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Nr. 236 Zweites Statt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für OberWen)

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Freitag, 8. Oktober (926 ...... ............ ................... ...

Nach Thoiry.

Don unserem diplomatischen L. K.-Mitarbeiter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Paris, Anfang Oktober 1926.

Es ist Wohl unnötig, zu unterstreichen, daß die Grundfrage der französischen Außenpolitik die deutsch-französische Annäherung ist. Diese Frage wurde während der historischen Unter» Haltung zwischen Stresemann imt) Briand nur innerhalb großer Umrisse behandelt.

Aus dem Stadium desMystizismus . wir man hier nicht ohne Ironie sich ausdriickt, drr unbestimmten Erklärungen und nebelhaften Per­spektiven ist diese Frage auf die reelle Basis der praktischen Politik und der praktischen Verhand­lungen, die sehr schwierig und kompliziert sind, gebracht worden. Es wäre deshalb eine große RaiSität. wenn man eine Losung dieser Frage in der näheren Zukunft erwarten wollte. Trotzdem wird in den beteiligten Kreisen, auch der Regie­rung, die Frage weiter besprochen, und die tech­nischen Organe der Regierung beschäftigen sich schon jetzt damit, die verschiedenen Seiten des französisch-deutschen Annäh erungsprvblems in seinen Einzelheiten zu studieren und zu bearbeiten.

Man würde in erster Reihe einen großen Fehler begehen, wenn man annchmen wollte, daß innerhalb des französischen Kabinetts oder unter den höheren Regierungsbeamten sich grundsätzliche Gegner einer Verständigung mit Deutschland fänden. In der deutschen Presse hatte ich Ge­legenheit, zu lesen, daß z. V. Louis Marin an der Spitze dec Opposition jener Kabinettsmit­glieder stehe, die Gegner der Politik Driands seien. Dies ist falsch. Die mir aus besten Quellen zur Verfügung stehenden Informationen bestäti­gen die Rachricht, daß der Vortrag Driands über seine Besprechungen mit Stresemann keinerlei grundsätzliche Wider­sprüche seitens irgendeines Mitgliedes des Kabinetts Poincarä hervorgerufen hat. am we­nigsten seitens Poincar6s selbst. Auch Louis Marin widersprach nicht.

In der Sitzung des Min'sterrates diskutierte man und diskutiert man noch jetzt ausschließlich über die Frage der Verwirklichung der deutsch-französischen Annäherung und über die Bedingungen des Abkommens, aber durch­aus nicht darüber, ob es für Frankreich wün­schenswert ist oder nicht. Auf diesen praktischen Bodden ist diese Frage gestellt worden. Deshalb ist zu verstehen, wenn der Ministerrat, und in erster Linie Poincarg selbst und seine technischen Regierungsorgane die Frage der deutsch-französi­schen Annäherung von allgeinein gehaltenen Spe­kulationen über die Kontinental Politik und aller­hand angehängten fremden Elementen befreien wollen. So wurde z. D. in Thoiry unter anderem auch die Frage der gemeinsamen Arbeit Deutsch­lands und Frankreichs in Rußland berührt. Der Ministerpräsident verhält sich ablehnend gegen­über Verhandlungen zwischen Frankreich und der Sowjetunion. Er glaubt nicht daran, daß etwas' Ersprießliches von solchen Besprechungen zu er­warten sei, und weist den Gedanken einer gemein­samen Arbeit Deutschlands und Frankreichs in Rußland, als einen Gedanken, der die ®rund- frage nur verdunkeln kann, energisch und weit von sich.

Indem sie, auf diese Weise, die deutsch-fran­zösische Annäherung für eine wünschenswerte und sogar notwendige Tatsache anerkennen, glauben aber die Kabinettsmitglieder und die technischen. Organe der Regierung, daß auf dem Wege zu ihrer Verwirklichung noch viele und schwer über­windbare Hindernisse, sowohl politischer als auch finanzieller Ratur liegen.

Von einer Reihe von Unterhaltungen mit vorzüglich unterrichteten Persönlichkeiten, die Re­gierungskreisen nahestehen, und teilweise direkt an der Bearbeitung der in Thoiry aufgeworfe-nen Fragen teitnebnien, ausgehend, kann man dies» Hindernisse als folgende bezeichnen. (Ich schicke voraus, daß ich ausschließlich Meinungen unter­richteter Personen wiedergebe und kein Wert­urteil fälle.)

Vorerst muß bemerkt werden, daß von feiten Deutschlands keinerlei konkrete Ange­bote in bezug auf die Gegenleistungen für die Räumung des Rheinlandes und des Saargebietes gemacht worden sind. In Thoiry sind diese Fragen nur in der allgemeinsten Form behandelt worden. In Paris ist man aber der Me'nung, daß die Initiative von der deutschen Regierung aus­

Schreckenstage in Florida

Von geschätzter Seite wird uns der im Folgenden wiedergegebene Privatbrief zur Verfügung gestellt, in dem die Unwetter­katastrophe in Florida, die ja allen noch frisch im Gedächtnis sein dürfte, von einem Augenzeugen anschaulich geschildert wird.

den 21. Sept. 26. Meine Lieben Alle!

Meine Karte werdet Ihr erhalten, auch Zeitungsberichte gelesen haben. Heute will ich versuchen, das Schreckliche wieder ins Gedächtnis zu rufen. Freitag abend, den 17. Sept., fuhren Tante, Maidie und ich noch ganz sorglos ins Kino. Onkel wurde verlacht wegen seiner Be­denken in bezug aufs Wetter. Ohne Regen kamen wir gegen VslO Uhr heim. Um 10 Uhr setzte starker Wind ein, gegen 12 starker Regen. Bis V23 steigerte sich das Unwetter aufs ent­setzlichste. Die Sintflut kann nicht erschreckender gewesen^ sein. Es heulte und ächzte und stöhnte. Man hörte die Bäume brechen. Die Rächt war pechschwarz. Ich war natürlich aufgestanden und hatte mich angezogen. Meine einzige feste Türe nach Rorden flog beständig auf und lieh den ^egen kubelweise hereinströmen. Bis 6 Uhr früh hielt ich stand, stemmte mit meinem Körper die Türe, natürlich triefend nah. Alle Dach­fenster, Vorhänge zerrissen und schlugen um das Haus. Es regnete durchs ganze Dach. Um 6 Uhr erfaßte ich mein elektrisches Licht und stürzte hinaus. Mit unsäglicher Mühe erreichte ich die Küchentüre, deren Schlüssel ich hatte. Endlich gelang es mir, aufzuschliehen.

Irn Wohnzimmer fand ich Onkel und Tante ruhig und geduldig bei einem Kerzenstümpfchen sitzen. Das Unwetter hielt an bis gegen 8 Uhr. Wir kochten Kaffee, Wedemeyers kamen und erzählten, daß ihre Garage eingestürzt, ihr Auto begraben; daß Hansens Haus und Garage zu­sammengebrochen, der Schwiegervater 3 Stunden unter den Trümmern gelegen, daß das neugebaute Haus von K. Theodor wie ein Häufchen Bretter

gehen müsse, welche bestimmte konkrete Vorschläge über die Kompensationen für die vorzeitige Räu­mung sowohl des Rheinlandes als auch des 6aor- gebictes machen muh. Denn, nach der Meinung der Regierung nahestehender Polit ker, besteht kein Zusammenhang und bestand auch keiner zwischen der vorzeitigen Räumung des Rheinlandes toet/er mit dem Eintritt Deutsch­lands in den Völkerbund, noch mit den Abmachun­gen in Locarno. Die Räumung der zweiten und dritten Zone hängt mit den Reparationszahlun­gen. mit der Entwaffnung und mit der Frage derSicherheit der französischen Grenzen" zu­sammen. In dieser Beziehung bleibt die ganze Frage unverändert, wie sie es war vor dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund und vor Locarno. Deshalb könne die Räumung der zweiten und dritten Zone vor Ablauf der OHu- pationsfrist nur vor sich gehen als Gegen­leistung für entsprechende Kompen­sationen wirtschaftlichen und poli­tischen Inhalts. In noch höherem Maße trifft dies zu in bezug auf die vorzeitige ileber- gabe des Saargebietes an Deutschland nach einer Volksabstimmung. Man kann aber cmneh- men. daß Deutschland für die vorzeitige Räumung des Rheinlandes und der Saar eine Geldent­schädigung in Form eines Rückkaufes dec Saar­gruben und einer Mobilisierung der Obligationen der Reichsbahn anbieten werde.

Was die vorzeitige älebergabe des Saar­gebietes an Deutschland anbetrifft, so besteht sie, nach der Meinung der Franzosen, aus zwei Fragen:

1. Der Anordnung der Volksabstim­mung zu einem früheren Termin, als im Jahre 1935, oder die Rückgabe des Gebietes ohne Volksabstimmung.

2. Dem Rückkauf der Saargruben.

Frankreich könnte seine Einwilligung zu einer früheren Volksabstimmung geben, aber nur bann, wenn Deutschland ihm irgend welche politische und wirtschaftliche Kompensationen zu bieten in der Lage wäre. Wenn ein solcher Kompensations- Vorschlag in der Form eines Handelsver­trages ober auch anberen Charakters seitens Deutschlands gemacht würde, so wäre er einer ernsten Beachtung Frankreichs sicher.

Was die Saargruben anbetrifft, so wird eine Summe von 240 Mill. Mark genannt. Diese Summe wäre für Frankreich ein annehmbares Angebot. Es fragt sich nur, ob Deutsch­land in der Lage ist, diese Summe auf feinem inneren Markte aufzubringen, und ob es möglich fein wird, sie zu transferieren. Die französischen Kreise sind sich darüber im Zweifel. Ebenso verhält man sich skeptisch in Bezug auf die Einwilligung des Repa­rativ nsagenten Parker Gilbert zur Trans­ferierung dieser Summe, oder einer noch höhe­ren, wenn auch die vorzeitige Räumung des Saargebietes gegen eine Geldkompensation vor­genommen werden sollte. Denn diese Finanz­operation könnte auf die Festigkeit der deutschen Valuta und auf die Wirksamkeit des Dawes- planes eine ungünstige Wirkung ausüben. So­mit liegen die Schwierigkeiten nicht nur in der prinzipiellen Einwilligung Frankreichs, sondern in den finanziellen und den finanz-tech­nischen Möglichkeiten feiner Ausführung.

Viel verwickelter liegen die Dinge in der Frage der Mobilisierung der Eisen­bahn-Obligationen. Wenn in Bezug auf die Räumung des Saargebietes und auf die Ent­schädigung für diese Räumung alles von der Vereinbarung zwischen Deutschland und Frank­reich abhängt, und weiterhin von der Einwilli­gung Parker Gilberts zur Transferierung der vereinbarten Summe, so ist in der Frage der Mobilisierung der Obligationen der Reichsbahn das Einverständnis sämtlicher Re­parationsgläubiger Deutschlands not­wendig. Cs ist aber kein Geheimnis, daß Musso­lini sehr feindselig gegenüber dem Gedanken einer deutsch-französischen Verständigung einge­stellt ist; er fürchtet diese Verständigung und strebt danach, sie zu verhindern. Man kann auch nicht behaupten, daß die englischen Industriekreise, besonders jetzt nach dem Abschluß des Stahltrusts, an welchem die eng­lische Metallindustrie keinen Anteil hat, mit großer Sympathie die deutsch-französischen An­näherungsverhandlungen begleiten. Wenn man auch annehmen kann, bah bie englische Regie­rung dieser Annäherung und der Mobilisierung der Cisenbahnobligationen keine Schwierigkeiten

in den Weg legen dürfte, so kann man dies gegen­über der italienischen Regierung nicht behaupten und man muh schon jetzt den Widerstand Ita­liens in Rechnung stellen.

UcbrigenS kann die Mobilisierung der Obli­gationen nur auf dem amerikanischen Geldmärkte vorgenommen werden, da in Eu­ropa nicht die notwendigen Kapitalien dazu zur Verfügung stehen. In den Vereinigten Staaten dagegen wird als Vorbedingung jeder zugunsten Frankreichs vorzunehmenten Finanztransaktion die Ratifizierung des Mellon-Be- ranger- Abkomme ns über die Schulden- frage betrachtet. Dieses Abkommen ist aber in Frankreich höchst unpopulär und wird dort als drückend empfunden. Zuguterletzt wird es wahrscheinlich vom französischen Parlament doch genehmigt werden, wenn auch mit gewissen Än­derungen. Es ist noch eine große Frage, ob die Vereinigten Staaten ihre Einwilligung zu diesen Aenderungen geben werden. Das deutsch-fran­zösische Abkommen kann somit auf Hindernisse stoßen, bie auf dem Gebiete des amerikanischen Geldmarktes liegen, b. h. außerhalb ber Macht­kompetenzen Deutschlands und Frankreichs.

So stellen sich die Schwierigkeiten, die sich nach der Meinung französischer Regierungskreise der deutsch-sranzösischen Annäherung entgegen­stellen, bar. Die e Schwierigkeiten sind natürlich zu beseitigen, aber nicht so leicht und nicht so schnell, wie manche sich dieses vorstellen. Was aber bie Frage des Handelsvertrages an­betrifft, so hoffen bie Franzosen, daß es hier wohl keine besonderen Meinungsverschieden­heiten geben wird, da das zwischen Deutschland und Frankreich abgeschlossene provisorische Han­delsabkommen in Paris als vollständig befriedi­gend angesehen wird und es deshalb sehr gut aI8 Grundlage für einen zu schließenden Han­delsvertrag bienen könnte.

Das neue Polen.

Das heutige deutsche Schicksal wird durch einen einzigen Blick auf die deutsche Landkarte erfaßt: Da zeigt sich, daß es zwei Deutsche Reiche gibt, einen Rumps und ein Teilstück oben im Rordosten, genannt Ostpreußen. Zwischen beiden Teilen hindurch geht das Gebiet eines neuen 30-Millionenstaates, Polen. Leicht geht das WortK o r v i b o r" über bie Lippen, aber seine furchtbare Bedeutung wird erst durch die Karte klar. Deutschland ist durch den polnischen Korridor in zwei völlig getrennte Staatsgebiete zerstückelt! Und diese, jedem Selbstbestim­mungsrecht der Völker hohnsprechende Ungeheuer- lichkeit geschah auf altem deutschen Kulturboden, auf dem uns so notwendigem beutschen Acker- lanb. Roch schutzloser ist jetzt ber deutsche Osten dem einbringen ben Slawentum preisgegeben. Unverhüllt äußert Polen heute schon seine Gc- lüste nach dem wie eine Insel vom Reich ge­trennten Ostpreußen. Untere Ostmark ist geogra­phisches Tiesdruckgebiet, auf bas von jenseits ber Grenze ber slawische Hochdruck nachbrängt.

Um biefe Gefahr voll zu erfassen, genügt es nicht, nur mit Anteilnahme die sich häufenden Meldungen über die Bedrückung des Landes aufzunehmen. Eingehender bewuht werden muh sich jeder Deutsche der ungeheuren Gefahr, im Osten. Wiederum liefern ein vorzügliches geistiges Rüstzeug die Süddeutschen Monatshefte (München) in ihrem soeben erscheinenden neuen GrenzlandheftDas neue Polen". Diese Schrift behandelt das politische und wirtschaftliche Pro­blem durch berufenste, meist in den entrissenen Gebieten tätige Mitarbeiter in klarer, knapper und doch umfassender Weise. Rur angedeutet werden kann hier die Fülle des Stoffes. Ueber die geschichtliche Entwicklung und der mit ber überragenben deutschen Kultur durch Jahrtau­sende gehenden Geschichte der deutschen und pol­nischen Siedelung im Osten führt bie Darstellung zu den heutigen Zuständen, zunächst zu Berfas- sungsleben und Verw altungspraxis, wo fast vollständige Reufchaffung des Beamten- körpers, Mangel an Vorgebildeten und doch in­folge des politischen Systems eine Ueöerzahl von Beamten und Behörden durch Zentralismus und Zersplitterung diePolnische Wirtschaft" in un­geahnter Weise fördern. Trotzdem erfährt ber Kampf geq m bie deutschen M'nberheiten, erfahren bt Polonisie ungs'estreoungen k.iner ei Milde­rung. Die co ch u i p o l i t i c, die eingehend und mit neuestem Zahlenmaterial geschildert wird, zeigt erschreckende, an Südtirol erinnernde Me­

thoden und Erfolge; ebenso erschreckend ist die Benützung der Religion als Kampfmittel. Ist es doch Polen in seinem 1925 abgeschlossenen Konkordat gelungen, die Kurie von einem wirk­samen Schutz der deutschen Minderhe ten, bet deutschen Geistlichen und vor allem des Gebrauchs der Muttersprache im Religionsunterrichte abzu- halten.

Von der polnischen Industrie als feit Kriegsende vielfach treibbausartig sich ent­wickelndem Glied in der Wirtschaft dieses, als Ganzes genommen, durchaus landwirtschaftl.chen Staates wird ein groß angelegtes D.ld nut neuesten Produktionszahlen aus allen Gebieten ber Schwer-. Tertil» und Fertigindustr.e unter Vergleich mit der heutigen deutschen und der gesamteuropäischen Industrie gegeben, und im Anschluß daran daä heute noch ungelöste pol­nische Währungsproblem eingehend er­läutert. Wesen. Gliederung und System von Parteien und Presse enthüllt ein reich­haltiger Aussatz.

Polens Grenzsctzung gegen Litauen und be­sonders gegen die West Ukraine sind ebenso will­kürlich, wie jene gegen Deutschland und bilden bei der Erregbarkeit des polnischen Volkes eine dauernde Gefahr für feine Rachbarn. Deth - manns falsche Polenpolitik im Kriege, die einen Sonderfrieden mit Rußland verzögerte und der gleichen Ueberschähung Polens und dem gleichen falschcm Mitleid wie 1830 entsprang, war seinerzeit von den Süddeutschen Monatsheften schon in ihrem Grundirrtum erkannt und be­kämpft worden, und es ist ebenso schmerzlich wie lehrreich, in dem Heft jetzt jene prophetischen Warnungen neben der Schilderung der heutigen harten Wirklichkeit stehen zu sehen. Das Schluß­bild über die politische Lage, das auch alle jüng­sten politischen und wirtschaftlichen Ereignisse, wie Zollkrieg, Locarno und Gens, einbezicht, kommt zu dem Ergebnis,daß Polens Ent» stehungs- und Entwicklungsgeschichte ganz dazu angetan ist, Europa um einen Brandherd zu vermehren". Mit diesem HeftDas neue Polen" haben die Süddeutschen Monatshefte ihre b?re:ts erschienenen hervorragenden Grenzlandheste Deutsch-Südtirol" undDie Tschechen" wert­voll vermehrt.

Kreistag des D.Z.V.

Der Kreis 2 des Main-Wefer-Gaues (Oberhefsen, Lahn- und Dillgebiet) des Deutschnationalen chandlungsgehilfenoerbandes hielt am Sonntag in Butzbach einen Kreistag ab.

Nach einer Begrüßung der Vertreter der Orts­gruppen durch den stellv. Kreisoorfteher erstattete Kreisgeschäftssührer Schultz-Gießen den Jah­resbericht, der eine weitere Vergrößerung des Mitgliederbestandes und eine günstige innere und äußere Entwicklung der Ortsgruppen erkennen ließ.

Nach einer Aussprache über den Jahresbericht hielt Kreisgeschäftsführer Schultz einen Vortrag überSozial- und g e w e r k f ch a f t s p o l i- tische Aufgaben. Ausgehend von dem soeben in Kraft getretenen Westeuropäischen Stahlkartell und dem Zusammenschluß der chemischen Industrie behandelte der Redner die Stellungnahme der An­gestellten- und Arbeitergewerkschaften zu den Aus­führungen des Generaldirektors Silverberg auf der Dresdener Tagung der deutschen Industrie. Weiter besprach der Redner die Umwandlung der Arbeitslosenfürsorge in eine Arbeitslosenversiche­rung, die auf Veranlassung des D. f). D. geschaffene Lehrlingsregelung in Hessen, Arbeitsgerichte, No­velle zum Angestelltenverficherungsgefetz, Knapp­schaftsgesetz, sowie die dringend erforderliche Be­rufsberatung und die erstmalig vom D. H. V. ein­gerichteten Berufswettkämpfe.

Gaubildungsobmann Süß sprach überD i l - dungsausgaben" unter besonderer Berücksich­tigung der Berufswettkämpfe und des bevorstehen­den Gaubildungstages in Frankfurt.

Weitere Referate dienten dem inneren und äußeren Ausbau des Verbandes.

Das Schlußwort sprach Gauvorsteher Auer­bach- Frankfurt. Es fei Aufgabe des Verbandes, nicht nur die materiellen Interessen der Derbands- mitglieder zu vertreten, sondern auch den Zusam­menhang mit dem Beruf zu knüpfen und zu er­halten. Nur Neutralität des Verbandes gegenüber den Parteien und Religionsgemeinschaften könne eine Gewerkschaft vor Erschütterungen bewahren, aber jeder Kaufmannsgehilfe habe die Pflicht, durch Mitarbeit in allen bürgerlichen Parteien den Ein­fluß der Kaufmannsgehilfenschaft zu stärken.

an der Erde liege. Was war mit Kruses? Karl Kruse kam zu Fuß gerannt 3 Meilen. Sein Auto war begraben, das Haus vom Fundament gerutscht, stand schief. Wir holten unser Auto, die Armen, Liesel mit Jungen und Karl Theo­dors Frau abzuholen. Wir kamen nur P/s Mei­len, dann überholte uns der schlimmste Sturm. In der größten Finsternis, das Auto vom Wind hin und her geworfen, kehrten wir den gefähr­lichen Heimweg zurück. Wie wir die Garage erreichten, weiß nur Gott. Unb nun fing es erst von neuem an. Kam der Sturm in der Rächt von Rorden, so hatte er jetzt feinen Anlauf von Süden und er entwurzelte noch alles, was seit­her Stand gehalten hatte. Oh, der Jammer, wie sie dahingestreckt wurden, die lieben, lieben Tannen. Aber wir waren behütet, keine fiel aufs Haus. 2Iur fing es jetzt an, ins ganze Haus zu regnen. Eimerweise schöpfte ich ohne Unterbrechung das Wasser aus den Zimmern, von 10 Uhr bis zum Dunkelwerden. Licht hatten wir nicht, aber andre hatten auch kein Wasser. Das einzige Plätzchen, das trocken blieb, wenig­stens von oben, war das Badezimmer. Dort schlugen wir Tante ein Bett auf. Onkel und ich verbrachten die Rächt auf Stühlen in der Küche unter Regenschirmen. Es regnete und stürmte noch die ganze Rächt. Gegen Morgen wurde es stiller. Aber nun hieß es, den ganzen Tag das Wasser hinauszutragen. Die Läden waren offen. Wir fuhren am Montag nach Ch- toaten. Fast alles ist schon ausverkauft. Alle Läden sind zertrümmert. Fast kein Haus steht.

Aber erst in Coral Gables, Cocrunt Grove und Miami und Miamibeach, ohne all die an­dern Orte. Es ist nicht zu beschreiben. Manche Hotels, die sie als Hospitäler eingerichtet hatten, sind jetzt noch zusammengefallen und haben die Kranken, Verwundeten und Pfleger begraben. Hier haben sie heute früh 50 Gräber gegraben. Die meisten in der Stadt haben kein Heim mehr. Viele brachten die Rächt im Wasser zu. Aber keiner klagt. Jeder ist still und hilfsbereit. An seinen eigenen Verlust zu denken, hat man nicht Zeit. Unser Garten ist hin. Eben schafft ein

Reger die Bäume fort. Wir suchen unsre Sachen zu trocknen. Kein Bild, kein Buch hat stand- gehalten, aber wir leben und können auch noch arbeiten. Morgen sind Onkel und Tante 57 Jahre verheiratet.

Run scheint die Sonne wieder. Sie hilft uns und macht wieder Mut. Onkel und Tante können wieder in ihren Betten schlafen, ich bin im Wohnzimmer einquartiert. Maidie und Karl Theodor haben das Dach wieder gedeckt. Es ist natürlich alles schwer zu haben. In die Stadt (Miami) darf niemand, weil alles offen da liegt. Um 6 Uhr darf keiner mehr au? der Straße fein. Unsre Freunde in Coco mit G ove haben alle gelitten, aber sie leben. Die Sicaßen sind bergehoch mit Bäumen gefüllt, daß man nicht durch kann.

Vor nicht langer Zeit haben die armen Men­schen durch einen Bankkrach ihr Geld verloren und nun all ihr Hab und Gut. Don Rorden ist Hilfe in Anzug. Zeitungen haben wir noch nicht wieder bekommen, so wissen wir noch nichts Räheres. Es wird ja schnell wieder aufgebaut, aber die Menschen weckt keiner wieder. Der armen Tante ist schier das Herz gebrochen über die herrlichen Bäume, aber sie vergißt es im Anblick des furchtbaren Jammers ringsum.

Obst gibt es dieses Jahr nirgends. Alles ist besät mit den unreifen Früchten. Es scheint nebensächlich, macht aber hier einen großen Teil des Verdienstes und der Rahrung aus. Ratür- lich steigen alle Preise. Bald schreibe ich wieder. Bitte sendet den Brief nach Darmstadt weiter. Ich kann's nicht noch einmal schreiben. 24 Stun­den nicht aus den nassen Kleidern gekommen und den nächsten Tag wieder, nicht gewaschen, nicht geschlafen. Ihr müßt Euch schon die Mühe machen. E. tr. 3.

Australische Kamele.

Das Kamel ist uns als dasSchiff der Wüste" in der Sahara i nd in anderen Teilen des Orients eine geläufige Erscheinung. Aber Kamele in Austra­lien? Das klingt uns höchst sonderbar, und doch hat dies nützliche Tier dort allmählich eine immer

größere Bedeutung gewonnen. Kamele wurden um 1850 aus Afghanistan nach Südaustralien einge­führt. Seitdem ist durch Aufzucht im Lande und durch weitere Einführung ihre Zahl auf über 11000 angetoaebfen. Es hat sich gezeigt, daß das in Austra­lien gezüchtete Kamel dem eingeführten über­legen ist. Cs find daher von der Regierung Kamel­farmen eingerichtet worden, und auch private Züchter haben sich mit dieser gewinnbringenden Arbeit beschäftigt. Zunächst kamen mit den Tieren afgha­nische Kamel ührer, und es gibt auch noch heute solche in Australien, aber die weihen Ansiedler er­setzen fie in immer größerem Maßstab. Es gibt zwei verschiedene Arten der Verwendung. Die eine ist die Benutzung des Kamels als Lasttier; bei der anderen wird dasSchiff der Wüste" als Zugtier vor großen Wagen verwendet, und man tiifft schwerbelastete Gefährte, die mit 6 und 8 Kamelen bespannt find. In den abgelegenen Teilen des Landes, in denen die Transportverhältniffe noch sehr im argen liegen, kann man lange Reihen von Kamelen sehen, die wie eine Riesenschlange durch den Busch wandern. Der afghanische Kamelführer, der auf dem Leittier reitet, bietet in seiner farbigen orientalischen Kleidung einen seltsamen Gegensatz zu der schlichten Erscheinung der australischen Be­gleiter. Auf lange Entfernungen sind 3 Zentner schon eine beträchtliche Last, aber unter günstigen Bedingungen kann ein starkes Kamel auch 6 Zent­ner tragen. Die australischen Lastkamele haben merk- würdige Eigenschaften. Ihre Lieblingsnahrung sind die scharfen dornigen Gewächse des Busches, und jedes von ihnen hat feinen Ramen, den der Führer laut ausruft, um das widerspenstige Höckertier zur größten Krastentsaltung anzuspornen. Meistens ist jedem Kamel sein Rame auf das Geschirr geprägt, und man liest da sehr liebevolle Benennungen für diese Tiere, deren Bosheit und Ungehorsam nur schwer zu besiegen sind. Trotz dieser Untugenden sind sie aber ein wichtiger Faktor für die wirtschaft­liche Erschließung Australiens. Sie werden am meisten im Süden verwendet, wo das Land einen Wüsten­charakter hat, aber selbst im Rorden, wo an Wasser kein Mangel ist, haben sie die Stelle der Pferde eingenommen.