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Samstag, 6. November 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberheffen)

Nr. 261 Drittes Blatt

Nachdruck verboten.

86 Fortsetzung.

em. fein ihm flc- das

zum auf

Außenpolitische Umschau.

Don Professor Dr. Otto H o e h s ch, M. d. R.

Kürzlich hat der demokratische Reichsinnen- Minister Dr. Külz gesagt, es gelte jetzt, zwi­schen Deutschland und Frankreich reinen Tisch zu machen, dabei verbleibe in Deutschland kein Raum mehr für eine interalliierte Militärkon- trolte, sowie für die weitere Besetzung von Rhein und Saar. Das ist vollkommen richtig. J2l6er während die Frage der weiteren Besetzung von Rhein und Saar an sich mit der Locarno- und Thoirypolitik zusammenhin^ und zusammen- hängt, hätte mit der Mrlitärkontrolle längst reiner Tisch gemacht werden müssen und auch können. Der Zustand ist unerträglich, wenn wir über Fragenkomplexe, wie den von Thoiry sprechen sollen, und wir uns immer noch mit einer Kontrolle herumschlagen müssen. Es ist Aufgabe und Pflicht der deutschen Außenpolitik, dafür Sorge zu tragen, daß spätestens bis zum Zusammentritt der nächsten Sitzung des Dölker- bundsrates diese Sache besettigt wird und die interalliierte Militärkontrolle vom deutschen Bo­den verschwindet.

InEnaland geht der Dergarbeiterstreik zu Ende. Die Liquidation jenes Streikes ist für

die Auhenpolitik ohne Bedeutung, um so wichtiger für die Wirtschaftslage Europas. Hat drKh der unnatürliche Kohlenbedarf Englands feit einem halben Jahr günstig auf Frankreich, Belgien, Deutschland, ganz besonders Polen gewirkt und alle diese Länder haben sich nun gerade in kriti­schen Wintermonaten auf den Umschlag dieser Konjunktur einzurichtenl Dagegen sind die Par­teikämpfe in Frankreich wenigstens auf den ersten Blick von Bedeutung für die Auhenpolitik. Doch scheint das mehr so, als es der Fall ist. Die Auseinandersetzungen zwischen und in der Linken sind eine Angelegenheit Frankreichs, des­sen Auhenpolitik in der zwangsgegebenen Verbin­dung mit der Finanzpolitik festliegt. Auch P o i n c a r e sieht, wie wir annehmen, das *:~ Ratürlich sucht er so viel wie möglich für Land herauszuschlagen und glaubt mit der eigenen hinzögernden Taktik Vorteile zu Winnen. Aber das Beispiel Belgiens,

Das große Würfelspiel

Markina Dilemar.)

Roman von Franz Laoer Kappus.

soeben seine Wahrung stabilisiert hat, zeigt Üe6erfluö noch einmal, dah es eben nur einem Wege geht: der Durchführung des Gleich­gewichts im Budget, der Anerkennung der Schulden, der Ausländsanleihen. Gewiß könnte Frankreich mit fernem riesigen Geldvorrat und einem heroischen Entschluß seine Währung schließlich auch aus eigener Kraft stabili­sieren, Deutschland hat cs ja 1923 auch fertig gebracht. Aber zu dem heroischen Entschluh reiht Poincare sein Volk nicht mit sich, vermutlich weil er das auch gar nicht will. Urtf) dabei bleiben wird nach den Erfahrungen aller dieser 3aljrc und einzelnen Währungsstabilisierungen: dab eine Währung dann auch nur durch die Auslandan­leihe zu halten ist und in der Verbindung mit ihr allein eine zuverlässige Stabilisierung möglich ist. Dies hängt für Frankreich vom Schulden- abkommen ab. Darüber wird geredet, vor Januar wird die Entscheidung nicht fallen. Aber

man sieht nicht, dah es für Poincare eine andere Linie gebe. Aus dem Retz, das Dawes-Plan und Locarnovertrag auch über Frankreich gelegt haben, kommt er nicht heraus, und stärker als der stärkste Cinzelwille, der in die Vergangenheit schaut, sind die Verhältnisse der Gegenwart, die die Stabilisierung des Franken erzwingen, die aber eben aus dem Wege einer friedlichen Außenpolitik nröglich ist, worin nach unserer Lieberzeugung heute begründet ist, dah Driand, seiner öffentlichen Meinuirg und seinem Volke in der Erkenntnis dieser Zusammenhänge weit voraus, doch ein natürliches Llebergewicht in jein em Volke hat gegenüber Poincarä.

Das Llnruhernornent bleibt dann, wenn wir nur den Westen im Auge halten, nach wie vor

außenpolitischen Neuorientierung führt daher Un­garn stets aufs neue zu der Erkenntnis, daß nur die Revision der Friedensvettrage zur politischen Unab­hängigkeit, zur Zerreißung des würgenden Bandes führen kann. Dieses Problem auszurollen, ist Un­garn zu schwach. Für Ungarn scheint demnach eine äußere Politik rötlich zu fein, die sich zur Solidarität der Opfer des Krieges bekennt.

Unerträglich wurde die Kälte.

Drüben fuhr eine Autodroschke vor. Zwei Krauen und em Mann verstauten einen gelben Rohrplattenkoffer. Drei Lederhandtafchen folgten, vier Hutschachteln, ein Reisenecessaire. Eine schlanke, dunkel gekleidete Dame trat aus dem Tor. Rasch stieg sie in den Wagen. Eine kleine Hand winkte noch zum Fenster heraus, als das Auto schon lange fuhr. Wem winkte die Hand?

Die Blicke Kreuths kletterten das Haus hinauf. In der ersten Etage standen zwei verpackte Gestalten auf einem Balkon. Ein weißes Tuch wehte. Kurz wirbelte ein sonderbar leuchtender, halbnackter Arm durch die Lust.

Kreuth wußte genug. Lily zog wieder in die Welt hinaus. Die Mutter und Martina sandten ihr Abschiedsgrüße nach. Immer noch hingen die Augen Kreuths an der weißen Glastür, die sich längst wieder geschloßen hatte. Mattina lebte also. Martina hatte auf dem Balkon gestanden, kaum Big Meter von ihm entfernt; höchstens eine

Stunde mußte vergehen, bis sie auf der

36 war. Merkwürdig beklemmend legte sich das Bewußtsein aus die Brust. Etwas wollte jubeln und konnte nicht. Etwas versuchte sich aufzulehnen und erstickte.

Nacy zehn Minuten erschien Martina im Haustor.

Mit gewaltigen Sprüngen überquerte Kreuth den rechten Fahrdamm. Eine Sekunde später stand tr hochatmend vor ihr.

Zwei, drei Herzschläge lang starrte Mattina ihn an. Dann formte sich ein ungewisses Lächeln, bann flog ein kleiner, heißer Schrei von ihren Lippen, dann lispelte sie etwas und sagte am Ende wie seuf­zend:Da bist du also, Benno."

Unbekümmert um die Passanten, ttß er sie an pch.Mein Mädel, du!" Seine Küsse brannten.

Komm doch", sprach Martina. Rasch schritt sie .toys. Stockend wiederholte sie:Da bist du endlich." Wieder und wieder warf sie das Anllitz herüber. { llGonge wach du sott, Benno. Länger als ein Jahr."

reich. Eher wäre eine Verständigung mit Rum ä- n i e n denkbar. Rumänien hat sich zuletzt erst nach dem erften Restaurationsversuch dem in Prag und Rom ausgeheckten Bündnis gegen Ungarn angeschlosien. Beide Staaten sind innerhalb des großen germanisch-slawischen Ringes einigermaßen isoliert. Rumäniens Beziehungen .zu Rußland belastet die beharabische Erwerbung, Ungarn leidet noch hnmer unter den Wühlereien der Kommunisti­schen Internationale und Rußland hat den Zu­sammenbruch des roten Ungarn nicht verwunden. Die russische Gefahr ist aber doch für Rumänien größer als für Ungarn. Der Risikounterschied sollte daher, nach ungarischer Ansicht, durch die H e r a u s- gäbe einiger ehemals ungarischer Ko­rn it a t e ausgeglichen werden. Dagegen würde sich Ungarn mit Rumänien in einer Personal­union unter KönigFerdinand zusam- menschlichen, so daß die Machtsphäre des rumäni­schen Herrschers keine territoriale Einbuße erführe. Private Interessen in Siebenbürgen begüterter un­garischer Adeliger mögen bei dem Projekte auch eine Rolle spielen. Es scheint, daß dem König die Aus­sicht auf die St.-Stephans-Krone geblendet hat. Aber in dem Augenblick, da er seine Trä> me in die Tat umsetzen wollte, meldeten sich die Schwierig­keiten zu Worte. Die rumänischen Liberalen furchten den Einfluß derreaktionären" ungarischen Politik. Die siebenbürgischen (ehemals ungarischen!) Bauern besorgen eine Regelung der Agrarfrage zu­gunsten der Großgrundbesitzer. Und alle Alt-Ru­mänen glauben, daß in einer solchen Union das Schwergewicht auf den kulturellen, politisch und wirtschaftlich höherstehenden ungarischen Staat über­ginge. DerAdeverul" hat recht, wenn er feststellt, daß der Antrag von ungarischer Seite ge­stellt worden ist und daß sich aug'-nblirflid) un­überwindliche Schwierigkeiten ergeben haben. Wie diese zu beseitigen wären, wird nicht gesagt und ist auch nicht zu erkennen.

In Ungarn waren es hauptsächlich A r i ft o - traten, die den Plan der ungarisch-rumänischen Personalunion betrieben haben. Die kleinen Land­wirte und die Rechtsradikalen um Gömbös haben dagegen stets ganz andere außenpolitische Ziele verfolgt. Ursprünglich von dem Wunsche beseelt, einen Nachbarstaat gegen die Legitimisten zu mobili- fieren (Rumänien schien hierfür aus naheliegenden Gründen nicht geeignet) und für die eigenen Ab­sichten zu gewinnen (wofür wieder die Tschecho­slowakei nicht zu haben wäre), wandten sie ihr In­teresse Jugoslawien zu. Nach dem Scheitern der rumänischen Kombination sind auch amtliche ungarische Kreise auf den Gedanken einer Entente mit Jugoslawien verfallen. Außer dem allgemeinen Grunde, quer durch die Kleine Entente politisch den Weg ins Freie zu finden, lassen sich für eine ungarisch-jugoslawische Annäherung auch besondere Momente geltend machen. Das Königreich der Ser­ben, Kroaten und Slowenen hat sich, von allen Nachfolgestaaten, die wenigsten Magyaren einver­leibt. Die Kroaten waren schon vor 1918 nur durch einen besonderen Ausgleich (1868) an Ungarn ge­bunden. Weltwirtschaftlich kann Ungarn bloß zum Mittelländischen Meere streben. Beide Wege dahin über die Adria und das Aegäische Meer führen durch Jugoslawien. Aber sobald der Gedanke einer ungarisch-jugoslawischen Entente genauer prä­zisiert, sobald Dor- und Nachteile ausgeglichen wer- den sollen, zeigt sich, daß sich auch diese Politik vor- läufig in frommen Wünschen und allgemeinen Re­densarten erschöpft. Was Jugoslawien brauchte, ist eine Stütze gegen Italien. Die kann und will Ungarn nicht gewähren. Dann: so brüchig die Kleine Entente auch schon ist, so uneinig ihre Mit- glieber in den meisten neuaufgetauchten Fragen sind in einer Frage sind sie noch eins: in dem Ge­danken der gegenseitigen Sicherung ihres auf Kosten Ungarns erworbenen Besitz­standes. Ungarn müßte also durch das kaudinische Joch der Kleinen Entente gehen, wollte es von Jugoslawien irgend etwas erreichen. Gewinn und Verlust stehen auch hier in keinem annehmbaren Verhältnis.

Alle diese Pläne scheitern an dem Lebensprinzip der Staaten, mit denen sich Ungarn verbünden oder sonstwie verständigen wollte. Sie sind zum Teile aus Ungarn e n t ft a n b e n. Daß sich an dieser Daseinsgrundlage nichts ändere, ist ein gemeinsames Interesse aller drei gegen Ungarn! Mehr noch, es ist auch ein Interesse der großen Kriegsgewinner, die wissen, daß entweder alle Friedensverträge unver­sehrt bleiben werden oder keiner. Jeder Versuch einer

Italien. Mtt Stolz, mit berechtigtem Stolz hat es soeben den vietten Jahrestag des Marsches auf Rom festlich begangen, aber das Atten­tat von Bologna hat wieder gezeigt, daß der Staat trotz der Ordnung und Disziplin, trotz seiner Organisation und sehr inter­essanten staatlichen Regelung des Verhältnisses von Kapital und Arbeit im Innern nicht völlig gesund ist. Gewiß ist es spattanisch, dah heute Italien als einziges Land Europas wieder Kttegsbrot iht: das Brot in Moskau ist weit besser und wohlschmeckender als das in Mailand. Dewih leuchtet es zunächst ein, dah diese hatte erzieherische Maßnahme durch- gesühtt wird, um einen Passivposten der Einfuhr, die Weizeneinfuhr, möglichst zu beschränken, und die Att und Weise, in der sich das Volk dem fügt, nötigt Bewunderung ab. Aber einen Sinn in heutigen friedlichen Zetten für ein Land dieser natürlichen Reichtümer, dieser wittschast- lichen Kraft und dieser Bedeutung hat diese Mahnahme nicht. Lind an dieser Aeuherlich- feit, an dieser Einzelheit ist schon gezeigt, dah eben der Staat Italien das richtige Gleich­gewicht noch nicht gefunden bA und noch nicht die richtige internationale, weltwirtschaft­liche und weltpolitische Stellung.

Daraus aber kommt es uns an! Cs ist Sache Italiens, wie es sich im 3nnotm mit dem Faszismus einttchtet, und Mussolini selbst, in dem das ganze System ganz persönlich sich ver- lörpert und gipfelt, hat hervorgehoben, dah dieses System etwas Italien eigenes, etwas Originales fei und dah es nicht anderswo ohne wettereS nachgeahmt und nachgemacht werden könne. Wir wünschen währhaftig, dah dieses jugendkräfttge Volt, dessen Arbeitsenergie jeder Besucher heute namentlich im Rorden Italiens spütt, die ihm zufommende Stellung in der Welt erränge. Ge­rade deshalb aber ist die Bilanz der Auhen­politik, die Mussolinis Botschaft zog, fo lücken­haft! Entscheidende Erfolge auf dem Wege zu den bekannten Zielen vermag fie nicht aufzu­zählen Andererseits führt diese Stimmung, na­mentlich wenn fortwährend Attentate das Leben des tatsächlichen Beherrschers von Italien be­drohen, zu Ausbrüchen, die man natürlich voll versteht, die aber gefährlich für den Frieden von Europa werden können

Daran spitzt sich nun das Verhältnis zu, auf das es anfommt. Seitdem das geeinte Italien besteht, ist wegen seiner Küste und Lage am Mittelmeer sein Verhältnis zu England ge­geben, als ein ganz feststehender Faktor. Die Faktoren aber, zwischen denen es stand und steht, sind Frankreich und Deutschland. Und wie Italien nur gegen Frankreich seine Einigung abschloh, so wird der Wiederaufstieg dieser dtttten Großmacht Europas heute und kün'tig auch nur im Gegensatz gegen Frankreich möglich und denk­bar sein Dieser Gegensatz ist in jeder Weise begründet: geographisch und wirtschaftlich, in Volkskraft hier und Stagnation dott, wirtschaft­licher Expansion und wirtschaftlicher Beharrung oder wie man das sonst formulieren will. Will ihn Italien mit Gewalt zum Ausdruck bringen? Offensichtlich ist das in der heutigen Weltlage nicht möglich. Bleibt also nur eine kühle, über­legte und auf weite Sicht arbeitende Politik, di« die Interessen Gleichgettchteter zu gewinnen weih und überall den eigenen Vorteil zu fördern versteht An der Att, wie die Tanger- und Marokkofrags läuft, hat sich «aber gezeigt, wie wenig di« italienische Auhenpolitik das versteht. Man fühlt ihr an, dah sie mit Frankreich zu etwas kommen möchte, dah sie versucht, gleichzeitig in Paris und Berlin zu spielen, und so etwaige Rachteile aus der deutsch-franzöfifchen Verständigung heraus wett zu machen Aber die Att. in der die italienische Anregung einer Begegnung Dttand- Mussolini von Patts aus behandelt worden ist. zeigt, wie unendlich überlegen in der politischen Führung das virtuell schwächere Frankreich ge­genüber Italien ist. Ünd jetzt platzt in diese Lage das Attentat von Bologna und das Auf- lodern einer leDenschaftlichen Stimmung aus Italien wiederum gegen Frankreich, schon mit Zwischenfällen!

Wie lange wird Mussolini diese Stimmung wirklich fest in der Hand behalten Binnen? Ihre Gefahren sieht er ohne Zweifel, darin ist er viel zu kühl und realpolittsch. Aber dergleichen

Ungarn-Rumänien-Jugoflawien

Don unserem ^.-Korrespondenten.

B u d a p e ft, Ende Oktober 1926.

Der Plan einer ungarisch-rumänischen Personalunion ist so alt wie der Trianoner Vertrag. Als ihn dieser Tage der Mailander Secolo" in einer Art erörterte, die an kürzlich ge­führte Verhandlungen glauben lassen konnte, mel­dete sich auch einmal eine einigermaßen kompetente rumänische Stimme zum Worte. Der Bukarester Adeverul" stellte fest, daß ein solcher Antrag tat­sächlich von ungarischer Seite gestellt worden sei, die ungarischen Bedingungen aber augenblicklich für Rumänien unannehmbar gewesen waren. Fast zur gleichen Zeit hat der ungarische Honvedmimster Graf Csaky in ein ganz anderes Horn gestotzen Gelegentlich der Fünfhundertjahrfeler der Schlacht von Mohacs hatte der Reichsverweser Admiral von Hort Hy die Welt mit einer Festrede überrascht, die Jugoslawien wenig verschleiert zu einem freundlichen Einvernehmen mit Ungarn einlud. Der Belgrader Außenminister hatte diese Aufforderung vor Vettretern der Presse, mit sehr höflichen Wor- ten quittiert. Graf Csaky hat nun in einer Wahler- versammlung beide Reden dahin resümiert, daß eine u n g a r i s ch - j u g o s l a w l s ch e Verstän- digung auf dem Wege sei: in der Morgenröte einer neuen Zeit zeige fleh ein ungarischer Hafen in der Adria! Wie reimt sich all das zusammen?--

Die Beziehungen Ungarns zu den großen Mäch­ten sind seit seiner ©eburtsftunbe klar, durchsichtig und ziemlich gradlinig, die zu den benachbarten Mit- telstaaten in einzelenen Nuancen wandelbar, schwie- rig, oft sogar sehr ernst. Zwischen Ungarn und Rußland steht die Erinnerung an 2361a Kun. Mit Deutschland war Ungarn seinerzeit im Wege Oesterreichs verbunden. Eine sentimentale, sich prak- ttsch kaum auswirkende Sympathie für bas Deutsche Reich besteht noch immer eine innigere Vcr- binbung ist geographisch unmöglich geworden. Frankreich, wahrend des Weltkrieges em Geg­ner, wurde mit Beginn der Waffenftillftandsoer- Handlung der Feind unter den Hauptmächten. General Franchet b'Esperay und Oberstleutnant Vir unvergeßlichen Andenkens bedrängten seinerzeit zwar Staatsmänner des verfemten Karolyi-Kurses, ihre Politik traf aber ganz Ungarn und trifft es in den Auswirkungen noch heute. Der Gegensatz zu Frankreich warf Ungarn Großbritannienin die Arme, was diesem Staate die wirtschaftliche Festsetzung an der ungarischen Donau ermöglichte. Wo Albion auftritt, darf Italien nicht fehlen. Im gegebenen Falle sogar mit einem gewissen Rechte, denn bei den Pariser Friebensverhandlun- gen (bie noch immer nicht völlig aufgeklärt sind) scheint Italien ein vorherrschenber Einfluß auf bas Becken ber mittleren Donau eingräumt worben zu sein. In den zahlreichen schweren Stunben, die Ungarn seit ber nominellen Wiederaufrichtung des Königreiches erlebte, hat es bei keiner ber Groß­mächte Hilfe gefunben. Die erwartete englische Un­terstützung wurde zur Zeit des zweiten Restaura- tlonsversuches vermißt und hat sich während ber Frankenfälscherkrise" in wohlwollenben Zeitungs­aufsätzen erschöpft. r . £

Ungarn frug sich nun, ob es feine Aufmerksam­keit nicht eher den Nachbarn zuwenben sollte, beren feindseliges Mißtrauen es jahrelang mit haßerfüll­ter Nichtachtung erwidert hatte. Von den Nachbarn wäre O e ft e r r ei ch, schon als Leidensgenosse, ber naturgemäße Freunb, aber Oesterreich ist schwach unb es gab einmal horribile dictu ein Oesterreich-Ungarn! Die übrigen Nachfolgestaaten sind in der Kleinen Entente gegen Ungarn ver­einigt. Die Schöpfungsgeschichte des selbständigen ungarischen Staates hat seiner Staatskunst die Auf- gäbe in die Wiege gelegt, bie Entente ber kleinen Kriegsgewinnler zu verhinbern ober, wenn sie boch zustanbekäme, zu sprengen. An diese Ausgabe er- tnnerten sich bie Bubapester Politiker, fobalb die Kleine Entente die ersten Sprünge zeigte. Man ließ ihre Mitglieder Revue passieren. Eine Verständigung mit ber Tschechoslowakei ist so gut wie aus­geschlossen. Es gibt viel, was Benesch forbern. nichts, was er gewähren wollte. Die Gunst ber Tschecho­slowakei wäre nur mit bem Verzichte auf jebe Zukunftshoffnung zu erkaufen. Dazu kommt, baß das Staatsethos des slawischen unb bes magyari- schen Staates ein ganz verschiedenes ist. Die Tsche­choslowakei affektiert extreme Demokratie, Ungarn ist und bleibt das konservative tausendjährige König­

belte. Darüber vergingen immerhin etliche Minuten Man gewann Zeit und konnte bann weiter sehen.

Martina lauschte nur.

Als man ausgestiegen war, hob sie die Hand. Ich will nichts mehr wissen."

Kreuth erschrak. Plötzlich war Martinas Antlitz ganz ohne Ausdruck. Wie verwischt sahen ihre Züge aus. Am Sarge ihres Vaters mochte sie so gestanden haben: so aus allen Angeln gehoben, so wehrlos, so hilflos.

Martina, Liebes!" Auf einmal fühlte Kreuth eine Hölle im Herzen. Alles Blut wallte zum Kopf. Was hatte er bem Mäbel angetan? War er ein Bar­bar? Waren alle guten Worte versiegt? Ungestüm griff er nach ihrer Hanb unb stammelte Zärtlich­keiten.

Nicht", sagte Martina. Sie blieb stehen und trat vor ihn hin. Mit zwei Fingern faßte sie einen Knopf feines Paletots. Lange schaute sie ihm in bie Augen Dann sprach sie langsam unb mit Bebacht:Es soll ja Klarheit zwischen uns sein. Das willst bu boch auch, Benno?"

Das will auch ich, Martina."

Sie nickte bestätigend.Die Frage ist jetzt die: Hast bu mich heute, nach mehr als einem Jahr, ebenso lieb wie bamals als bu von mir gingst?"

Ebenso und anders", versicherte Kreuth. Er senkte den Kopf. Fast rauh klang seine Stimme, als er erklärte:Nur etwas Geduld mußt du mit mir haben." Mit den ausgespreizten Fingern fuhr er über seine Brust.Wie wund ist alles da drinnen. Das Beste liegt verschüttet tief unten. Es gehört dir."

Ist es bestimmt noch da, Benno?"

Stumm bejahte Kreuch. Etwas in ihm rief: Hier gabelt si chdein Weg! Hier mußt du einhaken, wenn bu bich wieberfinben willst! Hier ist bie Hanb, bie allein bich retten kann!

Langsam schritt Martina weiter.

Die letzten Häuser blieben zurück. Auf brei Gleisen gleichzeitig donnerten Züge des Nordrings über den Viadukt. Aus flachem Schneegelände wuchs das Krankenhaus mit feinen vielen Gebäuden. In sich geschloffen und beinahe trotzig lag ber Komplex ba.

Du mußt aufs neue arbeiten lernen." Martina hob ben Blick. Mit Betonung fragte sie:Glaubst bu, baß bu roieber arbeiten kannst anftänbig ar­beiten, Benno?"

(Fortsetzung folgt)

Benno nicht? Sann er vielleicht über Märchen nach, die er ihr erzählen wollte? Peinigende Angst überfiel Martina, daß Benno sie belügen könnte.Lily hat dich in Arosa getroffen, nicht wahr?" fragte sie, bas Herz zum Bersten voll.

Ich glaube, in Arosa war es", erroiberte Kreuch.

Du hast bort getanzt?" Das Wort mußte her­aus:Ich meine: für Geld getanzt, Benno?"

Erst nach einer Weile nickte Kreuch.

So schlecht ist es dir gegangen?"

Schlecht unb gut, Martina, wie bas Leben schon ist." Uebrrascht suchte Kreuth bie Augen Martinas. So ruhig nahm sie bas hin? Diese Ruhe überhaupt: sie verwirrte ihn.

Unb das Ende, Benno?"

Aus und nieder schoß der Zug. Bald stak man in schwarzen Tunnels, bald sauste man über Straßen unb Plätze. Frernbe Menschen kamen unb gingen. Hart drängten sich die Leiber bei der Schiebetür bes Eingangs. Es war die erste Stunde bes großen Wettrennens um bas Brot. Sieber hob ein neuer Arbeitstag an. Keiner bekümmerte sich um ben an­dern. Zusammengepreßt waren alle Lippen. Man mußte sich behaupten. Man durfte nicht untergehen.

Berlin! dachte Kreuth und fpürte zehrende Sehn­sucht nach dem Süden.

Und das Ende?" fragte Mattina noch einmal. Aengstlich starrten ihre Augen.

Kreuth spannte Den Brustkasten. Tollkühn sagte er dann:Ein Ende mit Schrecken! Den einzigen Anzug am Leibe, kaum ein paar hundert Mark in der Tasche!" Unb er versuchte zu lächeln, wie er es an der Riviera unb in ber Schweiz gelernt hatte: die Munbwinkel ein wenig herabgezogen, das linke Augenlid leise gesenkt.

Aber das Lächeln erfror, ehe es sich vollendet hatte.

Martina war ganz schmal geworden. Stumm schaute sie vor sich hin. Der Zug rasselte unb ruckte in einer Kurve, floppte braufenb und stand.War­schauer Brücke", sprach Martina und erhob sich. Noch ein Stück mit der Straßenbahn."

Kreuth schritt an ihrer Seite unb rebele, setzte sich neben sie unb rebete. Das fadenscheinige Gewebe war zerrissen. Es hatte keinen Sinn, bie Maschen aufzu­lesen. Man konnte sich an bie Wahrheit halten, so­lange es sich um Dalmatien, Italien und Arosa han-

Ihre Stimme tippte.Es war eine furchtbare Zeit." Verzweifelt preßte Kreuth ihren Arm an sich. Später, Liebling. Später."

Plötzlich blieb er stehen. Zweimal lief sein Blick ihre Gestalt hinab unb hinauf.Du trägst Trauer, Martina?" Wie eine Skala fliegen seine Worte: Was ist benn geschehen?"

Mattina bewegte die Schultern unter bembunteln Mantel.Papa ist tot", sagte sie leise.Vor vierzehn Tagen Hal er sich erschossen."

Kreuth sperrte bie Augen auf.

Wie sagst du: erschossen?"

Ja, Benno: erschossen." Martina hob die Hand mit der Armbanduhr.Es war eine furchtbare Zeit, dieses Jahr. Vom ersten Tag bis zum letzten." Ein Lächeln huschte über ihr schmales Gesicht.Aber jetzt bist ja du Da. Jetzt wird alles vielleicht belfer." Sie beschleunigte bie Schritte.Es ist schon spät heule. Ich habe es weil bis zur Landsberger Allee."

Am Uhland-Eck stieg Kreuth mit Martina in bie Untergrundbahn. Immerfort fragte er. Etwas in ihm empfanb Befriebigung, weil er fragen konnte. Etwas freute sich heimlich über ben Zeitgewinn. Tiefer sank, was er selbst zu berichten hatte. Das brängte jetzt nicht. Noch einmal bürste alles überlegt werben, ehe es ans Licht mußte. Immer noch fehlte manches in bem fabenscheinigen Gewebe.

Wir steigen hier um", sprach Martina, als ber Zug am Gleisbreieck hielt. Gleich barauf erzählte sie weiter. Kein Schatten fiel auf ben toten Vater. Nur was alle Welt wußte, erfuhr Kreuth.

Auf einmal schwieg Mattina. Ihre Augen frag­ten.Unb bu Benno? Ich lasse bich ja gar nicht zu Wort kommen." Plötzlich malte sich Ungeduld in ihren Mienen. Eine kleine, ängstliche Sleilfalle stand zwischen ihren Brauen. Erwartungsvoll spannten sich ihre Lippen.

Kreuth lächelte gequält.

Wir brauchen Zeit, wenn ich alles erzählen soll. Denke doch: ein Jahr! Was habe ich ba alles durch- einanber erlebt!" Der Zug rasselte, ftanb kurz, rasselte roieber. Kreuth schüttelte den Kopf.Wohin fahren wir eigentlich?"

In das Krankenhaus Landsberger Allee. Seit erstem Februar arbeite ich dort. Neben dem Verwal­tungsdirektor." Martina rückte näher an Kreuth her­an. Auf einmal keuchte ihr Atem. Warum sprach