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Dienstag, 7. September 1926

1Z6. Jahrgang

Nr. 209 Erstes Statt

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Dr. Friedr. Wilh. Lange Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An­zeigenteil i. Dertr. H. Beck, sämtlich in Gießen.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

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Die Eisenbahnattentater von Leiferde.

Berhaftuug zweier junger Burschen im Berliner Obdachlosenasyl.

Berlin, 7. Sept. (I1L) Gestern abend find im städtischen Asyl für Obdachlose in der Zröbelstrahe zwei Personen festgestellt worden, die aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem großen Eisen­bahnunglück bei Leiferde in Verbindung stehen. Es handelt sich um einen 22jährigen stellungslosen Elek­triker Wilhelm Weber aus Schöttmor und einen 21jährigen stellungslosen Wusiklehrer Otto Schle­singer aus Stuttgart.

Ergänzend wird ferner noch gemeldet: Gestern nachmittag erschien auf dem Polizeipräsi­dium in Hannover ein Kaufmann Weber, der wichtige Angaben über die mutmaßlichen Täter machte. Lr beschuldigte feinen eigenen Bruder des Verbrechens und gab an, daß dieser mit ihm am Sonntag an der Grab st ä t.t e sei­nes verstorbenen Vaters weilte. Unter Tränen habe der jüngere Bruder gestanden, daß er iu jugendlichem Leichtsinn zusammen mit seinem Areunde Schlesinger das Attentat aus den V-Zug bei Leiferde verübt habe. Seit einigen Tagen hätte er keine Ruhe mehr gefunden und mühte sich nunmehr stets verborgen halten, da bereits die Polizei auf seine Spur gekommen sei. Bevor noch Weber die Verhaftung seines Bruders hatte veran­lassen können, war dieser vom Friedhof verschwun­den und zusammen mit seinem Freunde Schlesinger nach Berlin gefahren, hier trieben sie sich miitel- und stellenlos umher. Die Kriminalpolizei in Han­nover machte den in Hannover weilenden Berliner Kriminalkommissar D o st sofort von dieser Anzeige Mitteilung und dieser kehrte noch gestern abend im Flugzeug nach Berlin zurück. Mit zwöls Beamten begab er sich nach dem städtischen Obdach, in der Annahme, daß hier die beiden Burschen über­nachten würden. Rach mehrmaligem Durchsuchen der Schlafräume sand man in später Abendstunde Weber und Schlesinger hier vor. Sie wurden schwer gefesselt nach dem Polizeiprä­sidium gebracht. Bevor noch ihre Vernehmung in mitternächtlicher Stunde erfolgen konnte, mußten die Beamten nochmals nach dem Obdachlosenasyl, um nach weiteren Helfershelfern der Beiden zu fahnden. Zn polizeilichen Kreisen rechnet man mit ziemlicher Bestimmtheit damit, daß die beiden verhafteten mit dem Attentat in Leiferde in Verbindung stehen.

DieStreiKverhan dl ungen in London.

London, 1. Sept. (WTB. Funkspruch.) 3n Den Verhandlungen zwischen dem Kabinettsaus­schuß für den Kohlenbergbau und Vertretern der Dergwerksbesiher erklärte der Schahkanzler Churchill, daß die Dergwerksbesiher die Ver­handlungen auf nattonaler Grundlage abge­brochen hätten, ohne der Regierung Mitteilung z« machen. Wenn die Regierung gewußt hätte, daß die Dergwerksbesiher diese neue Verwicke­lungen heraufbeschwören würden, so hätte sie niemals das A ch t st un d e n g es e h im Dergbau eingebracht. Der Vorsitzende des Verbandes der Dergwerksbesiher Williams betonte, die Grubenbesitzer hätten mit Kenntnis der Regierung das System distriktweiser Verhandlungen ausgenommen, sie seien fest ent­schlossen, Verhandlungen über ein nattonales 216- kommen abzulehnen. Die Regierungsver- treter hoben die Bereitschaft der Dergleute her­vor, über distrittweise Regelung aus ter Grund­lage eines nationalen 2lbkommens zu verhandeln, unb ersuchten die Grubenbesitzer dringend, w e - nigstens einer Erörterung der ganzen Frage zuzustimmen, widrigenfalls die Regierung lauf eigene Hand ohne sie werte vorgehen müssen. Schließlich willigte Williams ein, der Versammlung der Distriktsvertreter über die heuttge Konferenz Dericht zu erstatten, erklärte aber, daß er auf keine günstige Antwort rechnen könne.

Brandkatastrophe in Irland.

In der Nacht zum Montag brach in einem Kino des irischen Städtchens Drunicol- l o g h e r Feuer aus. Da eine Lichtfpielaufführung in der bärtigen Gegend noch zu den größten Selten­heiten gehört, waren die Bauern von weit und breit zu der Vorstellung herbeigeeilt. In dem Saal, der kaum 100 Personen faßte, waren etwa 20 0 Menschen eingepfercht. Als der Film­streifen, der wahrscheinlich durch einen brennenden Zigarettenstummel oder durch ein fortgeworfenes Streichholz in Brand geraten war, in Hellen Flammen stand, fingen auch sofort die Holz- teile des Saales Feuer und in einer Minute war der ganze Raum in Flammen und Rauch gehüllt. Im gleichen Augenblick war der einzige Ausgang von den hinausstürmenden Besuchern, die übereinander fielen, blockiert. Diele von ihnen, besonders Frauen und Kinder, wurden zu Tode getreten. Einige Personen 'hatten sich auf das Dach geflüchtet und sprangen von dort auf die Straße hinab, wo sie schwer verletzt liegen blieben. Plötzlich brach auch noch der Fußboden durch, und die Menschen- massen stürzten in die unter dem Saal liegende Garage hinab, die gleichfalls bereits in Hellen Flammen stand. Diele der bis zur Unkenntlichkeit verbrannten Leichen konnten noch nicht identifiziert werden. Die Zahl der Toten beträgt 47, die der Verletzten 11.

(Eröffnung der Völkerbundsversammlung.

Der Völkerbund ist nunmehr zu feiner siebenten Vollversammlung zusammengetreten. Ueber- raschungen brachte ter erste Sitzungstag nicht, abgesehen von terjenigen, daß ausgerechnet Herr Denes ch in seiner Eröffnungsansprache sich alle ertenlliche Mühe gab, unter fortgesetzter Zitierung des Geistes von Locarno für den Ab­schluß eiizer internationalen Vereinbarung zur Beschränkung der Kriegsvorberei­tungen Stimmung zu machen. Dazu gerate in einem Augenblick, ter in Ost- und Süd oste uropa neue höchst gefährliche Militär- bündnisse entstehen sah, an denen auch Herr Denesch und seine Regierung Über Frankreich hinweg nicht nur interessiert, sondern sogar beteiligt sind.

Mag sein, daß er sich bei seinen Ausführun­gen von dem Gedanken leiten ließ, den unange­nehmen Eindruck, den namentlich das polnisch- rumänische Dündnis in Genf hervor­gerufen hat, einigermaßen zu verwischen. Der starke Deifall am Schlüsse seiner Rete dürfte ihm aber wohl doch gezeigt haben, wie erheblich sich auch in Völlerbundskreisen der Gedanke einer tatsächlichen Abrüstung bereits festgesetzt hat und wie wenig man heute noch etwas von Mili­tärbündnissen und Allianzen wissen will.

Herr Denesch mag nun nicht annehmen, daß es ihm gelungen ist, mit seiner Rete die Auf­merksamkeit der Vollversammlung von dem ge­fährlichen Spiel Frankreichs im Osten und ter speziellen Rolle, die auch ter Tschechoslowakei zugedacht ist, abzulenken. Es wird sich vielmehr noch manche Eigenheit bieten, auf die Ver­ewigung der europäischen Friedlosigkeit und die Kriegspvlitik etlicher Staaten hinzuweisen und zum Gegenstand von Erörterungen zu machen. Herr Denesch dürfte dann manche bittere Wahr­heiten zu Höven bekommen, da auch feine Re­gierung bisher für den Krieg ter Zukunft rüstete und er als Außenminister nicht das ge­ringste für den Frieden tat

Er möchte aber auch jetzt wieder, wie schon öfter, in die internationale Politik eingreifen, natürlich mit bestimmten und bekannten Zielen im Auge, sich dann nachher als genialen Diplo­maten feiern lassen, während in Wirklichkeit die europäischen Verhältnisse nur noch unerquick­licher geworden sind, als sie es vordem schon waren. Denesch schwimmt nun einmal im fran­zösischen Fahrwasser, das er weder ver­lassen will noch kann. Das kennzeichnet zur Ge­nüge seine Sehnsucht nach einer europäischen Ab­rüstung wohl gemerkt, wie er und Frankreich sie verstehen.

venefchs Eröffnungsrede.

Genf, 6. Sept. (TU.) Die 7. Dundesver- sammlung des Völkerbundes wurde heute um 11,20 Uhr eröffnet Das Haus ist bis auf den letzten Platz beseht. 3m Reformationssaal haben die Delegierten der Staaten Platz genommen. Ins­gesamt 49 Staaten sind vertreten. Die erste Galerie ist von der Presse, die außerordentlich zahlreich vertreten ist, beseht. Gegenüber der Tribüne befinden sich die Diplomatenlogen. Au dem Platz des Präsidenten nimmt heute

der tschechische Außenminister Denesch

Platz, der bis zur Wahl des Vorsitzenden tzurch die Vollversammlung die heutigen Verhandlungen feitet. Driand und Chamberlain hcfben unter den Delegierten Platz genommen. Sofort nach Eröffnung der Sitzung beginnt Dr. Denesch seine große Ansprache, in der er u. a. folgendes ausführt: Die Arbeiten des Völkerbundes im vergangenen Jahre waren durch außerordent­liche Schwierigkeiten gekennzeichnet. Ein über­triebener Optimusmus über die Leistungsfähigkeit des Völkerbundes war also nicht am Platz. Dennoch ist ein Fortschritt auf dem Wege der Besserung unverkennbar. Die Arbeiten des Völ­kerbundes zerfallen in drei Gruppen. Die erste Gruppe umfaßt die Arbeiten der technischen und beratenden Organisationen des Völkerbundes. Zwei technische Konferenzen für das Verkehrswesen hat der Völkerbund abgehalten. Das wichttgste Werk, das zur Zeit vorbereitet wird, ist die Einberufung einer inter­nationalen Wirtschaftskonferenz. Hier sind die besten Fachmänner der Welt bei der Arbeit

Die zweite Gruppe unserer Arbeiten umfaßt das Werk der europäischen Wiederher­stellung. Hier sind u. a. zu nennen: die Sanie­rung Oesterreichs und Ungarns, die Danziger Anleihe und nicht zuletzt die Arbeit ter Kom­mission für geistige Zusammenarbeit. In der aktuellen Politik sei die Lösung der Mos- sulfrage zu erwähnen, ferner die Lösung tes Kon­fliktes zwischen Griechenland und Bulgarien. Er­innert sei weiter an den Ausgleich von Grenz­bevölkerungen, die Festlegung von staatlichen Grenzen und die Arbeit der Mandatskommission für das Wohl ter nationalen Minderheiten.

Die größte Sorgfalt und Sorge der Organe des Völkerbundes im vergangenen Zähre galt dem Problem der Abrüstung.

Mißgünstige könnten finden, daß in sechs Jahren nur ein mangelhaftes Resultat erzielt worden sei. Ein solches Urteil würde jedoch hart und ungerecht sein. Der Denesch erklärte, man könne zur Stunde das Abrüstungsproblem nicht in seiner Gesamtheit lösen Man werte einen

Fortschritt erzielt haben, wenn man als erste Etappe der Abrüstung die Begrenzung der Kriegsvorbereitung erreiche. Ein Muster ür die praktische Durchführung dieser Destrebun- gen sei der Pakt von Locarno. Wenn die Abrüstungskonferenz zusammen treten werte, er- Härte Dr. Denesch, werte auch ter Völkerbund neue Fortschritte auf dem Wege zur eigenen Universalität gemacht haben Der 2T6rüfhing gleichzusetzen ist das allgemeine Frie­denswerk in Europa. Das Genfer Protokoll, Anlaß und Anfang tes vielseitigen Systems ter Garantie- und Schiedsverträge in Europa hat eine besondere Leistung im Locarnopakt ge­zeitigt, der auch für den Völkerbund bedeutend geworden ist, weil mit ihm der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ver­knüpft war. Der Patt von Locarno umfaßt die Kriegführenden von gestern urtb erinnert in nichts mehr an die alten Bündnisse, die nur eine falsche Sicherheit gewährtenIch glaube," ruft Dr. Denesch aus,von dieser Tribüne verkünden zu können, ohne dementiert zu werden, daß Locarno dem neuen Geist entspricht, den die Völkerbunds­versammlung geschaffen hat."

Unter dem mächtigen Antrieb der beiden letzten vollverfammlungen sind die Staaten im Be­griff, unter sich ein neues politisches System, gestützt auf Versöhnung und Schiedsgerichts­barkeit zu schassen.

Es ist noch nicht alles in bester Ordnuntz. Wenn man aber all das anrechnet, was in den letzten Jahren freiwillig zur Wiederherstellung Euro­pas getan wurde, so kann man auf einen vollen Erfolg des neuen Systems rechnen.

Die dritte Gruppe der Arbeiten des Völker- bundes umfaßt diejenigen Demühungen, die er und seine Organe zur eigenen Reorga» nisation unb Vervollkommnung unternehmen Rach ter letzten Vollversammlung hoffte man, trotz ter vvrangegangenen Schwierigkeiten, auf einen baldigen Eintritt Deutschlands. Sie alle kennen die Schwierigkeiten, die auch nachher zu -jeglichem Pessimismus Veranlassung gaben De­nesch erinnerte an die Einsetzung der Studien­kommission, an deren Arbeit Deutschland betei- ligt war.Wir beglückwünschen uns zu dem Erfolg, tert die "Beratungen dieser Kommission gezeitigt haben. Dank ter glücklichen Ratifizierung des Amendements zu Artikel 4 des Völkerbunds­pattes gibt es jetzt keine Widerstände mehr. Durch die Arbeit ter Kommission sind die beiden bekannten Richtungen versöhnt worden Vielleicht werten wir es auch einmal bedauere zu streng gewesen zu sein Aber

der Plan der Studienkommission, der Zhnen vorgelegt werden wird und über dessen Inhalt morgen verhandelt werden wird, gestattet die Hoffnung auf einen einstimmigen und schnellen

Abschluß. .

Ich wünsche, daß die Schwierigkeiten vom Marz sich nicht wiederholen, daß wir die Desriedtgung haben werden, ein neues Mitglied aufzunehmen ohne die berechtigten Wünsche anderer Staaten zu vernachlässigen Ich begrüße in diesem Augenblick das neue Dundesmit- glieb. Ich hoffe, daß der Austritt eines oder mehrerer anderer für uns immer wichtiger Staaten wird vermieden werden können. Ich weih, daß zwei wichtige Staaten, zwei Rats- mitg lieber, die seit sechs Jahren die besten Mitarbeiter im Völkerbund waren, Entschlüsse gefaßt haben, die wir alle tief bedauern Als Präsident des Dölkerbundsrates richte ich an Ihre edlen Gefühle und an ihren Stolz den herzlichen 2lppell, der verhindern soll, die auf Ihnen ruhenden Lasten der Verantwortung von sich zu weisen. Ich erkläre hiermit die Dundes- versammlung für eröffnet.

Die Mahl des Präsidenten.

Die zweite Sitzung der Völkerbundsoersamm- lung begann nachmittags um 4.40 Uhr. Der kuba­nische Gesandte in Berlin, Dr. de Aguero Betan- court, erstattete den Bericht über die Prüfung der Vollmachten, der ohne jede Diskussion angenom­men wurde. Die Versammlung schritt anschließend zur Wahl des Präsidenten. Sämtliche Dele­gierten wurden namentlich aufgerufen und begaben sich an den Stimmkasten, um ihren Zettel hinein­zulegen. Um 5 Uhr teilte Benesch das Resultat der Abstimmung mit. Abgegeben wurden 48 Stimmen (die absolute Majorität beträgt 24 Stimmen). Nintschitsch, der jugoslawische Außenminister, vereinigte 42 Stimmen auf sich und ist damit zum Vorsitzenden der gegenwärtigen Versammlung ge­wählt. Dieses Resultat löste andauerndes lebhaftes Händeklatschen in der Versammlung aus. In einer kurzen Rede begrüßte Benesch den neugewählten Präsidenten der Versammlung und weist auf die Verdienste Nintschitschs um den Völkerbund hin. hierauf nimmt

Nintschitsch

feinen Präsibentensih auf ber Tribüne ein unb ergreift bas Wort zu einer Aussprache, in ber er für die burch bie Wahl seinem Cante er­wiesene Ehre ter Versammlung bankte. Er sei stolz, Diese Tagung bes Völkerbunbes leiten zu können, tenn sie würbe in ber Geschichte tes Völkerbundes einen b e b e u t u n g s v o l l e n Wenbepunkt terstellen. Trotz aller Schwie­rigkeiten, bie ber Dölkerbunb burdjlebe, werbe er mit neuen Kräften aus biefer Tagung hervor­gehen. Die künftige Teilnahme einer großen Ration an ben Arbeiten tes Völkerbuntes be-

beute eine Stärkung des Vertrauens zum Dölkerbunb. Er wünsche dem neuen Gast tes Völlerbundes alles Gute und sei überzeugt, daß diejenigen Staaten, die auf dieser großen Tagung nicht anwesend feien, bald wieder zwn Völkerbund zurückkehren würden. Rintschttsch führte darauf weiter aus, welch bedeutungsvolle Arbeit ber Völkerbund bereits für ben Stieben Europas unb für den Frieden ber Welt ge­leistet habe. 2lllein die jährlichen Zusammen­künfte aller großen Staatsmänner bedeuteten ein wahres Mittel zur Pazifierung ter Welt. Rintschttsch teilte dann mit, daß ber Vorsitzende des Völkerbundsrates Denesch ein Schreiben an ihn gerichtet habe, in dem er ihn bitte, auf die Tagesordnung ber Vollversammlung ben am 4. September vom Dölkerbundsrat auf Grund bes "Berichtes der Stubienkommission gefaßten Beschluß über bie Erweiterung des Völ­kerbundsrates zu sehen. Rintschttsch ver- las sodann diesen Beschluß bet Stubienkommis- sion. Er erHärte, bah diese Frage sowie das bereits auf ter Tagesordnung stehende Gesuch Deutschlands um den Eintritt in ben Völ­kerbund erst behandelt werden könnte, wenn das Bureau ber Vollversammlung gebiltet sei. Es bestehe bie Absicht, diese beiden Fragen nicht auf dem üblichen langwierigen Wege der Ueber- weisung an die Kommission durchzuberaten, son­dern die Beratung dieser Fragen unmittelbar in ber Vollversammlung durch einen Beschluß des morgen sich bildenden Bureaus ber Völkerbunds­versammlung zu ermöglichen, wozu ber Präsi- bent allein nicht bie Befugnis habe. Zum Schluß erklärte ter Präsibent, bah bie nächste Sitzung morgen vormittag um 12 Uhr ftattfinbet.

Zum Schlüsse ter Sitzung führte ber erste Delegierte "Norwegens, R a n s e n, Beschwerde darüber, daß er, wie auch mancher anderer Dele­gierte tert Ausführungen des Präsidenten wegen der schlechten Akustik tes Re­formationssaales nicht habe folgen können. Er erklärte, daß, da er nichts gehört habe, ev auch durch die künftigen Beschlüsse ter Versamm­lung nicht gebunden fein könne. Er hoffe auch, daß keine wichtige Entscheidung getroffen worden sei. Es könnten aber trotzdem interessante Punkte seiner Aufmerksamkett entgangen sein, weshalb er eine schleunige Zustellung tes Sit­zungsberichtes fordere. Rintschttsch erwiderte, daß bie schlechte Akustik bes Refgrmationssaales ja längst eine bekannte Tatsache sei. Das könne und werte erst im neuen Versam Pungs- gebäute besser werten. Er bat die Versau.mlung, durch allergrößteRuhe die Durchführung ter Sitzungen zu erleichtern.

Der Kampf um den polnischen MM.

Neue Genfer Intrigen.

Genf, 6. Sept. (TU.) Der Kampf um bie Besetzung ber Ratssihe unb die unmittelbar auf bie beutsche Aufnahme folgende Au ,n ahme Polens in ben Bat wirb mit unbetn:.ncmer Energie in Genf ausgefochten. Oie erste Phase begann unmittelbar nach ber Abreise ber deut­schen Delegierten von Hoesch unb Gaus aus Genf. Letztere waren mit tem Einbrua abgereist, daß bie beutsche Delegation unter Führung Dr. stircse- rnanns Gelegenheit haben würde, im Völlerbunb an ben Beratungen der Vollversammlung über bas Projekt ber ©tubienfommiffion letivi. e'v.ien. Aber bereits am Samstag versuchte B rt a n Ö in geheimer Ratssitzung, leitet mit Erfolg, Wine These burchzusetzen, baß g i e i 5 e i i . g ' t b e m Beschluß über bie A u s n ahme D e u t s ch 1 a n b s in ben Völkerbund, bie S ch c, f- f un g ber brei neuen wiederwähl­baren Sitze vorgemMmen werben soll. Gegen biesen Vorschlag Dnanbs, ber von fast allen Ratsmitgliebern unterstützt wurde, erhov ber nä­here schwebische Außenminister Unöen he tigen Protest, unb obgleich er seinerseits bie Unter­stützung bes belgischen Außenministers Bänder» velbe fanb, brang er mit seiner Anschauung nicht burch.

So kam es denn dazu, daß die Vollversamm­lung in ihrer heutigen Nachmittagssitzung sich dazu entschloß, gleichzeitig über die Aufnahme Deutschlands und über die Schaffung der drei wieder wählbaren Sitze zu beraten und zu beschließen.

Weiter verlautet, daß bereits Ente ber Woche an die Besetzung ber nichtstänbigen Ratssihe herangetreten werten wirb, um es Polen zu ermöglichen, fast gleichzeitig mit Deutschland in den Rat einzutreten. Brianb wirb es somit gelingen, seine These, bie er bereits int März mit allem Rachbruck vertrat, daß Bolen mit Deutschland gleichzeitig in den Rat eintritt, burch- zudrücken. Die Forberung ber beutschen Regie­rung, daß vor ihrem Eintritt in den Dölkerbunb ber Rat nicht mobisiziert werden bürfe. wirb somit nur formell erfüllt sein. Wenn Stresemann in Gens eintrifft und feinen Platz in ber Voll­versammlung einnimmt, wirb er sich festen Be­schlüssen ber Vollversammlung über die Um­gestaltung bes Rates gegenübersehen, an benen er nichts mehr änbern kann. So wirb bie These ber deutschen Delegation, baß ber Vollversammlung volle Beschlußfreiheit bei ber U/rgestaltung bes Rates gewährt werben müsse, allerdings aufrechterhalten sein, ohne baß aber Deutschland biefer Vollversammlung bereits an-