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Nr. 155 Zweites Blatt

Die Inder in Südafrika.

Don Fregattenkapitän a. D. W. Schoenfeld.

3m südafrikanischen Parlament hat das zur Zeit berate-nc Gesetz gegen die Inder den Kampf zwischen der Regierungspartei (Rationalisten) hub Opposition (South African Party) besonders heftig entfesselt. Indien boykottiert südafrika­nische Waren, fordert sogar England zum Ein­schreiten gegen den südafrikanischen Bund auf, auch Gandhi ist gegen Süd-Asrika mobil ge­macht. Somit hat der südafrikanische Crst- : Minister Herzog gegenwärtig keinen leichten Stand, und Smuts, Englands Söldling, läht ei an Hetzreden überall rm Lande nicht sehlen, n der Hoffnung, sich und seine Partei ans Fluder zu bringen, falls es ihm gelingt, den verhaßten Gegner über die Inderfrage zu Fall zu bringen.

Mit seiner unerschütterlich klaren Sprache, I ?tnm mannhaften Betonen des südasrikani-

l hen Freiheitswillens, besonders in seiner Par- l imentsrede vom 22. April dieses Jahres, ist Teneral Herzog England stark auf die Äerven «-fallen, deshalb ist man unablässig an der Arbeit, jeden Anlaß zu benutzen, ihm die Zügel wieder aus der Hand zu winden. Das von der Legierung eingebrachte Gesetz gegen die Inder, br?e sogenannteAsiatic Bill",, liehe sich viel­leicht dazu benutzen. In den Tönen glühender Entrüstung poird die grausame Härte des ein- nrbrachten Gesetzes verdammt, und andererseits v-e englische Menschenfreundlichkeit der Umwelt gepriesen.

Wer hat in Wirklichkeit den Indern ihr Schicksal bereitet, und wer hat weit über die Destimmungen des Gesetzes hinaus ihre Aus- ; Deisung gefordert? Vornehmlich in Rotal war d e indische Gefahr schon Jahre vor dem Kriege rine ständige Sorge der weißen Bevölkerung. Dort hatten sich die eingewanderten Inder nicht n ir nach und nach des gesamten Kleinhandels b-anächtigt, sondern auch das früher fast aus­schließlich von Europäern ausgeübte Handwerk in erschreckendem Matze in ihre Hände gebracht. Hierbei nicht haltmachend, waren sie auch in b<n Großhandel (teilweise unter Decknamen, um tzre indische^Herkunft nicht zu verraten) hinein - g«gangen. Ihre aus niedriger Lebenshaltung $ li<9 ergebende Bedürfnislosigkeit ermöglichte es fyien, jeden europäischen Wettbewerb zu schla­gen. Der Rachwuchs der Inder ist erheblich zahlreicher, als der europäische. Da die Inder gh8 der Zeit, als Ratal noch englische Kron- kolonie war, volles Bürgerrecht genießen (Wahl- rscht usw.), würde der indische Einfluß in ab­sehbarer Zeit in den Gemeinde- und Staats­verwaltungen bald überwiegen. Hält man sich v»r Augen, daß in Südafrika gegen rund 1,5 Millionen Weihe etwa 5 Millionen Dan­ins, Zulus und Hottentotten stchen, und hierzu nL>ch die Mischlinge treten, fq dürfte es durch­aus begreiflich sein, wenn sich die südafrikanische S-Iaatsleitung nicht auch noch mit einer immer drohender anwachsenden, indischen Bevölkerung belasten will, soll nicht der Traum desWeihen Südafrika" desWhite mans country, wie man öS in englischen Kreisen so gerne nennt, schnell ausgeträumt sein.

Wenn also die jetzige Regierung des Süd­afrikanischen Bundes in vollem Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit den schwerwiegenden Ent- schluh fahte, Maßregeln gegen die kommende Dedröhung der europäischen Lebensmöglich­keiten in dem ihren Händen anvertrauten Lande ergreifen, so sollten gerade die Engländer * sich ängstlich jeder abfälligen Kritik enthalten, dennn sie allein trifft die Schuld an der bedrohlichen Entwicklung der jetzigen Lage. Sie heben umso weniger Grund hierzu, weil, schon Jahre vor dem Kriege aus den rein eng­lischen Kreisen Ratals der Ruf um ", Hilfe gegen dieUeberindung" an das Anions- Parlament erging.

Meister Anton.

Bon Johannes Heinrich Draach.

In einer jener mondhellen Frühlingsnächte, bre zauberhaften Kräften Mutter sind, die aus Erdschollen schwellen und phantastische Kreise schwingen lassen, gelang Meister Anton eine Erfindung. Es glückte ihm, ein Glas zu schleifen, mit dem er durch Dohlen, Balken und Steine, ' b rrch Mauern und Türen sehen konnte. Hielt er b m würfelförmigen Körper vor die Augen, ent» schwand den Wänden der Werkstatt Fülle und I Dichtigkeit, er vermochte die Stadt, den glihern- b m Strom und jenseits von ihm die Felsen der Serge zu erkennen. Richtete er den Kristall nach oben, so sanken die Sparren der Decke und die Ziegel des Daches in Richts, Sterne des Him* rr.els stellten sich über seine Stirne, die Milch» ftärahe, und in der Ferne, fast schon untergehend, d-is winkende Zeichen des strahlenden Merkur.

I Rach jahrelangen Kämpfen überfiel den ,0 Schöpfer nicht das Gefühl der Befreiung, nicht > b'.e Seligkeit des Bewußtseins, eine Tat voll- b rächt zu haben. Wurde ihm trotz steter Müh- I swl, trotz fieberhafter Hingabe die Entknotung b-s Geheimnisses im Vergleich zu ihrer Trag- nieitc zu leicht? Das Ziel war erreicht, aber es b'?uchte ihm ein Rätsel, daß von ihm die Entwick- -R.ng der Welt weilergesührt wer!>en, von ihm dce Weisung ausgehen sollte, daß nichts Der» l>-)vgenes besteht.

Roch galt es, Prüfungen vorzunehmen, und, üDtnn notwendig. Verbesserungen einzufügen. TJ eist er Anton lenkte den Würfel auf des Gold­schmieds Haus, das neben dem seinen lag. Hin ob wieder war das Geräusch klappernder Bleche ob stürzender Kannen herüber gedrungen, der Handwerker muhte also noch bei der Arbeit sein.

--er sah, wie bet Meister sich mit dem Siegel beschäftigte, Flammen schürte, Metalbrei in Sonnen goß und im Wasserbad erhärtete. Was wollten die Leute, die diesen Mann verlästerten? War es absonderlich, daß sein Fleiß Reichtümer erwarb? Wie würde sich nach dem Dekannt- wrrden seiner Ersindung das Urteil der Menge ordern, dachte der Meister und wartete, bis die Glücke aus den Kapseln geschält wurden. Es waren Taler, blinkende neue Silbertaler aus Wei, Kupfer und Zinn. Dieser Schuft, fiel die Meinung Meister Antons um, und der Giebel des Seifenhändlers Turack wurde gesucht.

Bei Weinschlemmerei und Spiel entdeckte er beit Kaufmann, der gewinnen muhte, weil ihm rin kleiner, unter der Decke angebrachter Spiegel dir Karten seiner Gegner verriet. Zu den Ge­rupften gehörte der Kaffeeröster Schelldau, ein

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen) Dienstag, 6. Juli 1926

I IHM II I II lllllll IIIIIMIIIII

Als nach Gründung des Südafrikanischen Bundes die bis dahin englische Kolonie Ratal dem Bunde als Provinz beigetreten war, brach­ten die Ratal-Engländer mehrmals hinterein­ander bei der Bundes-Regierung ein Abwehr- Gesetz gegen die Inder ein, doch fehlte dem da­maligen Erstminister Smuts der Mut, an diese heikle Frage heranzugehen. Erst, nachdem Her­zog und die Rationalisten die Zügel ergriffen hatten, fand Ratal Gehör. In seiner Fassung aber wurde das Gesetz erheblich gemildert. Kein zur Zeit in Ratal lebender Inder verliert ir­gend ein ihm xugestandenes Recht oder Besitz, nur eine Dereroung auf die Rachkommen findet nicht statt, vielmehr kauft der südafrikanische Staat die Werte dann auf und zahlt die Er­ben aus.

Will etwa England angesichts der ruchlosen, entschädigungslosen Vertreibung der deutschen Kolonisten von ihrem Besitz es wagen, den Sittenrichter zu spielen? Seine eigenen Söhne in Ratal sind ja überdies die Väter dieses Inder-Gesetzes gewesen. Ferner aber möge man sich in England daran erinnern, zu welchem Zwecke die Vorfahren der jetzigen Inder nach Südafrika verschleppt wurden, und wer sie dort­hin verschleppte?

Im Jahre 1859 begann es in der damaligen Kronkolonie Ratal auf den immer mehr ver» aröherten Zuckerpflonzui^gen empfindlich an Ar­beitern zu mangeln, weil die Bantus, beson­ders aber die Zulus, noch zu kriegerisch waren, um bei Europäern Arbeit zu nehmen. Die eng­lischen Pflanzer baten deshalb ihr Colonial-Of- fice in London, das englische Gouvernement in Indien anzuweisen, indische Kontraktarbeiter nach Ratal zu verschiffen. Dies geschah, und anfangs der 1860er Jahre kamen die ersten Schiffsladungen mit Menschenfracht von Indien in Durban an.

Die von der indischen Regierung festgesetzte Kontraktzeit dauerte 5 Jahre und der von der Ratal-Regierung vorgeschriebene Monatslohnbe­trug 10 Schilling für den Mann und 6 für die Frau. 'Für diesen geringen Lohn hatten die ein* geführten indischen Kulis 10 Stunden täglich zu arbeiten. Rach Ablauf des fünfjährigen Kon­traktes wurden sie aber nicht in die Heimat äu- rückbefördert, wie dies selbstverständlich gewesen wäre, sondern nur derjenige hatte Hoffnung, die Heimat jemals wiederzusehen, dem es ge­lungen war, von dem Hungerlohn sich das Rückfahrgeld aufzusparen. Erst nach langer Zeit ließ sich die englische Regierung herbei, den Arbeitern freie Rückfahrt zu gewähren, aber nur, falls sie nach Ableistung ihres Ar­beitskontraktes noch weitere 5 Jahre in Ratal geblieben waren.

Jetzt wird England die einst gerufenen Geister nicht mehr los. Bezeichnend ist und bleibt der Sachverhalt: die wieder einmal enthüllte, schamlose Ausbeutung Farbiger durch die eng­lischen Moralprediger.

Prager Brief.

Von unserem p.-Korrespondenten.

Prag, 2. Juli 1926.

Im Mittelpunkt des gesamten öffentlichen In­teresses steht gegenwärtig das konsequente Zusam­mengehen der deutschen Agrarier und Chriftlich-So- xialen mit den tschechischen bürgerlichen Parteien. Allgemein wird diese Tatsache als ein bedeutsamer Wendepunkt in der tschechoslowakischen Innenpolitik betrachtet. Führende Persönlichkeiten verschiedener Parteien halten es für nicht ausgeschlossen, daß die neue Mehrheit auch nach den jetzt angebrochenen politischen Ferien im Herbste bestehen bleiben und möglicherweise den Staatsooranschlag für 1927 be= schließen wird. Nach Abschluß der Parlamentstagung haben deshalb die Parteiführer in ihrer Presse die Bilanz der letzten parlamentarischen Kampfe ge­zogen. Von tschechisch-sozialistischer Seite wird die

Geizhals, der Geld zu Wucherzinsen auslieh und sich freute, wenn er Bedrängten das Bett unter dem Leibe pfänden durfte. Der um Pfen­nige jammerte wie Witwen, die seine Gier um Hab und Gut betrog. Hier warf er Rollen Goldes auf den Tisch und verschleuderte den gestohlenen und argwöhnisch behüteten Schah. O du seltsame Ratur der Menschen.

Die Erde wird durch mich ein anderes Ant­litz erhalten, jubelte der Meister und faßte den Mut, den Würfel auf die eigene Wohnung zu richten. Er gewahrte fein Weib beim Wäsche- nähen. Jetzt hörte sie auf, lehnte sich zurück, Tränen rannen aus ihren Augen, die Züge ver­rieten Leid und Schmerz.

Betroffen legte Anton das Glas nieder und ging hinüber zu ihr.

Du weinst, Dore? And warum arbeitest du so spät?"

Wovon sollen wir und die Kinder leben, wenn ich nicht verdiene?"

Du?"

Ich trug mein Los ohne Murren, trug es in der Hoffnung, daß du wieder zu dir fändest. Du vergräbst dich in Ideen, die einem Wahne gleichen. Ihnen allein dienst du. Alles andere wird liegen gelassen, weder alte Aufträge aus- geführt, noch neue Bestellungen angenommen. Die Ersparnisse sind verbraucht, das ererbte Vermögen verwirtschaftet. Rur damit du Muhe hast, Hirngespinsten nachzulaufen. Wie wird das enden? Mir fehlt der Mann und die Kinder vermissen den Vater. Du wirst erschrecken, sobald du nur zur Besinnung kommst."

And wenn es mir doch gelingt, das Glas der Erkenntnis zu schaffen?"

Dann würden wir noch ärmer, als wir schon finb. Clenb träte in bie Welt unb du wärst sein Erzeuger. Laster, die heute im Heim­lichen lodern, schlügen offen zutage, Verdorben­heiten brandeten ungezügelt aus ihren Höhlen und Leidenschaften, durch Anschauung gestärkt, flössen sie ins Uferlose. Wahrheit ist unsere Sehnsucht, aber, was du willst, heißt nicht Wahr­heit. Es ist nüchterne Wirklichkeit, die wir nicht imstande wären, zu begreifen. And was wir nicht zwingen können, das bezwingt uns."

Meister Anton erinnerte sich des Erblickten und schritt zu seinem Kristall zurück. Er wollte Gutes suchen, um mit Gutem sein Weib von der Rützlichkett der Erfindung überzeugen zu können. Hier sah er den Arzt bei einem Kranken, dienst­fertig, Qualen lindernd und Wunden stillend. Da hockte ein Dichter über Büchern und Heften, neben ihm trockenes Brot und ein Decher mit Milch. Opferte der nicht auch dem Leben, um

Ansicht vertreten, daß die Beibehaltung der jetzigen Mehrheitskonstellation nur um den Preis heftiger Klaffenkämpfe möglich wäre. Die deutschen aktivi­stischen Parteien sehen den Hauptvorteil ihres Zu­sammengehens mit den tschechischen Bürgerlichen in der Durchbrechung des bisher herrschenden Prinzips rein nationaler Mehrheiten. Die an die deutschen Aktivisten seitens der Deutschnationalen und Deutsch- demokroten immer wieder gestellte Frage, welche national-politischen Kompensationen die deutschen Aktivisten für die den Tschechen geleistete Hilfe er- halten hätten, ist bisher offiziell unbeantwortet ge­blieben. Gerüchtweise verlautet jedoch, daß von tschechisch-agrarischer Seite Versprechungen betref- send Bodenreform, Schule und Vertretung der Deut­schen in den Staatsämtern gemacht worden seien. Allerdings leugnen sowohl die tschechischen Natio- naldemokraten als auch die tschechischen Klerikalen, von derartigen Versprechungen etwas zu wissen. Die Leitung der deutschen Natioralpartei hat in einer Entschließung die Politik der deutschen Akti­visten verworfen und sich insbesondere gegen deren Zustimmung zur Auslieferung oppositioneller Ab­geordneter an den Staatsanwalt auf Grund des Ge­setzes zum Schutze der Republik gewendet.

Wie zu erwarten war, bleibt der Minister des Aeußern, Benesch, im Amte. Er hat seiner Partei, den tschechischen Nationalsozialisten, sein Abgeord­netenmandat zur Verfügung gestellt. Der Vollzugs­ausschuß hat ihm daraufhin in dieser Frage freie Hand gelassen. Der Umstand, daß Präsident Ma- saryk auf dem Verbleiben Beneschs im Amte ver­harrte, obgleich dieser von seiner Partei zur De­mission aufgefordert worden war, hat zu heftigen tschechisch-agrarischen, klerikalen und nationaldemo­kratischen Angriffen aus Benesch geführt. Die Blät­ter dieser Parteien stellen fest, daß für die Person des Ministers des 'Aeußern, Benesch, im Parlament heute keine Mehrheit zu finden sei. So geht Benesch zwar unter Beibehaltung seines Portefeuilles, aber doch in feiner Stellung stark erschüttert aus der Krise hervor.

Aufsehenerregend wirkte ein Interview des Prä­sidenten Masaryk im LegionärsblattNarodni osvobozeni". Masaryk wendet sich in seinen aus­führlichen Darlegungen gegen den Gedanken der Diktatur und gegen eine Abänderung der Wahlord­nung und der Verfassung. Es gebe keine Krise der Demokratie und des Parlamentarismus, jedoch eine Krise gewisser Parteien. Bemerkenswert ist, daß das Staatsoberhaupt das Problem der deut­schen Minderheit ausdrücklich als das ernsteste politische Problem des Staa- t e s bezeichnet. Sobald die Deutschen Regierungs­partei werden würden, würden sich automatisch alle Folgen wie bei den übrigen Regierungspar­teien einstellen. Dieses Interview blieb nicht unkriti­siert, insbesondere seitens der tschechischen national- demokratischen Partei, welche sich durch einzelne Stellen besonders getroffen fühlte. Von klerikaler Seite wurde dem Interview vorgeworfen, daß es die sozialistischen Parteien gegenüber den bürger­lichen Parteien begünstige, was der gegenwärtigen Mehrheitskonstellation im Abgeordnetenhause nicht entspreche.

Gegenwärtig finden in Prag mehrere Kongresse statt. Der bedeutendste ist der Sokolkongreß, zu dem Hunderttaufende von Sokoln und Zu­schauern nach Prag kommen werden. Auch tschechische und wendische Sokolvereine aus Deutsch­land beteiligen sich an dem Kongreß. Im Rahmen der Veranstaltung wird die tschechoslowakische Ar­mee große Schauübungen veranstalten. Der Um­stand, daß sich an dem Kongreß auch 400 Ange­hörige der südslawischen Armee in Uniform und mit Waffen sowie eine Delegation der polnischen Armee beteiligen, kennzeichnet die militaristische Note des Sokolttims. Mit Rücksicht auf die dem Sokolfest eingegliederte Husfeierlichkeit haben die polnischen Sokoln, die katholisch finb, ihre Teilnahme abgesagt. Gleichzeitig tagt in Prag der internationale Kongreß' der Bibliothekare und Bücherfreunde sowie der in­ternationale Fremdenverkehrskongreß.

Holländischer Brief.

Von unserem a-Korrespondenten. Amsterdam, 3. Juli 1926.

In der holländischen Zweiten Kammer ist nun­mehr das deutsch-niederländische Handelsabkommen zur Ergänzung bee- Handels- und Schiffahrtsver- träges vom 31. Dezember 1851 und des neuen deutsch-niederländischen Zoll- und Kreditvertrages, welche beiden Verträge am 26. November 1925 in Berlin abgeschlossen wurden, ratifiziert worden. Die Lefsentlichkeit beschäftigt fich infolgedessen beson­ders lebhaft mit den deutsch-niederländischen Be­ziehungen. Bereits feit einigen Wochen konnte in dieser Beziehung wie übrigens bemerkens­werterweife bei allen in der letzten Zeit vom nieder­ländischen Ministerium des Aeußern abgeschlossenen internationalen Abkommen eine gewisse kritische Stimmung festgestellt werden, die sich in den letzten vierzehn Tagen angesichts der Verhandlungen in der Kammer noch gesteigert hat. Bei der Beurteilung des obigen Vertrages konnte man deutlich zwei große Strömungen unterscheiden: Die eine Gruppe, die sich mit ziemlicher Schärfe gegen eine Annahme des vorliegenden Vertragsentwurfes aussprach unb für bie Wiederaufnahme von Verhandlungen mit der deutschen Regierung eintrat, bestand aus den Kreisen der Schiffahrt und Industrie sowie des Handels im allgemeinen und konzentrierte sich um die Amsterdamer und Rotterdamer Handelskammer: ihre hauptsächlichsten Sprachrohre in der Oeffentlich- feit waren die beiden großen liberalen Blätter Algemeen Handelsblad" undNieuwe Rotter- damsche Courant". Die zweite Gruppe setzte sich aus den einflußreichen Kreisen der Landwirtschaft und der speziell mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen Handeltreibenden und den der Regierung naye- stehenden Kreisen zusammen. Die Kreise der Land­wirtschaft sind zwar von dem erzielten Dertrags- ergeonis auch nicht gerade begeistert: sie sind jedoch der Meinung, daß eine Ablehnung der Vertragsrati­fizierung für die ausgebreitete holländische Land- und Gartenbauwirtschaft katastrophale Folgen haben konnte, um so mehr, als das holländische Absatz­gebiet in anderen Ländern, vor allem in Nord­amerika in der letzten Zeit verloren gegangen ist. Die Gegnerschaft gegen den Vertrag richtet sich weniger gegen die Verlängerung des holländischer- seits Deutschland gemährten Kredits und auch nicht gegen die Herabsetzung der Zinsforderungen, sondern vielmehr dagegen, daß angeblich von Deutschland für diese holländischen Zugeständnisse nicht genügend Gegenkonzessionen erreicht worden sind. Darüber hinaus wandte sich die Kritik vor allem gegen bas Fortbestehen ber beutschen Eisenbahnvorzugstarife zugunsten ber deutschen Seehäfen. Ferner wurde hervorgehoben, daß der Begriff der Holland ge­währten Meistbegünstigung oadurch zum großen Teil wieder illusorisch gemacht werde, daß diese für gewisse Produkte nur für bestimmte Jahreszeiten gelte, und daß ferner die Meistbegünstigung durch zu weitgehende Spezialbestimmungen ber beutschen Tarifgesetzgebung roieber stark burchlöchert werbe. Don ben Gegnern bes Vertrages wurde in diesem Zusammenhang das Ministerium des Aeußern unb bie seit ben letzten internationalen Handels- abschlüssen getätigte nieberlänbische Hanbelspoliiik stark angegriffen. Dem Minister bes Aeußern würbe ber Vorwurf gemacht, baß er vor unb währenb ber Dertragsveryanblungen zu wenig mit ben beteilig­ten Wirtschaftskreisen Fühlung genommen unb daher deren Wünsche und Interessen zum größten Teil unberücksichtigt gelassen habe.

Im übrigen ist die Oeffentlichkeit in dieser Woche durch die öffentliche Verhandlung des Inter­nationalen Gerichtshofes, in der der bekannte bei der Beratung des Internationalen Arbeitsamtes in Genf entstandene Streitfall zur Sprache kam, ferner durch die folgenschwere Erdbebenkatastrophe in der fruchtbaren Padangschen Gegend auf West-Sumatra, wo durch unterirdische Verschiebungen der Erd­schichten Städte und Dörfer zerstört und Hunderte von Menschen getötet wurden, sowie schließlich

das Leben zu erringen? In dem Walzwerk nahe der Stadtmauer schleppten Arbeiter Cisenblöcke, stießen sie unter die Rollen und sprangen zurück, damit Funkengarben sie nicht überschütteten, Und an anderen Stellen Bilder des Friedens, Menschen, die ruhesam einem neuen Tagewerk entgegenschllefen.

Drüben auch seine Kinder, die jüngsten. Wie tief sie atmeten, lächelten, als ob Träume sie ergötzten. Aber das Bett des Aeltesten stand leer wo trieb sich der Junge herum? Jetzt -r- nach Mitternacht? Jetzt in der Dunkelheit? Vergebens forschte der Meister nach ihm, im Hause, im Garten, in der Rähe doch dort, in der Kneipe stritt sich der Sohn mit be­trunkenen Kameraden, wurde bedroht und floh bog in die Straße und drängte zum Tore. Hinter ihm wütende Worte, über ihm zuckende Messer. Meister Anton sprang auf, stieß Fenster und Läden zurück, schrie hinaus und schleuderte den Kristall zwischen die Rasenden. Er flirrte am Boden wie hundert zerbrechende Scheiben. Da entsetzten sich die Angreifer und jagten fort.

Meister Anton versuchte nicht, den Würfel zu ersehen. Er widmete sich seiner alten Arbeit, brannte, kochte und schliss buntes Glas. Seine Schuld erkennend, sühnte er und rettete, was noch nicht verloren war.

Die mißhandelte Sprache.

liniere Muttersprache ist das einzige ideale Gut, das niemand auf der Welt uns rauben kann. Wenn wir sie hoch und rein halten, ehren wir das Vaterland, unsere Väter und uns selbst.

Mit der Jagd gegen das Fremdwort ist es allein nicht getan. Es liegt im geschichtlichen Ausbau unserer Sprache, daß sie von fremden Elementen nicht frei ist: sie ist aber so stark unb reich, daß sie, ohne an Eigenart einzubühen, eine Portton Fremdworte verdauen kann. Was sie aber nicht verträgt, was sie entehrt und schändet, ist die Sünde gegen ihren Geist und gegen ihre Regeln. Es ist ja besser geworden in dieser Be­ziehung seit ungefähr zwanzig Jahren, aber wie­viel wird immer noch, mündlich und schriftlich, täglich und stündlich gesündigt! Einige Beispiele nur aus einer leider üppigen Dlütenlese:

Jemand begibt sich .ungefrühstückt"*) aus seiner Wohnung, um einem Freund über eine

*) Diese Wendung stammt allerdings von Bismarck, der bekanntlich ein ungemein seines Sttlempfinden und Sprachgefühl hatte. In der Kriegsschilderung, in der sich das Wort stndet, war es wohl bewußt-scherzhaft geprägt und ge­meint worden. D. Red.

stattgefundene" Versammlung zu berichten, die dieftaunenb" billigen Preise des Warenhauses zum Thema hatte. Allemal sind hier Partizipien in der falschen Form angewandt, leidend, wo sie tätig sein sollten, und umgekehrt. Besonders die staunend billigen Preise belästigen uns an jeder Straßenecke. Könnte man die Laden bescher nicht dahingehend belehren? Das wäre doch das Rahe- liegendste? Wie? Rein, das wäre es nicht: son­dern das Rächstliegende. Richt das Verbum, sondern das Eigenschaftswort ist zu steigern I Das ist doch soviel als selbstverständlich und klarer wie frisches Wasser. Auch falsch: nach der Steigerung stehtals" nach dem Vergleichewie". Also klarer als und soviel wie. Einer der häufigsten Fehler, die man mündlich und schriftlich, nein, sondern die man geschrieben und gesprochen findet. Der einzigste, der wohl in absehbarer Zeit nicht auszurotten sein wird: wollte sagen, der einzige, beim man kann doch einen Begriff, der an sich schon baß Höchstdentbare darstellt, nicht noch steigern.

Die liebe, alte Inversion an falscher Stelle ist gottlob nicht mehr so häufig wie früher:und haben wir" spricht und schreibt wohl nur noch, wer unbelehrbar ist! Aber wieviel Rachlässig­keiten, wieviel logische Schnitzer hört und lieft man überallMeines Erachtens nach" und die Herrschaften kommen sich damit noch Gott weiß wie gebildet vor. Dieses Ungetüm ist die Ver­schmelzung zweier Möglichkeiten. Entweder man tagt: meines Erachtens oder meinem Erachten nach. Beides durcheinander zu werfen, ist eine Roheit gegen die Sprache.

Dies alles sind rein grammattkalische Sünden. Häufig sind auch die, die begangen werden durch rein logische Fehler, entstanden aus mangelndem Sprachgefühl. Jemand schreibt preisend von der Wirksamkeit des von ihm hergestellten Bitter­wassers: ein anderer lobt die Wirkung des Pfarrers in seiner Gemeinde. Umgekehrt ist's richtig. Große und kleine Preise kann ein Fest­komitee verteilen: bei einem Kaufmann darf es nur hohe oder niedrige geben.

Man könnte diese Dlütenlese nach Belieben vergrößern, lassen wir's! Ein bißchen Selbst­zucht, ein wenig Rachdenken: und wie leicht ist es, richtig und anständig zu sprechen und zu schreiben. Sein und bleiben wir eingedenk des Uhland* scheu Spruches:

Erhalt auch deiner Jugend Die deusiche Treu und Tugend Zugleich mit deutschem Wos!"

I Dr. D. G.