige Voraussetzungen für das Ge- deiljen Europas anzuerkennen und ausrechtzu- erhalten. Gerade hierdurch haben es die verschie­denen Organisationen erreicht, daß in ihnen der sogenannte Pazifismus keineswegs überwiegt, son­dern im Gegenteil aus den Kreisen, denen eine starke Betonung der nationalen Linie am Herzen liegt, ihnen ein außerordentlicher Zuzug ent­standen ist, und zwar nicht nut in Deutschland, sondern ebenso sehr in den übrigen größeren und kleineren Ländern.

Die bedeutendsten Vereinigungen sind die Paneurvpäifche Bewegung, b.e sich um die glänzende Persönlichkeit des Grafen Couden- hove-Kalerghi gruppiert, der Verband für europäische Verständigung, in welchem die leitenden und verantwortlichen Staatsmänner der europäischen Länder besonders hervortreten. und die Internationale Handelskam­mer, welche führende Wirtschaftler Europas zu gemeinsamem W.rken zusammenfaßt. Propagan­distisch ist die Paneurvpabewegung bisher am erfolgreichsten hervorgetreten. Sie ist von einem besonderen Schwünge des politischen Idealismus getragen und wendet sich unmittelbar an die Massen, während das Publikum des Verbandes für europäische Verständigung mehr aus Poll- tikem und Persönlichkeiten des Decwaltun gs- lebens und der Wissenschaft besteht die Inter­nationale Handelskammer ober, wie es sich schon in ihrem Ramen ausdrückt, Handel und Industrie besonders erfaßt. Während Paneuropa vor allem das zu verwirklichende Ideal der Zusammen­fassung Europas zu einem einheitlichen politi­schen, wirtschaftlichen und kulturellen Willen auf­stellt und in die öffentliche Erörterung rückt, bringt es die Ratur der beiden anderen Verbände mit sich, daß sie mehr auf einen schrittweisen Fortschritt in der Richtung auf Zusammenfas! uag der europäischen Kräfte eingestellt sein müssen, als auf bestimmte älmschre bung des erstrebten End­zustandes. Daraus erklären sich die meisten der scheinbaren Unterschiede zwischen ihnen; daraus aber leitet sich auch die besondere Existenz berechn

Betätigung zu suchen.

Die Doreussetzung für die Derwerllichung einer europäischen Verständigung wird Immer fein, daß die wichtigsten Volker Europas unter sich zu einem Einvernehmen gelangen. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland. Frankreich und England ist das große, vorab zu lösende Problem, dem heute die Be­mühungen vor allem zu widmen sind. Ist hier die Verständigung gesichert, to muß fast zwangs­läufig der Anschluß der übrigen Länder sich voll- ^ieben. Für jedes der drei Völler wird feine Einstellung abhängig von der Beantwortung der Frage sein, wie es selbst dabei abschneiden wird, wenn es sich grundsätzlich und auf lange Sicht für den Verständigungsgedanken praktisch einsetzt. Keines wird dabei außer Acht lassen dürfen, daß die Interessen der anderen genügend Rechnung zu tragen ist, um allen drei Völkern die Ver­kündigung begehrenswert erscheinen zu lassen. Wenn in Deutschland der Gedanke der Verständi­gung aber da und dort deshalb verwor'en wird, weil man glaubt, bah er seine endgültige .Hntertoerfung unter den Willen der anderen und eine Verewigung seiner, durch den Frieden von Versailles geschaffenen Lage bedeute, so spricht aus einer solchen Einstellung doch ein starker Mangel an berechtigtem Selbstvertrauen und eine unrichtige Einschätzung der im deutschen Dolle wirksamen Kräfte. Die besondere Bedeutung Deutschlands auf wirtschasts-technischem Gebiet, seine besondere Befähigung zur methodischen Be­handlung der Probleme, seine bemerkenswerte Disziplin und der besondere Dildungs- und Schaffensdrang des deutschen Dolles rufen außer­halb Deutschlands im Gegenteil die Befürchtung wach, daß durch die wirtschaftliche Verständigung mit Deutschland dieses gewissermaßen automatisch im Lause weniger Jahrzehnte seine Stellung der­artig verbessern werde, daß ihm auf einer großen Reihe wichtiger Gebiete zwangsläufig die Füh­rung zufällt. Deutschland darf, wenn es seine nationalen Tugenden aufrecht zu erhalten und zu pflegen weiß und seine nationalen Fehler erfolg­reich zu bekämpfen vermag, ohne falschen Optimismus wohl darauf rechnen, daß seine Stellung als gleichberechtigter Partner einer euro­päischen Verständigung der großen Wirtschafts- Völker nicht nur auf dem Papier steht, sondern sich auch aufs kräftigste auswirken wird. Deshalb ist es notwendig, daß eine lediglich negativ sich einstellende Kritik überwunden wird und das deutsche Voll in seiner überwiegenden Mehrheit sich auf positive Mitarbeit am Ziele der euro­päischen Verständigung einstellt. Dabei wird es aber angesichts der Rotlage bet Wirtschaft in allen Ländern Europas vor allem darauf an­kommen, möglichst schnell aus her Zeit der Erwägungen hinaus zu schreiten in eine Periode praktischer Arbeit, für welche naturgemäß die Arbeiten ber freien Verbände nur die Bedeutung von Vorarbeiten haben können, währenb bie Ar­beit selbst den Regierungen zufällt. Die Re­gierungen brauchen für diese Arbeit aber den nötigen Rückhalt in bet äleberzeugung ihrer Böller. Die einzuschlagenbe politische Linie muß hieb- und stichfest gegen jede Act innerpolitischer Veränderungen fein. Das kann nur geschehen, trenn bie Frage der europäischen Verständigung keine solche des Kampfes der Parteien, sondern wie es bei allen Fragen ber Außenpolitik wünschenswert wäre von der Gesamtheit ber Parteien verständnisvoll ausgenommen und rüd^ haltlos gefördert wird.

Aus den. AmLsverkändiqunslSblalt.

* Das Amtsoerkündigungsblatt N r. 89 vom 6. November enthält: Volksabstimmung über die Auflösung des 3. Hessischen Landtages. Maßregeln gegen die Verbreitung von Seuchen durch Danderschafherden. Regelung des Frci- bankfleischverkaufs für die Landgemeinden des Krei­ses Gießen. Maul- und Klauenseuche in Langd. Ausbau des Schiffenberner Weges