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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)

Nr. 182 Zweites Blatt

Die Anfänge des parlamentarischen Regimes in Deutschland.

Die Friedensresolution des Reichstags 1917. - Die Kanzlerschaft Michaelis.

Ion D. Dr. Dr. 3. V. Dredt, o. Professor der Rechte an der Universität Marburg, Mitglied des Reichstags, Sachverständiger des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses'.

MU dem Sturz des Reichskanzlers von Deth- niinn Hollweg war das eigentliche kaiser­liche Regiment nach Dismarckscher Tradition zu Ende. Was jetzt kam. war ^nächst eine große Verwirrung, aus der sich ixnn aber die Ansätze zum parlamentarischen Argiment immer deutlicher heraushoben. Daß aller jetzt nur ein einziger Weg noch offen stand, h*n Deutschland nach ewigen Gesetzen der Welt- .Schichte zu beschreiten hatte, das sehen wir i,ute genau, wie es damals schon alle hätten jetiien können. Man konnte das Rad der Welt- > Schichte nicht rückwärts drehen, man konnte imr versuchen. dasKonnmende rechtzeitig x i erkennen und in die Bahnen einer langsamen Entwicklung zu lenken. -Deutschland war gegründet worden nicht mit dein parlamentarischen Regiment, sondern im Kampfe nut ihm, und kein anderer als der grobe Reichs- Minder hatte einmal gesagt: .Wir können die i>eschichte der Vergangenheit wrder^ ignorieren, nach können wir die Zukunft machen: und das ist ei i Mißverständnis, vor dem ich hier toarnen m-schte, das) wir uns nicht einbilden, wir können t-en Lauf der Zeit dadurch beschleunigen, dah trtr unsere Uhren vorstellen."

Dah in Preußen die Zeit des Dreiklassen- Dahlrechts vorüber war. das muh jedem Ein- lichtigen klar sein: dah aber auch im Reiche das renn bureaukratische Regiment nicht mehr halt­bar war. muhte ebenso deutlich sein. Der Stein txr längst im Rollen und jede politische Krise lo nnte nur dahin sich auSwirken, dah sie die örtwicklung noch beschleunigte. Glaubte tatsächlich seinand im Ernste, man werde einen neuen ft eichskanzler finden, der diesen Gang werde auf- 6alten können? Wo sollte er sein, wenn man ro$> nie etwas von ihm gemerkt hatte? Es er­scheint heute tatsächlich unbegreiflich, dah gerade diejenigen Parteien, Den Sturz Dethmann Holl- 2>egs betrieben, die am meisten Ursache gehabt hätten, tunlichst das alte Regiment nicht anzu- tdlten.

Was das deutsche Volk damals wollte, war jcBem Einsichtigen klar. Die Begeisterung der Etilen Kriegsmonate war zermürbt und zerrieben in den Sorgen des Alltags, der Rot der Er­nährung, der Trauer um zahllose Gefallene. Was mar der Krieg von 1866. der zwei Wochen ge­dauert hatte, und der Krieg von 1870, der sieben Atonale gedauert hatte, gegen den Weltkrieg, bei dem man schon nach Zähren rechnete? Das EL ent) wuchs von Tag zu Tag, und alle Sieges- nahrichten boten keinen Ersah mehr für das, i>a8 man erlebte. Man wollte Frieden unö nochmals Frieden, darin erschöpfte sich das ganze politische Wollen. Man empfand aber auch ganz richtig den Mangel der politischen Führung. Was nutzten Denn alle Siege, wenn sie nicht verwertet wurden? Wie sollte denn jemals ein Ende kommen, wenn alle militärischen Erfolge nur zu neuen Unternehmungen und neuen Opfern führten? War Denn nicht alles gut, wenn nan Frieden machte ohne Annexionen und Ent­schädigungen? Das alles waren Fragen, Die Das ganze Doll beschäftigten, von Denen man aber in Den Zeitungen so gut wie nichts las. Die Z < n s u r waltete ihres Amtes. Don Der Reichs­regierung vernahm man nur Die Ermahnung zum kirchhalten, aber man sah keine Taten. Itei Der Obersten Heeresleitung aber sah man nur dem festen Willen, Den endlichen Sieg zu er­achten. auch wenn die Opfer noch so grob rnren.

" Die Ursachen des Deutschen Zusammen- dcnichs im 3ahre 1918 (IV. Reihe imWerk des Umtersuchungsausschusses der Derfassunggebenden Deutschen Rationalversammlung und des Deut- 'ch.<n Reichstages 1919-1926). 2. Abteilung: Oer innere Zusammenbruch. Band 8. Gutachten d« Sachverständigen D. Dr. Dr. Bredt, M. d. R. ,Oer Deutsche Reichstag im Weltkrieg". 429 feilen. 1926, Deutsche Derlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W. 8.

Run sprach Erzberger im HauptauZschuh mit einem Male das aus, was die meisten fühlten, und das ist der Grund zu Der Durchschlagenden Wirkung seines Vorstoßes. Mit einem Male sah man den Schlüssel zur Lage: die großen mili­tärischen Erfolge mußten politisch verwer- t e t werden zur Erlangung eines Verständi- gungsfriedens. Wer sollte da aber die Führung übernehmen? Der Reichskanzler v. Dethmann H o l l w e g war offensichtlich nicht Der Mann dazu. Denn er hatte sich bisher Der Obersten Heeresleitung gegenüber nicht durchsetzen können. Also nahm eine Reichstagsmehrheit Die Sache selbst in Die Hand und entwarf Den Plan einer Friedensresolution. DaS war im ©runDe nichts anderes als Der GeDanke Bismarcks, als er 1366 Dem siegreichen Feldherrn in Den Arm fiel unD über seinen Kopf hinweg Den Sieg von Königgräh verwertete zu einem DerstänDigungs- frieden mit Oesterreich. Ob ein solcher FrieDen 1917 möglich war, ist eine ganz anDere Frage: hier bleibt nur zu verzeichnen, daß Die Reichstagsmehrheit Diesen großzügigen Versuch unternahm. Es erschien plötzlich ein Faktor im politischen Getriebe, mit Dem man bisher kaum gerechnet hatte: Der Deutsche Reichstag melDete seinen Anspruch an, Das entscheiDende Wort reden zu dürfen. Die grundlegende Bedeu­tung dieser Tatsache Darf in feiner Weise unter­schätzt werden. Alles Gerede vom autokratischen und militaristischen Regiment in Deutschland war auf der ganzen Welt ad absurdum geführt, wenn sich jetzt mit einem Male zeigte, daß das deutsche Volk imstande war, seine Geschicke s e l b st zu lenken. In Dem Augenblicke aber, wo alles das zum Durchbruch kam, erschien Di e Oberste Heeresleitun g*auf Dem Plan und verwan- Delte Die neuen Geschehnisse in ihr Gegenteil.

Daß Die Ereignisse diesen Lauf nehmen konn­ten, war wesentlich auf das Verhalten von C r z- b e r g e r zurückzuführen. Sein ganzer Vorstoß vom 6. Juli hatte sich doch im Grunde gegen die Oberste Heeresleitung gerichtet, und vollends Die Friedensresolution richtete sich ganz bestimmt gegen Deren Kriegsziele. Man hätte nun anneh­men sollen, er habe sich zusammen mit der Linken des Reichstags gegen rechts gehalten. Wir sehen ihn aber im BunDe mit Stresemann. Auf Diese Weise kommt folgende Stellung heraus:

Konservative, Freikonfervative (Deutsche Fraktion) und Rationalliberale stehen gegen Den Reichskanzler unD für Die Oberste Heeresleitung: sie finD Gegner Der FrieDesres olution.

Sozialdemokraten und Fortschrittler stehen gegen Die Oberste Heeresleitung unD haben gegen Den Reichskanzler wenig cituutoenDen; sie sink) für Die Friedens resolution.

Das Zentrum steht sowohl gegen Die ObersteHeeresleitung wie gegen Den Reichskanzler: es ist für Die Friedens- resolution. Das Zentrum gibt Den Ausschlag Dahin, Daß Der Reichskanzler gestürzt werden kann von rechts, unD Daß Die Friedensresolution ange­nommen wirk) von links. Diese Haltung ist offen- sichtlich auf Erzberger zurückzuführen.

So enDete Diese KanzlerreDe mit einer Ver­wirrung, wie sie schlimmer nicht geDacht toerDen konnte. Es kam jetzt Darauf an, einen Rachfolger zu finden, welcher Der Obersten Heeresleitung genehm war. Das war ja Doch Die Frage ge­wesen, Die zum Kanzlerwechsel geführt hatte, unD Das hatten Die Parteien von rechts, ein­schließlich Stresemann, auch als ihren GrunD mit angegeben. Gleichzeitig sollte aber Der Rach- folger bereit sein, auf den BoDen Der Friedens- refolution zu treten, Denn Daß Diese im Reichs­tage eine Mehrheit für sich hatte, war offen­sichtlich. Wer sollte aber Den Rachfolger aus- suchen? So weit waren Die Dinge noch nicht geDiehen, Daß Der Reichstag einen Rachfolger hätte präsentieren können: unD wer hätte es etwa sein sollen? AnDererseits gingen Die Ambitionen Der Obersten Heeresleitung keineswegs so weit,

Amerikanische Eisenbahnen.

Von RuDolf Lothar.

Jeder Europäer, Der nach Amerika kommt, ist Des Staunens unD Der Bewunderung voll ib-:t die amerikanischen Verkehrsverhältnisse. Der r.eiige Autoverkehr in Der Stadt wickelt sich mit tiner Exaktheit ab, Die Den FremDen verblüfft. 0c5 Auto gehört heute zum amerllanischen Haus- hi.lt wie Das Telephon. Rach Der letzten Zählung lauen in Kalifornien zum Beispiel auf sechs Millionen Einwohner Drei Millionen Autos. Da inner Den sechs Millionen sich auch eine große Anzahl KinDer befinDen, Die kaum ein eigenes Mo besitzen Dürften, so ersieht man, Daß in I Kalifornien offenbar weit mehr Personen mehrere Mi:Lod besitzen Dürften, als es autolose Kali- btnier gibt. Eine Fahrprüfung für Den Auto- kfifcer gibt es nicht. Man kauft ein Auto unD sitzrt los, allerdings auf eigene Verantwortung. drD das Verantwortlichkeitsgefühl Des einzelnen die beste Schule.

Die musterhafte Abrollung Des Autover- bhcs ist aber auch zum großen Teil Dem fabel- hlten Gehorsam zu verdanken, mit Dem Der Amerikaner Dem Befahl folgt, Der ihm erteilt bt.rD. Der Polizeimann steht mitten auf Der btraße, bewegt wie ein optischer Telegraph Die Hände und regelt Damit Den Verkehr in unüber- m-'flicher Wetse. Kein Auto wirD es wagen, ten Halt gebieten Den Hand zu trotzen. Die Diszi- Hct Des Publikums ist aber Die erste Voraus­setzung eines georDneten Verkehrs. UnD Die Ame- rkner bilDcn gewiß Das am besten Disziplinierte Publikum. Eine Straße im größten Autoverkehr, nbra zur Mittagsstunde, zu passieren, ist in Amerika polftornnkn ungefäyrlich, wenn man sich hn an Die W "gen Des Policeman hält. Sie rücksichtsvr^k aber Der Autoverkehr Dem Publikum gegenüber ist, kann man am besten in kc Rähe der Schulen beobachten. Da müssen Autos langsam fahren unD bei Schulschluß dr§t Der Policeman für Das Wohl aller Die ktrahe passieren Den Kinder.

Amerika ist das Land Der großen Entfernun­gen. Darum ist Das Auto ein Instrument Des Alltags, ohne welches man Drüben gar nicht leben könnte. Ich möchte aber das Kapitel Auto nicht verlassen, ohne eine sehr hübsche Einrich­tung zu erwähnen, Die ich in San Franzisko fand. Dort gehören die sogenannten gelben Taxis (Autodroschken) einer Gesellschaft, Die Kupon- bücher aus gibt. Diese Büchlein enthalten Ab­schnitte mit 10,20 unD 50 Cents unD gewähren Dem Käufer eine wesentliche Verbilligung Der Autofahrt. Man zahlt aber bekanntlich viel leich­ter mit einem Kupon als mit barem Gelbe, nota­bene wenn man Die Vorteile eines billigen Abon­nements genießt. Der Einführung Der Kupon- bücher hat Denn auch Die Gesellschaft eine große Steigerung im Verkehr ihrer Wagen zu ver- Danken. Warum führt man solche Kuponbücher nicht in Europa ein?

MerkwürDigerweise hält Die Entwicklung Des Eisenbahnwesens mit Der Entwicklung Des Auto­verkehrs nicht Schritt. Es gibt zwar fabelhaft gute Züge, Die wundervoll fahren, aber auch sehr viele andere Expreß- und Luxuszüge, Deren Fahr­kunst nicht allzu beDeutenb ist. Ich fuhr einmal mit einem Luxuszug von San Franzisko nach Chikago, unD Dieser Ovffuszug blieb alle Rase lang stehen, unD zwar immer mit einem solchen Ruck, als gäbe es eine Katastrohe. Auch ziemlich große Verspätungen finD nicht selten. Diese Mängel Der Fahrtechnik empfindet man deswegen besonders stark, weil eben andere Züge auf anderen Linien die Reisenden sehr verwöhnt haben. So verschieden wie die Fahrtechnll ist auch z. B. Die Güte Des Speisewagens. Auf Der Santa-Fe-Route ißt man im Speisewagen so gut wie in einem Hotel allerersten Ranges. Auf arideren Routen ißt man mittelmäßig. unD manch­mal ist Das Essen ganz schlecht. In allen Zügen aber hat man gewisse Bequemlichkeiten, die man in europäischen Bahnen schmerzlich vermißt. Kaum sitzt man im Abteil, und schon ist der Reger Da, hängt Mäntel unD Ueberzieher auf Bügel, umgibt die Kleider mit weißem Linnen, steckt

daß sie für sich verlangte, Den Rachsolger be­nennen zu können. General Ludendorff gibt ja Deutlich feiner QkrtounDerung Ausdruck, daß man nicht jederzeit einen Rachfolger in Bereitschaft gehabt habe. Also die Ernennung des Reichs­kanzlers fiel ganz der Stelle zu, die auch nach der Reichsverfassung die allein berufene war dem Kaiser. So haben die beiden streitenden Teile, der Reichstag und die Oberste Heeres- Leitung in diesem entscheidenden Augenblick ruhig abgekartet, was von oben kam. Eine klare Linie der Politik kann man auch beim besten Willen nicht erkennen.

Die näheren Umstände, welche gerade zur Wahl von Dr. Michaelis führten, sind nicht bekannt. Der Reichskanzler von Bethmann Holl- weg lehnt es ganz entschieden ab, mit der Wahl seines Rachfolgers in Zusammenhang gebracht zu werden. General Ludendorff hat bestimmt nicht Den Sturz von Dethmann Hollweg betrieben in Der Absicht, geraDe Dr. Michaelis an seine Stelle zu sehen. Dr. Michaelis selbst weih auch nichts Genaueres anzugeben. Man scheint in Der Umgebung Des Kaisers eine Reihe von Persön­lichkeiten ins Auge gefaßt zu haben und schließ­lich, da Graf Hertling ablehnte, auf ihn ver­fallen zu sein. Das eine aber kann gar kein Zweifel sein: Dr. Michaelis war in Frage ge­kommen auf Grund seiner Tätigkeit als preußi­scher Staatskommissar für das Ernährungswesen. Er hatte hier sehr energisch zugegriffen und orga­nisatorisches Talent bewiesen. Vielleicht wäre er aber dennoch nicht in Frage gekommen, wenn nicht ein einzelner Augenblick die Aufmerksam­keit weiterer Kreise auf ihn gelenkt hätte. In einer parlamentarischen Auseinandersetzung mit dem preußischen Landwirtschastsminister Frhr. v. Schorlemer-Lieser war er in Der Pose des ftare i ManneZ aufgetie en, ter ei ern e iisch'ossen ist, seinen Willen durchzusetzen und sich Die nöti­gen Kräfte zutraut. Diese RedewenDungen hatten in Der Presse Aufsehen gemacht unD waren auch in militärischen Kreisen viel beachtet worDen. So kann es gar fein Zweifel fein, Daß Dr. Michaelis angesehen tourDe als Der Kanz- ler Des starken Willens, Der imstande war, Die für richtig erkannte Ansicht kraftvoll Durchzu'ehen. Daß er unter diesen Gesichtspunkten von Der Obersten Heeresleitung willkommen ge­heißen wurde, erscheint begreiflich.

Unter Dem Gesichtspunkte Des Parlementaris- mus gesehen war Die Ernennung von Dr. Mi­chaelis eine Der größten Ungeheuerlichkeiten, Die sich jemals ereignet haben. Die Oberste Heeres­leitung wollte einen Reichskanzler, Der mit festem Willen alles aufbot, um einen wahren Sieg- FrieDcn zu erreichen. Die Linke Des Reichstags wollte einen Reichskanzler Der Verständigung, Der imstande war, auch Der Obersten Heeres­leitung unD Der Marine gegenüber Diesen ®e- Danfen Durchzusehen: Der neue Reichskanzler sollte unter allen UmstänDen versuchen, auf Der Dasis Der FricDensresolution Dem Kriege ein EnDe zu machen. Mit anderen Worten: die Oberste Heeres­leitung und Die Rechte Des Reichstags erwartete von Dr. Michaelis, Daß er imstanDe sein toerDe. Die FrieDensresolution unD ihre Folgen toieDer aufzuheben, Die Mitte unD Die Linke Des Reichstags erwarteten von ihm. Daß er imstanDe sein toerDe, Die FrieDensresolution gegenüber Der Obersten Heeresleitung Durchzusehen. Das war wahrhaftig kein leichtes Amt. Das Dr. Michaelis hier übernahm! Die Krisis in Dem Kampfe zwischen Militarismus unD Parlamen­tarismus war Damit auf Dem Höhepunkt an ge­kommen. Hätte Der Reichstag in Diesem Augen­blicke Die Festigkeit bewiesen, nach Dem Sturze von Dethmann-Hollweg seine ForDerungen zu stellen unD festzuhalten, Dann wäre Das parlamen­tarische Regiment Dagewesen: Der Reichstag hatte ganz bestimmt Die Machtmittel Dazu in Der HanD. Statt Dessen haben Die auf Die Friedensresolution vereinigten Parteien tatenlos zugesehen, wie zwar die Oberste Heeresleitung gefragt wurde, ob ihr Der neue Kanzler genehm sei, wie aber Die Parteien Des Reichstages überhaupt nicht gehört wurden. So ist Denn Das Un­glück gekommen, Das kommen mußte. Denn Daß Der wirkliche SchaDen nicht angerichtet worden ist durch Die Resolution selbst, sonDern Durch Die Art, wie sie im Reichstage behan- D e 11 worden ist, Das ist im heutigen Rückblicke nicht mehr zu bestreiten.

Die Hüte in Papiersäcke unD gibt Dem Reisenden weiß überzogene Kissen zum Anlehnen. Wenn man imAppartement" reist, D. h. wenn man eine eigene Kabine hat unD nicht im allgemeinen Schlaf raum übernachtet, hat man auch seinen einenen Waschraum, Der von taDelloser Sauber­keit ist, wie übrigens alle Waschräume unD Klosetts im Zug. Dem ReisenDen Drängt sich hier Die Frage auf: Warum gibt es in europäischen Zügen kein tadellos sauberes W. C.?

Im Waschraum finDet man auch ein DuhenD sauberer Handtücher, selbstverständlich immer ein in Papier gewickeltes Stück Seife, und man hat kaltes, heißes und Eiswasser zur Verfügung. Das Appartement ist für drei Detten eingerichtet, die, wie Die Detten in allen amerllanischen Wag­gons. in Der Längsrichtung angebracht finD. Cs sind breite, schöne, gute Detten mit einer Unzahl von Kissen unD Decken, Die an Güte Den besten Hotelbetten nicht nachstehen.

Die Fenster finD wegen des Kohlenstaubes mit Drahtgaze überzogen. Den ganzen Tag sorgt der Reger für die weihen Leinelch ezüge der Kopf- lehnen und Anlehnskissen. Und wenn der Zug auf einer Station hält, dann steht der Reger auf dem Perron neben jeder Ausgangstür mit einem gelben Trittbrett für die Ein- und Aussteigenden.

In jedem Waggon befindet sich ein Reservoir mit Eiswasser zum Trinken und daneben eine Vorrichtung, der man, natürlich kostenlos, einen papiernen Trinkbecher entnehmen kann. Rach dem Gebrauch wirft man ihn in einen Korb. Im Appartement ilft man natürlich fein völlig freier Herr und kann machen, was man will. Auch rauchen. Im großen Waggon darf man nicht rauchen. Wer rauchen will, geht ins Rauch­zimmer. das sich am Ende eines jeden Wagens befindet. Sehr viele Züge haben auch ein eigenes Schreib- und Lesezimmer. Es gibt auch Züge mit Dadezimmern, fast alle Züge haben eine Darbier- ftube. Man sieht also, daß für den Komfort in genügender Weise gesorgt ist. Jeder Waggon hat feinen eigenen Rainen. Offenbar deswegen, damit man sich den Hamen merken kann, wenn man

Zreilag, 6. August 1926

Danzig und Polen.

Die Freie Stadt Danzig ist in finanzielle Schwierigkeiten geraten, obwohl sie ihre Währung rechtzeitig stabilisiert hatte und der Danziger Gulden heute genau so hochwertig wie hie Reichs­mark gilt. Aber trotzdem haben sich die Staats­finanzen immer schlechter gestaltet. Das liegt zum Teil Daran, daß sie, als in Den ersten Jahren nach Der Stabilisierung Die Staatsfinanzen noch Ueberschüsse abwarfen, Die G eh älter ihrer Deamten beDeutenb erhöhte, so daß Die Beamten­gehälter heute weit höher finD als im Deutschen Reiche. Dazu kommt iwch, daß Danzig über eine Zahl von Beamten verfügt, Die in keinem rechten Verhältnis zur Gröhe des Staatsgebietes und Der Einwohnerzahl steht. Das ist aber nur natür­lich, weil Die Reuorganisation, Die das HerauS- reißen Danzigs aus Dem Deutschen Verbände mit sich brachte, einen umfangreicheren Be­amtenapparat crforDerle als ein altes Staatswesen. Die Hauptursache Der Finanzschwie- rigleiten aber bilDet Der Währungsverfall in Polen, Der Den Staat und Die Wirtschaft des Gebietes stark in MitleiDenschaft gezogen hat. Dazu kommt noch, Daß Der deutsch-polni- s ch e Wirtschaftskrieg Die Industrie Des Freistaates lange Zeit hinDurch fast völlig lahm­gelegt hat. Die erste Folge Davon war ein großes Heer von Arbeitslosen, Dis natürlich unterstützt werden müssen, unD weiter kommt Dazu Der auherorDentliche Ausfall an Soll­einnahmen. Deshalb hat sich Danzig an das Finanzkomitee Des Völkerbundes gewandt, das außer einem Abstrich am Budget vor allen Dingen eine Neuregelung des Vertei - lungssystems für die Zölle mit Polen empfahl. Das ist wohl auch der wichtigste Punkt für die Sanierung Der Danziger Finanzverhält­nisse.

Dabei ist interessant und äußerst bezeichnend für die ganze polnische Einstellung gegenüber Danzig, daß der polnische Ministerpräsident Bar te l vor einigen Tagen in einer Rede im Auswärtigen Ausschuß des Sejm die ganze Sache so darstellte, als wolle Dolen an Der Sanierung Danzigs mitarbeiten, als sei das ein Akt des Wohlwollens gegenüber Der Freien StaDt. Da­bei handelte es sich um berechtigte An - s prüche Danzigs auf GrunD Der Verträge, Deren Durchführung keineswegs von Dem guten Willen Polens abhängig ist. Aber Die ganze Ausdruckstoeise Des Ministerpräsidenten ist be­zeichnend dafür, toi# Polen seine Stellung gegen­über Danzig auffaht. Es möchte Danzig mehr als einen Teil des polnischen Staa- t e s behandeln und die Freie Stadt in ein ge­wisses Abhängigkeitsverhältnis hineinmanöverie- ren. Die Schikanen früherer Zeit sind hinreichende Beweise für diese Absichten, und in dem Kom­missar des Völkerbundes in Danzig hat Die pol­nische Regierung ja schließlich auch einen Helfers­helfer bei ihren immer toieDer zutage tretenden Vergetoaltigungsverfuchen.

Diese Anmaßung in Der Rede des polnischen Ministerpräsidenten mußte natürlich in Danzig Aufsehen erregen, so daß sich der SenatspräsidÄtt der Freien Stadt Danzig, Dr. Sah m, gezwungen sah, in einer Erklärung dagegen Protest zu er­heben und wenigstens in einer Form von Richtig­stellungen darauf hinzuweisen, daß Danzig in seiner Finanzverwaltung völlig unabhän- g i g ist. So wird sich Danzig immer wieder gegen polnische Anmaßungen wehren müssen und namentlich auch bei den kommenden Verhand­lungen über die Reuverteilung Der Zollsätze, die Danzig unabhängig von den Kursschwankungen der polnischen Währung machen soll, auf Der Hut sein müssen, Daß es Dabei nicht mit Unterstützung Des VölkerbunDskommissars übervorteilt wird. BesonDers unter Dem Regime Pilsudskis ist die dauernde Abwehrstellung nötig, da Dessen Machtprogramm nicht frei von Aspirationen auf Das Danziger Gebiet zu^ fein scheint. Danzigs Schwierigkeiten werben nicht Durch Polen oder mit Unterstützung Polens behoben werden. Die unnatürliche Abtrennung Danzigs von Deutschland ist der Grund für alle Schwierigkeiten, die nur erneut beweisen, daß Danzig ohne das große Hinterland des Deutschen Reiches nicht lebensfähig ist.

aussteigt. Ein Rame prägt sich einem besser ein, als eine Zahl. Mein Waggon auf der Reise nach Los Angeles hießShakespeare" und von San Franzisko nach Salt Lake City fuhr ich im Phantom". So angenehm aber das Reisen im Appartement ist, an den allgemeinen Schlafraum, wo Männer und Frauen durcheinander schlafen, gewöhnt man sich schwer. Die einzelnen Kojen sind mit grünen seidenen Vorhängen verschloßen, was die Temperqtur im Bett wesentlich erhöht. Des Morgens steht man Polonaise beim Wasch­raum. In dieser Beziehung sind unsere Schlaf­wagen viel besser. Und der Europäer wundert sich, daß der Amerikaner von dem System des gemeinsamen Schlafwagens noch nicht abgekommen ist. Zu jedem Zug aber gehört noch ein höchst unangenehmer Bestandteil: das ist der Ver­käufer, der fortwährend in allen Waggons bald mit Albums, bald mit Zuckerwerk, bald mit Zi­garren, bald mit Ansichtskarten und Schreib­papier hausieren geht. Er schwätzt und schwätzt ununterbrochen. Er hält, mitten im Waggon stehend, Vorträge. Er klopft an die Tür des Appartements, seht sich ungeniert auf das Sofa und preist die Vorzüge seiner Waren an. Be­sonders gut scheint sein Geschäft zu blühen, wenn der Zug pittoreske Gegenden durchfährt. Dann setzt er ganze Stöße von Albums und Ansichts­karten ab.

Es ist merkwürdig, wie rasch man sich in Amerika an endlose Fahrten gewöhnt: drei Tage, vier Tage auf der Eisenbahn, manchmal auch sechs Tage. Das erscheint einem in Europa wie eine unerhörte Strapaze. Aber man reift in Amerika so behaglich, dah man Die Strapazen kaum empfinDet. Es sei Denn, Daß Die Sonne Die eisernen Pullmanwagen zum Glühen bringt. Dann WirD Das Fahren allerdings zu einer unerhörten Qual. TrotzDem im Waggon alle Ventilatoren in Bewegung sind und man sie mit Eis zu kühlen versucht. Die Fahrt durch die glühende amerita- nische Wüste wird immer zu meinen schrecklichsten Erinnerungen gehören.