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Nr. 55 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Samstag, 6. Mörz 1926

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für

vnilk und Verlag: vriihl'Ich- Universttätr-Vuch. and Stefnöruderei B. lange in Sieben. Schristleitung und Selchäftsfttlle: Schulftrabe 7.

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Dr. Friedr. 'Ivilh. Longe. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange: für Feuilleton Dr H Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein,- für den An­zeigenteil Hans Fiistel, sämtlich in Gießen.

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Genf.

Der morgiye Sonntag wird Diplomaten aus aller Herren Länder an den Gestaden des Genfer Sees, in der altehrwürdigen Stadt Calvins versam­melt sehen, dieses Mal noch weniger als sonst zum hemmungslosen Genuß der Vorfrühlingspracht des Südens, sondern zu ernster kniffliger Arbeit. Auch das Deutsche Reich, der Verfemte von Versailles, tritt zum ersten Male in den Kreis der Nationen, um im Völkerbund seine Stelle einzunehmen und wieder als Gleichberechtigter an der internationalen Politik mitzuarbeiten. Die deutsche Delegation, die in ihrer Zusammensetzung im wesentlichen die gleichen Herren aufweist wie in Locarno, sieht im Genfer Reformationssaal ein Bild der Welt sich wider­spiegeln, das nur schwache Aehnlichkeit hat mit dem jener Welt, die in den Augusttaacn des Lahres 1914 in den Weltkrieg zog. Zwar seine alte Vor- Machtstellung in der Politik hat Europa im großen ganzen behaupten können, wenn der Genfer Svie- gel nicht trügerische Reflexionen wirft. Aber wie hart umstritten Europas angemaßte Stellung ist, zeigte erst in diesen Tagen der Kampf um die Ratssitze und die Art, wie China, Brasilien und Spanien ihre Ansprüche begründeten. Die europäischen Diplo­maten glauben zwar, noch die Fäden der Welt- Politik in Händen zu haben, doch die leeren Sitze in Genf sind drohende Warnzeichen, welche beiden großen Unbekannten außerhalb des Saales ständig bereit sind, ihre schlaue Rechnung zu durchkreuzen. Nichts wirft ein helleres Licht auf den wahren Zu­stand dieses Völkerbundes, auf feine gänzliche Un- ! zulänglichkeit, als das Fehlen der Vereinigten Staaten von Amerika und der russi­schen Sowjetunion, beides die mächtigsten unter den Weltmächten, die eine krast des natür­lichen Reichtums ihres Landes und der seit dem Kriege in Wallstreet angehäuften, ungeheuren 5ta- pilalfraft, die andere dank der suggestiven Wirkung einer Idee, die, in überaus kluge praktische Politik nmaesetzt, Moskau zum Angelpunkt aller antieuro- fälschen, antiimperialistischen, antikapitalistischen Strömungen macht.

Beide Amerika wie Rußland sehen ihre Stärke gerade in dieser Position außerhalb des Völkerbundes, außerhalb der europäischen In­trigen, beide fehen im Völkerbund gewissermaßen eine Kampffront Europas gegen sie selbst, einmal gegen den Allerweltsgläubiger Amerika, der mit , unerbittlicher Härte seine Forderungen aus dem Weltkrieg eintreibt und die europäischen Mächte in drückende Schuldknechtschaft zwingt, zum andern die Front gegen die Gefahr des Bolschewismus, der : von Rußland aus die auf dem Prinzip des Privat­eigentums und der individualistischen Wirtschofis- orbnung beruhenden Demokratien Westeuropas be­droht, ihr Staatsgebäude zu unterhöhlen, ihre Ko- I Ionien loszureißen sucht. Außer diesen beiden Rie­ten wird man nach Deutschlands erfolgtem Eintritt in Genf noch vergebens nach Argentinien und der Türkei suchen, die meisten anderen \ Mächte, groß und klein, haben sich dem moralischen * Druck der Sieger des Weltkriegs fügen müssen.

Sir Austen Chamberlain versicherte zwar i erst in seiner letzten Rede mit Emphase, es gäbe f Innerhalb der Liga der Rationen keine sich bekämpfenden Lager, aber gerade der Streit um die Ratssihe hat diese feindlichen Lager Innerhalb des Bundes jedem offenkundig gemacht, i Die Entstehung des Bundes als ein Zu- f fommenschluh der Sieger zur Sicherung ihres i Sieges, zur Aufrechterhaltung der von ihnen j geschaffenen Landkarte läßt sich eben nicht weg- | wischen. Solange sehr reale Interessen die Völker untereinander verbinden, wird es Gruppen- bildungen geben, die gegebenenfalls sich zu Bündnissen verdichten und trotz Völkerbund und Schiedsgericht und Garantiepakt aufeinander losschlagen. wenn sie keinen anderen Ausweg zur l Erreichung ihrer nationalen, machtpolitischen | Ziele sehen. Daß saturierte Mächte wie England | und Frankreich sich gegen solche Explosionen | ihrerseits durch Bündnisse und Abmachungen zu 8.schützen suchen, ist zwar verständlich, vermindert I aber an sich keineswegs die Gefahr dieser Rei­bungen, vergrößert im Gegenteil nur die Rei° gs bungöfläche und macht einen neuen großen Welt- brand noch wahrscheinlicher.

So hat im Völkerbund einmal Frankreich i ein ganzes System von Vasallen um sich versam- inelt, die sämtlich durch eine Aenderung des Status quo nur verlieren könnten. Polen, die Tschechoslowakei und mit ihr in der f[-genannten kleinen Gnetnle Rumänien und Jugoslawien. Belgien scheint sich in letzter Zeit mehr und mehr aus der erdrückenden Um- annung des großen französischen Rachbarn lösen M wollen. Dagegen bindet der marokkanische Feldzug Spanien neuerdings enger an Frank­reich. als uns lieb sein kann. Und Spanien zieht die iberoam er iranischen Staaten mit lch ins gleiche Fahrwasser. Ohnehin hat Frank- ccich la dank seiner eifrigen Kulturpropaganda I und feiner geringen mgteriellen Interessen in Südamerika viele Freunde.

Diesem romanisch-slawi'chen Block, dem auch 1 ter Vatikan indirekt seine nicht zu unterschätzende ä Unterstützung angedeihen lassen soll, steht gegen- über einmal England mit seinen im Völker- ' bund selbständig vertretenen Dominions 3r- land, Kanada, Südafrika, Australien, Reuseeland- Italien, das durch die fahrige Politik Musso- ltni8 zwischen den Lagern hin- und herschwankt ob durch die Unsicherheit und Llnzuverlässig- feit seiner Stellungnahme immer mehr zu einem toten Gefahrenqnell für den europäischen Frieden wird. Auch das von einer Revolution in die andere fallende Griechenland kann in der , internationalen Politik feinen festen Punkt fin- ten. Zu England neigen ferner die baltischen Staaten: Finnland, Estland, Lettland und Li-

Die Abreise der deutschen Delegation.

B.-rlin, 5. März. (SIL) Mit dem fahr­planmäßigen O-Zug 180 ist die deutsche Dele­gation mit dem Reichskanzler Dr. Lu­ther und Reichsaußenminister Dr. S 11 e s e - mann an der Spitze, in der bekannten Zu­sammensetzung am heutigen Freitagabend 10,05 il&r nach Genf abgefahren. Der Reichspräfi- d e n t hat kurz vor der Abreise dem Kanzler und dem Außenminister seine besten Wünsche für die Reise und für eine erfolg­reiche Lösung der der Delegation in Genf harrenden Aufgaben übermittelt. Auf dem Bahn­steig hatte sich zur Verabschiedung eine Reihe bekannter Persönlichkeiten eingefunden, darunter der Schweizer Gesandte Exzellenz R ü f e n a ch. Die Reichsregierung war durch die Mi­nister Brauns, Curtius, Külz und R e In- l> old vertreten. Die führenden Mitglieder der Delegation, namentlich Dr. Luther und Dr. Stresemann, waren bei ihrer Ankunft auf dem Bahnhof, wie üblich, einem Trommelfeuer der Photographen ausgesetzt, eine Belästigung, der sie sich mit geduldigem Humor unterzogen, bis der Reichskanzler das Werk der Photographen mit einem erleichterten:Es ist erreicht!" ab- schloß. Reichskanzler Dr. Luther wird während seiner Abwesenheit in Gens durchdenRei chs- w e h r m i n i st e r D r. Gehler vertreten. Deutschlands Stellung in Genf.

Eine Unterredung mit dem Reichs- auftcnniinifter.

Berlin, 5. März. (IU.) Belchvaußenminisler Dr. Stresemann gewährte einem Vertreter der Tclegraphenunion vor seiner Abreise nach Genf eine kurze Unterredung, in der er u. a. folgendes aussührle:

Deutschlands Stellung zu den schwebenden Völ­kerbundsfragen ist von Anfang an klar und folgerichtig gewesen. Die Schwierigkeiten, die im letzten Augenblick auftraten und das ganze Werk von Locarno zu gefährden drohten, find darauf zurückzuführen, daß für die Lösung dieser Probleme zunächst nicht die in Locarno mit solchem Erfolg erprobte Methode offener und vertrauens­voller Aussprache unter allen Beteiligten ange­wandt wurde, sondern daß man versuchte, sich über Deutschlands 6 ops hinweg zu verständi­gen. Deutschlands Stellung zu der Frage der Reu­gestaltung des Völkerbundsrates ist in der Hamburger Bede des Reichskanzlers klar zum Ausdruck gebracht worden.

Ich hoffe, daß die für Sonntag vorgesehene Besprechung mit den Führen, der am Vertrag von Locarno hauptsächlich beteiligten Mächte die glückliche Atmosphäre von Locarno wiederher st elfen wird. Der Wiederaufbau Europas kann nur gelingen, wenn endlich der Geist des Mißtrauens und der Furcht aus den inter­nationalen Beziehungen verschwindet und dem entschlossenen Witten zur ,Z u s a m in e n a r - beii Platz macht. Diesem Ziel soll in erster Linie der Völkerbund dienen, dessen Versammlungen den führenden Staatsmännern der Mitgliederstaaten

Gelegenheit zur persönlichen Aussprache über die Bedürfnisse der Völker geben. Ls wäre versehlt, von einem Lintrill Deutschlands in den Völker­bund eine grundlegende Aenderung der deutschen außenpolitischen Situation zu erwarten. Wohl aber bedeutet er einen guten Schritt vorwärts aus dem Wege aus dem Abgrund, in den uns der Krieg gestürzt hat, zu dem Platz, der Deutschland unter den Völkern gebührt.

Vas Echo der Lhamberlainrede.

London. 5. März. (WTB.) Lord Par- moor sagte in einer Rede im Wembley, es sei enttäuschend, daß Ehambcrlain in seiner gestrigen Tlitterhausrede sich nicht deutlicher aus- sprach, und daß die Zweideutigkeit seiner Rede Zweifel und Unsicherheit bezüglich der britischen Haltung in Genf zulasse. Rach bem Londoner Korrespondenten desM a n ch e st e r Guardian" wird jetzt in manchen Kreisen von der Einsetzung eines besonderen Aus­schusses gesprochen, der die Frage der Erwei­terung des Volkerbundsrates prüfen soll, und der durch den Charakter der ihm auferlegten Aufgabe und durch seine Zusammensetzung die Gewährung eines nichtständigen Sitzes an Polen so gut tote garantieren würde. Manchester Guardian" sagt weiter. Baldwin habe sich in seiner Rede einer vernünftigen Auf­fassung der Lage viel mehr genähert als Cham­berlain. Man könne nur hoffen, daß Chamber­lain dem Kebinettschef schärfer umrissene Z u s i ch e r u n g e n als dem Unterhaus gegeben habe in der Richtung, daß Großbritannien nicht zum Mitschuldigen an einer Sck)ädigung der Zukunft des Völkerbundes gemacht werde. Der radikaleStar" bezeichnet es als einen Fehler, die Würde eines einzelnen Ministers über die Ehre und die Pflicht der Regierung zu sehen. Die WochenschriftDaturdcry Revue" bedauert Chamberlains Reigung, Frankreich um jeden Preis gefällig zu sein und fordert, Großbritannien solle ebenso entschlossen wie Schweden gegen alle Bemühun­gen auftreten, die Eifersüchteleien zu verewigen, welche zum Krieg geführt habe. Der neue Präsident der Saar-

Kommission.

London, 5. März. (TN.) Rach dem amt­lichen englischen Funkspruch haben sich die an der Saarsrage hauptsächlich interessierten Staaten geeinigt, an Stelle des zurücktretenden Präsi­denten der Saarkommission, R a u 11, das Kom- missionsmitglied den Ä an a bi er Stephens in Aussicht zu nehmen. Der neue Präsident dürfte auch der Saarbevölkerung und der deutschen Re­gierung annehmbar fein, da seine unparteiische Venvaltungsarbeit wiederholt Anerkennung ge­sunden hat. Don nicht geringer Bedeutung ist es, daß Deutschland an diesen Verhand­lungen mitgewirkt hat, als ob es schon Mitglied des Völkerbundes wäre,

Demission Vriands.

Nachtsiynng der ftamincr. Das Kabinett bei einem Bertagnttgsantrast mit 53 Stimmen gestürzt.

Paris. 6. März. (WTB.-Funkspruch.) Die Kammer hatte gestern abend 9.30 Uhr eine Rächt- sihung eröffnet und bis b Uhr morgens die noch ausstehenden Artikel des Steuergefetzes noch nicht beendet. Im Laufe der Rächt wurden die vom Senat vorgefchlagenen und in der ersten Beratung der Kammer bereits abgelehnten Steuern auf Al­kohol und Zucker abgelehnt. Vie Kammer lehnte ferner die Erhöhung devTabakprei- f e s auf 2,50 Frank, die der Senat beantragt hatte, ab. Der Finanzausschuß hatte bann den Preis auf 2,25 Franken herabgesetzt. Auch dieser Preis ist mit 332 gegen 205 Stimmen abgelehnt worden. Daraus wurde ein Amendement eingebracht, den Preis auf 2 Franken zu erhöhen. Vies wurde mit 246 gegen 243 Stimmen abgetehnt. Infolge die­ser Abstimmung verlangte 2ibg. Malvn, daß die Sitzung unterbrochen würde. Ev entstand eine große Erregung und ev entspann sich eine Debatte über die Folgen dieser Ablehnung. Schließlich ergriff auch B riand das Wort, um die Kammer aufzufordern, das Notwendige zu unternehmen, denn er werde morgen Frankreich nicht vertreten, mit einer parlamentarischen Mei­nung wie er sie bis jetzt im Lause der Sitzung erlangt habe. Unter dem Drucke dieser Bede hat die Kammer bann den Tabakpreis von 1,50 auf 2,10 Franken erhöht.

In der Weiterberatung beantragte beim Titel Z a h 1 u n g v st e u e r" ber unabhängige Kommunist Ernest L a f s o n t beren Zurückstellung. Brianb stellte bie Vertrauensfrage gegen blc Ver­tagung ber Beratung. Ls würbe namentlich abge­stimmt. Vie Vertagung ber Beratung wurde m i t 2 7 4 gegen 221 Stimmen befchlof- f e n. Das Kabinett ist also mit 53 Stimmen i n b e r Minberheit geblieben. Als Brianb mit den Mi­nistern ben Sitzungssaal verließ, erklärte er, baß er bem Präsidenten ber Republik bie Demission bes Kabinetts überbringen werde und nicht nach Genf gehe.

Schwere Sxploflonskatastrophe in Prag.

Ein Mnnitionüwagcu in die Luft geflogen. Neber 100 Berichte.

Prag, 5. März. (WTB ) Heute vormittag um 11 Uhr explodierte In ber Tifchlergaffe ein von Sol­daten geführter Munttiontranspori. Die Katastrophe rief in ber Stadt eine panikartige E r - regung hervor. Der Mnnlttonstransporl um­faßte ungefähr 400 Handgranaten, bie mit Irital gestillt waren. Die Zahl ber bei ber Explo­sion Getöteten schwankt zwischen 9 unb 20, bie der verletzten beträgt über 100, von denen 21 schwer und 92 leicht verletzt sind.

tauen, letzteres durch Polens Machtgier ständig bedroht, sie alle in vorderster Front gegen den Bolschewismus, der Briten erbittertster Feind. Aus Englands Seite findet man meist auch die im Weltkrieg neutral gebliebenen germanischen Staaten des Rordens, Schweden. Rorwegen, Dänemark und Holland, auch die Schweiz wird man hierher rechnen dürfen. Eine Variante be­deutet Dänemark, das als Ruhnießer des ShncgeS fein reines Gewissen hat und wie schon vor 1914 gerne seine Sympathien zu Frankreich unter­streicht.

Schließlich die asiatischen Mächte: China, das gewaltige 400-Millionen-Reich, in endlosem Bürgerkrieg sich selbst zerfleischend, gleichzeitig aber auch um Befreiung von den Fesseln ringend, die europäischer Imperialismus dem schlafenden Riesen anlegte; Japan, die junge Weltmacht des Ostens, zwar mit gewaltigen militärischen Rüstungen und großem nationalen Ehrgeiz, aber auf zu schmaler wirtschaftlicher Basis, in lähmender Auseinandersetzung mit dem Problem der ^lebcrvölkerung und einer über­stürzten Industrialisierung; endlich noch Af­ghanistan und Persien, beide außeirpoli- tisch in steter Gefahr, zwischen den widerstreiten­den Interessen Rußlands und Englands zer­malmt zu werden, innerpolitifch unter energisch zupackenden Herrschern auf dem Wege zur Ge­sundung unb Festigung. Zu allerletzt die schon vor Deutschlands Eintritt gnäbigft zugelassenen Besiegten des Weltkrieges, Oesterreich, Un­garn und Bulgarien: Oesterreich, der natio­nalwirtschaftlich unmögliche Rumpfstaat unter der Finanzkontrolle des Bundes, Ungarn, durch

den Spruch der Alliierten bis aufs Aeußerste zerstückelt, in harten inneren Kämpfen um eine

Lebensform ringend, und Bulgarien, vom Bolschewismus bedroht, der in dem von drei Kriegen schwer heimgesuchten Lande einen allzu günstigen Rährboden findet. Das ist der Ring der Rationen, dem als neues Glied nun Deutschland eingefügt werden soll.

Ein weiter Weg führt von Versailles über

London und Locarno nach Gens, von dem Macht­spruch der großen Vier, der Deutschland als

den Schuldigen des Krieges, als den Paria unter den Völkern nicht für würdig erachtete, Im Völ­kerbünde mitzuarbeiten, über den Dawesplan und den Sicherheitspakt zur Einladung derselben Alli­ierten an Deutschland, seinen Platz In Gens ein- zunehmen, weil ohne Deutschland eine positive Arbeit des Völkerbundes unmöglich sei. Frank­

reich und seine Trabanten sind nicht müde ge­worden, dem Wanderer Deutschland Steine in den Weg zu rollen, sie tragen keine Schuld, wenn es Deutschland aus eigener Kraft gelang, wie der Kanzler am Doimerstag mit Rcchit betonte, die Schrecken eines verlorenen Krieges zu Überwinden. Roch die letzte Etappe unseres Weges nach Gens war hierfür Zeugnis genug. Pariser Intrigen drohten in letzter Stunde das Ergebnis von Lo- carno über den Haufen zu werfen. Es bedurfte erst des lauten Protestes der öffentlichen Mei- nung in England, des energischen Widerstandes der schwedischen Regierung und der klugen, ent­schiedenen Rede unseres Reichskanzlers, um die französisch-polnische Intrige zu zerreißen und für Deutschland den Weg nach Genf freizumachen. Selbstverständlich bedeutet dies nur eine Ver­tagung des Kampfes um Polens Anspruch auf einen Ratssih, aber Deutschland wird ihn inner­halb des Rates in anderer Position durchzufechten haben.

Der französische Ministerpräsident hat in seiner großen Locarnorede vor der Kammer von der europäischenSprache gesprochen, deren man sich in Locarno zum ersten Male bedient habe, und seine Vertragspartner Chamber­lain und Luther haben dies Wort aufge­griffen und auch für Genf zum Programm er­hoben. Möge in dem diplomatischen Ränkespiel der Kleinen den Führern der großen Rationen oiese allzuteuer erkaufte Erkenntnis von der europäischen Schicksalsgemeinschaft nicht wieder verloren gehen. Rur dann kann der Völkerbund unter Deutschlands aufrichtiger Mit- arbeit aus einem Bunde der Kriegsgewinnler Clemenceaulcher Prägung das werden, was der Reichskanzler in seiner ausgezeichneten Ham­burger Rede von ihm erwartet: eine Organisation, m der das Rebeneincnrder ber verschiedenen Staatskräfte auf allen Gebieten, die sich dafür eignen, zu einem Miteinander gesteigert totrb, von dem die Gesamtheit ber Staaten unb Völker Ruhen hat, denn die Wiederaus rich- tung ber durch den Krieg geschlagenen euro­päischen Wirtschaft ist eben nur denkbar, wenn bie großen nationalen Kräfte der einzelnen Völker nicht im Gegensatz zueinander, sondern in g l e i ch- berechtigter Zusammenarbeit entwickelt wer­den. Deutschland ist zu dieser Zusammenarbeit be­reit. ob bem Willen die Tat folgen kann, das toirb davon abhängen, ob man un8 in Genf als lästigen Störenfried bchandelt. ober unsere Mit­arbeit allerseits freudig willkommen heißt.

Die Tischlergasse macht den Eindruck eines Trümmerfeldes. Automobil, und Wagen- trümmer liegen durcheinander. Die Eingänge der in der Rahe des Explosionsortes gelegenen Hauser sind durch Balken undJJlauertrüinmer versperrt. Zhr Inneres ist zum größten Teil demoliert. An .zahl­reichen Stellen sicht man Blut von den Gesimsen der obersten Stockwerke herunterlaufen. Auch zahl­reiche Pferde wurden grauenvoll zerrissen. Ein Sol­dat, der bei der Explosion zugegen mar, erzählt: Es war, als ob plötzlich ein furchtbares Erdbeben eingetreten wäre. Ein Regen von Glassplittern ging auf uns nieder. Durch die Gaffen liefen Menschen mit zerrissenen SUciberu, mit geschwärzten blutigen Gesichtern. Einige Soldaten wurden durch den gc wattigen Luftdruck an die Häuser geschleu­dert und Stücke menschlicher itörper flogen bis in die obersten Stockwerke, lieber die Ursache der Explosion verlautet, daß von dem Mnnilionswagen eine Kiste mit Handgranaten herabfiel. Diese wurde infolge der Erschütterung zur Selbstentzün­dung gebracht, so daß schließlich der ganze Muni- tionswaaen in die Luft flog Die erste Meldung, daß es sich um einen Lastkraftwagen handelt, mar dadurch entstanden, daß weit und breit keine Spur von einem Pferd zu erblicken war. Die Pferde hatten sich losgerissen und waren trotz der erlittenen Verwundungen in wahnsinnigem Tempo gegen den Petersplatz d a - von gerast. Der durch die Katastrophe entstan­dene Luftdruck war so ungeheuer, daß nicht nur in ber Tischlergasse, sondern auch in den benachbarten Straßen sämtliche Fensterscheiben zertrümmert, die itenftcrrahmen herausgerissen und die eisernen R o Höben wie Pap 1 er verbogen unb zer- rigen würben. Einzelne Dächer würben teilweise abgebeckt. Die im Parterre befindlichen Geschäfte wurden vollständig demoliert und sind vom Schutt größtenteils eingestürzter Dächer verschüttet. Der m Augenblick der Katastrophe im Gange befind- Ische Personenaufzug eines Houses in der Revolu- tionsstraße blieb plötzlich stecken unb ber barin bc- f'nbliche Passagier mußte aus bem Schacht heraus- gezogen werben. Knapp vor ber Mittagsstunbe er­schien ber Lanbeskommanbant Gajba in Beglei- tung eines Orbonnanzoffiziers. Dabei kam es zu verschiedenen Zwischenfällen, weil viele Leute laut und nachdrücklich ihrer Verwunderung Ausdruck gaben, daß die Militärverwaltung solche gefähr­lichen Transporte durch die Stadt dulde. Der Ab­geordnete Rovak rief: Schlamperei über Schlam­perei,