Nr. 55 Drittes Blatt
Parlament und Parteien
Bon Otto Rippet, M. d. R.*).
Recht muß Recht bleiben, die Klagen über den Riedergang des Parlamentarismus sind fast so alt ivic der Parlamentarismus selber. Das gilt auch für die Parteien, Dank der besonderen Tätigkeit beider, ist es gegenwärtig sehr zeitgemäß, über diesen größten Versager unserer Zeit zu schimpfen. Gewiß, alle die auf diese beiden Machtfaktoren im neuen Deutsch, land ihre Hoffnung gesetzt haben, sind um eine Hoff- nung ärmer und um eine bittere Enttäuschung reicher geworden.
Es steht fest, daß der erste Parlamentarismus, der unser Volksbeglücker werden sollte, unser Würger geworden ist. lind die Parteien, die uns die Rettung des Staates vor dem Versinken in das Ehaos verheißen, nur sich selber in der Verwaltung des Staates verankert, aber im übrigen damit begnügt haben, durch ein häßliches Gefeilsche bei der jeweiligen fälligen Regierungs-Kabinettskrise seinen Bestand zu gefährden. Und da sich dieser Zustand seil mehr denn sieben Jahren hinzieht, ist es nicht verwunderlich, daß das seit 1918 souveräne Volk bei der Beobachtung dieses Trauerspiels seiner gewählten souveränen Vertreter von einem rechtschaffenen Ekel befallen wird. Das ist eine gesunde und durchaus erfreuliche Reaktion.
Und dennoch glaube ich, daß, wer eine vernünftige Reform des Parlamentarismus will, sich einer objektiven, gerechten Beurteilung befleißigen und von ungerechten Uebertreibungen fern halten muß. Die Lektüre des ausgezeichneten, zeitgemäßen Buches von Lambach, „Die Herrschaft der Fünfhundert^' kann hier gute Dienste leisten. Das Kind mit dem Bade auszuschütten, ist auch hier vorn liebel. Die Kritiker, die in der radikalen Beseitigung des Parlaments und in der Aufrichtung einer meistens unklaren Diktatur des Rätsels Lösung erblicken, machen sich die Lösung der Schwierigkeiten gar zu leicht. Dagegen erscheint es mir, besonders nach der in Der letzten Regierungserklärung des Reichskanzlers Luther angekündigten Wahlrechtsreform angebracht, in eine eingehende Betrachtung unseres Wahlrechts einzutreten, zumal wir auch hier wieder Gefahr laufen, dem Glauben zu verfallen durch ein Herumkurieren an den Symptomen, den Krankheitsherd beseitigen zu können. Wer unsere politische Dauerkrankheit, die regelmäßig wiederkehrenden R e- gierungs- und Kabinettskrisen beseitigen will, der muß die Beseitigung des Artkiles 54 der Weimarer Verfassung wollen, der da sagt, daß die Reichskanzler und die Reichsminister z u r Amtsführung des Vertrauens des Reichstags bedürfen und daß jeder Reichsminister zurücktreten muß, wenn ihm der Reichstag durch ausdrücklichen Beschluß sein Vertrauen entzieht.
Die Beseitigung dieses Artikels ist der Weg, der allein die Stabilisierung unserer etaatsleitung und damit eine sachliche, erfahrene und erfolgreiche Füh- rung unserer Staatsgeschäfte gewährleistet. Erweitern wir etwa nach dem Vorbilde Amerikas die Rechte des Reichspräsidenten, so wird das ohne Zweifel mehr zur Versachlichung der Parlamentsarbeit beitragen wie jede Aenderung des jetzt bestehenden Wahlrechts.
Was will die Regierung und was erwarten manche Kreise von einer Reform unseres Wahlrechtes?
Erstens: Die Beseitigung der vielen kleinen söge- nannten Splitterparteien.
Zweitens: Die Verminderung der Zahl der Ad- geordneten des Reichstags.
Drittens: Die Ersetzung der „Parteibonzen" durch erfahrene, angesehene „bewährte Persönlichkeiten".
Dieses Ziel hofft man durch eine kräftige Heraufsetzung des Wahldivisors von 60 000 auf 80 000, die zur Wahl eines Abgeordneten nötig find, durch die Beseitigung der Verhältnis, und Listenwahl und durch die Aufteilung der jetzt bestehenden 35 Wahlkreise in 150 bis 160 Einmännerwahlkreisen zu er- reichen. Ganz abgesehen davon, daß die Abschaffung der Verhältniswahl eine Verfassungsänderung bedeutet, also nur mit Zweidrittelmehrheit beschlossen werden kann, wird man durch eine derartige Aende- rung des Wahlrechts nur die Verminderung der
•) Wir entnehmen diesen Artikel der von Hermann Ullmann in Berlin herausgegebenen „Politischen Wochenschrift^________________________________
Die tolle Herzogin.
Roman von E r n st Klein.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
9. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
James Wood lehnte an der Reeling und blickte nach der Richtung der großen Stadt, über der em fahler, schwacher Lichtschein sich vom Himmel abhob. Er war just nicht sentimental gestimmt. Er hatte gut gegessen, rauchte eine gute Zigarette und besaß einen Scheck auf die London- und Midlanddatik von zweitausend Pfund.
Und er hatte die Bekanntschaft einer Frau ge- madjt, die--bah, man wird ja sehen, wenn man
zurückkommt. _ , _
So begann James Wood seine Fahrt nach London, die ihn in seines Lebens größtes Abenteuer brachte. Die ihn zu einer wichtigen und entscheidend handelnden Person machte in dem gigantischsten Kampfe, der je in der Welt ausgcfochten wurde. Ohne Riesengeschütze. Ohne Zeppeline. Ohne Dreadnoughts. Hinter den verschlossenen Türen der Regierungskanzleien der Weltmächte und der Bureaus der Welttrusts. Im Kampfe um die Wirtschafts- Herrschaft der Welt. Im Kampfe um das kostbarste Gut, das fie kennt. Im Kampfe um das Petroleum.
6. Kapitel.
3tr Mann, der für England diesen Kamps führte, war Lord Cecil Burnham, Peer der Vereinigten Königreiche und Präsident der Imperial Anglo-dutck Oil-Company.
Zur selben Stunde, da James Wood seine Reise nach London antrat, saß dieser große und bedeutende Monn mit sorgenschwerem Haupte in seinem Herrenzimmer auf Burnham Tower. Er war weit über sechs Fuß hoch, breit, massig, und machte eher den Eindruck eines behaglich lebenden englischen Landedelmannes, als den eines der ersten Lords Großbritanniens und Leiters eines der gewaltigsten Trusts, die der Welt ihre Lebensbedingungen diktierten. Ein paar kluge, freundliche Augen leuchteten mit unverfälscht insularischem Blau unter den buschigen, weißen Augenbrauen, und über der hohen Stirn legte sich sorgfältig gescheiteltes, weißes Haar. Ein durchaus gütiges, vor
nehmes Gesicht, auf dem jetzt aber schwerer Ernst lagerte. Lord Burnham war im Smoking. Speisesaal, in demselben, in dem einst seine Vorfahren König Heinrich VIII. und dessen Tochter, die jungfräuliche Königin, bewirtet hatten, warteten seine Gäste, doch er dachte gegenwärtig an alles andere, denn an ein frohes, englisches dinner. Ihm gegenüber saß ein schmaler, schmächtiger Mann mit bleichem, scharf geschnittenem Gesicht. Er verschwand fast neben der gigantischen Gestalt des Lords, sah unscheinbar, beinahe armselig aus in seinem dunkelblauen Rock, und war doch in dieser Unterredung von den beiden der stärkere.
Sergej Karaschin war es, der Kommissar, den die Moskauer Regierung nach England geschickt hatte, um mit Lord Burnham über die Konzessionen zu verhandeln, die Rußland auf Nordsachalin und in Kaukasien zu übergeben hatte. Mit kühlem, über» legenem Lächeln saß er da und drehte sich zwischen den gelb angehauchten schmalen Fingern nachlässig sein Zigarettenröllchen. Er wartete auf die Antwort, die ihm der Lord auf seine Bedingungen Zu geben hatte.
Er wartete mit der echt slawischen Geduld, lauernd, seiner Sache sicher.
Burnham erhob sich und schritt, die Hände In den Hosentaschen, in dem großen Zimmer langsam auf und ab. Endlich blieb er vor dem Russen stehen und sah von der Höhe seiner sechs Fuß auf ihn herunter.
„Sie verlangen viel, Herr Karaschin,' sagte er, „beinahe zu viel." m „
„Ich lege den Ton auf das Wort beinahe, erwiderte Karaschin, „wer viel gibt, kann viel fordern. Zweifeln Sie daran, Mnlord, daß die Compagnie universelle uns nicht sofort die sämtlichen Bedingungen garantieren würde?"
„Das erlaube ich mir zu bezweifeln. In Pans knüpft man an die Erfüllung dieser Bedingungen selbst solche, die Ihrer Regierung absolut nicht kon- venieren würden. Man will sich die Anerkennung der Sowjetregierung dort mit Wucherzinsen bezahlen lassen."
Karaschin zuckte die Achseln.
„Sie können sich denken, Mylord," erwiderte er, indem er sich seine Zigarette anzündete und die Dose aus Tulasilber langsam in die Tasche steckte, „daß
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Samstag, 6. März 1926
Zahl der Abgeordneten erreichen, nicht aber die beklagenswerte parteipolitische Zerrissenheit unseres Volkes beseitigen. Das Ideal des Z w e i p a r - teiensnftems bleibt für Deutschland auf abseh. bare Zeit ein — Ideal. Und da die Verhältniswahl allein die größtmöglichste Auswirkung jeder einzelnen Stimme garantiert und die Ausschaltung starker Minderheiten verhindert, also einen starken Gerechtigkeitsfaktor darstelli, wird sich im Reichstag teine Mehrheit für die Beseitigung dieses Systems sinden. Erreicht würde zweifellos die Verminderung der Zahl der Reichstagsabgeordneten. Ob das aber ein sicheres Mittel zur erhofften Versachlichung der Arbeit ist, stehl noch nicht einwandfrei fest. Die weitverbreitete Auffassung, als ob die eigentliche gesetzgeberische Arbeit im Parlament von zwei bis drei Dutzend Abgeordneten, von den sog. Arbeitsbienen geleistet werde, ist nicht richtig. Die Hauptarbeitsleistung liegt in den Ausschüssen, deren der Reichs- tag augenblicklich 27 hat, darunter 15 ständige. Und da diese Ausschüsse meistens aus 28 Mitgliedern bestehen, die viclsach zur gleichen Stunde tagen, erkennt man schon an dieser Aeußcrlichkeit die Schwie- rigteit der Verkleinerung des Reichstags. Zwar könnte eine generelle Herabsetzung der Zahl der Ausschußmitglieder von 28 auf 21 Mitglieder Abhilfe schaffen, sicher aber würden dadurch die inneren, sachlichen Schwierigkeiten erheblich vermehrt. Ein erfahrener Außenpolitiker ist nicht immer ein guter Steuer-, Handels- oder KuUurpolitiker. Ein Abgeordneter fahn sehr wohl ein guter Agrarpolitiker fein, ohne von den VerfassungsRechts-, Beamten-, Verwaltungs-, Sozial-, Verkehrsfragen usw. allzuviel zu verstehen. Jede arbeitsfähige Fraktion bedarf für jedes der angeführten Gebiete mehrere sachverständige Spezialisten. Gewiß können verschiedene Abgeordnete zu gleicher Zeit in verschiedenen Ausschüssen sitzen, aber nur auf Kosten der Güte der Arbeitsleistung. Und wer da weiß, was es heißt, wochenlang vier bis fünf Stunden täglich in angestrengter Äusschußarbeit zu wirken, der weiß auch, daß eine solche Arbeit die volle Arbeitskraft eines Abgeordneten erfordert. Dazu kommen dann noch die Fraküons- und Plenarsitzungen, der schriftliche und persönliche Verkehr mit dem Wahlkreis und den Wählern und zuletzt der — bürgerliche Beruf als Kaufmann, Landwirt, Handwerker, Industrieller. Daraus ergibt sich: Wer eine wesentliche Verkleinerung des Reichstages will, muß das Ausscheiden aller im Wirtschaftsleben praktisch tätigen Politiker aus der aktiven Politik und den Beamten der Berufsparlamentarier wollen. Ob eine dahingehende Entwicklung unseres Parlamentarismus wünschenswert ist, soll hier nicht untersucht werden.
Aber was kostet dem verarmten deutschen Volke der Reichstag? Auch da sind ganz falsche, übertriebene Auffassungen verbreitet. Die Ausgabenseite des Voranschlags des Reichstagsetats für 1926 schließt mit 6 657 555 Mk. in der Endsumme. Die Aujci Positionen, die bei der Verkleinerung des Reichstages in Frage kommen, sind in der Aufwandsentschädigung der Abgeordneten mit 3 500 000 Mark und eine Entschädigung an die Eisenbahn für die Freifahrkarten mit 1 105 000 Mk., Beträge, die bei einem Gesamtetat des Reiches von rund 7,7 Milliarden nicht allzugroße, tatsächlich zu Buche schlagende Sparsamkeitsmöglichkeiten bieten.
Der Wunsch, durch die Beseitigung der Listenzahl und die Einführung der kleinen Einmännerwahlkreise die „Parteibonzen" durch „P e r s ö n - lichkeitsabgeordnete" zu ersetzen, ist eine Forderung, die von gewissen meist demokratischen Kreisen aus parteipolitisch-egoistischen Gründen erhoben wird. Man will die Herrschaft der Parteifunktionäre brechen, die Abgeordneten mit ihren Wählern in nähere Beziehung bringen. Der Wähler soll wieder „seine n" Abgeordneten wählen können.
Was aber wäre die Folge dieser kleinen Gin- Männer-Wahlkreise? Nach wie vor werden die Par- teioertrauensmänner die Kandiaten nominieren. So war es früher und Lp wird es bleiben. In zahlreichen Wahlkreisen wird der Wähler überhaupt keinen Abgeordneten seiner Partei durchbekommen, mit dem er die Fühlung halten kann. Und her bequeme Abgeordnete wird in Zukunft genau wie in der Vergangenheit sich kurz vor der Wahl seinen Wählern zeigen, gleichgültig, ob er einen großen oder kleinen Kreis vertritt. Es ist ein Irrtum, wenn man glauben will, die Fühlungnahme zwi- schen Abgeordneten und Wahlkreis sei früher besser gewesen. Eine sichere Folge der Einmännerwahlkreise aber wäre, besonders für die nationalen
Volksparteien eine starke Erschwerung aussichts- reicher Frauen fanbibaturen. Daraus würde sick- ganz zweifellos früher oder später eine bebauer l'che Wahlinteresfenlosigkeit her beutschen Frauen ergeben, zum Vorteil her sozialistischen Parteien. Ebenso sicher würbe es ein Zurückgehen aussichts- reicher Arbeiter - unb Angestellten- Kan- bibaiuren bebeuten.
Und wie erging es bei ben früheren Einmäiiner- wahlkreisen ausgesprochenen Fuhrcrpersönlichkciten, z. B. Bassermann, Dr. Rösicke, Friedrich 'Naumann u. a.? Sie roanberten bei jeher Wahl durch ganz Deutschland unb fanden keinen sicheren Wahlkreis, während die sozialdemokratische Klassenpartei ihre „Parteisekretäre" in sichere Wahlkreise unter- brachte. Dieses Trauerspiel würde bei den bürgerlichen Volksparteien, mit Ausnahme des Zentrums, sofort wieder einfegen. Bei der jetzigen Listenwahl — die gewiß ihre Schattenseiten hat — ist es aber möglich, die verschiedenen Wirtschafts- unb Berufsgruppen zu berücksichtigen unb so die Interessen- losigleit der nicht auf die Partei cingeschworenen Kreise mobil zu machen. Auch haben die großen Wahlkreise unb bic Listenwahl zur Versachlichung des W a h l k a m p f e s beigetragen, ein nicht zu unterschätzender Vorteil.
Der in ben Kommunen unb Lanbesparlamenten schon eingesetzte Abbau bes Parlamentarismus muß fortgesetzt werben. Im Dezember 1923 betrug bic Zahl der Parlamentarier in Deutschlanb 2109. Davon entfielen auf die Hansastädte 360, auf Hessen 70, Sachsen 96, Württemberg 98 (jetzt 80), Baden 107, Bayern 155 (jetzt 128), auf den Preußischen Landtag 428 unb auf den Reichstag 459 Abgeordnete.
Aus diesen Zahlen ergibt sich,' wo der Abbau einzusetzen hat. Nur wenn der Reichstag vorangeht, werben bie Landesparlamente und Kommunen folgen. Aber auch hier darf man nicht übersehen, daß die Gesetzgebung gegenüber her Vorkriegszeit viel mehr zentralisiert unb ben Einzelländern nur noch die Ausführung und Verwaltung überlassen ist.
Zwei ungarische Mittel zum Abbau unseres überspannten Parlamentarismus gibt cs: Die Heraufsetzung des Wahlalters unb die Herauf- fetzung bes Wahlbivifors. '2lUc anderen Vorschläge zur Reform unseres Wahlrechts haben gar zu leicht einen parteipolitischen Beigeschmack unb finb beshald mit Vorsicht zu genießen. Vor allem aber soll man nicht glauben, durch einen Herumkurieren an den Symptomen die Krankheit heilen zu können. Da hilft nur die Beseitigung des Krankheitsherdes.
Oberhesten. Autoomnibusverbindung von Gießen ins Vusecker Tai?
Nun endlich werden auch die im Buse ck e r Tal. «Vorbild) der Bahnlinie Gießen- Fulda liegenden Ortschaften dem Verkehr erschlossen. Nach langem Hin und Her ist das Problem unerwartet schnell gelöst worden. Die Finanzierung der geplanten Linie, die die Haupt- schwierigkeiten bildete, ist als erledigt zu betrachten. Es liegt nämlich ein Angebot bet Autofirma Göbel von Gießen vor, welche den Ausbau der Linie selbständig übernehmen will. Die Firma Göbel will die Autoverbindung ohne finanzielle Hilfe von selten der Gemeinden oder Behörden auf eigene Rechnung in Betrieb bringen. Hier müssen die Gemeinden unbedingt zugreifen, denn eine solche Gelegenheit, unsere schlechten Derkehrsverhältnlsse mit Gießen zu verbessern, wird uns sobald nicht mehr geboten. Die Linie, von Gießen ausgehend, wird folgende Ortschaften berühren: Alten-Buseck mit 1300 Einwohnern. Bahnstation Gro h en - Bu s eck (2000 Einwohner), Beuern (1000 Einwohner) unb als Endstation Bersrod (440 Einwohner). VonAlten- Buseck wandern unter normalen Arbeitsverhält- nissen täglich runb 150 Arbeiter über Trohe zum Bahnhof Rödgen, 'Beuern zählt etwa 90 in Gießen Beschäftigte, die nach der 1 Stunde entfernten Bahnstation Großen-Buseck gehen, unb Bersrob schickt etwa 40 Arbeitskräfte nach Gießen über die Station Reiskirchen.
Eine gute Benutzung der Linie unb damit auch die Rentabilität scheint also gesichert. Nun suchen aber außer diesen bereits aufgezählten Personen täglich noch viele andere Leute wegen
wir uns sowohl in Paris wie in Tokio ganz genau informiert haben, wie bie Dinge stehen. Unsere alten Freunbe, bie Japaner, sinh sogar bereit, Sachalin ganz zu räumen, wenn wir bie Oelkonzejsio- nen her Gruppe geben, an her sie interessiert finb. Unb baß bas nicht Ihr Trust unb bie mit Ihnen oerbünbeten Stanbarb Oil ist, wissen Mylorb ebenso gut wie ich. Wir finb nun einmal nicht in her Lage, nach unseren Sympathien unb Antipathien zu gehen, fonbern gezwungen, das, was mir zu verkaufen haben, an ben zu verkaufen, her uns am meisten bietet. Wir wissen sehr genau, was bie Del- felder in Sachalin unb in Kaukasien wert finb. Eng- lanh kann sich ben ganzen Mossulzank mit ben Türken sparen, wenn es bie Sachalin- unb bie kaukasischen Konzessionen im Sack hat. Es kann ben Amerikanern sogar diktieren, denn speziell bie Vorkommen in Kaukasien unb am Kaspischen Meere finb nach oberflächlicher Schätzung minbeftens einunb- einhalb mal so groß wie Die kalifornischen Del« felbcr."
„Ich weiß, ich weiß," murmelte Lorb Burnham, „aber wie ich bie Regierung dazu bekommen soll, außer her Anerkennung auch noch eine große Anleihe herzugeben — bas weiß ich nicht. Der Teufel soll mich holen, wenn ich es weiß. Selbst wenn bie Regierung bie Anleihe zusagt, ist bas noch nicht gleichbebeutenb bamit, baß man schon bas Gelb bafür hergibt. Das wissen wieher Sie ebenso gut wie ich, Herr Karaschin."
„So, wie ich bie Herren her City kenne," jagte her Rufse, „kommt für sie in erster Linie bie Frage in Betracht: ist bas Geschäft gut ober nicht? Sie haben ben französischen Franken gestützt — aus- gerechnet in hem Moment, wo bie englische Regierung ihn ganz umbringen wollte. Für bie City ist bie Politik bas Geschäft unb bas Geschäft bie Politik. Wenn wir gute Garantien für bie Anleihe bieten, wenn wir achteinhalb Prozent bezahlen — wirb sich das Bourgeoisgewissen her City leicht darüber veruhigen, daß die Bolfchewiki als ebenbürtige Mitglieder in bie vornehme Tafelrunbe ber europäischen Mächte aufgenommen werben. Mylord, darf ich Ihnen einen Rat geben? Wenn Sie nach London fahren, um unsere Angelegenheiten mit Ihren Freunden zu bereden, sprechen Sie zuerst in der City vor, unb bann gehen Sie nach Downing- ftreet."
Einkäufen aller Art die Stadt Gießen auf. Unb nicht zuletzt werden auch die Gießener Wochenmärkte aus unseren abgelegenen Ortschaften reichlich beschickt. Auch von der Eisenbahnstation Gro- ßcn-Buscck wird für die Sommermonate eine gute Beteiligung zu erwarten sein. Die dortigen Schüler. di: die höheren Schulen in Gießen besuchen, müssen in den Sommermonaten schon um 6 ilfjv morgens den Eisenbahnzug benutzen, um rechtzeitig zur Schule zu gelangen; sitzen aber dann l1 . Stunden im Gießener Wartesaal und ©arten auf den Schulbeginn. Bel günstiger Autoverbindung mit Gießen würden diese Schäler wahrscheinlich ausnahinslos den Autobus der Eisenbahn vorziehen. In diesen Tagen sanden nun in Beuern auf der dortigen Bürgermeisterei die ersten Besprechungen mit dem Gießener •Unternehmer, Herrn Göbel, statt. Die für Freitag nachmittag in Alten-Buseck ungesagte Versammlung der Vertreter der interessierten Gemeinden mußte in letzter Minute abgesagt werden, da Herr Göbel nach Frankfurt abgerufen worden war. Nun müssen noch durch das Kreisamt Gießen bei dem M i n i st e r i u m in Darmstadt die K o n- zessionen erwirkt werden zum Ausbau der Linie. Man hofft, daß bis Ostern die Linie in Betrieb genommen werden kann, zumal der eine Wagen, der 32 Personen faßt, zur Einstellung in den Fahrdienst bereit steht.
Landkreis Gießen.
* Großen-Linden, 5. März. Seit einiger Zeit treiben sich in ben Gemarkungen Großen- Linben, Klein-Linben, Lützellinben unb Gießen w i t- beruhe Hunhe herum, bie in hem Wilbbe ftanb erheblichen Schaben anrichten. Erst kürzlich wurde wieher im Groß-Linbencr Gemeinde - roalbe ber Rest eines. Rehes gefunben, bas den vierbeinigen Wilderern zum Opfer gefallen war. Das Jagbfchutzpersonal wird sich ein Verdienst erwerben, wenn es die vierbeinigen Missetäter zur Strecke bringt.
* Großen-Linben, 6. März. Bei der gestrigen Verpachtung der hiesigen Gemeinde- j a g d erwarb ein Frankfurter Wilbprethänbler das gesamte Revier für 1450 Mk. bei einem Ausgebot. Bei dem Einzelausgebot der drei Reviere waren die seitherigen Pächter mit 1450 Mk. Höchstbietende.
Bg. Großen-Buseck, 5. März. Bei der gestrigen Brennholz versteigern na beweg- ten sich bie Preise zunächst auf bcrfelben Höhe, wie bei ben vorangegangenen. Gegen Enbe her Versteigerung trat jeboch eine erhebliche Senkung ein, so daß im Durchschnitt für 2 Raummeter Buchenscheit- holz 25 Mk., für Buchenknüppel 21 Mk., für Buchen- reisig 14 Mk. geboten würben. Bei ber N u tzh o l z- uerfteigerung würben für 1 Festmeter Fichtenholz 35 Mk., Kiefernholz 40 Mk. unb Eichenholz 70—80 Mk. erzielt.
Beuern, 5. März. Die Verpachtung eines großen Teiles der Grundstücke des hiesigen Pfarrgutes war von Interessenten überaus stark besucht. Als Steigerer wurden nur Mitglieder unserer evangelischen Kirche zugelassen. Die Pachtzeit dauert 6 Jahre. Die Steigerer tragen die auf den Grundstücken! ruhenden Steuern und Lasten. Pächter, die in früheren Jahren diese Steuern verweigert hatten, wurden von der Versteigerung ausgeschlossen. Die erzielten Preise geben kein vollstcftrdiges Bild von dem Pachtwert der einzelnen Grundstücke. Ackerland mittlerer bis bester Qualität erzielte Preise von 30—40 Mk. für den Morgen, geringere Qualität 22—26 Mk. Daß der Morgen eines guten Ackers einmal auf über 80 Mk. kam, war eine Ausnahme. Wiesen bestep Qualität galten pro Morgen rund 30 Mk., mittlerer Qualität rund 20 Mk., geringe Qualität noch keine 10 Mk. Die Preise für Ackerland und Wiesen erzielten in den meisten Fällen nicht den Taxpreis, sondern blieben weit darunter. Infolgedessen wird auch die Verpachtung nicht genehmigt werden und in den nächsten Tagen eine zweite Verpachtung notwendig sein. Gestern fand im hiesigen Gemeindewald die dritte diesjährige H o l z ve r st e i g e r u n g statt. Sie galt auch disSmal nur einheimischen Steigerern und war gut besucht. Die Preise erreichten nicht ganz die Höhe, wie bei der letzten Versteigerung, und betrugen durchschnittlich für je 2 Raummeter: Buchenscheitholz: 28 bis 31 Mk., Duchenknüppel: 22 bis 27 Mk., Duchenstock-
„Jch_will es versuchen, ich muß es ja. Wie lange geben Sie mir Zeit, S)err Karaschin?"
„Nun, ich henke, ein Engländer braucht nicht lange, um zu erkennen, ob er ein Geschäft machen will ober nicht. Sagen wir acht läge. Ich gehe inzwischen nach Berlin---"
„Nach Berlin?" Unb her Lorb sah ben Russen scharf an.
„Warum nicht? Glauben Sie nicht, baß man mit ben Deutschen gleichfalls gute Geschäfte mad)en kann? Ich halte es sogar für sehr gut, wenn sie in bie Sache mit hineinsteigen. Ich will ben Englän- bern nicht zu nahe treten, Mnlorb, aber wenn eine Sache recht angepackt werben soll, muß man nur bie Deutschen rufen."
Lorb Burnham war ein stockorthoboxer Die- hard. Sein Evangelium war bie „Morningpost". Aber Geschäft ist Geschäft.
„Keine schlechte Ibee," meinte er, „vor allem könnten wir ihre Ingenieure unb Geologen gut gebrauchen. Halten Sie mich bitte über Ihre 23er- hanblungen in Berlin auf hem ßaufenben — es ist möglich, daß ich mich selbst mit einem von ben Leuten ha brühen in Verbrühung setze."
Im selben Augenblick klopfte es an bie Tür. Ehe Seine Lorbschast noch bie Erlaubnis zum Eintritt geben konnte, schlüpfte eine elegante, junge, hübsche Frau ins Zimmer, Lady Grace Lennoy, Burnhams jüngere Tochter.
„Wie lange noch sollen wir auf dich warten, Pava?" rief sie. „Das ist ein Benehmen, bie ganze Gesellschaft unten warten zu lassen! Simvson hat bereits breirfial mit ber Kündigung gedroht, wenn du ihm das ganze Menü anbrennen lassen willst!"
Mylord zeigte auf Karaschin, der sich beim Eintritt ber lebhaften jungen Dame erhoben unb sie mit einer gemessenen Verbeugung begrüßt hatte. Ein Vertreter der Sowjets versinkt nicht vor Ehrfurcht vor ber perlenbehängten Tochter eines englischen Lorbs, selbst wenn sie so hübsch ist wie Laby Grace.
„Du siehst, ich bin beschäftigt, mein Kind", sagte ihr Vater. „Aber bie Unterredung ist gerade zu Ende gegangen, unb ich bin freu Wenn bu so freunbhd) sein würbest, für Herrn Karaschin em Appartement im Fremdenflügel Herrichten unb ihm hort servieren zu lasten, wäre ich bir sehr dankbar."
(Fortsetzung folgt.)


