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Nr. 261 Zweites Blatt

Sietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Samstag, 6. November (926

Der neue sächsische Landtag.

| Bon Professor Dr. Ernst Boehm, Dresden.

Die sächsischen Landtagswahlen hatten darüber au entscheiden, ob Sachsen der Herrschaft der oer- bünbeten Kommunisten und radikalen Sozialdemo­kraten ebenso wie vor vier Jahren wieder preisge- neben werden sollte oder nicht. Mindestens 49 der 96 Landtagsmandate Hütte die extreme Linke er­ringen müssen, um den Versuch wiederholen zu können, in Sachsen mehr oder minder verkappte Diktatur des Proletariats wieder aufzurichten. Beide in Betracht kommenden Parteien haben aber zu­sammen nur 45 Mandate erkämpft. Insofern hat die radikale Sozialdemokratie eine Niederlage er­litten.

Man war auf der Seite der nichtsozialdemokrati­schen Parteien in den Wahlkampf gezogen mit der Absicht, die sächsische Politik auf eine Grundlage zu stellen, die Rücksichten auf marxistische Parteien Überhaupt unnötig gemacht hätte. Man warb für die sog. bürgerliche Mehrheit, wie sie Thüringen erreicht hatte, und wie sie ohne jeden Zweifel auch in Sachsen zustande gekommen wäre, wenn vor drei Jahren, unter dem frischen Eindruck des Zusam­menbruchs der damaligen sozialistisch-kommunisti- schen Parteiherrschaft, ein neuer Landtag gewählt worden wäre. Aber die nichtmarxistischen Parteien haben nur 47 Mandate zu erftreiten vermocht. Auch sie also haben zum mindesten nicht gesiegt.

So wird die Entscheidung über die künftige sächsische Politik in der Hauptsache bei den vier Alt­sozialisten des neuen Landtages liegen. Nach nur vier Monaten Parteiwerbung, ohne Parteiapparat, ohne eine schon überall im Londe verbreitete Zei­tung, trotz einer mit allen erprobten und bewährten Mitteln gegen sie gerichteten Haßpropaganda der Linksradikolen, trotz wirksamen Eingreifens des Bersiner Parteivorftandes haben sie sogleich beim ersten Auftreten rund hunderttausend Wähler an« mustern können. Das ist immerhin eine beacht­liche LeIstung, und sie wird überall in Deutsch­land zu denken geben. Es handelt sich dabei um mehr als ein Neuntel der Wählerschaft, die der Sozialdemokratie überhaupt noch geblieben ist. Wenn nun die Kommunisten und Linkssozialisten im künftigen Landtage etwas durchsetzen wollen, und die vier Altsozialdemokraten stimmen zu, dann wird es Gesetz. Und wenn die bürgerlichen Parteien etwas für nötig halten, und die Altsozialisten wider­setzen sich dem, dann können sie es zusammen mit Den stets oppositionellen Linksradikalen und Kom­munisten verhindern. Das bedeutet für die vier Altsozialdemokraten eine überaus st a r k e Stellung im kommenden Landtage, aus der bei leidlich geschicktem Verhalten recht viel zu machen ist. Hinzu kommt, daß sie erfahrene Parlamentarier sind, keiner ein Neuling: der gegenwärtige Innen­minister Max Müller, der bedachtsame Wirth, der temperamentvolle Bethke. Und in den übrigen Par­teien sitzen mehr als zur Hälfte völlig neue Männer. Auch das muß den Einfluß der vier Altsozialisten stärken.

Die übrigen Parteien haben ein sehr veränder­tes Gesicht erhalten. Die Deutschnationalen und die Deutsche Dolksoartei haben zusammen 12 Mandate von 38 eingebüßt, die Demokraten 4 von bisher 9. Dafür werden neue Parteien erstmalig in den Land­tag einziehen. Die Nationalsozialisten zählen unter ihren beiden 2Ibg. Helmut von Mücke, der im

Gießener Stadttheater.

Noel Coward:Weekend".

Neuengland ist seit einiger Zeit auf dem deutschen Theater große Mode. Als es damit anfing, war ihm Italien (durch Pirandello mit überwältigender Einseitigkeit vertreten) fast noch voraus. Während aber Pirandello man weiß nicht, ob man es bedauern oder begrüßen soll an der Dramenborse schon lange nicht mehrge­fragt" ist, haben sich die Briten, ebenso wie die ^Franzosen, besser gesagt die Pariser, durchaus behauptet. Ihr Kurs hat sogarangezogen", und wenn man etwa an Wilde, Shaw, Gals- worthy, Jerome und Milne denkt, muh man sagen, mit Recht: es steht unbestreitbar ein solides Kapital hinter der steigenden "Notierung.

An E o w a r d denkt man nicht, hinter ihm steht nichts, oder sehr wenig. Der ist bei der großen Einfuhr über den Kanal nur so mit durchgerutscht. Bloß so, und man wundert sich darüber, daß sein Stück wochenlang, allabendlich, über viele Bühnen ging.

Wan wundert sich noch mehr, woraus es gemacht ist, wovon es eigentlich lebt, wieso es drei Akte bestreitet und einen Abend füllt. Es lebt von einem kleinen Einfall, der nicht einmal in Eng­land geboren zu werden brauchte und von zwei oder drei Situationen. Das übrige ist nichts, ist Lust, ist man kann auch so sagen blanker Blödsinn. Aber es lebt wahrhaftig. Sin kleines Wunder. Lind es hat lauter gute Rollen. Lauter gute Rollen I Eine gewisse Zeitgemähheit kommt x^m außerdem zu Hilfe. Der Gedanke des Week­end kam mit der britischen Einfuhr auch zu uns herüber und begann sich schüchtern einzu- bürgern. (Was wiederum merkwürdig ist, weil der ganze englische Lebensstil, mit dem der Week­end-Gedanke sehr eng verbunden ist, uns noch fiemlich fern liegt. Obschon er manches für ich hat.)

Aber das Ganze ist ja gar nicht so englisch, wie es angestrichen ist, kann, ohne Weekend, ebensogut bei uns oder anderswo vorkommen, und jedenfalls wird man sich hüten müssen, tiefergehende Schlüsse zu ziehen, oder auch nur die Persiflage und den gutmütigen Spott ernst zu nehmen. Es ist eine Burleske, ein kleiner Spaß, vergnüglich, harmlos und unbedeutend. Richts weiter.

Kriege bekannt geworden ist durch seine glückliche Rückkehr von den Keelings-Injeln mit dem kleinen Schoner Ayesha nach dem Untergang der Emden, und durch die reizvolle Schilderung, die er wer seine abenteuerliche Kriegsreise veröffentlicht hat. Einen wesentlichen Einfluß werden die National- sozialisten eben wegen ihrer geringen Zahl kaum haben. Nach rechts, wie nach links lasten sich auch ohne sie Mehrheiten bilden. Anders die Aufwer­tungsportei mit ihren vier Mandatsinhabern. Unter ihnen ist keine bisher bekannt gewordene politische Persönlichkeit. Dermullich wird die Aufwertungs­partei im wesentlichen mit den zehn Wirtschafts- parteilern Zusammengehen und dadurch diesen zur Stärke der deutschnationalen Fraktion verhelfen. Die politische Ueberrafchung, der Außenseiter, der bei dieser Wahl den Preis gewann, ist die Wirtschafts­portei, die sogleich zehn Mandate erzielte. Unter den Mitgliedern der künftigen Fraktion der Wirtschafts- partei ist nur der Rechtsanwalt Dr. Wilhelm bisher bekannter geworden. Ob er politische Führereigen­schaften besitzt, muß sich erst erweisen.

In dieser Zufammensetzung der neuen Parteien aus Persönlichkeiten, deren allermeisten die Atmo­sphäre des Landtages und der Ministerien fremb ist. liegen Gefahren für die künftige innerfäch- ifche Politik. Denn die mangelnde politische Er- ahrung verführt leicht zu allerlei gewagten Der- uchen, deren Folgen nicht vorausgesehen werden, infolgedessen zu einer Unsicherheit und Unberechen­barkeit der politischen Arbeit, die auch den erfah­renen Sönnern nur ein langsames Vorwärtstasten gestattet und die, namentlich in den Anfangszeiten des neuen Landtages, jederzeit zu mehr ober we­niger unangenehmen Ueberrafchungen führen kann.

Schon bie Frage der künftigen Präsidentschaft des Landtages ist sehr dornig, zumal der verdiente bisherige Landtagspräsident, der Altfozialist Winkler nicht wieder gewählt worden ist. Die stärkste Partei werden die Linkssozialdemokraten sein. Aber soll ihnen um irgendeiner demokratischen Doktrin ober angeblichen parlamentarischen Gewohnheit willen der im modernen Staate recht einflußreich gewor­dene Posten des ßanbtagspräfibenten in die Hände gespielt werden? Konnte überhaupt ein Linkssozia­list auch nur einigermaßen Gewähr dafür bieten, den neuen Landtag gegenüber den immer zügelloser werdenden Störungsversuchen der erheblich stärker gewordenen Kommunisten arbeitsfähig zu erhalten? Diese Dinge bieten Gelegenheiten, gleich von vorn­herein zu einem heillosen Verzanken der Parteien zu führen.

Noch schwieriger liegt die Frage der Regie- rungsbllbung. Einige viel erörterte Möglichkeiten lassen sich von vornherein ausschliehen. Eine kom­munistisch-sozialdemokratische Regierung unter Teil­nahme ober auch nur stillschweigender Unterstützung der Altsozialisten ist nicht möglich. Weber können bie Kommunisten mit ben Altsozialisten, noch diese mit den Kommunisten zusammengehen, ohne sich selber aufzugeben. Man barf annehmen, daß auch der Berliner sozialdemokratische Parteioorstand gegen solche Versuche sehr energische Verwahrung einlegen würde. Dor allem aber würde einer solchen Regie­rung gerade das fehlen, was ihr in der Zeigner- zeit ihre Herkunft gab: ihre parlamentarisch ge­sicherte Festigkeit. Sie hing ja gänzlich von der guten Laune der Altsozialisten ab. Auch die Große Koalition von der Deutschen Volkspartei bis zu den Lmkssozialisten gehört zu den Unmöglichkeiten. Es sind zwar mächtige Einflüsse von Berlin her am

Samsta^nachmittag, Samstagabend, Sonn­tagmorgen im Juni. Landhaus der Famllie Dliß in CooHam. Kornische Leute, die Dlisses: er Schriftsteller, sie gewesene Schauspielerin, Sohn und Tochter zwei moderne junge Leute. Alle vier ein bißchen verrückt, ein bißchen neu­reich, ein bißchen unhöflich und überhaupt ohne guten Manieren.

Alle vier haben sich jemand eingeladen. Hebern Sonntag. Aufs Landhaus. Aber jeder für sich; ohne den andern drei imb dem Dienstmädchen was zu sagen. Das kommt so nach und nach heraus. Lind es ist schlimm: keinem paßt der Besuch des andern, keiner kann Freund oder Freundin des andern ausstehen. Niemand weih, wo die Gäste schlafen sollen. Sie geraten sich in die Haare, alle vier Dlisses; das Dienst­mädchen brummt; und außerdem Landregen. Da­mit ist auch die Flucht nach außen abgeschnitten. Der Kampfplatz ist bereitet. Es ist kein Ver­gnügen.

älnd dann kommen die Gäste. Ganz schreck­lich anzusehen und gar nicht zu erzählen, was unter so bewandten Umständen sich am Abend und folgenden Morgen ereignet.

Doch ist einiger Szenen zu gedenken, die mit grotesker Situation das Zwerchfell unwider­stehlich kitzelten. Wenn etwa zwei brüsk allein gelassene Ankömmlinge sich ganz verdutzt mi­nutenlang gegenüberfitzen und ein träg tropfen­desGespräch" von schauderhafter Langweiligkeit sich wechselseitig aus dem Gehege der Zähne locken ... Oder wenn aus dem harmlosesten Ge­sellschaftsspiel sich in kürzester Zeit ein wllder Zwist Aller gegen Alle erhebt. Wenn zwei falsche Verlobungen aus dicken Regenwolken fal­len. Wenn die Theatermama, von (Srinnerun* gen übermannt, auf8 Stichwort eine Riesen­szene zu spielen beginnt. Oder wenn zuletzt (nach manchen schleppenden Längen, Wiederholungen und toten Stellen übrigens) am Sonntagmorgen die vier Gäste, einer nach dem andern, sich heimlich drücken wollen und am Ende yi viert entschlossen die Flucht in den Landregen er­greifen. Bei diesen Szenen kann man Coward mit dem besten Willen nicht böse sein.

Telekhs Aufführung war lustig und leb­haft, ganz an den grotesken Situationsstil hin- gegeben, der überdies in Löfflers keckem Bühnenbild sozusagen dick an die Wand gemalt

Werk, um auf diesem Wege bie Regierungsfrage zu lösen. Denn der Berliner Parteioorstand der Sozialdemokratie würde es nur allzu gerne sehen, auf diese Weise die sächsischen Ueberrabifalen in bie politische Schule zu schicken und die sächsische Partei- fpaltung, die sich auf das ganze Reich auszudehnen droht, wieder zusammenheilen (affen zu können. Aber selbst wenn diese Lösung für die Deutsche Volkspartei tragbar wäre, was schon roeaen der Persönlichkeiten vieler der radikalsozialistischen Führer nicht der Fall ist, würden alle Bestrebungen zum Schaffen einer derartigen Koalition an Der fanatischen Derranntheit der Linkssozialdemokraten scheitern. So bleibt als Lösung nur eine Regierung der Mitte mit stillschweigender Duldung der Deutsch- nationalen übrig: Aber da die Deutschnationalen hierzu ohne weiteres kaum ihre Zustimmung geben werden, ist in Sachsen zunächst mit einer längeren offenen ober latenten Regierungskrise zu rechnen, einem Zustand also, der für den neudeutschen Par­lamentarismus nachgerade typisch ist. Manche glau­ben deshalb an baldige Neuwahl des Landtags. Aber der Parlamentarismus hat auch anderes Neue gebracht: Abgeordnetendiäten. Sie sind ein starkes Bindemittel, einen einmal gewählten Landtag zu- sammen^uhalten, denn wenn er wieder aufgelöst ist, weiß kein Abgeordneter, wer sich an seiner Stelle etwa hineindrängeln konnte. Und so wird die Re­gierung der Mitte schließlich doch kommen, weil sie die einzig mögliche Losung ist und weil sie wegen ihrer Schwäche und ihrer Bindun­gen nach allen Seiten für das parteizerklüftete Sachsen wohl auch die erziehlich nützlichste wäre.

Die Minderheiten in Deutschland

Don Dr. phil. Friedrich Septen, Bremen.

Genaueres über bie Zahl der in Deutschland wohnenden frembvölkischen Minderheiten anzugeben, ist zur Zeit ziemlich unmöglich. Die Ergebnisse der letzten Volkszählung vom 16. Juni 1925 liegen noch nicht vor, sondern sind erst zum 1. April 1927 fällig. Doch sind in dem dieses Jahr erschienenen zweiten Maiheft der vom Statistischen Reichsamt in Berlin herausgegebenen ZeitschriftWirtschaft und Sta- tistik" vorläufige Zahlen über die jetzigen Minder­heiten veröffentlicht worden, allerdings nur für Preußen und mit Ausschluß der Wenden und Litauer. Diese Statistik läßt erkennen, daß wir gegenüber der Volkszählung von 1910 einen außer- ordentlich starken Rückgang der fremden Minder­heiten zu verzeichnen haben, was auf Abwanderung, Ausgleich durch eingeroanberte Deutsche sowie Aufgehen der fremden Bevölkerung im Deutschtum zurückzuführen ist. (Auf Grund des Versailler Ver­trages sind übrigens rund 6j Millionen Einwohner, darunter 3i Mill. Deutsche und 3 Mill. Fremd­stämmige, vom Deutschen Reich abgetrennt worden.) Des weiteren hat die Zahl derjenigen Einwohner ungeheuer zugenommen, die neben der deutschen Sprache eine andere Sprache sprechen. In Ober« schießen z. B. haben sich diese Doppelsprachigen um 636,9 v. H. vermehrt. Aeußerst gering ist die Zahl der Personen, welche die deutsche Sprache überhaupt nicht verstehen. Sie beträgt in Schlesien 2,5 v. H. und in Ostpreußen 1 v. H. der orts­anwesenden Bevölkerung. Im ganzen verstehen von ben einzelnen Minberheiten nur knapp ein Viertel der Polen, ein Siebentel der Masuren unb ein Sechstel der Dänen die deutsche Sprache nicht.

war. Er wurde sehr hübsch gespielt. Maryöla Baumann hatte in der so dankbaren, tote an­strengenden Rolle der Judith Dliß Gelegenheit, ihre Begabung auch im modernen Konver­sationsstück zu erweisen und überdies schauspiele­risch aus sich herauszugehen; diese Komödian­tenfigur bietet überraschende Möglichkeiten, Llebergange und Gegensätze, die Wandlungs­fähigkeit und Vielseitigkeit erfordern; die Dar­stellerin hatte sich nichts entgehen lassen: sie konnte lachen, weinen, fingen, flirten, schmei­cheln, außer sich geraten und ein großes Theater «auf dem Theater entfalten. Eine sehr achtbare Leistung. Reben ihr war aus der Familie vor allem Hankes Simon von einer erfrischenden Losgebundenheit, Formlosigkeit und Ungeniert­heit. Auch Vater und Tochter (V v l ck und K r a h m e r) ließen ihrer unbekümmerten Laune fröhlich die Zügel schießen. Bei den Gästen ge­fielen G e f f e r s, der in Ton und Maske die Korrektheit selber war und erstaunlich englisch aussah, Genau (Tyrell), hilflos wie ein Kind den Zufälligkeiten be8 famosen Landsitzes preis­gegeben, uni) die Damen Scherer und Schrö­der. Das pomadige Faktotum der Luise Jüng­ling sei ebenfalls nicht vergessen.

Das Publikum schien sich angeregt zu unter­halten und nahm die Reuigkeit, besonders nach dem zweiten Akt, sehr freundlich entgegen.

Dr. Th.

DasTestament auf der Eierschale.

Ern auf hoher Dee verstorbener englischer Matrose hat sein Testament auf der Schale eines ausgeblasenen Eies aufgesetzt, und hinterläßt seiner Frau, die er mitMap" bezeichnet, seinen kleinen Besitz. Allerdings haben sich noch einige andere Erben gemeldet, die nun die Rechtsgültig- fett dieses seltsamen Testamentes bestreiten, und so zerbricht man sich jetzt hn Londoner Justizpalast den Kopf darüber, ob das Testament auf einer Eierschale rechtszuläsfig fei. Der Vertreter der Krone erklärt es für ungültig, da einige Worte überhaupt nicht entzifferbar wären. Andere An­sichten aber gehen dahin, daß man auch für dieses Testament Anspruch auf das Vorrecht machen könne, da allgemein den Schiffahrenden und den Soldaten im Felde zu gestanden würde, Testa­mente aufzufetzen, auch wenn sie nicht mit den bestehenden Vorschriften übereinstimmen.

Gar nicht so einfach ist übrigens bie Beantwor­tung der Frage, welche Telle der Bevölkerung des Deutschen Reiches an ben sremboölkijchen Minder- beiten zu zählen sind unb welche nicht. Die M a furen in Ostpreußen z. B. (1910 gut 170 OüO, jetzt 43 000 im Reg.-Bez. Allenstein) sprechen wohl eine fremde Sprache, eine polnische Mundart, neigen aber sonst gar nicht nach Polen, was die Abstim­mung in Ostpreußen am 11. Juli 1920 erwiesen Hot, wobei sich 98 o. H. der abgegebenen Stimmen für Deutschland unb nur 2 v.H. für Polen erklärten. Die Bevölkerung ist aus einem Mißslamm hervor­gegangen, ber sich aus ostpreußischer Urbevölkerung, alten Preußen, deutschen Siedlern unb späteren polnischen Siedlern gebildet hat Da die Polen bei der Vermischung die letzten waren, hat sich als Sprache ein polnischer Dialekt erhalten; das Land selbst hat nie zum Staate Polen gehört. Kann man die Masuren auf Grund dieser Tatsachen zu den frembvölkischen Minderheiten rechnen, wie es die Polen tun? Das ist wohl kaum möglich; höchstens konnte man sie den fremdsprachlichen zuzählen. Höchst beachtenswert ist, daß bie Masuren, welche in bem früher zu Ostpreußen gehörenden Solbauer Gebiet wohnen und die ohne Befragen durch ben Versailler Vertrag ben neuen Polenreich einoerlcibt würben, für ihre Kinder deutschen Sprachunterricht verlangt haben. Als ihnen dies von der polnischen Regierung auf Grund ihresMasurentums verwehrt wurde, haben die Eltern am 21. Januar d. I. eine Eingabe gemacht, in ber es beißtWir erklären, baß wir Unterzeichneten uns sämtlich zur deutschen Nationalität bekennen unb wünschen, daß unsere Kinber, wenn auch nur ben Religionsunterricht, in beuifcher Sprache erholten" Bei Den Reichstags­wahlen im Jahre 1924 hatte bie Masurische Ver­einigung in Ostpreußen eine eigene Liste ausgestellt, bet aber am 4. Mai ganze 1029 unb am 7. Dezem­ber gar noch weniger, nämlich 542 Stimmen erhal­ten. Da bie Zahlen ber von ben Minderheiten abge­gebenen Stimmen ein Bild von deren Gesinnung geben, mögen auch die übrigen hier angeführt wer- ben. Am 4. Mai stimmten im ganzen 119 736 Ein­wohner für Minderheitenlisten (Polnische Dolks- partei 100 260, Wendische Volkspartei 10 287, Schleswigscher Verein 7620). Die entsprechenden Zahlen für die Wahl vorn 7. Dezember 1924 lauten: 92 961 Stimmen im ganzen, Darunter 81 700 pol­nische, 5585 wendische unb 5134 bänische Stimmen.

Aehnlich wie mit bem Masuren steht es mit ben Friesen an ber Norbküste Deutschlanbs, deren Zahl von 1155 (1910) auf 5653 (1925) angewachsen ist. Dor und auf dem Minderheitenkongreß in Genf im Oktober v. I. bemängelten bie Dänen, baß die frie­sische Minderheit Deutschlands nicht bei den Ver­handlungen vertreten war. Der norbsriesische Verein für Heimatkunde unb Heimatliche.hat Darauf am, 25. November eine Entschließung gefaßt, in ber er mit aller Schärfe erklärt, baß es eine nationale friesische Minderheit im Gegensatz zum Deutschtum nicht gibt unb baß bie Friesen sich als einen unlös­baren Bestandteil des deutschen Volkes betrachten.

Die Wenden in Der sächsisch-friesischen Lausitz zeigen Die Eigentümlichkeit, Daß ihnen eine Haupt- nation. Der sie sich anschließen könnten, vollständig fehlt. Auch sie betrachten sich in Der großen Mehr­zahl als zum Deutschen Volke gehörig, wenn es auch Tatsache ist, daß sofort nach dem Kriege Die wen­dische Bewegung einen ziemlichen Aufschwung nahm. Die Polen machen ben weitaus größten Be­standteil ber Frembstämmigen in Deutschland aus,

Der Hochzeitskranz.

Don Regina U11 m a n n.

2ch ging die alte Vogelbeerbaumallee hinauf zu dem Renaifsancefchloß. Ja, es gibt im Herbst nichts Herrlicheres als dieses Gebäude, von dem zu jener Zeit aller Tand entfernt ist. Heber der Pforte hing ein wunderschöner Kranz. Als ich, ein fremder Gast, zur Türe eintrat, fiel er mir ins Auge wie vielleicht einem anderen, wenn es eine goldene Krone mit kostbaren Steinen ge­wesen wäre! Die Astern rochen noch nach dem Beete und die langstieligen Chrysanthemen hatten Heimweh nach ihrem herbstlichen Garten und ich dachte, daß den Kranz ein Dichter ober ein Kind gewunden habe. Unb ich sah im Geiste den Hochzeitszug geordnet vor der Türe stehen int höchsten Schmuck, als wandelten die Wiesen mit und die rauhe Luft; unb die Berge grau unb zackig schienen in ihnen und ihren Festgewändern zu fein. Die Mauern des Hauses glanzten im Morgenfrost und der hölzerne alte Brunnen goß weit das silberne Wasser aus und rief Lebewohl 1 Das alte geschmückte Gittertor bekam Arme unb alles gab feine Hände zum Abschi ed- nehmen. Dann tarn der Rebel in weihen Schleiern.

Unb ich ging enttäuscht, daß nun alle schon fort waren, ins Haus, in dem niemand mehr zu hören war. Ja, die weite Küche war wirllich leer und in den Gängen war das Licht des Tages »erteilt tote hartes Brot an Arme, und auch die Schwalben schienen mit dem Hochzeits­zuge ausgeslogen zu fein.

Ich sprach ein Gebet für die Verlassenheit, die sich hier den glatten Scheitel zurecht streichen mochte.

So würde also in diesem Hause nie mehr ein Licht geopfert, ein inbrünstiges Gebet ge­sprochen und mit weihen Händen schweigend ein herbstlicher Kranz gewunden? Ich trat an die Herrenstube. Unb siehe, die Tür öffnete sich von selbst. Da sah in ihrem Stuhle ein stein- altes Mütterchen. Auf ihrem Antlitz lag ein süßer ungestörter Schlaf. Sie hielt einen Straub Astern und Chrysanthemen wie eingewurzelt in ihren Händen und ich erkannte, so unberührt wie sie zu sehen war, bah sie schon eine weite Strecke auf ber Strahe des Todes wandelte.

RADITION

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