Ur. 234 Zweites Natt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Mittwoch, 6. Oktober (926 > ........... .....................
vor einer tschechisch-deutschen Mehrheit zu Prag.
Don unserem A. K.-Berichterstatter.
Prag, im Oktober 1923. .
Die Periode heft ger innerer Kämpfe um dx künftige Mehrye'.tsgeftaltung neigt ihrem C-noe zu. Dx Kette von Skandalaffären uno sensat o- nellen Enthüllungen, dir der Z u sa mm enb r uch der früheren a l l t s ch e ch i s ch e n Ko a 11 = tion zur Folge hatte, hat sich müde ge.aasen, d.e Dorwürfe i nö Drohungen, die die Bundesgenossen von einst in ihrer Parte.presse gegeneinander erhoben, ist sogar verstummt, fest S v e h l c wieder daheim ist und wieder ms unoe- st rill en er Matador des Kompromißhandwe.ks die Zusammenstellung einer brauchbaren Mehrheit für die kommende Hrrbstsession in die Hand genommen hat. Knappe vier Wochen haben seine Verhandlungen gewährt. Cs hat sich herausgestellt. daß die auf tschechischer Seite vielfach noch heimlich genährte Hoffnung auf Wiederkehr dec alten tschechisch-nationalen Koalition eitel ist. Die sozialistischen Parteien haben sich nicht entschließen können, auf die harten Bedingungen der bürgerlichen Tschechen einzugehen und e n r ausgesprochen bürgerlich Orient Allen Politik zuzustimmen. So hat Soehla die andere Dar mrte wählen müssen, eine rein bürgerliche Mehrheit zusammenzustellen, die nun freilich nicht mehr einheitlich national ist, sondern in der die bürgerlichen Tschechen und Slowaken auf die älnterstühung deutscher und un - garischer Stimmen angewiesen sind. Reun Parteien teilen sich in die Ehre der Mehrheitsbildung: Svrhlas tschech sche Agrarer, Schrameks tschechische Klerikale, Kramarschs tschechische Rationaldemokraten, dir tschechische Ge- wcrbepartci, Hlinkas slowakische Klerikale, die deutschen Agrarier und Gewerbetreibenden, die deutschen Christlichsozialen und die ungarische Ra- tionalpartei. Ön die Opposition gehen die beiden tschechischen sozialistischen Gruppen, die Kommunisten, die deutschen Sozialdemokraten und Rat'.o- nalsozialisten, sowie die deutsche Rationalpartei. Die Mehrheit wird über 167 Stimmen verfügen, gegen 133 Oppositionelle.
Eben in diesen Sagen weilt Svehla beim Präsidenten Masa.ryk auf dessen Sommersch in der Slowakei, um dem Staatsoberhaupt das Ergebnis der Mehrheitsbildung zu unterbreiten und hauptsächlich die Frage der kommenden Regierung zu lösen. In der Hauptsache geht es um den Kopf des Außenministers Bene sch, er ist jetzt in eminenter Gefahr, ausgeschifft zu werden. Man weiß, daß Benesch am Präsidenten Masaryk eine mächtige Stütze hat. Der Präsident hat seit Jahresfrist, seit die feindliche Strömung gegen Benesch offenkundig geworden ist, keine Gelegenheit vorübcrgehen lassen, ohne zu bekunden, daß er die Weiterführung der äußeren Politik durch Dr. Benesch für eine Lebensnotwendigkeit des Staates halte. Masarhk ist ganz kürzlich noch öffentlich in einem Zeitungsinterview den Gegnern Beneschs energisch über den Mund gefahren. Dennoch scheint es, daß weder diese mächtige Pro- tekton noch der unerwartete Erfolg, den Benesch in Genf purch die Wiederwahl der Tschechoslowakei und durch seine Wiederbetrauung mit dem Dorsih im Völkerbundsrat imstande wären, die schwankende Position noch zu retten. Benesch hat sich offenbar überlebt. Er ist nun sieben Jahre Außenminister, das ist mehr, als ehrgeizige Politiker eines demokratischen Parlaments vertragen können. Kramarsch haßt ihn aus doktrinären Gründen, wegen seiner Rußlanbpvlitik, aber «auch gekränkte Eitelkeit spielt dabei mit, die tschechischen Klerikalen sind ihm seit dem Konflikt mit dem Vatikan spinnefeind, und nun wollen ihn offenbar auch die tschechischen Agrarier den Bundesgenossen von der neuen Mehrheit zuliebe opfern, wobei wohl auch der eine oder andere Agrarier, der außenpolitische Fähigkeiten in der Brust herumzutragen vermeint, sich Hoffnungen auf das erledigte Fauteuil macht.
Diese Wendung läßt sich aus der neu aufgetauchten Forderung nach einem parlamentarischen Kabinett erschließen. Dis vor kurzem noch galt es als sicher, daß die neue, national gemischte Mehrheit die derzeitige De-
Gießener Ztaditheater.
Shakespeare: „Der Kaufmann von Venedig".
Der erste Abend der Winterspielzeit, als gutes Borzeichen, als ein festlicher und würdiger Auftakt des Kommenden gedacht, erfüllte die Hoffnungen, dis man auf ihn gesetzt hatte, und über die (von anderer Seite) bereits gesprochen wurde. Dies zuvor.
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Die Dichtung nimmt im Gesamtwert Shakespeares eine Sonderstellung ein. Sie wird gemeiniglich — wie bereits erwähnt, nach Schlegel; Gundolf verzichtet in seiner Ausgabe überhaupt auf eine nähere Artangabe — als Lustspiel bezeichnet. Da aus den ursprünglichen drei Kategorien Shake- spearefcher Dramatik, tragedy — history — comedy, für eine tiefergreifende Würdigung des Spieles nicht mehr viel zu gewinnen ist, scheint es geboten, die Schlegelsche Terminologie etwas zu erweitern oder zu präzisieren. Der „Kaufmann" nimmt in der bunten Reihe der Shakespearedramen, die heute und seit je als Lustspiele gelten, ohne Frage eine Sonderstellung ein: er steht, als äußerster Gegenpol etwa zur possenhaften „Komödie der Irrungen", die wiederum, nach heutigen Begriffen, ihren Namen zu Unrecht führt, abseits von den übrigen Stücken der Gattung und, als echte K o - m ö d i e, den Trauerspielen des Briten sehr benach- bart. Bis ganz zuletzt noch wüßte man kaum (wenn man nicht eben von vornherein den guten „Luftspiel"-Ausgang bewußt und beruhigt vor Augen hätte), wie sich die Dinge — zum Guten oder Bösen — wenden werden. Und das tiefsinnige, eikenntnisklare, aus jahrelanger Grübelei gefundene Wahrzeichen Hebbclscher Prägung gilt hier, wie für nicht viele andere Dramen: der Unterschied zwischen dem Tragischen und dem Komischen beruht, innerlich, allein in der Lösung. (Mit „Lösung" ist natürlich nicht, oder nicht ausschließlich, die Schlußszene des fünften Aktes gemeint.) Hiermit scheint die Abgrenzung vom Lustspiel klar gegeben. Gewisse possenhafte Züge sprechen nicht gegen solche Auffassung; sie liegen im Stil Shakespearescher Dramatik und des elisabethanischen Theaters begrün»
der wurden die ersten Szenen (bis zum 4. Akt) evheblich zu schnell gesprochen; die Regie hätte hier, schon um der Deutlichkeit willen, emgr eifert sollen. In der großen Gerichtsszene dagegen führte sie ihren entzückenden Part so heiter, anmutig und überlegen, daß man seine Freude daran haben konnte. Franz L. Eisig ist uns nicht mehr unbekannt. Sein Lanzelot Gobbo war die stärkste Talentprobe,, die wir bisher von ihm sahen; ein echt shakespearescher, beweglicher und zungenfertiger Eulenspiegel tanzte ausgelassen über die Szene. Auch Paul Lenau, als Graziano, bot eine abgerundete, gute Leistung und scheint ein tüchtiger Sprecher zu sein.
Shylock war Telekh; eine interessante, sorgsam durchgearbeitete Charakterfigur von persönlichem Zuschnitt; echt und ohne Mätzchen in Maske und Sprache, bewÄtigte er die umfängliche und nicht leichte Partie sehr sicher. Bei der großen Rialtoszene konnte man zuerst eine zu frühe Steigerung fürchten, doch wurde der Ausbruch bald überraschend eingefangen und moderiert. Die Gerichlsszenc brachte den bestechenden Höhepunkt, auf den man gewartet hatte. Schubert ols Antonio bot eine ruhige, abgewogene und würdige Gestaltung, die in Ton und Geste der vermittelnden Stellung innerhalb der Figuren und Ereignisse des Spiels gerecht wurde. Als feuriger Liebhaber und treuer Freund bewährte sich der sympathisch-männliche Bassanio G e f f e r s'.
In kleineren Partien sah man Gehres leidenschaftlichen Marokkanerprinzen und Kurz- Hoffs ziemlich übertriebenen Arragon (als Da- lerio, später, wirkte er wohltuend beruhigt). Hanke als verliebter junger Kavalier Lorenzo traf geschmeidig den Stil des Ganzen; dieweil Susanne H e y m als zärtlich-scheue Iessika und Alix K r a h m e r, ein schalkhaftes Zöschen Re- rissa, das Terzett der Frauen schlossen. Golls alter Gobbo war eine rührende Mirnatur im malerisch bizarren Formen- und Farbenspiel des venetianischen Stadtbildes.
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Besuch und Widerhall dieser ersten Aufführung konnten als ein verheißungsvolles Zeichen für die neue Spielzeit gelten. Dr. Th.
amtenregierung in Amt und Würden belassen und unterstützen würde. Rur von einer „Rekonstruktion" war die Rede, freilich mit dem Hintergedanken, daß eine solche Rekonstruktion hauptsächlich die Beseitigung Beneschs zum Ziele haben sollte. Man mag sich aber überzeugt haben, daß cs auf diesem Weg nicht geht; hier wäre d:v Widerstund Masaryls schwer zu überwinden gew sen. Da kam, z erst aus dem klerikalen Lager, die Forderung nach direkter älebmnahme der Regierung durch die neue Mehrheit, nach einem parlamentarischen Kabinett. Dieser Forderung haben sich nun die tichech schen Agrarier an- I geschlossen. Svehlas Organ, der „Venkov" hat eben bei Antritt der entscheid e nden Reise des agrarischen Führers zu Masaryk entschieden erklärt, daß die Agrarier die Deamtenregwrung nur als ein zeitweiliges Auskunftsmittel betrachten und daß für sie nunmehr die Bildung einer parlamentarischen Regierung die aktuellste Frage bilde. Damit erscheint die Lage in einem wesentlichen Punkt geklärt. We:m das Haupt der führenden Partei der neuer Mehrheit beim Präsidenten das Verlangen stellt, dieser Mehrheit die Regierung zu übertragen, dann kann das konstitutionelle Staatsoberhaupt kaum E'nwea- dungen erheben. In einem Parlamentär.scheu Kabinett ist aber für ® r. Benesch kein P l a h. Er hat das Mandat niedergelegt, er ist kein Parlamentarier mehr, und so kann man ihn mit scheinheiligem Bedauern hinauskomplimentieren.
Wie groß muß die Abneigung gegen diesen Mann sein, wenn seine tschechischen Widersacher die Schwierigkeiten eines parlamentarischen Kabinetts auf sich nehmen, weil sie dadurch Benesch loszuwerden hoffen. Die Schwierigkeiten aus der Parlamentarisierung der Regierung ergeben sich durch die national gemischte Zusammensetzung der Mehrheit. Bei Fortbestand der Deamtenregierung würden diese Schwierigkeiten nicht so augenfällig werden, ein Beamtenkabinett hätte den älebergang von der tschechischen Koalition zur tschechisch-deutschen Mehrheit erleichtert. Das Problem der parlamentarischen Regierung rollt aber sofort die Frage deutscher Mini st er auf, die Frage der deutschen Mitregierung. Schon während der bisherigen verworrenen Debatte über die künftige Mehrheit haben die extremnationalen tsched)ischen Parteien, die Rationaldemokraten und der chauvinistische Flügel der Klerikalen, einen wahren Eiertanz um die Teilnahme der Deutschen an der Mehrheit aufgeführt. Sie haben sich die Formel zurechtgelegt, daß man es den Deutschen nicht verwehren könne, sich zur Mehrheit und damit zum Staat zu melden. Aber die deutsche Mitarbeit würde nicht „er'auft' werden, keinerlei nationale Konzession würde dafür gewährt. Dem tschechischen Patrioten, dem sieben Jahre lang die Sudetendeutschen als die ärgsten Schädlinge dargestellt wurden, sollte plausibel gemacht werden, daß die Deutschen sich völlig bekehrt hätten und selbstlos ihre Stimmen dem tschechischen Rationalstaat zur Verfügung stellten.
Dieses idyllische Gemälde muh durch ein parlamentarisches Kabinett befleckt werden. Denn es ift" eine pure Selbstverständlichkeit, daß in einer parlamentarischen Regierung auch Vertreter des deutschen Teiles der Mehrheit sitzen. Wenn schon deutsche Parteien daraus verzichten, ihren Eintritt in die Mehrheit, die S)ergäbe ihrer Stimmen für Staatsnotwendigkeiten von vorangegangenen Sicherungen und Bindungen darüber abhängig zu machen, daß von nun an der deutsche Teil der Staatsbevölkerung gebührende Berücksichtigung in nationaler, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht finde, daß mit der Beteiligung der Deutschen an der Mehrheit die Aschenbrödelrolle des Sudetendeutsd)tums zu Ende fei, wenn sie sich schon dem schönen Optimismus hingeben, daß auch ohne festen Pakt allein das Gewicht der Tatsachen zu einer Besserstellung der deutschen Bevölkerung im Staate führen müsse, so können sie doch ihren neuen politischen Weg nicht mit dem Empfang einer Ohrfeige beginnen. Eine solche Ohrfeige wäre es aber, wenn jetzt eine parlamentarische Regierung gebildet würde, in der die tschechisch-deutsche Mehrheit nur durch Tschechen vertreten wäre. Von den 167 Mehr
heitsstimmen stellen die Deutschen 37, daher hätten sie in einem lögliedrigen Kabinett A n - spruch auf drei Stellen. Sie müßten diesen Anspruch geltend machen, wenn sie sich nicht von vornherein in eine untergeordnete Dienerrolle drängen lassen wollen. Heute ist der Derwaltungsapp.-rai völlig in .schulischen Händen. Trotz dem seit Monaten bekundeten guten Willen der Deutschen ächt man keine Aende - r u n g der Tschechisierungspraris. Rach wie vor wird der Boden im deutschen Sprachgebiet tschechischen Kolonisten zugeieilt und e ansässige arme deutsche Bevölkerung, der Häusler und Kleinpächter geht leer au3; nach wie vor werden deutsche Staatsangestellte auf die Straße geworfen, die deutsche Wirtschaft wird durd) Steuxroeration und Schikane geschädigt, die deutsche Volksbildung durch Schuldrosselunge-n verelendet. Wenn nrn schon daraus verzichtet wird, durch ei.'.en vorangehenden n.t onalen Aus- gkeich die ärgsten Mi,..ände und Demütigungen zu beseitigen, so kann doch nicht überdies noch auf die Kontrollmöglichkeit durch Sih und Stimme in der Regierung verzichet werden. Deutsche Minister haben die Möglichkeit, in Derwaltungs- akte der Regierung Einblick zu gewinnen und Einfluß auszuüben, sie können auf dem beliebten Weg der via facti, den die Tschechen im alten Oesterreich so lange und mit vielem Crsolg gegangen sind, zumindest nationalen Schaden abwehren, wenn schon nicht nationale Vorteile erringen. Wenn die Dem chen in die Mehrheit gehen, aber auf ihren Anteil an der Ausübung der Macht durch die Stellung von Ministern verzichten, weil dies den Tschechen jetzt offensichtlich unbequem ist, dann begeben sie sich in eine Position, die nur zu bald unhaltbar werden muh. Die Parlamentarisierung der Regierung, die die jetzt hingearveitet wird, bietet den Deutschen eine wertvolle Chance; lassen sie sich von dem Hexenmeister Soehla um diese Chance bringen, dann gestaltet sich ihre Beteiligung an der Mehrheit zu einem gefährlichen Experiment für das Sudetendeutschtum.
Ferisnsahrt
durch das Baltikum.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Von unserem v. äle.-Berichterstatter.
L i b a u, im September 1926.
Endlich ist es so weit. Die Redaktion ist dem Vertreter übergeben und es kann auf die Serienreife gehen. Ziel — Reval, einst die nördlichste der deutschen Hansa-Städte. älntcrwcgs aber gibt es ein Wiedersehen mit Verwandten und Freunden, mit Schauplätzen von fröhlichen Gelagen, von Dolschewikenkänrpfen, von trüben und heiteren Erinnerungen aller Art. Im Dalti- kum ist es ja auch heute noch so trotz der politischen Grenzen; was zu der deutschen „Gesellschaft" gehört, das kennt sich oder weih doch wenigstens voneinander. Mit dem einen ist man verwandt, mit dem anderen hat man die Schulbank gedrückt, mit dem dritten hat man gezecht oder gejagt und mit dem vierten im Dolschewikengefängins gehungert oder in derselben Schwadron gegen die Roten gekämpft. Das ist unsere Schwäche, aber auch unsere Stärke, das macht aber auch jede Reise durch das Baltikum für den Deutsch-Balten zu einer Erinnerungsfahrt.
Wer östlich des Rjemen geboren ist, der reift nach Möglichkeit in der Rächt, einerlei ob er Deutscher, Russe, Pole oder weiß Gott was sonst fein mag. Er tut es, ob auch die wundervollen russischen Waggons 2. Klasse mit ihren breiten Liegeplätzen für jedermann schon längst durch uralte deutsche oder belgische Vorortwagen dritter Güte ersetzt worden sind, ersetzt wenigstens für den, der sich keinen internationalem Schlafwagen leisten kann, und das sind in unseren Gegenden nur noch die Schieber oder Ausländer. So geht denn auch der Zug aus Libau nach Riga erst gegen Mitternacht ab. Dicht besetzt sind die Abteile, und wer nicht zu schläfrig ist, hat die reichlichste Gelegenheit, praktische Sprach und Rassenkunde zu treiben. Deutsch. Russisch, Jiddisch und vor allem Lettisch hört er zum mindesten. Hier, im engen Abteil, vertragen sich
die Rassen und Sprachen im allgemeinen so ziemlich. Die Insekten wissen zwar gewisse Eig'n- tümlichkeilen dcs Blutes zu schätzen, leider s.nd aber auch sie von der Forscherneug.er geplagt und verschmähen es nicht, gelegentlich Abwechslung in ihr gewohntes Menü zu bringen. Wenn man das erst gemerkt hat. kommt einem das Tempo des Zuges noch langsamer vor. In der Tat entwickelt er ja auch die erstaunliche Geschwindigkeit von sage und schreibe 27 Stundenkilometern im D rchschnitl. W^r lang'mn fährt, fährt gut. sag: die lettländl'che Eisenbalnner- toaltung, und sie mag nicht so unrecht haben, denn das Schieuenmaterial ist (ex^t und öte Schwellen nicht immer von erster Iugendfr.sche. Endlich ist man aber doch in Riga, gerädert und steif vorn langen Sitzen auf harter Bank, oaer froh, endlich dem Zuge entsteigen _ zu können.
Riga ist nach dem stillen, auf den M's- fterbeetat gesetzten Libau mit seinen 350 000 Einwohnern eine vcritable Großstadt. Autos. Autobusse und Fußgänger füllen die engen und winkligen alten Gassen der inneren Stadt bis zmn äußersten, so daß man sich hier nach Westeuropa.- schem Muster dazu hat entschließen müssen, auf den belebtesten Straßen den Berkchr nur in einer Richtung zu gestatten. Richt minder belebt sind die schönen, breiten Boulevards des Anlagenringes. Aber nicht die Autos und nicht das Douleoardviertel sind es. die R'ga sein eigenes und schönes Gepräge geben, sondern immer noch die alten gotischen Kirchen mit ihren schlanken, durchbrochenen Helmkuppeltürmen aus dem 17. Jahrhundert. Jemand hat einmal treffend gesagt, daß diese Türme Riga nicht mehr beherrschen. aber auch noch nicht unterdrückt worden sind: sie kämpfen noch. Wenn man mitten darin ist in dem Gewühl der Stadt, dann merkt man vom hochgemuten Mittelalter höchstens die Schattenseite — die Ende unb die unbequeme Winkligkeit der Stratzenzüge, in denen der Fremde sich um so schwieriger zurechtfinhet. als^ die deutschen und russischen Straßenschilder längst entfernt und nur noch die lettischen übrig geblieben sind. Zum Glück bat man wenigstens in der Altstadt das hier so beliebte Umlaufen der Straßen bleiben lassen. Gewinnt man aber einigen Abstand und siebt sich die Stadt zum Beispiel von einer der staatlichen Dünabrückmr an, so sagt man sich doch, daß die alten Türnae das Eigentliche und das Wirkliche, Ewige in dem malerischen Städtebilde sind, alles andere nur zufälliges Beiwerk.
Tiefer und größer noch ist der Eindruck, wenn man eine dieser herrlichen deutschen Dack- steinbauten betritt. Diel schlichter und bescheidener ist ihr Inneres als bei den herrlichen Domen West- und Süddeutschlands, aber darum noch deutscher, noch andächtiger und vielleicht noch gewaltiger. Das mächtige Emporstreben der Pfellerbündel, die hinreißende Höhe des Kreuzgewölbes der Decke zwingt in dem norddeutschen Backsteindom mit unwiderstehlicher Gewalt zu Andacht und Einkehr. In all ihrer schlichten Großartigkeit wirken sie doch niemals nüchtern oder puritanisch. Der Hauch der Jahrhunderte weht hier jeden an, der nicht hoffnungs- und rettungslos im Gegenwartsdünkel des So-Herrlich- weit-gebracht-Habens verflacht ist. Faustisch sind diese Dome und wer hier nicht für Augenblicke wenigstens dem Alltag entrückt wird, der bleibt ein Wagner und dem ist nicht mehr zu helfen. Einzigartig ist der Kreuzgang am Dom. Verläßt man die Kirche durch das nördliche Seitenportal, so kommt man in einen quadratischen Hof. Wuchtig und schwer schließt ihn auf der Südseite die Wand des Domes ab. Die anderen drei Seiten werden von einem Wandelgang gebildet, den einst die würdigen Patres vom Domkapitel zu beschaulichen Spaziergängen beiruht haben. Fast noch romantisch muten die flachen, auf runden Säulen ruhenden Kreuzgewölbe dieses Ganges an. In dem blumenbepflanzten Hof steht ein kurioser Zeuge der ä lieft en Zeit des Landes. Das gewaltige, aus Granit gehauene Taufbecken der Kirche zu älexküll. Die ersten livländischen Bpcyöfe konnten wahrhaftig auch kein zierliches Werk eines Goldschmiedes brauchen, teils weil es die Beutegier der Täuflinge zu arg gereizt hätte, teils weil sie das Taufen an ganzen Dörfern und Gemeinden auf einmal zu vollziehen pflegten.
bet und finden sich selbst in Staatsaktionen und Trauerspielen.
Es ist bemerkenswert, daß der Dichter schon mit dem Namen seines Werkes dem Kaufmann, einer ziemlich unaktiven Figur, die zentrale Stellung in den Ereignissen und Gestalten zuaewiesen hat. Nicht „Porzia und die Freier", nicht „Shylock" — Antonio, der Kaufmann, der handelnd am wenigsten das Drama führt, ist als Mittelpunkt gewählt, weil in ihm, auf den erst spät sich Blick und Anteilnahme sammelt, die beiden Handlungen, die tragische und die komische (beide finden sich schon, locker gefügt, in der italienischen Quelle) verbinden und vereinigen. Sein Freund ist Bassanio, der zum heiteren Spiel mit Kästchen und Ringen nach Belmont, zur reichen Erbin, chinüberleitet; sein Feind, fein bitterster und unerbittlichster, ist Shylock, dem er, um Bassanio den Weg zu ebnen, verfallen muß.
In Shylock drängt die Tragödie des unterdrückten, verachteten, geduldeten Fremdrassigen zur Entladung. Und Shakespeare, der nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Schauspieler war, der Kunst und Wirkung des Theaters kannte, wie wenige, treibt in der Tat das Shylock-Drama bis an eine äußerste Grenze — gerade hierin und gerade deswegen ift das Stück Komödie — wo alles, im Sinne des Wortes, auf des Messers Schneide steht. Daß eben Porzia, als Richter verkleidet, den erlösenden Spruch tut, der den Juden in Ungefährlichkert und Machtlosigkeit zurücklpirst, chn aufs neue dem Spott und der Verachtung verfallen läßt — ist zwar unvermittelt und nur flüchtige Lösung dessen, was um Shylock sich entwickelte, ist aber Symbol zugleich und von tieferer Bedeutung für den Sieg der Hellen, leichten, heiteren Hälfte des Dramas, das das Tragische, Schwere und Dunkle eben nur streift. Der beschwingte, fröhliche Ausklang, der die letzten Fäden entwirrt, gehört Bassanio und Porzia, Lorenzo und Jessica, Graziano und Nerissa, den drei glücklich vereinten Paaren des Spiels, und gehört Antonio, dem vor dem Messer des Juden geretteten Kaufmann von Venedig.
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Es tut der oben entwickelten Einstellung zum Werke keinen Abbruch, wenn man sich zugleich der Möglichkeit oder sogar Wahrscheinlichkell erinnert. daß man die comedy (wie im Vorbericht
angebeutet wurde) zu Shakespeares Zeiten wohl gröber, possenhafter, vielleicht auch absichtlicher auf den Ausgang der Gerichlsszene hin gespielt und eingestellt Hal. Man Hal den „Kaufmann" in unseren Tagen auf die verschiedenste Art auf» geführt; das ist Temperamenlssache. Wesentlich bleibt, im Ganzen die prachtvoll poetische, farbige, zarte und bewegliche Dichtung, eine der genialsten Gestaltungen Shakespeares überhaupt, zu spüren und wiederzugeben. Das heißt: das sichere Gemhl für die dynamische Gewichtsverteilung in den fünf Akten zu bewahren und zum Ausdruck zu bringen.
In diesem Sinne ist die Inszenierung des Intendanten Steingoetter als eine klug? und gelungene Regieschöpfung anzusprechen. Aeuher- lich gab sich dies in der Dramaturgie und Szenenführung kund: der Spielwarl hatte, durch Streichungen und Zusammenlegungen, die immerhin 20 Szenen im Text auf acht Bilder vereinigt. In Anbetracht dessen, daß die gerade hier so nützliche Drehbühne fehlte, eine respektable Leistung. Die ersten beiden Bilder hätten übrigens ineinander übergehen können. Auch mit der Zusammenlegung der drei ersten Szenen in Belmont wird man sich einverstanden erklären, obwohl der an sich schon für Shakespeare charakteristische, schnelle und häufige Szenenwechsel gerade irn „Kaufmann" nicht ohne ileberlegung gewählt und innerlich bedeutsam ist.
Die einzelnen Bilder und Szenengr^chpen zeigten Phantasie, Farbigkeit, Bewegung und durch leichte Musik untermalte Stimmung. Als besonders gut gegliedert und einprägsam seien nur der serenadenhaft heitere, mit bunten Lichtern blitzende, nächtliche Mummenschanz vor Shylocks Hause, und die starke, gesteigert gespielte, große Gerichtsszene (IV, 1) festgrhalten. Des Bühnenbildners, Löffler, sei hierbei gleichfalls lobend gedacht.
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DoS Ensemble war gut. An erster Stelle ist von einigen neuen, ersten Kräften zu sprechen. Maryela Baumann stellte sich dem Gießener Publikum als Porzia vor. Man lernte eine sympathische Bühnenerscheinung und offenbar sehr routinierte Schauspielerin kennen, die über eine Weiche und wohllautende Stimme verfügt. Lei»


