Hreitag, 5. November 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Nr. 260 Zweites Blatt
wirt,ch°,I in R°rd,ch!°-W>g ,»m,. Spru^brrtt
Cornelius Petersens Bauernbewegung.
f Don unserem nordschleswigschen Mi.arbciter.
Vie Aurbreitungsbestrebunaen der Wacholderdrossel im Vogelsberg.
Don Karl Rudolf Fischer.
Genau entgegengesetzt wie das Dordringen des mediterranen Girlitz, über das ich an Dielet Stelle eingehend berührt habe, vollziehen sich die Ausbreitungsbestrebungen der nordischen Wacholderdrossel. Destritt ich entschieden die besonders von Schuster von Forstner vertretene Ansicht, daß der Girlitz erst in dem letzten Jahrhundert sich bei uns eingebürgert habe, aus vem einfachen Grunde, weil er bereits eine neue, systematisch von der mediterranen «Form deutlich zu unterscheidende deutsche Form gebildet habe, die ihm die von Laubmann aufgestellte Bezeichnung Serinus hortulans germanicus einbrachte, wozu aber wie zur Heranbildung aller Raturvorgänge ein Zeitraum von Jahrhunderten nötig ist, und die Annahme Wahrscheinlichkeit gewinnt, das; seine Einwanderung schon zur Romerzeit und im Gefolge des Obstbaues erfolgt ist, so muh ich aber in bezug aus die Wacholderdrossel sagen, daß sich ihre Ausbreitungsbestrebungen erst im lehtcn Jahrhundert bei uns geltend gemacht haben müssen. Denn sie hat bei uns noch keine eigene, . von der nordischen Ausgangsform verschiedene Subspezies (Unterart, Formenkrcis) gebildet, was sicher geschehen wäre, wenn sich die Wacholderdrossel isoliert in unseren Breiten erhalten hätte uni) schon seit Jahrhunderten oort heimisch gewesen wäre. Tatsächlich reichen die ersten Angaben über ihr Dorkvmmen aber nur 100 Jahre zurück. Rach Floericke hat man sie bis • 1818 in Sachsen und Schlesien nur als Wintergast und regelmäßigen Durchzugsvogel gekannt, so dah es keinem Zweifel unterliegen kann, daß „die Wacholderdrossel erst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts von Rordosten aus in die Provinz eingerückt ist. dah sie erst um die Witte des Jahrhunderts als Ristvogel häufiger wurde, und dah sie heute endlich zu den ganz gewöhnlichen Drutvögeln gehört. Interessant ist es ferner,
nehmen wollte, um seinem nimmer(aLen eine Befriedigung -u schassen. -211S t jn Eiderstedt geboren ist, und sich für die deutsche Rationalversammlung in Weimar mit auHtcl.cn lieh, sein dänisches Herz in der Abstimmungs-
tragen wurden. _
Die Bewegung der Selvstyrepartci muh man in bezug auf das Echo in ganz Dänemark mehr unter dem Gesichtspunkt betrachten, dah es sich nicht um eine echte Selbstverwaltungspropaganda in ganz Dänemark womöglich handelte, vielmehr ist Cornelius Petersen und mit ihm seine Partei von gewissen Kreisen in Dänemark inner- politisch ausgenutzt worden. Es kann ;eht leicht so weit femmen, dah, nachdem Cornelius Petersen völlig die Rerven verloren hat wie auch seine überaus llägliche Rolle vor Gericht beweist, in kurzer Zeit der Rest guter Gedanken, die in dieser Bewegung vorhanden sind, zerrieben werden. Er wird dem Hohngelächter dänischen Parteirummels ausgesetzt sein, und das Ende vom Liede wird sein, dah man die Rot in Rordschleswig nicht nur nicht lindern wird in dem Wahe, wie es wünschenswert wäre, sondern dah man mit Fingern auf die „verrückte" Bewegung weist. s .
Die flensburgdänische Presse hat es fertig gebracht, die Selvstyrebewegung nunmehr auch in Zusammenhang zu bringen mit Auseinandersetzungen innerhalb des deutschen ..wchleswigscyen Wählervereins" der großen politischen Organisation der Deutschen im abgetretenen Gebiet. Berichte über eine kürzlich abgehaltene und au- herordentlich stark besuchte Generalversammlung des Dereins haben gezeigt, dah man sich dort i gleichfalls grundsätzlich über die Ziele und Probleme der deutschen Bewegung eingehend ausem- andergeseht hat. Das Ergebnis war, daß die alten Satzungen des „Schleswigschen Wahler- vereins" unverändert ihrem Sinne nach als Programm betrachtet werden. Wenn man an die Stelle des Wortes „Revision" die beiden Worte „neue Entscheidung" seht, so ist das eine llebersetzung und keine Zicländerung. Die dänische Presse hätte gewiß gerne eine Veränderung des Zieles in diesem Augenblick festgestellt, denn | dann jätte sie mit Fingern auf die Deutschen
Gegend und verschwindet dann spurlos in den nächsten Jahren, d. h., sie wandert in eine andere Gegend ein. Wenn sich dann solche Kolonien! in einem Landstrich ansiedelten, glaubte man, sie kämen aus dem Rorden: in Wirilichleit tarnen sie aus einem anderen deutschen Landstrich, älnd wir haben schon aus den ältesten Zeiten, in denen eine eigentliche wissenschaftliche Vogelkunde in Deutschland begonnen hat. Rachrichten über Drut- plätze der Wacholderdrossel in Deutschland. In Schlesien ist sie zur Zeit ganz häufig. Warum sie eigentlich urplötzlich eine Gegend verlaht, um sich in einer anderen anzusiedeln, dafür hat man keinen Grund bis jetzt ausfindig machen können. Es trägt mit dazu bei, dah sie gegen Störungen am Ristplah recht empfindlich ist.'
Allerdings hat Schuster vollkommen recht, wenn er die Wacholderdrossel wie alle anderen Ornithologen als „Zigeunervvgel" bezeichnet, älnd ich habe gegen die bis hierhin im großen ganzen recht einwandfreien Darlegungen grundsätzlich nur das Eine einzuwenden, daß es doch erst noch bewiesen werden muß, ob auch in älterer Zeit bei uns Krammetsvögel gebrütet haben. Denn bis jetzt sind darüber erstens noch keine Mitteilungen aufgefunden worden, zweitens kann man aber zum mindesten erwarten, dah ein Anerkennung verlangender Forscher bei einem derartig schwerwiegenden Hinweis wie „wir haben schon aus der ältesten Zett Rachrichten über Drutplätze", Ort und Zeit der Beobachtung angibt, denn wir sind gewohnt, jene „älteste Zeit", in der eine eigentliche wissenschaftliche Vogelkunde in Deutschland begonnen hat. von dem Wirken unserer großen Altmeister, wie Brehm und Naumann usw. an zu rechnen, und diese liegt genau 100 Jahre zurück. Zweifellos hat Schuster auch wetterhin recht, wenn er geltend macht, dah das plötzliche Verschwinden des Zigeunervogels aus einem Landstrich ein plötzliches Au stauchen in einer neuen Gegend zur Folge haben muß. Das We'en meiner Kritik liegt aber darin, ein und dieselbe Idee in anderer Beleuchtung zu sehen, und deshalb ist für mich die Schuftersche Folgerung falsch: „Wenn sich
Es ist in erster Linie ein Wann für Die llnrußc, die sich in Rordschleswig aeiflt, verantwortlich zu machen, und dieser Wann heißt Cornelius Petersen. Vom deutschen Standpunkt aus hat man einiges über den QUanri ju sagen, das ihn persönlich und damit zum Tcti sein Werk im höchsten Grade verurteilt. Es ist der Wann, der die -Se l b st Verwaltungspartei" gründen wollte,^der Dte^Rch der^L^ d
wie sie sich bei diesem Eindringen nach den ihr anfangs noch neuen und ungewohnten Verhältnissen zu richten wußte. Anfänglich nisteten Die Vögel, den in ihrer nordischen Heimat angenommenen Sitten zufolge, überall in großen Kolonien. Mit der Zeit aber wurden diese immer Heiner und ihr Verband immer lockerer, und heute brüten wohl die meisten schlesischen Ziemer in einzelnen Paaren, wenngleich ihre Drut- bezirkc nicht sehr groß und auch nicht so scharf abgegrenzt zu sein brauchen, wie bei anderen Dogclarten." Allerdings trifft diese letzte, für Schlesien als Tatsache feststehende Angabe Floe- liefe», wonach die Krammetsdrosfel dort bereits zum Risten in einzelnen Paaren übergegangen sei, für unsere Verhältnisse noch nicht zu, denn die Wacholderdrossel ist erst in den allerletzten Jahrzehnten bei uns heimisch geworden, wie die älteste oberhessische Angabe von W. Müller beweist, und hat infolgedessen bei uns noch keine eigenen Lebensgewohnheiten herausbilden können. Jedenfalls hat Müller zum ersten Male von ihrem Vorkommen im „hohen" Vogelsberg berichtet und zugleich betont, daß sie „höher als die anderen Drosfelarten" niste. Zu Mayhoffs Zett, also zu Beginn dieses Jahrhunderts, ging sie schon wesentlich tiefer herab, und zwar konnte er 1913 die Beobachtung einer Brutkolonie von etwa 20 Paaren bei Tlllrichstein melden. Diese beiden Angaben sind ein Beweis für die Richtigkeit meiner, im Widerspruch mit dem Erklärungsversuch Schuster von Forstners stehenden Mei» nung. daß die Wacholderdrossel erst ganz spat im Vogelsberg ansässig geworden ist, daß sie wohl aber, wenn wirklich noch ältere Angaben als die genannten über ihr Auftreten vorhanden sein sollten, wie Schuster ohne jede Quellenangabe vorgibt, schon vordem als der übliche Durchzügler und Wintergast vorgekommen sein mag. Denn wenn sie schon länger im Vogelsberg gebrütet hätte, wie Schuster das annimmt, — ich gehe auf seine Ansicht noch näher ein —,bann, müßte auch W. Müller, der 1387 eine „Dogcl- fauna des Großherzvgturns Hessen" im Journal für Ornithologie erscheinen ließ, und die Ver
hältnisse genau kannte, auch in den unteren Lagen des Gebirges Drutvorkommen gefunden haben wie kürzlich Mavhoff und dürfte erst recht nicht zu der klipp und klar bezeichnenden Anmerkung gekommen sein, sie brüte bei uns höher als die andern Drosseln. Daraus geht nämlich ohne weiteres hervor, daß die Wacholderdrossel, die als Eiszeit- reliktundseitherigerBewohnerdes kalten Rvrdens sich zuerst bei Ausbreitungsbestrebungen in den Gebieten ansiedelt, die ihrer nordisch- heimatlichen Raturbeschaffenheit am nächsten kommen, und das sind die höheren Lagen der Gebirge. Unö wer aus eigener Erfahrung weiß, wie sehr die feinfühligen Vögel für unvorbereiteten Witterungsund Klimawechsel empsindlich sind, wird diese Ansicht verstehen. Ist bei einem Vorstoß des Vogels nach Süden erst einmal der Uebergang zu den neuen Verhältnissen gefunden, so kann auch das Vordringen nach niederen Gebirgslagen erfolgen, und das geschah, wie wir sahen, in jüngster Zeit.
Im Gegensatz zu meiner aus natürlicher Betrachtung der Vorgänge gewonnenen Anschauung steht der theoretisch erdachte Erklärungsversuch Schuster von Forstners, dessen neustes, d. h. 1923 erschienenes Werk über „Die Vögel Mitteleuropas" nach seiner Angabe besonders auf hessische Verhältnisse zugeschnitten ist. Um ein durch keinen Meinungsstreit getrübtes Bild zu erhalten, geben wir dem Verfasser selbst das Wort: „Man sagt, diese Drossel sei erst in den letzten 100 Jahren in Deutschland eingewandert, und zwar aus dem Rorden, wo ihr eigentliches Heimat- gebiet ist. Aber dies ist. wie ich nachgewiesen habe, gänzlich falsch. Sie war von jeher ein ureingeborener (man sagt: ein endemischer, autochthoner) Vogel in Deutschland gewesen seit der Eiszeit. Rur wohnt sie meist in einzelnen Päarchen oder kleinen Gesellschaften zerstreut, nicht in Scharen, wie im Rorden. -UnD was besonders in Betracht kommt, sie ist ein Zigeunervvgel. Sie brütet eine Reihe von Jahren tn einer
zeigen und behaupten können, daß die deutsche Leitung nunmdjr gerade so wie Cornelius Petersen nebst Anhängern den Kopf verloren hatte. Richts dieser Art ist geschehen! Die Zielsetzung ist genau die gleiche geblieben. Es wird un- verändert auf dem alten Boden weit er gekämpft: man verlangt eine neue Entscheidung und wünscht, daß das dem deutschen Volk zugesagte Selbstbestimmungsrecht auch an der Grenz scheide Dänemark und Deutschland rein unö ge- recht zur Durchführung gebracht wiro^ Das Programm erlemit nicht an. daß das bei der Festsetzung von Dänemarks neuer Südgrenze geschehen sei, und deswegen wird eben eine neue Entscheidung verlangt. Das Programm wird alle diejenigen sammeln, die Wert legen auf die alten Beziehungen zum übrigen Schleswig und die Sonderart des abgetretenen Landesteils. Der Wählerverein tritt ein für das Recht aller nationalen Minderheiten, in Kirche. Schule und allen politischen Angelegenheiten, sich selbst zu verwalten. Der Wählerverein tritt endlich ein für eine kräftige, gesunde Mittelstandspolitik imd eine gerechte, freiheitlich-soziale Gesetzgebung.
Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß die grundsätzliche Auseinandersetzung innerhalb des Wählervrrcins auch die wirtschaftlichen Dinge in 2dordschleswig berührt hat. Die Zukunft wird zeigen, ob ein wirtschaftliches Programm herausgebracht werden kann. Das sollte möglich sein. Denn das Deutschtum ist auf dem Wege, durch Selbsthilfe insbesondere der ungeheueren Kreditnot zu steuern. Es ist endlich wichtig, noch einmal festzustellen, daß die Deutschen in Rordschleswig in ihrer Gesamtheit mit der Selvstyrebewegung nichts zu tun haben, nicht haben können, solange falsche Me- thoden von unmöglichen Vertretern am Werke sind, mit dem Erfolge, Rordschleswig letzten Endes anstatt zu nützen, zu schädigen.
Was plant Pilsudski?
Von unserem ^-Korrespondenten.
Warschau, November 1926.
Platz sein.
Wenn man sich trotzdem ernsthaft mit der Bewegung, die durch das Auftreten dieses Man- neS entstanden ist. beschäftigen muß. so geschieht es, weil diese Bewegung niemals entftaaoen wäre wenn nicht durch eine nicht wegzulmig- nende Interesselosigkeit der Kopenhagener Zen- tralbehörde die Rot der Landwirtschaft in Rordschleswig solche Formen angenommen hatte Die in Der Tat zeitweilig katastrophalen Umfang anzunehmen drohte. Diese Rot hat an sich rußige nordschleswigsche Bauern nervös werden lassen. Wer aber Schlüsse ziehen will aus der Reugier, mit Der viele nordschleswigsche Dauern in die Versammlungen Cornelius Petersens und seiner Freunde getrieben wurden, daß diese Bewegung vornehmlich aus deutschen Bauern besteht, der ist nicht nur falsch unterrichtet fonbern der spricht nach, was schlaue dänische noto- fchleswigsche Politiker gerne wahr haben mo<y- ten. Die Wahrheit liegt auf einer anderen oeitc. Wahrheit ist, Daß nicht, wie von diesen schlauen Politikern und Zeitungsleuten gesagt wird, Die Deutschen zu den aktiven Anhängern der Selbstverwaltungsbewegung gehören, sondern daß
Oberheffen.
Ein neuer Kraftwagen -gweck- verband in Sicht.
& Ulfa, 4. Nov. Die Gemeinden Ulfa, jungen, Schotten, Nidda, Rodheim, Langd und Rabertshausen haben einen Zweckverband gebildet, der eine Pcrsonenkraftwagenver' b i n b u n g zwischen den genannten Gemeinden Herstellen will. Ueber die Satzung des Verbandes, den Fahrplan, die Aufbringung der Geldmittel sollen noch nähere Beratungen stattfinden. Auch soll der Betrieb in schon bestehenden Verbindungen (<9nu ningen—Gießen, Nieder-Florstadt—Friedberg usw.) zuvor eingesehen werden, um Unterlagen für den Zweckverband zu bekommen.
Landkreis Gietzen.
£ W ieseck, 5. Rov. Bei sehr starker Beteiligung nahm am Mittwochabend die Volkshochschule ihre diesjährige Wiitterarbctt auf. Der älmstand, daß sich am ersten Abend 75 Hörerin die Listen ein trugen, zeigt, daß der Gedanke der Volkshochschulbewegung in unserer Gemeinde sehr lebendig ist und daß der Drang nach Wissen wette Kreise unserer Bevölkerung beherrscht. Erfahrungsgemäß ist an den folgenden Abmiden noch mit einer Reihe Rachmeldungen zu rechnen, so daß die vorjährige Ziffer überschritten wer- den Dürfte. Der Letter der Volkshochschule, Rektor Dr. Rein, führte die Hörer in seinem ersten Vortrag in die Entstehungsgeschichte der Steinkohle. Der interellante Vortrag findet am nächsten Mittwoch seine Fortsetzung in der Darlegung der Gewinnung und Weiterverarbettung der schwarzen Diamanten. Eine große Reihe von Lichtbildern illustrieren den Doptrag. — Das in den letzten Tagen herrschende ungünstige Wetter stellte an den Autobetrieb zwischen Wieseck und Gießen ganz außerordentlich starke Anforderungen. In den Haupt'cerkehrs- zeiten zeigten die Wagen für gewöhnlich die möglichst stärkste Besetzung. Bei fortschreitender Jahreszeit wird die Inanspruchnahme der Wagen noch mehr zunehmen, so daß der Abschluß Der eingeleiteten Anschaffung eines dritten Wagens dringend erwartet wird. Sobald die Konzessionierung des gegründeten Zweckverbandes Wieseck— Alten-Buseck erfolgt ist. soll die Aufnahme des erweiterten Betriebs sich unmittelbar anschließen. Die Vorarbeiten nach dieser Richtung schreiten rüstig vorwärts. In Alten-Buseck wartet man sehnlichst auf die endlich geschallene direkte Verbindung mit der Kreis' stadt. ist doch damit einem langc_ gehegten Wunsche und einem dringenden Bedürfnis abgeholfen. ___________________
Das große politische Ereignis in Polen ist der Besuch Marschall Pilsudskis in Nieswiez, dem im Nordosten des Landes gelegenen Stammschloß der Fürsten von R a d z i w i l l, begleitet von seinen beiden monarchistischen Ministern Mejstowicz und Niezabitowski — die übrigens beide ebenso wie der Marschall selbst aus Polnisch-Litauen stammen — und von mehreren Adjutanten wurde Pilsudski in Nieswiez ein glanzender Empfang zuteil, wie sie ihn auch ein König nicht besser wünschen könnte. Nicht nur die ganze Familie Radziwill war zusammengekommen, auch die andern großen Adelssamilien des Landes, wobei allerdings der Adel Ostpolens besonders. zahlreich vertreten war, entsandten ihre glänzendsten Vertreter. Beim abendlichen Empfang, der dem Festessen folgte, sollen nicht weniger als vierhundert Personen zugegen gewesen sein.
Anlaß zu dieser Zusammenkunft bot das vom Marschall geäußerte Verlangen, das Grab seines im Feldzuge gefallenen Adjutanten, eines Fürsten Radziwill, der in der dortigen Familiengruft bestattet ist, mit der Militärdicnstmedaille aus- zuzeichnen. Daß diese fianblung Selbstzweck und nicht Anlaß gewesen wäre, hat in Polen mit Recht niemand angenommen, obgleich das radikale Blatt der unbedingten Pilsudskianhänger, der „Glos Prawdy", durch die Fahrt des Marschalls in Verlegenheit gesetzt, die Version des Selbstzweckes aufrecht zu halten versucht hat.
Die Fahrt felbft und die Zusammenkunft mit Monarchisten ganz Polens erregte jedenfalls die Phantasie mächtig und ließ eine ganze Reihe zum Teil höchst phantastischer Gerüchte anfflattern; das unwahrscheinlichste unter ihnen will wissen, daß der Marschall über Nieswiez bie Umwandlung bet polnischen Republik in einen monarchistischen Staat anstrebt, wobei er sich selbstverständlich die höchste Würde vorbehalt. Es ist richtig, daß die in Nieswiez gewechselten Reden wenigstens zum Teil diese kühne Hypothese zu bestätigen scheinen. So hielt der Präsident des Verbandes für konservative Arbeit in Polen, der frühere Außenminister, Fürst Eustachius S a - pieha, eine von Abscheu gegen das pseudo-demo- kratische Treiben des Sejms und der polnischen Parteien erfüllte Rede, die in einer begeisterten Huldigung für die allein aus dem Parteiwirrwarr hervorragende, Autorität einflößenbe Persönlichkeit | des Marschalls ausklang. Der von einem Teil der
Regierungspresse gemachte Versuch, solche Reben nicht politisch zu nennen, kann im besten Falle lächerlich anmuten, unfr es ist fein Wunder, wenn auch ernstere Kreise ber Auftastung Suncigcn baß Marschall Pilsudski nach siegreich burchgefuhrten Neuwahlen in Polen nach ungarischem Muster eine Monarchie ohne König mit einem Reiche Verweser an ber Spitze, ber natürlich Pilsudski heißen müßte, zu errichten bestrebt sein wird.
Doch selbst für den Fall, baß diese Kombination stimmen sollte — bie Realisierung müßte unbedingt längere Zeit in Anspruch nehmen. Unmittelbar gedacht, muß in die Nieswiezer Tagung vor allem ein wuchtiger Hieb gegen die Todfeinde Pilsudskis, die Nationaldcmokratcn, erblickt werden. Doch auch hier müßte zuerst der große und mittlere Grundbesitz in Polen, besten Vertreter bisher aus vier Parteien, bie Wilnaer Monarchisten, bie Krakauer Konservativen, die Christlich-Nationalen und die Nationaldcmokraten. verteilt waren, zu einer großen schlagkräftigen Partei zusammengefaßt werden, um dann nachher diese Gruppe zur Mitarbeit für den Wahlblock zu gewinnen, denn ber Marschall jebenfalls gegen bie Rechte zu schmieden wird versuchen müssen. Es wäre dies für die Rechtspartei, die ihre Wahlpropaganda fast ausschließlich mit Gel dern des Grundbesitzes bestreiten, ein außerordentlich empfindlicher Schlag. Schon die nächsten Wockfcn werden zeigen, ob sich diese Pläne verwirklicyen lassen. Eine zweite Frage, die gleichfalls der Be- antmortung harrt, ist die, ob es Pilsudski verstehen wird, seinem kleinbäuerlichen und radikalen Anhang diese neue Schwenkung verständlich zu machen und allfällige, dort auftauäjcnbc oppositionelle Gelüste zu überwinden.
zu 90 Prozent ursprünglich dänischgesinnte Rord- schleswiger, die innerlich völlig fertig sind, mit Dem dänischen Regiment und in nicht wiederzu- gebenden Ausdrücken über dieses Regiment schimpfen, die Säle füllen und stille passive oder gar aktive Anhänger sind. Cornelius Ptterleir möchte gern die Unterstützung der Deutschen haben, schon aus finanziellen Gründen!
Das, rvas dem wirren Kopf Cornelius Petersen vorschwebt, ist ein Gedankengang, der tn Europa in den letzten Jahren an anderen Steilen große Erfolge gehabt hat. Es ist der Kampf gegen die bürokratischeZen- tralgewalt in Kopenhagen und Der Kampf gegen den ParlamcntariS* muß, Richtig ist natürlich viel an der Kritik der dänischen Verwaltung Rordschleswig über, die in den Versammlungen der veiv- styrevewegung laut wird. Dazu braucht man aber nicht eine Sclbstverwaltungspartci zu gt?^" den und mtt großem Lärm nichts als Betei. zeit' entdeckt ‘hatte.' in "der ihm eigenen groben I Digungen gegen verantwortliche ^^E«r m die Qkt nach dein Richteintreten der großen Dani- Welt zu schicken, wenn man auch zugeben muß. scheu Wirtschastsvcrsprechungen Den Spieß um- Daß Ministerpräsident S t a u n i n g sich tn einer Drehte versuchte man in rechtsdänischen bäuer- varteipolttischen Rede in 2JorM<WeS»lfl ftu «in
li/ en Kreisen auch in Kol:enhag n ihn für rechts- Herausforderung der nordschleswigschen Dauer^ parteipolitische Kabinettstürmc.e.en einzusangen. hat hinreißen lassen. Es ist eine ^Tödlichkeit Er wurde sogar vom Konservativen Klub in und da beweist Cornelius Petersen tincto: eine
Kopenhagen eingeladen, um dort seine Selbst- psychologische älnfaßiglcit. sich in die damschm
verwattungsideen zu vertreten. Für uns Deutsche Zusammenhänge hineinzudeicken , den Tedan ist es immerhin ein besonderes Schausp < das sich [en der Selbstverwaltung der an sich J^aS
zeigt Daß ein Mann, Der früher nichts mit Den Cutcs, aber wirklich nichts ^ues ist. ledern
Dänen zu tun haben wollte, dann völlig um- Durchaus eine moderne Forderung volklichen Zu schwenkte und zu Den lautesten Rufern gegen sammenlebens, durchsetzen zu wollen mdern ma Schleswig-Holstein und Das Deutsche Voll gehörte, den Staat, in dem man lebt, zugrunde r ch
jetzt nachdem ihm wegen seiner unglaublichen und an feine Stelle nicht etwa ein klug durchs
Tonart gegen das sozialdemokratische Kabinett dachtes System der Seibstv^waltirng setz, - Stauning ein Prozeß gemacht worden ist, in Dem dem das Chaos. In ^chen Provinzen un er bekanntlich in erster Instanz zu drei Monaten Gebieten des Deutschen Rciaics hat man Dire
Gefängnis Arurteilt wurde, von Den dänischen Idee der SelbstverllEung (immer mner^tb
Freunden völlig im Stich gelassen wird. 3a, es des Staatsgefuges gedacht, 'n dein man leot)
gebt fogar so weit. Daß man. wenn nicht alles propagiert, um zu Fesun^ren ^haltntssm zu
räufdn mit Dem Plan umging, ihn wie einen kommen: auch m Schleswig-Holstein ist Dieser
Geisttskranken zu behandeln und dadurch un- Gedanke seit langem zu Hause. Antals ist
schädlich zu machen. Denn - und das ist das man aber in Schleswig-Holstein oder anders-
entscheidende — er ist den Dänischen Behörden, too auf Den absurden Gedanken verfallen, den
ftem dänischen Kabinett — jedem dänischen Staat zu verneinen und womöglich zu zerschla-
Kabin^t - unLqucm. Dom deutsehe.i Stand- gen. Die vielen vernünftigeri Gesichtspunkte die
punkt aus ist der Man n, obwohl seine Idee in der Gedankenwelt der Anhänger Cornelius
einen Kern Gutes in der Kritik in sich tragt, Petersens leben, werden ohne Erfolg ^^uften,
eine äln Möglichkeit: denn er ist kein Cha- weil sie einmal von einem Mann vertreten
raktcr in nationalpolitischer Beziehung, sondern werden, der nimnals Führer tem tanm und
ein Mann der sich von einem unbezähmbaren ferner, weil sie in abenteuerlicher Form und
Ehrgeiz letten läßt und um jeden Preis eine | nicht in gut durchdachtem System vorwärts gv
Aolle spielen will. Daß et kein Rordschlcswiger ist und infolgedessen nicht zum Sprachrohr des Deutschtums in Rordschlc sw i g werden kann, liegt auf Der HanD. Jetzt, nachdem er von dänischer Seite soweit fallen gelassen wird, Daß man sogar sein BilD aus der Galerie hervorragender Dänen in „F cnsborghus entfernt hat, sucht man ihn Dänischerseits möglichst und nach Kräften Den Deutschen anzu- hängen, indem man auf feine Herkunft hm- tocift und ihn auf diese Weise abseyutteln möchte. 3m Grenzgebiet, wo zwar nicht aufDring- lieb aber sehr fest im Innern Die nationalpoti- tische Gesinnung von ausschlaggebender Bedeutung ist, Darf in Den deutschen Reihen für einen Mann wie Cornelius Pcrtcrsen, Der sich nur von materiellen Interessen leiten laßt, kein


