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Kr. 154 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Montag, 5. Juli 1926

ersch eint täglich, außer Sonntags und Feiertag».

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wich. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wich. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Hans Iüstel, sämtlich in Gießen.

Reichstagsferien.

3n feiner kurzen Regierungserklärung hatte !>rr Reichskanzler mit den Worten geschlossen, t>ie Regierung werde die (Initiative, den Weg der Gesetzgebung in der Fürstenabfindungssrage nur bann wieder beschreiten, wenn die politische Lage die dafür erforderlichen Voraussetzungen geschaffen habe. Dieser Satz sollte sämtlichen Reichstagsabgeordneten die Veranlassung geben, sich in ihren viermonatigen Ferien sehr ein­gehend mit Der Frage zu beschäftigen, wie sich unsere politische Entwicklung nach dem Wieder­zusammentritt des Reichstages am 3. Rovember gestalten soll.

Heute ist sich alle Welt darüber einig, daß cs so, wie bisher, nicht weitergehen kann. Das Minderheitskabinett unter der Leitung des Herrn Mar? war ja von Anfang an nur als ein ilebergangskabinett gedacht. ^Ind das Schicksal der beiden wichtigsten Fragen, die in den letzten Monaten zur Entscheidung standen, die Fürstenabfindung und die land­wirtschaftlichen Zölle, sollte bestimmend sein für die Umgestaltung und Erweiterung der Regierungsgrundlage. Mit anderen Worten: je nach dem Verhalten derSozialdemokraten und der Deutschnationalen wäre entweder die große Koalition oder die Koalition gekommen, deren stärkste Partei die Deutschnationälen ge­bildet hätten. Die beiden großen Flügelparteien standen also jede für sich vor der großen Frage, ob sie es fertig bringen würden, sich über die bloße Parteitaktik hinaus zu erheben und wirk­lich positive Arbeit zum Wiederaufbau unseres Vaterlandes zu leisten. Leider haben in dieser Schicksalsstunde beide Parteien vollständig ver­sagt. Das Merkwürdige dabei ist, daß beide eifrig darum warben, und heute mehr denn je darum werben, von den Mittelparteien als Vundesgenossin ausgenominen zu werden. Aller­dings mit Mitteln, die man nicht gerade als sonderlich verführerisch bezeichnen könnte.

Es war fürwahr ein sonderbares Liebes- werben um die Gunst der Mittelparteien, das sich dem erstaunten Beobachter entrollte. Die Sozialdemokraten hatten die beste Ge­legenheit, den Beweis zu liefern, daß sie nun­mehr regierungsfähig und für die große Koa­lition reis seien. Die Verständigen unter ihnen haben das wohl erkannt und sind dafür einge­treten. Aber sie sind in der entscheidenden Frak- tionssihung mit 38:73 Stimmen in der Minder­heit geblieben, verfügten mithin nur ungefähr über ein Drittel der Gesamtstärke der Fraktion. Das bedeutet einen restlosen vollständigen Sieg desjenigen Teils der Sozialdemokraten, den man getrost als den der alten Unabhängigen ansehen tonn, wenn sich auch inzwischen einige, Verschiebungen ergeben haben; so hat sich z. B. der Abgeordnete Breitscheid langsam von den Unabhängigen zum rechten Flügel hinüber­gemausert. Für die Verhältnisse in der sozial­demokratischen Partei ist es auch sehr bezeich­nend, daß sich der eigentliche Führer, der Abgeordnete Hermann Müller, geweigert hat, bie Parteierklärung im Reichstag zu verlesen, und daß er diese Aufgabe dem Abgeordneter, Wels überlassen hat. Das Echo, daß das Ver­holten der Sozialdemokraten in der gesamten Presse der Mittelparteien gefunden hat, dürste si< jetzt wohl darüber belehren, daß man mit einer Politik, die sich nur auf parteipolitische Verhetzung gründet und von der Furcht vor den Kommunisten ausschließlich bestimmen läßt, keine guten politischen Geschäfte machen tonn.

Die Deutschnationalen sind eigent- lich in den letzten Vahren immer die Partei der r«rpahten Gelegenheiten gewesen. Die Erkenntnis dessen, was ihnen und dem deutschen Volke scornmt, kommt meist einen ober mehrere Post­tage zu spät. Wenn das, was Gras Westarp rein sachlich in seiner Rede am Freitag aus- gesührt hat, vor einigen Monaten gesagt wor­den wäre, und wenn die Deutschnationalen ihre Politik danach eingerichtet hätten, dann wäre die politische Lage heute eine ganz andere.

Hoffentlich kommen nun in der langen Ferienzeit beide Parteien zur Besinnung und hoffentlich gelangen in beiden Parteien bis zum Rovember diejenigen Elemente an die führende Stelle, die einer bestimmten klaren und zur ovsitiven Arbeit geeigneten Politik befähigt sind. Vielleicht wird in dieser Richtung mit bestimmend sein, welchen Ausgang der Kampf im Zen­trum um die Vorherrschaft zwischen dem Wirth scheu und dem S t e g e r w a l d schrn Flügel nimmt. Daß auch im Zentrum sehr starke Meinungsverschiedenheiten auf fast allen Ge­bieten vorhanden sind, weiß man. Ein Sieg Wirth's würde in der Richtung des Zusammen­gehens mit den Sozialdemokraten liegen, ein Sieg Stegerwald's in der Richtung des Zu­sammengehens mit den Deutschnationälen. Frei­lich wird man nach langjährigen Erfahrungen kaum aus den vollen Sieg der einen oder der anderen Richtung im Zentrum rechnen können, sondern eher auf ein Kompromiß. Immer­hin toirb auch ein solches einen gewissen Finger­zeig für die Zukunft geben.

Das Ientrumsprogramm.

Stegcrwald auf dem Reichspartei­ausschuß der Zcntrumspartei.

Berlin, 4. Juli. (WTB.) Jrn Festsaal des preußischen Landtages trat am Sonntag der Reichs- parteiausschuß der Deutschen Zentrumspartei unter Vorsitz des Parteivorsitzenden, Reichskanzler Dr. Narx, zusammen. Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden hielt Abg. Stegerwald ein fast

Schwere Unwetterschäden in Berlin und im Reich.

Das Unweiter in Groß- Berlin.

Berlin, 5. Juli. (Wolff.) Von einem furchtbaren Wolkenbruch, der gestern nachmittag zwei Stunden lang mit unverminderter Heftig­keit anhielt, ist das ganze Gebiet zwis chen Oberschüneweide und Erkner heim» gesucht worden. Die ungeheuren Wassermassen haben im Gebiet der Müggelgewässer gewaltige Ueberschwemmungen verursacht. Der Wasserspiegel des Müggelsees bei Rahnsdorf war am Abend um 20 Zentimeter gestiegen. 3nfolgd>effen trat der See über die Ufer und überschwemmte die Ortschaft weithin. Am schlimmsten heimgesucht wurde neben Wo lters- dvrf der Ort Kalkberge. Aus der Straße von Kalkberge nach Erkner entstand durch das Unwetter ein Erdrutsch, und es öffnete sich ein Abgrund von etwa 25 Meter Breite. An der gleichen Stelle brach ein Wasserrohr und auch Sie elektrische Leitung wurde zerstört, so daß die daran angeschlossenen Orte Kalkberge und Wollersdorf ohne Wasser und Strom waren. Die Straße mußte für den Verkehr ge­sperrt werden.

Schweres Linsturz- unglück bei Wollersdorf.

13 Tote uud 50 Verletzte.

In Wallersdorfer Schleuse, einem Ausflugsort bei Berlin, wurde heute nachmittag durch die infolge starken Regens Herniedersturzen­den Wassermassen das Mauerwerk der ü e - gelbahn des RestaurantsKranichsberg" unterspült. Das einftürzende Mauerwerk be­grub die vor dem Unwetter Schuh suchenden Aus­flügler. Bis gegen 9 Uhr abends wurden 13 Tote und ungefähr 50 Leicht- und Schwerverletzte ge­borgen.

Wolkenbruch im Riesengebirge. Zwei Menschen ertrunken. Häuser eingestürzt. Bahnen und Wege zer­stört. Schwere Ernteschäden.

Krummhübel, 5. Juli. (Wolff.) Frei­tag abend kurz nach 10 Tlhr wurden Krummhübel und Drückenberg, nachdem es schon vorher stun­denlang geregnet hatte, von einem W olken- bruch heimgesucht. In Ober-Krummhübel ist das Wasser in viele kleine Land- und Bauern­häuser eingedrungen, so daß Feuerwehr und Sanitätsmannschaften teilweise die Wege aus» hacken mußten, um die Wassermassen abzulenken. Die Wege sind an den Rändern teilweise in Manneshöhe tief aufgeriffen. Untoeit des Ge­meindeamtes beim Elektrizitätswerk wurde ein Teil der Hauptchaussee weggerissen unk; Licht- und Telegraphenmasten umgeknickt, wodurch der obere Teil von Krummhübel ohne Licht war. Die Talsperre von Lomnitz hat den ungeheuren Wassermassen standgehalten, jedoch ist unterhalb der Talsperre

der Druck der Wassermassen so stark gewesen, daß die Kaskaden fast restlos weggerissen und das Flußbett der Lomnitz 4 bis 6 Meter tief gerissen wurde. In Ouerfeiffen haben sich die Gebirgsbäche einen vollständig neuen Wasserlauf gesucht. Zwischen Sillerthal- Erdmannsdorf und Arnsdorf ist ein Eisen­bahnübergang weggerissen worden. In Drückenberg sind die Grenzgewässer heraus­getreten und haben sich vom alten Postamt bis zum Gemeindeamt Drückenberg ein neues breites Flußbett gebahnt.

In Hermsdorf sind zwei Drücken zerstört. Die elektrische Talbahn und die Krummhübeler Lokalbahn können nicht verkehren. Weite Strecken rechts und links von der Lomnitz gleichen einem Trümmerfeld. Der kleine Gebirgsbach stieg bin­nen drei Stunden von etwa 40 Zentimeter auf 4 Meter. An den nicht weggerissenen Drücken stauten sich Hblzstämme, Bäume und fortge­schwemmtes Hausgerät in solchen Massen, daß die Waffermengen sich neue Bahnen suchten und Straßen, Wege und Gärten zu reihenden Strö­men machten. Der Schaden ist unübersehbar. In den Meisten Lebensmittelgeschäften sind die Re­gale zusammengestürzt. Die Ware ist völlig verschlammt und versandet. Ein sehr hochge­legenes Haus stürzte durch Unterfpülung der Böschung zur Hälfte ein. Viel Kleinvieh ist er­trunken. Das Reichswehrregiment Hirsch­berg wurde zur Hilfeleistung jn das Uefcer- schwemmungsgebiet abkommandiert. Besonders die Gegenden der Schneekvppe, der Peters- baub<£ und der Schneegilde und die Ortschaften Krummhübel, Hermsdorf und Agnetendorf wur­den am schlimmsten betroffen. Hermsdorf und Agnetendorf geben ein grauenhaftes Bild der Verwüstung. Auch in Schreiber h au und Petersdorf wurde erheblicher Schaden angerichtet. Es steht nunmehr fest, daß die Katastrophe zwei Todesopfer gefordert hat und zwar die 40jährige Zeitungsfrau Linck aus Agnetendorf und die 35jährige Frau des Fichrwerksbesihers Diesner aus Hermsdorf, die in dem Augen­blick auf der Brücke beim Tieheschen Hotel stand, als die Drücke von der Flut hinweg- gerissen wurde.

Unwetterschäden in Sachsen und im Oberharz.

Berlin, 5. Juli. (Wolff.) Auch über Chemnitz und dessen Umgebung ging Sonn­tagnachmittag ein schweres Gewitter nieder, das großen Schaden anrichtete. Besonders scharf trat das Unwetter in der Gegend von Glauchau auf. Mehrere Wasserhosen richteten auf den Feldern große Verwüstungen an und ver­nichteten die ganze Ernte. Im Oberharz ha­ben die andauernden Riederschläge die Harz- bäche Radau, Ecker, Oker und Ilse in reihende Sturzbäche verwandelt. Die Häuser an den Ufern der Radau muhten geräumt werden. Die Gleisanlagen und die Drücken der Dahn Harz» burgDraunschweig sind südlich Vienenburg be­reits überflutet. Falls die Flut noch weiter steigt, muh der Zugverkehr eingestellt werden. Die Felder zu beiden Seiten der Radau und der Oker sind kilometerweit überflutet.

einstündiges Referat über die politischen Tages­fragen. Das Zentrum werde weiter dafür eintreten, daß die Ausei na Übersetzung mit den Fürstenhäusern auf reichsgesetzlichem Wege geregelt wird. Bei den Zöllen gelte es, einen ge­rechten Ausgleich zwischen den bisherigen niedrigen und den autonomen Sätzen zu finden. Die pro­duktive Erwerbslvsenfürsvrge müßte man mehr als bisher in den Vordergrund stellen. Hierfür kämen namentlich drei Gebiete in Betracht: Landwirtschaft, Eisenindustrie und Baugewerbe. Das Zentrum sei bereit, mit allen Parteien eine Politik zu treiben, die die Staatsnotwendigkeiten anerkennt, und in diesem Sinne zu handeln. Die Große Koalition sei zur Zeit wohl das Richtige. Die Haltung der Sozialdemokratie in der letzten Zeit sei aber nicht besonders verheißungsvoll. Es sei nicht zu leugnen, daß der Volksentscheid etwas Durchein­ander in die Partei gebracht habe. Man hätte nun die Aufgabe, wieder Ordnung zu schaffen. In der politischen Aussprache betonte u. a. Reichskanzler a. D. Wirth, daß zwischen der Fraktion und ihyi keine grundsätzlichen Differenzen beständen. Es sei bestimmt zu erwarten, daß in der nächsten Zeit einige jetzt noch offene Fragen geregelt würden. Dann sei seiner Rückkehr zur Fraktion nichts mehr im Wege. In innerpolitischer Beziehung sei eine Beseitigung der schematischen Listenwahl anzustre- ben, denn durch die Listenwahl kämen nur wenig führende Männer in die Parlamente.

Es wurde dann eine

Kundgebung

beschlossen, in der es u. a. heißt: Der Kampf um die Fürstenabfindung ist durch die Wirkung der Wirtschaftsnot außerordentlich ver­schärft worden. Die Zentrumsfraktion hat die radikalen Forderungen abgelehnt, aber alle Kräfte eingesetzt für eine gesetzgeberische Lösung, die vor dem gesunden Rechtsgefühl und dem ver­armten Volk verantwortet werden konnte. Ihre Bemühungen sind an der Verständnislosigkeit und politischen Verantwortungslosigkeit der Rech­ten und Linken gescheitert. Die Zentrumspartei ist nicht gewillt, diesen Zustand hinzunehmen. Trotz dn Mahnahmen zu ihrer Bekämpfung

dauert die Arbeitslosigkeit ungemindert fort. Rur in der Arbeitsbeschaffung kann das wirksamste Heilmittel liegen. Sie mit größeren Mitteln in neuen Formen und auf viel breiterer Grundlage durchzuführen ist die Zentrumspariei gewillt. Die Zentrumspartei hat unbeirrt der deutschen Außenpolitik die Wege gewiesen, die heute anerkannt sind. Diese Außenpolitik muß auch im Völkerbunde festgehalten werden, denn nur ihre Fortführung sichert die Befreiung dec besetzten Gebiete. Dies ist nur möglich, wenn die innerpolitische Atmosphäre gerei­nigt wird. Damit sind alle Bestrebungen unver­einbar, welche die verfassungsmäßige Grundlage und den republikanischen Charakter unseres Volkes antasten und gefährden.

Preußischer Landtag.

Berlin, 3. Juli. (WSR.) Der Preußische Landtag setzte am Samstag die dritte Beratung des Forstetats fort, wobei der Landwirt­schaftsminister das Bestreben der Forstverwal- tung betonte, das in den Forsten liegende staat­liche Vermögen zu erhallen. Den Hochwasser­geschädigten gegenüber übe die Forstverwaltung das größte Entgegenkommen aus. Rach Erledi­gung des Gestütetats folgt die Beratung des Landwirtschaftsetats, bei der sich eine längere Diskussion über die Kreditgewährung an die Landwirtschaft entspann. Der Landwirt­schaftsminister stellte in Aussicht, daß Rot - standskredite gegeben werden sollen, durch die die Landwirtschaft davon befreit sein soll, ihre Schulden jetzt zurückzuzahlen. Ohne Aus­sprache wurden die Etats der Lotterie- Verwaltung, der Seehandlung und der Münzverwaltung erledigt. Beim Etat der Bergverwaltung wurde von einigen Red­nern auf die ungünstige Auswirkung der staat­lichen Subvention auf dem Weltmarkt aufmerksam gemacht. Rachdem noch der Haushalt der Handels- und Gewerbeverwaltung sowie die Etats der Porzellan-Manu­faktur, des Landtags und des Staats- rats erledgit waren, vertagte sich daS Haus auf Montag.

Stresemann zur Lage.

Vertrauen zur Währung. Deutsch- lands internationale Stellung. Das Dawesabkommen.

Hannover, 4. Juli. (WB.) Bei einer Kund­gebung der Deutschen Volkspartei Hannover-Ost auf dem Dobrock sprach Reichsaußenminister Dr. Stresemann. Er legte seinen Ausführungen die Idee der Konsolidierung der deut­schen Verhältnisse seit dem Umsturz der Staatsform zugrunde und betonte mit großem Nachdruck die Notwendigkeit der Mitarbeit am heutigen Staate als Pflicht für alle und als Ausdruck wahrer nationaler Gesinnung. Sowohl außen- wie innerpolitisch hätten sich die Verhält­nis e in Deutschland seit den Tagen des November 19 8 grundlegend geändert und gebessert. Der ge- sunde Sinn des deutschen Volkes habe von der fast unbegrenzten Macht der Volksbeauftragten wieder zur verfassungsmäßigen Gestaltung der Dinge zu­rückgefunden.

Trotz mancher Rückschläge werde das Volk in der Ausübung seiner verfassungsmäßigen Rechte sich denjenigen Parteien zuwenden, die für eine Festigung des Staates eintreten. Wer die heu­tige Zeit mit dem Werden des neuen Staates im Jahre 1919 vergleicht, der könne die Stärke dieses Umschwunges nicht leugnen. Richts sei erfreulicher für die Beurteilung der Umwandlung der Dinge, als

das beginnende Steigen der Sparkasseneinlagen, das davon zeuge, daß das Volk mit Recht Ver­trauen z u der deutschen Währung habe und sich von jenem jedem Sparsinn ab­gewendeten Taumel entferne, der die bedauer­lichste Auswirkung der Inflationszeit gewesen sei.

Dieselbe Konsolidierung gehe auf' außen­politischem Gebiete vor sich. Früher habe man sich Deutschland gegenüber stets nur ultimativer Drohungen bedient. Seine Teilnahme an den internationalen Verhandlungen habe fast nie unter dem Charakter der Gleichberechtigung ge­standen. Heute fei diese Periode überwunden. Deutschlands gleichberechtigte M i t- toirfung an der Lösung der großen inter­nationalen Fragen werde als selbstverständlich angesehen, und derselbe Völkerbund, der im Jahre 1919 Deutschlands Eintritt abgelehnt habe, pqbe selbst gewisse Schwierigkeiten mit großen ihm angehörenden Rationen nicht gescheut, um sich die Mitarbeit Deutschlands zu sichern.

Der Außenminister nahm bann Veranlas­sung, sich gegen schiefe Auffassungen zu wenden, die über das Dawe sgutach ten bestünden, und betonte im Zusammenhang mit der For­derung nach

Revision der Dawesgulachlens.

daß ein Volk, das durch den verlorenen Krieg tatsächlich arm geworden sei, auch nicht einen falschen Eindruck erwecken dürfe, wie das heute durch jene Maßnahmen der Großstädte ge­schehe, die in bezug auf die Schaffung öffentlicher Einrichtungen sich keinerlei Beschränkungen auf­erlegten, obwohl unsere tatsächlichen Verhältnisse es erforderten und die steuerliche Be­lastung weit überschritten fei. In bezug auf die inner politischen Verhältnisse be­tonte Dr. Stresemann, daß die Deutsche Volks­partei ihren Charakter als nationale und liberale Partei niemals aufgeben würde. Sie sei ihrem ganzen Charakter nach zum Ausgleich der Gegen­sätze bestimmt und werde die in ihrem Programm aufgestellten Gedanken der Heberteinbung der Parteigegensätze und der Zusammen­fassung afler Kräfte trotz vieler Fehl­schläge grundsätzlich stets weiterhin vertreten. Der Wiederaufbau Deutschlands forme niemals das Werk einer einzelnen Partei sein, sondern werde sich nur aus der Zusammenfassung aller hierzu in Betracht kommenden Kräfte ergeben.

Ein Rattowitzer Tendenzprozeß.

Die polnische Hetze gegen den Deutschen Volksbund, die seit Wochen anhält und viel­fach zu schweren Ausschreitungen gegenüber der deutschen Bevölkerung führte, brachte seinerzeit den deutschen Schulrat a. D. Dudek ins Gefängnis, dem mit Hilfe einer gefälschten Photographie ein Spionageprozeß angehängt wurde. Das Urteil ist nunmehr gefällt worden: Es lautet auf 14 Jahre Gefängnis, obwohl der Staatsanwalt sechs Jahre Zuchthaus gefordert hatte. Das Gericht fühlte sich aber so unsicher, daß es vorzog, diesen Antrag nicht anzunehmen und im übrigen hinter ver- schlossenen Türen zu tagen, um die Tendenz dieses Prozesses durch die Vernehmung derHauptzeugep" nicht allzu deutlich in die Erscheinung treten zu lassen. Es stimmte sogar dem Antrag des Vertei- digers zu, den Angeklagten gegen eine Kaution auf freien Fuß zu setzen, womit also das ganze gegen den deutschen Schulrat errichtete Lü­gengebäude zusammengebrochen ist. Im­merhin zeigt dieser Fall wieder einmal, daß dia Deutschenhetze in Oberschlesien nach wie vor in vollster Blüte steht.

Die Deutschen im Tessin.

Rom, 3. Juli.Secolo" berichtet über das Ge­spräch eines Berner Korrespondenten mit einer schweizer politischen Persönlichkeit über die angeb- liche Verdeutschung Tessins, die diese Meldung für glatte Phantasie erklärt habe. Gewiß fei eine Zunahme z. B. von deutschen Schweizern im Hotelgewerbe zu bemerken, aber man müsse be­denken, daß in Tessin 80 Prozent der Reisenden Deutsche feien und es wäre eine Beleidigung für die italienischen Tessiner zu glauben, daß sie jich nicht 1 selbst gegen den Versuch einer AbsorbiUkng 514