Einzelbild herunterladen

Nr. 55 Zweites Blatt

Außenpolitische Umschau.

Von Prof. Dr. Otto Hoetzsch, Md.R.

Die Hamburger Rede des Reichskanzlers nm 2. März hat die Haltung Deutschlands in der ijragc der ständigen Ratssitze noch einmal geklärt. Jetzt in Genf an Die bisherige Struktur des Völker- l'nndsrates rühren, das hieße, gegen Deutschland illoyal handeln, dem weder vor noch in Locarno irgendwie eine Andeutung gemacht worden ist, baß die andere Seite solche Pläne verfolge. Es ist wohl auch so gut wie sicher, daß, da der schwedische Ein­spruch unter allen Umständen aufrechterhalten wird, ein Antrag, anderen Mächten über Deutschland hinaus einen ständigen Ratssitz zu verleihen, jetzt abgelehnt und daß die ganze Frage auf den Herbst vertagt wird, vermutlich unter Einsetzung einer Studienkommission.

Denn das ist ja eine andere Frage, ob nach den bisherigen Erfahrungen eine Reform des Völ­kerbundsrats als notwendig erscheint, eine Ausge­staltung, eine Regelung der Stellung der nichtstän­digen Mitglieder usw. Zu all diesen Fragen kann Deutschland aber erst Stellung nehmen, wenn es eine Zeitlang im Völkerbund selbst milgearbeitet, diese ganze Organisation von innen heraus kennen­gelernt hat und danach obmesseu kann, ob diese An­regungen diskutabel sind ober nicht. Rur darüber müssen wir uns jetzt schon klar sein, daß, wenn es jetzt in Genf einigermaßen glatt geht, diese Kämpfe nur das Vorspiel zu sehr viel größeren Kämp­fen im Völkerbund werden, die diesen auf die schwerste Probe stellen werden. Denn es wird eben jetzt der Welt klar, was der Eintritt Deutschlands in die bisherige Interessengemeinschaft der Europa­sieger in Genf bedeutet.

Polen hält seinen Anspruch aufrecht, den es geradezu lächerlich begründet. Es begreift selber, daß es als Mittelstaat von 27 Millionen Einwohner feinen Anspruch erheben kann, als Großmacht be­handelt zu werden. Deshalb greift es in der Rede seines Ministerpräsidenten vom 25. Februar zu dem Artikel 4, der aber auch beim besten Willen nicht für den polnischen Anspruch zu interpretieren ist. Daß dabei Skrzynski Deutschland angreift, eröffnet eine nette Aussicht auf die harmonische Zusammen­arbeit Deutschlands und Polens im Völkerbund, die ja Frankreich erwartet!

Frankreich ist für Polen, hält sich aber Zurück. Undurchsichtig ist die Haltung Chamber­lains. Die ganze öffentliche Meinung Englands ist darin völlig einig, daß England gegen jede Er­weiterung des Völkerbundsrats überhaupt jetzt und künftig fein müsse. Allein Chamberlain ver­steift sich darauf, daß der Rat größer werden müsse. Warum tut er das? Man nimmt an, daß er sich Briand gegenüber weiter gebunden hat, als er jetzt zugeben möchte, vielleicht verfolgt er andere Ziele noch dahinter und daneben. Jedenfalls hat er fein Renommee als Schöpfer von Locarno auf das Spiel gefetzt, und roenn er auch persönlich geschont wird, so ist durch ihn immerhin eine kritische Lage im englischen Kabinett entstanden. Es wird sich zeigen, ob er nun seine auf Erweiterung gerichtete Politik weiter macht, oder ob er dem Sruck einer öffentlichen Meinung nachgibt.

Während so alles auf Genf blickt, ist doch man­cherlei darum herum zu verzeichnen: Der neue französisch-türkische Vertrag, der der Türkei einen nicht unerheblichen Erfolg bringt, die englisch-türkischen Verhandlungen um Kre­dite usw., die Ratifikation des Jrakvertrags im englischen Unterhause, der Wiederbeginn der Kämpfe um Marokko, wo Abd el Krim jetzt am Frühjahrsanfang die Offensive wieder eröffnet hat. Die Lage wird dabei für Frankreich und fein Kabinett wahrhaftig nicht einfacher: Mit Marokko geht der nutz- und erfolglose Kampf weiter, in Snrien hat man in den 7* Jahren des Mandats nichts als Mißerfolge geerntet, und die Erörterung des Gerichtes der Mandatskommission über Syrien jetzt in Genf ist für Frankreich gerade nicht sehr angenehm. Anders liegt es mit England, das mit

Die Schätze des deutschen Neichspostmuseums.

Von M. Büttner.

Aus dem brausenden Verkehrslärm der Leip­ziger Straße in Berlin tritt man an der Kreuzung der Mauerstraße in die feierlich stille Halle des monumentalen Eckhauses, das jedem Sammler von früheren deutschen Briefmarken her bekannt ist und neben dem Postministerium das aus­gedehnte Museum der Deutschen Reichs- Post beherbergt. Rechts ein paar Stufen hinauf, wenige Schritte weiter in einen kleinen (Saal, und wir stehen vor einer der größten und kost­barsten Briefmarkenlammlungen der Welt.

Riemals dringt das Tageslicht hier hinein; d^e stark vergitterten Fenster sind stets dicht ver­hängt, und große Bogenlampen verbreiten nur mildeS, künstliches Licht, um die lebensfrischen Farben der vielen Markengefichter nicht zu bleichem

Das Problem der günstigen Aufstellung einer so gewaltigen Sammlung hat hier eine prak­tische, sinnreiche unb zugleich schöne Lösung ge­funden. Wir sehen auf kräftigen gedrechseltem Gestellen zwölf starke, braunpolierte Holzfäulen mit Metallringen, an denen beweglich in Schar­nieren je eine Anzahl Rahmen hängen, die unter Glas die Kartons mit den Marken und Ganz­sachen enthalten. Da auch die Säulen selbst dreh­bar sind, ermöglicht diese Anordnung dem Be­trachter, wie in einem riesigen Permanentalbum bequem die Seiten umzublättern. Rur die De- leuchtung läßt noch zu wünschen übrig. Die erste Säule trägt von den ersten Anfängen an die Marken und Ganzsachen der altdeutschen Staa­ten, der Deutschen Reichspost und der Kolonien. Es folgen auf den Säulen 2 bis 6 die Länder Europas ausschließlich Deutschland ferner Asiens, Afrikas, Amerikas und Australiens, die alle wieder unter sich alphabetisch geordnet sind Die zweite Säulengruppe ist den Ganzsachen gewidmet, und zwar finden wir auf den Posta- MLnten 7 und 8 die Briefumschläge und Streif­bänder aller Länder, auf 9 die Kartenbriefe und Postkarten, auf 10 und 11 lediglich Postkarten aus aller Welt und endlich auf der 12. und letzten Säule die Formulare für den Geldverkehr der verschiedenen Länder.

Vielleicht das hervorstechendste Merkmal die­ser staatlichen Sammlung ist, daß sie zum aller­größten Teil nur ungestempelte Postwert­zeichen enthält, so daß also die zahlreichen Sätze mit ganz wenigen Ausnahmen in der Ursprung-

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

dem Irakoertrag, mit dem Vertrage ferner mit Ibn Saud, den es als den Herrscher von ganz Arabien anerkennt, und mit den aussichtsreichen Verhandlungen mit der Türkei jedenfalls das b e - festigt, was es aus dem Weltkrieg hier davon getragen hat und worauf es ihm in erster Linie an­kommt. Wichtiger als die Petroleuminteressen m Mesopotamien ist ja die strategische Stellung Englands dort, der ungehinderte und ununter­brochene Landioeg zwischen Aegypten und Indien, die Verteidigungsposition gegen Rußland, Türkei, Persien, Kaukasus. Dieser außerordentliche Erfolg des Weltkrieges wird doch Schritt für Schritt aus- gebaut und befestigt, wobei die englische Politik ohne Zweifel eine gewisse Biegsamkeit beweist. Im ganzen aber sieht man, daß diese Oriei tfragen für London und Paris in zweiter Linie stehen, daß Frankreich durch sie höchstens veranlaßt wird, nicht zu schroff gegen England aufzutreten, und daß das Wesentlichste ist dos System von europäischen Staa­tenbeziehungen, das sich aus dem Locarnowerk heraus gebildet hat ober herousbilden soll.

Südosten und Osten- Jugoslawien hat die Verhandlungen mit Griechenland, dessen Dik­

der Tschechoslowakei und, wenn auch nicht so euer» gisch, von Jugoslawien angebahnt, während Ru­mänien lieber fein jetzt ablaufendes Militärbündnis mit Polen erneuern möchte. Das führt unzweifel- haft in der Fortführung von Locarno zu einer Um­bildung der Kleinen Entente, die sehr interessant sein wird.

Schließlich Rußland, das zur gleichen Zeit die Verhandlungen mit Frankreich wieder begann und das große deutsche Kreditgeschäft unter Dach brachte. Die Verhandlungen mit Frankreich werden lange und schwierig sein, den deutschen Kredit hat Rußland schon so gut wie in der Hand. Es ist wieder ein Zeichen dafür, daß Deutschland fest ent­schlossen ist, durch Locarno und den Völkerbund sich nicht einseitig nach Westen einfangen zu lassen, son­dern trotz Völkerbund und gerade durch und in ihm die östliche Politik weiter zu treiben, die politisch und wirtschaftlich für uns absolut notwendig ist. Absolut notwendig aber ist sie ebenso wir lasten dahingestellt, für wen von beiden mehr ober we­niger für Rußlanb. Denn bie Lebensfrage ber Sowjetregierung heute unb im Augenblick ist, wo sie die Äreditmöglichkeit und die Lieferungen des

O^s Heimatblatt

Gießener Anzeiger

tator die Salonikifrage respektiert hat, wieder auf­genommen unb anbererseits sich Italien ge­nähert, das sich zu Jugoslawien anders stellt, weil Mussolini es für richtig hielt, die Spitze gegen Deutschland und Oesterreich zu richten. Wenn sich Italien unb Jugoslawien annähern unb verständi­gen, so können wir dos im Interesse des europäi­schen Friedens nur begrüßen, unb bah der Anschluß gegen Italien und gegen Jugoslawien ebenso wenig durchzusetzen ist, wie gegen die Tschechoslowakei, das wußten wir ohnedies. Darüber hinaus hat bie jugoslawische Politik gar keine Veranlassung, sich in eine antibeutsche Front hereinziehen zu lassen, die anzustreben auch vom Standpunkt Italiens auch das Verkehrteste ist, was man sich denken kann. Was ist das für eine Phantasie, mit Jugoslawien, mit Polen eine Front gegen Deutschland Herstellen zu wollen, das den Anschluß heute gar nicht durch­führen kann unb das die Brennergrenze nicht in Frage stellt? Was kann ausgerechnet Polen der italienischen Politik für eine Stützung bieten? Das ist alles so unüberlegt, durcheinander, unberechen­bar, wie die ganze Art Mussolinis immer mehr und mehr geworden ist. Dabei liegen die großen Auf­gaben Italiens unb ber Außenpolitik gewisser­maßen auf der Straße: im Mittelmeer, im nahen Orient, im Verhältnis zu Rußland usw. Aber es hat keinen Zweck, dergleichen verstandesmäßig zu be­trachten, wenn eben in ber ganzen Führung der außenpolitischen Geschäfte Italiens eine rationelle Behandlung so vollständig fehlt wie heute.

Locarno wirkt auf bie Kleine Entente, die zugleich ihr Verhältnis zu Rußland nicht einheitlich zu regeln vermag. An Locarno beteiligt ist die Tschechoslowakei: Jugoslawien unb Rumänien da­gegen nicht. Die Anerkennung Rußlands wird von

Auslandes fände, um den Warenhunger der Bauern zu befriedigen, den ber Staatskapitalismus Ruß­land einfach nicht befriedigen kann. Die wirtschaft­lichgespannte unb schwierige Lage Sowjetrußlands 1 Zwingt dieses, die Wirtschaftsverbindung mit dem : Ausland so sehr wie irgend möglich zu suchen und damit eine Europa zugewandte Friedenspolitik zu machen, die sie trotz allen Lärmes und aller Ab­lehnung doch in bie beiben großen Völkerbunds- konferenzen des Frühjahrs und damit eben noch wenigstens an den Völkerbund selbst heranführt!

Hessen in Not!

Don Generalsekretär K o 11 b a ch, Darmstadt.

Die Kunde von der furchtbaren Finanznot des hessischen Staates ist inzwischen über bie Landes- grenzen gebrungen unb hat seit einiger Zeit lebhafte Erörterungen in der Presse des Reiches hervor­gerufen. Dabei fehlte es auch nicht an irreführenden Meldungen, unb so darf deshalb wohl hier eine zu- fammenfaffenbe Darstellung der hauptsächlich in Frage kommenden Tatsachen ihre Berechtigung haben.

Der Voranschlag des hessischen Staatshaushaltes für 1926, der vor kurzem dem Landtage oorgelegt wurde, redet für jeden Vorurteilslosen eine erschreckend deutliche Sprache Er schließt mit 128 610 000 Mark Ausgaben unb 119 462 000 Mark Einnahmen, also mit einem Fehlbeträge von mehr als 9,1 Millio­nen Mark ab. Zur teilrbeisen Deckung dieses Ausgabenüberschusses sollen Ueberschüsie aus den vergangenen Jahren in Höhe von über 3 Millionen Mark, von denen weiter unten noch bie Rede fein

licken Schönheit und ungetrübter Farbenpracht sich darbieten. In manchem Rahmen ein wahr­haft herrlicher Anblick, der das echte Sammlerherz lachen und das Wasser im Munde zusammen- laufen läßt! Rur einige Reihen englischer Ko­lonialmarken tragen den bekanntenSpecimen"- Aufdruck und ein paar alte Ausgaben von Au­stralien die BezeichnungReprint". Dem zünf­tigen Sammler fallt ferner sofort auf, daß die Marken nicht nur mit einem Falz, sondern mit der ganzen Fläche fest auf die Kartons geklebt sind, um ein Krümmen und Rollen des Papiers zu verhindern. Dieses System, das für jedes QIlbum_ verpönt wäre, erscheint hier durchaus zweckmäßig, da diese für die Rachwelt bestimmte Museumssammlung in absehbarer Zeit ja kaum Aenderungen erfahren dürfte. Lieber raschend ist auch der zeitgemäße Stand dieser Markenschau. Ost genug kann man hier schon Reuerscheinungen bemerken, bie noch keine Fachzeitschrift gemeldet hat, oder die, namentlich in den höheren und höch­sten Werten, noch bei keinem Händler zu fin­den sind.

Welchen Liebhaber- oder Marktwert die Schätze des Reichspostmuseums heute darstellen, läßt sich auch nicht annähernd ermessen. Der sach­kundige Markenfreund kann sich aber ein un­gefähres Bild machen, wenn er erfährt, daß hier zur Zeit mehr als 36 000 Briefmarken und über 8000 Ganzsachen angehäuft siird, so daß die ganze Sammlung einschließlich der eingedruck­ten Marren rund 45 OOO Postwertzeichen umfaßt! Da hier Zähnungs-, Wasserzeichen-, Typen- und Farbenunterschiede nicht berücksichtigt werden, so kann man sich angesichts der genannten hohen Zahl verschiedener Marken und Ganz­sachen den außerordentlich hohen Grad der Voll­ständigkeit leicht vergegenwärtigen. Unter diesen Umständen findet der Kenner beim auch die meistengroßen Seltenheiten" in diesem Staatsalbum" vertreten. Einen Ehrenplatz nech- nten ein paar der größten und ehrwürdigsten Be­rühmtheiten ein, die abgesondert unter Glas und Rahmen an der einen Wand unter einem Relief- Porträt Heinricht von Stephans hängen: die bei­den kostbaren Mauritius von 1847, wovon die 1 Penny rotorange, stark gestempelt ist, wäh­rend die 2 Pence dunkelblau, die auf einem Brief an eine Firma in Bordeaux klebt und links ein wenig lädiert ist, vom Stempel kaum gestreift wurde unb daher die falsche InschriftPost Office" klar erkennen läßt. In nächster Rachbar­schaft dieser beiben Koryphäen finden sich die seltene 4 Cents dunkelblau von Britisch-Guiana aus dem Jahre 1856 (Don welchem Lande andere teure Raritäten unter Amerika eingereiht sind) sowie die vier ersten blauen Hawaii von 1851/52.

Rimmt man noch ein paar Stichproben vor, so entdeckt man zwischen Begeisterung und Reil schwankend, auch im allgemeinen Teil an den Säulen noch eine erstaunliche Mengegroßer Kanonen". Erwähnt seien nur etwa die beliebte rote Sachsen zu 3 Pf. von 1850, der gesuchte Merkur Oesterreichs 1851 in Rosa unb Zinnober, die ältesten Schweizer Marken, wie das bekannte Basler Täubchen von 1845 und die Genfer und Züricher Kantonalmarken (1843). Toskana 1860 zu 3 Lire dunkelgelb, Rumänien-Moldau 1858 zu 81 Parale blau, auf bläulichem Papier, die ver­schiedenen dreieckigen Kap der guten Hoffnung von 185363, die großformatigen Zeitungsmarken der Vereinigten Staaten von 1875 usw. alles Dinge, die man sonst im Leben kaum jemals zu sehen bekommt. Daß die altdeutschen Staaten und die Hansestädte mit ihren anti­quarischenbesseren Sachen" hier vollständig ver­treten sind, versteht si > für diese Stätte eigent­lich von selbst. Auch uZer den Ganzsachen finden sich natürlich höchst wertvolle Stücke, wie bei­spielsweise die berühmten englischen Mulready- Umschläge des Jahres 1840, die alten Helgoland- Sachen und manches andere.

Wenn man annimmt, daß allein der Wert der Maritius-Raritäten und ihrer Rachbarn in dem erwähnten Sonderrahmen zusammen heute auf nahezu eine halbe Million Coldmark geschätzt werden kann, so muß die ganze Sammlung wohl mit etlichen Goldmilliönchen bewertet werden Schon hieraus ergibt sich, daß ein Album" von solcher Reichhaltigkeit und Qualität heutzutage von einem einzelnen gewöhnlichen Sterblichen wohl nicht mehr zustande gebracht werden kann 11 nb in der Tal beruht ja der enorme Umfang ber Markenschau im Reichs- postnruseum zum größten Teil nur auf dem gegenseitigen Austauschverhältnis zwischen den Postverwaltungen der Länder, die dem Welt­postverein angehören.

Außer der vorstehend geschilderten General­sammlung werden hier im übrigen auch einige interessante Spezialzusammenstellungen gezeigt. So ist zur Zeit im Mittelpunkt des Saals in einer besonderen Vitrine eine prächtige Leihgabe des sächsischen Finanzministerums aufgestellt: die ersten Entwürfe, Probedrucke unb ganze Bogen der alten Marken Sachsens, Darunter auch ein schönes Doppelstück ber roten 3-Pfennig- Marke. An den Krieg in den Kolonien erinnert ein besonderer Wandrahmen, in dem ein paar ehrwürdige Reste der amtlichen Rotausgabe von Deutsch-Ostafrika aufbewahrt werden, die 1916 vor den anrückenden Engländern vergraben und erst nach fünf Jahren wieder hervorgeholt wur­den. An der einen Längswand des Saals sind

Samstag, 6. März 1926

wird Verwendung finden, so daß schließlich ein u n gedeckter Fehlbetrag von c a. 6,1 Mil­lionen Marl übrig bleibt. Zur richtigen Wür­digung dieses betrübenden Tatbestandes muß man sich vor Augen halten, daß der hessische Staat etwa die Größe eines preußischen Regierungsbezirks be­sitzt und nur rund 1,3 Millionen Einwohner zählt. Die Ausgaben des Landes verteilen sich auf 78.1 Million Mark persönlicher und 50p Millionen fach- lichcr Natur. Die Endsumme bei Staatsvor- anjchlages für 1926 ist gegenüber 1925 sogar um 16,1 Millionen Mark gestiegen.

Der verantwortliche, der demokratischen Partei angehörende Finanzminister Henrich hat seinem Voranschlag ein Finanzcxposö mit auf den Weg ge­geben, das vom Landtag mit größter Spannung erwartcet wurde. Dieses Finanzexpojö ergab das schon lange befürchtete erschütternde Bild der hessi­schen Finanzen. Was aber ganz besondere Ver­wunderung bei den Oppositionsparteien und auch darüber hinaus hervorriej, das war die Tatsache, daß der Finanzminister diesem Ergebnis gegenüber mehr oder weniger ratlos dastand. Wie schon er­wähnt, konnte er allerdings daraus Hinweisen, daß 3 Millionen Mark aus den Ueberschüssen früherer Jahre den ungedeckten Fehlbetrag auf 6,1 Millionen Mark herunterdrücken. Diese Ueberschüsse haben aber ihre böse Seite: es sind nämlich die in den Jahren 1923 und 1924 zuviel erhobenen Steuern. Die Rechte hatte in der Vergangenheit immer wie­der Einspruch erhoben gegen eine Finanzpolitik, die über den Staatsbedarf hinaus zur Erhebung neuer Steuern geschritten war. Es sei daran erinnert, daß noch im vergangenen Jahre die in Hessen regieren­den Parteien der Weimarer Koalition 1,7 Millionen Mark an Gewerbesteuern mehr bewilligten.

Wie in den vergangenen Jahren, so brachte der Finanzminister auch dieses Mal unbegreiflicherweise zum Ausdruck, daß die Ausgabeseite des Etats ihm keine besondere Sorge mache, während auch er nicht leugnen konnte, daß ihm die Entwicklung der Einnahmeseite recht bedrohlich erscheine.

Charakteristisch für die steuerliche Lage in Hessen erscheinen folgende Zahlen. Vor dem Kriege wurden in Hessen im Jahre rund 26 Millionen Mark an direkten Steuern erhoben, in denen die Matrikular- beiträge an das Reich eingeschloffen waren. Heute erhalt Hessen vorn Reich in der Form der lieber« Weisung ungefähr öie gleiche Summe von 26 Millionen Mark 70 Prozent der vom Reich in Hessen erhobenen Steuern zurück. Auch in An­betracht dessen, daß dem Hessischen Staate zwangs­läufig eine Reihe neuer Aufgaben aufgebürdet wur­den, muß es als eine ungeheuerliche Tatsache er­scheinen, daß der Hessische Staat neben den ge­nannten 26 Millionen Mark weitere 50 Mil­lionen Mark an Landes st euern erhebt. Der Steuerdruck in Hessen hat infolgedessen un­erhörte Ausmaße angenommen unb längst die volkswirtschaftlich noch erträgliche Gefahrenzone überschritten. Auch der Finanzminister war wieder­holt gezwungen zu erklären, daß ein weiteres An- ziehen der Steuerschraube in Hessen nicht verant­wortet werden könne, und trotzdem weiß Herr Hen­rich in feinem Finanzexposs keinen anderen Aus­weg als nur den einen, nämlich den Weg der Steuererhöhung, und zwar der Er­höhung der Sonder st euer vom beb ou­ten Grundbesitz. Man hat den Finanzminister auf den Widerspruch aufmerksam gemacht, der darin liegt, daß er einmal selbst eine weitere Steuer­erhöhung für unmöglich erklärt habe, und nun so tue, als oo es sich bei der Erhöhung ber Sonder- steuer vom bebauten Grundbesitz um keine Steuern handle. Auf dem Wege der Verordnung will das hessische Gesamtministerittm diese Sondersteuer auf einen Steuersatz bringen, ber im ganzen 2 Mark pro 100 Mark Steuerwert beträgt. Von allen Ein­sichtigen wirb biefer Steuersatz als gerabezu rui­nös bezeichnet. Es war von besonderer Wichtigkeit, daß der volksparteiliche Abgeordnete Dr. Nie- poth den Finanzminister Henrich dahingehend berichtigte, baß er keinesfalls von Reichs wegen ge- halten sei, die geplante Steuererhöhung in diesem

sodann noch drei kleinere Spezialsammlungen an­gebracht' die Ausgaben der Riederlande und ihrer Kolonien bis 1899 mit Abarten und Typen­unterschieden, ein Geschenk des griechischen Gene­ralkonsuls Lehmann in Asterdam; die Marken der Wendenschen Kreispost 1862/1901 mit allen Verschiedenheiten und Reudrucken, befestigt auf einem großen, wappengeschmückten Karton mit Handmalerei, dem Museum gestiftet vom Verein der Briefmarkenfreunde zu Riga; endlich eine schöne Sammlung von Telegraphenmarken aus aller Welt.

Im Vorraum haben schließlich noch einige Dinge Aufstellung gefunden, die insbesondere! den Philatelistischen Feinschmecker interessieren. Da wäre in erster Linie eine Säule zu nennen, die eine außerordentlich umfangreiche Sammlung sogenannter Schiffsöri efet ägt, toi 2 sie etwa in den Jahren 1886 97 von unseren auf Welt­reisen befindlichen Kriegsschiffen mit den Briefen und Karten der Mannschaften an das damalige Kaiserliche Hofpostamt in Berlin (Marine-Post-, bureau) gesandt tourden, um von hier an die Angehörigen in der H einrat weiter befördert zu werden. Es handelt sich meist um sehr große und starke Kuverts, die von den deutschen Schiffen den Postämtern der überseeischen Küstenorte, die gerade berührt wurden, zur Weitersendung über­geben und gewöhnlich mit Dutzenden der be­treffenden Marken über und über beklebt wurden. So schlummern hier unangetastet viele der hohen und höchsten Schilling- und Pfund-Werte alter englischer Kolonialmarken und manche anderen köstlichen Leckerbissen. Andere Rahmen zeigen wohl vollständig die deutschen Poststempel (auf entsprechenden Briefmarken) aus der Zeit der Knegswirren in China 1900 01. Von hohem Interesse Und endlich auch die Schaukästen mit wohlerhaltenen deutschen Feldpostbriefen, die von den schicksalsreichen Jahren 1806 08 und 1813/15 über die Feldzüge von 1864 und 1866 bis zum Kriege 1870/71 führen

Die Sammlung des Reichspostmuseums wird von dem bekannten philatelistischen Forscher Ober­landesgerichtspräsidenten Earl Lindenberg be- trenf, der noch immer obwohl er sich der Vollendung seines 8. Lebensjahrzehnts nähert regen persönlichen Anteil am Dachsen und Ge­deihen seiner papierenen Pflegekinder nimmt ES ist zu einem großen Teil sein Verdienst, toenu jener Saal an der Leipziger Straße zu einer Art Wallfahrtsstätte geworden ist, an der de» Markenfreund von echtem Schrot und Korn an» dächtige Feierstunden erleben kann Auch wenn er sich mit leiser Wehmut sagen muß:Dis Sterne, die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht."