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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Nr. (83 Zweites Blatt _____

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto Hoeysch, M. d. R.

In dieser Woche muh sich ja nun allerlei in bezug aus die Teilnahme Deutschlands an der Dölkerbundsversammlung und seinen Eintritt in den Völkerbund klären. Dis dahin wird ja wohl auch die formelle Einladung aus Gens an die deutsche Regierung eingetroffen sein, die bisher noch nicht erfolgt ift, auch nicht erfolgen konnte. Bekanntlich beginnt die Versammlung am 6. September, der Rat aber tritt schon am 3. September zusammen. Zur Klärung sind mit­hin nicht mehr als 4 Wochen zur Vertilgung, und, wie man zu sagen pflegt, restlos klarst die Situation gewiß nicht. w

Spanien hat nunmehr den bekannten Ab- änderungsantrag zu Artikel 4 des Völlerbunds» paktcs ratifiziert. Man erinnert sich, daß bereits 1922 diese Abänderung von der zweiten Völker- bundsvcrsammlung beschlossen worden ist, die den Artikel so umgcstaltete. daß die Völkerbunds« Versammlung künftig mit zwei Drittel der Stim­men die Wahlordnung für die nichtständigen Ratsmitglieder und die Bestimmungen über die Wiederwahl und dauernde Mandate festsehen kann. Spaniens Zustimmung war die letzte, die ausstand. Diese Abänderung ist vom 29. Juli an rechtskräftig und so ist formal nach den Statuten die Logc^allerdings vollkommen klar: die Völker­bundsversammlung ist mit dieser Zweidrittel­mehrheit souverän, kann beschließen, daß die Mandatsdauer bereits im September abläuft, und den Völkerbundsrat nach den bisherigen Plänen zusammensehen. Ein etwaiger Wider­spruch eines Staates dagegen würde einfach be­seitigt, indem die Zweidrittelmehrheit ihn über­stimmt. Deshalb zog es ja auch Brasilien schon vor, die Frage nicht zum Konflikt fomtaen zu kaffen, sondern in der bekannten Weise sich vom Bunde überhaupt zurückzuziehen. Danach kann die 8. Völkerbundsversammlung den gleichfalls bekannten Vorschlag derStudienlommisfion über tue nichtständigen Ratssitze zum Beschluß erheben und die ganze Ordnung nach ihrem Gutdünken regeln.

Mit dieser formalen Klarheit aber ist es nun nicht getan. Der Widerspruch Brasi­liens ist zwar erledigt und Brasilien hat seinen Austritt aus dem Bund angemeldet. Run hat aber auch Argentinien, wie bekannt, seine Vertretung beim Bunde, seine Mitgliedschast beim Bunde sozusagen suspendiert. Da fein Kongreß nicht tagt, wird es schwerlich im September in Gens offiziell wieder vertreten fein, kann natür­lich auch nicht in irgendeiner Weise gewählt wer­den. So bleibt es von den großen südamerikaiü- schen Staaten bloß Chile. Da man aber Mittel­und Südamerika eine stärkere Vertretung cin- räuinen will, würden noch kleinere Staaten in Frage kommen, was auf Bedenken stößt. So redet man wirklich davon, Brasilien zu bitten, daß es bis zu seinem Austritt einen nichtstän­digen Sih annehme!

Erheblicher sind tiic Fragen Spanien und Polen. Keine von den beiden Mächten hat klipp und klar auf ihren Anspruch, einen stän­digen Ratssih zu erhalten, verzichtet. Sowohl Primo de Rivera wie der spanische Außen« Minister haben allerlei Andeutungen gemacht, ,unb wenn man auch annehmen darf, daß Spanien der Uebertrogung des Ratssihes an Deutschland nicht zuwider ist, und von seiner Seite Schwie­rigkeiten nicht entgegenstehen werden, so sucht man in London und Paris doch nad) Wegen, auf denen hinterher, nach dem Eintritt Deutsch­lands, Spaniens Anspruch befriedigt werden könnte. Man rechnet dabei mit einem gewissen Recht darauf, daß Deutschland gar nichts daran liegt, mit Spanien verfeindet zu sein, daß auch Deutschland gegen Spaniens Mitgliedschaft im Rat niemals war. Was Deutschland der spani­schen Politik vorwirst bezieht sich nur auf die Haltung, die der spanische Delegierte und Bot­schafter in Paris etwa in den Fragen der Saar und sonst stets im Sinne Frankreichs eingenom­men hat.

Schließlich Polen: Sein Außeitminister hat mehrmals vor der Kammer vom Ratssitz gespro­chen. In London nimmt man an, daß Polen gleichzeitig mit Deutschlands Eintritt in den Rat einen der neuen dreijährigen Sitze beansprucht, ja daß es dabei verlangt, gleich und nicht erst nach drei Jahren von der Versammlung als wieder wählbar bezeichnet zu werden. Da es an schönen Schlagwörtern niemals fehlt, drückt man so aus, daß Polen aus diese Weise sich einen ,.semipermanenten" Ratssitz sichern wolle. Dieses Versahren wird natürlich auf Widerspruch in der Versammlung stoßen und kann auch von

vichtungenohnedenvuchstaben R.

f Von Fritz Adolf Hünich.

Wer noch nie etwas von diesem abtoegtgen Kapitel der Dichtkunst gehört hat, wird vielleicht kopfschüttelnd fragen, ob es sich lohne, ihm auch nur einen Augenblick Beachtung zu scheinen. Er wird erstaunt sein, zu erfahren, daß der Trieb, Dichtungen unter Vermeidung gewisser Buch­staben zu verfassen, bis ins graue Altertum zu­rück verfolgbar ist. Schon im 6. Jahrhundert v. Ehr. hat der Dithprambendichter L a f o s eine Hymne ohne den Buchstaben S gedichtet. Es mag eine Laune, eine Spielerei fein, und doch verdient die 'Beherrschung der Sprache, die nötig ist, um solche Kunststücke hervorzuoringen, unsere Be- tounberung nicht minder als die Geduld, die außerdem dazu gehört. Oder ist es etwa eine Kleinigkeit, abgesehen von der rein dichterischen Leistung, wie Restor von Laranda im 3. Jahrhundert n. Ehr. eineIlias ' in griechi­scher Sprache zu schreiben, in bereit 24 Gesängen jeweilig ein Buchstabe nach der Reihenfolge des Alphabets vermieden ist? Ein anderer Sprach­künstler dieser Art tritt uns im 17. Jahrhundert in dem Mönch Cardone entgegen, von dem eine Dichtung über die Macht der Liebe im Um­fang von mehreren tausend Versen ohne Ver­wendung des Buchstabens R im Druck erschienen ist. Auch in Deutschland hatte die eigenartige Liebhaberei Anhänger und Rachahmer gefunden. Don dem Pastor Georg Miller, wahscheinlich zu Augsburg, gibt es ein 1592 in Ingolstadt ge­drucktes Buch:Dreh nützliche und christliche Predigt: Die erste, aufs das neue Iar ohne den Buchstaben L. 11. Aufs das hohe Fest von allen Heiligen ohne das R. 111. Ausf den 20. Sontag nach Trinitatis ohne das R." Auch im 17. Jahr­hundert war diese Sprachspieler ei an gleicher ©teile im Gebrauch, wie die Weihnachtspredigt

Deutschland nicht akzeptiert werden. Das durch­löchert ja von vornherein den Vorschlag Cecils, mit dem Deutschland sich abgefunden hat.

So ist also die Atmosphäre noch keineswegs vollkommen rein. Deutschland kann nicht viel tun. um sie zu klären. Cs ist bisher noch nicht Mitglied, es hat auch nur unter Vorbehal­ten an der Arbeit der Studienkommission teil­genommen. Doch kann man annehmen, daß die Regierung auf diplomalischem Wege jetzt den anbereit beteiligten Stellen nahelegt, wie dringlich eine baldige Klärung ist. Denn darüber besteht kein Zweifel: Rach dem Fehl- schlag im März muh dieses Mal, wenn die deutsche Vertretung in Genf erscheint, alles voll­ständig klar und gesichert sein. Einen nochmaligen Mißerfolg auch nur annähernd im Stile des März kann keine deutsche Regierung irgendwie riskieren. Da man in London und Paris auch begriffen hat, wie oberflächlich man im Früh­jahr die Sache vorbereitet hat. wird man jetzt etwas mehr Sorgfalt anwenden. Rachdem die französische Regierungsirise vorläufig überftan- den ist, haben ja auch Briand und Poincare etwas mehr Zeit, sich diesen Angelegenheiten zu widmen.

In dieser Woche, in der das Kabinett zu einem Teil wenigstens in Berlin ist, der Außen- mlnifter desgleichen und auch der Reichspräsi­dent, wird diese Genfer Angelegenheit erörtert werden. Die Minister werden hören, wie weit die Klärung der bezeichneten Schwierigkeiten ge­diehen ist, und sie werden hoffentlich auch recht nachdrücklich fragen, was nun die mancherlei Be­mühungen in Sachen der Besä Yungs- und Rheinlandsfragen zustande gebracht ha­ben. Worum es dabei geht und worauf es dabei ankommt, wollen wir heute nicht wiederholen. Daß auch darüber eine, milde ausgedrückt, Schwierigkeit, vielleicht sogar mehr, vor und in Genf entstehen kann, braucht nicht wiederholt zu werden.

Wir können nicht sagen, daß diese ganze Be­handlung besonders erhebend ist. Sie hat zudem einen sehr großen Rachteil. Diese Unklarheit verhindert, daß sich die deutsche Regierung über die recht schwierige Frage der Vertretung beim Völkerbund, zunächst also bei der Ver­sammlung entscheidend klar wird. Auch darüber wird wohl in der Kabinettssihung am 13. gespro­chen werden.

Es dreht sich nicht nur um die Frage, wer neben dem Außenminister und vielleicht auch dem Kanzler (wenn nämlich der englische Pre­mierminister in Gens erscheint) für Deutschland gewissermaßen die Honneurs der Einlrittsfeier- lichkeiten macht. Die Tagesordnung enthält nicht nur diese, allerdings wichtigste. Frage des deut­schen Beitritts. Sie enthält z. B. auch die Ab« r ü st u n g s s r a g e. Zur Verhandlung wird wei­ter kommen der Einspruch Abessiniens ge­gen den englisch-italienischen Vertrag über dieses Land, der die ganze nordafrikanische Ko­lo n i a I f r a g e, wenn nicht aufrollt, so doch als Hintergrund hat. Deutschland hat da gewiß nicht von vornherein entscheidend Stellung zu nehmen, aber überlegen muß es sich auch schon, wie es sich dazu verhält.

Eine andere wichtige Frage betrifft die Dölkerbundsan leihe für unseren Verbün­deten aus dem Weltkriege, für Bulgarien, die mit 2'/< Millionen Pfund ihm zur Verfügung gestellt werden soll. Das ist eine besondere Form, in der schließlich ja auch die Repara^ tionsfrage für Bulgarien geordnet würde. Bul­garien stellt mit einem gewissen Stolz fest, daß es unter den Besiegten das einzige Land sei, das die sinanziellen Bedingungen des Friedens­vertrages zu erfüllen vermöge. Soweit das richtig ist, ist es nur mit außerordentlicher Be­lastung der Bevölkerung möglich gewesen, die ein wesentlicher Grund für die fortdauernde Unruhe und Gärung in Bulgarien war. Aber natürlich bleibt dann, wenn man es so berechnet, nichts für dringende materielle und kulturelle Aufgaben des Landes übrig, die ihrerseits wieder sehr stark in der Flüchtlingsfrage zusammenlaufen. Der Völkerbund will Bulgarien eine Anleihe für Kolonisation und Investition zur Verfügung stellen, ähnlich wie Oesterreich und Ungarn, und man hofft auf diese Weise, daß mit der Be­ruhigung der Verhältnisse und der Bekämpfung der Flüchtlingsnot wesentliche Schritte getan wer­den können, um eine bekannte uralte Balkan­streitfrage, nämlich die mazedonische, einiger­maßen in Ordnung zu bringen. Auch da hat Deutschland nicht in der ersten Reihe mit zu stehen, aber die Sache interessiert uns unter den verschiedensten Gesichtspunkten und muß des­halb auch studiert werden.

ohne R des Magisters und Rektors U h s e be­weist. Das erste Beispiel der Uebertragung in die deutsche Dichtung bietet der Hamburger Dichter Darthold Heinrich Brockes, der in einem Ge­dichte seinesIrdischen Vergnügens in Gott" die auf ein starkes Ungeteilter erfolgte stille lautmalerisch durch R-lose Verse darstellt, em Versuch, von dem Wieland schrieb, er beweise, daß unsere Sprache so hart nicht ist, als man ihr vorwirft! oder daß die wenigstens einen Uebersluß an weichen Wörtern hat und milde genug ist. sich in sehr sanfte Formen gießen zu lassen." Der Dichter aber, mit dessen Hamen die deutsche Dichtung ohne R vorwiegend verbunden wird, heißt Gottlob Wilhelm Dur mann (1737 bis 1805). Er ließ 1788Gedichte ohne den Buch­staben R" erscheinen, von denen im Jahre 1796 eine zweite Auflage nötig wurde. Seine Absicht war, die deutsche Sprache in einem ganz weichen Dialekt kennenlernen zu lassen, weil sie sich wirk­lich ganz anders ohne R als mit R mache Da­neben hat er seine Gewandtheit auch an kleinen Erzählungen erprobt, in denen noch anderen. Buchstaben der Garaus gemacht wurde. Wenn er glaubte, keine Rachahmer befürchten zu inüssen. so gab ihm die Zukunft in seinem eigentlichen Element, der Lyrik, recht: auf dem Gebiet der Prosa aber fand er einen Rachfolger, der mit ebensoviel Geschick als Erfolg den schwierigen Stoff meisterte. Im Jahre 1813 veröffentlichte der Privatgelehrte Dr. Franz Rittler gleich zwei Romane dieser Gattung auf einmal: 1.Li- fettc und Wilhelm. Eine Erzählung oder Versuch, aus 44 aufgegebenen Worten eine zusammen­hängende Geschichte mit Vermeidung des Buch­stabens R zu schreiben." 2.Die Zwillinge. Ein Versuch, aus 60 auf gegebenen Worten einen Roman ohne R zu schreiben." Der Beifall, den die zweite Erzählung fand, war so groß, daß sie zwei Jahre später neu aufgelegt werden muhte und 1820 eine dritte Auslage erlebte,

Sehr viel näher aber geht uns eine andere Frage an. Der Verfall des französifchen Fran­ken hat auch auf die Währungsverhäktnisfe im Saargebicl zurückgewirkt. Es ift ein merk­würdiger Umschlag, als die deutsche Währung im Sinken war, schien der ilebergang zum Fran­ken im Saargebiet eine Sicherung und Rettung zu fein. Jetzt hat sich die Sache gerade um­gekehrt: die deutsche Mark steht fest und die Zugehörigkeit des Saargebiets zu Frankreich in der Währung ist von katastrophaler Wirkung für dieses an sich schon zur Genüge mißhandelte Land. Das Saargebiet hat sich darum auch an den Völkerbund gewandt und die Frage dürste auch zur Erörterung kommen. Daß sie Deutsch- land im allerhöchsten Maße interessiert, daß ge­rade eine besondere Wahrnehmung der Saar- interessen als Grund für eine notwendige Mit­gliedschaft Deutschlands im Völkerbund betont wurde, ist ja bekannt.

Das sind ein paar der wichtigsten Punkte dieser Tagesordnung. Sie wurden nur gestreift zum Beleg dafür, daß es für die deutsche Po­litik allmählich höchste Zeit wird, sich auf diese Dinge, die nun einmal an uns herankommen, auch wirklich einzurichten. Daß die Fragen ein sehr gründliches Studium verlangen, liegt auf der Hand. Ebenso, wie erschwerend es für Deutschland ist, daß es in diesen Kreis ein­treten soll, ohne jede Vertrautheit mit den Ge­schäften, der Tradition, dem ganzen Drum und Dran, was man eben in einer großen Organi­sation nur lernt, wenn man darin ist und wenn man an ihren Arbeiten teilnimmt. So ist die Frage der Vertretung Deutschlands in Genf im Völkerbund überhaupt eine Frage geworden, die nunmehr der schnellsten endgültigen Regelung und Entscheidung harrt!

Die Spannung in Osteuropa.

Eine militärpolitische Betrachtung unseres K.-Mitarbeiters.

Die russische Presse, voran die Moskauer Prawda" hat in letzter Zeit wiederholt die Po­litik Polens angegriffen, das im Dienste des englischen Imperialismus die Randstaaten mit allen Mitteln, im schlimmsten Falle mit Gewalt von einer Annäherung an Rußland abhalten wolle. In diesem Zusammenhang tauchen immer wieder Rachrichten von polnischen Truppenan­sammlungen an der Grenze Litauens auf, das ja allein den polnischen Absichten nicht gefüge ist und seit einiger Zeit Anlehnung an Ruß­land zu suchen scheint. Rußland fürchtet, daß der von England um die Sowjetunion geschmie­dete Ring nun auch im Westen geschloffen wer­den soll.

Die militärische Krast eines Bundes der Randstaaten unter formeller Führung Polens ist in der Tat selbst für das Riesenreich der Sowjet­union nicht ohne weittragende Bedeutung. Wird Rußland von allen Seiten gleichzeitig angegriffen, so wie es für den Fall einer kriegerischen Aus­einandersetzung zweifellos der Absicht der über­legenen englischen Diplomatie entspräche, so ist es in derselben verzweifelten Lage, wie Deutschland im Weltkrieg

Allen westlichen Rachbarn Rußlands von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer ist gemeinsam, daß sie dem Ausbau ihrer Wehrmacht unver­hältnismäßig viel £raft und Mittel opfern Der Grund dazu liegt in der gemeinsamen Sorge, eines Tages wieder von dein Koloß Rußland verschlungen zu werden.

Wenn wir im Horben beginnen, so zeigt schon Finnland das Bestreben, seine Selb­ständigkeit durch eine der Große des Landes und feiner Einwohnerzahl entsprechende Wehr­macht zu sichern. Cs gibt auf den Kopf der Bevölkerung jährlich H Mark aus und setzte 1925 11,6 Prozent der Gesamtausgaben für He eres- zwecke in den Haushaltsplan ein. Bei einem Flächeninhalt von 337 000 qkm und einer Ein­wohnerzahl von 3,5 Millionen verfügt es im Flieden über 1600 Offiziere, 26000 Mann, etwa 140 Geschütze, 1200 Maschinengewehre, 35 Kampf­wagen und 80 Flugzeuge: im Kriege kann ein Heer von 200 000 ausgebildeten Mannschaften aufgestellt werden. Es besteht die allgemeine Wehrpflicht und die einjährige Dienstpflicht bei den Fahnen Heben dem stehenden Heere ist zur Landesverteidigung das sog. Schuhkorps in Stärke von 100 bis 120 000 Mann gebildet, das unter militärischer Oberleitung und, mit Unter­stützung durch staatliche Gelder, Waffen und Gerät, die vaterländisch gefilmten Kreise bc^ Bevölkerung zu militärischen Ausbilbungszwecken zusammensatzt. Häufig finben gemeinsame ilebun-

die um eine FortsetzungEmma und Gustav von Falkenau" vermehrt war. Wenig später sehen wir auch Rückert im dichterischen Spiel mit dem R. In seiner Uebersehung derMakamen des Hariri" (1826) tritt ein Mann auf, der das R nicht aussprechen kann. Der Landpfleger teilt seine Ditte, ihn in dxe Heimat zu entlassen, nur erfüllen, wenn er ein Bittgesuch einreicht, in dem der seinem Munde versagte Buchstabe nicht vorkommt. Er verfaßt darauf ein Gedicht ohneR. Daß eine literarische Mode wie diese auch ihre Gegner gehabt hat, ist selbstverständlich. So läßt der schwäbische Epigrammatiker Haug 1805 dem Dichter auf seine Worte:

.,Ich dichte nun, mein Herr feit zwanzig Wochen täglich zwei Strophen ohne R.

Das ist unendlich schwer." entgegnen:

Ich wollt, es wär unmöglich."

Wenn in unseren Tagen Kunststücke wie die hier besprochenen gelegentlich, z. B. durch Paul von Schonthan, teieberauflebten. so sind sie nie­mals mit dem Anspruch auf ernstliche Beachtung wie ihre Vorgängerinnen aufgetreten.

Beginn der Heidelberger Festspiele.

In Heidelberg begannen unter außerordent­licher Beteiligung eines kunstverständigen Pu­blikums die von Gustav Hartung geleiteten Fest spiele mit einer Freilichtaufführung des ,.S o m m e r n a ch t s t r a u m s" im Hof des Hei­delberger Schlosses. Den Voraussetzungen für ein Freilichtspiel kommt die Landschaft, der Platz in den Schloßruinen, der Wiese, Busch, Fels und weites Portal vereinigt, sehr entgegen. Die Regie erkannte mit Recht ihre Hauptaufgabe darin, die Beziehung von Schauspiel und Landschaft durch

Samstag, 7. August 1926

gen mit dem Heere statt: auch wird das Schuy- koxps zur Entlastung des stehenden Heeres zum Wach- und Arbeitsdienst eingeteilt. Der Wert der finnischen Wehrmacht leidet erheblich unter den Gegensätzen, die innerhalb des Offiziers­korps zwischen den Offizieren schwedischer und finnischer Abstammung bestehen. Während dieser Gegensatz sich besonders auf gesellschaftlichem Ge­biet auswirkt, greift die gegenseitige Abneigung zwischen den sog. Iägeroffizieren. die während des Krieges ihre Ausbildung in Deutschland erhielten, und den ehemals .zaristischen Offizieren auf das dienstliche Gebiet über; es ist doch ein recht bedenkliches Zeichen für eine Armee, daß die Jägeroffiziere schon einmal geschlossen mit ihrem Rücktritt drohten, um ihren Wunsch auf Beseitigung der ehemals russischen Offiziere durchzudrücken.

Für den Fall, daß Rußland auf finnischem Gebiet sich Flottenstützpunkte schassen will, glaubt Finnland offenbar, sich auf den Schuh Englands völlig verlassen zu können, denn es verzichtet auf den Bau einer Flotte, es besitzt lediglich zum Küstenschutz einige 20 Torpedo-, 4 Untersee uni 7 Kanonenboote. Der Hasen von Abo soll als Stützpunkt auch für die Flottenstreitkräfte fremder Mächte großzügig ausgebaut werden. Es wirft ein interessantes Licht auf die politische Lage, daß zur Prüfung gewisser Fragen, z. D. der des Küstenschutzes und des Daus einer Luftflotte sich im letzten Jahre' eine englische Militär- mission in Finnland aufgehalten hat. Auch schei­nen noch jetzt englische Generalstabsvffiziere an maßgebender Stelle alsScrater verwendet zu teerten.

Während Rußland, um Finnland von den übrigenRandstaaten zu trennen, immer wieder be­tont, daß die finnische Selbständigkeit eine abge­schlossene Tatsache und unantastbar für Rußland sei, haben Estland und Lettland derartige Aeußerungen noch nie zu hören bekommen

Estland hat bei einer Einwohnerzahl von 1.1 Millionen und einem Flächeninhalt von 43 000 Quadratkilometer ein Friedensheer von 1600 Offi­zieren. 18 500 Mann unter Waffen, mit 100 Maschinengewehren, 70 Geschützen, 60 Flugzeugen und 20 Kampfwagen. An Kriegsmaterial herrscht kein Mangel, daher wird die Ausstellung einer Feldarmee von 100 000 Mann im Kriegsfall keinerlei Schwierigkeiten bereiten.

Die allgemeine Wehrpflicht führt dem Heer jährlich 12 000 Rekruten zu, die P/_. Jahre bei den Waffen stehen. Das Offizierkorps ist gut und einheitlich, die Mannschaft von glühender Vater­landsliebe beseelt und intelligent. 19 Prozent der Gesamtausgaben werden für die Wehrmacht aufgewendct. Wie Finnland hat Estland neben dem stehenden Heere ein Schuhkorps, das hier die militärische Jugenderziehung in der Hand hat. Es umfaßt 20 000 Mitglieder und wird von Regierung und Heer in jeder Weise unterstützt. Die Marine, bestehend aus 2 Zerstörern. 1 Torpedoboot, 3 Kanonenbooten und einigen kleineren Fahrzeugen, hat wenig Dedeutung. Der Kriegshafen Reval wird zur Zeit neu belästigt und erweitert. England soll die große Revaler Werft von Estland käuflich erworben haben.

Hoch größere Leistungen für die Wehr­macht verlangt Lettland von der Haften. 26 Prozent der Gesamtausgaben kamen 1925 dem Kriegswesen zugut. Dei einer Einwohnerzahl von 1,9 Millionen und einem Flächeninhalt von 65 000 Quadratkilometer wird ein Friedensheer von rund 20 000 Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften unterhalten, das über 750 Ma­schinengewehre, 110 Geschütze, 25 Kampfwagen und 30 Flugzeuge verfügt. Im Mobilmachungs­fall wird ein Feldheer von 150 000 Mann auf« gestellt werden können. Bei allgemeiner Wehr­pflicht dauert der Waffendienst l1/? Jahre. Das Offizierkorks ist gut ausgebildet und wohl diszi­pliniert. Ebenso ist der lettische Soldat tüchtig und vaterländisch gesinnt. Die lettische Jugend wird pflichtrnähig unter Anleitung des Kriegs- Ministers in den verschiedensten Verbänden auf den Waffendienst vorbereitet. Die Marine ift ohne Bedeutung. Vorgesehen ist der Dau von 2 Kreuzern, 4 Zerstörern, 4 U-Booten und einer Anzahl Wasserflugzeugen. Riga und Libau wer­den neu befestigt. Lettische Marineoffiziere find zu ihrer Ausbildung an die Marineschule Tou­lon fonunanbiert

Wesentlich geringeren Kampfwert beicht die litauische Wehrmacht. Rein zahlenmäßig ist sie bei etwa der selben Einwohnerzahl etwas stärker als die lettische. Dos Friedensheer be­steht aus 1300 Offizieren, 20 000 Unteroffizieren und Mannschaften mit 950 Maschinengewehren, 64 Geschützen, 35 Kampfwagen und 45 Flug­zeugen. Im Krieg stehen 200 000 ausgebildete

Belebung des weiten Raumes mit Tanzgruppen, deren Kern die Schule von Kurt Icos war, her- zustellen. Dadurch wurde das Spiet bewußt vorn Geistigen weg ganz ins Sinnliche, Tänzerische. Phantastische abgeteantelt. Die Handlung tritt zurück vor der Schau, wurde fast nur Zwischen­spiel, aufgelöst in einzelszenische Bilder. Durch die Auflösung traten die Szenen tänzerischen Cha­rakters besonders hervor.

Im ganzen hat der Regisseur, Gustav Har­tung, verstanden, starke Eindrücke zu vermitteln. Doch blieb irgendwo ein Rest, die Beseelung, die Unmittelbarkeit, die gänzliche Zusammensaffung und letzte Belebung des Spielerischen, die uns vergessen gemacht hätten, daß dies nicht der traumhafte Sput einer Sommernacht, sondern Theater sei. Die szenische Lösung des Freilnht- bühnen-Problems ist Hortung glänzend gelungen. Der Raum wurde überwunden durch die immer- währende Belebung und Verteilung der Gruppen von Tänzern und Statisten.

Die Darstellung war einer Schar der besten deutschen Schauspieler an vertraut, aus denen bc- sonders hervorragten: Gerda Müllek Puck, Heinrich George als Oberon (ein sehr kühnes, aber glänzend gelungenes Experiment, den männ­lichen Schauspieler Oberon spielen zu lassen, den sonst nur Frauen oder jugendliche Liebhaber dar- gestellt haben), Elisabeth Lennarts als Ti­tania und Otto Wernicke als Zettel.

Krenek hat eine neue Begleitmusik kompo­niert, die weniger zart und lyrisch als Mendels­sohn, dafür aber schärfer rhythmisch ist, weniger zu beschwingen als zu unterstreichen sucht, nicht so sehr aus den Sphären kommt wie aus dem Wa Ido öden.

Der Beifall war sehr heimlich. Ihm dankten neben den Spielern der Regisseur. Gustav Har­tung, und der Dirigent Hermann Scherchen.

Dr. A.K.