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vorüber. Alles geht vorüber. Muhl dich yn'ammen.
nehmen. Muht start sein, Kind."
Wieder schnellte Martina hoch.
Wilemar zuckte die Achseln. „Morgen."
..Was soll morgen noch sein?"
„Vielleicht führen sie mich morgen fort" Eine Grimasse wurde Wilemars Lächeln. „Kann man es wiffen? Wahrscheinlich morgen schon." Abermals hob er die Hände, abermals berührte er die Tochter leise. Es war, als ob er tausend zarlliche Worte sprechen wollte. Sekundenlang glätteten sich leine Züge. Ein paarmal schluckte er hintereinander. Aber nur ein Wort brachte er hervor: ,Kind —" Rasch kam der frühere Ausdruck wieder. Sttll und unbeweglich war er dann.
Entsetzen überfiel Marttna.
Erloschen war, was fie eben gehört hatte. Irgendwo zuckten unglaubliche, wahnwitzige cäpc durch die Erinnerung. Aber da vor ihr: ein Mensch sah do, den sie Vater nannte. „Vater!" ries Martina leise, als wollte sie ihn und sich aufrütteln.
Ein Fremder bleckte lange, gelbliche Zähne.
Beide Arme warf Martina in die Luft. Beide Arme sanken wieder herab. Wie Blei hing es an ihr. Noch einmal spannte sie alle Kraft an, den Vater an sich zu reihen, sein armes, entstelltes Antlitz zu küssen. Sie vermochte es -nicht Zu weit war der Mensch, der an ihrem Bette saß, unerreicht bar weit, je länger sie ihn anstarrte. „Vater —" lispelte sie nur noch.
Mit eckigen Lippen lächelte der Fremde. „Wie olles so kommen konnte' weiß ich es? Worum, jur wen ich es getan habe: soll ich mich ausreden. Soll ich die Schuld auf andere schieben: auf euch vielleicht, auf die Mutter, auf Lily, auf dich? Was nützt das schon, wem nützt das schon? Ich war es ja doch. Nur ich. Ich allein."
Dicht an der Wand kauerte Martina. Aufs neue sprach Wilemar, doch sie verstand ihn nicht Wie in einem Käfig liefen ihre Gedanken hin und her. So weit sie sich erinnern konnte — immer war er derselbe gewesen: der Fremde, den sie Vater nannte; alle die vielen Jahre bis tief in die Kindheit Hinern: immer derselbe. Wie das nur zugegangen war: zwei Welten in dem gleichen Hause, der gleiche Tisch, an dem man aß — und doch: immer aneinander vorbei, immer weiter auseinander.
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Spät ging Martina zu Bett. Dennoch meldete sich kein Schlaf. Funken sprühten durch tne Finster nis, wenn man die Augen schloß. 2IU<rlei wurden aus den Funken: unwillkürlich mufotc man den bizarren Ornamenten nachaehen — E" den sonderbaren Flämmchen und jammern Citemen und Feuerkreisen, Schuppen und Spiralen- Vielleicht beruhigte dos, wenn man ansonst nichts dachte. Vielleicht schlief man doch einmal ein.
Hatte es nicht gepocht?
Martina knipste das Licht auf.
Vollkommen angekleidet b*r Vater '
Zimmer. „Erschrick nicht, Kind. Auf den Fuß setzen kam er näher. Behutsam setzte er sich aas den Bett r0IK/Bapa!" Marttna tastete nach seiner Hand. Kalt und feucht fühlten sich seine Finger^an.
„Beruhige dich doch, Martina. Ernst Wilemar lächelte. „Es ist nichts. Ich kann bloß noch nicht $ Martma sah na chder Uhr aus dem Nachttisch.
Gleich zwei. Was quält dich, Popo? Warum kannst du noch nicht schlafen gehen?" „
„Ich muß denken, immerfort benten.
An die Untersuchung? Iah richtete sich Mar. ttna" im Bette auf. „Steht es schlimm?'
„Sehr schlimm, Marttna."
'ifUt der Linken fuhr sich Mlemar Über den blanken Schädel. „Ich will dir alles erzählen. Nur dir, mein Kind." Für einen Augenblick wurde fern Antlitz starr und fahl. Dann kam das furchtbare Lächeln von früher wieder. „Nur dir, Martina. Zärtlichkeit glomm plötzlich in seinen Blicken.
„Du Armer, bu t— . „ . ,
„3a," sagte Wilemar, „sehr schüfttm. Zwetma drehte er den Kopf noch rechts und links „Wertzt du, die Sache ist nämlich die: ich habe Geld veruntreut." Bestätigend nickte er, als die Augen Martinas immer größer wurden. „Nicht viel — aber immerhin vierzigtausend Mark. Geld vom
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Dau, weifet du." Er übeNegte. „Vielleicht wäre das Unglück mcht geschehen, wenn ich die vierztgtausend Mark nicht veruntreut hätte." Kurz sann er nach. ,Lch kann es zwar nicht glauben, aber der Unter» juchungsrichter wird es bestimmt annehmen, wenn er io weit ist. Und die Sachverständigen werden ihm recht geben. Es wird also so sein." Ganz ruhig sprach Wilemar die Worte.
Martina war es, als schlügen Flammen aus chrem Bett.
„Das ist ja entsetzlich, Papa!" «teil stand ihr Oberleib. „Das ist ja —"
Mit den Händen drückte Wilemar die rochier nieder. „Bleib sttll, Kind."
,Zst es denn sicher —" Marttna wußte Nicht mehr, was sie fragen wollte.
„Daß sie mir darauf kommen?"^
„Das — und überhaupt — —"
„Morgen." Wilemar rieb sich die Augenwinkel.
„Morgen wird Oriewicz einvernommen.' „Oriewicz?" r . „ ,,
„Mein Bankier in der Landgrafenstrasc. Unbegreiflich sachlich erklärte Wilemar: „Er wird mich nicht entlasten können. Alles ist aus seinen Geschäftspapieren ,u ersehen." Don der Wand las er ab: „Dreiundzwanzigster August, Kaufauftrag: fechshundertsechzig Stück Haguwa-Akien, unlimitiert, Kassa, Ernst Wilemar."
Und die Aktien?" fragte Martina atemlos. Man kann sie doch jeden Augenblick wieder ver- taufen und den Schaden gutmachen/" Wie an eine Erleuchtung klammerte sie sich an den Gedanken.
Die tote Döhlecke erwecken?" Wilemars Lächeln wurde fratzenhaft. Langsam schüttelte er den kahlen Kopf. „Geht leider mcht. Und die Aktien? Vielleicht bekommt man morgen zwanzigtausend dafür." Ergeben senkte er da? Gesicht. „Oriewicz hat mich doch hineingelegt. Nichts war die Bilanz wert, gar nichts."
Stumm starrte Martina auy den Vater.
„Auch die Haussuchung folgt morgen", sprach Mlemar nach einer Pause. „Alles folgt morgen.'
Martina stürzte in sich zusammen. Wie ein Kind war sic auf einmal: so klein, so armselig in dem großen, weißen Bett.
„Nicht Martina." Wilemar tastete nach ihrem Kopf, nach ihren Schultern. „Nicht du." Unbeholfen strichen seine Finger über ihre Arme. „Es geht
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Dake! wollte Martina rufen, doch ihre Stimme versagte.
Wilemar erhob sich schwer.
„Wir werden jetzt schlafen gehen. Kind.
„Schlafen", wiederholte Marttna. w
Und werden nicht denken, nicht grübeln. Wilemars käste, feuchte Finger flirrten über bic Stirne der Tochter. Eine Sekunde stand er gebückt, seine Schultern ruckten. Dann ging er mit schleppen- den Schritten aus dem Zimmer.
Wie eine Kerze saß Martina wieder m ihrem Bette, Stunde um Stunde.
Auf einmal brach ein Schrei aus ihr.
Ein scharfer, leise nachschwingender Knall war durch das stille Haus gezogen.
XXVI.
Benno von Kreuch fror. Den Kragen seines Paletots hochgeschlagen, marschierte er auf dem Kurfürstendamm auf und nieder. Es war noch früh am Tage. Nur wenige Menschen stapften über den glitzernden, weißen Schnee, den die Nacht gebracht hatte. Noch lag er rein und schimmernd die tfafjr- dämme und Gehsteige hinauf und hinab. Da und dort waren Portierleute mit ihrem Werkzeug an der Arbeit. Dumpf stießen die Holzschaufeln auf das Asphalt. Ritschend häuften die Schneepflügc der Straßenbahn hellgraue Massen beiderseits der Gleise. Wie auf Samt glitten die wenigen Autos dahin. Schwer zogen die prallen Mecklenburger an den Lastfuhrwerken.
Kreuth lächelte verbissen. Sinnlos war es, daß man da umherlief. Martina schlief sicherlich noch in ihrem warmen Bett. Dor acht Uhr würde sie kaum aus dem Hause treten. Trotzdem äugte er immer wieder hinüber. Vielleicht wollte es der Zufall, daß sie heute früher kam. Vielleicht spürte sie es irgendwie, daß er seit gestern avend in Berlin war. Die halbe Nacht hatte er wach gelegen. Nicht sehr gemütlich war es ir\ dem schmalen Hotelzimmer in der Königgrätzer Straß»- gewesen. Aber tausendmal erklang das Zimmer von ihrem Namen. Unausgesetzt hatte er ihn vor sich hingesprochen: „Martina, Marttna, Martina." Das sollte Zuversicht und Kraft geben. Das sollte alles srroerfen, was einmal war. Das sollte michelsen, die ersten Worte zu finden, wenn man ihr wieder gegenüberstand.
(Fortsetzung folgt.)
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